In rumänische Seelen geschaut

Kurzgeschichten kommt in unseren Breitengraden kaum Beachtung zu. Wahrscheinlich wollen wir uns nicht schon nach wenigen Seiten wieder mit einer anderen Story, neuen Figuren auseinandersetzen. Wir sind es gewohnt, dass literarische Themen vor uns breit ausgefächert werden. Allerdings gibt es auch Kurzgeschichtensammlungen, die zusammen gehören, weil, so unterschiedlich die Typen und Situationen sind, die darin beschrieben werden, so bewegen sie sich doch in einem gemeinsamen Kontext. Eine dieser Sammlungen kommt aus Rumänien.

Es sind ungewöhnliche, intensive Kürzestgeschichten – vom Verlag als Erzählungen bezeichnet – die danubebooks unter dem Titel Die grünen Brüste vorlegt. Autor ist der 1954 geborene rumänische Autor Florin Iaru.

Iarus Figuren leben in einer Gegenwart, in der die Perspektiven eingeschränkt sind oder sich verabschiedet haben. Sie gehen durch eine „erbärmliche, vulgäre Welt“, gegen die es einen Schutzwall braucht. 

Beschrieben werden einfache Menschen, Rentner, Streuner, Taugenichtse, Alleingebliebene, die Iaru auf zwei, drei Buchseiten darstellt. Sie helfen sich, indem sie die Realität ausblenden und sie durch Irrwitz ersetzen. Oder durch Alkohol. Oder durch eine gehörige Portion Übersinnliches. Oder dem Traum von der wunderbarsten Frau der Welt. Oder durch jeden gehobenen Blödsinn, den die Phantasie hergibt. Und nicht zuletzt durch Schweigen und Katzbuckeln gegenüber den Autoritäten. Eine von Iarus Figuren ist Ilie Georgescu, der Bescheid weiss:

„… bereits aus seiner Jugend, dass diese Welt nicht die seine ist und ihn nicht verdient. Deswegen hatte er beschlossen, sobald er mit der Schule fertig war, ein Zuschauer zu sein. Ein vielseitiger, anteilnahmsloser, undurchdinglicher. Fußballspiele schaut er sich angewidert an. Fußball verdient ihn einfach nicht, alles ist so berechenbar, weil alles so unecht ist. Ins Kino geht er immer mit einem karierten Notizbuch ausgerüstet. Er notiert seelenruhig jeden Blödsinn, die Unstimmigkeiten und die Filmfehler.“  

Es ist, als würden Iarus Figuren alles daran setzen, sich das Leben so fern wie möglich zu halten, damit es nur ja nicht nach ihnen griffe. Soll es zupacken wo es will, nur nicht gerade bei einem selbst. Denn was hätte man schon von ihm zu erwarten? 

Ilaru zeichnet auf zwei Buchseiten, wofür andere mindestens zwanzig brauchen:  Charaktere und ein Abbild einer Gesellschaft fast ohne alles, was für eine funktionierende Gemeinschaft wichtig wäre: Vertrauen in die Mitbürger, die Behörden, in sich selbst. Und dies mit einem Unterton, so sec, dass man nicht sicher sein kann, ist er der Verzweiflung geschuldet oder doch schon leicht sarkastisch.

Titel: Die grünen Brüste, Erzählungen

Autor: Florin Iaru, aus dem Rumänischen von Manuela Klenke

Verlag: danubebooks 2020, Ulm, http://www.danube-books.eu

ISBN 978-3-946046-17-2

Kurzbeschrieb/-bewertung: Bizarr, gesellschaftskritisch, nüchtern bis phantasievoll-verspielt, ernüchternd, ironisch, knapp, poetisch: Das sind so die Adjektive, die mir in den Sinn kommen, wenn ich die Kurzerzählungen von Iaru charakterisieren soll. Ein Blick in das Innerste von Rumäniens Bürgern. Den Leuten aufs Maul und in die Seele geschaut. 

Für wen: Etwas wunderbar Anderes für Liebhaber von Kurzgeschichten. 

Das Gute mit unmoralischen Mitteln

In der Süddeutschen stand dieser Tage zu lesen, dass das Golf-Drogenkartell auf die blendende Idee kam, den Corona-Virus auf perfide Weise zu nutzen, um sein Image aufzupolieren: mit der Verteilung von Lebensmittelpaketen an die darbende Bevölkerung. Das zeigt einerseits, wie unverschämt die Banden im Lande agieren, anderseits auch, wie machtlos ihnen Gesetz und Politik gegenüberstehen:

„Die Bande ist eines der ältesten Kartelle, sie hat eine eigene paramilitärische Einheit, Los Zetas. Diese machte sich aber irgendwann selbstständig und zerfiel in zwei Fraktionen, die sich dann einen Krieg lieferten. Ähnliches geschieht in fast allen Staaten Mexikos. Hunderte Gangs, Banden, Kartelle und Milizen bekämpfen sich. Sie haben das Land in einen immer brutaleren Drogenkrieg gestürzt.“ (Zitat aus dem Artikel der Süddeutschen).

Und schon sind wir mitten im Buch „Die Korrupten“ von Jorge Zepeda Patterson:

Eine beliebte mexikanische Schauspielerin wird brutal ermordet. Der Journalist Tomás Aridmendi bringt in einer Kolumne den Namen des Innenministers in den Fokus der Verdächtigen. Dies bringt den Journalisten selber in Gefahr. Glücklicherweise stehen ihm seine drei Freunde zur Seite. Sie beschliessen so rasch als möglich den wahren Mörder zu finden.

Das Quartett mutet an wie TKKG für Erwachsene. Sie nennen sich „die Blauen“. Der Freundeskreis besteht neben Tomás, aus der Politikerin Amelia, dem Sicherheitsberater Jaime und Universitätsprofessor Mario. Der Autor Jorge Zepeda Patterson ist selber als Journalist tätig ist; die politischen Gegebenheiten seines Landes kennt er wohl recht gut. 

Womit haben wir es in diesem Roman zu tun: Politiker, die das Gute wollen, es aber mit undemokratischen Mitteln bewerkstelligen. Eine Führungsriege, die sich allen Ernstes damit befasst, wie man das „schlechtere“ Drogenkartell schwächen und ein „besseres“ stärken kann. Eine Politklasse, die kräftig bei schmutzigen Geschäften mitmischt und absahnt, wo es was zu holen gibt. Journalisten und Computerspezialisten, die entweder gleich mundtot gemacht oder dann zur Mitarbeit gezwungen werden. Die Liste der Missstände nimmt kein Ende. Tatsächlich scheint es so, dass keiner, auch die Blauen nicht, so integer ist, wie er gerne wäre. Ein Korruptionssystem, an das sich jeder irgendwie anpasst. Eine Situation, die uns als LeserInnen, die wir gerne an das Gute im Menschen glauben wollen, hilflos zurücklässt.

Titel: Die Korrupten, gebunden, 480 Seiten

Autor: Jorge Zepeda Patterson, aus dem Spanischen von Nadine Mutz 

Verlag: Elster-Verlag, 2020, 

ISBN 978-3-906903-15-6, Fr. 32.00/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kriminalfall mit sehr vielen innermexikanischen Details. Es lohnt sich, sich kurz über die politischen Zustände des Landes zu informieren, um einen Einblick zu haben, wie das Land funktioniert – oder eben nicht funktioniert. Die Charaktere der vier Freunde, die den Kriminalfall lösen müssen, wirken zu Beginn wie „hatten wir schon“ – erweisen sich dann aber im Laufe der Geschichte als facettenreicher.

Für wen: für einmal keine spezielle Empfehlung.

Schweine sind dem Menschen näher verwandt, als den Schweinen lieb ist

Umm al-Chanasir, die Mutter aller Schweine, wird von den Abfallbergen Kairos über Grenzen und Schleichwege in eine jordanische Grenzstadt geschmuggelt. Dort wartet Hussein Sabas auf sie und ihren ungeheuren Nachwuchs. Der Metzger Hussein will das Morgenland mit Schweinefleisch zu versorgen. Es sieht so aus, als habe die Gegend nur auf Koteletts gewartet. 

Umm al-Chanasir wird im Laufe des Romans Mutter aller Schweine von Malu Halasa Sinnbild für all jene Frauen, die in den männerdominierten Gesellschaften des Nahen Ostens oft wenig mehr sind als Hüterinnen der Familienehre und Gebärerinnen von Söhnen, die „entweder als Ärzte enden oder als Mörder“. Doch in diesem Roman gibt es Frauen, die den vorgezeichneten Weg leise hinterfragen. Auch Umm al-Chanasir begreift, wohin ihre Kinder und Kindeskinder verschwinden. Sie reagiert verstört und verstörend. 

Der Roman spielt in einer Kleinstadt im Grenzgebiet Jordanien-Israel-Syrien. Hier ist irgendwie jeder ein Versprengter. Sei es, dass die Vorfahren aus Palästina oder von sonstwoher geflohen sind, seien es Frischankömmlinge aus dem Irak, aus Syrien, Iran; Ex-Jihadisten, Rebellen, Heimatlose, Händler. Und dann sind da noch die, die ihre Kinder wegschickten, damit sie eine bessere Zukunft in der Fremde finden. So wie Fahdma, von deren dreizehn Kindern nur noch Hussein und Samira in Jordanien leben. Der Grossteil ihrer Familie hat in den USA einen neue Heimat gefunden.

In der ehemals hauptsächlich von Christen bewohnten jordanischen Grenzstadt, aufgebaut auf den Ruinen einer byzantinischen Stadt, haben die Mauern Augen. Bisher war das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien in der Gegend ungefähr so, wie es dieses Zitat aus dem Internet beschreibt:

„Die wechselseitige Abneigung der Ethnien ist meist „herzhaft“, was aber eine Zusammenarbeit, sofern sie den eigenen Interessen dienlich ist, durchaus nicht ausschließt.“

Von der herzhaften Abneigung profitiert in der Grenzstadt Husseins Onkel Abu Satar. Geschäftstüchtig zieht er aus jedem regionalen Zwist seinen Profit. Sein Tempel ist das „Schnäppchen-Emporium“, ein Laden, in dem alles zu finden ist, was das Herz begehrt. Von Abu Satar stammt auch die Idee mit der Schweinezucht. Allerdings ist er nicht bereit, die unangenehmen Konsequenzen dieser Geschäftsidee mitzutragen. Sein Neffe Hussein gerät ins Visier eines fundamentalistischen Scheichs und seiner Anhänger. Dabei will er einzig für seine Familie ein sicheres Einkommen. Halal und haram interessieren ihn nur soweit, als er dafür zwei Kühlschränke benötigt und aus Respekt vor dem Muslimen freitags kein Schweinefleisch verkauft.

Unbestritten: meine Lieblingsfigur in diesem Roman war Abu Satar, ein Typ, von dem jeder in der Stadt weiss, dass er nur auf seinen Vorteil aus ist. Schlau, verschlagen, gierig und auch zu Verrat bereit, so lange es ihm und seinem „Schnäppchen-Emporium“ nützt. An und für sich eine Figur, die keinem das Herz wärmt. Aber dennoch so detailgenau und humorvoll gezeichnet, dass man sich wünscht, man könnte den verschlagenen Onkel in seinem Basar besuchen. Doch der Roman beschreibt noch andere Familienmitglieder, mit denen wir mitleiden, die wir verstehen oder zumindest verstehen wollen. Da wäre Husseins Mutter Fahdma, die die Familienfäden sanft und ohne Aufmucken zusammenhält. Oder ihre jüngste Tochter Samira, die nicht so recht weiss wohin mit ihrem rebellischen Geist. Oder Leila, Husseins Frau, eine Lehrerin, die gefangen in einer lieblosen Ehe sich fragen muss, was ihr wichtiger ist: ein schönes Haus oder das Wohlergehen ihrer Kinder.

Und während wir als Leser mit den einzelnen Mitgliedern der Sabas-Familie mitgehen und mitleiden, bewegen wir uns in einer Stadt, in der alles Unmögliche nebeneinander passiert: Hinter Gebüschen küssen sich Liebespaare, während sich ein Fundamentalist mit einer Emanze trifft; an einer Hochzeit findet eine Entführung statt und wird Geheimpost ausgetauscht; Busse voller Touristen werden durch die Sehenswürdigkeiten geführt und Fundamentalisten zerkratzen Autos; zwielichtige Figuren passieren die Grenzen in alle Richtungen und eine Horde verängstigter, freiheitsliebender Schweine geloppiert durchs Jamuk-Tal. Ein Drunter und Drüber, das ziemlich genau der verworrenen politischen Situation des Nahen Ostens entspricht. 

Titel: Mutter aller Schweine, gebunden, 344 Seiten

Autorin: Malu Halasa, aus dem Englischen von Sabine Wolf 

Verlag: Elster-Verlag, 2020, http://www.elstersalis.com 

ISBN 978-3-906903-14-9, Fr. 25.30

Kurzbeschrieb/-bewertung: Furiose, kuriose Familiengeschichte aus Jordanien, einer Gegend, die komplett aus den Fugen geraten ist und wo die Kulturen aufeinanderprallen. Gleichfalls eine kritische Stimme an einer Gesellschaft, die das Potential der Frauen aussen vor lässt. Trotz aller angerissenen Probleme bleibt Raum zum Schmunzeln. Liest sich zügig. Aber auch dieses Buch kann leider die zahlreichen Probleme des Nahen Ostens nur anreissen.

Für wen: Wer bisher noch nicht wusste, dass die Frauen, so verschieden sie auch sein mögen, die Welt zusammenhalten, sollte dieses Buch hier lesen. 

Vom Glück, in einem Tessiner Bergbach zu baden

„Unser“ Tessiner Dorf hat uns einen Brief geschickt mit der freundlichen Aufforderung, doch gefälligst in der Deutschschweiz zu bleiben. Aber ja, liebe Tessiner, wir bleiben hier, wenn es uns auch noch so gelüsten würde, den Frühling im Süden zu verbringen.

Damit mir in meiner coronabedingten Tessin-Abstinenz nichts fehlt, habe ich den Roman Tage mit Felice von Fabio Andina gelesen. Das war, als hätte mich einer an einen Ort entführt, wie ich ihn so höchstens aus der Kindheit kenne, als meine Sicht auf diese Welt eine einfache war, die Tessiner mich noch „carina“ fanden und ich im Gegenzug die Tessiner lustig, lebhaft und ihre Dörfer mit den farbigen Häusern an den steilen Bergtälern unvergleichlich schön. Nun, nach einigen Jahrzehnten, in denen wir fast alle unsere Urlaubstage als Zücchin im schweizerischen Süden verbracht haben, ist mein Tessinbild entromantisiert und … 

Bevor ich weiter Dinge schreibe, die nicht hierhergehören, zu Andinas beachtenswertem Roman:

Die Geschichte spielt zuhinterst im Val Blenio. Der alte Felice lebt in Leontica. Er wohnt allein in einem bescheidenen Haus, seine Tage verbringt er nach seinem eigenen Stundenplan: Frühmorgens eine Wanderung den Berg hinauf zu einem pozzo, einer Bach-Gumpe, später ein Besuch bei Sosto dem Bauern, dann Holzhacken, ein Gang ins Dorf, eine kurze Fahrt ins Nachbardorf, ein Besuch bei einer Nachbarin, ein Abstecher in eine Bar. Hier trifft Felice täglich dieselben Menschen, Dörfler wie er. Man kennt sich, man hilft sich, man tauscht die Ernte aus den Gemüsegärten aus. Man trinkt zuviel, palavert, spielt Scopa, singt sehnsüchtige Lieder und ärgert sich. Felice spricht wenig. Er geht seiner Wege. Doch seine Haltung gegenüber den Mitmenschen beruht auf Akzeptanz.

Bei Regen, Schnee und Kälte ebenso wie bei schönem Wetter begleitet ein Nachbar und Ich-Erzähler den alten Felice hinauf zu seinem Baderitual und kommt dabei selbst zur Ruhe. 

Worum geht es: Um das Glück, das in der Bescheidenheit wohnt. Um Toleranz und Gemeinschaftssinn. Um das oft karge, unaufgeregte Leben in einem Bergdorf. Um den Genuss, der in der Stille und im Schweigen steckt.

Dem Autor gelingt es, uns am Glück der beiden Protagonisten teilhaben zu lassen. Die paar Tage, die sie gemeinsam verbringen gleichen sich, weichen nur in Nuancen voneinander ab, folgen einem Rhythmus, der einem wie minimalistische Musik vorkommt. So genügsam, wie die Bergler ihr Leben leben, so geradeaus ist auch Andinas Erzählweise.

Andinas besonderes Augenmerk liegt auch auf dem Funktionieren der dörflichen Gemeinschaft. Der Zusammenhalt der Dörfler basiert vor allem aus der Lage des Dorfes und seinen Gegebenheiten. Religion, sprich anerzogene Mitmenschlichkeit, mag eine Rolle spielen, doch wenn, dann eine nebensächliche. An abgelegenen Orten ist es nichts als natürlich, einander auszuhelfen. Jeder weiss, dass er selber irgendwann Hilfe benötigt. 

Eine Geschichte, so positiv und warmherzig, dass sie als Medizin gewertet werden darf. Eine Geschichte auch von eigenwilligen, selbstbestimmten Menschen, wie sie mir früher noch begegneten: z. B. die alte, zähe Ziegenbäuerin, deren Rücken sich Jahr für Jahr mehr der Erde zukrümmte, oder Thuri , der arbeitsam und charmant war, doch sobald er Geld in der Tasche hatte, in den Rausch flüchtete. Andere mehr, die längst von der Bildfläche verschwunden sind. Möglich, dass zuhinterst in den Tälern des Tessins noch ein paar davon zu finden sind. 

Titel: Tage mit Felice, Originaltitel: La pozza del Felice, Roman, gebunden, 235 Seiten

Autor: Fabio Andina, aus dem Italienischen von Karin Diemerling

Verlag: Rotpunktverlag, Edition blau, 2020, http://www.editionblau.ch,

ISBN 978-3-85869-863-6

Kurzbeschrieb/-bewertung: Als LeserInnen dieses Romans verbringen wir ein paar Spätherbsttage mit Felice und seinem Nachbarn zuhinterst im Val Blenio. Felice ist anspruchslos, grosszügig, nachdenklich, und manchem mag er als Kauz erscheinen. Doch er wird seinem Namen gerecht. Ein Buch über inneren Frieden und die Kunst des Ungekünstelten. Einfach schön.

Für wen: Für alle, die an Tessin-Entzug leiden. Tessin von seiner schönsten Seite!

„Die Insel der Träume hat Sie längst in ihr Herz geschlossen“

Ein Inselarchipel im indischen Ozean, Strand namens Nomad Island, Kokospalmen, schöne Menschen und das Versprechen von paradiesischem Glück. Was braucht es mehr? 

Der Westschweizer Autor Joseph Incardona ist der Verfasser von One-Way-Ticket ins Paradies. Der Autor beobachtet gerne die menschlichen Schwächen. Beispielsweise unser Anspruch auf Glück, der sogar in den Grundrechten verankert ist. Was natürlich noch lange nicht klärt, was damit gemeint ist: Besitz, Liebe, Akzeptanz, Vergnügen, Zufriedenheit, eine sinnstiftende Aufgabe oder ganz etwas anderes?

Die Story: Paul und seine Familie fliegen für eine Woche nach Nomad Island, wo all ihre Wünsche in Erfüllung gehen sollen. Paul möchte endlich wieder Sex mit seiner Frau. Iris wiederum will aus ihren Gedanken tilgen, was sie so unendlich traurig macht. Tochter Lou möchte endlich ihre Jungfräulichkeit verlieren. Und der neunjährige Stan wünscht sich einfach eine entspannte Zeit mit seiner Familie. 

Incardona nimmt für seinen Roman das vollblumige Glücks-Versprechen von Reiseveranstalten unter die Lupe. Dieses wird jeweils spätestens dann als reine Werbung entlarvt, wenn wir mit anderen Paradiessuchenden in einer Flugzeugreihe einklemmt sind, in einer Warteschlange vor dem Kofferband stehen oder in einem klapprigen Kleinbus von jemandem, mit dem wir nicht kommunizieren können, durch eine beängstigende Wildnis oder – noch schlimmer – zu einem Touristen-Hotspot chauffiert werden. Ja, wider besseres Wissen fallen wir gerne auf Reise-Glücksverheissungen rein. Und eine Insel der Träume, wo einem versprochen wird, „alles zu vergessen, was man über Ferien zu wissen meinte“, klingt verlockend. Vor allem, wenn das alltägliche Glück sich von einem verabschiedet hat und man nicht einmal weiss, wann, weshalb und wohin. Oder war es vielleicht gar nie da?

Paul, Iris, Lou und Stan jedenfalls gelangen auf ihrer gebuchten Glückssuche an einen Ort, der sie voll und ganz in sich aufzusaugt. Spektakuläre Sonnenuntergänge, Massagen, Fitnessprogramme, Drinks a gogo in einem nach Gewürzen und Frangipani duftenden Garten bilden das Rundum-Sorglos-Paket. Gut, der Empfang war jetzt nicht das, was man von einem Klasse-Hotel erwarten durfte, aber die anderen Gäste sind überaus freundlich. Allerdings, finden zumindest Paul und Stan, gibt es auch höchst seltsame Sachen in diesem Resort. Beispielsweise Drohnen, welche die Gäste gerne ins Kameraauge fassen. Das Kinder-Programm wird von einer bösartigen Aufseherin überwacht, und nachts, wenn die Rasen-Bewässerungsanlage ausgeschaltet wird, tauchen seltsame Gestalten vor dem Bungalow auf. Alles keinen Gedanken wert, finden Iris und Lou. Doch das mit dem gemeinsamen Familienglück will sich nicht einstellen.

In diesem Paradies im indischen Ozean geht nichts so richtig auf. Warnzeichen blenden auf, geraten wieder in den Hintergrund. Wer glücklich aussieht, ist vielleicht nur angesäuselt oder böse. Oder abgestumpft. Und bald einmal wird dem Leser klar: Einer kann sich zwar fürs eigene Glücklichsein entscheiden, doch er muss damit rechnen, dass das Gegenüber etwas ganz anderes darunter versteht. 

Ein Inselarchipel im indischen Ozean namens Nomad Island, Strand, Palmen, schöne Menschen und das Versprechen von paradiesischem Glück. Seien Sie froh und dankbar, dass Sie nicht dahinreisen müssen! Und wenn, dann nur  vom Sofa aus mit diesem Buch in der Hand und in der Phantasie.

(Wobei ich jetzt faustdick lüge: Auch ich war schon mal ferienhalber an einem paradiesischen Ort, von dem ich nie, nie wieder weg wollte. Und ich habe den Verdacht, auch Joseph Incardona habe ähnliches erlebt.)

Titel: One-Way-ticket ins Paradies, Roman, 309 Seiten, gebunden

Autor: Joseph Incardona, aus dem Französischen von Lydia Dimitrow

Verlag: Lenos, 20120, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-002-8, Fr. 28.–/Euro 22.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Packend erzählte Geschichte einer Familie aus der Westschweiz, die auf ihrer Ferienreise allerhand erlebt: Paradiesisches, Urtümliches, Gefährliches, Lustvolles, Nervenzerreissendes. Die Insel, auf der sie landen, scheint ein Eigenleben zu führen.

Für wen: Fernwehgeplagte, die manchmal das Gefühl haben, auf dem heimischen Sofa würden sie von der einen oder anderen Sprungfeder gequält.

Wer macht am Ende das Licht aus?

Der deutsche Weltraumfahrer Frank Brandt und seine drei amerikanischen Kollegen Green, Miller und Cocksfield sind mit erschütternden Erkenntnissen von einer Mars-Expedition zurückgekehrt. Doch statt einem Empfang mit Pauken und Trompeten erwartet sie die totale Isolierung. Nichts, was sie auf dem Mars gefunden haben, darf an die Öffentlichkeit. Die internationale Sicherheit sei in Gefahr, sagen die, die das Sagen haben.

Die Ausgangslage, die Jürgen Lodemann in seinem Roman Mars an Erde zeichnet, mag eine fiktionale sein. Doch sitzen wir nicht gerade heute in unseren Wohnungen, isoliert, angewiesen auf die Nachrichten. Nachrichten, die uns verwirren, hinter denen wir Ungesagtes vermuten. Nachrichten, die uns täglich mit neuen Massnahmen konfrontieren, als wäre es nötig, uns die „Wahrheit“ in homöopathischen Dosen zu verabreichen. Und nicht nur das: Wir leben auf einem Erdball, mit dem es bachab geht, und zwar auf mehreren Ebenen. Einer Welt, in welcher die Gretas dieser Erde, die uns aufrütteln wollen, verunglimpft und kleingeredet werden. Eine Welt, in der viel geschwafelt wird, Kommunikation kaum mehr als ein Wort ist.

Und in diese surreale Realität oder reale Phantasie, wie es Jürgen Lodemann wohl nennen würde, platzt nun sein Roman mit dem Titel Mars an Erde. Aufgebaut ist die Story um Frank Brandt, dem die Flucht aus der amerikanischen Verwahrung gelungen ist und der nun einem Journalisten in Form eines Interviews erzählt, was ihm widerfahren ist.

Es sind wahre Abgründe, die sich den vier Astronauten auftun. Sie wurden auf der Erde auf vieles hin trainiert, doch was ihnen der Kriegsplanet über seine Vergangenheit verrät, ist kaum fass- und noch weniger ertragbar. Da ist die absolute Stille des roten Planeten und das unheimliche Auftauchen und Verschwinden der beiden Marsmonde Phobos und Deimos. Da sind die sich in die Höhe schraubenden rötlichen Staubschwaden, die lebensfeindliche Atmosphäre. Oder die verstörenden Vergleiche mit dem Schwarzwald, die Brandt beim Betrachten der schrundigen Marsoberfläche zieht. Aber wirklich unheimlich ist das, was die Astronauten in Inneren des Planeten finden, dessen „Rot nichts von Liebe weiss, aber alles vom Krieg“.

Noch selten habe ich einen eindringlicheren, beklemmenderen Roman gelesen. Seltsamerweise hatte ich kaum je den Eindruck, es mit Science Fiction zu tun zu haben, vielmehr schafft es der Autor, drängende Wirklichkeit zu vermitteln. Das mag daran liegen, dass die Story in der Jetzt-Zeit spielt: mit einem zu allem fähigen Egozentriker an der Spitze einer Weltmacht, allgegenwärtigem Nationalismus, widerwärtiger Geldgier und Machthunger, einer vermüllten Umwelt und keinem Plan B. 

Zitat Brandt: „Weltweit fehlt uns ein Wir. Die Gewissheit vom gemeinsamen Boot.“

Jürgen Lodemanns Roman ist ein mahnendes Werk, ein Wurf, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt: klug, kritisch, spannend, poetisch, bereichert mit weitsichtigen Zitaten. Eine Warnung, die sich jeder zu Herzen nehmen sollte. Denn nach Überwindung der viralen Katastrophe drängt ein blauer Planet darauf, von uns gerettet zu werden.

Titel: Mars an Erde, Roman, 258 Seiten, gebunden

Autor: Jürgen Lodemann

Verlag: Klöpfer, Narr, 2020, http://www.kloepfer-narr.de/mars-an-erde/

ISBN 978-3-7496-1022-8 

Fr. 36.90/Euro 25.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Science fiction, die so real daherkommt, dass es einen schüttelt. Science fiction, die von der Zukunft des blauen Planeten spricht und dem jetzigen Zustand der ach so intelligenten Menschheit. Literatur die einschlägt. Rechnen Sie mit einem tiefen Lesekrater.

Für wen: Das geht jetzt einfach alle an.

Einmal starke Schultern, s’il vous plait

Zwar ist gerade Zuhausebleiben angesagt, aber reisen kann ich ja trotzdem. Diesmal nach Paris und zwar mit Serge Joncour. Sein Roman, erschienen bei Secession, trägt den Titel Lehn dich an mich; und ja, es ist eine Liebesgeschichte, eine Amour fou. Eine, von der man bis zum Schluss nicht weiss, ob sich die beiden nun kriegen oder nicht. 

Stellt Euch ein Pariser Wohnhaus vor. Im vorderen Flügel, wunderbar hergerichtet, wohnen elegante, vermögende Leute. Ein paar dieser Wohnungen stehen oft leer, weil sie entweder als Vermögensanlage dienen oder wochenweise an Paris-Reisende vermietet werden. Im anderen, schäbigen Hausteil hausen jene, die ihr Leben bescheidener fristen müssen: Alte, Angestellte. Unter ihnen der Schuldeneintreiber Ludovic. Ihn hat es von der tiefsten Provinz in die Hauptstadt verschlagen. Ludovic ist gross, kräftig gebaut, beeindruckend. Meist ist er ein sanftmütiger, besonnener Riese. Dieser Koloss von Mensch trifft nun auf Aurore, die Modedesignerin. Sie dürfen raten. Richtig! Aurore ist das, was wir uns unter einer typischen Pariserin vorstellen: zart, elegant, ein wenig herablassend und erfolgreich im Beruf, daneben Mutter, Gattin eines noch erfolgreicheren Anwalts.  Doch auch hier trügt der Schein. Aurores wohlgestaltete Welt bekommt gerade ziemliche Sprünge.

Gut gibt es in Paris, sobald man die Eingangstüre der Wohnhäuser dank eines Zugangscodes überwunden hat, die Briefkastenräume, sonst würden nämlich Ludovic und Aurore nie aufeinandertreffen. Es braucht aber auch noch zwei Raben, die sich im Baum des Innenhofs eingenistet haben, damit die beiden ungleichen Menschen überhaupt miteinander ins Gespräch kommen. Gottlob weiss Ludovic, wie aus zwei Raben zwei Tauben werden. 

Die Anziehungskraft zwischen Ludovic und Aurore ist stark. Das liegt an ihrer beidseitigen Einsamkeit. Ludovic hat in Paris nur seine ungeliebte Arbeit und abends das Fernsehprogramm. Aurore wiederum droht ihr Geschäft zu entgleiten. Sind Aurore und Ludovic beisammen, stärken sie sich gegenseitig – sobald sie auseinander sind, kommen Zweifel auf und alles scheint auseinanderzudriften.

Serge Joncour führt uns Leser in ständigem Wechsel in die Gedankenwelten und in den Alltag von Aurore und Ludovic. Beide auf der Suche nach Rettung: andere, sich selbst, die Firma, die Selbstachtung. Ein ständiger, spannender Kampf, den uns Joncour da beschreibt. Gleichzeitig bewegen wir uns mit Aurore und Ludovic durch Paris: Hier die Geschäftswelt, kalkuliert, kühl durchgestylt, die eleganten Boulevards, den Bois de Boulogne, Kaffeehäuser. Dort das Paris der kleinen Leute, ihre Sorgen, die Hochhaussiedlungen an den Rändern der Stadt, die Verkehrsstaus, die Hektik. Und wir besuchen mit Ludovic auf der Suche nach einer neuen Hose einen Monoprix. 

„Es war nicht zum Aushalten, zumal er in diesem Augenblick merkte, dass selbst seine Unterhose nicht passte, viel zu altmodisch war, im Regal gegenüber gab es allerlei figurbetonte Boxershorts verschiedenster Marken, aber nur Boxershorts, als verstünde es sich von selbst, dass jeder männliche Städter seinen kleinen Alltagskampf austragen müsse. Eine der Verkäuferinnen kam mit einer Baumwolljogginghose zurück …“

Wer bei solch einer Szene nicht schmunzeln muss, sollte wirklich ganz und gar zu Hause bleiben und sich die Croissants liefern lassen.

Titel: Lehn dich an mich, Roman, 366 Seiten, gebunden

Originaltitel: Repose-toi sur moi, 2016

Autor: Serge Joncour, Übersetzung aus dem Französischen von Paul Sourzac

Verlag: Secession Zürich, 2019, http://www.secession-verlag.com

ISBN 978-3-906910-64-2, Fr. 32.- / Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zwei Menschen, denen es den Teppich unter den Füssen wegzieht, Liebe über Gesellschaftsgrenzen hinweg, Intrigen, etwas Sex und etwas Gewalt, Paris – und das alles in einem Buch. So spannend und fliessend erzählt, dass man dabeibleiben möchte, bis zum vielleicht bitteren Ende.

Für wen: Für alle, die sich nicht von Frankreich und der grand amour fernhalten lassen.