Velofahren ist nicht einfach; Velofahren ist nicht einfach nur Sport

Es muss einer schon wahre Leidenschaft für sein Hobby hegen, wenn er den Plan fasst, mit seinem Fahrrad rund um die Ostsee zu radeln. Sechzig Tage hat Dres Balmer für diesen Plan reserviert. Die 6282 Kilometer hat er tatsächlich in der ins Auge gefassten Zeit abgespult. Einen Grossteil der Strecke war er dabei allein unterwegs, im Gepäck das Zelt und allerlei Gedanken, unter den Rädern wechselnde Strassenbeläge. Die Reise führte durch neun Länder. Wie es Dres Balmer dabei ergangen ist, hat er in seinem Büchlein Reh am Rapsfeld tagebuchartig zusammengefasst.

Es sind die kleinen Dinge, die ein Radfahrerherz erfreuen. Ein nettes Restaurant am Weg, wenn der Hunger am grössten ist. Ein Gespräch mit einer Wildfremden, wenn man sich einsam fühlt. Ein Reh im Rapsfeld oder ein Schlafplatz auf einem Bootssteg, wenn einem romantisch zumute ist. 

Es sind aber auch die kleinen Dinge, die dem Radler zu schaffen machen können. Eine Umleitung, wenn das Etappenziel noch fern ist. Keine Antwort auf einen freundlichen Gruss. Eine saumässige Pizza. Regenwetter, gepaart mit schlechter Tagesmoral. Holperige Wege. 

Doch halt, bei den holperigen Wegen bin ich jetzt nicht bei Dres Balmer, sondern bei meinen Radler-Erfahrungen. Denn im Gegensatz zu Dres Balmer fahre ich am liebsten auf Fahrradwegen. Und die sind manchmal gespickt mit Schlaglöchern. Dennoch: Überlandstrassen mit Autofahrern und Lastwagen zu teilen, ist mir ein Gräuel. Nicht so Balmer. Der freut sich nachgerade, wenn er auf Strecken, die eigentlich für Radler verboten wären, flott vorankommt. Doch wundert er sich dann, wenn er bei seiner Ostseeumrundung das Wasser kaum je zu sehen bekommt. Ob er sich da zwecks schönerer Aussicht nicht besser für den einen oder anderen holperigen Radweg hätte entscheiden sollen? 

Klar, bei mehr als 6000 Kilometern durch unbekannte Gegenden mit geringer Veloflickerdichte ist die Schonung des Materials ein wichtiger Punkt. Und Aussicht scheint sowieso nicht Dres Balmers Hauptglück beim Radfahren zu sein. Es sind vielmehr die Dinge, die einem beim Abspulen der Kilometer so durch den Kopf spuken, denn gemäss Balmer ist Velofahren nicht nur Sport, sondern die Strampelei bringt auch die Gehirnwindungen in die Gänge. 

Titel: Reh am Rapsfeld oder eine Radreise rund um die Ostsee , 198 Seiten, gebunden, mit 50 Schwarz-Weiss-Fotos

Autor: Dres Balmer

Verlag: Rotpunktverlag

ISBN 978-3-85869-824-7, Fr. 26.-/Euro 22.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Lange Radfahrer-Tagesetappen in kurzen Sequenzen beschrieben. Es geht weniger um die abgefahreren Stecken, als darum, was einem als Radfahrer sonst noch bewegt. Dass auf 6000 Kilometern im Sattel auch einige Vorurteile hochkommen, der Schweizer Bünzli in einem geweckt  und der Blick auch mal kritisch wird, versteht sich von selbst und darf durchaus hinterfragt werden.

Für wen: Wer eine längere Radreise plant, alleine oder in Gesellschaft (es muss nicht um die Ostsee sein), erfährt einiges darüber, worauf er sich gefasst machen kann.  

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

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