„Lang ist die Nacht hier, und wir haben sonst nichts zu tun“

Jûnis ist nach 20 Jahren ungewollten Exils in seine Heimatstadt Hâmija zurückgekehrt. Er ist in diesen Jahren ein erfolgreicher Lyriker geworden, der unter dem Pseudonym Adham schreibt. Die Flucht und die Fremde haben aus ihm einen anderen Mann gemacht. So wandert er in seiner Jugendstadt und in seinen Erinnerungen herum. Auch in Adhams/Jûnis’ Heimatstadt ist die Zeit nicht stehengeblieben. Die Machthaber haben gewechselt. Bücher, die früher verboten waren, liegen jetzt offen herum – andere, die man früher lesen durfte, sind verboten. 

Auf seinen Wegen durch Hâmija trifft Adham alte Freunde, seine erste Liebe. Er stellt philosophische Betrachtungen zum Fluss der Zeit an. Dabei begegnet er jenem Ich, das er einst war oder geworden wäre, hätte er nicht flüchten müssen, weil er als junger Mann an einem Regierungsumsturz beteiligt war. Er spricht mit jenem fremd-vertrauten Ich namens Jûnis:

„… Die Nacht ist lang auf diesem Balkon unter einem sternenübersäten Himmel. Lang ist die Nacht hier, und wir haben sonst nichts zu tun. Unser Vater starb aus Kummer über den schlechten Ruf, den ich ihm eingebracht hatte ….“

Die Städte und Länder, die in Wohin kein Regen fällt, einem Roman von Amjad Nasser vorkommen, existieren so nicht oder sind kunstvoll verfremdet. Es sind Nirgend-Orte. Dieser Ausdruck stammt von Elias Khoury, der das Nachwort schrieb. Nirgend-Orte sind sowohl die Stadt Hâmija, mehr Wüstenfestung denn Platz zum Leben, als auch alle anderen im Exil vorgefundenen Städte. Verbundenheit mit einem Ort hat viel mit Wohlfühlen und Freiheit zu tun. Doch Adham findet weder das eine noch das andere, weder hier noch dort in befriedigendem Ausmass. Verlust der Liebsten, Verlust des Vertrauten gehen einher mit dem Verlust von Lebenskraft. 

Der aus Jordanien stammende Autor Amjad Nasser, von Haus aus ein Dichter, verwendet eine lyrisch-dichte, metaphernreiche Sprache, angereichert mit Zitaten und Geschichten aus dem arabischen und persischen Sprachraum. Metaphern spielen eine grosse Rolle: Begegnungen mit dem eigenen Spiegelbild, mehrdeutige Kalligrapien, Namensdoppelgänger sind nur einige Beispiele dafür, worum es dem Autoren. Um die Frage, wer man alles ist und wie die Situation, in die er hineingeboren wurde, den Menschen prägen.

Nun war Wohin kein Regen fällt kein Buch, das mich so richtig mit sich nehmen wollte, obwohl ich es sowohl von sprachlich, als auch vom Aufbau her bemerkenswert fand. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich die Geschichte als nimmer endende Klage empfand. Daran ändern konnten komische Sequenzen nichts, denn stets ging es um Vergänglichkeit. Nicht umsonst endet die Geschichte mit einem Friedhofsbesuch. Aber sicherlich kommt dieser Roman in meine Büchergestell-Abteilung „Unbedingt nochmals lesen“.

Titel: Wohin kein Regen fällt, Romangebunden, 307 Seiten

Autor: Amjad Nasser, aus dem Arabischen von Regina Karachouli, mit einem Nachwort von Elias Khoury 

Verlag: Lenos Verlag, 2020, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-001-1, Fr. 31.00/Euro 24.80

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zwanzig Jahre Exil und Rückkehr in die alte Heimat: Adham hat versucht, sich zwanzig Jahre lang von seiner Kindheit und Jugend zu befreien. Als kranker, in sich zerrissener Mann kehrt er heim und erkennt sich nicht in seinem Spiegelbild. Roman über die Macht der Zeit. Poetisch, bildhaft, tieftraurig, anklagend, einfühlsam, warmherzig. Diesen Roman muss man sich aber erarbeiten. 

Für wen: Wen es interessiert, was Exil einem Menschen abverlangt, ist hier gut bedient.

Das Gepäck, das wir mit uns schleppen

Das abschätzige Wort „Bagage“ als Bezeichnung für eine Familie, so will mir scheinen, wird heute kaum mehr verwendet. Allerdings ist es mir aus der Kindheit wohlbekannt, begleitet von einem Geruch nach ungewaschener Kleidung und schlecht belüfteten Räumen sowie Bildern von schattigen Winkeln, Münzautomaten für Strom, laufenden Kindernasen. Bagage bedeutet aber auch Gepäck und erinnert an schlecht verschnürte Kartons und überquellende Koffer. Im Roman Die Bagage von Monika Helfer steht das Wort auch für alles, was wir als (Familien-)Geschichte in uns tragen, oft genug, ohne uns darüber im klaren zu sein.

Monika Helfers Bagage ist zwar arm und lebt an einem Schattenplatz, aber die Familie, um die es hier geht, ist über die Massen reinlich, reinlicher als alle anderen im Bregenzerwälder Dorf, dem ländlich-abgelegenen Schauplatz des Romans. Monika Helfer erzählt aus der Ich-Perspektive, schliesslich trägt der Roman autobiographische Züge. Hauptsächlich erzählt wird die Geschichte der Grossmutter Maria. Sie lebt mit ihrem Mann Josef und den Kindern ausserhalb des Dorfes. Ein ausnehmend schönes und glückliches Paar, allerdings auch rätselhaft, fremdartig und gefürchtet. Das Jahr 1914 bringt den Krieg und den Stellungsbefehl für Josef. Die Familie ist auf Almosen und das Wohlwollen des Bürgermeisters angewiesen. Als der Krieg vorbei ist hat Maria ein Mädchen zur Welt gebracht. Im Dorf wird geredet: dass Josef wohl kaum als Vater in Frage komme, obwohl er zweimal auf Fronturlaub zu Hause war. Zwei Männer gingen bei Maria ein und aus. Ein Deutscher und der Bürgermeister. In Josef ist der Zweifel gesät. Er wird dieses Kriegskind seiner Lebtag nie anschauen.

Das sind Dinge, über die in einer Familie lieber geschwiegen, als geredet wird. Doch soviel auch verheimlicht wird: Längst vergangene Ereignisse wirken nach. Monika Helfer setzt ihre Familiengeschichte aus Bruchstücken zusammen; aus dem, was sie aus ihrer betagten Tante Kathe herausgekitzelt hat, aus ihren eigenen Bildern, Empfindungen, Erlebnissen mit Onkeln und Tanten. Sie erfindet Dialoge, die vielleicht so, vielleicht aber auch anders stattgefunden haben. Sie greift auf die Wortwahl ihrer Tante zurück, wohlwissend, dass in der Erinnerung manche Geschichten grösser werden, andere kleiner, als ihnen zukommt. Und so werden Marias Kinder zu tapferen Helden: Hermann, der besser mit Tieren kann als mit Menschen, Lorenz, vor dem sich selbst der Bürgermeister in acht nehmen muss, Katharina, die im Notfall schon mal lügt, dass sich die Balken biegen. Schliesslich geht es ums Überleben. 

Helfers Erzählstil ist unprätentiös. Sie streift in ihrem Berichten durch die Jahrzehnte, greift mal diesen Lebensstrang auf, mal jenen. Und sie stellt sich die Frage: „Wann und wo endet die Bagage? Gehöre ich noch dazu? Gehören meine Kinder noch dazu?“

Titel: Die Bagage, gebunden, 159 Seiten

Autorin: Monika Helfer

Verlag: Hanser, 2020

ISBN 978-3-446-265-622, Fr. 28.90/Euro19.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Maria ist wunderschön. Ihr Mann wird in den Ersten Weltkrieg eingezogen. Es ist kein Geld im Haus, Maria hat drei Kinder zu versorgen. Der Bürgermeister des Bregenzerwälder Dorfes bietet Hilfe an. Er ist aber nicht der einzige, der ein Auge auf Maria geworfen hat. Ein Buch über das Leben auf dem Lande, wo jeder jeden kennt, wo jeder weiss, was der andere gerade denkt oder tut. Und weiss man es nicht, so erfindet man etwas. So werden aus Familien Bagagen und aus Bagagen Familien.

Für wen: Stammen Sie aus einer Bagage? Dann ist das sicherlich auch Ihre Geschichte.

Was Maša, Saša, Kolja, Veročka und Ivan im Urlaub so treiben

Wenn ein Sommerregen die Landschaft reingewaschen hat, die Grillen zirpen, Sonnenlicht durch ein Birkenwäldchen bricht, dann ist die Welt in Ordnung, das Glück zum Greifen nahe. Wenn da nur nicht diese Mücken wären. Mücken der allerübelsten Sorte: untreue Ehefrauen und ihre Liebhaber, Bankrotteure, Diebe oder verliebte Karpfen. Apropos Karpfen: Es ist die Schuld eines Fisches, dass „unsere Dichter düstere, niedergeschlagene Gedichte“ schreiben. Jedenfalls schreibt dies Anton Čechov in der Kurzgeschichte Fisches Liebe.

Diese uns andere Short-Stories von Sommerfrischlern, Ehepaaren und Ehebrechern, Verschwendern, Verführern, Trinkern etc. führen uns in ein sommerliches Russland des späten 19. Jahrhunderts. Gelangweilte Ehefrauen setzen ihren törichten Männern Hörner auf; ein Junggeselle schreibt einen Brief, wie es dazu kam, dass er keine seiner Flammen geehelicht hat; ein verliebtes Paar kauft sich ein Landgut und setzt eine Familie auf die Strasse. Da kann einem schon das romantische Gefühl verlustig gehen.

Und gerade deshalb kann ich von Čechov nie genug bekommen. Keiner schreibt so humorvoll, trocken, scharfsichtig und -sinnig über das (Ehe)leben, die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse und ihre romantischen Verbrämungen. Was Liebe scheint und lauthals so verkündet wird, ist oftmals genug wirtschaftliches Denken oder die Suche nach Abenteuer. Der Mensch behilft sich mit Wegdiskutieren und Wegschauen, wenn etwas nicht ins Bild passt. Und daran hat sich seit Čechov nichts geändert, weder in Russland noch hier. 

24 erfrischend-ernüchternde Sommerfrischen-Geschichten hat Peter Urban neu aus dem Russischen übersetzt. Ausgewählt wurden sie von Christine Stemmermann und herausgegeben wurde das Büchlein von Diogenes. 

Titel: Sommergeschichten, Leineneinband, 269 Seiten

Autor: Anton Čechov, aus dem Russischen von Peter Urban

Verlag: Diogenes 2020 

ISBN 978-3-257-07131-3

Kurzbeschrieb/-bewertung: Sommergenuss à la russe. Idylle mit Abgründen, wie man sie von Čechov nicht anders erwartet. Wunderbar.

Für wen: SommerfrischlerInnen, die sich gerne erfrischen lassen aber auch nichts gegen ein wenig Nachdenken haben. 

Die Kunst des gekonnten Weglassens

Ich hätte es wissen müssen: Wenn einer wie Andreas Caminada ein Kochbuch mit „meine einfache Küche“ untertitelt, geht es nicht darum, mir das Kochen einfach zu machen. Und schon gar nicht darum, auf die Schnelle etwas auf den Tisch zu hexen. Nix da! Wählerischer Einkauf, Vorbereitung und Einsatz müssen schon sein. Und so wird selbst ein einfacher Gemüsesalat aus Karotten, Pastinaken, Kohlraben, Randen und Fenchel zu einer Angelegenheit, bei der Köchin und Backofen ins Schwitzen geraten und zahlreiches Gerät und Techniken zum Einsatz kommen. 

Dasselbe Prinzip findet sich auch beim Spargelsalat. Spargel roh, Spargel gekocht, Spargel grün, Spargel weiss, Spargel eingelegt. Was im Endeffekt einen Salat ergibt, der nicht nur allerhand Geschmacksvarianten bietet, sondern auch Beisseffekte. 

In „Pure Leidenschaft, meine einfache Küche“ wird konfiert, angebraten, mariniert, aromatisiert, glasiert, passiert und eingelegt, es ist eine wahre Freude. Dabei sehen die Rezepte ganz harmlos aus. Doch spätestens beim Essen wird klar: So kocht nur einer, der sich nicht bloss über das Hinzufügen, sondern mindestens gleicherweise über das Weglassen Gedanken macht.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstand, was Andreas Caminada mit „einfach“ meint. Die Zutaten sind in der Tat einfach, und die Umsetzung der Rezepte erfordert ausser Zeit und Willen auch keine Zauberkünste. Die meisten Zutaten sind im eigenen Umfeld zu bekommen, wenn auch vielleicht nicht in der Qualität, die Caminada dank Speziallieferanten verlangt. Gemüse, Kräuter, Fleisch, Milch- und Getreideprodukte: Caminada verarbeitet, was hierzulande wächst und gedeiht. Seine Rezepte in diesem Buch suchen keine Exotik und Effekthascherei ist ihnen fremd. Caminada arbeitet mit einem Minimum an Zutaten und Gewürzen. Diese wenigen aber werden gezielt eingesetzt. Zum Beispiel setzt er gerne ein Aromaöl aus einem im Rezept bereits verwendeten Gewürzkraut ein. Das verleiht der Speise zusätzliche Tiefe.

Was habe ich bis jetzt nachgekocht:

Kalbsrahmgulasch. Ich schwör’s, beim Lesen des Rezepts hat meine Waage ein lautes Stöhnen von sich gegeben. Auf ein Kilo Fleisch nimmt der Meister 200 Gramm Butter, zum Abschmecken des Gerichts einen halben Liter Rahm. Mit Rahm und Butter zu sparen wäre falsch, meint Caminada. Also tapfer die Zwiebeln in Butter goldgelb geröstet und rein mit den Rahmkalorien. Das Resultat: ein feines Gulasch, das durch die Beigabe von Kümmel eine spezielle Note bekommen hat. 

Weil es kalorienmässig gerade Wurscht war, ging die Testreihe weiter mit Schweinebauch mit BBQ-Creme. Mein allererster Schweinebauch, also habe ich mich getreulich ans Rezept gehalten. Fazit: Benötigt viel Zeit, ist aber tatsächlich einfach zu bewerkstelligen, schmeckt herrlich, mit knusperiger Haut. Die BBQ-Creme vereint alle Geschmacksrichtungen. Perfekt für Leute, die gegen Speck nichts einzuwenden haben.

Mein persönliches Highlight war Testessen Nr. 3: Gnocchi in Petersiliensauce. Ich gebe es zu, das Petersilienöl dazu habe ich weggelassen, das Petersilienpüree habe ich nicht durch ein feines Sieb gestrichen, und anstelle von Röslerkartoffeln mussten hundsgewöhnliche Bintje herhalten. Trotz all dieser Frevelei haben wir die Platte mit den Gnocchi ratzfatz leergegessen. Kurzum: Ein Hit, sowohl was die Konsistenz der Kartoffelgnocchi angeht, als auch die (rahmunterstützte, was sonst) Petersiliensauce. Zum Glück gedeiht mein Petersilienstock dieses Jahr prächtig.

Ein paar Rezepte muss ich mir für den Herbst aufsparen. Es wartet noch ein Wildterrine, ein Hirschrücken mit Steinpilzen. Oder die „weltbeste Gerstensuppe“. Und Dörrbirnenravioli. Bis im Herbst werde ich auch rausgefunden haben, was Krauseminze ist und was Rauchöl.

Ein Kochbuch, in dem es sich gerne blättert. Prachtvolle Bündner Landschaftsbilder machen Lust auf Wanderungen. Besonders sympathisch: Caminada porträtiert ein paar seiner Lieferanten und stellt ihre Spezialitäten vor. Viehzüchter, Jäger, Bauern, Gemüsebauern, Fischer, die gleichfalls ihre Arbeit mit einer gehörigen Portion Leidenschaft verrichten und sich dabei gerne weiterentwickeln.

Titel: Pure Leidenschaft, meine einfache Küche, Leineneinband

Autor: Andreas Caminada, mit Fotografien Gaudenz Danuser

Verlag: atverlag, 2020, at-verlag.ch 

ISBN 978-3-03902-028-7

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kulinarisches Bündnerland von  Capuns/Maluns bis Gersten- und Brotsuppe, dazu das eine oder andere, was man im Bündnerland nicht erwarten würde. Einfache Zutaten, ohne Firlefanz , aber stets mit einer speziellen Note. Ausprobieren lohnt sich, auch wenn es etwas Einsatz kostet. Oder gerade deshalb. Ansonsten eine gute Idee: Buch verschenken und sich einladen lassen.

Für wen: Für alle, die schon immer mal bei Caminada einkehren wollten, aber sich bisher nicht nach Fürstenau/Schloss Schauenstein getrauten. Dieses Buch macht definitiv Lust auf einen Restaurantbesuch. 

Perserteppich, geknüpft aus Verzweiflung und Liebe

Amir, ein junger Mann, wird von seiner Familie in einer psychiatrischen Anstalt in Teheran wiedergefunden. Er hat im Krieg gegen die Irakis nicht nur Verstand und Erinnerungen verloren, sondern auch einen Arm in den kurdischen Bergen gelassen. 

Shahriar Mandanipur rollt mit Augenstern nicht nur einen Liebesroman in epischer Breite und Länge vor uns aus. Wir bekommen gleichfalls einen Blick in eine uns und wahrscheinlich auch manchem Iraner kaum begreifbare, von patriarchalen Strukturen und Gewalt geprägten Welt, in der es schon ein Frevel scheint, Fragen zu stellen. 

Augenstern spielt zur Zeit der islamischen Revolution und des ersten Golfkriegs, also in den späten Siebzigern und den Achtzigern des letzten Jahrhunderts. Schah Reza Pahlewi wird vertrieben und abgelöst durch eine nicht minder rigorose, doch diesmal religiös motivierte Gewaltherrschaft. Zusätzlich löscht der Krieg mit dem Irak eine ganze Generation junger Männer aus. 

Amir ist unter dem laizistischen Regime Reza Pahlewis gross geworden. Als Sohn einer wohlhabenden Familie geniesst er sämtliche Freiheiten. Er und seine Freunde feiern Feste, trinken, rauchen und lassen kein Mädchen unbehelligt. Doch mit dem Staatsstreich der Mullahs zerfällt Amirs Welt in Bruchstücke. Zusammen mit seiner aufopfernden Schwester versucht er Jahre später, diese Splitter einzusammeln und zusammenzusetzen. Was hat es mit dem Mädchen Khazar auf sich, das durch seine Tagträume geistert? Ist der Goldring, den er vermutlich trug, im Kriegsgebiet geblieben, zusammen mit seinem linken Arm? 

Shahriar Mandanipurs Roman brilliert mit einer poetischen Sprache und der Innensicht eines Landes das nicht recht weiss, wohin es will.  Auch wenn der Roman in einer vergangenen Zeit spielt, so scheint es doch, als legte uns Mandanipur eine Bildstrecke des heutigen Irans vor: Land und Menschen, zerrissen zwischen Moderne und Tradition. Man arrangiert sich mit rigiden Vorgaben und versucht, sie so gut als möglich zu umschiffen. Nach zwei Schritten vor, folgen zwei zurück.

Die ersten zwei Drittel des Romans sind der Erinnerungsarbeit Amirs gewidmet. Langsam (meiner Meinung nach zu langsam) findet er Namen, Adressen, tauchen Erinnerungsbilder auf und bleiben haften. Es hat einen Grund gegeben, weshalb Amir zur Armee gegangen ist. Eine Schuld? Im letzten Drittel nimmt die Geschichte Fahrt auf. Amir findet seinen Freund Pourpirar wieder, der ihn aus den Bergen gebracht hat und dabei selber verletzt wurde. Mit Pourpirar macht er sich auf die Reise zurück in vermintes Gelände. Und findet dort mehr als seinen längst verwesten linken Arm.

Mit Amir hat der Autor eine Hauptfigur geschaffen – eitel, überheblich, unreif, verschwenderisch, wehleidig, undankbar sowie in ständigem sexuellen Notstand – bei dem es zeitweise schwerfällt, ihn als Sympathieträger zu würdigen. Das eine oder andere mag man seinen Traumata zugute halten. Das andere oder eine jedoch regt bei mir eher den Brechreiz an. Hauptsächlich die Art und Weise, wie über Frauen gedacht und geredet wird. Beispielsweise ist selbst Amirs Betrachtung seiner Schwester und sogar seiner Mutter nicht frei von sexuellen Anspielungen. 

Mehr als eindrücklich sind die Szenen aus dem iranisch-irakischen Krieg. Amir ist im Krieg Beobachter: Das macht ihn sowohl zum Akteur und Betroffenen einer schlecht ausgerüsteten Armee, als auch zu jemandem, der eine „Sicht aus Distanz“ auf die Dinge hat.

Titel: Augenstern, gebunden, 443 Seiten

Autor: Shariar Mandanipur, aus dem Englischen von Regina Schneider 

Verlag: Unionsverlag, 2020

ISBN 978-3-293-005-570, Fr. 32.00/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Altes, schönes Leben dahin, Geliebte weg, eine Auspeitschung, ein brutaler Krieg: Kein Wunder wollen weder Amirs Gedächtnis noch sein Verstand mehr mitmachen. Doch da sind die Engel auf seinen Schultern, die alles aufzeichnen, was Amir denkt, sagt und tut. Sie formulieren es mal märchenhaft und voller Poesie, mal ironisch, meist ungeschönt und manchmal brutal. Ein aus vielen tausend feinsten Knöpfen geknüpfter Perserteppich mit etwas langen Fransen.

Für wen: Open-End-FreundInnen.

In rumänische Seelen geschaut

Kurzgeschichten kommt in unseren Breitengraden kaum Beachtung zu. Wahrscheinlich wollen wir uns nicht schon nach wenigen Seiten wieder mit einer anderen Story, neuen Figuren auseinandersetzen. Wir sind es gewohnt, dass literarische Themen vor uns breit ausgefächert werden. Allerdings gibt es auch Kurzgeschichtensammlungen, die zusammen gehören, weil, so unterschiedlich die Typen und Situationen sind, die darin beschrieben werden, so bewegen sie sich doch in einem gemeinsamen Kontext. Eine dieser Sammlungen kommt aus Rumänien.

Es sind ungewöhnliche, intensive Kürzestgeschichten – vom Verlag als Erzählungen bezeichnet – die danubebooks unter dem Titel Die grünen Brüste vorlegt. Autor ist der 1954 geborene rumänische Autor Florin Iaru.

Iarus Figuren leben in einer Gegenwart, in der die Perspektiven eingeschränkt sind oder sich verabschiedet haben. Sie gehen durch eine „erbärmliche, vulgäre Welt“, gegen die es einen Schutzwall braucht. 

Beschrieben werden einfache Menschen, Rentner, Streuner, Taugenichtse, Alleingebliebene, die Iaru auf zwei, drei Buchseiten darstellt. Sie helfen sich, indem sie die Realität ausblenden und sie durch Irrwitz ersetzen. Oder durch Alkohol. Oder durch eine gehörige Portion Übersinnliches. Oder dem Traum von der wunderbarsten Frau der Welt. Oder durch jeden gehobenen Blödsinn, den die Phantasie hergibt. Und nicht zuletzt durch Schweigen und Katzbuckeln gegenüber den Autoritäten. Eine von Iarus Figuren ist Ilie Georgescu, der Bescheid weiss:

„… bereits aus seiner Jugend, dass diese Welt nicht die seine ist und ihn nicht verdient. Deswegen hatte er beschlossen, sobald er mit der Schule fertig war, ein Zuschauer zu sein. Ein vielseitiger, anteilnahmsloser, undurchdinglicher. Fußballspiele schaut er sich angewidert an. Fußball verdient ihn einfach nicht, alles ist so berechenbar, weil alles so unecht ist. Ins Kino geht er immer mit einem karierten Notizbuch ausgerüstet. Er notiert seelenruhig jeden Blödsinn, die Unstimmigkeiten und die Filmfehler.“  

Es ist, als würden Iarus Figuren alles daran setzen, sich das Leben so fern wie möglich zu halten, damit es nur ja nicht nach ihnen griffe. Soll es zupacken wo es will, nur nicht gerade bei einem selbst. Denn was hätte man schon von ihm zu erwarten? 

Ilaru zeichnet auf zwei Buchseiten, wofür andere mindestens zwanzig brauchen:  Charaktere und ein Abbild einer Gesellschaft fast ohne alles, was für eine funktionierende Gemeinschaft wichtig wäre: Vertrauen in die Mitbürger, die Behörden, in sich selbst. Und dies mit einem Unterton, so sec, dass man nicht sicher sein kann, ist er der Verzweiflung geschuldet oder doch schon leicht sarkastisch.

Titel: Die grünen Brüste, Erzählungen

Autor: Florin Iaru, aus dem Rumänischen von Manuela Klenke

Verlag: danubebooks 2020, Ulm, http://www.danube-books.eu

ISBN 978-3-946046-17-2

Kurzbeschrieb/-bewertung: Bizarr, gesellschaftskritisch, nüchtern bis phantasievoll-verspielt, ernüchternd, ironisch, knapp, poetisch: Das sind so die Adjektive, die mir in den Sinn kommen, wenn ich die Kurzerzählungen von Iaru charakterisieren soll. Ein Blick in das Innerste von Rumäniens Bürgern. Den Leuten aufs Maul und in die Seele geschaut. 

Für wen: Etwas wunderbar Anderes für Liebhaber von Kurzgeschichten. 

Das Gute mit unmoralischen Mitteln

In der Süddeutschen stand dieser Tage zu lesen, dass das Golf-Drogenkartell auf die blendende Idee kam, den Corona-Virus auf perfide Weise zu nutzen, um sein Image aufzupolieren: mit der Verteilung von Lebensmittelpaketen an die darbende Bevölkerung. Das zeigt einerseits, wie unverschämt die Banden im Lande agieren, anderseits auch, wie machtlos ihnen Gesetz und Politik gegenüberstehen:

„Die Bande ist eines der ältesten Kartelle, sie hat eine eigene paramilitärische Einheit, Los Zetas. Diese machte sich aber irgendwann selbstständig und zerfiel in zwei Fraktionen, die sich dann einen Krieg lieferten. Ähnliches geschieht in fast allen Staaten Mexikos. Hunderte Gangs, Banden, Kartelle und Milizen bekämpfen sich. Sie haben das Land in einen immer brutaleren Drogenkrieg gestürzt.“ (Zitat aus dem Artikel der Süddeutschen).

Und schon sind wir mitten im Buch „Die Korrupten“ von Jorge Zepeda Patterson:

Eine beliebte mexikanische Schauspielerin wird brutal ermordet. Der Journalist Tomás Aridmendi bringt in einer Kolumne den Namen des Innenministers in den Fokus der Verdächtigen. Dies bringt den Journalisten selber in Gefahr. Glücklicherweise stehen ihm seine drei Freunde zur Seite. Sie beschliessen so rasch als möglich den wahren Mörder zu finden.

Das Quartett mutet an wie TKKG für Erwachsene. Sie nennen sich „die Blauen“. Der Freundeskreis besteht neben Tomás, aus der Politikerin Amelia, dem Sicherheitsberater Jaime und Universitätsprofessor Mario. Der Autor Jorge Zepeda Patterson ist selber als Journalist tätig ist; die politischen Gegebenheiten seines Landes kennt er wohl recht gut. 

Womit haben wir es in diesem Roman zu tun: Politiker, die das Gute wollen, es aber mit undemokratischen Mitteln bewerkstelligen. Eine Führungsriege, die sich allen Ernstes damit befasst, wie man das „schlechtere“ Drogenkartell schwächen und ein „besseres“ stärken kann. Eine Politklasse, die kräftig bei schmutzigen Geschäften mitmischt und absahnt, wo es was zu holen gibt. Journalisten und Computerspezialisten, die entweder gleich mundtot gemacht oder dann zur Mitarbeit gezwungen werden. Die Liste der Missstände nimmt kein Ende. Tatsächlich scheint es so, dass keiner, auch die Blauen nicht, so integer ist, wie er gerne wäre. Ein Korruptionssystem, an das sich jeder irgendwie anpasst. Eine Situation, die uns als LeserInnen, die wir gerne an das Gute im Menschen glauben wollen, hilflos zurücklässt.

Titel: Die Korrupten, gebunden, 480 Seiten

Autor: Jorge Zepeda Patterson, aus dem Spanischen von Nadine Mutz 

Verlag: Elster-Verlag, 2020, 

ISBN 978-3-906903-15-6, Fr. 32.00/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kriminalfall mit sehr vielen innermexikanischen Details. Es lohnt sich, sich kurz über die politischen Zustände des Landes zu informieren, um einen Einblick zu haben, wie das Land funktioniert – oder eben nicht funktioniert. Die Charaktere der vier Freunde, die den Kriminalfall lösen müssen, wirken zu Beginn wie „hatten wir schon“ – erweisen sich dann aber im Laufe der Geschichte als facettenreicher.

Für wen: für einmal keine spezielle Empfehlung.

Schweine sind dem Menschen näher verwandt, als den Schweinen lieb ist

Umm al-Chanasir, die Mutter aller Schweine, wird von den Abfallbergen Kairos über Grenzen und Schleichwege in eine jordanische Grenzstadt geschmuggelt. Dort wartet Hussein Sabas auf sie und ihren ungeheuren Nachwuchs. Der Metzger Hussein will das Morgenland mit Schweinefleisch zu versorgen. Es sieht so aus, als habe die Gegend nur auf Koteletts gewartet. 

Umm al-Chanasir wird im Laufe des Romans Mutter aller Schweine von Malu Halasa Sinnbild für all jene Frauen, die in den männerdominierten Gesellschaften des Nahen Ostens oft wenig mehr sind als Hüterinnen der Familienehre und Gebärerinnen von Söhnen, die „entweder als Ärzte enden oder als Mörder“. Doch in diesem Roman gibt es Frauen, die den vorgezeichneten Weg leise hinterfragen. Auch Umm al-Chanasir begreift, wohin ihre Kinder und Kindeskinder verschwinden. Sie reagiert verstört und verstörend. 

Der Roman spielt in einer Kleinstadt im Grenzgebiet Jordanien-Israel-Syrien. Hier ist irgendwie jeder ein Versprengter. Sei es, dass die Vorfahren aus Palästina oder von sonstwoher geflohen sind, seien es Frischankömmlinge aus dem Irak, aus Syrien, Iran; Ex-Jihadisten, Rebellen, Heimatlose, Händler. Und dann sind da noch die, die ihre Kinder wegschickten, damit sie eine bessere Zukunft in der Fremde finden. So wie Fahdma, von deren dreizehn Kindern nur noch Hussein und Samira in Jordanien leben. Der Grossteil ihrer Familie hat in den USA einen neue Heimat gefunden.

In der ehemals hauptsächlich von Christen bewohnten jordanischen Grenzstadt, aufgebaut auf den Ruinen einer byzantinischen Stadt, haben die Mauern Augen. Bisher war das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien in der Gegend ungefähr so, wie es dieses Zitat aus dem Internet beschreibt:

„Die wechselseitige Abneigung der Ethnien ist meist „herzhaft“, was aber eine Zusammenarbeit, sofern sie den eigenen Interessen dienlich ist, durchaus nicht ausschließt.“

Von der herzhaften Abneigung profitiert in der Grenzstadt Husseins Onkel Abu Satar. Geschäftstüchtig zieht er aus jedem regionalen Zwist seinen Profit. Sein Tempel ist das „Schnäppchen-Emporium“, ein Laden, in dem alles zu finden ist, was das Herz begehrt. Von Abu Satar stammt auch die Idee mit der Schweinezucht. Allerdings ist er nicht bereit, die unangenehmen Konsequenzen dieser Geschäftsidee mitzutragen. Sein Neffe Hussein gerät ins Visier eines fundamentalistischen Scheichs und seiner Anhänger. Dabei will er einzig für seine Familie ein sicheres Einkommen. Halal und haram interessieren ihn nur soweit, als er dafür zwei Kühlschränke benötigt und aus Respekt vor dem Muslimen freitags kein Schweinefleisch verkauft.

Unbestritten: meine Lieblingsfigur in diesem Roman war Abu Satar, ein Typ, von dem jeder in der Stadt weiss, dass er nur auf seinen Vorteil aus ist. Schlau, verschlagen, gierig und auch zu Verrat bereit, so lange es ihm und seinem „Schnäppchen-Emporium“ nützt. An und für sich eine Figur, die keinem das Herz wärmt. Aber dennoch so detailgenau und humorvoll gezeichnet, dass man sich wünscht, man könnte den verschlagenen Onkel in seinem Basar besuchen. Doch der Roman beschreibt noch andere Familienmitglieder, mit denen wir mitleiden, die wir verstehen oder zumindest verstehen wollen. Da wäre Husseins Mutter Fahdma, die die Familienfäden sanft und ohne Aufmucken zusammenhält. Oder ihre jüngste Tochter Samira, die nicht so recht weiss wohin mit ihrem rebellischen Geist. Oder Leila, Husseins Frau, eine Lehrerin, die gefangen in einer lieblosen Ehe sich fragen muss, was ihr wichtiger ist: ein schönes Haus oder das Wohlergehen ihrer Kinder.

Und während wir als Leser mit den einzelnen Mitgliedern der Sabas-Familie mitgehen und mitleiden, bewegen wir uns in einer Stadt, in der alles Unmögliche nebeneinander passiert: Hinter Gebüschen küssen sich Liebespaare, während sich ein Fundamentalist mit einer Emanze trifft; an einer Hochzeit findet eine Entführung statt und wird Geheimpost ausgetauscht; Busse voller Touristen werden durch die Sehenswürdigkeiten geführt und Fundamentalisten zerkratzen Autos; zwielichtige Figuren passieren die Grenzen in alle Richtungen und eine Horde verängstigter, freiheitsliebender Schweine geloppiert durchs Jamuk-Tal. Ein Drunter und Drüber, das ziemlich genau der verworrenen politischen Situation des Nahen Ostens entspricht. 

Titel: Mutter aller Schweine, gebunden, 344 Seiten

Autorin: Malu Halasa, aus dem Englischen von Sabine Wolf 

Verlag: Elster-Verlag, 2020, http://www.elstersalis.com 

ISBN 978-3-906903-14-9, Fr. 25.30

Kurzbeschrieb/-bewertung: Furiose, kuriose Familiengeschichte aus Jordanien, einer Gegend, die komplett aus den Fugen geraten ist und wo die Kulturen aufeinanderprallen. Gleichfalls eine kritische Stimme an einer Gesellschaft, die das Potential der Frauen aussen vor lässt. Trotz aller angerissenen Probleme bleibt Raum zum Schmunzeln. Liest sich zügig. Aber auch dieses Buch kann leider die zahlreichen Probleme des Nahen Ostens nur anreissen.

Für wen: Wer bisher noch nicht wusste, dass die Frauen, so verschieden sie auch sein mögen, die Welt zusammenhalten, sollte dieses Buch hier lesen. 

Vom Glück, in einem Tessiner Bergbach zu baden

„Unser“ Tessiner Dorf hat uns einen Brief geschickt mit der freundlichen Aufforderung, doch gefälligst in der Deutschschweiz zu bleiben. Aber ja, liebe Tessiner, wir bleiben hier, wenn es uns auch noch so gelüsten würde, den Frühling im Süden zu verbringen.

Damit mir in meiner coronabedingten Tessin-Abstinenz nichts fehlt, habe ich den Roman Tage mit Felice von Fabio Andina gelesen. Das war, als hätte mich einer an einen Ort entführt, wie ich ihn so höchstens aus der Kindheit kenne, als meine Sicht auf diese Welt eine einfache war, die Tessiner mich noch „carina“ fanden und ich im Gegenzug die Tessiner lustig, lebhaft und ihre Dörfer mit den farbigen Häusern an den steilen Bergtälern unvergleichlich schön. Nun, nach einigen Jahrzehnten, in denen wir fast alle unsere Urlaubstage als Zücchin im schweizerischen Süden verbracht haben, ist mein Tessinbild entromantisiert und … 

Bevor ich weiter Dinge schreibe, die nicht hierhergehören, zu Andinas beachtenswertem Roman:

Die Geschichte spielt zuhinterst im Val Blenio. Der alte Felice lebt in Leontica. Er wohnt allein in einem bescheidenen Haus, seine Tage verbringt er nach seinem eigenen Stundenplan: Frühmorgens eine Wanderung den Berg hinauf zu einem pozzo, einer Bach-Gumpe, später ein Besuch bei Sosto dem Bauern, dann Holzhacken, ein Gang ins Dorf, eine kurze Fahrt ins Nachbardorf, ein Besuch bei einer Nachbarin, ein Abstecher in eine Bar. Hier trifft Felice täglich dieselben Menschen, Dörfler wie er. Man kennt sich, man hilft sich, man tauscht die Ernte aus den Gemüsegärten aus. Man trinkt zuviel, palavert, spielt Scopa, singt sehnsüchtige Lieder und ärgert sich. Felice spricht wenig. Er geht seiner Wege. Doch seine Haltung gegenüber den Mitmenschen beruht auf Akzeptanz.

Bei Regen, Schnee und Kälte ebenso wie bei schönem Wetter begleitet ein Nachbar und Ich-Erzähler den alten Felice hinauf zu seinem Baderitual und kommt dabei selbst zur Ruhe. 

Worum geht es: Um das Glück, das in der Bescheidenheit wohnt. Um Toleranz und Gemeinschaftssinn. Um das oft karge, unaufgeregte Leben in einem Bergdorf. Um den Genuss, der in der Stille und im Schweigen steckt.

Dem Autor gelingt es, uns am Glück der beiden Protagonisten teilhaben zu lassen. Die paar Tage, die sie gemeinsam verbringen gleichen sich, weichen nur in Nuancen voneinander ab, folgen einem Rhythmus, der einem wie minimalistische Musik vorkommt. So genügsam, wie die Bergler ihr Leben leben, so geradeaus ist auch Andinas Erzählweise.

Andinas besonderes Augenmerk liegt auch auf dem Funktionieren der dörflichen Gemeinschaft. Der Zusammenhalt der Dörfler basiert vor allem aus der Lage des Dorfes und seinen Gegebenheiten. Religion, sprich anerzogene Mitmenschlichkeit, mag eine Rolle spielen, doch wenn, dann eine nebensächliche. An abgelegenen Orten ist es nichts als natürlich, einander auszuhelfen. Jeder weiss, dass er selber irgendwann Hilfe benötigt. 

Eine Geschichte, so positiv und warmherzig, dass sie als Medizin gewertet werden darf. Eine Geschichte auch von eigenwilligen, selbstbestimmten Menschen, wie sie mir früher noch begegneten: z. B. die alte, zähe Ziegenbäuerin, deren Rücken sich Jahr für Jahr mehr der Erde zukrümmte, oder Thuri , der arbeitsam und charmant war, doch sobald er Geld in der Tasche hatte, in den Rausch flüchtete. Andere mehr, die längst von der Bildfläche verschwunden sind. Möglich, dass zuhinterst in den Tälern des Tessins noch ein paar davon zu finden sind. 

Titel: Tage mit Felice, Originaltitel: La pozza del Felice, Roman, gebunden, 235 Seiten

Autor: Fabio Andina, aus dem Italienischen von Karin Diemerling

Verlag: Rotpunktverlag, Edition blau, 2020, http://www.editionblau.ch,

ISBN 978-3-85869-863-6

Kurzbeschrieb/-bewertung: Als LeserInnen dieses Romans verbringen wir ein paar Spätherbsttage mit Felice und seinem Nachbarn zuhinterst im Val Blenio. Felice ist anspruchslos, grosszügig, nachdenklich, und manchem mag er als Kauz erscheinen. Doch er wird seinem Namen gerecht. Ein Buch über inneren Frieden und die Kunst des Ungekünstelten. Einfach schön.

Für wen: Für alle, die an Tessin-Entzug leiden. Tessin von seiner schönsten Seite!

„Die Insel der Träume hat Sie längst in ihr Herz geschlossen“

Ein Inselarchipel im indischen Ozean, Strand namens Nomad Island, Kokospalmen, schöne Menschen und das Versprechen von paradiesischem Glück. Was braucht es mehr? 

Der Westschweizer Autor Joseph Incardona ist der Verfasser von One-Way-Ticket ins Paradies. Der Autor beobachtet gerne die menschlichen Schwächen. Beispielsweise unser Anspruch auf Glück, der sogar in den Grundrechten verankert ist. Was natürlich noch lange nicht klärt, was damit gemeint ist: Besitz, Liebe, Akzeptanz, Vergnügen, Zufriedenheit, eine sinnstiftende Aufgabe oder ganz etwas anderes?

Die Story: Paul und seine Familie fliegen für eine Woche nach Nomad Island, wo all ihre Wünsche in Erfüllung gehen sollen. Paul möchte endlich wieder Sex mit seiner Frau. Iris wiederum will aus ihren Gedanken tilgen, was sie so unendlich traurig macht. Tochter Lou möchte endlich ihre Jungfräulichkeit verlieren. Und der neunjährige Stan wünscht sich einfach eine entspannte Zeit mit seiner Familie. 

Incardona nimmt für seinen Roman das vollblumige Glücks-Versprechen von Reiseveranstalten unter die Lupe. Dieses wird jeweils spätestens dann als reine Werbung entlarvt, wenn wir mit anderen Paradiessuchenden in einer Flugzeugreihe einklemmt sind, in einer Warteschlange vor dem Kofferband stehen oder in einem klapprigen Kleinbus von jemandem, mit dem wir nicht kommunizieren können, durch eine beängstigende Wildnis oder – noch schlimmer – zu einem Touristen-Hotspot chauffiert werden. Ja, wider besseres Wissen fallen wir gerne auf Reise-Glücksverheissungen rein. Und eine Insel der Träume, wo einem versprochen wird, „alles zu vergessen, was man über Ferien zu wissen meinte“, klingt verlockend. Vor allem, wenn das alltägliche Glück sich von einem verabschiedet hat und man nicht einmal weiss, wann, weshalb und wohin. Oder war es vielleicht gar nie da?

Paul, Iris, Lou und Stan jedenfalls gelangen auf ihrer gebuchten Glückssuche an einen Ort, der sie voll und ganz in sich aufzusaugt. Spektakuläre Sonnenuntergänge, Massagen, Fitnessprogramme, Drinks a gogo in einem nach Gewürzen und Frangipani duftenden Garten bilden das Rundum-Sorglos-Paket. Gut, der Empfang war jetzt nicht das, was man von einem Klasse-Hotel erwarten durfte, aber die anderen Gäste sind überaus freundlich. Allerdings, finden zumindest Paul und Stan, gibt es auch höchst seltsame Sachen in diesem Resort. Beispielsweise Drohnen, welche die Gäste gerne ins Kameraauge fassen. Das Kinder-Programm wird von einer bösartigen Aufseherin überwacht, und nachts, wenn die Rasen-Bewässerungsanlage ausgeschaltet wird, tauchen seltsame Gestalten vor dem Bungalow auf. Alles keinen Gedanken wert, finden Iris und Lou. Doch das mit dem gemeinsamen Familienglück will sich nicht einstellen.

In diesem Paradies im indischen Ozean geht nichts so richtig auf. Warnzeichen blenden auf, geraten wieder in den Hintergrund. Wer glücklich aussieht, ist vielleicht nur angesäuselt oder böse. Oder abgestumpft. Und bald einmal wird dem Leser klar: Einer kann sich zwar fürs eigene Glücklichsein entscheiden, doch er muss damit rechnen, dass das Gegenüber etwas ganz anderes darunter versteht. 

Ein Inselarchipel im indischen Ozean namens Nomad Island, Strand, Palmen, schöne Menschen und das Versprechen von paradiesischem Glück. Seien Sie froh und dankbar, dass Sie nicht dahinreisen müssen! Und wenn, dann nur  vom Sofa aus mit diesem Buch in der Hand und in der Phantasie.

(Wobei ich jetzt faustdick lüge: Auch ich war schon mal ferienhalber an einem paradiesischen Ort, von dem ich nie, nie wieder weg wollte. Und ich habe den Verdacht, auch Joseph Incardona habe ähnliches erlebt.)

Titel: One-Way-ticket ins Paradies, Roman, 309 Seiten, gebunden

Autor: Joseph Incardona, aus dem Französischen von Lydia Dimitrow

Verlag: Lenos, 20120, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-002-8, Fr. 28.–/Euro 22.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Packend erzählte Geschichte einer Familie aus der Westschweiz, die auf ihrer Ferienreise allerhand erlebt: Paradiesisches, Urtümliches, Gefährliches, Lustvolles, Nervenzerreissendes. Die Insel, auf der sie landen, scheint ein Eigenleben zu führen.

Für wen: Fernwehgeplagte, die manchmal das Gefühl haben, auf dem heimischen Sofa würden sie von der einen oder anderen Sprungfeder gequält.