Man nehme …

Man nehme vier Jugendliche: einen Schwarzen, einen Schwulen, ein freakiges Mädchen und einen Aussenseiter in schwieriger familiärer Situation. Man gebe einen gehäuften Esslöffel Herzschmerz dazu, zweihundert Gramm Drama und setze das Ganze in die amerikanische Pampa, rühre gut um und lasse es über gut dreihundert Seiten köcheln. Fertig ist der Coming-of-age-Roman.

Diese und andere Gedanken sind mir beim Lesen von Benedict Wells Hard Land durch den Kopf gegangen und haben mich von der eigentlichen Story abgelenkt. An und für sich eine runde, leicht zu lesende Geschichte über Freundschaft und  Erwachsenwerden. Aber eben auch eine Geschichte, die ich so oder allzu ähnlich schon gelesen habe. Eine Geschichte auch, die einen in ihrer dichten Atmosphäre in die eigene Jugend zurückträgt, als das Gras intensiv nach Sommer roch, die grosse Welt sich bald auftun würde, Risiken nichts als Spass waren und das Drama stets auf der Bettkante sass. 

Wir schreiben die Achtzigerjahre. Sams einziger Freund ist weggezogen, die Sommerferien stehen vor der Tür. Es werden unerträgliche Ferien werden, denn Sams Mutter ist schwer krank und sein Vater ohne Arbeit. Sam meldet sich auf einen Ferienjob im örtlichen Kino und begegnet den etwas älteren Freunden Cameron, Hightower und Kirstie.

Titel: Hard Land, Roman, 342 Seiten, gebunden

Autor: Benedict Wells

Verlag:  Diogenes Zürich, 2021

ISBN 978-3-257-07148-1, Fr. 26.40, Euro 24.-

Kurz zusammengefasst: Geschichte des jugendlichen Aussenseiters Sam, der in mehr als einer Hinsicht den Sommer seines Lebens erlebt. Berührend, melancholisch, empathisch mit vielen Seitenblicken auf Musik, Film und Literatur der Achtzigerjahre.

Für wen: Wers mag.

Papier ist geduldig – aber wer hält das aus?

Es kann einem schon mal die Sprache verschlagen beim Blick in heutige Zeitungen. Neuere Begriffe wie Häppchen- oder Verlautbarungsjournalismus oder gar Fake News sagen viel aus. In meiner Jugend hatte jedes Tal seine eigene Zeitung (es gab sogar den Begriff Blätterwald) ­– heutzutage geben wenige Konzerne ein paar Erzeugnisse heraus. Statt mit Meinungen Features, Leitartikeln, Hintergrundartikeln oder Reportagen füllen diese ihre Seiten lieber billig mit Belanglosigkeiten, Kreuzworträtseln, Wetterprognosen, Sportresultaten … und wundern sich, wenn die Leser dafür kein Geld ausgeben wollen. 

Nun nützt natürlich das Gejammere nichts. Informationen gibt es genügend, nur ist es um einiges schwieriger geworden, diese zu filtern, zu prüfen und zu analysieren. Mir helfen in dieser Sache meistens zwei Fragen: Wer steckt hinter der Info? Wer hat welche Interessen in der Angelegenheit?

Artur Kilian Vogel, der Autor von Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging, war selber Journalist. Auch er hat das Fällen des Schweizer Blätterwaldes hautnah miterlebt. Seine Erfahrungen dürften ihn weitgehend zu diesem Roman inspiriert haben. 

Zur Story: Chefredakteur Strittmatter sitzt an einem Novemberabend allein in seinem Büro, ein Glaskasten mit Blick aufs Grossraumbüro, wo noch ein paar Computer flimmern. Das Flimmern täuscht, denn heute erscheint Strittmatters letzter Leitartikel. Sein Blatt geht unter. Keiner braucht den alternden Chefredakteur mehr; nach all den Jahren, die Strittmatter für die Zeitung und die Leser unterwegs war. Strittmatter passt nicht mehr in die heutige Zeit, und schon gar nicht kommt er mit der Art klar, wie heute Zeitungen designt und «abgefüllt» werden. 

Es ist dies eine Geschichte der Erinnerungen und der Abrechnung mit sich selber. Welchen Platz hat man im Leben eingenommen, was bleibt zurück von einem Lebenswerk, wo und wen hat man geliebt und vor allem: Von wem wurde man wiedergeliebt? Es sind Erinnerungen auch daran, wie noch vor wenigen Jahrzehnten Zeitungen gemacht  wurden, wie man sich als Schreiberling das erste Zeilengeld verdiente, wie man sich hinaufarbeitete. Strittmatter wühlt sich einen Abend lang durch alte Ordner, geht seiner eigenen Geschichte anhand alter Zeitungsartikel nach, wühlt sich durch vergilbtes Papier. Er war lange als Kriegskorrespondent tätig. Doch jetzt fragt er sich, was von diesem Leben zwischen Terror, schnellem Sex, beruflichem Anspruch und der Suche nach Glück geworden ist. Was bleibt? Ein paar Ordner und die schmerzliche Erinnerung an eine Frau, die er nicht halten konnte. 

Es ist eine Geschichte voller Wehmut, teilweise etwas larmoyant, was natürlich Strittmatters grosszügigem Alkoholkonsum in diesen Stunden zuzuschreiben ist. Hier ein Textauszug:

«Nein, Strittmatter sei ehrlich! Jetzt, in diesem Moment der Wahrheit, kannst du ehrlich sein; du brauchst dir nichts mehr vorzumachen. Du hast die Chancen nicht genutzt; du hast nur Altpapier produziert, für das sich niemand mehr interessiert. Zwar hast du einen Ruf gehabt, damals, als du noch Journalist warst und nicht der Ausführungsgehilfe des publizistischen Niedergangs und der Verwalter der wirtschaftlichen Misere wie heute. Aber du hast diesen Ruf nicht verdient. Hat vielleicht, hat wenigstens diese eine Reportage überlebt, irgendwo? Und könnte sie eines Tages wieder auftauchen…»

Die Stärken des Romans liegen klar in den realistischen Schilderungen der Wirren, in denen sich Kriegsreporter bewegen mit verheerenden Auswirkungen auf die vermeintlich unbeteiligten Berufsleute der Informationsbranche. Vogel konnte hier eindeutig aus seinem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Beinahe schon vergessene Konflikte tauchen vor des Lesers Auge auf und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie es der Mensch immer wieder schafft, solche weltbewegenden Schrecknisse zu verdrängen oder zu vergessen. In seinem Nachdenken über die Vergangenheit springt Strittmatter von Explosionen zu Flirts, von Begegnungen mit politischen Akteuren zu Liebesabenteuern.

Titel: Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging, Roman, 285 Seiten, gebunden

Autor: Artur Kilian Vogel

Verlag:  Cameo, Bern, 2021

ISBN 978-3-906287-87-4, Fr. 29.90, Euro 29.-

Kurz zusammengefasst: Chefredakteur Strittmatter lässt sein Leben episodisch an sich vorüberziehen. Weinseligkeit kommt keine auf. Dafür stellt sich Strittmatter seiner Vergangenheit. Der Abend endet mit einem grossen Feuer.

Für wen: JournalistInnen mit einem Idealbild von diesem Beruf und anderen, denen es ab und zu die Sprache verschlägt.

Voll verspiegelt und Vorhangspiele

Und hier noch zwei Werke, auf die ich euch gerne aufmerksam mache, zum einen, weil meine Kollegin Susanne Mathies und weitere Freunde, zum anderen, weil ich selbst daran beteiligt bin. Also: etwas Werbung in eigener Sache.

Dieser Tage fand in Zürich die Vorstellung der Spiegel-Anthologie statt. Es ist dies bereits die vierte Kurzgeschichtensammlung, die der litac-Verlag in der Unterirdischen Reihe herausgibt. Dreissig Texte sind darin versammelt, in denen es um hinterhältige, ver- und beschlagene, verlogene, geheimnisvolle Spiegel geht. Nicht immer ist das, was einem entgegenspiegelt, das was man zu sehen erwartet. 

Zu kaufen im litac-Verlag, www.litac.info, ISBN 978-3-952-484-944, Fr. 15.90 oder im Buchhandel.

(Das Spiegelbild oben hat Susanne Mathies an der Buchvernissage vom Mittwoch, 20. Oktober er, in Zürich gemacht.)

Vorhang auf zum 2022

Des weiteren und alle Jahre wieder empfehle ich die orte-Poesie-Agenda. Susanne, der orte-Verlag, Dichter, Dichterinnen, Fotografen, Künstler und ich haben wieder keine Mühe gescheut, eine luftig-lockere Mischung von Gedichten, Bilder, Fotos usw. zu einer Agenda zusammenzustellen, die euch durchs nächste Jahr begleiten soll. Hier das Editorial, das euch gluschtig machen soll:

Vorhang auf, das neue Jahr beginnt! Und keine Sorge darüber, was hereinfliegen könnte – wir haben einen Corona-Filter vor diese Agenda gesetzt, durch den höchstens eine kleine Maske schlüpfen könnte. In den diesjährigen Gedichten wehen und hängen viele Vorhänge. Sie warten darauf, zur Seite gezogen zu werden und den Blick auf die Welt vor dem eigenen Fenster freizugeben. So wird die Sicht frei auf die Erde, auf üppige Kürbisse und rotbackige Äpfel, aber auch in den Sternenhimmel, in dem sogar einige Engel auszumachen sind.

Zu kaufen beim Verlagshaus Schwellbrunn verlagshaus-schwellbrunn.ch und in jedem Buchladen. Kostenpunkt 18 Franken. ISBN 978-3-85830-286-1

Literatur, die neue Inseln baut

In der 22jährigen Hekla schlummert ein Vulkan, ein Schreibfeuerwerk, das nach draussen muss. Doch Hekla lebt auf Island in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Schriftstellernde Frauen gelten dort gerade als Unding der Natur, oder sie bringen sich um. Keine guten Voraussetzungen für Hekla, die sich als Serviererin über Wasser hält. Ihre männlichen Gäste legen ihr nahe, sich für den Job als Miss Island zu bewerben. Hekla ist von der Idee wenig begeistert.

Hekla ist eine junge Frau vom Lande, die sich in die Stadt aufgemacht hat, um frei zu sein und ihren Weg zu gehen. Sie ist anders als die anderen, weiss das auch und versucht gar nicht erst, sich der Norm anzupassen. Die Stärke dazu haben ihr ihre Eltern mit auf den Weg gegeben. Wenn es hart auf hart kommt, hat sie in Reykjavik ihren Freund Jón John und ihre Freundin Ísey. Jón John ist schwul und droht, daran zugrunde zu gehen. Ísey ist voller Poesie, doch sie hat sich jung verheiratet und ist Mutter geworden. Sie hangelt sich melancholisch durch ihre Hausfrauentage. 

Miss Island von Audur Ava Ólafsdóttir ist eine Geschichte, die von innerer Stärke handelt und dem Vertrauen in das eigene Talent. Dass die Gesellschaft Andersartigen Hürden in den Weg legt, ist auch Hekla klar. Und dass sie sich nicht von ihrem Weg abbringen lässt ebenso, auch wenn das Verzicht bedeutet. Gleichzeitig ist Miss Island ein Roman über die Liebe zum geschriebenen Wort und zur Landschaft, in der das Wort hervorbricht, sich seinen Weg bahnt, sich wie ein Vulkan neue Inseln baut. Ein kleines literarisches Juwel: amüsant, poetisch, kraftvoll.

Titel: Miss Island, Roman, 236 Seiten, gebunden

Autorin: Audur Ava Ólafsdóttir

Verlag:  Insel, Berlin, 2021

ISBN 978-3-458-17902-3, Fr. 31.50, Euro 22.-

Kurz zusammengefasst: Emanzipation in den 70ern auf Island. Eine gelungene und witzige Mischung aus Zeitgeschichte, Bohème, Coming of age mit viel isländischem Einschlag. Sollte man lesen. 

Für wen: Alle, die Mut brauchen, ihren Talenten und Träumen zu vertrauen.

Zürichs Mordserie geht weiter

Auf der Zugfahrt von einer Buchpräsentation versank ich gestern förmlich in einem Krimi. Der Titel: Mord im Lesesaal, die Autorin: Susanne Mathies; dies ist bereits ihr vierter Zürich-Krimi. Leider, leider war meine Zugfahrt nicht lange genug, ich werde das Ende der packenden Story heute lesen müssen. Zum Glück stürmt der Föhn draussen durchs Land, so dass einem gemütlichen Kriminachmittag auf dem Sofa nichts im Wege steht. 

Tatort ist der ehrwürdige Lesesaal der Zürcher Museumsgesellschaft am Limmatquai. In diesen Raum gelangen sonst nur Mitglieder. Doch jetzt sitzt dort in einem roten Lesersessel ein unappetitlicher alter Mann, auf dem Teppich unter seinen Füssen breitet sich eine rote Blutlache aus. Die anwesende Krimiautorin Cressida Kandel nimmt sogleich die Ermittlungen auf, denn die Züricher Polizei hat gerade Besseres zu tun, als sich um einen Toten zu kümmern. 

Cressida Kandel ist eine Falllöserin nach meinem Geschmack. Durchsetzungsstark, selbstbestimmt, mal mit Charme, mal mit Witz lenkt sie die Ermittlungen. Dazu berechtigt sie sich gleich selber, hat sie doch „durch ihre Tätigkeit als Krimiautorin am meisten Erfahrung mit Polizeiarbeit“ und weiss, wie ein Täter tickt. Verdächtig sind eine Handvoll Personen, von denen Cressida schon vor dem Mordfall gedanklich ein Figurenprofil angelegt hat. Ich bin mal gespannt, wie weit sie damit kommt, ohne von den anderen im Lesesaal Anwesenden selbst verdächtigt zu werden.

Auch die anderen Figuren der Geschichte haben es in sichl: Da wäre zum Beispiel die Saalaufsicht Karin, die mit der Mordwaffe in der Hand ohnmächtig aufgefunden wurde. Oder Martin Leemann, der Sohn des verschwundenen Schriftstellers Solomon Leemann. Irgendwie nämlich scheint der gruselige Tote mit Solomon in Verbindung zu stehen. Schnell sind ein paar Thesen zur Hand, es wird mit dem Finger auf andere gezeigt, immer nach dem Motto: Schuldig ist der andere. 

Weiter gefällt mir der Schauplatz ausnehmend gut: Ein Ort, an welchem sich lauter anscheinend distinguierte Menschen treffen, ein Ort mit Historie, einen Steinwurf entfernt von den touristischen Hauptattraktionen Zürichs, ein Ort, an welchem man als Letztes einen Mord an einem vergammelten Alten erwarten würde. Die Geschichte ist süffig geschrieben, nimmt die lokalen Gegebenheiten aufs Schönste auf und liebevoll ein wenig auf die Schippe.

Hier schreibt eine Autorin, die ihren Wohnort mag, aber auch dessen Schwächen kennt.

Titel: Mord im Lesesaal, Krimi, 281 Seiten, Paperback

Autorin: Susanne Mathies

Verlag:  Gmeiner, Messkirch, 2021

ISBN 978-3-8392-0054-4

Euro 13.00, Fr. 19.90

Kurz zusammengefasst: Eine taffe Krimiautorin und Writer in Residence auf der Pirsch nach neuen Geschichten und einem Täter. In Zürichs Touristenquartier angesiedelt. An einem Ort, an dem Touristen nichts verloren haben. Zügig und mit Witz geschrieben.

Für wen: Für Agatha-Christie-Fans und alle, die nächstens mal nach Zürich müssen. (Wenn sie jemanden kennen, der jemanden kennt, dürfen sie vielleicht auch einen Fuss in den Lesesaal setzen. Der Blutfleck unter dem roten Sessel wurde so gut es geht entfernt.)

Ein Frauenleben zwischen orange-braunen Blümchentapeten

Manchmal frage ich mich, ob und inwiefern sich das Leben von uns Frauen in den letzten 50 Jahren verändert hat. In meiner Generation galt die Berufswahl für Mädchen nach der Schule als eine Selbstverständlichkeit, auch wenn es hie und da noch hiess, man heirate ja dann doch. In diese Aussage eingeschlossen war nicht nur die Aussicht auf Kinder, sondern auch, dass der Ehemann schon für den zukünftigen Lebensunterhalt aufkomme, und ebenso, es lohne sich nicht, allzu viel Zeit und Geld in die Ausbildung  zu investieren. 

Und tatsächlich sind die meisten meiner Jahrgängerinnen diesem eingepflanzten Lebensentwurf nachgekommen, wenn auch mit dem Anspruch, den erlernten Beruf irgendwann wieder aufzunehmen, «wenn die Kinder gross genug sind».

Und heute: Frauen lernen, wozu immer sie Lust haben. Sie arbeiten ohne Unterbruch. Kinder bekommen sie dann, wenn es passt, und das mit dem Heiraten überlegen sich einige doch recht gut. Ehemänner wollen auch keine Versorger mehr sein, sondern Partner. Das klingt soweit ganz gut, inwieweit es funktioniert, steht auf einem anderen Blatt Papier. 

Die grosse Freiheit also?

Welche zähen politischen und persönlichen Schritte es hin zu dieser Situation brauchte: Mir kommt vor, da bestünden heutzutage etliche Wissenslücken. Da scheint ein Rückblick in die Siebzigerjahre des zwanzigsten Jahrhunderts gar nicht so verkehrt. Was trieb Frauen zu jener Zeit der orange-braunen Blümchentapeten um, wovon träumten sie?

Frauke Ohloff ist der Sache in ihrem Roman Fiona nachgegangen.

Fiona ist aus Deutschland in die Schweiz gezogen und sucht Anschluss und etwas, was ihr Leben ausfüllt. Was das sein könnte, weiss sie nicht. Vorerst lässt sie sich auf sexuelle Abenteuer ein, deren Anfang das Ende schon ahnen lässt. Ihr Mann Clemns scheint die Geduld in Person zu sein, verbringt aber immer mehr Zeit bei der Arbeit. Fionas Verhältnis zu ihrem Sohn Stefan scheint eher analytisch als gefühlsbetont. Fiona hat viel Zeit über ihre Situation nachzudenken, über ihre Herkunft und Vergangenheit ebenso wie über ihre Wünsche für die Zukunft. Dabei stellen sich auch Fragen nach der (selbstgewählten) Begrenztheit ihres Lebens, nach Verantwortung und danach, wie sich Glück definieren lässt und vor allem, wie es sich festhalten lässt.

Möglicherweise ist Fiona ein typisches Beispiel der Nachkriegsgeneration: Verheiratet und finanziell von ihrem Mann abhängig, auf der anderen Seite aber bereit, sich aus dieser Situation zu lösen oder wie es so schön heisst: sich selber zu finden. Dieses Sich-selber-Finden kann aber immer nur im Vergleich mit anderen stattfinden. In Fionas Fall beispielsweise in der Begegnung mit Johanna oder dem Ehepaar Richter. Fiona sucht Herausforderungen und findet doch nur neuen Mief, andere Einschränkungen und missliche Lagen. Die Männer in Frauke Ohloffs Roman kommen oft etwas übergriffig daher. Sie scheinen allesamt zu wissen was Frau braucht und denkt. 

Titel: Fiona, Roman, 225 Seiten, Paperback

Autor: Frauke Ohloff

Verlag:  Edition Hartmann, Bern, 2021

ISBN 978-3-905110-42-5, Fr. 35.­–

Kurz zusammengefasst: Fiona, eine Frau zerrissen zwischen den inneren und äusseren Ansprüchen, sucht einen Weg aus der Lethargie. Männerbekanntschaften, ein neuer Arbeitsplatz, die Herausforderungen als Mutter und Ehefrau, das fremde Umfeld: überall stösst Fiona an Grenzen. An innere und äussere. 

Für wen: Glückssucher/innen.

Dieses angeschlagene Obst schmeckt gut

Das Cover zeigt Birnen: gelbe, mit grünen und braunen Flecken. Eine Sorte, die es wohl kaum in einem Geschäft zu kaufen gibt. Eine alte Sorte, denn so lautet der Titel des Romans von Ewald Arenz: Alte Sorten. Man könnte nun davon ausgehen, dass das Obst in dem Roman eine tragende Rolle spielt. Doch nein. Ein Birngarten kommt zwar vor. Auch wie man aus Birnen Branntwein zaubert. Sogar zwei Menschen gibt es, die das Obst lesen und verarbeiten. Ansonsten ist birnenmässig nicht viel los. 

Der zweite Gedanke wäre, dass es sich bei den alten Sorten um Menschen handelt, die entwicklungsmässig im letzten oder vorletzten Jahrhundert stehengeblieben sind. Mit den modernen Zeiten nicht mitkommen. Auch dieser Schluss ist zumindest halbwegs ein Irrläufer. Es geht in dieser Story zwar um Menschen mit Problemen, doch die sind anderer Art. Die Rede ist von Liss und Sally.

Sally ist jung und Borderlinerin. Eigentlich gibt es nichts, worüber sie sich nicht masslos aufregen kann. Vor allem ihre Mitmenschen machen sie wütend. Liss könnte vom Alter her Sallys Mutter sein; sie spürt in sich einen unbändigen Freiheitsdrang und ist mit ihrem geregelten Leben unzufrieden. Beide Frauen haben Mühe sich an- und einzupassen. Birnenmässig gesprochen, haben sie den einen oder anderen Fleck, der sie für die Supermarktauslage ungeeignet macht.

Ewald Arenz führt die jugendliche Streunerin Sally und die unglückliche Bäuerin Liss zusammen. Die Umgebung könnte – zumindest vordergründig – idyllischer kaum sein. Man stelle sich so etwas wie Bayern vor, ein paar Hügel, Bauern auf Traktoren, im Hintergrund einige überdimensionierte Windkrafträder. Viel Weite, viel Landschaft. Hier finden die beiden Frauen so nach und nach über das gemeinsame Tun auf dem Feld, über kurze Gespräche, über kleine Momente des Seins zueinander, in denen sich ihre Verletzlichkeit und ihre Narben offenbaren. Brüchig und zaghaft am Anfang, wird die Freundschaft durch einen Moment der Krise gestärkt. 

Ewald Arenz beschreibt einfache Alltagssituationen. Nichts ist aufgeregt. Bilder tauchen auf, verblassen wieder. Jeden Morgen ist das Leben auf dem Land gleich und doch etwas anders als am Tag zuvor. Wir sehen Liss im Türrahmen stehen. Eine Tasse Tee in der Hand schaut sie dem Regen zu, den Hühnern auf dem Hof:

«Ein Tag, an dem man die Welt einfach trinken lassen und sie da bei nicht stören sollte. An dem man die Hühner rennen lassen sollte, ohne den Kopf zu schütteln. Ein Tag, an dem man ein Mädchen schlafen lassen sollte, wenn es schlief. Es gab für alles einen Grund, sie sah ihn nur nicht.»

Eine Erzählweise und Sprache, die dem Inhalt des Romans voll und ganz gerecht wird. Wunderbar. Mehr muss dazu nicht gesagt werden. 

Und jetzt wäre ein liebevoll gebranntes Birnenschnäpschen keine schlechte Idee.

Titel: Alte Sorten, Roman, 255 Seiten

Autor: Ewald Arenz

Verlag:  Dumont, Köln, 2021

ISBN 978-3-8321-6530-7, 10 Euro/15.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Zwei Frauen, die in keines der üblichen Strickmuster passen, finden zusammen und akzeptieren sich. 

Für wen: Für alle Früchtchen (nicht nur für Kernobst).

Häusliches Ausland gesucht!

Für einmal geht es hier nicht um Bücher, noch nicht einmal um ein Büchlein.

Es geht um eine Wohnung oder ein Haus. Genauer gesagt, um eine Wohnung oder ein Haus irgendwo im europäischen Ausland: Frankreich, England, Portugal, Dänemark, Slowenien, Griechenland ­– völlig egal, wie das Land auch heissen mag, Hauptsache die Behausung ist schön gelegen, gut eingerichtet, mit Privatsphäre und was man sich so alles erträumt. Wasser zum Beispiel, nicht nur von oben, sondern vielleicht auch in Form eines Gewässers. So ein kuscheliges, hübsches Feriending halt. 

So eins würden wir – ich und mein Ehegespons – nämlich gerne im kommenden Jahr für drei Monate mieten. Sofern die coronöse Lage es zulässt.

Vielleicht hat ja jemand von euch so ein Schmuckstück und sagt sich: «Bin eh nicht die ganze Zeit dort, besser ich vermiete es an diese Bücher-Bloggerin, die schaut dann wenigstens drei Monate zu allem und mein Haus fühlt sich derweil nicht so einsam.» 

Win-win.

Also: Meldet euch, wenn Ihr sowas habt, ich warte gespannt auf Vorschläge. Ihr müsstet dann nur noch sagen, welche drei Monate das Objekt für uns zu haben wäre und wieviel es kosten würde, dort zu leben. Antworten bitte hierhin: 

daswortzumbuch@gmx.ch

Ich freue mich auf Vorschläge.

Ein einig Volk von Nein-Sagern?

Dies wird ein Wut-Beitrag. Und eine Schelte. Nur damit Ihr es wisst, bevor ihr weiterlest. (Dies betrifft vor allem uns SchweizerInnen, es sind aber alle mitgemeint, die Abstimmen dürfen, aber nicht Mitdenken wollen; all jene, die lieber glauben und nachbeten, was ihnen Interessenvertreter vorkauen.)

Ich habe mich noch nicht vom Ergebnis der letzten Volksabstimmung erholt, bin immer noch entsetzt und zornig über die landesweite Kurzsichtigkeit, Kleinlichkeit und das Portemonnaie-Denken, da flattert mir ein Roman ins Haus mit dem Titel Der Tag, an dem die Männer Nein sagten

Thematisiert wird darin vordergründig die erste Schweizer Volksabstimmung über ein Frauen-Stimm-und-Wahlrecht am 1. Februar 1959. Hauptsächlich aber geht es um die Situation der Frauen zu jener Zeit. Im Ausland war das Stimm- und Wahlrecht den Frauen schon längst erteilt – in der Schweiz verweigerten die stimmberechtigten Männer den Frauen das Mithandeln und Mitbestimmen noch bis 1971. Eine nationale Schande. Doch sind an einer solchen nur die Männer schuld?

1959, meine lieben Schweizer Damen, waren es die Männer, die Nein sagten – 2021 hättet Ihr es in der Hand gehabt, die Zukunft mitzugestalten, Euern Mädchen, Buben, Enkeln eine Welt zu hinterlassen, in der es sich zu leben lohnt. Stattdessen geniesst Ihr euer gespritztes Gemüse, sauberes Trinkwasser kauft Ihr beim Grossverteiler in PET-Flaschen (was kümmern euch die Fische), ihr wollt statt saubere Luft euren SUV und billigst mit dem Flieger Weiss-der-Teufel-wohin – und die gesalzene Rechnung all dessen sollen eure Nachfahren zahlen.

Ihr hättet ein Zeichen setzen können, ihr hättet mutig sein können wie es eure Vorfahren waren, fortschrittlich, ein Vorbild für andere Länder. 

Stattdessen wart ihr kleinlich, kurzsichtig, habt euch beeinflussen lassen, habt euern Geldbeutel sprechen lassen statt Herz und Verstand. (Übrigens: Das Gemüse wird trotzdem teurer, die Hagelgewitter und Regengüsse haben nämlich auch etwas mit dem Klimawandel zu tun, den Ihr so konsequent nicht wahrhaben wollt. Und dass die Bauern, äh Fleisch- und Gemüseproduzenten, jetzt wieder am lautesten nach Entschädigungen schreien, wen überrascht’s?) 

Kurzsichtigkeit, Kleinlichkeit und Geiz-ist-geil-Mentalität sind wohl nicht nur bei Männern weit verbreitet. Wenn wir lieber landesweit aufgehängten Plakaten glauben, als selber zu denken, sollte man uns das Stimm- und Wahlrecht wohl besser verweigern. Wollen wir weiterhin Mitdenken und -handeln? Wenn man uns dereinst diese Frage vorlegen würde, was würden wir gesamtmehrheitlich wohl antworten. Ich befürchte ein Nein! 

Zurück zum Buch:

Die Autorin Clare O’Dea ist eine Irin, die schon lange in der Schweiz lebt. Dass sich eine Irin unserer beschämenden Geschichte annimmt, ist schon aussergewöhnlich, doch vielleicht braucht es gerade den Blick aus der Distanz, um diesem Thema etwas Neues abzugewinnen. Und tatsächlich geht es O’Dea weniger um die Geschichte dieses Neins als um die Frauen und ihre Situation im Land.

In ihrem Roman begegnen wir vier Frauen am Abstimmungssonntag. Vreni ist eine Bäuerin aus dem Freiburgischen, praktisch, zupackend und illusionslos. Ihr Mann wird gegen das Frauenstimmrecht stimmen. Heute fährt sie zu ihrer Tochter Margrit, die in der Stadt ein sogenannt freies Leben führt, aber doch ziemlich schutzlos der Macht ihres Chefs ausgeliefert ist. Dort lebt auch die Putzfrau Esther, der man ihren Buben weggenommen hat, weil sie alleinerziehend ist. Und dann ist da noch Beatrice, aus guter Familie, finanziell abgesichert und unverheiratet. Ihr kann so leicht keiner ans Bein pinkeln. Doch zu welchem Preis? 

Was mich am meisten erstaunt hat: Das Resultat der Abstimmung wird alle vier Frauen betreffen, doch es sind die Alltagprobleme, die bei allen mehr Gewicht haben. Das mag daran liegen, dass das Nein schon im Vorfeld der Abstimmung als wahrscheinlich gilt. Es bedeutet aber auch, dass die Frauen ihren Männern ihre Abwertung als einzig für Küche, Kinder, Kirche zuständig durchgehen lassen. Solche, die bestimmen, brauchen eben immer auch solche, die sich überstimmen lassen. 

Und das wird mein Motto für die nächste Abstimmung: Ich werde laut sein, ich werde sagen was ich denke. Ich werde mobilmachen.

Titel: Der Tag, an dem die Männer Nein sagten, Roman, 125 Seiten

Autorin: Clare 0’Dea, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Barbara Traber

Verlag:  www.clareodea.com, 2021

ISBN 978-2-9701445-1-9, zu bestellen bei  The Fundraising Company Fribourg AG, Route du Grand-Pré 26, 1700 Fribourg

Das Buch ist gleichfalls in der englischen Originalfassung, aber auch in französischer oder italienischer Übersetzung erhältlich, Preis Fr. 18.–

Halt an für die Poesie!

Zwei Gedichtbände liegen auf meinem Schreibtisch und warten darauf, mich mit poetischen Bildern zu beglücken. Heute ist so ein regenschwerer Sommertag: Zeit mich in eine Decke einzuwickeln, in neue Bilder einzutauchen und mir eine belebende Portion Vitamin P zu holen.

Schneeschmelze: was für ein eigenartiger Titel für einen Gedichtband. Gedichtbände werden hierzulande in Auflagen von deutlich unter 500 Stück herausgegeben. Käufer von Gedichten sind rar: Wer kommt in dieser Situation die Idee, als Titel Schneeschmelze zu wählen. Klingt das nicht nach Saisonartikel? Wird das Büchlein nach April im Lager des Bücherladens verschwinden, dann wenn der Schnee seinen Weg ins Meer gefunden hat?

Schneeschmelze, ein Wort, das Hoffnung, Zukunft verspricht. Ein Wort, das von spriessendem Grün, vom Gurgeln von Bächen erzählt. Auch ein Wort des Wandels: vom Starren zum Fliessenden, vom Kalten zum Warmen, von der Stille in den Sturm. Und vice versa. Wobei der Wandel oft genug unmerklich vor sich geht, in der Natur genauso wie im Leben eines Menschen. «ich weiss/dass Spuren bleiben», schreibt Gisela Salge. Aus solchen Worten lässt sich Kraft schöpfen.

Wandlung

Dass ein Stein 

zur Blume wird 

so einfach 

wie Wasser 

zu Eis gefriert 

und schmilzt

Zur Blume

So einfach

Staunen, das kann Gisela Salge in ihrem neuen Gedichtband Schneeschmelze. Immer wieder staunen, wie sich alles wiederholt, das Gute wie das Üble, das Schöne genauso wie das Güllebraun vor dem Küchenfenster. Eine stille, tiefgründige Sammlung und keineswegs ein Saisonartikel. 

Titel: Schneeschmelze, Gedichte, 110 Seiten

Autorin: Gisela Salge 

Verlag:  Pro Lyrica Grundversorgung, 2021

ISBN 978-3-907551-66-0 Fr. 25.10

Lyrische Wundertüte zum Vierzehnten

Halt an für die Poesie ist eine Zeile aus Versnetze­_14. Seit Jahren schon bewundere ich Axel Kutsch, den mittlerweile 75jährigen Herausgeber der Versnetze-Reihe, für seinen ungebrochenen Einsatz für die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Jahr für Jahr erscheint unter seiner Leitung ein abwechslungsreicher Überblick über das Schaffen deutschsprachiger LyrikerInnen. 2000 Gedichte zu lesen und daraus eine Auswahl zu treffen: eine Arbeit, die man nicht genügend schätzen und noch weniger bezahlen kann. In Versnetze vertreten sind Namen, die man kennt und solche, von denen man bisher nach nie gehört hat. Kutsch, selber Dichter und regelmässig in unserer orte-Poesie-Agenda dabei, ist gleichfalls offen für das Schaffen von Mundartkünstlern und PoetInnen aus Österreich, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz, was ich ihm hoch anrechne. In Versnetze_14 ist selbst Finnland vertreten. Manfred Peter Hein, den Lyriker aus Finnland, möchte ich hier stellvertretend für alle Dichterinnen und Dichter zu Wort kommen lassen:

Augendunkel

Lichterscheinungen

Aus der Tiefe des Raums

Titel: Versnetze_14, Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, 345 Seiten

Herausgeber: Axel Kutsch 

Verlag:  Verlag Ralf Liebe, verlag-ralf-liebe.de, 2021

ISBN 978-3-948682-20-0, Euro 25.-