„Die Insel der Träume hat Sie längst in ihr Herz geschlossen“

Ein Inselarchipel im indischen Ozean, Strand namens Nomad Island, Kokospalmen, schöne Menschen und das Versprechen von paradiesischem Glück. Was braucht es mehr? 

Der Westschweizer Autor Joseph Incardona ist der Verfasser von One-Way-Ticket ins Paradies. Der Autor beobachtet gerne die menschlichen Schwächen. Beispielsweise unser Anspruch auf Glück, der sogar in den Grundrechten verankert ist. Was natürlich noch lange nicht klärt, was damit gemeint ist: Besitz, Liebe, Akzeptanz, Vergnügen, Zufriedenheit, eine sinnstiftende Aufgabe oder ganz etwas anderes?

Die Story: Paul und seine Familie fliegen für eine Woche nach Nomad Island, wo all ihre Wünsche in Erfüllung gehen sollen. Paul möchte endlich wieder Sex mit seiner Frau. Iris wiederum will aus ihren Gedanken tilgen, was sie so unendlich traurig macht. Tochter Lou möchte endlich ihre Jungfräulichkeit verlieren. Und der neunjährige Stan wünscht sich einfach eine entspannte Zeit mit seiner Familie. 

Incardona nimmt für seinen Roman das vollblumige Glücks-Versprechen von Reiseveranstalten unter die Lupe. Dieses wird jeweils spätestens dann als reine Werbung entlarvt, wenn wir mit anderen Paradiessuchenden in einer Flugzeugreihe einklemmt sind, in einer Warteschlange vor dem Kofferband stehen oder in einem klapprigen Kleinbus von jemandem, mit dem wir nicht kommunizieren können, durch eine beängstigende Wildnis oder – noch schlimmer – zu einem Touristen-Hotspot chauffiert werden. Ja, wider besseres Wissen fallen wir gerne auf Reise-Glücksverheissungen rein. Und eine Insel der Träume, wo einem versprochen wird, „alles zu vergessen, was man über Ferien zu wissen meinte“, klingt verlockend. Vor allem, wenn das alltägliche Glück sich von einem verabschiedet hat und man nicht einmal weiss, wann, weshalb und wohin. Oder war es vielleicht gar nie da?

Paul, Iris, Lou und Stan jedenfalls gelangen auf ihrer gebuchten Glückssuche an einen Ort, der sie voll und ganz in sich aufzusaugt. Spektakuläre Sonnenuntergänge, Massagen, Fitnessprogramme, Drinks a gogo in einem nach Gewürzen und Frangipani duftenden Garten bilden das Rundum-Sorglos-Paket. Gut, der Empfang war jetzt nicht das, was man von einem Klasse-Hotel erwarten durfte, aber die anderen Gäste sind überaus freundlich. Allerdings, finden zumindest Paul und Stan, gibt es auch höchst seltsame Sachen in diesem Resort. Beispielsweise Drohnen, welche die Gäste gerne ins Kameraauge fassen. Das Kinder-Programm wird von einer bösartigen Aufseherin überwacht, und nachts, wenn die Rasen-Bewässerungsanlage ausgeschaltet wird, tauchen seltsame Gestalten vor dem Bungalow auf. Alles keinen Gedanken wert, finden Iris und Lou. Doch das mit dem gemeinsamen Familienglück will sich nicht einstellen.

In diesem Paradies im indischen Ozean geht nichts so richtig auf. Warnzeichen blenden auf, geraten wieder in den Hintergrund. Wer glücklich aussieht, ist vielleicht nur angesäuselt oder böse. Oder abgestumpft. Und bald einmal wird dem Leser klar: Einer kann sich zwar fürs eigene Glücklichsein entscheiden, doch er muss damit rechnen, dass das Gegenüber etwas ganz anderes darunter versteht. 

Ein Inselarchipel im indischen Ozean namens Nomad Island, Strand, Palmen, schöne Menschen und das Versprechen von paradiesischem Glück. Seien Sie froh und dankbar, dass Sie nicht dahinreisen müssen! Und wenn, dann nur  vom Sofa aus mit diesem Buch in der Hand und in der Phantasie.

(Wobei ich jetzt faustdick lüge: Auch ich war schon mal ferienhalber an einem paradiesischen Ort, von dem ich nie, nie wieder weg wollte. Und ich habe den Verdacht, auch Joseph Incardona habe ähnliches erlebt.)

Titel: One-Way-ticket ins Paradies, Roman, 309 Seiten, gebunden

Autor: Joseph Incardona, aus dem Französischen von Lydia Dimitrow

Verlag: Lenos, 20120, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-002-8, Fr. 28.–/Euro 22.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Packend erzählte Geschichte einer Familie aus der Westschweiz, die auf ihrer Ferienreise allerhand erlebt: Paradiesisches, Urtümliches, Gefährliches, Lustvolles, Nervenzerreissendes. Die Insel, auf der sie landen, scheint ein Eigenleben zu führen.

Für wen: Fernwehgeplagte, die manchmal das Gefühl haben, auf dem heimischen Sofa würden sie von der einen oder anderen Sprungfeder gequält.

Wer macht am Ende das Licht aus?

Der deutsche Weltraumfahrer Frank Brandt und seine drei amerikanischen Kollegen Green, Miller und Cocksfield sind mit erschütternden Erkenntnissen von einer Mars-Expedition zurückgekehrt. Doch statt einem Empfang mit Pauken und Trompeten erwartet sie die totale Isolierung. Nichts, was sie auf dem Mars gefunden haben, darf an die Öffentlichkeit. Die internationale Sicherheit sei in Gefahr, sagen die, die das Sagen haben.

Die Ausgangslage, die Jürgen Lodemann in seinem Roman Mars an Erde zeichnet, mag eine fiktionale sein. Doch sitzen wir nicht gerade heute in unseren Wohnungen, isoliert, angewiesen auf die Nachrichten. Nachrichten, die uns verwirren, hinter denen wir Ungesagtes vermuten. Nachrichten, die uns täglich mit neuen Massnahmen konfrontieren, als wäre es nötig, uns die „Wahrheit“ in homöopathischen Dosen zu verabreichen. Und nicht nur das: Wir leben auf einem Erdball, mit dem es bachab geht, und zwar auf mehreren Ebenen. Einer Welt, in welcher die Gretas dieser Erde, die uns aufrütteln wollen, verunglimpft und kleingeredet werden. Eine Welt, in der viel geschwafelt wird, Kommunikation kaum mehr als ein Wort ist.

Und in diese surreale Realität oder reale Phantasie, wie es Jürgen Lodemann wohl nennen würde, platzt nun sein Roman mit dem Titel Mars an Erde. Aufgebaut ist die Story um Frank Brandt, dem die Flucht aus der amerikanischen Verwahrung gelungen ist und der nun einem Journalisten in Form eines Interviews erzählt, was ihm widerfahren ist.

Es sind wahre Abgründe, die sich den vier Astronauten auftun. Sie wurden auf der Erde auf vieles hin trainiert, doch was ihnen der Kriegsplanet über seine Vergangenheit verrät, ist kaum fass- und noch weniger ertragbar. Da ist die absolute Stille des roten Planeten und das unheimliche Auftauchen und Verschwinden der beiden Marsmonde Phobos und Deimos. Da sind die sich in die Höhe schraubenden rötlichen Staubschwaden, die lebensfeindliche Atmosphäre. Oder die verstörenden Vergleiche mit dem Schwarzwald, die Brandt beim Betrachten der schrundigen Marsoberfläche zieht. Aber wirklich unheimlich ist das, was die Astronauten in Inneren des Planeten finden, dessen „Rot nichts von Liebe weiss, aber alles vom Krieg“.

Noch selten habe ich einen eindringlicheren, beklemmenderen Roman gelesen. Seltsamerweise hatte ich kaum je den Eindruck, es mit Science Fiction zu tun zu haben, vielmehr schafft es der Autor, drängende Wirklichkeit zu vermitteln. Das mag daran liegen, dass die Story in der Jetzt-Zeit spielt: mit einem zu allem fähigen Egozentriker an der Spitze einer Weltmacht, allgegenwärtigem Nationalismus, widerwärtiger Geldgier und Machthunger, einer vermüllten Umwelt und keinem Plan B. 

Zitat Brandt: „Weltweit fehlt uns ein Wir. Die Gewissheit vom gemeinsamen Boot.“

Jürgen Lodemanns Roman ist ein mahnendes Werk, ein Wurf, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt: klug, kritisch, spannend, poetisch, bereichert mit weitsichtigen Zitaten. Eine Warnung, die sich jeder zu Herzen nehmen sollte. Denn nach Überwindung der viralen Katastrophe drängt ein blauer Planet darauf, von uns gerettet zu werden.

Titel: Mars an Erde, Roman, 258 Seiten, gebunden

Autor: Jürgen Lodemann

Verlag: Klöpfer, Narr, 2020, http://www.kloepfer-narr.de/mars-an-erde/

ISBN 978-3-7496-1022-8 

Fr. 36.90/Euro 25.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Science fiction, die so real daherkommt, dass es einen schüttelt. Science fiction, die von der Zukunft des blauen Planeten spricht und dem jetzigen Zustand der ach so intelligenten Menschheit. Literatur die einschlägt. Rechnen Sie mit einem tiefen Lesekrater.

Für wen: Das geht jetzt einfach alle an.

Einmal starke Schultern, s’il vous plait

Zwar ist gerade Zuhausebleiben angesagt, aber reisen kann ich ja trotzdem. Diesmal nach Paris und zwar mit Serge Joncour. Sein Roman, erschienen bei Secession, trägt den Titel Lehn dich an mich; und ja, es ist eine Liebesgeschichte, eine Amour fou. Eine, von der man bis zum Schluss nicht weiss, ob sich die beiden nun kriegen oder nicht. 

Stellt Euch ein Pariser Wohnhaus vor. Im vorderen Flügel, wunderbar hergerichtet, wohnen elegante, vermögende Leute. Ein paar dieser Wohnungen stehen oft leer, weil sie entweder als Vermögensanlage dienen oder wochenweise an Paris-Reisende vermietet werden. Im anderen, schäbigen Hausteil hausen jene, die ihr Leben bescheidener fristen müssen: Alte, Angestellte. Unter ihnen der Schuldeneintreiber Ludovic. Ihn hat es von der tiefsten Provinz in die Hauptstadt verschlagen. Ludovic ist gross, kräftig gebaut, beeindruckend. Meist ist er ein sanftmütiger, besonnener Riese. Dieser Koloss von Mensch trifft nun auf Aurore, die Modedesignerin. Sie dürfen raten. Richtig! Aurore ist das, was wir uns unter einer typischen Pariserin vorstellen: zart, elegant, ein wenig herablassend und erfolgreich im Beruf, daneben Mutter, Gattin eines noch erfolgreicheren Anwalts.  Doch auch hier trügt der Schein. Aurores wohlgestaltete Welt bekommt gerade ziemliche Sprünge.

Gut gibt es in Paris, sobald man die Eingangstüre der Wohnhäuser dank eines Zugangscodes überwunden hat, die Briefkastenräume, sonst würden nämlich Ludovic und Aurore nie aufeinandertreffen. Es braucht aber auch noch zwei Raben, die sich im Baum des Innenhofs eingenistet haben, damit die beiden ungleichen Menschen überhaupt miteinander ins Gespräch kommen. Gottlob weiss Ludovic, wie aus zwei Raben zwei Tauben werden. 

Die Anziehungskraft zwischen Ludovic und Aurore ist stark. Das liegt an ihrer beidseitigen Einsamkeit. Ludovic hat in Paris nur seine ungeliebte Arbeit und abends das Fernsehprogramm. Aurore wiederum droht ihr Geschäft zu entgleiten. Sind Aurore und Ludovic beisammen, stärken sie sich gegenseitig – sobald sie auseinander sind, kommen Zweifel auf und alles scheint auseinanderzudriften.

Serge Joncour führt uns Leser in ständigem Wechsel in die Gedankenwelten und in den Alltag von Aurore und Ludovic. Beide auf der Suche nach Rettung: andere, sich selbst, die Firma, die Selbstachtung. Ein ständiger, spannender Kampf, den uns Joncour da beschreibt. Gleichzeitig bewegen wir uns mit Aurore und Ludovic durch Paris: Hier die Geschäftswelt, kalkuliert, kühl durchgestylt, die eleganten Boulevards, den Bois de Boulogne, Kaffeehäuser. Dort das Paris der kleinen Leute, ihre Sorgen, die Hochhaussiedlungen an den Rändern der Stadt, die Verkehrsstaus, die Hektik. Und wir besuchen mit Ludovic auf der Suche nach einer neuen Hose einen Monoprix. 

„Es war nicht zum Aushalten, zumal er in diesem Augenblick merkte, dass selbst seine Unterhose nicht passte, viel zu altmodisch war, im Regal gegenüber gab es allerlei figurbetonte Boxershorts verschiedenster Marken, aber nur Boxershorts, als verstünde es sich von selbst, dass jeder männliche Städter seinen kleinen Alltagskampf austragen müsse. Eine der Verkäuferinnen kam mit einer Baumwolljogginghose zurück …“

Wer bei solch einer Szene nicht schmunzeln muss, sollte wirklich ganz und gar zu Hause bleiben und sich die Croissants liefern lassen.

Titel: Lehn dich an mich, Roman, 366 Seiten, gebunden

Originaltitel: Repose-toi sur moi, 2016

Autor: Serge Joncour, Übersetzung aus dem Französischen von Paul Sourzac

Verlag: Secession Zürich, 2019, http://www.secession-verlag.com

ISBN 978-3-906910-64-2, Fr. 32.- / Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zwei Menschen, denen es den Teppich unter den Füssen wegzieht, Liebe über Gesellschaftsgrenzen hinweg, Intrigen, etwas Sex und etwas Gewalt, Paris – und das alles in einem Buch. So spannend und fliessend erzählt, dass man dabeibleiben möchte, bis zum vielleicht bitteren Ende.

Für wen: Für alle, die sich nicht von Frankreich und der grand amour fernhalten lassen.

„Deutsch besprenkelt mit der Muttersprache“

Herkunft ist Zufall. Dies schreibt in seinem Buch Herkunft Sasa Stanisic, der auf seinem Namen Häkchen trägt, die ich einfach nicht auf meiner deutschen Tastatur finden konnte. Wikipedia und der Kopierfunktion sei Dank – hier also der Name korrekt mit all seinem Schmuck: Saša Stanišić. Geboren 1978 Visegrad in Ex-Jugoslawin, mit seiner Mutter geflohen nach Heidelberg und dort im Emmertsgrund erwachsen geworden. Stadtteil für Geflüchtete, Immigranten, Andersartige. Menschen, die sich erst einmal die Sprache aneignen müssen, bevor sie überhaupt verstehen, was und wie ihnen geschieht. Und wo eine ARAL-Tankstelle zum Fixpunkt einer Jugend wird, in der jeder sich seine eigene Legende erschafft. 

Das mit der Integration und der Akzeptanz in der ARAL-Gemeinschaft ist nicht einfach, wenn man aus einer Gegend kommt, wo der Heilige Georg einen Drachen bekämpft oder der Drache den Heiligen Georg. So genau weiss man das nicht. Und mit den Grossmüttern ist auch nichts klar: Die eine ist möglicherweise Patin der Mafia, die andere liest das Schicksal aus Bohnen. Tito spukt auch noch im Kopf und eine Fussballmannschaft, auf die jeder stolz war, ganz egal zu welcher Volksgruppe er gehörte. Doch nach Tito sagten die Nationalisten, worauf man stolz sein sollte. Ihnen hat es Saša Stanišić am Ende zu verdanken, dass er mit seiner Mutter nach Deutschland fliehen musste. 

Nach dem Krieg sind die Städte und Dörfer nicht mehr, was sie einst waren, erst recht nicht die Menschen. Heimkommen ist nicht mehr Heim kommen. Saša Stanišićs Grossmutter wird dement. Ihr kommt die Zeit durcheinander, manche Erinnerungen verschwinden, ihr Kopf schafft sich eine eigene Ordnung. Und ihr Enkel Saša überbrückt die Lücken mit Geschichten, denn das ist es, was ihm Herkunft und Lebensweg als Wegzehrung mitgegeben haben: das kunstvolle Flechten von Wörtern zu Geschichten. Stanišićs Deutsch wirkt stellenweise von der Ursprungssprache geprägt, das macht seine Literatur anders, frisch, reich – manche Wendungen kommen so ungewohnt neu und poetisch daher, dass jeder Satz eine Freude zu lesen ist.

Herkunft ist nicht nur ein Buch über das Schicksal oder darüber, wie wir mit dem umgehen, was das Leben für uns bereithält. Es ist gleichfalls ein fliessendes Abschiednehmen von Kristina, der Grossmutter von Saša Stanišić aus Bosnien und Herzegowina. Und ein Abschied von einem Stück Erde, das, so wie es war, nie wieder sein wird.

Eine gute Geschichte“, sagt sie (die Grossmutter), „ist wie früher unsere Drina war: nie stilles Rinnsal, sondern ungestüm und breit. Zuflüsse reichern sie an, sie brodelt und braust, tritt über die Ufer. Eines können weder die Drina noch die Geschichten: Für beide gibt es kein Zurück.“ Grossmutter sieht dich an. „Ich wünsche mir, dass wir endlich ankommen.“

Titel: Herkunft, 360 Seiten, gebunden

Autor: Saša Stanišić

Verlag: Luchterhand, 2019

ISBN 978-3-630-87473-9

Kurzbeschrieb/-bewertung: Menschen, die vor dem Nationalismus fliehen und sich in einem Land zurechtfinden müssen, das nicht auf sie gewartet hat; später gelegentliches Zurückreisen in die Heimat der sich selbst überlassenen Häuser und Friedhöfe und zu einer Grossmutter, der die Zeit abhanden kommt. Mit einem formal spannenden Schluss, der sich in mehrere Möglichkeiten aufspaltet. Sehr lesenswert.

Für wen: Wer wieder einmal dankbar sein möchte dafür, dass er dort leben darf, wo er herkommt. Oder: Wer Nachhilfe im Mitfühlen braucht, wenn er Bilder von Grenzzäunen und Flüchtlingen sieht. Mir würden noch ein paar andere Lesegruppen einfallen, also fühlt euch ruhig angesprochen.

Wo die Liebe durch Ohren und Nase geht

Häuser und ihre Bewohner sind immer wieder anregende Schauplätze für Autorinnen und Autoren. Was sich an Geschichten, Gewohn- und Verschrobenheiten, Liebe oder Abscheu unter einem Dach versammelt, ist wunderbares Material für kleine und grosse Literatur. 

Meine Tage mit Fabienne von Hubertus Meyer-Burckhardt hat so ein Haus mit Mietwohnungen als Ort der Handlung gewählt. Der Ich-Erzähler Kannstatt wohnt dort direkt über einem leerstehenden Geschäftslokal. Kannstatt lebt zurückgezogen, seine Kontakte zur Aussenwelt bestehen zum Grossteil aus dem Einordnen von Geräuschen, die aus dem Treppenhaus und von der Strasse zu ihm dringen. Er kennt seine Nachbarn aufgrund ihrer Schritte im Treppenhaus und dem wenigen, was er von ihrem Leben mitbekommt. „Geräusche geben meinem Leben einen Rahmen“, sagt Kannstatt. Geräusche sind ihm Musik. Und von Musik versteht er etwas, auch wenn er statt Musiker Immobilienmakler geworden ist. Seine Wohnung ist Kannstatts Burg, hier fühlt er sich sicher: inmitten seiner Platten- und Steinsammlung und den Parfumflakons im Kühlschrank.

Doch dann, eines samstags, ändert sich etwas. Eine junge Hutmacherin namens Fabienne bezieht das Geschäftslokal im Grundgeschoss. Und der Dachstock soll in eine Wohnung ausgebaut werden. Plötzlich ist die Geräuschkulisse eine andere und die Hausgemeinschaft trifft sich vor Fabiennes Hutgeschäft. Auch Kannstatt kann sich der Faszination, die von Fabienne ausgeht, nicht entziehen. Dies, obwohl er sich Menschen, insbesondere Frauen grundsätzlich auf Distanz hält. Nur ein paar Monate später, ist Fabienne auch schon wieder weg. Und mit ihr die Energie, die das Haus einen Sommer lang geprägt hat. 

Die Nachbarschaft, die Meyer-Burckhardt in diesem Roman entworfen hat, ist so, wie wir es aus Nachbarschaften in Wohnhäusern kennen. Eigentlich geht jeder seine eigenen Wege. Wo sich diese kreuzen, fallen ein paar Worte, unsichtbare Schubladen werden geöffnet, Urteile gefällt. Meyer-Burckhardts Hauptfigur Kannstatt ist da keine Ausnahme.

Doch Fabiennes Einfluss geht Kannstatt zu weit:

„Es ist, als ob unten ein zweifellos sehr gutes Restaurant eingezogen wäre. Auch das beste Restaurant hat eine Abluft, und der Geruch von unten (…) korrumpiert meine Geschmacksnerven, meinen Geruchssinn.“

Ich begleitete mit Vergnügen den Sonderling Kannstatt bei seinen Gedanken über dieses und jenes, diese und jene. Sympathisch wirkte er erstmals aber nicht auf mich. Obwohl ich seine Lasst-mich-bloss-in-Ruhe-Brüskheit gut nachvollziehen konnte. Aber was weder Kannstatt noch ich kann: So ganz ohne die anderen geht das Leben halt doch nicht. Und manche Menschen riechen einfach verteufelt gut. So wie Fabienne.

Titel: Meine Tage mit Fabienne, Roman, 219 Seiten, Taschenbuch

Autor: Hubertus Meyer-Burckhardt

Verlag: Bastei Lübbe 2019, www,luebbe.de

ISBN 978-3-404-17712-7

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ein Mietshaus, seine Bewohner und ihre Eigenheiten, die kennt man sie besser, gar nicht mehr so seltsam sind, wie es auf den ersten Blick erscheint. Und ändert sich erst mal das Bild, so ändert sich alles. Erzählt aus der Sicht eines nachdenklichen Eigenbrötlers, der sich wider Erwarten verliebt. Leicht melancholische Grundstimmung, jedoch aufgehoben durch Humor und leichtfüssiges Erzählen.

Für wen: Liebesgeschichte mit Beinahe-Happy-End für alle, die sowas verkraften.

Hier wird nicht gerechtfertigt, räsoniert, gefühlsgeduselt

„Vielleicht hast du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld“, sagte er, „aber es gibt eine Strafe.“ Dieses Zitat aus der letzten Geschichte in Ferdinand von Schirachs Buch Strafe hängt still über allen Geschichten aus dem Buch Strafe. Doch wo und wann die Strafe beginnt, ist schwierig herauszufinden. Die einen bekommen ihr richterlich angeordnetes Strafmass, die anderen kommen davon. Doch seinen inneren Schrecknissen entflieht keiner.

Beispielsweise die Juristin Seyma, die sich an ihrer neuen Arbeitsstelle zum ersten Mal frei fühlt. Doch dann übernimmt sie die Strafverteidigung eines üblen Zeitgenossen. Plötzlich ist das mit der Freiheit so eine Sache. 

Oder Meyerbeck, dessen neue Gefährtin eine Puppe namens Lydia ist. Als ein Nachbar Lydia schändet, dreht Meyerbeck durch. 

Oder der einsame, zurückgezogen lebende Felix, der mit Veränderungen nicht umgehen kann und der sich eines Tages mit einer Flasche Gin auf seine Gartenbank setzt. Neben sich ein Gewehr aus dem 2. Weltkrieg.

Oder Katharina, die als Schöffin aufgeboten ist. Als sie die Geschichte einer Zeugin hört, beginnt sie im Gerichtssaal zu weinen. 

Meyerbeck und alle anderen in diesem Buch, sie tragen ganz unterschiedliche Schicksale. Die eine lehnt sich gegen die Vorgaben ihre Familie auf, den anderen brennen seine Feuermale, den nächsten verlässt seine Frau. Nichts, womit man nicht umgehen könnte, möchte man meinen. Doch da sind auch Einsamkeit, Verwirrung und die dem Menschen innewohnenden Gegensätze, die aus jeder der Geschichten sprechen.

Zurück zur Figur Katharina: 

„Sie weinte, weil die Geschichte der Frau ihre Geschichte war und weil sie das Leben der Frau verstand und weil Einsamkeit in allen Dingen war. Niemand sprach mit ihr.“

Ist es nicht wunderbar, mit wie wenigen Worten der Autor hier so viel sagen kann. Als würde man eine leichte Bleistiftskizze vor sich haben. Manches ist nur angedeutet, vieles in knapper, nüchterner Art dargestellt. Eins führt zum anderen. Unausweichlich. Hier wird nicht gerechtfertigt, räsoniert, gefühlsgeduselt. Wunderbar!

Titel: Strafe, Taschenbuch, 189 Seiten

Autor: Ferdinand von Schirach 

Verlag: btb, 2019, http://www.btb-verlag.de

ISBN 978-3-442-71893-1, Fr. 14.30/Euro 11.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kurzgeschichten von Schuld und Sühne, mit leichtem Strich gezeichnete Schicksale aus der Welt der Gerichte. Wer Ferdinand von Schirachs Protagonisten auf der Strasse begegnen würde, würde sie kaum wahrnehmen, so unauffällig sind sie. Doch irgendwann brennen ihnen die Sicherungen durch. Klasse!

Für wen: Da es um die – nicht abschliessend zu  beantwortende – Frage von Schuld und Sühne geht, empfehle ich dieses Buch allen. 

Hinter der biederen Fassade wohnt nicht Frau Biedermann

Ursula López lebt allein und unauffällig in einer Wohnung in Montevideo. Sie ist aus der Form geraten, schlägt sich als Übersetzerin durch, tritt regelmässig in billigen Nachmittagsshows als Frau Biedermann auf und beschäftigt sich liebevoll mit der Pflege japanischer Figürchen aus dem Nachlass ihres Vaters. Doch was keiner weiss: Hinter der braven Ursula-Fassade brodelt ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Das weiss ihre schöne, reiche Schwester Luz nicht. Ebensowenig weiss es die nervtötende Mieterin, die über Ursulas Wohnung eingezogen ist. Auch der Erpresser, der sich eines Tages bei Ursula meldet und von ihr eine Million will, hat keine Ahnung von den Zuständen, in die Ursula geraten kann. 

In Mercedes Rosendes Krimi aus Uruguay ist überhaupt nichts und niemand so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Reich und schön tritt hier an gegen dick, ungeliebt und vermeintlich schwach. Am Ende erhält allerdings keiner, was er am liebsten gehabt hätte. Irgendwie ist es dann auch egal: Man arrangiert sich. Harte Konsequenzen, das heisst Gefängnis, muss hier nur einer gewärtigen. Serviert wird das sieben Tage dauernde Krimistück mit ulkigen Szenen. Zum Beispiel jener von Ursula im Frisiersalon, beim Psychologen oder bei den Weight Watchers. Alles Orte, an denen Ursula eigentlich nicht sein möchte. Köstlich auch die Dialoge. (Ich könnte mir vorstellen, dass Mercedes Rosende nicht nur temporeiche Krimis, sondern auch knackige Bühnenstücke schreiben könnte.)

Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dieser ungewöhnliche, irrwitzige Krimi hätte noch ein paar Tage länger gedauert. Am Ende gibt es einige lose Fäden in der ganzen Story: Was hat es mit der neuen stöckelbeschuhten Nachbarin auf sich und vor allem: Wie viele Briefe wird ihr Ursula noch schreiben, bevor sie ihr die Türe einrammt? Oder wie war das jetzt genau mit dem Tod von Ursulas Vater und dem Mord an ihrer Tante? 

Titel: Falsche Ursula, broschiert, 204 Seiten

Autorin: Mercedes Rosende 

Verlag: Unionsverlag Zürich, 2020, http://www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-00559-4, Fr. 24.00/Euro 18.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Eine Entführung in Uruguay Hauptstadt, die für alle Beteiligten in die Hosen geht. Das aber höchst amüsant.

Für wen: Aussergewöhnlicher, etwas kurz geratener Krimi für aussergewöhnliche LeserInnen.