Kauen am Seil zwischen den Zähnen

Frei von Lea Ypi: Wieder einmal ein Buch, das ich von ganzem Herzen empfehlen kann. 

Nein, ein Roman ist es nicht, auch wenn es sich fast wie einer liest, so spannend und erstaunlich, so fremd und aus einer ungewohnten Optik. Zumal für eine Westeuropäerin wie mich, die von Albanien bis zum heutigen Tag an ein Land gedacht hat, das Jahrzehnte bis zum Tod von Enver Hoxhas vollkommen abgeschottet war und seit dem Fall des eisernen Vorhangs vor sich hindümpelt. Albaner, das waren Menschen, die aus ihrem Land abgehauen waren. Manchen galt Albaner als Schimpfwort. Ja, und dann ist da noch dieser Doppeladler (Flagge Albaniens), der gelegentlich in Fussballspielen auftaucht und für Ärger sorgt. Da war aber auch die Familie, Flüchtlinge, die, nachdem sie viele Jahre mit uns im Dorf gelebt hatte, eines Tages abgeschoben wurde. Wir waren – unsere Kinder gingen mit deren Buben zu Schule – ebenso entsetzt wie machtlos. Wir wussten: In Albanien erwartete sie das wirtschaftliche Nichts. Aber sonst!?

Schande über mich … wobei zu meiner Verteidigung zu sagen wäre, dass in den 90ern der Balkan mit all seinen Ethnien und ihren Ansprüchen, den Bombardierungen und Gräueln sehr viel Aufmerksamkeit beanspruchte. Da kann so ein kleines Land wie Albanien schon mal aus dem Fokus geraten.

Nun, welch ein Glück, dass mich Lea Ypis Buch erreicht hat und mich staunen lässt, was mir so alles entgangen ist. Doch nicht nur das. Es geht nicht nur um die Geschichte eines Landes, Erinnerungen an den Zusammenbruch eines Systems und das nachfolgende Vakuum, sondern vielmehr um die Menschen: ihre Widerstandskraft, ihr Verhältnis zum den politischen Gegebenheiten und zur inneren und äusseren Freiheit. Ein überaus kluges Buch, das noch lange zu denken gibt. Hier ein Auszug:

Dass die Partei sich auf diese Weise auflösen und vervielfältigen, dass sie als die Krankheit und das Heilmittel zugleich gelten konnte, als die Wurzel alles Bösen und die Quelle aller Hoffnung, verlieh ihr etwas Mythisches, das noch Jahr später als der Grund unseres Unglücks angesehen wurde, als ein dunkler Schatten, der Freiheit wie Tyrannei aussehen liess und Notwendigkeit als Ereignis einer Wahl. Sich von ihrer allgegenwärtigen Präsenz zu befreien, fühlte sich an, wie auf einem Seil herumzukauen, das man gerade zwischen seinen Zähnen entdeckt hat. 

Lea Ypis Buch ist ein Buch der Erinnerungen an die 90er und zur Frage, was denn eigentlich Freiheit ist: Sie erinnert sich an die Tage, als erste Proteste in Tirana gegen das Regime von Hoxha und die Partei laut wurden. An die sprachlichen innerfamiliären Regelungen, wenn es um Menschen ging, die wegen ihrer «Biographie» im Gefängnis sassen. An die systematische Gehirnwäsche, der die Kinder ausgesetzt waren und die Ausweichmanöver der Familie, wenn die Begeisterung der kleinen Lea für Sozialismus, Stalin und Konsorten allzu nervig war oder komische oder gar gefährliche Züge annahm. Besonders intensiv und eindringlich fand ich die Tagebucheinträge der 18jährigen Lea aus dem Jahr 1997, als Albanien im Bürgerkrieg stand und viele Menschen ihre Ersparnisse an Pyramidenfirmen verloren hatten. Es gäbe noch vieles aus diesem Buch herauszupicken: Ich empfehle, es selber zu lesen, und vielleicht noch einmal zu lesen, und noch einmal. Es gibt einiges daraus zu lernen, auch weshalb wir so glauben und denken wie wir glauben und denken.

Autorin: Lea Ypi

Titel: Lea Ypi, Frei, Erwachsenwerden am Ende der Geschichte

Suhrkamp Verlag, 2022, gebunden, 333 Seiten

ISBN 978-3-518-303-47, 28 Euro/42.90 Franken

Kurz zusammengefasst: 90er-Jahre in Albanien. Lea – bis anhin gefüttert mit sozialistischen Slogans und geprägt von einer kindlichen Liebe für Enver Hoxha – erlebt den Zusammenbruch des rigiden sozialistischen Regimes und wächst hinein in eine wirre Zeit, geprägt von wirtschaftlichem Notstand, kriminellen Machenschaften, Hoffnungen, schwierigen Reformen, Bürgerkrieg, Fluchtgeschichten. Über allem die Frage: Wie lebt, interpretiert und erlebt der Mensch Freiheit.

Für wen: Ausnahmslos alle.

Vom kleinen Glück und vom grossen Scheitern

Lukas Hartmann stellt in seinem Roman «Ins Unbekannte» zwei Menschen gegenüber, die nichts verbindet, ausser die Zeit, in der sie lebten, und ein unzähmbarer Hang zur Leidenschaft. 

Zum Inhalt: Das 19. Jahrhundert ist am Ausklingen, das 20igste steht mit all seinen noch unbekannten Turbulenzen vor der Tür und ruft danach, gestaltet zu werden. Fritz Platten, ein Ostschweizer, ist hellauf begeistert von sozialistischen und kommunistischen Bestrebungen. Platten verschlägt es erst in die Schweizer Politik und schliesslich samt Familie nach Russland. Insbesondere Lenin hat es ihm angetan; ihm hilft er zur Rückkehr nach Russland; er rettet ihm sogar einmal das Leben. 

Genau in die Gegenrichtung reist Sabina Spielrein. Sie wird als noch sehr junge Frau im Burghölzli von Carl Gustav Jung wegen ihrer sognannten Hysterie behandelt und landet prompt in einer leidenschaftlichen und problematischen Beziehung mit Jung. Nach ihrer Heilung studiert sie Medizin und wird anerkannte Psychoanalytikerin. Später kehrt sie nach Rostow zurück. Ihr Mann ist ebenfalls Arzt. Die Psychoanalyse wird in der Sowjetrepublik aber zur unsowjetischen Sache erklärt, Spielrein darf immerhin als Ärztin praktizieren. 

Sowohl Spielrein als auch Platten ­– deren Lebenswege sich wohl höchstens «auf Luftlinie» kreuzten, auch wenn Lukas Hartmann so etwas wie eine flüchtige Begegnung in den Roman hineindichtet – ist ein hartes Ende beschieden. Spielrein wird als Jüdin während der deutschen Besatzung Rostows im 2. Weltkrieg im Verlauf von «Säuberungen» getötet; Platten wird wie viele andere in Sibirien inhaftiert, zu harter Fron gezwungen, und ­– all seiner Träume und Hoffnungen beraubt ­– gleichfalls erschossen. 

Die Jahrzehnte rund um die Jahrhundertwende haben mich schon oft beschäftigt. Ich bringe einfach alles was damals an Nationalismus, an Befreiungsideen, an Utopien, Machtverschiebungen, Kriegstreibereien, Krisen, Nach-mir-die-Sintflut-Festivitäten, Drogenkonsum, Aufbrechen von Konventionen, wissenschaftlichen Erkenntnissen, technischen Errungenschaften, mitsamt starkem Einfluss auf Kunst und Literatur nicht zusammen (und wenn ich die Stichworte jetzt so lese, kommt mir auch der naheliegende Gedanke, es gelte derzeit genauso viel Wirrnis wie dannzumal.) 

Kurz: Es fällt mir schwer, mir ein Leben zu jener Zeit vorzustellen, weder in der Bourgoisie, zu der Spielrein zu zählen ist, noch in der Arbeiterklasse eines Fritz Platten. Und nun pickt Lukas Hartmann diese zwei gegensätzlichen Menschen aus jener Zeit aus der Masse heraus, hantiert mit Fakten, Ideen und Phantasie, setzt sich in die Köpfe der beiden und versucht genau das: eine wirre Welt und ihre Menschen zu erfassen, Zeitsplitter zusammenzufügen, die kaum zusammenzufügen sind. Auch im Vergleich der beiden Lebenswege bleibt am Ende nur das Fazit: Was für eine verrückte Zeit! Was für Herausforderungen! Was für ein Wille, das Leben selbst und frei zu gestalten! Und welche Möglichkeiten, in die Irre zu laufen!

Wunderbar gewählt, der Titel des Buches, vereint er doch sämtliche Aspekte, die im Buch vorkommen: Das Neue, das Fremde, das Ungewisse, das Geheimnisvolle.

Autor: Lukas Hartmann

Titel: Ins Unbekannte, Die Geschichte von Sabina und Fritz, Roman,

Verlag Diogenes, 2022, gebunden, 282 Seiten

ISBN 978-3-257-07205-1, 25.­– Euro/32.­– Franken

Kurz zusammengefasst: Sabina Spielrein kommt als 19jährige aus Rostow in die Schweiz, um sich im Burghölzli bei Carl Gustav Jung wegen ihrer «Hysterie» behandeln zu lassen. Nach erfolgreicher Behandlung studiert sie Medizin in der Schweiz und beschäftigt sich intensiv mit Psychoanalyse. Der Ostschweizer Fritz Platten war einer der Anführer des Landesstreiks von 1918. Er lässt sich von Lenins Ideen von der Umgestaltung der Gesellschaft begeistern und emigriert mitsamt seiner Familie nach Russland. Zwei Leben, die unterschiedlicher nicht sein könnten, verknüpft einzig durch die Zeit (Sabina Spielrein wurde 1885 geboren, Fritz Platten 1883), ihre Irrungen und Wirrungen. Beiden war ein gewaltsames Ende beschieden.

Für wen: Jene, für die Geschichte nicht das Grosse Ganze, sondern das Glück und Scheitern des Einzelnen bedeutet.

Weiblich, unerfüllt, traurig sucht etwas zum Festhalten

Faszination, aber auch Bedrohung: Das ist, was Michèle Akli im Roman Erfüllung von Nina Bouraoui tagtäglich wahrnimmt. Es ist nicht ganz klar, weshalb ausgerechnet Erfüllung der Titel dieses Buches ist, denn was Michèle am meisten fehlt, ist eben gerade etwas, das sie beschäftigt und erfüllt. Es sind konkrete, aber auch eingebildete Ängste, die Michèle umtreiben. Die politische Situation Algeriens ist schwierig, Michèle fühlt sich als Französin besonders ausgeliefert. Tatsächlich passieren verunsichernde Dinge rund um ihre Villa in einem gediegenen Vorort von Algier. Auch als Frau fühlt sich Michèle bedroht, wenn sie in den Strassen von Algier unterwegs ist. Sie verschanzt sich gerne in ihrem Haus, kocht für ihren Sohn Erwan, den sie ganz für sich haben möchte. Doch Erwan findet eine Freundin, welche sich Bruce nennt, ein Mädchen zwar, doch von ihrem Gehabe her vielmehr ein Junge. Misstrauisch und mit wachsender Besorgnis beobachtet Michèle diesen eigenwilligen Eindringling in ihre Welt. Sie will, nein, sie muss ihren Jungen vor Bruce schützen und entschliesst sich, sich mit Bruces Mutter Catherine, einer extravaganten Schönheit, anzufreunden. Doch diese Freundschaft stellt ihre Welt noch mehr in Frage und auf den Kopf.

Von der ersten bis zur letzten Seite ein Roman, der von wachsender Beunruhigung spricht, von Melancholie, die einen Menschen aufzufressen droht. Alles wird rund um Michèle zu einer Art von Terror: die Landschaft, die Menschen. Verrat sitzt an jeder Ecke. 

Michèle weiss, dass einige ihrer Ängste unbegründet sind; dieses  Wissen hilft ihr wenig, um sich zu beruhigen, greift sie regelmässig zum Weinglas. Ihre Ehe mit Brahim wird mehr und mehr zur Farce. Michèles gesamte übrigbleibende Energie richtet sich auf Erwan; sie möchte immerhin eine gute Mutter sein, wenn es ihr schon nicht gelingt, eine gute Ehefrau zu sein. In ihrer quälenden Selbstbeobachtung kommt sie jedoch zum Schluss, dass ihre Obsessionen nicht gut für ihr Kind sind:

Denn ich vererbe ihm auch meine Angst, verschüttet zu werden, meine quälenden Gedanken an eine Welle, die nach einem Erdbeben die Stadt überflutet. Schönheit ist für mich direkt mit Tod verbunden, ich kann nicht anders. Ich bin krank, krank vor Melancholie, und wenn ich ehrlich bin, müsste ich mich eigentlich über Bruces Erscheinen in Erwans Universum freuen.

Michèles Frustrationen suchen sich einen nach aussen gerichteten Weg. Gegen wen sich ihre negative Energie schliesslich richtet und welch tückische Umwege sie nimmt, sei hier nicht verraten. Immerhin soviel: In der Art und Weise ihres Handelns und wie sie zu ihrem Leben steht, wirkt Michèle sehr unemanzipiert. (Ihr Gegenstück ist Bruces Mutter Catherine). Ein Glück, dass sich seit den Siebzigern im Selbstverständnis der Frauen etwas geändert hat. Ich vermute, dass jüngeren Leserinnen Michèle eher befremdlich rüberkommt.

Autorin: Nina Bouraoui

Titel: Erfüllung, Roman, aus dem Französischen von Nathalie Rouanet

Verlag: Elster-Verlag, 2022, gebunden, 226 Seiten

ISBN 978-3-906903-19-4, 34.­– Euro/37.­– Franken

Kurz zusammengefasst: Siebzierjahre in Algerien: die Französin Michèle ist ihrem algerischen Mann nach Algier gefolgt. Mit Gartenarbeit, Schreiben, Alkohol und Sex versucht sie, ihre Langeweile und ihre Depression in den Griff zu bekommen. Ihr Sohn Erwan freundet sich mit dem wilden Mädchen Bruce an. Fasziniert und mit wachsender Wut und Eifersucht beobachtet Michèle Bruce und deren Mutter Catherine. Ein Roman, der ebenso verstörend wie in der Sprache poetisch und kraftvoll-knapp ist. 

Für wen: Politisch, gesellschaftlich, geschichtlich Interessierte, aber eher nichts für Depressionsgefährdete.

«Niemand weint, wenn eine Strasse stirbt»

Wer Linden Hills von Gloria Naylor gelesen hat oder noch vorhat zu lesen, sollte sich unbedingt als Ergänzung auch Die Frauen von Brewster Place von derselben Autorin zu Gemüte führen.

Wenn die Menschen von Linden Hills so tun, als wären sie auf dem Weg zur Glückseligkeit, so wissen jene von Brewster Place genau, wo sie leben: in einer Vorhölle.

Brewster Place sind ein paar Wohnblocks, errichtet von einer korrupten Stadtbehörde «um die seitens der irischen Bevölkerung zu erwartenden Proteste anlässlich der Entlassung des Polizeichefs abzuschwächen». Seit seiner Entstehung hat Brewster Place einen kontinuierlichen Abstieg erlebt. Die europäischen Zuwanderer sind längst weggezogen und haben jenen Afroamerikanern Platz gemacht, die sprich- und wortwörtlich in einer Sackgasse gelandet sind. Der Verfall des Quartiers ist offensichtlich, Brewster Place ist angezählt. Da täuschen auch nicht die tapferen farbigen Töchter drüber hinweg, die sich mit muskatfarbenen Amen auf Fenstersimse stützen, nicht ihre knorrigen Ebenholzbeine, die die Last ihrer Einkäufe die Treppen hochtragen oder ihre safranfarbenen Hände, die feuchte Wäsche in Hinterhöfen aufhängen. Mit diesem wachen, einfühlsamen Blick schaut die Autorin auf die Protagonistinnen ihres Romans: sieben Frauen, von denen jede eine Bürde zu tragen hat. Da ist zum Beispiel Cora Lee, die so gerne Babys hat, dass sie sich immerzu schwängern lässt. Da sind Lorraine und Theresa, die sich lieben, denen diese Liebe aber von den Nachbarn, den männlichen ebenso wie den weiblichen, unnötig schwer gemacht wird. Oder Kiswana, die an Black Power glaubt und Druck auf die Vermieter der baufälligen Wohnungen machen möchte – doch dafür müssten die Bewohner von Brewster Place zusammenstehen. Oder Mattie, die ihren Sohn Basil zu lange in Watte gepackt hatte und jetzt die Konsequenzen tragen muss. 

Als ob die feindselige Umgebung nicht schon Probleme genug mit sich brächte, kämpft jede der Frauen auch im privaten Bereich so gut sie es eben vermag. Doch manchmal helfen sie einander, manchmal teilen sie ihren Kummer. Und (fast) immer ist da auch ein Quentchen Hoffnung.

Es ist dieser Roman ein Abgesang auf eine Strasse und ein wundersam klingender Hoffnungssong für ihre Bewohnerinnen:

«Doch die farbigen Töchter Brewsters, über die Leinwand der Zeit verstreut, wachen immer noch gähnend auf und nehmen ihre Träume mit in den Tag. Sie stehen auf und klammern sie mit der feuchten Wäsche zusammen, die sie zum Trocknen hinaushängen, sie werfen sie zusammen mit einer Prise Salz in ihre Suppentöpfe, und sie wickeln ihre Babys mit ihren Träumen. Sie kommen und gehen, kommen und gehen, aber verloren gehen sie nie. Und so wartet Brewster noch immer auf den Tod.»

Dieser Roman, im Original aus den Achtzigerjahren, nun im Unionsverlag neu auf Deutsch aufgelegt, ist ein feinnerviger Gesang auf die Hoffnung, dessen poetische Bilder und lyrischen Sätze noch lange nachklingen.

Titel: Die Frauen von Brewster Place, RomanTaschenbuch, 248 Seiten

Autorin: Gloria Naylor 

Verlag: Unionsverlag 2022, http://www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-209503, Fr. 21.90/Euro 14.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Eine heruntergekommene Strasse, bewohnt von Afroamerikanern. Auf der Strasse ist es nicht sicher, in den Wohnungen rostet und schimmelt es, der Putz fällt herunter. Der Roman holt beispielhaft sieben Frauenschicksale ins Licht. Als Leser darf man über die Kraft und Fürsorge dieser Damen staunen. Eine Leseempfehlung ohne Wenn und Aber von mir.

Für wen: AbrissbirnenbetreiberInnen und BruchbudenvermieterInnen, die ihren Beruf wechseln wollen oder ihr Gewissen aktivieren sollten. Alle anderen MenschenInnen auch.

Koffer gepackt, Koffer ausgepackt

Gelegentlich erreichen mich Bücher Freundinnen, die nicht nur Freundinnen sind, sondern eben auch Autorinnen. Aus journalistischer Sicht ist es natürlich etwas zweifelhaft, solche «befreundeten» Bücher zu besprechen, wegen der sogenannten und vielzitierten Objektivität. Nur gut, ist dies hier ein Blog, wo eben Subjektivität ausdrücklich erwünscht ist. Und deshalb sei es mir hier erlaubt, hier die neuen Bücher von Gisela Salge und Barbara Traber vorzustellen.

Land der glücklichen Hühner 

lautet der Titel des soeben herausgekommenen neuesten Buches von Barbara Traber. Das Land der glücklichen Hühner liegt nach Trabers Erfahrungen in der Bresse, eine Gegend im Osten Frankreichs zwischen Saône und Doubs. Hier hatte die Familie Traber lange Jahre einen Zweitwohnsitz in einem kleinen Dorf. Wer sich ein Ferienhaus in einem anderen Land mit anderer Sprache kauft, hat meist ganz eigene Vorstellungen davon, was er dort alles erleben möchte und was ihn erwartet. Ein eigenes Paradies, ein Refugium, unverdorbene Menschen in einer ebensolchen Landschaft, ein neues Lebensgefühl, Freundschaften, phantastisches Essen, Inspiration für den Alltag, neue Sprachkompetenzen und dergleichen mehr. Jedenfalls sind die Erwartungen hoch. Manche dieser Träume erfüllen sind, die meisten passen sich nach und nach an die Gegebenheiten an oder weichen einer Enttäuschung. Kommt dazu, dass überall wo es schön ist, auch andere Glückssucher eintreffen. Die heile Welt verändert sich, bekommt Risse. Barbara Traber schaut mit Wehmut und einer Prise Humor zurück auf diese Ecke Frankreichs. Und mit Verständnis und viel Herzenswäre auf jene Menschen, denen sie dort begegnet ist. Viele davon sind «gegangen»: manche Richtung Friedhof, manche anderswohin. Die Dorfbeiz Au bon coin wurde saniert, sprich verschlimmbessert. Die täglichen Wirtshausbesucher haben eine andere Anlaufstelle suchen müssen. Auch die Familie Traber hat ihr Haus neben dem Bon coin wieder verkauft. Man kann aber davon ausgehen, dass die Hühner in der Bresse immer noch ein glückliches Leben führen.

Ferienhauseigner finden hier den Text, den sie schon lange schreiben wollten; Erstwohnsitzer können ihre romantischen Vorstellungen vom «Zweitwohnsitzen» auf ein gesundes Niveau runterholen und werden dabei bestens unterhalten.

Erhältlich im Neptun Verlag, www.neptunverlag.ch, ISBN 978-3-85820-333-5

Geschichten aus dem Überseekoffer

heisst das Buch, das Gisela Salge dieser Tage vorgestellt hat. Auch bei Gisela Salge geht es um Erinnerungen.  Geschichten, die sich um die Geschicke einer Kaufmannsfamilie im Norden Deutschlands drehen. Da ist dieses grosse, etwas heruntergekommene Haus namens Weltevreden, wo früher die Familie ein- und ausging. Jetzt ist das Haus mit Blick auf den Fluss heruntergekommen und verlassen, doch die alten Balken, Räume, der Dachboden flüstern die Namen derer, die kamen und gingen. Vier Generationen zogen von hier aus in die Welt – oder schafften es zumindest bis zum Marktplatz. Gisela Salge schaut hinein in ihren fiktiven Überseekoffer, der vermutlich genauso aussieht, wie es damals, als sie ein Kind war, die Überseekoffer auf dem Dachboden ihres Elternhauses taten. Aus den Tiefen dieses Koffers hervor zieht sie ihre Geschichten über eine weitläufige, bunte Verwandtschaft. Menschen, die ihre Geheimnisse haben, Leidenschaften, unglücklichen Schicksale. Beispielsweise Bernhard, der lieber Gedichte schreibt und sich betrinkt, statt sich mit Importen und Exporten herumzuschlagen. Oder Mina, die mit einem Dirigenten bis nach Russland davonläuft. 

Erhältlich bei edition pro lyrica, ISBN 978-3-907551-78-3

33 Shades of Süssgebäck

Es gibt in meinem Kochbuchgestell ein Buch, das genau so aussieht, wie nur heissgeliebte Kochbücher aussehen können: Judith Erdins Dein bestes Brot. Zu diesem Kochbuchhit hat der at-Verlag nun einen neuen Band dazugestellt, von dem ich befürchte, dass er in Kürze klebrig, fleckig und verklebt daherkommen wird: Dein bestes Süssgebäck von derselben Autorin. 

Das System ist dasselbe wie beim Brotbackbuch. Eine Teigsorte – mehrere Varianten. Wichtig dabei: Teig und Füllung werden selbst hergestellt. Erdin hält wie ich wenig von Fertigfabrikaten. Das gilt auch für Blätterteig oder Strudelteig. Und wer gerade vor Schreck zusammengezuckt ist, sollte sich schnell wieder fassen. So ein Blätterteig ist keine Hexerei. Das einzige, was es braucht, ist ein wenig Zeitplanung. Das Ergebnis lohnt sich auf jeden Fall. Die Mandelgipfel, die ich mit selbst gemachtem Blätterteig fabriziert hatte, sind auf jeden Fall im Hui unter Ahs und Ohs verschwunden und auch der Zwetschgenstrudel, den ich gestern unseren „Testessern“ serviert habe, hat allen köstlich gemundet. Die Rosinenbrötchen, die überraschenderweise mit etwas Mazipanmasse verfeinert werden, gehören zur Zeit zu meinem liebsten Sonntags-Frühstücksgebäck. Ich habe sie ­– ich war so frei, das Rezept der Autorin abzuändern – mit selbst gemachtem Orangeat ergänzt. Grossartig!

An Judith Erdins Backbüchern finde ich immer den von Bildern unterstützten Theorieteil besonders spannend. Es ist für Laien hilfreich zu sehen, wie gelernte Bäcker vorgehen, sei es beim Ausziehen eines Strudelteiges oder beim Formen diverser wunderschöner Gebäckteile, wie zum Beispiel eines Franzbrötchens. Zusätzlich hat Erdin in diesem Backbuch immer eine simple vegane Abänderung für alle 33 vorgestellten Rezepte, was das Backbuch auch für eingeschworene Veganer attraktiv macht. 

Autorin: Judith Erdin

Titel: Dein bestes Süssgebäck, klassisch und vegan

Verlag: at-Verlag, 2022, gebunden, 223 Seiten

ISBN 978-3-03902-156-7, 34.­– Euro/37.­– Franken

Kurz zusammengefasst: Süsse Verführung in 33 Variationen. Plunder-, Hefe-, Strudel, Blätter-, Berliner- und Donutteiggebäcke zum Niederknien. Und ebenso gut oder besser als vom Bäcker.

Für wen: Dieses Buch sollte man verschenken und sich dann des öfteren bei der oder dem Beschenkten einladen lassen. Selber backen macht aber definitiv auch Spass!

Ein Alptraum, getarnt als Erfolg

In einem meiner letzten Blogbeiträge habe ich mich darüber ereifert, dass Literatur mehr sein muss als Gejammere, selbst wenn es dabei um hochsensible Themen wie Rassenhass und Frauendiskriminierung geht. Ich habe versprochen, diesmal ein Buch vorzustellen, das das Thema effektiver, phantasie- und liebevoller und damit wirksamer angeht. Ich spreche von Gloria Naylors Roman Linden Hills. Ein beherztes Buch aus dem Herzen einer afro-amerikanischen Gesellschaft, die sich mit der eigenen Identität ebenso wie mit den Gegebenheiten schwertut: Soll man sich den sozialen Gegebenheiten zum Trotz anstrengen, damit man es zu «etwas bringt» und sich damit an die von Weissen diktierten Normen anpassen? Oder ist es wichtiger, niemals aus dem Blick zu verlieren, woher man kommt und was die Vorfahren durchgemacht haben? Lassen sich beide Aspekte vereinen, oder bedeutet dies bereits, sich zu verbiegen oder sich gar zu verbeugen? 

Das Setting: Linden Hills, ein Hügel mitten in einer amerikanischen Stadt, bewohnt von Schwarzen. Es ist kein besonders schöner Hügel, noch nicht mal fruchtbar. An seinem Fuss liegt ein Friedhof. Gleich hinter dem Friedhof wohnt der Besitzer des Landes, der schlaue Luther Nedeed. Nedeed, der König dieses Stück Landes, das wie ein schwarzer Dorn im Fleisch einer weissen Stadt liegt, hat für die meisten seiner Brüder nicht viel mehr als Verachtung übrig:

Etliche dieser Narren hatten in dem Glauben Wurzeln geschlagen, Afrika könnte mehr als ein Wort sein; die Sklaverei sei überwunden, Erlösung liege in Jesus und Heil im Blues. Sicher Nedeed könnte ihnen sagen, dass man echten Fortschritt in weissen Grossbuchstaben schrieb … Nein, Menschen wie sie blickten ein Jahrtausend zurück, und könnten sie ein Jahrtausend in Linden Hills hocken, würden sie Kinder produzieren, deren Traum eine echte Schwarze Macht wäre…

Gloria Naylor hat Nedeed in diesem gleichnishaft aufgestellten Stück die Rolle des teuflischen Verführers zugedacht. Wenn anderswo gilt, dass derjenige, der zuoberst auf einem Hügel wohnt, die beste Wohnlage hat, so ist das in Linden Hills genau umgekehrt: Je weiter unten am Hügel, je näher an Nedeed und am Friedhof einer wohnen darf, umso eher zeigt das seinen Erfolg. Und wer wo wohnen darf, entscheidet Luther Nedeed.

Allein an dieser schriftstellerisch genialen Idee kann man schon erkennen, dass Naylor gerne mal die Dinge auf den Kopf stellt und dann wacker daran schüttelt. Und so fallen dann bei Schütteln nicht nur Erfolg und Geld, sondern auch andere, unschöne Dinge zu Boden. Alles hat seinen Preis, auch auf Linden Hills, und selbst der Teufel ist nicht mehr als ein gefallener Engel.

Die Story: Willie und Lester sind zwei junge Existenzen, von denen noch nicht sicher ist, ob sie es eines Tages schaffen werden. Bislang sieht es eher nach einem Scheitern aus, nicht zuletzt, weil sie vom Erfolgsstreben und dem American Dream wenig halten. Doch nun steht Weihnachten vor der Tür, die beiden bräuchten dringend Geld. Da kommt die Idee, sich auf Linden Hills ein paar Jobs bei den reichen Nachbarn zu suchen, gerade recht. Willie und Lester arbeiten sich nach unten: von den einfacheren Quartieren oben auf Linden Hills hinunter zu den Luxushäusern. Je weiter nach unten sie kommen, umso unheimlicheren Dingen begegnen sie. Verzweiflung nimmt Gestalt an. Träume zerschmettern auf dem Boden von Swimmingpools. Zuletzt landen die beiden Freunde im Haus von Luther. Luther hat ihnen gutes Geld geboten, wenn sie ihm helfen, seinen Christbaum zu schmücken. 

Ein Roman, der mich von Grund auf überzeugt hat. Sprachlich poetisch, trotzdem eine Wucht, mit einem gelungenen Aufbau, Spannung inbegriffen, überzeugende Charaktere, atmosphärische Dichte: so stelle ich mir gute Literatur vor. Das Buch erschien zwar bereits 1985 im Original, hat aber nichts von seiner Aktualität verloren. 

Autorin: Gloria Naylor

Titel: Linden Hills, Roman, erstmals ins Deutsche übersetzt von Angelika Kaps

Verlag: Unionsverlag, 2022, gebunden, 394 Seiten

ISBN 978-3-293-00585-3, 23.­– Euro/236.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Auf Linden Hills wohnen Schwarze, die es auf der Karriereleiter geschafft haben. Auch wenn die Häuser und Einfahrten von Erfolg sprechen, so sieht es hinter den Fassaden anders aus. Auf dem anstrengenden Weg den Hügel abwärts haben manche den Bezug zu ihrer Geschichte und sich selber verloren.

Für wen: Thematisch geht es um Rasse, Geschlecht, Sexualität: Kann ich einfach allen empfehlen.

Se non è vero, è ben trovato

Es gibt sie also noch: Bücher, die einem so richtig mit sich nehmen, so dass man seine Augen gar nicht mehr von den Seiten losreissen möchte. Der Roman Sein Sohn von Charles Lewinsky hatte auf mich jedenfalls diese Wirkung: eine Geschichte voller spannender, witziger, intelligenter Figuren; eine Handlung, basierend auf wenigen geschichtlich verbürgten Tatsachen, ausgeschmückt so bunt und abwechslungsreich, dass es eine wahre Freude ist, eine Fabulierkunst, auf die man neidisch werden könnte, und dazu jede Menge Lebensgefühl des 19. Jahrhunderts. Romantische Schäferszenen oder Szenen hinter Biedermeier-Vorhängen sind nicht zu erwarten. Dafür eignet sich weder Lewinskys nüchterner Ton, noch würden die Figuren und die Szenerien, in denen sie sich bewegen, dazu passen. Man sollte wohl eher in Richtung Realismus denken – und das nicht zu knapp.

Worum geht es?

Über seine Herkunft weiss der elternlose Louis Chabos, grob. 1794, nichts. Im Waisenhaus, in welchem er aufwächst, ist er einer der Schwächsten. Sein französischer Name ist auch nicht gerade hilfreich. Seine unkomfortable Lage ändert sich etwas, als er mit zwölf «kein Kind mehr» ist und von einem Marchese als Diener ausgebildet wird. Denn hier lernt er, wie man sich in einer grausamen Welt behauptet. Louis Lehrzeit nimmt ein abruptes Ende, er stromert durch die Gegend, kommt ins Gefängnis, weil er einen Apfel gestohlen hat und zieht schliesslich mit Napoleons Armee gegen Russland. Den Feldzug überlebt er wundersamerweise, allerdings mit einer halben Hand weniger. Louis macht sich nun auf die Suche nach seinen Eltern und kommt so nach Reichenau und in die Bündner Herrschaft. Seine Mutter findet er in einer Einrichtung für Geisteskranke. Der einzige Mensch, der ihm jetzt noch sagen könnte, wer sein Vater ist, schweigt. Nach Jahren hat Louis einen Platz in Zizers gefunden, er hat eine Familie, ein gutes Auskommen. Doch die Suche nach seinem Vater lässt ihm keine Ruhe. In den Schriften seines Gönners findet er die Antwort, die er sucht: Sein Vater ist der König der Franzosen, Louis-Phillippe. Louis macht sich umgehend auf den Weg nach Paris. 

Louis, die Hauptfigur, bewegt sich als Habenichts unter den einfacheren Menschen. Sie wissen: Das Leben und die Mitmenschen sind ungnädig. Fast jeder hat damit zu tun, sich über Wasser zu halten. Die Lebensweisheiten sind dementsprechend, es ist wenig Platz für Mitgefühl. So sagt beispielsweise der Sergent, bei dem Louis seine Armeeausbildung erhält:

«Beim Zirkus geht man über das hohe Seil und kommt auf der anderen Seite an. Oder man verliert das Gleichgewicht und ist tot. Entweder oder. Etwas Drittes gibt es nicht. Applaus oder Totenmesse. Der Zuschauern ist es egal. Sensation ist Sensation. Dafür sind sie gekommen. Auf dem Schlachtfeld bekommt ihr keinen Applaus. Da ist es besser, ihr sterbt hier vor Erschöpfung.»

Doch nicht nur vom Sergent lernt Louis, dass die Welt ein Zirkus ist. Sein erster Lehrmeister, der Marchese, hat ihm folgendes beigebracht:

«Wenn du einen König beeindrucken willst, verneig dich weniger tief als die anderen. Merk dir das. Von denen mit der Nase am Boden kennt er genug.»

Louis ist gelehrig. Die Merksätze seiner Lehrmeister bleiben ihm im Kopf. Doch keiner von ihnen hat ihm beigebracht, was man mit einer Leerstelle, hinterlassen von Eltern, die nichts von ihm wissen wollten und die ihn in einem Waisenhaus abgegeben haben, anfangen soll. Und so ist Louis getrieben von der Frage, was das wohl für Eltern sein müssen. Für die Antwort auf sein Suchen verlässt er sogar seinen sicheren Familienhafen in Zizers. Anstelle eines königlichen Vaters, der ihn mit offenen Armen empfängt, wartet in Paris weit Unangenehmeres auf den Suchenden. 

Autor: Charles Lewinsky

Titel: Sein Sohn, Roman

Verlag: Diogenes, 2022, gebunden, 368 Seiten

ISBN 978-3-257-07210-5, 25.­– Euro/28.20 Franken

Kurz zusammengefasst: Temporeich, farbenfroh, klug und mit beiden Füssen lebensnah im 19. Jahrhundert: Dieser Roman lässt kaum einen Wunsch offen. Das Waisenkind Louis kommt auf derabenteuerlichen Suche nach seinem royalen Vater über Mailand, Russland, die Schweiz bis nach Paris. Manche Figuren im Roman gab es tatsächlich, die Romanhandlung: Se non è vero, è ben trovato. 

Für wen: Wunderbare Unterhaltung mit Tiefgang, ist wüsste keinen, dem das nicht gefallen würde.

Vom Gefühl, immer am falschen Platz zu sein

Zusammenkunft verspricht ein Roman über das britische Klassensystem zu sein, das für jemanden, der nicht über den exklusivsten Familienhintergrund, die richtige Haut- und Haarfarbe und männliche Geschlechtsorgane verfügt, recht brutal ist, ganz egal, wie gut seine schulischen und beruflichen Leistungen sind. Tatsächlich ist es auch eine Geschichte, die einem ziemlich an die Nieren geht und in eine depressive Stimmung katapultieren kann.

Die britische Autorin Natascha Brown beinelt die Probleme ihrer Hauptfigur – einer jungen, klugen, ehrgeizigen Frau mit jamaikanischen Wurzeln und dunkler Hautfarbe – schonungslos auseinander. Die Hauptfigur spricht dabei aus ihrer Sicht. Und diese Sicht ist eine nüchtern-analytische, so wie man sie von jemandem erwarten würde, der in der Londoner Hochfinanz tätig ist. Ihre Eltern sind Immigranten aus der sogenannten Windrush-Generation. Sie wurden einst aus ihrer Heimat geholt, um in England zu arbeiten. Später hat man diesen Menschen ihre Staatsbürgerschaft wieder aberkannt, sie als illegale Immigranten betitelt und wieder abgeschoben. 

Das erzählende weibliche Ich hat auf den ersten Blick viele Vorzüge auf seiner Seite: Der Ehrgeiz, der sich aus dem Willen nährt, es gerade trotz der Herkunft zu schaffen, hat die junge Frau in eine gute Stellung gebracht; ihr liebevoller Freund stammt aus allerbester englischer Familie und steht trotz entsprechender Traditionen hinter ihr; sie hat genügend Geld, um sich eine Wohnung an guter Londoner Lage zu leisten und sich unabhängig zu fühlen. Dennoch ist die kolonialistische Geschichte Englands und die daraus resultierende Arroganz seiner «Ureinwohner» allgegenwärtig. Ebenso unerbittlich, wie die junge Frau ihre Umgebung beobachtet und analysiert, so betrachtet sie auch sich selbst. In ihrer Welt ist nichts, aber auch gar nichts sicher. Selbst jedes freundliche Wort wird zur Speerspitze oder trieft vor Falschheit, aus jeder Kritik spricht Frauen- gepaart mit Rassenhass. Das Leben, das sie führt, laugt sie aus:

Ich fühle. Natürlich fühle ich.

Ich habe Emotionen.

Aber ich versuche die Ereignisse so zu betrachten, als würden sie jemandem anderen passieren. (…) Um mich selbst zu schützen, spalte ich mich ab.

Die Frau landet irgendwann in einer Artzpraxis. Die Diagnose ist vernichtend. Ihr Entscheid, sich nicht behandeln zu lassen, mag einerseits aus ihrer Perspektive verständlich sein. Anderseits habe ich mich beim Lesen gefragt, ob ich eine solch depressive Haltung überhaupt verstehen kann oder will. Wie kann ein wie es scheint unbeugsamer und gerade deshalb erfolgreicher Mensch sich in einer Art Trotzreaktion für den Tod entscheiden? Immerhin lässt der letzte Satz des Buches so etwas wie ein Fünkchen Hoffnung.

Was ich an dem Buch mochte: die verdichtete Erzählweise, die äusserst kluge Auseinandersetzung mit der kolonialistischen Geschichte Grossbritanniens, die Auswirkungen von Sklaverei, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung auf Denken und Fühlen der Betroffenen und deren Nachkommen. All das wirklich erhellend. 

Die Geschichte ist in kurze Abschnitte gegliedert, scheinbar absichtslos angeordnet, so dass sie mich an die Arbeit eines Gehirns erinnern, das mal in seinen Gedanken von hier- nach dorthin hüpft.  Dennoch habe ich beim einen oder anderen Abschnitt nicht herausgefunden, was er überhaupt mit der Geschichte zu tun hat.

Insgesamt gesehen bin ich doch etwas enttäuscht von diesem Werk, wirkt der Text auf mich doch ziemlich larmoyant. Und ja: Als blasshäutige Frau habe ich nie Rassenhass am eigenen Leib gespürt. Ich bin aber schon subtiler oder weniger subtiler Frauenverachtung begegnet. Und was Dünkel ist und Augenverschliessen vor unbequemen Wahrheiten, weiss ich auch. Dennoch bin ich voller Hoffnung, dass sich die Dinge nach und nach (oder noch langsamer) ändern werden: Eben genau indem Frauen jeder Couleur sich in Managementpositionen begeben. Werden sie eben angefeindet, schlecht geredet, als Quotenfrauen geschimpft: So what? Die Welt ist brutal, herzlos, unfair. Jedenfalls für die meisten. Ändern wir sie halt, indem wir dem entgegenarbeiten und aufhören zu jammern. 

Dass man das Thema Rassismus auch total anders angehen kann, zeigt mir gerade der Roman Linden Hills der amerikanischen Autorin Gloria Naylor auf. Doch davon in einem nächsten Blogbeitrag.

Autorin: Natasha Brown

Titel: Zusammenkunft, Roman, Aus dem Englischen von Jackie Thomae

Verlag:  Suhrkamp, 2022, gebunden, 114 Seiten

ISBN 978-3-518-43046-0, 20.­– Euro/24.70 Franken

Kurz zusammengefasst: Eine schwarze Frau arbeitet erfolgreich in der Londoner Hochfinanz. Jahrelange Selbstausbeutung und die Konfrontation mit alltäglichem Rassismus und Frauenverachtung fordern ihren Tribut. Und immer gegenwärtig: die Geschichte Englands als Kolonialmacht und die heutige Haltung von Mensch und Staat gegenüber Nicht-Weissen. 

Für wen: Erhellend für jene, die noch nichts über die Windrush-Generation gehört oder gelesen haben. 

Mit Gesichtsmaske in Athen unterwegs

Petros Markaris hat für seinen neuesten Kostas-Charitos-Fall Verschwörung die Stimmung in Athen während des Corona-Lockdowns gewählt. Dass die belastende Situation des Eingeschlossenseins mit all ihren verstörenden Nebenwirkungen den Weg in die Literatur finden würde, war sofort klar. Der Gedanke der Umsetzung des Themas in Form eines Krimis allerdings wirkte auf mich im ersten Moment ungewöhnlich. Allerdings fand ich dann in Verschwörung noch ganz andere gesellschaftliche Themen angeschnitten. 

Zum Inhalt: Geschäfte und Restaurants sind zu, zahlreiche Menschen in Athen wissen buchstäblich nicht, wovon sie leben sollen. Kostas Charitos, Hauptkommissar bei der Mordkommission in Attika, wird plötzlich mit ungewöhnlichen Selbstmorden konfrontiert – dies in einer Zeit, in der selbst Athens Mörder im Lockdown zu sein scheinen und man die Zeit in Athens Mordkommission mit Däumchendrehen verbringt. Viel lieber als zu ermitteln, würde Charitos sich um seinen Enkel kümmern und sich von seiner Gattin bekochen lassen. Doch zu den Selbstmorden kommt plötzlich ein Überfall auf einen Impfstofftransport. Der Fahrer des Transporters kommt dabei zu Tode. Charitos ermittelt in Milieus, die gegensätzlicher nicht sein könnten: auf der einen Seite einst engagierte, nun desillusionierte Altsozialisten, auf der anderen junge, agile Aktivisten der Corona-Leugner-Szene. 

Links gegen rechts; Arme gegen jene, die aus jeder Krise einen Gewinn ziehen; betagt und der Gesellschaft verbunden versus jung, gut ausgebildet, aber mit Mangel an Herzensbildung: der Krimi thematisiert die Gegensätze, welche sich durch Gesellschaft, Familien, Arbeitswelten ziehen. Dies mit viel griechischem Lokalkolorit und Gesichtsmaskenatmosphäre.

Autor: Petros Markaris

Titel: Verschwörungein Fall für Kostas Charitos, Krimi, Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger

Verlag:  Diogenes, 2022, gebunden, 277 Seiten

ISBN 978-3-257-07212-9, 25.­– Euro/34.– Franken

Kurz zusammengefasst: Krimi à la grec, Athen während des Lockdowns. Erst gibt es eine seltsame Selbstmordserie, dann werden Impfstofflieferungen vernichtet. Kommissar Kostas Charitos muss sich mit gnadenlosen Verschwörungstheoretikern, depressiven Altsozialisten und einem nervös gewordenen Minister herumschlagen. Er tut dies ohne Hetze und indem er Familie und Freunde zu Rate zieht.

Für wen: Ffür alle, die nackte Brutalität und Action langweilig finden und dafür mehr mit Familie, Lokalkolorit, unaufgeregten Ermittlungen und beinahe liebenswerten Bösewichten anfangen können.