Wo sind die Unschuldslämmer geblieben?

Kürzlich habe ich gelesen, es sei fürs eigene Glück von Vorteil, immer wenn sich bei einer Sache der innere Kritiker nörgelnd meldet, sich diese Frage zu stellen: Wenn mir diese Sache gefallen würde, was genau würde mir daran gefallen? 

Ich habe ein Buch vor mir liegen, das meinen inneren Kritiker zu Nörgel-Höchstleistungen herausgefordert hat. Grund also, obige Strategie zu Rate zu ziehen. Zu erwähnen wäre, dass der Titel den Schweizer Literaturpreis 2021 gewonnen hat, was meinen inneren Kritiker aber gleichgültig lässt.

Ich spreche von Benjamin von Wyls Hyäne, Eine Erlösungsfantasie

Die Geschichte spielt zur Hauptsache in einer Stadt: sagen wir mal, es könnte Zürich sein. Drei Menschen steuern hier herum: Ein Unternehmensberater, ständig auf Droge, der seine Energie daraus zieht, alles und jeden zu verachten und möglichst viel Schaden in den beratenen Unternehmen anzurichten. Eine junge Frau, die ihr Studium nicht abgeschlossen hat, sich mit Jobs über Wasser hält und sich mit einem schwierigen Bruder und juckender Haut herumplagt. Eine andere junge Frau im Protestmodus gegen die Konsumgesellschaft, die nachts die Lebensmittelabteilung von Kaufhäusern verwüstet. 

Gefallen an diesem Roman hat mir: 

Die Art und Weise wie hier Individuen unserer Gesellschaft geschildert werden: als würde der Mensch sich ständig durch eine Kamera selbst beobachten. Der heutige Mensch als Selbstoptimierer, dessen stärkster Kritiker er selber ist. 

Der Autor hüpft in seinem Roman von einer Person auf die nächste, was die Unstetigkeit und Unruhe unterstreicht, die ja wohl auch der heutigen Gesellschaft entspricht.

Der Text hat einen geradezu unheimlichen Drive. Das entspricht dem Gefühl, das einen an der Züricher Bahnhofstrasse überkommt: überrannt zu werden. Von denen, die ihr Leben im Griff haben, von der Technik, von den Anforderungen, die an jeder Ecke an einen gestellt werden, von der eigenen Unlust auf das alles

Wo ich meine liebe Mühe hatte:

Die drei Hauptfiguren erzählen stets in der Du-Form von sich und dies auch noch in einer Sprache, die es schwer macht, sie voneinander zu unterscheiden. Immerhin ist das Schriftbild bei jeder Figur anders, so dass man nach einer Weile den Dreh beim Lesen draushat. 

Als Du von sich selber zu sprechen, verstärkt den Eindruck der Selbst-Entfremdung. Doch zumindest für die Figur des narzisstischen Firmenberaters hätte ich eher ein grosses Ich erwartet. 

Viele Textstellen erschliessen sich mir einfach nicht. Sei es, weil mich die Phantasie des Autors entweder verwirrt oder nicht mitnimmt, sei es der vielen Brocken Englisch wegen oder einer Sprache, die wohl besonders „in“ klingen soll. Was zum Beispiel ist ein Slopestyle-Leben? Musste ich nachschauen: ein Leben auf der Überholspur. Und was muss man sich unter einer Sexuelle-Belästigung-Panda-Party vorstellen? 

Mein Fazit: Wohl kein Buch für mich.

Titel: Hyäne, eine Erlösungsfantasie, Roman, gebunden, 198 Seiten

Autor: Benjamin von Wyl 

Verlag: lector books, 2020

ISBN 978-3-906913-23-0, Fr. 26.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Eine etwas verwirrende Geschichte, die wohl in eine Zeit passt, in der alles ein bisschen „zunderobsi“ ist, hoffnungslos und feindlich. Drei Menschen schlagen sich durch den Städtedschungel auf der Suche nach Man-Weiss-nicht-was. Am Ende schlägt die Natur zu, was dann die versprochene Erlösung sein soll. Die hingegen ist so verwirrend wie der der Rest des Romans. 

Für wen: Hochrisiko-LeserInnen, Überlebenskünstler, Fantasie-Phantasten.

Wer macht den besten Gammelhai?

Ein humorvoller Blick auf das menschliche Zusammenleben an einem abgelegenen Ort, gepaart mit philosophischen Gedanken eines Protagonisten, der in seinem isländischen Dorf wegen seiner intellektuellen Schlichtheit und seines Gammelhais bekannt ist: Dies ist Kalmann, der bei Diogenes erschienene Roman von Joachim B. Schmidt.

Schmidt erzählt aus der Sicht von Kalmann Òdinsson. Kalmann lebt allein im Haus seines Grossvaters im Fischerdorf Raufarhöfn, das ganz im Norden Islands liegt. Der Ort hat schon bessere Zeiten gesehen. Wer kann, lebt lieber anderswo. Ausser Kalmann. Für ihn ist Raufarhöfn genau richtig: Hier spielt er Dorfsheriff, in der Umgebung geht er auf die Jagd, im Hafen liegt sein Boot, mit dem er hinausfährt, um Grönlandhai zu fangen. Hier steht auch die Bude, in welcher er den besten Gammelhai Islands fabriziert. Das einzige was Kalmann zu seinem Glück noch fehlt, ist eine Frau. Doch Frauen sind rar in Raufarhöfn. Immerhin hat Kalmann einen richtigen Freund. Der ist zwar ein Sonderling wie Kalmann selbst, kommt aber in Computerdingen draus wie kein anderer.

Doch dann passiert etwas: Kalmann ist auf der Fuchsjagd und findet eine grosse Blutlache im Schnee. Der Dorfkönig Robert McKenzie ist und bleibt verschwunden. Ist etwa ein Eisbär von Grönland nach Island geschwommen und hat Robert aufgefressen?

Der Autor spielt in Kalmann mit Krimielementen, die zwar die Handlung vorantreiben, aber ohne dieHauptrolle zu übernehmen. Die gehört auf jeden Fall der Figur Kalmann. Man ist sich bei ihm nie sicher, ist er so naiv wie er daherkommt, nämlich mit Sheriffstern und – ungeladenem – Revolver, oder doch schlauer, als es die Polizei erlaubt. Kalmanns schulische Leistungen mögen bescheiden gewesen sein, doch er hat seinem Grossvater gut zugehört und weiss deshalb, wie man durchs Leben kommt. Gut, das mit der Impulskontrolle funktioniert nicht immer, vor allem dann nicht, wenn man mit Kalmann zu laut spricht. Aber ansonsten hat Kalmann das Leben im Griff.

Wunderbar, welch herrlich normal-schräge Figuren Schmidt in seinem Roman auftauchen lässt: Da wäre zum Beispiel Bragi, der Dichter, der mehr zu wissen scheint über das Verschwinden von Robert McKenzie. Oder die Plaudertasche Magga, mit der eine Autofahrt nach Húsavík ganz schön anstrengend wird. Oder die Polizistin Brina, in deren Nähe es Kalmann nicht recht wohl ist, obwohl sie ihn fasziniert. Oder die Litauer, eine Gruppe von Gastarbeitern, bei denen sich jeder fragt, was genau sie in den isländischen Norden verschlagen hat. Beschrieben wird dieser Mikrokosmos in einer Sprache, die zur Gedankenwelt von Kalmann passt: Geradeheraus, schlicht, gewitzt.

Titel: Kalmann, gebunden, 350 Seiten

Autor: Joachim B. Schmidt 

Verlag: Diogenes, 2020

ISBN 978-3-257-07138-2, Fr. 32.00/Euro 22.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Raufarhöfn mag zwar weit weg von allem sein, aber es ist doch mitsamt seiner Einwohnerschaft ziemlich von dieser Welt. Dies die Kürzestfassung von Kalmann, einem humorvoll-abgründigen Roman, in dessen Mittelpunkt ein Grönlandhaifischer steht, der es vom Dorforiginal zum Fernsehstar und schliesslich zum Retter einer Staatsbeamtin bringt. 

Für wen: Dass man Gammelhai mag, ist keine Vorbedingung, diese Geschichte ein reines Vergnügen zu finden.

Fenstertest bestanden

Mein Brot back ich gerne selber. Die Vorstellung, dass in einem Brot noch andere „Zutaten“ sind als Mehl, Wasser, Hefe, Salz – Aromazutaten wie Oliven & Co. ausgenommen – ist mir ein Gräuel. Da halte ich es wie die Bayern mit ihrem Bierreinheitsgebot. Brot soll schmecken wie anno dazumal, als ich als Erstgix die Kellertreppe zu einer winzigen Bäckerei hinunterstieg, von wo ein himmlischer Geruch herkam und ein kleiner, alter Mann Wecken aus dem Ofen zog.

Ein Haushaltbackofen ist kein Profigerät. Deshalb ist das mit dem Zu-Hause-Brot-Selberbacken so eine Sache. Das Ergebnis ist oft nicht so chüschtig wie beabsichtigt und die Krume auch nicht ganz so locker, wie in der Vorstellung. Judith Erdin, die in ihrem Erstberuf Bäckerin gelernt hat, ist der Sache auf den Grund gegangen. Sie hat mit ihren Rezepten so lange getüftelt, bis das Ergebnis ihren Ansprüchen genügte. Mit ihren Rezepten lässt sie uns aber nicht allein. Mindestens so hilfreich sind ihre Tipps, worauf beim Kneten, Formen und der Teiggare zu achten ist. Bis anhin hatte ich noch nie vom Fenstertest gehört. Jetzt aber kommt mir kein Brotteig mehr zum Einsatz, der diesen nicht besteht (Roggen ausgenommen). 

Liebe Judith Erdin, ich bin heute Nachmittag in der Küche gestanden, habe mit klebrigen Fingern Wurzelbrotteig verarbeitet, habe fleissig den Fenstertest gemacht, habe Ruchbrot und Zopf aus dem Ofen gezaubert, die aussehen und duften, als hätte ein Profi auf seine Allerweltsfertigmischungen verzichtet und mal wieder richtig backen wollen. Aber da liegt mein Werk und ich schaue voller Stolz auf meine Auswahl an Backwaren.

 Auf meinem Einkaufszettel steht nun „Malzextrakt“  „Teighörnchen“, „Sprühflasche“ und „Brotbackstein“. Sie sehen, ich meine es ernst. Ob es sich dabei um lebensnotwendige Artikel handelt, weiss ich nicht. Notfalls muss ich die nächsten Corona-Wochen noch ohne diese Sachen auskommen. Die ersten Erfolge, die ich auch ohne diese Hilfsmittel verzeichnen konnte, sind jedenfalls vielversprechend. 

Dies ist mein Brief, den ich der Autorin des Buches schreiben würde, würde ich ihre Adresse kennen. 

Zum Aufbau des Buches:

Erdin arbeitet mit 14 Grundrezepten, aus denen sie jeweils drei Abwandlungen zaubert. So werden aus dem Huusbrot-Grundteig beispielsweise ein Vollkornkranz oder Safranbrötchen, aus dem Kreuzbrotteig kann man ebensogut ein Oliven-Wurzelbrot  oder Sandwichbrötchen backen. Der vordere Teil des Buches ist der Backtheorie gewidmet. Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen zu lesen und zu verinnerlichen. Das bisschen Bäckerlatein macht Spass und wird in den Backergebnissen zeigen.

Übriges ist Judith Erdin auch Bloggerin: http://www.streusel.ch

Titel: Dein bestes Brot, Backen wie ein Profi, 190 Seiten

Autorin: Judith Erdin 

Verlag:  AT Verlag, www.at-verlag.ch, Aarau 2021

ISBN 978-3-03902-104-8, Fr. 36.90/ Euro 29.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Knusprige Kruste, luftige Krume. So wollten Sie immer schon Brot backen. Tipps aus der Profibackstube und Rezepte, die auch im Haushaltbackofen gelingen. 

Für wen: Für alle Knet-Schwestern und Teiglinge, Knuspermäuse sowie Stück-/ Stockgarer.

Lieber ein Pferd als einen Mann

Mein Lesejahr habe ich mit einfacher Kost beginnen wollen. Das ist, zumindest was das Lesen als solches anbelangt, gelungen. Bei der Stoffauswahl hätte man durchaus Leichteres gefunden. Die Liebe im Ernstfall von Daniela Krien ist was der Titel verspricht: eine ernste Sache. Im Mittelpunkt eine Handvoll Frauen und ihre Wechselfälle in Sex und Liebe. 

Paula hat ein Kind verloren und die Ehe mit Ludger geht in die Brüche. Das liegt nicht nur am gemeinsamen Verlust. 

Die Ärztin Judith sucht sich ihre männlichen Kontakte im Internet nach Matching-Points aus. Freundschaften mit Männern dauern bei ihr nie lange. Da ist ihre Beziehung zu Pferden langlebiger. 

Ihre Freundin Brida hat das grosse Liebesglück gefunden. Sie hat zwei Kinder und einen Mann, der sie innig liebt. Alles in Butter? Denkste. Als moderne Frau hat sie andere Vorstellungen von sich. 

Malika und Jorinde sind ungleiche Schwestern. Erstere ist Schauspielerin auf dem Weg zum beruflichen Erfolg, letztere schlägt sich als Geigenlehrerin durch. Malikas einzige Beziehung zu einem Mann endete in einem Nervenzusammenbruch. Jorinde hat sich einen Narzissten erster Güte geangelt. 

Fünf Frauen mittleren Alters im Spannungsfeld von Bedürfnissen, Erwartungen, gesellschaftlichen Normen, beruflichen Herausforderungen, sexuellen Begierden und – als wäre das nicht schon genug – Partnerschaften, die „nicht bringen“, was sie versprachen. Daniela Krien verbindet die fünf Frauenschicksale mit einem lockeren, aber etwas gekünstelt wirkenden Band: Man kennt sich, zur Not auch über fünf Ecken. 

Seltsamerweise beschäftigt mich von den fünf Frauen Judith am stärksten. Daniela Krien schuf mit ihr eine unterkühlte Figur, die sich die professionelle Nüchternheit, mit der sie ihren Beruf als Ärztin angeht, auch in ihrem Privatleben zu eigen gemacht hat. Leidenschaft lebt sie auf dem Pferdehof aus. Männer wählt sie nach Kriterien aus, die sie auch bei der Wahl eines Pferdes hernehmen würde. In Beziehungen zu Männern bringt sie sich gerade so weit ein, dass der jeweilige Auserkorene nicht in den ersten fünf Minuten davonrennt. Wer ihren analytischen Verstand nicht aushält, erntet beissenden Spott. Für Judith ist das Internet der Raum, wo sie sich nach Männern umschaut:

„Sie macht sich einen Salat, dann loggt sie sich ein und schaut nach den neuesten Partnervorschlägen. Ihren nächsten Geburtstag möchte sie nicht allein verbringen.“

Doch selbst Judith, die nichts und niemanden an sich heranlässt, nicht einmal das Kind, das in ihr zu wachsen beginnt, sieht sich angesichts eines offensichtlich glücklichen Paares mit Neidgefühlen konfrontiert. Dagegen scheint selbst ein analytischer Verstand nicht gefeit zu sein. Immerhin scheint mir Judith der ehrlichste Charakter unter den fünf zu sein. Und sie hat Witz.

Sollen diese Frauen das Abbild einer modernen, städtischen Gesellschaft sein? Zerrissen zwischen eigenen und fremden Ansprüchen. Frauen, die alles wollen: einfach zu handhabende Kinder, einen Mann, der sie auf Händen trägt, einen erfüllenden Beruf, Anerkennung, Wahnsinnssex und – unbedingt – Glück. Wo zum Teufel, frage ich mich, kommt eine solche Anspruchshaltung her? 

Dass Glück von innen und nicht von aussen kommt, beweisen am Ende die beiden Schwestern Malika und Jorinde, womit dieses Buch immerhin mit einem Hoffnungsschimmer endet. 

Für den Jahresanfang dürfte dies Erkenntnis genug sein.

Titel: Die Liebe im Ernstfall, Roman, 286 Seiten, Paperback

Autorin: Daniela Krien

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-24547-9, Fr. 30.–/Euro 22.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Aufstehen, Krönchen zurechtrücken, ist das Motto von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie verlangen viel vom Leben, und dieses verlangt viel von ihnen. Die Sorgen und Nöte von Frauen in unserer modernen Gesellschaft. Manchmal wünschte ich mir mehr Lockerheit und Humor in diesem Roman, denn damit lässt sich der Ernstfall am ehesten aushalten.

Für wen: Für alle, die sich fragen, wo und wann wir die Freude am schlichten Sein verloren haben.

Lest ihr noch oder kollert ihr schon?

Auf meinen Aufruf hin, mir doch bitte Vorschläge mit Büchern zu liefern, hat sich der Posteingang nicht gerade überschlagen. Es geht euch doch hoffentlich nicht wie mir? Ihr lest doch noch, oder habt ihr auch den Corona-Koller? Es wird doch noch wirklich gute, nachhallende Bücher geben?

Letztere Frage stelle ich mir hin und wieder.

Immerhin ein paar Vorschläge sind eingetroffen. Ich möchte es nicht unterlassen, sie euch vorzulegen.

Hier die Liste:

Drachensaat, Jan Weiler

Aufzeichnungen eines Serienmörders, Young-Ha Kim

Homeland Elegie, Ayad Akthar

Streulicht, Deniz Ohde

Der Bandoneonspieler, Vincenzo Todisco

Und von mir kommt auch noch ein Vorschlag.

Die Geschichte der Belagerung von Lissabon, José Saramago.

Das Buch ist zwar nicht neu, aber reinstes sprachliches Vergnügen, für alle, die es ausschweifend, abschweifend und überhaupt schweifend mögen. Wenn ihr jetzt an den Morgenstern denkt, liegt das aber nicht am Buch, sondern an der Jahreszeit.

Habt ihr noch weitere Ideen? Dann her damit. daswortzumbuch@gmx.ch oder die Kommentarspalte auf der Blogseite sind offen und vermögen einiges zu fassen.

Ich grüsse alle da draussen. Tragt euch und anderen Sorge und bleibt gesund und lesefreudig.

Poesie-Agenda wartet auf Dich

Sicher habt ihr es schon festgestellt: Ich mache gerade sowas wie eine Pause vom Lesen. Zum einen liegt es an den Büchern, die vor mir liegen und so gar keinen Spass machen wollen, zum anderen bin ich in einem geistigen Lockdown, den ich mit Weihnachtsguetzlibacken, Netflixen und Stricken zu überbrücken versuche. Ob das was wird?

Für euch habe ich aber dennoch etwas. Ich verschenke fünf kultige orte Poesie-Agenden für das kommende Jahr. Was ihr dafür tun müsst:

Schickt mir einen Buchtipp. Gesucht ist er Titel von Büchern, die ich unbedingt lesen sollte. Auf dass mein geistiger Lockdown bald ein Ende hat …

Eure Mail geht an folgende Adresse: daswortzumbuch@gmx.ch.

Die ersten fünf Einsender/Einsenderinnen werden bald eine Poesie-Agenda 2021 in den Händen halten. Vergesst eure Anschrift nicht. Achtung, fertig, los….

Zwei junge Iren im Irrgarten der Gefühle

Erwachsenwerden und zu sich selber und zueinander Finden ist auch im 21. Jahrhundert schwierig. Davon erzählt Sally Rooney in Normale Menschen.

Marianne liebt Connell so sehr, dass sie schlichtweg alles für ihn tun würde. Connell ist es aber wichtiger, bei seinen Schulkollegen gut dazustehen. Doch obwohl Marianne als sonderlich gilt, kann Connell nicht von ihr lassen. Mit niemandem sonst versteht er sich so gut wie mit ihr. Und der Sex mit Marianne ist auch nicht schlecht. 

Am College in Dublin ist plötzlich Connell der Aussenseiter, während Marianne offensichtlich beliebt ist. Beide versuchen es mit Liebschaften. Doch auch jetzt noch können die beiden weder mit- noch ohne einander. Auf ihre intensiven Zusammenkünfte folgt auf den Fuss Ernüchterung.

In diesem Roman ist Magie: Erzählmagie, Erste-Liebe-Magie und die Magie einer tiefen Verbundenheit. In diesem Roman ist aber ebensoviel Trauer: die Trauer derjenigen, die letztlich immer allein stehen; derjenigen, die unverstanden und beiseite geschoben werden; jene des Nicht-Genügens und des ewigen Missverstanden-Werdens. Sally Rooney packt all diese Dinge subtil zwischen ihre beinahe sachlichen Zeilen. Beispielsweise in Dialogen, in denen mehr ungesagt als ausgesprochen wird. 

Das klingt dann so:

Liebst du ihn?, fragt Connell.

Ihre Hand verharrt auf der Kühlschranktür.

Das passt so gar nicht zu dir, dich für meine Gefühle zu interessieren, Connell, sagt sie. Ich dachte irgendwie, diese Sachen wären zwischen uns tabu, muss ich sagen.

In Ordnung. Okay.

Er reibt sich wieder den Mund, wirkt jetzt unaufmerksam. Dann senkt er die Hand und sieht aus dem Küchenfenster.

Sally Rooney erzählt uns das Schweigen. Genau dies scheint mir ihre Stärke zu sein und gibt ihrem Roman Wucht und Ausdruckskraft.

Titel: Normale Menschen, Roman,  317 Seiten, gebunden

Autorin: Sally Rooney, aus dem Englischen von Zoë Beck

Verlag: Luchterhand, 2020, 

ISBN 978-3-630-87542-2, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Irische Romeo und Julia 2011-2014. Zwei die sich magnetisch anziehen und wieder abstossen. Der Roman brilliert durch seine nüchterne Sprache, mit Zwischentönen, welche die Verzweiflung der Protagonisten fühlbar machen.

Für wen: Alle, die schon mal unglücklich verliebt waren.

Asmas kulinarische Umarmungen

Meine Schwiegermutter hat ihren Grosskindern ein Kochbuch mit ihren besten Rezepten geschenkt. Wie ich sehe, kochen diese auch gerne danach. Mein Sohn meint, von mir könne es nie ein solches Kochbuch geben, weil ich gar keine Lieblingsrezepte habe, sondern ständig Neues ausprobiere. 

Das stimmt. Ich bin einfach zu neugierig, als dass ich mich mit Knöpfli, Rösti und Co. zufriedengäbe. Aber ein paar Lieblingsrezepte habe ich schon, sie fallen mir nur sehr selten ein. Seit ich über Kochbücher schreibe, ist es mit meinem Lieblingsrezept-Gedächtnis nicht besser geworden. Ich habe aber ein paar Lieblingsküchen. Eine davon ist die indische, und damit wäre ich endlich beim Thema dieses Blogbeitrags: Asma’s indische Küche.

Asma Khan betreibt in London am Covent Garden den Darjeeling Express. Ihre Kochkunst soll – so steht es auf der Buchrückseite – „die Gäste kulinarisch umarmen und ihre Seele zum Strahlen bringen“. Das ist natürlich etwas dick aufgetragen, aber schwurbelige Buchrückseitentexte halten mich nicht vom Experimentieren in der Küche ab. Deshalb also habe ich Asma Khans Rezeptsammlung (voller Titel: Asma’s indische Küche, meine Familienrezepte aus dem Darjeeling Express) mit dem herrlichen Retro-Cover aufgeschlagen, meine Gewürzsammlung hervorgeholt und einige Runden lang gemörsert, angebraten, geköchelt und gebacken, dass man es bestimmt in der ganzen Umgebung erschnuppern konnte. Ergebnis: yamyam, mampf, mmh.

Ja, es geht auch etwas genauer. Asmas Rezepte stammen aus ganz Indien und decken dessen ganze Vielfalt ab. Sie sind gut beschrieben und mühelos nachzukochen. Hält man sich daran, ist das Ergebnis erfreulich und im Nu weggeputzt. Die Zutatenlisten sind auf den europäischen Haushalt zugeschnitten. Die Kapiteleinteilung ist nicht, wie man es vielleicht gewohnt ist, nach Speisekategorien (Fleisch, Gemüse, Brot etc.) sortiert. Für Menschen wie mich, die ein passendes Rezept für die Zutaten in ihrem Kühlschrank suchen, ist die Rezeptsuche dadurch etwas aufwendiger. Khan zieht es vor, ihr Buch in die Kapitel Für zwei, Für die Familie, Mit Freunden sowie Festliche Mahlzeiten einzuteilen und bietet auch gleich entsprechende Menüvorschläge. Es lohnt sich in jedem Fall, das Werk von vorne bis hinten durchzusehen, sich zu merken, was man kochen möchte, den Einkaufszettel danach zu verfassen und erst dann loszulegen. Es kann aber auch sein, dass man sich komplett im Text verliert, denn Asma Khan versorgt uns nicht nur mit kulinarischen Umarmungen, sondern hat auch noch zu jedem Rezept eine informative Ergänzung über den Ursprung, die Unterschiede zwischen England und Indien, lokale oder eigene Variationen verfasst. Und was mir besonders sympathisch ist: Sie hat nichts gegen Experimentierfreudigkeit und Freihandinspirationen, gibt Tipps für schnelle Küche und lässt auch dem Humor seinen Platz. So soll ihr Sohn einmal gesagt haben: „Meine Mama kocht ganz eklig.“ Und damit wäre ich wieder bei meinem Sohn, der Kreuzkümmel ganz ganz eklig findet. Unverständlich, oder?

Titel: Asma’s Indische Küche, meine Familienrezepte aus dem Darjeeling Express, 184 Seiten, gebunden

Autorin: Asma Khan

Verlag: at Verlag, 2020

ISBN 978-3-03902-087-4, Fr. 29.90/Euro 24.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Herrlich duftende und schmeckende Rezepte aus Indien, von einfach bis etwas aufwendiger, aber immer gut erklärt und deshalb ohne Probleme nachzukochen. Man braucht dazu auch keinen Tandoori. Ergänzt wird der sympathische Band mit Bildern, Fotografien aus Indien und Einblicken in das Leben dort.

Für wen: Für alle, bei denen es im Schrank immer Kreuzkümmel, Kurkuma, Ingwer, Chili und Bockshornklee hat.

Vielleicht die sinnlichsten Seiten der islamischen Welt

Der Aarauer at-Verlag überrascht mich immer wieder mit besonders schönen, prächtig durchgestalteten, durchdachten Kochbüchern. Heute liegen zwei Kilo gebundenes Papier in einem blau-golden-türkis gemusterten Einband vor mir. Der Titel des Werks: Das Leben ein Fest.

Dieses Kochbuch ist ein veritables Schwergewicht – und wenn ihr euch durch die über 500 Seiten und mehr als 300 Rezepte durchgekocht habt, garantiere ich, was euer Gewicht anbelangt, für nichts. Ich selber bin bereits im ersten Kapitel begeistert hängengeblieben, denn dort geht es um nicht weniger als um Aysch, das Leben. Aysch, so erfahre ich im Begleittext, heisst das ägyptische Pitabrot. Brot als Leben, Brot als Fest: Davon bietet mir dieses Buch zahlreiche Varianten. Ich habe köstliche Fladenbrote gebacken, mich an Schichtbroten und Naan versucht und gestaunt, was mit ein paar wenigen Grundzutaten und einigen Variablen in den Backstuben von Afrika bis China so alles angestellt wird. Manches davon, wie das gemusterte usbekische Fladenbrot, scheint fast zu schade um aufgegessen zu werden.

Das Leben ein Fest scheint mir der passende Titel für dieses Wunderwerk mit dem Untertitel Das Kochbuch der islamischen Welt. Unterteilt ist es in sieben Küchenthemen: Brot, Tier, Getreide und Hülsenfrüchte, Meer, Gewürze, Gemüse und süsse Leckereien, zu denen sich auch noch Getränke gesellen. So ganz nebenbei erfährt man einiges darüber, zu welchen Anlässen die entsprechenden Gerichte vorzugsweise serviert werden.

Die Verfasserin des Werks ist Anissa Helou. Sie lebt in London, hat aber libanesische und syrische Wurzeln. Für mich gehört die libanesische Küche zu den besten der Welt. Doch gute Rezepte sind an vielen Orten zu finden. Deshalb schaut sich Anissa Helou in allen islamischen Ländern und deren Küchen um. Die kulinarische Reise geht von Afrika über die Türkei und seine Nachbarländer bis nach Indien und Asien. 

Ergänzt wird die umfassende Rezeptesammlung mit Texten zu den unterschiedlichen Verfahrensweisen und Namen der Gerichte, ebenso wie mit Informationen zu Festen oder lokalen Eigenheiten. Selbst eine Landkarte ist zu finden. Die Herstellung der Köstlichkeiten ist minutiös angegeben. Es kann also nichts schiefgehen.

Titel: Das Leben ein Fest, Das Kochbuch der islamischen Welt,  543 Seiten, gebunden

Autorin: Anissa Helou

Verlag: at Verlag, 2020

ISBN 978-3-03902-064-5, Fr. 58.–/Euro 48.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Tausend und eine Nacht  in der Küche mit Rezepten, die auf jeden Fall gelingen. Eine köstliche Weltreise von Afrika über den Orient bis ins tiefste Asien.

Für wen: Für alle, die gerade eine Reise nicht antreten können, sich aber den Duft der weiten Welt ins Haus holen wollen. Oder ein Weihnachtsgeschenk für Menschen, die noch alle Sinne beieinander haben.

Minirock und Studium ausgetauscht gegen Kopftuch und Koran

In den Achtziger-Jahren ist Nadschwa fast schon erwachsen. Sie lebt mit ihrer Familie in Karthum, führt ein privilegiertes Leben, studiert ein bisschen und ist sonst nur an ihren Vergnügungen interessiert. Es gibt einen Umsturz und Nadschwa verliert nach und nach alles: Vater, Mutter, Bruder, Freunde, Heimat, sozialen Status, Studium. Schliesslich arbeitet sie in London als Dienstmädchen. Dort lernt sie den wesentlich jüngeren Tâmer kennen, der es sich in den Kopf setzt, sie heiraten zu wollen. Nadschwa ist versucht ihm nachzugeben.

Soweit die Geschichte „Minarett“  von Leila Aboulela in Kürzestform. Diese Zusammenfassung lässt aber alles aus, was sich hinter der Story verbirgt und zu heissen Diskussionen führen dürfte. Denn die Autorin führt ihre Hauptfigur hin zu einem religiösen Erwachen. Religion, insbesondere der Islam, ist eines der grössten Reizthemen überhaupt. Die Protagonistin Nadschwa ist zwar prowestlich und kaum religiös aufgewachsen, fühlt sich aber in London mehr als verloren. Vom Charakter her möchte ich sie als eher naiv, ehrgeizlos und mässig intelligent, wenn auch liebenswert und menschlich beschreiben. Halt findet sie schliesslich in der Gemeinschaft ihrer Moschee und im Glauben. Hier lernt sie, worauf es ankommt: Menschen, die einander zugetan sind und sich helfen; Regeln, die Leitplanken setzen.

Wer bei diesem provokanten Setting einen roten Kopf bekommt, sollte sich die Frage stellen: Wohin hätte sich Nadschwa wenden sollen, wenn nicht in die Geborgenheit einer ihr vertrauten Welt? Welche Angebote ihrer neuen Heimat wären ihr sonst offen gewesen? Ein Bridgeclub, ein Gym, Pferderennen, Museumsbesuche? Gewiss, alles im Bereich des Möglichen, aber für eine junge, orientierungslose, sozial abgestiegene Migrantin kaum eine Alternative. Nadschwa jedenfalls empfindet ihren neuen Glauben als Befreiung und Hort der Sicherheit.

Ob aber die Hinwendung zur Religion (und hier meine ich zu Religion jedweder Art) wirklich frei macht, diese Frage sollte man sich trotzdem stellen. Tatsache ist, dass wo ein Leben aus den Fugen gerät, der Mensch empfänglich ist für Glaubensdinge und Einflussnahme von aussen. 

Leila Aboulela erzählt die Story aus der Sicht von Nadschwa. Zu Beginn ihrer Geschichte (Khartum, 1984/85) finden wir ein unbekümmertes, schäkerndes Mädchen im Minirock voller Hoffnungen auf ein erfülltes Familienleben – am Ende (London, 2004) eine verschleierte, alleinstehende Frau, die sich auf den Haddsch vorbereitet, auf den sie sich bald begeben wird. Das Geld dafür hat sie sich mit einem gebrochenen Herzen „verdient“. 

Titel: Minarett, Roman,  340 Seiten, gebunden

Autor: Leila Aboulela, aus dem Englischen von Irma Wehrli

Verlag: Lenos, Basel, 2020, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-005-9, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Migration und sozialer Abstieg bewegen eine junge Frau aus dem Sudan, sich dem Islam zuzuwenden. Sie findet darin Heimat. Gewagtes Thema, unverbogen, mehrschichtig.

Für wen: Migration und deren Auswirkungen auf den Einzelnen geht wohl alle etwas an.