Se non è vero, è ben trovato

Es gibt sie also noch: Bücher, die einem so richtig mit sich nehmen, so dass man seine Augen gar nicht mehr von den Seiten losreissen möchte. Der Roman Sein Sohn von Charles Lewinsky hatte auf mich jedenfalls diese Wirkung: eine Geschichte voller spannender, witziger, intelligenter Figuren; eine Handlung, basierend auf wenigen geschichtlich verbürgten Tatsachen, ausgeschmückt so bunt und abwechslungsreich, dass es eine wahre Freude ist, eine Fabulierkunst, auf die man neidisch werden könnte, und dazu jede Menge Lebensgefühl des 19. Jahrhunderts. Romantische Schäferszenen oder Szenen hinter Biedermeier-Vorhängen sind nicht zu erwarten. Dafür eignet sich weder Lewinskys nüchterner Ton, noch würden die Figuren und die Szenerien, in denen sie sich bewegen, dazu passen. Man sollte wohl eher in Richtung Realismus denken – und das nicht zu knapp.

Worum geht es?

Über seine Herkunft weiss der elternlose Louis Chabos, grob. 1794, nichts. Im Waisenhaus, in welchem er aufwächst, ist er einer der Schwächsten. Sein französischer Name ist auch nicht gerade hilfreich. Seine unkomfortable Lage ändert sich etwas, als er mit zwölf «kein Kind mehr» ist und von einem Marchese als Diener ausgebildet wird. Denn hier lernt er, wie man sich in einer grausamen Welt behauptet. Louis Lehrzeit nimmt ein abruptes Ende, er stromert durch die Gegend, kommt ins Gefängnis, weil er einen Apfel gestohlen hat und zieht schliesslich mit Napoleons Armee gegen Russland. Den Feldzug überlebt er wundersamerweise, allerdings mit einer halben Hand weniger. Louis macht sich nun auf die Suche nach seinen Eltern und kommt so nach Reichenau und in die Bündner Herrschaft. Seine Mutter findet er in einer Einrichtung für Geisteskranke. Der einzige Mensch, der ihm jetzt noch sagen könnte, wer sein Vater ist, schweigt. Nach Jahren hat Louis einen Platz in Zizers gefunden, er hat eine Familie, ein gutes Auskommen. Doch die Suche nach seinem Vater lässt ihm keine Ruhe. In den Schriften seines Gönners findet er die Antwort, die er sucht: Sein Vater ist der König der Franzosen, Louis-Phillippe. Louis macht sich umgehend auf den Weg nach Paris. 

Louis, die Hauptfigur, bewegt sich als Habenichts unter den einfacheren Menschen. Sie wissen: Das Leben und die Mitmenschen sind ungnädig. Fast jeder hat damit zu tun, sich über Wasser zu halten. Die Lebensweisheiten sind dementsprechend, es ist wenig Platz für Mitgefühl. So sagt beispielsweise der Sergent, bei dem Louis seine Armeeausbildung erhält:

«Beim Zirkus geht man über das hohe Seil und kommt auf der anderen Seite an. Oder man verliert das Gleichgewicht und ist tot. Entweder oder. Etwas Drittes gibt es nicht. Applaus oder Totenmesse. Der Zuschauern ist es egal. Sensation ist Sensation. Dafür sind sie gekommen. Auf dem Schlachtfeld bekommt ihr keinen Applaus. Da ist es besser, ihr sterbt hier vor Erschöpfung.»

Doch nicht nur vom Sergent lernt Louis, dass die Welt ein Zirkus ist. Sein erster Lehrmeister, der Marchese, hat ihm folgendes beigebracht:

«Wenn du einen König beeindrucken willst, verneig dich weniger tief als die anderen. Merk dir das. Von denen mit der Nase am Boden kennt er genug.»

Louis ist gelehrig. Die Merksätze seiner Lehrmeister bleiben ihm im Kopf. Doch keiner von ihnen hat ihm beigebracht, was man mit einer Leerstelle, hinterlassen von Eltern, die nichts von ihm wissen wollten und die ihn in einem Waisenhaus abgegeben haben, anfangen soll. Und so ist Louis getrieben von der Frage, was das wohl für Eltern sein müssen. Für die Antwort auf sein Suchen verlässt er sogar seinen sicheren Familienhafen in Zizers. Anstelle eines königlichen Vaters, der ihn mit offenen Armen empfängt, wartet in Paris weit Unangenehmeres auf den Suchenden. 

Autor: Charles Lewinsky

Titel: Sein Sohn, Roman

Verlag: Diogenes, 2022, gebunden, 368 Seiten

ISBN 978-3-257-07210-5, 25.­– Euro/28.20 Franken

Kurz zusammengefasst: Temporeich, farbenfroh, klug und mit beiden Füssen lebensnah im 19. Jahrhundert: Dieser Roman lässt kaum einen Wunsch offen. Das Waisenkind Louis kommt auf derabenteuerlichen Suche nach seinem royalen Vater über Mailand, Russland, die Schweiz bis nach Paris. Manche Figuren im Roman gab es tatsächlich, die Romanhandlung: Se non è vero, è ben trovato. 

Für wen: Wunderbare Unterhaltung mit Tiefgang, ist wüsste keinen, dem das nicht gefallen würde.

Vom Gefühl, immer am falschen Platz zu sein

Zusammenkunft verspricht ein Roman über das britische Klassensystem zu sein, das für jemanden, der nicht über den exklusivsten Familienhintergrund, die richtige Haut- und Haarfarbe und männliche Geschlechtsorgane verfügt, recht brutal ist, ganz egal, wie gut seine schulischen und beruflichen Leistungen sind. Tatsächlich ist es auch eine Geschichte, die einem ziemlich an die Nieren geht und in eine depressive Stimmung katapultieren kann.

Die britische Autorin Natascha Brown beinelt die Probleme ihrer Hauptfigur – einer jungen, klugen, ehrgeizigen Frau mit jamaikanischen Wurzeln und dunkler Hautfarbe – schonungslos auseinander. Die Hauptfigur spricht dabei aus ihrer Sicht. Und diese Sicht ist eine nüchtern-analytische, so wie man sie von jemandem erwarten würde, der in der Londoner Hochfinanz tätig ist. Ihre Eltern sind Immigranten aus der sogenannten Windrush-Generation. Sie wurden einst aus ihrer Heimat geholt, um in England zu arbeiten. Später hat man diesen Menschen ihre Staatsbürgerschaft wieder aberkannt, sie als illegale Immigranten betitelt und wieder abgeschoben. 

Das erzählende weibliche Ich hat auf den ersten Blick viele Vorzüge auf seiner Seite: Der Ehrgeiz, der sich aus dem Willen nährt, es gerade trotz der Herkunft zu schaffen, hat die junge Frau in eine gute Stellung gebracht; ihr liebevoller Freund stammt aus allerbester englischer Familie und steht trotz entsprechender Traditionen hinter ihr; sie hat genügend Geld, um sich eine Wohnung an guter Londoner Lage zu leisten und sich unabhängig zu fühlen. Dennoch ist die kolonialistische Geschichte Englands und die daraus resultierende Arroganz seiner «Ureinwohner» allgegenwärtig. Ebenso unerbittlich, wie die junge Frau ihre Umgebung beobachtet und analysiert, so betrachtet sie auch sich selbst. In ihrer Welt ist nichts, aber auch gar nichts sicher. Selbst jedes freundliche Wort wird zur Speerspitze oder trieft vor Falschheit, aus jeder Kritik spricht Frauen- gepaart mit Rassenhass. Das Leben, das sie führt, laugt sie aus:

Ich fühle. Natürlich fühle ich.

Ich habe Emotionen.

Aber ich versuche die Ereignisse so zu betrachten, als würden sie jemandem anderen passieren. (…) Um mich selbst zu schützen, spalte ich mich ab.

Die Frau landet irgendwann in einer Artzpraxis. Die Diagnose ist vernichtend. Ihr Entscheid, sich nicht behandeln zu lassen, mag einerseits aus ihrer Perspektive verständlich sein. Anderseits habe ich mich beim Lesen gefragt, ob ich eine solch depressive Haltung überhaupt verstehen kann oder will. Wie kann ein wie es scheint unbeugsamer und gerade deshalb erfolgreicher Mensch sich in einer Art Trotzreaktion für den Tod entscheiden? Immerhin lässt der letzte Satz des Buches so etwas wie ein Fünkchen Hoffnung.

Was ich an dem Buch mochte: die verdichtete Erzählweise, die äusserst kluge Auseinandersetzung mit der kolonialistischen Geschichte Grossbritanniens, die Auswirkungen von Sklaverei, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung auf Denken und Fühlen der Betroffenen und deren Nachkommen. All das wirklich erhellend. 

Die Geschichte ist in kurze Abschnitte gegliedert, scheinbar absichtslos angeordnet, so dass sie mich an die Arbeit eines Gehirns erinnern, das mal in seinen Gedanken von hier- nach dorthin hüpft.  Dennoch habe ich beim einen oder anderen Abschnitt nicht herausgefunden, was er überhaupt mit der Geschichte zu tun hat.

Insgesamt gesehen bin ich doch etwas enttäuscht von diesem Werk, wirkt der Text auf mich doch ziemlich larmoyant. Und ja: Als blasshäutige Frau habe ich nie Rassenhass am eigenen Leib gespürt. Ich bin aber schon subtiler oder weniger subtiler Frauenverachtung begegnet. Und was Dünkel ist und Augenverschliessen vor unbequemen Wahrheiten, weiss ich auch. Dennoch bin ich voller Hoffnung, dass sich die Dinge nach und nach (oder noch langsamer) ändern werden: Eben genau indem Frauen jeder Couleur sich in Managementpositionen begeben. Werden sie eben angefeindet, schlecht geredet, als Quotenfrauen geschimpft: So what? Die Welt ist brutal, herzlos, unfair. Jedenfalls für die meisten. Ändern wir sie halt, indem wir dem entgegenarbeiten und aufhören zu jammern. 

Dass man das Thema Rassismus auch total anders angehen kann, zeigt mir gerade der Roman Linden Hills der amerikanischen Autorin Gloria Naylor auf. Doch davon in einem nächsten Blogbeitrag.

Autorin: Natasha Brown

Titel: Zusammenkunft, Roman, Aus dem Englischen von Jackie Thomae

Verlag:  Suhrkamp, 2022, gebunden, 114 Seiten

ISBN 978-3-518-43046-0, 20.­– Euro/24.70 Franken

Kurz zusammengefasst: Eine schwarze Frau arbeitet erfolgreich in der Londoner Hochfinanz. Jahrelange Selbstausbeutung und die Konfrontation mit alltäglichem Rassismus und Frauenverachtung fordern ihren Tribut. Und immer gegenwärtig: die Geschichte Englands als Kolonialmacht und die heutige Haltung von Mensch und Staat gegenüber Nicht-Weissen. 

Für wen: Erhellend für jene, die noch nichts über die Windrush-Generation gehört oder gelesen haben. 

Mit Gesichtsmaske in Athen unterwegs

Petros Markaris hat für seinen neuesten Kostas-Charitos-Fall Verschwörung die Stimmung in Athen während des Corona-Lockdowns gewählt. Dass die belastende Situation des Eingeschlossenseins mit all ihren verstörenden Nebenwirkungen den Weg in die Literatur finden würde, war sofort klar. Der Gedanke der Umsetzung des Themas in Form eines Krimis allerdings wirkte auf mich im ersten Moment ungewöhnlich. Allerdings fand ich dann in Verschwörung noch ganz andere gesellschaftliche Themen angeschnitten. 

Zum Inhalt: Geschäfte und Restaurants sind zu, zahlreiche Menschen in Athen wissen buchstäblich nicht, wovon sie leben sollen. Kostas Charitos, Hauptkommissar bei der Mordkommission in Attika, wird plötzlich mit ungewöhnlichen Selbstmorden konfrontiert – dies in einer Zeit, in der selbst Athens Mörder im Lockdown zu sein scheinen und man die Zeit in Athens Mordkommission mit Däumchendrehen verbringt. Viel lieber als zu ermitteln, würde Charitos sich um seinen Enkel kümmern und sich von seiner Gattin bekochen lassen. Doch zu den Selbstmorden kommt plötzlich ein Überfall auf einen Impfstofftransport. Der Fahrer des Transporters kommt dabei zu Tode. Charitos ermittelt in Milieus, die gegensätzlicher nicht sein könnten: auf der einen Seite einst engagierte, nun desillusionierte Altsozialisten, auf der anderen junge, agile Aktivisten der Corona-Leugner-Szene. 

Links gegen rechts; Arme gegen jene, die aus jeder Krise einen Gewinn ziehen; betagt und der Gesellschaft verbunden versus jung, gut ausgebildet, aber mit Mangel an Herzensbildung: der Krimi thematisiert die Gegensätze, welche sich durch Gesellschaft, Familien, Arbeitswelten ziehen. Dies mit viel griechischem Lokalkolorit und Gesichtsmaskenatmosphäre.

Autor: Petros Markaris

Titel: Verschwörungein Fall für Kostas Charitos, Krimi, Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger

Verlag:  Diogenes, 2022, gebunden, 277 Seiten

ISBN 978-3-257-07212-9, 25.­– Euro/34.– Franken

Kurz zusammengefasst: Krimi à la grec, Athen während des Lockdowns. Erst gibt es eine seltsame Selbstmordserie, dann werden Impfstofflieferungen vernichtet. Kommissar Kostas Charitos muss sich mit gnadenlosen Verschwörungstheoretikern, depressiven Altsozialisten und einem nervös gewordenen Minister herumschlagen. Er tut dies ohne Hetze und indem er Familie und Freunde zu Rate zieht.

Für wen: Ffür alle, die nackte Brutalität und Action langweilig finden und dafür mehr mit Familie, Lokalkolorit, unaufgeregten Ermittlungen und beinahe liebenswerten Bösewichten anfangen können.

Mitmenschlichkeit ist nicht gratis zu haben

Der Roman Die Stimme von Jessica Durlacher stellt den Leser vor die Frage: Wie weit würde man selber gehen, jemandem in Not zu helfen? Brächten wir heute den Mut auf, uns gehen Naziterror aufzulehnen? Gegen fanatische Islamisten? Einen Verfolgten zu verstecken? Was getrauen wir uns zu sagen, zu tun gegen Demagogen, selbsternannte Propheten, Umweltzerstörer, Kriegstreiber, Politiker, die ohne zu zögern und für den eigenen Vorteil demokratische Prozesse aushebeln, ihr eigenes Volk beschiessen, mit Atomwaffen drohen? 

Es gäbe viele Fronten, an denen es sich zu engagieren lohnen würde. Aber nicht immer ist so ein Einsatz von Erfolg gekrönt. Davon können manche ein Liedchen singen, sie sich voller Tatendrang ­– und Illusionen – eines Flüchtlings annahmen. Mitmenschlichkeit ist offenbar nicht gratis zu haben. 

Die Story:

Die charismatische somalische Muslima Amal kommt als Haushalthilfe in die jüdische, niederländische Familie von Zelda und Bor. Zelda und Bor waren mit ihren Kindern beim Angriff auf die Twin Towers in New York hautnah mit dabei. Der Ereignis hat tiefe Wunden hinterlassen.

Dieses Setting bringt einiges an Spannung mit sich. Die Autorin Jessica Durlacher lässt Zelda erzählen. Am meisten beeindruckt hat mich die gnadenlose Offenheit, mit der sie die inneren Zustände Zeldas seziert: Da ist einerseits ihre Skepsis gegen Muslime, anderseits ihr innerer Kampf gegen die eigenen Vorurteile. Dazu kommt, dass Amal nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine begnadete Sängerin ist. Zelda möchte ihr gerne zu Erfolg verhelfen. Allerdings muss sie sich die Frage stellen: Geht es ihr wirklich um Amal? Ist es nicht vielmehr so, dass sie sich deshalb in die Mission «Erfolg und Freiheit für Amal» stürzt, um sich als guter Mensch zu fühlen? Oder damit Amal ihr Haus verlässt?

Es ist nicht unbedingt so, dass einem Zelda beim Lesen sympathisch ist. Vielmehr wirkt sie verwöhnt, anspruchsvoll, egoistisch. Auch blind, wenn es um ihren ältesten Sohn geht, abwesend und kühl, wenn es um Bor geht. Dennoch geht man mit dieser Figur mit. Das liegt daran, dass sie sich ihrer Fehler bewusst ist, aber kaum weiss, wie sie dagegen ankämpfen kann. Oder Zweifeln, Neid und Ängsten ausgesetzt ist.  Oder an kulturelle Grenzen stösst.

Die Geschichte endet dramatisch, nachdem Amal in einer Fernsehsendung sich von ihrem Kopftuch befreit und damit ins Kreuzfeuer islamistischer Fanatiker gerät. Zeldas Familie zahlt einen hohen Preis für ihre Mitmenschlichkeit.

Autorin: Jessica Durlacher

Titel: Die Stimme, Roman, Aus dem Niederländischen von Annelie Bogener

Verlag:  Diogenes, 2022, gebunden, 495 Seiten

ISBN 978-3-257-07185-6, 25 Euro/28 Franken

Kurz zusammengefasst: Eine singende Muslima mit Kopftuch in einer modernen jüdischen Familie. Beide Seiten haben ihre Geschichte und sind von ihr geprägt. Ein Roman, der Mitmenschlichkeit, gegenseitiges Unverständnis, kulturelle Unterschiede, das Kämpfen gehen innere und äussere Dämonen schonungslos thematisiert.

Für wen: Jene, die sich schon mal gefragt haben, ob sie in einem Terrorsystem ihr Leben oder das ihrer Familie riskieren würden. 

Das Leben auf Hochglanz

Wer wie ich gerne koreanische Filme schaut, dem sind sie schon begegnet: diese makellos glatten Gesichter, diese Barbies, durchgestylt, massiert, in Form gebracht von den Haarspitzen bis zu den Zehennägeln, gekleidet in hautenge Kostüme, die eigentlich nichts anderes tun, als das Fehlen jeglicher Speckröllchen zu betonen. In den Filmen selber wird gecremt und geschmiert, was das Zeug hält. Selbst Grossmütter versuchen, mit Dreissigjährigen mitzuhalten und werden gelobt, wenn sie – von hinten – wie solche ausschauen. Natürlich haben die Filmfiguren auch einen tollen Job in einer der «grossen Firmen». Daneben schlemmen, feiern und trinken sie wacker Soju –  und das nicht zu knapp. 

Beim Zuschauen kommt einem bald der Verdacht, bei diesem ganzen schönen Schein gehe es nicht mit rechten Dingen zu und her. Allein schon die Frage, wie das alles –Schönheitspflege, Job, Familie, Feiern – zeitlich aufgehen soll, überfordert mich. Und gibt es denn in Korea nur schöne Menschen? In den Filmen kommen auch ein paar übergewichtige Figuren vor: Fischverkäufer, Bäuerin, alte Jungfer. Erfolglos. Ungebildet. Selber schuld. Hätten sich ja mehr bemühen können. Kinder werden behandelt wie kleine Erwachsene: auf Leistung in der Schule getrimmt, Tränenvergiessen kommt nicht in Frage. Mit Spott überschüttet wird, wenn sich so ein Kind kindlich benimmt.

Filme und Romane entspringen der Phantasie, könnte man einwenden. Doch ich behaupte: die Phantasie nährt sich aus dem, was die Augen beobachten und spiegelt demnach die Realität.

Und damit wäre ich bei dem Roman von Frances Cha, der dieser Tage beim Unionsverlag unter dem Titel Hätte ich dein Gesicht erscheint. Die Autorin lebt zwar in Amerika und Seoul. Wer ihren Lebenslauf googelt, entdeckt auch das Bild einer schönen Frau, die einer koreanischen Serie entsprungen sein könnte. Oder eben dem entspricht, was heutzutage Verlage suchen: junge Frau mit Sexappeal, die schreiben kann und von der man durchaus noch ein paar Bücher erwarten darf.

Im Roman Hätte ich dein Gesicht taucht der Leser ein in das Leben von Ara, Kyuri, Sujiin, Miho und Wonna. Fünf noch junge Frauen auf der Suche nach einem Weg, ein wenig glücklich zu werden. Ara stammt aus einfachsten Verhältnissen. Sie ist nach einem Überfall verstummt und wird demnach als behindert betrachtet. Kyuri arbeitet in einem Room Salon. Sie trinkt nächtelang mit Männern, sie ist gesundheitlich angeschlagen, das Geld rinnt ihr durch die Finger. Ihr ganzes Glück sind die Handtaschen, die ihr ihre Stammkunden gelegentlich schenken. Sie ist verliebt in Bruce, einen Kunden. Auch ihre Freundin Sujin möchte in einem Room Salon arbeiten, doch die Augen-OP, die sie sich hat machen lassen, ist nicht geglückt. Das hält sie aber nicht davon ab, sich auch den Rest ihres Gesichts zurechtmeisseln zu lassen. Um diesen Schritt zu machen, muss sie sich aber blind stellen, sonst würde sie die Verzweiflung in den Augen ihrer Freundin Kyuri sehen. Miho wiederum ist Künstlerin und hat sich in einen reichen Mann verliebt. Seine Familie wird sie nie als Schwiegertochter akzeptieren. Wonna ist verheiratet. Allerdings hat sie Mühe ein Baby zu bekommen. Dies belastet sie und ihre Ehe.

Frances Cha beschreibt eine Gesellschaft, in welcher Aufstieg zwar erwünscht, ja geradezu gefordert wird. Erfolg ist jedoch an allerhand Bedingungen geknüpft. Ein geradezu unmenschlicher Fleiss ist das eine. Doch der nützt wenig, wenn jemand nicht die richtigen Schulen besucht, die richtigen Beziehungen oder Familienbande plus Geld hat. Zweite Bedingung ist eine makellose Erscheinung nach einem geradezu unmenschlichen Schönheitsideal. Drittens der Wille, sich zu unterwerfen: der Firma, dem Chef, den Gebräuchen, den Männern. Codes sind allgegenwärtig. Über das was schief läuft oder laufen kann, wird nicht gesprochen. Fehler gehören nicht an die Öffentlichkeit, noch nicht einmal in den Freundeskreis. Und wo Probleme verschlossen werden, kann auch keine Frage auftauchen, wie man die Dinge ändern, verbessern könnte. So strampelt jeder und jede vor sich hin. 

Wie einsam so ein Leben inmitten einer Grossstadt wie Seoul sein kann, zeigt Frances Cha in ihrem Roman auf. Sie lässt jede ihrer Figuren einzeln zu Wort kommen. Schicksale tun sich auf, die sprachlos machen. Doch, manchmal ist auch Freundschaft zu spüren, doch letztlich ist die Tristesse der fünf Frauen überwältigend. Die Geschichte lässt offen, wem es gelingt, sich zu einem glücklicheren Leben durchzuwursteln. Man kann nur hoffen, die fünf Frauen finden einen Weg, die Fesseln abzuschütteln und gemeinsam der rigiden Gesellschaftsordnung eine lange Nase zu drehen.

Autorin: Frances Cha

Titel: Hätte ich dein Gesicht, Roman, übersetzt aus dem Englischen von Nicole Seifert

Verlag:  Unionsverlag, 2022, gebunden, 285 Seiten

ISBN 978-3-293-00586-0, 23.­– Euro/31 Franken

Kurz zusammengefasst: Das perfekte Gesicht, den perfekten Körper, die perfekte Familie, den perfekten schulischen Abschluss, den perfekten Job. Danach strebt in Seoul jede und jeder. Aber Gott macht bei der Verteilung der Gaben Fehler. Diese Fehler müssen ausgebessert werden. Nur dann gelingt es: das perfekte Leben.

Für wen: Alle, die schon mal von einer Schönheits-OP gedacht haben, aber sie sich nicht leisten können. 

Retour du jour/ Concarneau, 17. Juni 2022

30 Grad, kein Schatten

Gerade ist Stillstand. Abends wächst einem das Meer bis in den Kopf, schickt Gerüche von verspiesenem Getier, von Algen, auch von Staub und süss blühenden Büschen. Auf der hölzernen Pietà legt sich die Zeit zur Ruhe; wieder ein Tag schwimmt mit den blauen Sardinen davon. Wie gut das wäre, im Schwarm zu tauchen. Flossen müsste man haben, die Kühle des Wassers würde man lieben, heisse Tränen könnte man vergiessen, auf dass sich der Atlantik erbarmt.

Retour du jour, Concarneau 13. Juni 2022

Sonntags in Beg Meil

Blickdicht gemachte Herrlichkeit 

reinweisse Pracht, dekoriert

von ausgedehntem Grün

Hier gibt keiner was her –

schon gar nicht fürs Auge –

als wäre Hergeben unschicklich

Hier spart kein Schlossherr an

Maschendraht plus Kameras

gegen égalité, fraternité

Liberté steht als Wolke am Himmel

sitzt – ganz vulgär – beim Picknick 

klettert über Felsen

duftet nach Sonnenöl

verpasst die Wahlen

baut Sandburgen

und jauchzt beim Sprung

ins Meer, spart nicht 

beim Café Gourmand

Touristenfalle / Concarneau 11. Juni 2022

Trotz Regen den Schildern nach

hinter jeder Kurve ein Rätsel

ellenlang verwirrt

trompé du chemin

weder Kuh noch Mensch

in Gegenrichtung sumpfig, lange

Grashalme streifen Tropfen ab

Dann endlich: Tourc’h

ein Markt, der nicht hält 

was der Prospekt verspricht

Retour du jour/ Concarneau, 6. Juni 2022

Was ich noch hören kann

Das Geschlenker der Weidenäste im Wind und

wie die Kathedrale sich in den Himmel tänzelt

Den Herzschlag der Eichen

den Mittagstraum des Geissblatts

Das nächtliche Klopfen in den Beinen

das Kleinerwerden der Wünsche 

Das Rascheln von Wundertüten

Hier stinkt es nach Pest, dort duften Rosen

Wer diesen Blog aufmerksam verfolgt, weiss, dass ich eine eifrige Orhan-Pamuk-Leserin bin. Keine Frage, dass ich mir auch Die Nächte der Pest bestellt habe. Den Roman um eine Pestepidemie auf einer Mittelmeerinsel und die dazugehörigen Irrungen und Wirrungen haben wir offenbar der Hellsichtigkeit des Autors zu verdanken, der seinen Pest-Roman offenbar noch vor der Corona-Pandemie geschrieben hat. Leider scheint mir das Werk nicht durchgehend geglückt. Und das liegt nun wirklich nicht daran, dass wir mit den Reaktionen der menschlichen Spezies auf Seuchen in den letzten Jahren sattsam Bekanntschaft gemacht haben. Und diese Reaktionen, so viel sei verraten, präsentiert uns der Autor in allen Einzelheiten und ziemlich vergnüglich auf dem Seziertisch.

Insgesamt gesehen handelt der Roman vom puren menschlichen Irrsinn, wie wir ihn tagtäglich sehen, der sich aber besonders in Krisenzeiten rasant vervielfältigt. Angesichts der Hilflosigkeit der Menschen während einer Epidemie wenden sich einige der Religion zu, in der Hoffnung, Gott werde es schon richten. Andere wiederum mögen lieber Verschwörungstheorien und finden schnell Schuldige. Die Politiker wedeln derweil heisse Luft von hier nach dort. Indessen suchen manche ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen und sich selbst in Sicherheit, das heisst, sie verteilen die Bakterien frischfröhlich in der Gegend. Vernünftige Massnahmen werden angezweifelt, Sachverständige demontiert, Blockaden überwunden, Nationalismus feiert Hochkonjunktur und Personen, die sich bisher durch nichts hervorgetan haben, werden plötzlich aus dem Untergrund nach oben gespült und zu Helden hochstilisiert. Unterdessen spielen die Mächtigen ihre Machtspielchen. 

Das alles dauert so lange, bis es dem Bakterium zu blöde wird – oder es keine Opfer mehr findet. 

Pamuk entwirft auf seiner erfundenen Insel Minder, die zum osmanischen Reich gehört, einen in sich geschlossenen, detailreich und oftmals heiter dargestellten Mikrokosmos all dessen. Einige Protagonisten kommen einem bekannt vor, auch wenn der Roman zu Anfang des 20. Jahrhunderts spielt und zu weiten Teil Fiktion ist. Ganz und gar nicht fiktiv ist allerdings, dass die Pest zu jener Zeit ausgehend aus Asien bis nach Europa gelangte. Ein Heilmittel gegen das Pestbakterium gab es keines, Antibiotika wurden erst viel später entdeckt. 

Ich schätze es, wenn Pamuk den Demagogen ein wenig auf den Füssen rumtrampelt. Es braucht Literaten seines Formats, wenn es um die Wahrheit geht, die sich sonst keiner zu sagen getraut. Das Buch hat übrigens den Herren, die in der heutigen Türkei das Sagen haben, mächtig missfallen, so dass der Autor wegen der Verhöhnung des türkischen Staatsgründers Atatürk angeklagt wurde. Es ist natürlich klar, dass es bei dieser Anklage am allerwenigsten um Atatürk geht, sondern darum, wie die heutige Türkei mit Pressefreiheit und Meinungsvielfalt umgeht. Nämlich mit Humorlosigkeit, Repression und tollkühnen Anklagen. Gerade so, wie es die Regierenden in Pamuks Roman halten. In diesem kommen neben erfundenen Figuren auch wahre Personen vor, unter anderem der Autor selbst. Wahrheit, Fiktion: für den Leser ist das Einerlei, sofern er im Geschriebenen Bezüge zu seinem Leben herstellen kann. Und darin ist Pamuk ein Meister. 

Dass Orhans Pamuk das Risiko einer Anklage immer wieder trägt, ist ihm hoch anzurechnen.

So weit so gut. Jetzt stellt sich einfach die Frage, wo ich denn Schwierigkeiten mit diesem Roman hatte. Kurz gesagt: Längen, zu viele Wiederholungen, Unlogik. Der Roman baut auf Briefen auf, die eine osmanische Prinzessin täglich an ihre Schwester schreibt. Die Prinzessin sitzt mit ihrem Gatten, einem Seuchenspezialisten, auf Minder fest. Sie beschreibt in ihren Briefen, wie es auf der Insel während des Pestausbruchs (keiner darf die Insel verlassen) zu- und hergeht. Es gibt aber keine Post- oder Telegrafenverbindung, weil im Zuge des allgemeinen Wahnsinns eine Revolution ausbricht und sich die neue Regierung vom osmanischen Reich lossagt. Erzählt wird die Geschichte aber nicht von der Prinzessin selber, sondern von ihrer in Minder Historie bewanderten Urenkelin, die wiederum … aber nein, hier wird es einfach zu umständlich. 

Die Hauptstadt von Minder stellt Pamuk in den blühendsten Farben dar: An jenen Ecken stinkt es nach Pestbeulen, an anderen duften Rosen. Doch wenn die Pferde die schwere Kutsche mit der Prinzessin zum gefühlt hundertsten Mal die steilen Strassen hochziehen, dann weiss ich nicht, soll ich mit den Pferden oder mit mir als Leserin mehr Erbarmen haben. Ja, und dann gibt auch noch einen Mord ganz zu Anfang des Buches, der auch eine Rolle spielt, dann aber ziemlich enttäuschend aufgelöst wird, was irgendwie auch nicht mehr draufankommt, weil sowieso schon der Grossteil der Protagonisten der Pest anheimgefallen und beerdigt ist.

Insgesamt ein pamuksches Lesevergnügen, dem ein paar Seiten weniger nicht geschadet hätten.

Autor: Orhan Pamuk

Titel: Die Nächte der Pest, aus dem Türkischen übersetzt von Gerhard Meier

Verlag:  Hanser, 2022, gebunden, 696 Seiten

ISBN 978-3-446-27084-8, 30.­– Euro/42.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Das osmanische Reich kollabiert, da bricht auf Minder, einer Insel die zum Reich gehört, die Pest aus. Es werden Fachleute entsandt, die die Seuche unter Kontrolle bringen sollen, doch der Verantwortliche wird ermordet. Die Massnahmen der Regierung werden hintertrieben, der Gouverneur reagiert mit Härte. Auf Aktion folgt Gegenreaktion, eine Revolution bricht aus. Unterdessen hat der Pestbazillus freies Spiel. Weitgehend vergnügliche Seuchenparabel. 

Für wen: Für alle, die schon immer etwas über Seuchen wissen wollten und wie man sie nicht bekämpfen kann.