Menschen, die vorüberschwimmen

Nein, mit ausgeflippten Delphinen oder einem Angriff von Meeresbewohnern auf die zerstörerische Menschheit hat der Debüt-Roman Böse Delphine von Julia Kohli nichts zu tun. Delphine kommen eigentlich nur in einem Traum der 27jährigen Halina vor, einer Geschichtsstudentin aus Zürich, die irgendwie durch ihren Alltag stolpert, mit nichts und keinem richtig zufrieden ist und überhaupt in ihrem Leben nicht zu Hause scheint.

Halina schreibt mit wenig Enthusiasmus an ihrer Diplomarbeit über einen russischen Prinzen. Nebenher steigt sie in die Niederungen gewöhnlicher Brotarbeit. Sie jobt an einem Flughafenkiosk. Hier trifft sie auf gewöhnliche Büezer. Diese und andere Menschen bestaunt sie, als wären es Fische im Aquarium. Abends sitzt Halina allein in ihrer Wohnung und denkt über ihr nicht stattfindendes Leben statt. Sarkastisch, weil „zynisch ist für Verlierer“. Die Männer, mit denen sich Halina verabredet, sind erst mal interessant, spätestens nach dem zweiten Date aber nur noch mühsam. Manchmal trifft sie sich mit Freunden und geht auf öde Parties oder an noch ödere Vernissagen. 

Ein Leben unter der Glocke. Nirgends taucht ein Hauch von Hoffnung auf, nirgends ist eine Wende in Sicht, die Heldin bleibt cool, aber von der ersten bis zur letzten Seite in ihrer Verlorenheit stecken.  „Alles franste aus.“ 

Wenn die Figur von Halina das Lebensgefühl und die Denkweise einer Generation darstellt, dann Gute Nacht. Möglich, dass unsere Gesellschaft so eine Kritik verdient. Möglich auch, dass eine ganze Generation so durch ihr junges Erwachsenenleben irrt. Eine Generation, der alle Türen offenstehen, die aber vor lauter Auswahl und Gutgehen keine Orientierung und keinen Halt findet.

Was mir in diesem Buch fehlt ist Mut zur Hoffnung. Ein Ansatz würde genügen. Eine Heldin, die etwas bewegen möchte, die vielleicht an ihrer Aufgabe scheitert, aber eine, die sich aufrappelt, aus Fehlern lernen will. Sarkasmus als Antwort auf den Widersinn des Lebens ist mir zu wenig. 

Titel: Böse Delphine,  Roman, 190 Seiten, gebunden

Autorin: Julia Kohli

Verlag: Lenos Verlag, Basel http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-85787-496-3, Fr. 27.50.-/Euro 22.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Die Geschichtsstudentin Halina lebt in Zürich und jobt im Flughafenkiosk. Sie analysiert, kritisiert; „angesagte“ Künstler, Vernissagen und Parties dienen der Ablenkung. Ihr eigenes Dasein entgeht Halinas ironisch-kritischem Blick nicht. Ein Zeitbild oder ein Zerrbild oder beides?

Für wen: Da ich kein Stadtmensch bin und dieses Was-soll-das-Ganze-Lebensgefühl nicht verstehe, gibt es diesmal keine Empfehlung. Ich wäre aber gespannt darauf, was andere Leser über diese Story zu sagen hätten.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

2 Gedanken zu „Menschen, die vorüberschwimmen“

  1. Gerade erlebe ich so viele angenehm politisch interessierte junge Leute, dass diese Geschichte mir wie eine verspätete erscheint. Vor sechs oder sieben Jahren, vor fridays for future, Hambacher Forst etc. war was dran. Individuell kann das ja auch immer sein. Aber Zeitgeist? Ich glaube nicht.

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