Mitmenschlichkeit ist nicht gratis zu haben

Der Roman Die Stimme von Jessica Durlacher stellt den Leser vor die Frage: Wie weit würde man selber gehen, jemandem in Not zu helfen? Brächten wir heute den Mut auf, uns gehen Naziterror aufzulehnen? Gegen fanatische Islamisten? Einen Verfolgten zu verstecken? Was getrauen wir uns zu sagen, zu tun gegen Demagogen, selbsternannte Propheten, Umweltzerstörer, Kriegstreiber, Politiker, die ohne zu zögern und für den eigenen Vorteil demokratische Prozesse aushebeln, ihr eigenes Volk beschiessen, mit Atomwaffen drohen? 

Es gäbe viele Fronten, an denen es sich zu engagieren lohnen würde. Aber nicht immer ist so ein Einsatz von Erfolg gekrönt. Davon können manche ein Liedchen singen, sie sich voller Tatendrang ­– und Illusionen – eines Flüchtlings annahmen. Mitmenschlichkeit ist offenbar nicht gratis zu haben. 

Die Story:

Die charismatische somalische Muslima Amal kommt als Haushalthilfe in die jüdische, niederländische Familie von Zelda und Bor. Zelda und Bor waren mit ihren Kindern beim Angriff auf die Twin Towers in New York hautnah mit dabei. Der Ereignis hat tiefe Wunden hinterlassen.

Dieses Setting bringt einiges an Spannung mit sich. Die Autorin Jessica Durlacher lässt Zelda erzählen. Am meisten beeindruckt hat mich die gnadenlose Offenheit, mit der sie die inneren Zustände Zeldas seziert: Da ist einerseits ihre Skepsis gegen Muslime, anderseits ihr innerer Kampf gegen die eigenen Vorurteile. Dazu kommt, dass Amal nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine begnadete Sängerin ist. Zelda möchte ihr gerne zu Erfolg verhelfen. Allerdings muss sie sich die Frage stellen: Geht es ihr wirklich um Amal? Ist es nicht vielmehr so, dass sie sich deshalb in die Mission «Erfolg und Freiheit für Amal» stürzt, um sich als guter Mensch zu fühlen? Oder damit Amal ihr Haus verlässt?

Es ist nicht unbedingt so, dass einem Zelda beim Lesen sympathisch ist. Vielmehr wirkt sie verwöhnt, anspruchsvoll, egoistisch. Auch blind, wenn es um ihren ältesten Sohn geht, abwesend und kühl, wenn es um Bor geht. Dennoch geht man mit dieser Figur mit. Das liegt daran, dass sie sich ihrer Fehler bewusst ist, aber kaum weiss, wie sie dagegen ankämpfen kann. Oder Zweifeln, Neid und Ängsten ausgesetzt ist.  Oder an kulturelle Grenzen stösst.

Die Geschichte endet dramatisch, nachdem Amal in einer Fernsehsendung sich von ihrem Kopftuch befreit und damit ins Kreuzfeuer islamistischer Fanatiker gerät. Zeldas Familie zahlt einen hohen Preis für ihre Mitmenschlichkeit.

Autorin: Jessica Durlacher

Titel: Die Stimme, Roman, Aus dem Niederländischen von Annelie Bogener

Verlag:  Diogenes, 2022, gebunden, 495 Seiten

ISBN 978-3-257-07185-6, 25 Euro/28 Franken

Kurz zusammengefasst: Eine singende Muslima mit Kopftuch in einer modernen jüdischen Familie. Beide Seiten haben ihre Geschichte und sind von ihr geprägt. Ein Roman, der Mitmenschlichkeit, gegenseitiges Unverständnis, kulturelle Unterschiede, das Kämpfen gehen innere und äussere Dämonen schonungslos thematisiert.

Für wen: Jene, die sich schon mal gefragt haben, ob sie in einem Terrorsystem ihr Leben oder das ihrer Familie riskieren würden. 

Das Leben auf Hochglanz

Wer wie ich gerne koreanische Filme schaut, dem sind sie schon begegnet: diese makellos glatten Gesichter, diese Barbies, durchgestylt, massiert, in Form gebracht von den Haarspitzen bis zu den Zehennägeln, gekleidet in hautenge Kostüme, die eigentlich nichts anderes tun, als das Fehlen jeglicher Speckröllchen zu betonen. In den Filmen selber wird gecremt und geschmiert, was das Zeug hält. Selbst Grossmütter versuchen, mit Dreissigjährigen mitzuhalten und werden gelobt, wenn sie – von hinten – wie solche ausschauen. Natürlich haben die Filmfiguren auch einen tollen Job in einer der «grossen Firmen». Daneben schlemmen, feiern und trinken sie wacker Soju –  und das nicht zu knapp. 

Beim Zuschauen kommt einem bald der Verdacht, bei diesem ganzen schönen Schein gehe es nicht mit rechten Dingen zu und her. Allein schon die Frage, wie das alles –Schönheitspflege, Job, Familie, Feiern – zeitlich aufgehen soll, überfordert mich. Und gibt es denn in Korea nur schöne Menschen? In den Filmen kommen auch ein paar übergewichtige Figuren vor: Fischverkäufer, Bäuerin, alte Jungfer. Erfolglos. Ungebildet. Selber schuld. Hätten sich ja mehr bemühen können. Kinder werden behandelt wie kleine Erwachsene: auf Leistung in der Schule getrimmt, Tränenvergiessen kommt nicht in Frage. Mit Spott überschüttet wird, wenn sich so ein Kind kindlich benimmt.

Filme und Romane entspringen der Phantasie, könnte man einwenden. Doch ich behaupte: die Phantasie nährt sich aus dem, was die Augen beobachten und spiegelt demnach die Realität.

Und damit wäre ich bei dem Roman von Frances Cha, der dieser Tage beim Unionsverlag unter dem Titel Hätte ich dein Gesicht erscheint. Die Autorin lebt zwar in Amerika und Seoul. Wer ihren Lebenslauf googelt, entdeckt auch das Bild einer schönen Frau, die einer koreanischen Serie entsprungen sein könnte. Oder eben dem entspricht, was heutzutage Verlage suchen: junge Frau mit Sexappeal, die schreiben kann und von der man durchaus noch ein paar Bücher erwarten darf.

Im Roman Hätte ich dein Gesicht taucht der Leser ein in das Leben von Ara, Kyuri, Sujiin, Miho und Wonna. Fünf noch junge Frauen auf der Suche nach einem Weg, ein wenig glücklich zu werden. Ara stammt aus einfachsten Verhältnissen. Sie ist nach einem Überfall verstummt und wird demnach als behindert betrachtet. Kyuri arbeitet in einem Room Salon. Sie trinkt nächtelang mit Männern, sie ist gesundheitlich angeschlagen, das Geld rinnt ihr durch die Finger. Ihr ganzes Glück sind die Handtaschen, die ihr ihre Stammkunden gelegentlich schenken. Sie ist verliebt in Bruce, einen Kunden. Auch ihre Freundin Sujin möchte in einem Room Salon arbeiten, doch die Augen-OP, die sie sich hat machen lassen, ist nicht geglückt. Das hält sie aber nicht davon ab, sich auch den Rest ihres Gesichts zurechtmeisseln zu lassen. Um diesen Schritt zu machen, muss sie sich aber blind stellen, sonst würde sie die Verzweiflung in den Augen ihrer Freundin Kyuri sehen. Miho wiederum ist Künstlerin und hat sich in einen reichen Mann verliebt. Seine Familie wird sie nie als Schwiegertochter akzeptieren. Wonna ist verheiratet. Allerdings hat sie Mühe ein Baby zu bekommen. Dies belastet sie und ihre Ehe.

Frances Cha beschreibt eine Gesellschaft, in welcher Aufstieg zwar erwünscht, ja geradezu gefordert wird. Erfolg ist jedoch an allerhand Bedingungen geknüpft. Ein geradezu unmenschlicher Fleiss ist das eine. Doch der nützt wenig, wenn jemand nicht die richtigen Schulen besucht, die richtigen Beziehungen oder Familienbande plus Geld hat. Zweite Bedingung ist eine makellose Erscheinung nach einem geradezu unmenschlichen Schönheitsideal. Drittens der Wille, sich zu unterwerfen: der Firma, dem Chef, den Gebräuchen, den Männern. Codes sind allgegenwärtig. Über das was schief läuft oder laufen kann, wird nicht gesprochen. Fehler gehören nicht an die Öffentlichkeit, noch nicht einmal in den Freundeskreis. Und wo Probleme verschlossen werden, kann auch keine Frage auftauchen, wie man die Dinge ändern, verbessern könnte. So strampelt jeder und jede vor sich hin. 

Wie einsam so ein Leben inmitten einer Grossstadt wie Seoul sein kann, zeigt Frances Cha in ihrem Roman auf. Sie lässt jede ihrer Figuren einzeln zu Wort kommen. Schicksale tun sich auf, die sprachlos machen. Doch, manchmal ist auch Freundschaft zu spüren, doch letztlich ist die Tristesse der fünf Frauen überwältigend. Die Geschichte lässt offen, wem es gelingt, sich zu einem glücklicheren Leben durchzuwursteln. Man kann nur hoffen, die fünf Frauen finden einen Weg, die Fesseln abzuschütteln und gemeinsam der rigiden Gesellschaftsordnung eine lange Nase zu drehen.

Autorin: Frances Cha

Titel: Hätte ich dein Gesicht, Roman, übersetzt aus dem Englischen von Nicole Seifert

Verlag:  Unionsverlag, 2022, gebunden, 285 Seiten

ISBN 978-3-293-00586-0, 23.­– Euro/31 Franken

Kurz zusammengefasst: Das perfekte Gesicht, den perfekten Körper, die perfekte Familie, den perfekten schulischen Abschluss, den perfekten Job. Danach strebt in Seoul jede und jeder. Aber Gott macht bei der Verteilung der Gaben Fehler. Diese Fehler müssen ausgebessert werden. Nur dann gelingt es: das perfekte Leben.

Für wen: Alle, die schon mal von einer Schönheits-OP gedacht haben, aber sie sich nicht leisten können. 

Retour du jour/ Concarneau, 17. Juni 2022

30 Grad, kein Schatten

Gerade ist Stillstand. Abends wächst einem das Meer bis in den Kopf, schickt Gerüche von verspiesenem Getier, von Algen, auch von Staub und süss blühenden Büschen. Auf der hölzernen Pietà legt sich die Zeit zur Ruhe; wieder ein Tag schwimmt mit den blauen Sardinen davon. Wie gut das wäre, im Schwarm zu tauchen. Flossen müsste man haben, die Kühle des Wassers würde man lieben, heisse Tränen könnte man vergiessen, auf dass sich der Atlantik erbarmt.

Retour du jour, Concarneau 13. Juni 2022

Sonntags in Beg Meil

Blickdicht gemachte Herrlichkeit 

reinweisse Pracht, dekoriert

von ausgedehntem Grün

Hier gibt keiner was her –

schon gar nicht fürs Auge –

als wäre Hergeben unschicklich

Hier spart kein Schlossherr an

Maschendraht plus Kameras

gegen égalité, fraternité

Liberté steht als Wolke am Himmel

sitzt – ganz vulgär – beim Picknick 

klettert über Felsen

duftet nach Sonnenöl

verpasst die Wahlen

baut Sandburgen

und jauchzt beim Sprung

ins Meer, spart nicht 

beim Café Gourmand

Touristenfalle / Concarneau 11. Juni 2022

Trotz Regen den Schildern nach

hinter jeder Kurve ein Rätsel

ellenlang verwirrt

trompé du chemin

weder Kuh noch Mensch

in Gegenrichtung sumpfig, lange

Grashalme streifen Tropfen ab

Dann endlich: Tourc’h

ein Markt, der nicht hält 

was der Prospekt verspricht

Retour du jour/ Concarneau, 6. Juni 2022

Was ich noch hören kann

Das Geschlenker der Weidenäste im Wind und

wie die Kathedrale sich in den Himmel tänzelt

Den Herzschlag der Eichen

den Mittagstraum des Geissblatts

Das nächtliche Klopfen in den Beinen

das Kleinerwerden der Wünsche 

Das Rascheln von Wundertüten

Hier stinkt es nach Pest, dort duften Rosen

Wer diesen Blog aufmerksam verfolgt, weiss, dass ich eine eifrige Orhan-Pamuk-Leserin bin. Keine Frage, dass ich mir auch Die Nächte der Pest bestellt habe. Den Roman um eine Pestepidemie auf einer Mittelmeerinsel und die dazugehörigen Irrungen und Wirrungen haben wir offenbar der Hellsichtigkeit des Autors zu verdanken, der seinen Pest-Roman offenbar noch vor der Corona-Pandemie geschrieben hat. Leider scheint mir das Werk nicht durchgehend geglückt. Und das liegt nun wirklich nicht daran, dass wir mit den Reaktionen der menschlichen Spezies auf Seuchen in den letzten Jahren sattsam Bekanntschaft gemacht haben. Und diese Reaktionen, so viel sei verraten, präsentiert uns der Autor in allen Einzelheiten und ziemlich vergnüglich auf dem Seziertisch.

Insgesamt gesehen handelt der Roman vom puren menschlichen Irrsinn, wie wir ihn tagtäglich sehen, der sich aber besonders in Krisenzeiten rasant vervielfältigt. Angesichts der Hilflosigkeit der Menschen während einer Epidemie wenden sich einige der Religion zu, in der Hoffnung, Gott werde es schon richten. Andere wiederum mögen lieber Verschwörungstheorien und finden schnell Schuldige. Die Politiker wedeln derweil heisse Luft von hier nach dort. Indessen suchen manche ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen und sich selbst in Sicherheit, das heisst, sie verteilen die Bakterien frischfröhlich in der Gegend. Vernünftige Massnahmen werden angezweifelt, Sachverständige demontiert, Blockaden überwunden, Nationalismus feiert Hochkonjunktur und Personen, die sich bisher durch nichts hervorgetan haben, werden plötzlich aus dem Untergrund nach oben gespült und zu Helden hochstilisiert. Unterdessen spielen die Mächtigen ihre Machtspielchen. 

Das alles dauert so lange, bis es dem Bakterium zu blöde wird – oder es keine Opfer mehr findet. 

Pamuk entwirft auf seiner erfundenen Insel Minder, die zum osmanischen Reich gehört, einen in sich geschlossenen, detailreich und oftmals heiter dargestellten Mikrokosmos all dessen. Einige Protagonisten kommen einem bekannt vor, auch wenn der Roman zu Anfang des 20. Jahrhunderts spielt und zu weiten Teil Fiktion ist. Ganz und gar nicht fiktiv ist allerdings, dass die Pest zu jener Zeit ausgehend aus Asien bis nach Europa gelangte. Ein Heilmittel gegen das Pestbakterium gab es keines, Antibiotika wurden erst viel später entdeckt. 

Ich schätze es, wenn Pamuk den Demagogen ein wenig auf den Füssen rumtrampelt. Es braucht Literaten seines Formats, wenn es um die Wahrheit geht, die sich sonst keiner zu sagen getraut. Das Buch hat übrigens den Herren, die in der heutigen Türkei das Sagen haben, mächtig missfallen, so dass der Autor wegen der Verhöhnung des türkischen Staatsgründers Atatürk angeklagt wurde. Es ist natürlich klar, dass es bei dieser Anklage am allerwenigsten um Atatürk geht, sondern darum, wie die heutige Türkei mit Pressefreiheit und Meinungsvielfalt umgeht. Nämlich mit Humorlosigkeit, Repression und tollkühnen Anklagen. Gerade so, wie es die Regierenden in Pamuks Roman halten. In diesem kommen neben erfundenen Figuren auch wahre Personen vor, unter anderem der Autor selbst. Wahrheit, Fiktion: für den Leser ist das Einerlei, sofern er im Geschriebenen Bezüge zu seinem Leben herstellen kann. Und darin ist Pamuk ein Meister. 

Dass Orhans Pamuk das Risiko einer Anklage immer wieder trägt, ist ihm hoch anzurechnen.

So weit so gut. Jetzt stellt sich einfach die Frage, wo ich denn Schwierigkeiten mit diesem Roman hatte. Kurz gesagt: Längen, zu viele Wiederholungen, Unlogik. Der Roman baut auf Briefen auf, die eine osmanische Prinzessin täglich an ihre Schwester schreibt. Die Prinzessin sitzt mit ihrem Gatten, einem Seuchenspezialisten, auf Minder fest. Sie beschreibt in ihren Briefen, wie es auf der Insel während des Pestausbruchs (keiner darf die Insel verlassen) zu- und hergeht. Es gibt aber keine Post- oder Telegrafenverbindung, weil im Zuge des allgemeinen Wahnsinns eine Revolution ausbricht und sich die neue Regierung vom osmanischen Reich lossagt. Erzählt wird die Geschichte aber nicht von der Prinzessin selber, sondern von ihrer in Minder Historie bewanderten Urenkelin, die wiederum … aber nein, hier wird es einfach zu umständlich. 

Die Hauptstadt von Minder stellt Pamuk in den blühendsten Farben dar: An jenen Ecken stinkt es nach Pestbeulen, an anderen duften Rosen. Doch wenn die Pferde die schwere Kutsche mit der Prinzessin zum gefühlt hundertsten Mal die steilen Strassen hochziehen, dann weiss ich nicht, soll ich mit den Pferden oder mit mir als Leserin mehr Erbarmen haben. Ja, und dann gibt auch noch einen Mord ganz zu Anfang des Buches, der auch eine Rolle spielt, dann aber ziemlich enttäuschend aufgelöst wird, was irgendwie auch nicht mehr draufankommt, weil sowieso schon der Grossteil der Protagonisten der Pest anheimgefallen und beerdigt ist.

Insgesamt ein pamuksches Lesevergnügen, dem ein paar Seiten weniger nicht geschadet hätten.

Autor: Orhan Pamuk

Titel: Die Nächte der Pest, aus dem Türkischen übersetzt von Gerhard Meier

Verlag:  Hanser, 2022, gebunden, 696 Seiten

ISBN 978-3-446-27084-8, 30.­– Euro/42.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Das osmanische Reich kollabiert, da bricht auf Minder, einer Insel die zum Reich gehört, die Pest aus. Es werden Fachleute entsandt, die die Seuche unter Kontrolle bringen sollen, doch der Verantwortliche wird ermordet. Die Massnahmen der Regierung werden hintertrieben, der Gouverneur reagiert mit Härte. Auf Aktion folgt Gegenreaktion, eine Revolution bricht aus. Unterdessen hat der Pestbazillus freies Spiel. Weitgehend vergnügliche Seuchenparabel. 

Für wen: Für alle, die schon immer etwas über Seuchen wissen wollten und wie man sie nicht bekämpfen kann.

Möwen, Kormorane, Wandervögel und weit und breit kein Kommissar Dupin

Es wird wohl in diesem Blog wieder mal Zeit, über Bücher zu reden. Gerade liegt mir die Bretagne sehr am Herzen und der weisse Strand von Concarneau zu Füssen. Vielleicht zieht es ja den einen oder anderen von euch hierher. Doch auch wenn ich in Concarneau bin, bedeutet das nicht, dass ich nun Commissair Dupins Abenteuer erwähnen werde. Und ebenso werde ich euch nichts über Merlin und König Artus erzählen. 

Wer reist, braucht einen Reiseführer. Vor mir liegen zwei. Beide haben dieselben Autoren (Beckmann/Potting), was wohl ein Zufall ist, habe ich beide Bücher doch geschenkt bekommen.

Ville close Concarneau

Glücksorte in der Bretagne beschreibt 80 Orte, die glücklich machen sollen. Ein paar von ihnen habe ich besucht und fand sie durchwegs reizvoll und jede Mühe wert. Die Beschreibungen in Glücksorte in der Bretagne haben jeweils auf einer Seite Platz, was Lesefaulen entgegenkommt. Ergänzt wird der jeweilige Vorschlag durch ein Ganzseitenbild. Geht man auf dem Chemin des Douaniers, kommt man automatisch an einigen der vorgestellten Reiseziele vorbei, so an den rosa Granitfelsen zwischen Perros und Guirec oder der Île Grande, wo es noch Überreste des Granitabbaus zu bestaunen gibt. Andere Glücksorte liegen einen kurzen Abstecher vom Zöllnerweg entfernt, wie das verwunschene Vallée de Trouaiero oder die vermeintlich schneebedeckte Insel (Sept Îles), ein Vogel- und Naturschutzgebiet, das jeden zum Staunen bringt. Morlaix, die Stadt, die unter einer Eisenbahnbrücke liegt, ist so oder so einer Reise wert, und mit etwas Glück startet bei einem Besuch der örtliche Segelverein zu einer Regatta. Alle diese Orte und viele mehr beschreibt die Autorin anschaulich in diesem Büchlein. Ergänzt wird das Buch mit einer rudimentären Bretagne-Karte, wo die einzelnen Spots eingezeichnet sind. Leider folgt die Nummerierung der Glücksorte keinem System oder einer Reiseroute, so dass man als Glücksucher wacker suchen und blättern muss. Mehr ein Buch zum Gluschtigmachen, denn ein praktischer Führer.

Das zweite Buch heisst Küstenwandern in der Bretagne und befasst sich vorwiegend mit dem oben erwähnten Chemin des Douaniers (auch GR34 bezeichnet). Der Weg beginnt in St.Malo (auch ein Glücksort, allerdings besser nicht zur Hauptreisezeit) und führt mehr oder weniger der ganzen bretonischen Küste entlang: durch Eichen- oder Zypressenwald, vorbei an Stechginsterhängen, mal an herrlichster Aussichtslage, mal durch bewohntes Gebiet und dann wieder vorbei an Felsen oder unter schattigen allees vertes. Wer den ganzen Weg abwandern möchte, sollte sich ein paar Monate freischaufeln. Das Team Beckmann/Potting hat in seinem Führer ein paar der schönsten Strecken beschrieben. Was das Buch aber besonders kostbar macht, sind die Informationen, die rund um die Eigenheiten der Bretagne geliefert werden. Dagmar Beckmann hat auf ihren Wanderungen viel recherchiert zu Themen wie Algenernte, Muschelzucht, Strandverschmutzung durch Tankerunfälle, Seenotrettung oder Leuchttürme. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Ebbe und Flut: die Autorin beschreibt spannend, anschaulich und informativ. Mit diesem Buch kommen alle auf ihre Rechnung, die mehr über ihre Urlaubsziele erfahren möchten. Die Themen richten sich nach den jeweiligen Küstenabschnitten ihrer Touren. Eine grobe Bretagnekarte im Umschlag ergänzt das Buch. Manko: Ein Stichwortverzeichnis wäre eine hilfreiche Ergänzung.

Ein Reisetipp für alle, die in der Bretagne wandern wollen: Eine Wanderkarte in kleinem Massstab ist äusserst hilfreich. Als Schweizer gewöhnt man sich zwar nach einigen Tagen an die zurückhaltende Auszeichnung der Wanderwege, das heisst aber noch lange nicht, dass man vor Irrwegen gefeit ist. Grosse Ausnahme ist der GR34, der nicht nur tipptopp in Schuss ist, sondern auch ebenso ausgeschildert.

Buch: Küstenwandern in der Bretagne, Entdeckungstouren auf dem Zöllnerpfad

Autoren: Dagmar Beckmann/Christoph Potting

Verlag:  Rotpunktverlag, 2. Auflage 2020

ISBN 978-3-85869-881-0, 29 Euro

Für wen: Genusswanderer oder Kilometerfresser

Buch: Glücksorte in der Bretagne

Autoren: Dagmar Beckmann/Christoph Potting

Verlag:  Droste, 2021

ISBN 978-3-7700-2205-2, 15 Euro

Für wen: Reisende mit Glückgarantieansprüchen

Auf der Île Grande

Retour du jour, Concarneau, 30. Mai 2022

«Oh mon Dieu», ruft Madame. Sie sitzt auf ihrem Plastikstuhl im Schatten des Hauses und wartet auf ihre Spatzen und dass einer auf eine Plauderei vorbeikommt. 

«Oh mon Dieu», ruft sie entsetzt, als ihr jemand erzählt, jener Mann dort spreche ihre Sprache nicht.

Die Spatzen sprechen auch kein Französisch, aber sie mögen Bisquits.

Madame ist über neunzig und wohnt au cinquième unter dem Dach. Die Treppe hoch, aber Meerblick. Seit vierzig Jahren. «Oh mon Dieu.»

«Oh mon Dieu», heute kommt die Dame von der Altenbetreuung zu spät. Madame verkürzt sich das Warten mit ein paar Schritten auf dem Parkplatz.

Madames Schultern schmerzen vom vielen Gehen gestützt auf ihren Stock. «Oh mon Dieu.»

Wenn Madame den Lift in den vierten nimmt, dann nur in Gesellschaft. Ein Kavalier findet sich immer.

«Oh mon Dieu.»

Retour du jour, Perros-Guirec 29. Mai 2022

Rückblick

Eines Abends

bei haute maree

spielte die grosse Meeresorgel

rollte Steine 

riss mit sich

nahm ins Gebet

schliff, besserte aus 

schlug den Rhythmus 

an die Hafenmauer

wühlte auf, donnerte

erbrach sich

warf uns Gischt

in die erstaunten

Visagen

Wir hatten ja keine Ahnung –