Minirock und Studium ausgetauscht gegen Kopftuch und Koran

In den Achtziger-Jahren ist Nadschwa fast schon erwachsen. Sie lebt mit ihrer Familie in Karthum, führt ein privilegiertes Leben, studiert ein bisschen und ist sonst nur an ihren Vergnügungen interessiert. Es gibt einen Umsturz und Nadschwa verliert nach und nach alles: Vater, Mutter, Bruder, Freunde, Heimat, sozialen Status, Studium. Schliesslich arbeitet sie in London als Dienstmädchen. Dort lernt sie den wesentlich jüngeren Tâmer kennen, der es sich in den Kopf setzt, sie heiraten zu wollen. Nadschwa ist versucht ihm nachzugeben.

Soweit die Geschichte „Minarett“  von Leila Aboulela in Kürzestform. Diese Zusammenfassung lässt aber alles aus, was sich hinter der Story verbirgt und zu heissen Diskussionen führen dürfte. Denn die Autorin führt ihre Hauptfigur hin zu einem religiösen Erwachen. Religion, insbesondere der Islam, ist eines der grössten Reizthemen überhaupt. Die Protagonistin Nadschwa ist zwar prowestlich und kaum religiös aufgewachsen, fühlt sich aber in London mehr als verloren. Vom Charakter her möchte ich sie als eher naiv, ehrgeizlos und mässig intelligent, wenn auch liebenswert und menschlich beschreiben. Halt findet sie schliesslich in der Gemeinschaft ihrer Moschee und im Glauben. Hier lernt sie, worauf es ankommt: Menschen, die einander zugetan sind und sich helfen; Regeln, die Leitplanken setzen.

Wer bei diesem provokanten Setting einen roten Kopf bekommt, sollte sich die Frage stellen: Wohin hätte sich Nadschwa wenden sollen, wenn nicht in die Geborgenheit einer ihr vertrauten Welt? Welche Angebote ihrer neuen Heimat wären ihr sonst offen gewesen? Ein Bridgeclub, ein Gym, Pferderennen, Museumsbesuche? Gewiss, alles im Bereich des Möglichen, aber für eine junge, orientierungslose, sozial abgestiegene Migrantin kaum eine Alternative. Nadschwa jedenfalls empfindet ihren neuen Glauben als Befreiung und Hort der Sicherheit.

Ob aber die Hinwendung zur Religion (und hier meine ich zu Religion jedweder Art) wirklich frei macht, diese Frage sollte man sich trotzdem stellen. Tatsache ist, dass wo ein Leben aus den Fugen gerät, der Mensch empfänglich ist für Glaubensdinge und Einflussnahme von aussen. 

Leila Aboulela erzählt die Story aus der Sicht von Nadschwa. Zu Beginn ihrer Geschichte (Khartum, 1984/85) finden wir ein unbekümmertes, schäkerndes Mädchen im Minirock voller Hoffnungen auf ein erfülltes Familienleben – am Ende (London, 2004) eine verschleierte, alleinstehende Frau, die sich auf den Haddsch vorbereitet, auf den sie sich bald begeben wird. Das Geld dafür hat sie sich mit einem gebrochenen Herzen „verdient“. 

Titel: Minarett, Roman,  340 Seiten, gebunden

Autor: Leila Aboulela, aus dem Englischen von Irma Wehrli

Verlag: Lenos, Basel, 2020, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-005-9, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Migration und sozialer Abstieg bewegen eine junge Frau aus dem Sudan, sich dem Islam zuzuwenden. Sie findet darin Heimat. Gewagtes Thema, unverbogen, mehrschichtig.

Für wen: Migration und deren Auswirkungen auf den Einzelnen geht wohl alle etwas an.

Was nicht sein darf und dennoch ist

Anna Sterns neuer Roman das alles hier, jetzt. wird von der Presse gelobt. Meine Meinung dazu fällt etwas weniger enthusiastisch aus, wenn ich auch die Autorin für die von ihr gewählten sprachlichen Wagnisse  respektiere.

Zur Geschichte: Ananke ist tot; weshalb erfahren wir als Leser nicht. Anankes Freundeskreis jedenfalls reagiert über die Massen verstört. Hätte man etwas tun sollen, als noch Zeit war, und wenn ja was? Die Trauer ist so intensiv, dass sich die vier Freunde eines Nachts auf den Weg machen, Anankes Grab leerzuräumen, um sich danach gemeinsam auf und davon zu machen.

Anna Stern hat ihren neuen Roman ungewöhnlich aufgebaut. Auf den linken Buchseiten beschreibt sie die Ist-Situation aus der Sicht von Anankes bester Freundin aus Kindertagen. Der Tod der jungen Frau und die Fragen dazu werfen ihre Freunde aus der Bahn. Auf den rechten Buchseiten werden Kindheitserinnerungen ausgerollt: Badeausflüge, Gespräche, Spiele, Landschaften, Familienfeiern, Partys. Im letzten Teil der Geschichte hebt die Autorin diese Methode auf: Die Story endet in einem Road-Trip der speziellen Art.

Was gefällt mir an diesem Buch: 

Anna Stern schreibt konsequent in Kleinschrift, ein Verfahren, das ich bevorzugen würde, das aber bei der letzten Rechtschreibereform keine Gnade fand. Eine verpasste Chance, doch wenn jetzt junge Autoren Kleinschrift propagieren, kann ich sie nur anspornen, damit weiterzufahren. 

Die Autorin erzählt meist in kurzen Sätzen, sehr bildhaft. Ihre Sprache ist knapp (manches mal allzuknapp).

Im letzten Drittel des Buchs nimmt die Geschichte im wahrsten Sinne des Worts Fahrt auf, wird leicht abstrus und gewinnt dadurch. 

Was gefällt mir weniger: 

Die ersten zwei Drittel der Geschichte sind voll dem Schmerz und den Kindheits- und Jugenderinnerungen gewidmet. Etwas gar viel Lamento für meinen Geschmack. 

Die Figuren in diesem Roman tragen durchgehend Namen wie Cato, Vienna, Eden, Ash, Egg, Vaska, Roan. Ich fand es mühsam, mir diese Namen zu merken oder die Stellung der zugehörigen Figuren innerhalb des Romans. Was die Autorin zu dieser seltsamen Namenswahl getrieben hat, hat sich mir nicht erschlossen. 

Ein weiteres Stilmittel, mit dem ich wenig anfangen kann: Nicht fertig geschriebene Sätze. Beispiel:

es dürfte keinen geben, es dürfte nicht sein, dass ananke bereits. dass ananke bereits nicht mehr.

Ja, ich weiss, dass wir manche Sätze nur andenken, nur ansprechen, und ich akzeptiere solche Verkürzungen auch, sofern man sie nicht überstrapaziert.

Anna Stern schreibt eigentlich kompromisslos. Leider findet sich in ihrem Roman auch einiges an Pathetik, etwa in der Art:

 oder sie (die freundschaft zu ananke) vibriert in dir, in deiner mitte, deinem innersten, wenn das dunkel wie eine samtene decke über deinem entblößten ich liegt und du den atem anhälst. 

Oder:

eure tränen fallen in den abgrund zwischen tag und nach und werden zu sternen, die in der dunkelheit leuchten.

 Das ist mir schlichtweg zuviel des Guten.

Titel: das alles hier, jetzt., Romangebunden, 239Seiten

Autorin: Anna Stern 

Verlag: Elster & Sali, 2020, http://www.elstersalis.com

ISBN 978-3-03930-000-6, Fr. 24.00/Euro 22.20

Kurzbeschrieb/-bewertung: Sprachlich gewagter Roman zum Thema Freundschaft, Familie, Trauer. 

Für wen: Ernstes Thema, ernste Umsetzung: also für Ernsthafte.

Capucine wer?

„Capucine, unsere vergessene Hollywood-Ikone“. Der Titel dieses Buches von Blaise Hofmann ist ein wenig irreführend. Capucine, Mode-Ikone und Hollywoodstar, hat zwar fast drei Jahrzehnte lang in Lausanne gelebt, „uns“ hat sie aber keinesfalls gehört: Sie war von Geburt Französin und berufshalber Cosmopolitin. Es ist noch nicht einmal sicher, ob sie sich in Lausanne wohl gefühlt hat. Immerhin, so erfahren wir, lebten Audrey Hepburn, ihre beste Freundin, sowie andere Kollegen auf der Film- und Modewelt in der Nähe.

Capucine wer? Ich habe den Namen gegoogelt und bin auf eine Reihe Presse-Bilder gestossen mit einem Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkam. Die Fotos zeigen Capucine das Modell, Capucine die Schauspielerin, Capucine, die für französischen Chic steht, die Dame von Welt. Aber in meinem Gedächtnis wollte sich einfach keine Rolle auftun, in welcher ich die Schauspielerin gesehen hatte, keine Werbung mit ihr, einfach nichts. Und dennoch, so erfahre ich, war Capucine in den 60er Jahren und hinein in die Siebziger eine der berühmtesten Frauen Hollywoods. Sie lebte im Luxus, umgeben von Freunden und Kollegen aus der Filmwelt, sie hat mit unvergessenen Schauspielern und Regisseuren gedreht. Ihre Filmografie ist beachtlich, darunter sind Titel wie „What’s new, Pussycat“ oder „Der rosarote Panther“. Wie konnte so ein Star einfach vergessen gehen?

An dieser Frage beisst sich auch Blaise Hofmann die Zähne aus. Er versucht eine literarische Annäherung an eine weibliche Schönheit, von der wie es scheint nichts als Hochglanzbilder geblieben sind. Auf allen ist sie gepflegt, elegant, perfekt geschminkt. In Kleidern von Hubert Givenchy sieht sie schlichtweg umwerfend aus. Doch diese Fotos sind nichts als Projektionsflächen für alle, die in diese Frau etwas hineindeuten wollen. War sie abweisend, humorvoll, göttlich, geheimnisvoll, mütterlich, gebildet, ein Vamp, zurückhaltend, freundlich, hochnäsig, treu? Offenbar war sie von allem etwas, je nachdem, welche Rolle ihr gerade zugewiesen wurde. 

Blaise Hofmann bleibt soweit es geht bei den Fakten. Und stösst auf wenig Erhellendes, was uns ermöglichen würde, ihren Charakter zu erfassen. Humorvoll sei sie als Kind gewesen, lebhaft, mit einen Drang nach mehr. Auch die weiteren Berichte über ihren Werdegang und wachsenden Erfolg sind wenig aussagekräftig. Es scheint, als wäre die wahre Capucine im Schatten der Scheinwerferlichter verschwunden oder hätte sich mit Absicht dorthin zurückgezogen. Dazu passt denn auch ihr trauriger Abgang: Sie stürzte sich 1990 von ihrem Balkon im achten Stock eines Lausanner Appartementhauses.

Hofmann erliegt nicht der Versuchung, sich das Leben von Capucine zurechtzubasteln. Er nimmt die Fragmente, die er noch über sie finden kann. Er spricht mit Bediensteten, Freunden, Kollegen, Nachbarn, trägt zusammen, hinterfragt sich selber und das Ziel seiner Arbeit. Er zweifelt an sich, am Thema, an den Aussagen der Menschen, die Capucine getroffen haben, er zitiert aus Interviews. Nicht selten sind die Aussagen widersprüchlich. Der Autor lässt das so stehen. Und schafft eine respektvolle Hommage an eine Frau, geheimnisvoll, voller Widersprüche, am Ende verzweifelt, weil das Alter auch auf Ikonen keine Rücksicht nimmt und Hollywood mit alternden Göttinnen noch weniger anfangen kann. Vielleicht aber ist dieses Buch gleichfalls eine Hommage an all jene, die den Traum vom Berühmtsein träumen und erfahren müssen, dass der Erfolg nicht selten seine eigenen Kinder frisst.

Titel: Capucine, Unsere vergessene Hollywood-Ikone, 189 Seiten

Autor: Blaise Hofmann, aus dem Französischen von Barbara Traber

Verlag: Zytglogge, 2020, 

ISBN 978-3-7296-5032-9

Kurzbeschrieb/-bewertung: Manchmal übernimmt der Schein das Sein. So scheint es auch Capucine ergangen zu sein: einer klassischen Schönheit von ausgesuchter Eleganz. Erfolgreich auf den Pariser Laufstegen, in Hollywood, in der Cinecittà. Und dann das Vergessenwerden. Blaise Hofmann zeichnet die Höhenflüge und den Niedergang der Ikone nach. Die zunehmende Verzweiflung ist spürbar.

Für wen: Filmophile, Schöne und weniger Schöne, Hollywoodfans und alle, die gerne wüssten, wie man zu französischem Chic kommt. Gut, letzteres wird man aus diesem Buch nicht lernen können.

Mütter sind anders. Töchter auch.

Der Roman Mutters Puppenspiel, verfasst von Ulla Coulin-Riegger befasst sich mit zwei Themen: dem Kinder- und Partnerwunsch einer erfolgreichen, auf die vierzig zusteuernden Frau sowie der Loslösung von der eigenen Mutter, zumal diese selbstbezogen, manipulativ und wenig mitfühlend ist. Ersteres gelingt der Autorin Ulla Coulin-Riegger nicht schlecht. Ich gehe anstrengungslos mit den Nöten, Zweifeln, Gedankenspielen einer alleinstehenden Frau mit, die die innere biologische Uhr ticken hört. Was die Klagen über die Mutter anbelangt, verursachen mir einige doch Stirnfalten. Seit wann kann man es einer Mutter vorwerfen, dass sie ihre Tochter mit Geld und Schmuckstücken beschenkt? Oder dass sie offen ausspricht, was sie denkt, wenn ihre Tochter sich in einen verheirateten Mann verguckt und dann auch noch von ihm schwanger wird? Oder dass sie das Familienbild ihrer Zeit verinnerlicht hat? Oder dass keine Blumen auf dem Kaffeetisch stehen, wenn die Tochter sie sonntags besucht.

Die Hauptfigur Lisette in diesem Roman macht genau dies: Sie wirft ihrer Mutter alles vor, insbesondere ihre Gefühlskälte. Was hinter der schroffen Art der Mutter steckt, bleibt dem Leser verborgen, da diese niemals über „Gefühlszustände und Erinnerungen“ spricht. Und Lisette fragt nicht. Sie möchte die Mutter nicht verärgern und die sonntägliche Zweisamkeit lieber so schnell wie möglich hinter sich bringen. Auch wenn ich weiss, dass einem Mütter schnell die glatten Wände hochbringen: mit der Zeit ärgere ich mich über Lisette mehr, als dass mir die Mutter narzissistisch vorkommt. Da Lisette offensichtlich die Defizite ihrer Mutter kennt und analysieren kann, wäre es wohl an der Zeit, entweder die Mutter damit zu konfrontieren mit allen Konsequenzen oder/und sich zurückzuziehen. Lieber jedoch verfällt Lisette in den Klagemodus über ihre Abhängigkeit, Liebesbedürftigkeit, Unverstandenheit. Genau diese Haltung hindert Lisette auch daran, sich mit der Geschichte ihrer Mutter auseinanderzusetzen, was ihr und uns einiges an Erhellung bringen könnte. Das ist bedauerlich, denn bis zum Ende des Romans hin ergibt sich daraus für Lisette kein wirklicher Schritt nach vorn. Das Gegenteil ist der Fall. Sie unterdrückt ihre innersten Bedürfnisse und opfert sie regelrecht. Da hilft es dann auch nicht, wenn die Liebesgeschichte mit dem verheirateten Emil auf ein vermeintlich positives Ende zusteuert. 

Die Autorin Ulla Coulin-Riegger verfügt über eine fundierte psychologische Ausbildung eine Erfahrung in diesem Bereich. Innerfamiliäre Abhängigkeiten und Mechanismen sind bestimmt das, worin sie sich auskennt. Wirkliche Fälle haben allerdings wenig mit Romanen zu tun. Als Leserin erwarte ich, dass eine Romanfigur aus einer Falle herauskraxelt oder einen Erkenntnisgewinn verzeichnen kann. Wenn ich mir das Ende dieses Romans vornehme, so fehlt mir gerade dies. Lisette ist nun zwar mit Emil zusammen, allerdings hat sie ihren Kinderwunsch begraben. In ihrer Mutter-Tochter-Beziehung ist alles beim Alten. Vor allem aber hat Lisette sich mit ihrem Emil – trotz einer Menge schöner Worte – jemanden geangelt, der seine Bedürfnisse stets in den Vordergrund stellen wird. Das kommt einem bekannt vor. Wie heisst es zu Anfang des Romans: Neben ihr bin ich klein. Vielleicht müsste es auch am Ende heissen: Klein will ich bleiben.

Titel: Mutters Puppenspiel, Roman, 173 Seiten

Autorin: Ulla Coulin-Riegger

Verlag: Klöpfer,Narr, 2020, 

ISBN 978-3-7496-1027-3

Kurzbeschrieb/-bewertung: Die Ärztin Lisette ist nie aus der Kindhaltung gegenüber ihrer Mutter herausgewachsen. Jetzt möchte sie aber selber Mutter werden. Was ihr dazu fehlt: ein Partner, der diese Entscheidung mitträgt, genügend Selbstbewusstsein und jemanden, der ihr auch in schwierigen Situationen den Rücken stärkt. Man möchte es ihr gönnen, wenn sie ihr Glück findet, doch die Steine auf ihrem Weg müsste sie schon selber überspringen.

Für wen: Für alle, die nicht klein bleiben wollen. Vielleicht ein Lehrstück. Sofern sie die kritische Brille aufsetzen.

Ein wenig von mir, und vieles von anderen

Heute möchte ich euch auf vier Neuerscheinungen aufmerksam machen, die mir am Herzen liegen, sei es, weil ich die AutorInnen oder HerausgeberInnen kenne oder selbst irgendwie an dem Werk beteiligt bin. 

Zuerst natürlich die soeben erschienene orte-Poesieagenda fürs kommende Jahr. 

Wir sind zwar erst gut in der Hälfte des Jahres 2020, nur so richtig „normal“ fühlt es sich bei mir immer noch nicht an. Ich bin wahrscheinlich nicht allein mit meinem Gefühl von „zwischen Stuhl und Bank“ hängen und warten, dass sich die Lage allenthalben entspannt. 2021 also, spätestens dann könnte, sollte, müsste alles oder fast alles wieder seinen Gang nehmen, ohne dass gleich Regenwälder abgeholzt, Menschen beleidigt oder wahnsinnsintelligente Sprüche skandiert werden à la „Sterben muss jeder mal“. Das orte-Agenda 2021-Titelblatt zeigt – und das dürfte purer Zufall sein – ineinandergestellte weisse Plastikstühle unter einem strahlendblauen Himmel, ein Bild das uns im kommenden Jahr noch an diesen irren Frühling und Sommer erinnern dürfte, sollte, müsste. Im Inneren des Büchleins sind wieder zahlreiche Gedichte versammelt von berühmten und weniger bekannten PoetInnen, Bilder, Sinnsprüche, Cartoons. Ich verspreche euch: Die Agenda wird euch ein freundlicher, anregender, tröstlicher Begleiter durch das kommende Jahr sein. Zum Beispiel dieses Gedicht von Markus Waldvogel, das genau heute in einem Jahr still in den Tag einstimmen wird:

Sollen Stimmungen

vermittelt werden

stehen die Wörter Kopf

Auch an den Nervenenden

wird nicht gesprochen

nicht einmal

während des Sonnenuntergangs

Die orte-Poesieagenda ist zu kaufen bei www.orteverlag.ch, ISBN 9783-858-302-656. Sie kann aber auch in jedem Buchladen bestellt werden, der etwas auf sich hält. Herausgeberinnen des kleinen Wunderwerks sind Susanne Mathies und ich. Von uns beiden sind übrigens auch Gedichte und Bilder drin.

Nochmals um Gedichte geht es in einem Büchlein von Thomas Heckendorn.

DANKEUNDAUFWÜRDESEHN.

So lautet der augenzwinkernde und dennoch ernste Titel des kleinen Werkes, der die Texte im Inneren wunderschön widerspiegelt.

Thomas Heckendorn macht es seinen Lesern nicht gerade leicht, wenn er seine Gedichte alle in Versalbuchstaben und ohne Wortabstände schreibt. Aber wie ich ihn kenne, wird es ihm ein Vergnügen sein, seinen LeserInnen etwas Gedankenarbeit und -spiel abzuverlangen. Macht auch Spass, denn des öfteren ergibt sich beim neuen Verbinden der Silben ungeahnt Neues. Auch hier ein kleines Beispiel.

ECCE.DAS

GEHWESEN.

DIEWEHENDESGEHENS.

SCHLEIERWERDENGELEGT

ANHELLENSTRÄNDEN

DANKEUNDAUFWÜRDESEHN ist im Caracol-Verlag, Warth, erschienen und kann dort (caracol-verlag.ch) bezogen werden. ISBN 978-3-907296-03-5.

Axel Kutsch hat wiederum keine Mühen gescheut und Versnetze-13 herausgebracht, wie alle Versnetze-Bände der letzten Jahre eine vielschichtige Sammlung von Gedichten, verfasst von Gegenwarts-AutorInnen. Die meisten der in dieser Anthologie vertretenen Dichterinnen und Dichter stammen aus Deutschland, doch auch Österreich, die Schweiz und sogar Frankreich, die Niederlande, Finnland und USA sind dabei. Bekannte Namen folgen auf unbekannte, noch nie gehörte. Es gibt eben gerade auch in der Dichterszene die stillen Wasser, die murmelnden Bächlein und schäumende Wasserfälle. Besser, ich lasse jetzt die pseudopoetischen Vergleiche und komme zum Wesentlichen zurück. 

Kutsch legt bei der Zusammenstellung seiner Bände Wert auf „ein weites Feld unterschiedlicher Schreibweisen der heutigen Lyrik … Das gilt für ,abgefahrene’ experimentelle ebenso wie für konventionell ausgerichtete Texte …“ (Zitat aus einem Interview von Anton Mai).

Auch ich bin mit einem Gedicht in Versnetze_13 vertreten, was mich ungeheuer freut. Ich werde euch jetzt aber nicht mit einem Gedicht von mir beglücken, auch wenn die Versuchung da ist, vom stillen Wasser zum tosenden Wasserfall zu wechseln.

Wer einen aktuellen Überblick über das zeitgenössische Gedichtschaffen im deutschen Sprachraum sucht, ist mit Axel Kutschs Versnetzen bestens ausgerüstet. Das Buch ist im Verlag Ralf Liebe, Weilerswist, erhältlich. ISBN 978-3-948682-02-6 , www.verlag-ralf-liebe.de.

In meiner vierten Empfehlung geht es noch einmal um ein Buch, in dem ich als Autorin vertreten bin. Es handelt sich um eine Kurzgeschichten-Anthologie des in Zürich beheimateten litac-Verlags. Litac gibt „spannende Literatur für Anspruchsvolle“ heraus. Die Kurzgeschichtenanthologie Schatten ist neben  In der Tiefe und Monstrum die dritte in der „Unterirdischen Reihe“.  35 Geschichten setzen sich auseinander mit Licht und seinem unheimlichen, manchmal muffigen, manchmal moosgrünen Gegenstück, dem Schatten. 

Die Vorstellung diese Buches findet am 3. September 19.30 Uhr im GZ-Buchegg-Spiegelsaal in Zürich statt. Nichts wie hin also – und nehmt eure Schatten mit.

Zu beziehen ist das Buch bei litac-Verlag, Zürich, oder im Buchhandel, ISBN 9-783-952-484-937 

„Lang ist die Nacht hier, und wir haben sonst nichts zu tun“

Jûnis ist nach 20 Jahren ungewollten Exils in seine Heimatstadt Hâmija zurückgekehrt. Er ist in diesen Jahren ein erfolgreicher Lyriker geworden, der unter dem Pseudonym Adham schreibt. Die Flucht und die Fremde haben aus ihm einen anderen Mann gemacht. So wandert er in seiner Jugendstadt und in seinen Erinnerungen herum. Auch in Adhams/Jûnis’ Heimatstadt ist die Zeit nicht stehengeblieben. Die Machthaber haben gewechselt. Bücher, die früher verboten waren, liegen jetzt offen herum – andere, die man früher lesen durfte, sind verboten. 

Auf seinen Wegen durch Hâmija trifft Adham alte Freunde, seine erste Liebe. Er stellt philosophische Betrachtungen zum Fluss der Zeit an. Dabei begegnet er jenem Ich, das er einst war oder geworden wäre, hätte er nicht flüchten müssen, weil er als junger Mann an einem Regierungsumsturz beteiligt war. Er spricht mit jenem fremd-vertrauten Ich namens Jûnis:

„… Die Nacht ist lang auf diesem Balkon unter einem sternenübersäten Himmel. Lang ist die Nacht hier, und wir haben sonst nichts zu tun. Unser Vater starb aus Kummer über den schlechten Ruf, den ich ihm eingebracht hatte ….“

Die Städte und Länder, die in Wohin kein Regen fällt, einem Roman von Amjad Nasser vorkommen, existieren so nicht oder sind kunstvoll verfremdet. Es sind Nirgend-Orte. Dieser Ausdruck stammt von Elias Khoury, der das Nachwort schrieb. Nirgend-Orte sind sowohl die Stadt Hâmija, mehr Wüstenfestung denn Platz zum Leben, als auch alle anderen im Exil vorgefundenen Städte. Verbundenheit mit einem Ort hat viel mit Wohlfühlen und Freiheit zu tun. Doch Adham findet weder das eine noch das andere, weder hier noch dort in befriedigendem Ausmass. Verlust der Liebsten, Verlust des Vertrauten gehen einher mit dem Verlust von Lebenskraft. 

Der aus Jordanien stammende Autor Amjad Nasser, von Haus aus ein Dichter, verwendet eine lyrisch-dichte, metaphernreiche Sprache, angereichert mit Zitaten und Geschichten aus dem arabischen und persischen Sprachraum. Metaphern spielen eine grosse Rolle: Begegnungen mit dem eigenen Spiegelbild, mehrdeutige Kalligrapien, Namensdoppelgänger sind nur einige Beispiele dafür, worum es dem Autoren. Um die Frage, wer man alles ist und wie die Situation, in die er hineingeboren wurde, den Menschen prägen.

Nun war Wohin kein Regen fällt kein Buch, das mich so richtig mit sich nehmen wollte, obwohl ich es sowohl von sprachlich, als auch vom Aufbau her bemerkenswert fand. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich die Geschichte als nimmer endende Klage empfand. Daran ändern konnten komische Sequenzen nichts, denn stets ging es um Vergänglichkeit. Nicht umsonst endet die Geschichte mit einem Friedhofsbesuch. Aber sicherlich kommt dieser Roman in meine Büchergestell-Abteilung „Unbedingt nochmals lesen“.

Titel: Wohin kein Regen fällt, Romangebunden, 307 Seiten

Autor: Amjad Nasser, aus dem Arabischen von Regina Karachouli, mit einem Nachwort von Elias Khoury 

Verlag: Lenos Verlag, 2020, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-001-1, Fr. 31.00/Euro 24.80

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zwanzig Jahre Exil und Rückkehr in die alte Heimat: Adham hat versucht, sich zwanzig Jahre lang von seiner Kindheit und Jugend zu befreien. Als kranker, in sich zerrissener Mann kehrt er heim und erkennt sich nicht in seinem Spiegelbild. Roman über die Macht der Zeit. Poetisch, bildhaft, tieftraurig, anklagend, einfühlsam, warmherzig. Diesen Roman muss man sich aber erarbeiten. 

Für wen: Wen es interessiert, was Exil einem Menschen abverlangt, ist hier gut bedient.

Das Gepäck, das wir mit uns schleppen

Das abschätzige Wort „Bagage“ als Bezeichnung für eine Familie, so will mir scheinen, wird heute kaum mehr verwendet. Allerdings ist es mir aus der Kindheit wohlbekannt, begleitet von einem Geruch nach ungewaschener Kleidung und schlecht belüfteten Räumen sowie Bildern von schattigen Winkeln, Münzautomaten für Strom, laufenden Kindernasen. Bagage bedeutet aber auch Gepäck und erinnert an schlecht verschnürte Kartons und überquellende Koffer. Im Roman Die Bagage von Monika Helfer steht das Wort auch für alles, was wir als (Familien-)Geschichte in uns tragen, oft genug, ohne uns darüber im klaren zu sein.

Monika Helfers Bagage ist zwar arm und lebt an einem Schattenplatz, aber die Familie, um die es hier geht, ist über die Massen reinlich, reinlicher als alle anderen im Bregenzerwälder Dorf, dem ländlich-abgelegenen Schauplatz des Romans. Monika Helfer erzählt aus der Ich-Perspektive, schliesslich trägt der Roman autobiographische Züge. Hauptsächlich erzählt wird die Geschichte der Grossmutter Maria. Sie lebt mit ihrem Mann Josef und den Kindern ausserhalb des Dorfes. Ein ausnehmend schönes und glückliches Paar, allerdings auch rätselhaft, fremdartig und gefürchtet. Das Jahr 1914 bringt den Krieg und den Stellungsbefehl für Josef. Die Familie ist auf Almosen und das Wohlwollen des Bürgermeisters angewiesen. Als der Krieg vorbei ist hat Maria ein Mädchen zur Welt gebracht. Im Dorf wird geredet: dass Josef wohl kaum als Vater in Frage komme, obwohl er zweimal auf Fronturlaub zu Hause war. Zwei Männer gingen bei Maria ein und aus. Ein Deutscher und der Bürgermeister. In Josef ist der Zweifel gesät. Er wird dieses Kriegskind seiner Lebtag nie anschauen.

Das sind Dinge, über die in einer Familie lieber geschwiegen, als geredet wird. Doch soviel auch verheimlicht wird: Längst vergangene Ereignisse wirken nach. Monika Helfer setzt ihre Familiengeschichte aus Bruchstücken zusammen; aus dem, was sie aus ihrer betagten Tante Kathe herausgekitzelt hat, aus ihren eigenen Bildern, Empfindungen, Erlebnissen mit Onkeln und Tanten. Sie erfindet Dialoge, die vielleicht so, vielleicht aber auch anders stattgefunden haben. Sie greift auf die Wortwahl ihrer Tante zurück, wohlwissend, dass in der Erinnerung manche Geschichten grösser werden, andere kleiner, als ihnen zukommt. Und so werden Marias Kinder zu tapferen Helden: Hermann, der besser mit Tieren kann als mit Menschen, Lorenz, vor dem sich selbst der Bürgermeister in acht nehmen muss, Katharina, die im Notfall schon mal lügt, dass sich die Balken biegen. Schliesslich geht es ums Überleben. 

Helfers Erzählstil ist unprätentiös. Sie streift in ihrem Berichten durch die Jahrzehnte, greift mal diesen Lebensstrang auf, mal jenen. Und sie stellt sich die Frage: „Wann und wo endet die Bagage? Gehöre ich noch dazu? Gehören meine Kinder noch dazu?“

Titel: Die Bagage, gebunden, 159 Seiten

Autorin: Monika Helfer

Verlag: Hanser, 2020

ISBN 978-3-446-265-622, Fr. 28.90/Euro19.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Maria ist wunderschön. Ihr Mann wird in den Ersten Weltkrieg eingezogen. Es ist kein Geld im Haus, Maria hat drei Kinder zu versorgen. Der Bürgermeister des Bregenzerwälder Dorfes bietet Hilfe an. Er ist aber nicht der einzige, der ein Auge auf Maria geworfen hat. Ein Buch über das Leben auf dem Lande, wo jeder jeden kennt, wo jeder weiss, was der andere gerade denkt oder tut. Und weiss man es nicht, so erfindet man etwas. So werden aus Familien Bagagen und aus Bagagen Familien.

Für wen: Stammen Sie aus einer Bagage? Dann ist das sicherlich auch Ihre Geschichte.

Was Maša, Saša, Kolja, Veročka und Ivan im Urlaub so treiben

Wenn ein Sommerregen die Landschaft reingewaschen hat, die Grillen zirpen, Sonnenlicht durch ein Birkenwäldchen bricht, dann ist die Welt in Ordnung, das Glück zum Greifen nahe. Wenn da nur nicht diese Mücken wären. Mücken der allerübelsten Sorte: untreue Ehefrauen und ihre Liebhaber, Bankrotteure, Diebe oder verliebte Karpfen. Apropos Karpfen: Es ist die Schuld eines Fisches, dass „unsere Dichter düstere, niedergeschlagene Gedichte“ schreiben. Jedenfalls schreibt dies Anton Čechov in der Kurzgeschichte Fisches Liebe.

Diese uns andere Short-Stories von Sommerfrischlern, Ehepaaren und Ehebrechern, Verschwendern, Verführern, Trinkern etc. führen uns in ein sommerliches Russland des späten 19. Jahrhunderts. Gelangweilte Ehefrauen setzen ihren törichten Männern Hörner auf; ein Junggeselle schreibt einen Brief, wie es dazu kam, dass er keine seiner Flammen geehelicht hat; ein verliebtes Paar kauft sich ein Landgut und setzt eine Familie auf die Strasse. Da kann einem schon das romantische Gefühl verlustig gehen.

Und gerade deshalb kann ich von Čechov nie genug bekommen. Keiner schreibt so humorvoll, trocken, scharfsichtig und -sinnig über das (Ehe)leben, die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse und ihre romantischen Verbrämungen. Was Liebe scheint und lauthals so verkündet wird, ist oftmals genug wirtschaftliches Denken oder die Suche nach Abenteuer. Der Mensch behilft sich mit Wegdiskutieren und Wegschauen, wenn etwas nicht ins Bild passt. Und daran hat sich seit Čechov nichts geändert, weder in Russland noch hier. 

24 erfrischend-ernüchternde Sommerfrischen-Geschichten hat Peter Urban neu aus dem Russischen übersetzt. Ausgewählt wurden sie von Christine Stemmermann und herausgegeben wurde das Büchlein von Diogenes. 

Titel: Sommergeschichten, Leineneinband, 269 Seiten

Autor: Anton Čechov, aus dem Russischen von Peter Urban

Verlag: Diogenes 2020 

ISBN 978-3-257-07131-3

Kurzbeschrieb/-bewertung: Sommergenuss à la russe. Idylle mit Abgründen, wie man sie von Čechov nicht anders erwartet. Wunderbar.

Für wen: SommerfrischlerInnen, die sich gerne erfrischen lassen aber auch nichts gegen ein wenig Nachdenken haben. 

Die Kunst des gekonnten Weglassens

Ich hätte es wissen müssen: Wenn einer wie Andreas Caminada ein Kochbuch mit „meine einfache Küche“ untertitelt, geht es nicht darum, mir das Kochen einfach zu machen. Und schon gar nicht darum, auf die Schnelle etwas auf den Tisch zu hexen. Nix da! Wählerischer Einkauf, Vorbereitung und Einsatz müssen schon sein. Und so wird selbst ein einfacher Gemüsesalat aus Karotten, Pastinaken, Kohlraben, Randen und Fenchel zu einer Angelegenheit, bei der Köchin und Backofen ins Schwitzen geraten und zahlreiches Gerät und Techniken zum Einsatz kommen. 

Dasselbe Prinzip findet sich auch beim Spargelsalat. Spargel roh, Spargel gekocht, Spargel grün, Spargel weiss, Spargel eingelegt. Was im Endeffekt einen Salat ergibt, der nicht nur allerhand Geschmacksvarianten bietet, sondern auch Beisseffekte. 

In „Pure Leidenschaft, meine einfache Küche“ wird konfiert, angebraten, mariniert, aromatisiert, glasiert, passiert und eingelegt, es ist eine wahre Freude. Dabei sehen die Rezepte ganz harmlos aus. Doch spätestens beim Essen wird klar: So kocht nur einer, der sich nicht bloss über das Hinzufügen, sondern mindestens gleicherweise über das Weglassen Gedanken macht.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstand, was Andreas Caminada mit „einfach“ meint. Die Zutaten sind in der Tat einfach, und die Umsetzung der Rezepte erfordert ausser Zeit und Willen auch keine Zauberkünste. Die meisten Zutaten sind im eigenen Umfeld zu bekommen, wenn auch vielleicht nicht in der Qualität, die Caminada dank Speziallieferanten verlangt. Gemüse, Kräuter, Fleisch, Milch- und Getreideprodukte: Caminada verarbeitet, was hierzulande wächst und gedeiht. Seine Rezepte in diesem Buch suchen keine Exotik und Effekthascherei ist ihnen fremd. Caminada arbeitet mit einem Minimum an Zutaten und Gewürzen. Diese wenigen aber werden gezielt eingesetzt. Zum Beispiel setzt er gerne ein Aromaöl aus einem im Rezept bereits verwendeten Gewürzkraut ein. Das verleiht der Speise zusätzliche Tiefe.

Was habe ich bis jetzt nachgekocht:

Kalbsrahmgulasch. Ich schwör’s, beim Lesen des Rezepts hat meine Waage ein lautes Stöhnen von sich gegeben. Auf ein Kilo Fleisch nimmt der Meister 200 Gramm Butter, zum Abschmecken des Gerichts einen halben Liter Rahm. Mit Rahm und Butter zu sparen wäre falsch, meint Caminada. Also tapfer die Zwiebeln in Butter goldgelb geröstet und rein mit den Rahmkalorien. Das Resultat: ein feines Gulasch, das durch die Beigabe von Kümmel eine spezielle Note bekommen hat. 

Weil es kalorienmässig gerade Wurscht war, ging die Testreihe weiter mit Schweinebauch mit BBQ-Creme. Mein allererster Schweinebauch, also habe ich mich getreulich ans Rezept gehalten. Fazit: Benötigt viel Zeit, ist aber tatsächlich einfach zu bewerkstelligen, schmeckt herrlich, mit knusperiger Haut. Die BBQ-Creme vereint alle Geschmacksrichtungen. Perfekt für Leute, die gegen Speck nichts einzuwenden haben.

Mein persönliches Highlight war Testessen Nr. 3: Gnocchi in Petersiliensauce. Ich gebe es zu, das Petersilienöl dazu habe ich weggelassen, das Petersilienpüree habe ich nicht durch ein feines Sieb gestrichen, und anstelle von Röslerkartoffeln mussten hundsgewöhnliche Bintje herhalten. Trotz all dieser Frevelei haben wir die Platte mit den Gnocchi ratzfatz leergegessen. Kurzum: Ein Hit, sowohl was die Konsistenz der Kartoffelgnocchi angeht, als auch die (rahmunterstützte, was sonst) Petersiliensauce. Zum Glück gedeiht mein Petersilienstock dieses Jahr prächtig.

Ein paar Rezepte muss ich mir für den Herbst aufsparen. Es wartet noch ein Wildterrine, ein Hirschrücken mit Steinpilzen. Oder die „weltbeste Gerstensuppe“. Und Dörrbirnenravioli. Bis im Herbst werde ich auch rausgefunden haben, was Krauseminze ist und was Rauchöl.

Ein Kochbuch, in dem es sich gerne blättert. Prachtvolle Bündner Landschaftsbilder machen Lust auf Wanderungen. Besonders sympathisch: Caminada porträtiert ein paar seiner Lieferanten und stellt ihre Spezialitäten vor. Viehzüchter, Jäger, Bauern, Gemüsebauern, Fischer, die gleichfalls ihre Arbeit mit einer gehörigen Portion Leidenschaft verrichten und sich dabei gerne weiterentwickeln.

Titel: Pure Leidenschaft, meine einfache Küche, Leineneinband

Autor: Andreas Caminada, mit Fotografien Gaudenz Danuser

Verlag: atverlag, 2020, at-verlag.ch 

ISBN 978-3-03902-028-7

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kulinarisches Bündnerland von  Capuns/Maluns bis Gersten- und Brotsuppe, dazu das eine oder andere, was man im Bündnerland nicht erwarten würde. Einfache Zutaten, ohne Firlefanz , aber stets mit einer speziellen Note. Ausprobieren lohnt sich, auch wenn es etwas Einsatz kostet. Oder gerade deshalb. Ansonsten eine gute Idee: Buch verschenken und sich einladen lassen.

Für wen: Für alle, die schon immer mal bei Caminada einkehren wollten, aber sich bisher nicht nach Fürstenau/Schloss Schauenstein getrauten. Dieses Buch macht definitiv Lust auf einen Restaurantbesuch. 

Perserteppich, geknüpft aus Verzweiflung und Liebe

Amir, ein junger Mann, wird von seiner Familie in einer psychiatrischen Anstalt in Teheran wiedergefunden. Er hat im Krieg gegen die Irakis nicht nur Verstand und Erinnerungen verloren, sondern auch einen Arm in den kurdischen Bergen gelassen. 

Shahriar Mandanipur rollt mit Augenstern nicht nur einen Liebesroman in epischer Breite und Länge vor uns aus. Wir bekommen gleichfalls einen Blick in eine uns und wahrscheinlich auch manchem Iraner kaum begreifbare, von patriarchalen Strukturen und Gewalt geprägten Welt, in der es schon ein Frevel scheint, Fragen zu stellen. 

Augenstern spielt zur Zeit der islamischen Revolution und des ersten Golfkriegs, also in den späten Siebzigern und den Achtzigern des letzten Jahrhunderts. Schah Reza Pahlewi wird vertrieben und abgelöst durch eine nicht minder rigorose, doch diesmal religiös motivierte Gewaltherrschaft. Zusätzlich löscht der Krieg mit dem Irak eine ganze Generation junger Männer aus. 

Amir ist unter dem laizistischen Regime Reza Pahlewis gross geworden. Als Sohn einer wohlhabenden Familie geniesst er sämtliche Freiheiten. Er und seine Freunde feiern Feste, trinken, rauchen und lassen kein Mädchen unbehelligt. Doch mit dem Staatsstreich der Mullahs zerfällt Amirs Welt in Bruchstücke. Zusammen mit seiner aufopfernden Schwester versucht er Jahre später, diese Splitter einzusammeln und zusammenzusetzen. Was hat es mit dem Mädchen Khazar auf sich, das durch seine Tagträume geistert? Ist der Goldring, den er vermutlich trug, im Kriegsgebiet geblieben, zusammen mit seinem linken Arm? 

Shahriar Mandanipurs Roman brilliert mit einer poetischen Sprache und der Innensicht eines Landes das nicht recht weiss, wohin es will.  Auch wenn der Roman in einer vergangenen Zeit spielt, so scheint es doch, als legte uns Mandanipur eine Bildstrecke des heutigen Irans vor: Land und Menschen, zerrissen zwischen Moderne und Tradition. Man arrangiert sich mit rigiden Vorgaben und versucht, sie so gut als möglich zu umschiffen. Nach zwei Schritten vor, folgen zwei zurück.

Die ersten zwei Drittel des Romans sind der Erinnerungsarbeit Amirs gewidmet. Langsam (meiner Meinung nach zu langsam) findet er Namen, Adressen, tauchen Erinnerungsbilder auf und bleiben haften. Es hat einen Grund gegeben, weshalb Amir zur Armee gegangen ist. Eine Schuld? Im letzten Drittel nimmt die Geschichte Fahrt auf. Amir findet seinen Freund Pourpirar wieder, der ihn aus den Bergen gebracht hat und dabei selber verletzt wurde. Mit Pourpirar macht er sich auf die Reise zurück in vermintes Gelände. Und findet dort mehr als seinen längst verwesten linken Arm.

Mit Amir hat der Autor eine Hauptfigur geschaffen – eitel, überheblich, unreif, verschwenderisch, wehleidig, undankbar sowie in ständigem sexuellen Notstand – bei dem es zeitweise schwerfällt, ihn als Sympathieträger zu würdigen. Das eine oder andere mag man seinen Traumata zugute halten. Das andere oder eine jedoch regt bei mir eher den Brechreiz an. Hauptsächlich die Art und Weise, wie über Frauen gedacht und geredet wird. Beispielsweise ist selbst Amirs Betrachtung seiner Schwester und sogar seiner Mutter nicht frei von sexuellen Anspielungen. 

Mehr als eindrücklich sind die Szenen aus dem iranisch-irakischen Krieg. Amir ist im Krieg Beobachter: Das macht ihn sowohl zum Akteur und Betroffenen einer schlecht ausgerüsteten Armee, als auch zu jemandem, der eine „Sicht aus Distanz“ auf die Dinge hat.

Titel: Augenstern, gebunden, 443 Seiten

Autor: Shariar Mandanipur, aus dem Englischen von Regina Schneider 

Verlag: Unionsverlag, 2020

ISBN 978-3-293-005-570, Fr. 32.00/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Altes, schönes Leben dahin, Geliebte weg, eine Auspeitschung, ein brutaler Krieg: Kein Wunder wollen weder Amirs Gedächtnis noch sein Verstand mehr mitmachen. Doch da sind die Engel auf seinen Schultern, die alles aufzeichnen, was Amir denkt, sagt und tut. Sie formulieren es mal märchenhaft und voller Poesie, mal ironisch, meist ungeschönt und manchmal brutal. Ein aus vielen tausend feinsten Knöpfen geknüpfter Perserteppich mit etwas langen Fransen.

Für wen: Open-End-FreundInnen.