Dieses angeschlagene Obst schmeckt gut

Das Cover zeigt Birnen: gelbe, mit grünen und braunen Flecken. Eine Sorte, die es wohl kaum in einem Geschäft zu kaufen gibt. Eine alte Sorte, denn so lautet der Titel des Romans von Ewald Arenz: Alte Sorten. Man könnte nun davon ausgehen, dass das Obst in dem Roman eine tragende Rolle spielt. Doch nein. Ein Birngarten kommt zwar vor. Auch wie man aus Birnen Branntwein zaubert. Sogar zwei Menschen gibt es, die das Obst lesen und verarbeiten. Ansonsten ist birnenmässig nicht viel los. 

Der zweite Gedanke wäre, dass es sich bei den alten Sorten um Menschen handelt, die entwicklungsmässig im letzten oder vorletzten Jahrhundert stehengeblieben sind. Mit den modernen Zeiten nicht mitkommen. Auch dieser Schluss ist zumindest halbwegs ein Irrläufer. Es geht in dieser Story zwar um Menschen mit Problemen, doch die sind anderer Art. Die Rede ist von Liss und Sally.

Sally ist jung und Borderlinerin. Eigentlich gibt es nichts, worüber sie sich nicht masslos aufregen kann. Vor allem ihre Mitmenschen machen sie wütend. Liss könnte vom Alter her Sallys Mutter sein; sie spürt in sich einen unbändigen Freiheitsdrang und ist mit ihrem geregelten Leben unzufrieden. Beide Frauen haben Mühe sich an- und einzupassen. Birnenmässig gesprochen, haben sie den einen oder anderen Fleck, der sie für die Supermarktauslage ungeeignet macht.

Ewald Arenz führt die jugendliche Streunerin Sally und die unglückliche Bäuerin Liss zusammen. Die Umgebung könnte – zumindest vordergründig – idyllischer kaum sein. Man stelle sich so etwas wie Bayern vor, ein paar Hügel, Bauern auf Traktoren, im Hintergrund einige überdimensionierte Windkrafträder. Viel Weite, viel Landschaft. Hier finden die beiden Frauen so nach und nach über das gemeinsame Tun auf dem Feld, über kurze Gespräche, über kleine Momente des Seins zueinander, in denen sich ihre Verletzlichkeit und ihre Narben offenbaren. Brüchig und zaghaft am Anfang, wird die Freundschaft durch einen Moment der Krise gestärkt. 

Ewald Arenz beschreibt einfache Alltagssituationen. Nichts ist aufgeregt. Bilder tauchen auf, verblassen wieder. Jeden Morgen ist das Leben auf dem Land gleich und doch etwas anders als am Tag zuvor. Wir sehen Liss im Türrahmen stehen. Eine Tasse Tee in der Hand schaut sie dem Regen zu, den Hühnern auf dem Hof:

«Ein Tag, an dem man die Welt einfach trinken lassen und sie da bei nicht stören sollte. An dem man die Hühner rennen lassen sollte, ohne den Kopf zu schütteln. Ein Tag, an dem man ein Mädchen schlafen lassen sollte, wenn es schlief. Es gab für alles einen Grund, sie sah ihn nur nicht.»

Eine Erzählweise und Sprache, die dem Inhalt des Romans voll und ganz gerecht wird. Wunderbar. Mehr muss dazu nicht gesagt werden. 

Und jetzt wäre ein liebevoll gebranntes Birnenschnäpschen keine schlechte Idee.

Titel: Alte Sorten, Roman, 255 Seiten

Autor: Ewald Arenz

Verlag:  Dumont, Köln, 2021

ISBN 978-3-8321-6530-7, 10 Euro/15.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Zwei Frauen, die in keines der üblichen Strickmuster passen, finden zusammen und akzeptieren sich. 

Für wen: Für alle Früchtchen (nicht nur für Kernobst).

Ein einig Volk von Nein-Sagern?

Dies wird ein Wut-Beitrag. Und eine Schelte. Nur damit Ihr es wisst, bevor ihr weiterlest. (Dies betrifft vor allem uns SchweizerInnen, es sind aber alle mitgemeint, die Abstimmen dürfen, aber nicht Mitdenken wollen; all jene, die lieber glauben und nachbeten, was ihnen Interessenvertreter vorkauen.)

Ich habe mich noch nicht vom Ergebnis der letzten Volksabstimmung erholt, bin immer noch entsetzt und zornig über die landesweite Kurzsichtigkeit, Kleinlichkeit und das Portemonnaie-Denken, da flattert mir ein Roman ins Haus mit dem Titel Der Tag, an dem die Männer Nein sagten

Thematisiert wird darin vordergründig die erste Schweizer Volksabstimmung über ein Frauen-Stimm-und-Wahlrecht am 1. Februar 1959. Hauptsächlich aber geht es um die Situation der Frauen zu jener Zeit. Im Ausland war das Stimm- und Wahlrecht den Frauen schon längst erteilt – in der Schweiz verweigerten die stimmberechtigten Männer den Frauen das Mithandeln und Mitbestimmen noch bis 1971. Eine nationale Schande. Doch sind an einer solchen nur die Männer schuld?

1959, meine lieben Schweizer Damen, waren es die Männer, die Nein sagten – 2021 hättet Ihr es in der Hand gehabt, die Zukunft mitzugestalten, Euern Mädchen, Buben, Enkeln eine Welt zu hinterlassen, in der es sich zu leben lohnt. Stattdessen geniesst Ihr euer gespritztes Gemüse, sauberes Trinkwasser kauft Ihr beim Grossverteiler in PET-Flaschen (was kümmern euch die Fische), ihr wollt statt saubere Luft euren SUV und billigst mit dem Flieger Weiss-der-Teufel-wohin – und die gesalzene Rechnung all dessen sollen eure Nachfahren zahlen.

Ihr hättet ein Zeichen setzen können, ihr hättet mutig sein können wie es eure Vorfahren waren, fortschrittlich, ein Vorbild für andere Länder. 

Stattdessen wart ihr kleinlich, kurzsichtig, habt euch beeinflussen lassen, habt euern Geldbeutel sprechen lassen statt Herz und Verstand. (Übrigens: Das Gemüse wird trotzdem teurer, die Hagelgewitter und Regengüsse haben nämlich auch etwas mit dem Klimawandel zu tun, den Ihr so konsequent nicht wahrhaben wollt. Und dass die Bauern, äh Fleisch- und Gemüseproduzenten, jetzt wieder am lautesten nach Entschädigungen schreien, wen überrascht’s?) 

Kurzsichtigkeit, Kleinlichkeit und Geiz-ist-geil-Mentalität sind wohl nicht nur bei Männern weit verbreitet. Wenn wir lieber landesweit aufgehängten Plakaten glauben, als selber zu denken, sollte man uns das Stimm- und Wahlrecht wohl besser verweigern. Wollen wir weiterhin Mitdenken und -handeln? Wenn man uns dereinst diese Frage vorlegen würde, was würden wir gesamtmehrheitlich wohl antworten. Ich befürchte ein Nein! 

Zurück zum Buch:

Die Autorin Clare O’Dea ist eine Irin, die schon lange in der Schweiz lebt. Dass sich eine Irin unserer beschämenden Geschichte annimmt, ist schon aussergewöhnlich, doch vielleicht braucht es gerade den Blick aus der Distanz, um diesem Thema etwas Neues abzugewinnen. Und tatsächlich geht es O’Dea weniger um die Geschichte dieses Neins als um die Frauen und ihre Situation im Land.

In ihrem Roman begegnen wir vier Frauen am Abstimmungssonntag. Vreni ist eine Bäuerin aus dem Freiburgischen, praktisch, zupackend und illusionslos. Ihr Mann wird gegen das Frauenstimmrecht stimmen. Heute fährt sie zu ihrer Tochter Margrit, die in der Stadt ein sogenannt freies Leben führt, aber doch ziemlich schutzlos der Macht ihres Chefs ausgeliefert ist. Dort lebt auch die Putzfrau Esther, der man ihren Buben weggenommen hat, weil sie alleinerziehend ist. Und dann ist da noch Beatrice, aus guter Familie, finanziell abgesichert und unverheiratet. Ihr kann so leicht keiner ans Bein pinkeln. Doch zu welchem Preis? 

Was mich am meisten erstaunt hat: Das Resultat der Abstimmung wird alle vier Frauen betreffen, doch es sind die Alltagprobleme, die bei allen mehr Gewicht haben. Das mag daran liegen, dass das Nein schon im Vorfeld der Abstimmung als wahrscheinlich gilt. Es bedeutet aber auch, dass die Frauen ihren Männern ihre Abwertung als einzig für Küche, Kinder, Kirche zuständig durchgehen lassen. Solche, die bestimmen, brauchen eben immer auch solche, die sich überstimmen lassen. 

Und das wird mein Motto für die nächste Abstimmung: Ich werde laut sein, ich werde sagen was ich denke. Ich werde mobilmachen.

Titel: Der Tag, an dem die Männer Nein sagten, Roman, 125 Seiten

Autorin: Clare 0’Dea, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Barbara Traber

Verlag:  www.clareodea.com, 2021

ISBN 978-2-9701445-1-9, zu bestellen bei  The Fundraising Company Fribourg AG, Route du Grand-Pré 26, 1700 Fribourg

Das Buch ist gleichfalls in der englischen Originalfassung, aber auch in französischer oder italienischer Übersetzung erhältlich, Preis Fr. 18.–

Trotzkopf erliegt Frauenheld

Gerade mag ich Romane ganz schön altmodisch: Lange verschachtelte Sätze, ausführliche Beschreibungen von Landschaften, Wetter und Menschen mitsamt ihrer Herkunft und allen Verwandtschafts- und sonstigen Beziehungen. Hängt ja alles mit allem zusammen und vermittelt Stimmung. 

Und wenn ich so nebenbei noch etwas Geschichtliches oder die Lebensumstände in anderen Zeiten erfahre, ist mein Leseglück vollkommen.

Da kommt mir die vom Kröner-Verlag neu herausgegebene Kristin Lavranstochter gerade recht. Erstmals veröffentlicht wurde die Trilogie um das aus Mittelnorwegen stammende Mädchen Kristin 1920. Die Autorin war Sigrid Undset, Schriftstellerin und 1928 Literatur-Nobelpreisträgerin.

Kröner legt eine Neuübersetzung aus dem Norwegischen vor. Erschienen ist bis jetzt Band I Der Kranz, die beiden weiteren Bände werden folgen.

Zur Story: Kristin wächst als behütete Tochter des stolzen Bauern Lavran Bjørgulvssohn und seiner Gattin Ragnfrid in Mittelnorwegen auf. Die Geschichte spielt im 14. Jahrhundert. Norwegen ist christanisiert, die alten Götter kommen noch in Geschichten und Liedern vor, der alte Glaube flackert wenn, dann im Verborgenen auf. Das Leben ist streng geregelt. Beten und arbeiten, ein gottgefälliges Leben führen. Die Frauen gehorchen ihren Vätern und Ehemännern. Ausschweifungen sind sündhaft. Man kennt sich und passt aufeinander auf.

Kristin wird mit Simon verlobt. Kristins Eltern sind von diesem Arrangement begeistert, doch die Verlobte findet ihren Verlobten reizlos. Dann begegnet sie dem Lebemann Erlend, der nicht lange zögert und die Klosterschülerin im Nullkommanichts verführt. In Kristin wächst der Widerstand gegen Simon und damit auch gegen ihre Eltern. Ihr Herz schlägt für Abenteuer und die grosse Liebe.

Ja, in diesem Roman werden Herzen gebrochen. Hier wird gelitten, getrotzt, gestritten. Mordgedanken werden gesponnen, Schwerter werden gezückt, Fluchten ausgedacht. Es wird gebeichtet und Sünden müssen gebüsst werden. Wenn nicht sofort, so bestimmt nach dem Ableben.

Die Geschichte hat mich in sich hineingezogen. Ich fand die Lebensumstände von Kristin und ihrer Familie höchst spannend, die Charaktere fein gezeichnet. Selbstverständlich ist mir bewusst: zwischen der Entstehung des Romans und der Zeit, in der er spielt, liegen mehrere hundert Jahre. Eine Darstellung Norwegens im 14. Jahrhundert und seiner Bewohner aus unserer Sicht kann demnach nur eine Annäherung sein. Sigrid Undset schaffte es aber, mich mit ihren Figuren frieren und hungern, mich aber auch an ihren Freuden, Arbeiten und Festen teilhaben zu lassen, so dass ein stimmiges Gesamtbild entstand. Ich freue mich schon auf Band II und III ­– sollte mir mal wieder mal ganz nostalgisch zumute sein. 

Titel: Kristin Lavranstochter, Der Kranz, Band I, Roman, gebunden, 383 Seiten

Autorin: Sigrid Undset, aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs 

Verlag: Alfred Kröner Verlag, 2021

ISBN 978-3-520-62101-6, Fr. 32.00/Euro 22.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Norwegen im 14. Jahrhundert. Kristin möchte nicht das von ihrem Vater für sie vorgesehene Leben als Gattin des seriösen, aber farblosen Simon, sondern verliebt sich in Erlend. Das in modernen Augen etwas zu fügsam geratene Mädchen verliert in Erlends Nähe Herz, Ehre und Verstand. Und setzt sich durch. Grosse Gefühle in dramatischer Landschaft. Schöne, alte Literatur zum Wiederlesen.

Für wen: Rebellinnen oder solche, die es gerne wären.

Wer macht den besten Gammelhai?

Ein humorvoller Blick auf das menschliche Zusammenleben an einem abgelegenen Ort, gepaart mit philosophischen Gedanken eines Protagonisten, der in seinem isländischen Dorf wegen seiner intellektuellen Schlichtheit und seines Gammelhais bekannt ist: Dies ist Kalmann, der bei Diogenes erschienene Roman von Joachim B. Schmidt.

Schmidt erzählt aus der Sicht von Kalmann Òdinsson. Kalmann lebt allein im Haus seines Grossvaters im Fischerdorf Raufarhöfn, das ganz im Norden Islands liegt. Der Ort hat schon bessere Zeiten gesehen. Wer kann, lebt lieber anderswo. Ausser Kalmann. Für ihn ist Raufarhöfn genau richtig: Hier spielt er Dorfsheriff, in der Umgebung geht er auf die Jagd, im Hafen liegt sein Boot, mit dem er hinausfährt, um Grönlandhai zu fangen. Hier steht auch die Bude, in welcher er den besten Gammelhai Islands fabriziert. Das einzige was Kalmann zu seinem Glück noch fehlt, ist eine Frau. Doch Frauen sind rar in Raufarhöfn. Immerhin hat Kalmann einen richtigen Freund. Der ist zwar ein Sonderling wie Kalmann selbst, kommt aber in Computerdingen draus wie kein anderer.

Doch dann passiert etwas: Kalmann ist auf der Fuchsjagd und findet eine grosse Blutlache im Schnee. Der Dorfkönig Robert McKenzie ist und bleibt verschwunden. Ist etwa ein Eisbär von Grönland nach Island geschwommen und hat Robert aufgefressen?

Der Autor spielt in Kalmann mit Krimielementen, die zwar die Handlung vorantreiben, aber ohne dieHauptrolle zu übernehmen. Die gehört auf jeden Fall der Figur Kalmann. Man ist sich bei ihm nie sicher, ist er so naiv wie er daherkommt, nämlich mit Sheriffstern und – ungeladenem – Revolver, oder doch schlauer, als es die Polizei erlaubt. Kalmanns schulische Leistungen mögen bescheiden gewesen sein, doch er hat seinem Grossvater gut zugehört und weiss deshalb, wie man durchs Leben kommt. Gut, das mit der Impulskontrolle funktioniert nicht immer, vor allem dann nicht, wenn man mit Kalmann zu laut spricht. Aber ansonsten hat Kalmann das Leben im Griff.

Wunderbar, welch herrlich normal-schräge Figuren Schmidt in seinem Roman auftauchen lässt: Da wäre zum Beispiel Bragi, der Dichter, der mehr zu wissen scheint über das Verschwinden von Robert McKenzie. Oder die Plaudertasche Magga, mit der eine Autofahrt nach Húsavík ganz schön anstrengend wird. Oder die Polizistin Brina, in deren Nähe es Kalmann nicht recht wohl ist, obwohl sie ihn fasziniert. Oder die Litauer, eine Gruppe von Gastarbeitern, bei denen sich jeder fragt, was genau sie in den isländischen Norden verschlagen hat. Beschrieben wird dieser Mikrokosmos in einer Sprache, die zur Gedankenwelt von Kalmann passt: Geradeheraus, schlicht, gewitzt.

Titel: Kalmann, gebunden, 350 Seiten

Autor: Joachim B. Schmidt 

Verlag: Diogenes, 2020

ISBN 978-3-257-07138-2, Fr. 32.00/Euro 22.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Raufarhöfn mag zwar weit weg von allem sein, aber es ist doch mitsamt seiner Einwohnerschaft ziemlich von dieser Welt. Dies die Kürzestfassung von Kalmann, einem humorvoll-abgründigen Roman, in dessen Mittelpunkt ein Grönlandhaifischer steht, der es vom Dorforiginal zum Fernsehstar und schliesslich zum Retter einer Staatsbeamtin bringt. 

Für wen: Dass man Gammelhai mag, ist keine Vorbedingung, diese Geschichte ein reines Vergnügen zu finden.

Zwei junge Iren im Irrgarten der Gefühle

Erwachsenwerden und zu sich selber und zueinander Finden ist auch im 21. Jahrhundert schwierig. Davon erzählt Sally Rooney in Normale Menschen.

Marianne liebt Connell so sehr, dass sie schlichtweg alles für ihn tun würde. Connell ist es aber wichtiger, bei seinen Schulkollegen gut dazustehen. Doch obwohl Marianne als sonderlich gilt, kann Connell nicht von ihr lassen. Mit niemandem sonst versteht er sich so gut wie mit ihr. Und der Sex mit Marianne ist auch nicht schlecht. 

Am College in Dublin ist plötzlich Connell der Aussenseiter, während Marianne offensichtlich beliebt ist. Beide versuchen es mit Liebschaften. Doch auch jetzt noch können die beiden weder mit- noch ohne einander. Auf ihre intensiven Zusammenkünfte folgt auf den Fuss Ernüchterung.

In diesem Roman ist Magie: Erzählmagie, Erste-Liebe-Magie und die Magie einer tiefen Verbundenheit. In diesem Roman ist aber ebensoviel Trauer: die Trauer derjenigen, die letztlich immer allein stehen; derjenigen, die unverstanden und beiseite geschoben werden; jene des Nicht-Genügens und des ewigen Missverstanden-Werdens. Sally Rooney packt all diese Dinge subtil zwischen ihre beinahe sachlichen Zeilen. Beispielsweise in Dialogen, in denen mehr ungesagt als ausgesprochen wird. 

Das klingt dann so:

Liebst du ihn?, fragt Connell.

Ihre Hand verharrt auf der Kühlschranktür.

Das passt so gar nicht zu dir, dich für meine Gefühle zu interessieren, Connell, sagt sie. Ich dachte irgendwie, diese Sachen wären zwischen uns tabu, muss ich sagen.

In Ordnung. Okay.

Er reibt sich wieder den Mund, wirkt jetzt unaufmerksam. Dann senkt er die Hand und sieht aus dem Küchenfenster.

Sally Rooney erzählt uns das Schweigen. Genau dies scheint mir ihre Stärke zu sein und gibt ihrem Roman Wucht und Ausdruckskraft.

Titel: Normale Menschen, Roman,  317 Seiten, gebunden

Autorin: Sally Rooney, aus dem Englischen von Zoë Beck

Verlag: Luchterhand, 2020, 

ISBN 978-3-630-87542-2, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Irische Romeo und Julia 2011-2014. Zwei die sich magnetisch anziehen und wieder abstossen. Der Roman brilliert durch seine nüchterne Sprache, mit Zwischentönen, welche die Verzweiflung der Protagonisten fühlbar machen.

Für wen: Alle, die schon mal unglücklich verliebt waren.

Minirock und Studium ausgetauscht gegen Kopftuch und Koran

In den Achtziger-Jahren ist Nadschwa fast schon erwachsen. Sie lebt mit ihrer Familie in Karthum, führt ein privilegiertes Leben, studiert ein bisschen und ist sonst nur an ihren Vergnügungen interessiert. Es gibt einen Umsturz und Nadschwa verliert nach und nach alles: Vater, Mutter, Bruder, Freunde, Heimat, sozialen Status, Studium. Schliesslich arbeitet sie in London als Dienstmädchen. Dort lernt sie den wesentlich jüngeren Tâmer kennen, der es sich in den Kopf setzt, sie heiraten zu wollen. Nadschwa ist versucht ihm nachzugeben.

Soweit die Geschichte „Minarett“  von Leila Aboulela in Kürzestform. Diese Zusammenfassung lässt aber alles aus, was sich hinter der Story verbirgt und zu heissen Diskussionen führen dürfte. Denn die Autorin führt ihre Hauptfigur hin zu einem religiösen Erwachen. Religion, insbesondere der Islam, ist eines der grössten Reizthemen überhaupt. Die Protagonistin Nadschwa ist zwar prowestlich und kaum religiös aufgewachsen, fühlt sich aber in London mehr als verloren. Vom Charakter her möchte ich sie als eher naiv, ehrgeizlos und mässig intelligent, wenn auch liebenswert und menschlich beschreiben. Halt findet sie schliesslich in der Gemeinschaft ihrer Moschee und im Glauben. Hier lernt sie, worauf es ankommt: Menschen, die einander zugetan sind und sich helfen; Regeln, die Leitplanken setzen.

Wer bei diesem provokanten Setting einen roten Kopf bekommt, sollte sich die Frage stellen: Wohin hätte sich Nadschwa wenden sollen, wenn nicht in die Geborgenheit einer ihr vertrauten Welt? Welche Angebote ihrer neuen Heimat wären ihr sonst offen gewesen? Ein Bridgeclub, ein Gym, Pferderennen, Museumsbesuche? Gewiss, alles im Bereich des Möglichen, aber für eine junge, orientierungslose, sozial abgestiegene Migrantin kaum eine Alternative. Nadschwa jedenfalls empfindet ihren neuen Glauben als Befreiung und Hort der Sicherheit.

Ob aber die Hinwendung zur Religion (und hier meine ich zu Religion jedweder Art) wirklich frei macht, diese Frage sollte man sich trotzdem stellen. Tatsache ist, dass wo ein Leben aus den Fugen gerät, der Mensch empfänglich ist für Glaubensdinge und Einflussnahme von aussen. 

Leila Aboulela erzählt die Story aus der Sicht von Nadschwa. Zu Beginn ihrer Geschichte (Khartum, 1984/85) finden wir ein unbekümmertes, schäkerndes Mädchen im Minirock voller Hoffnungen auf ein erfülltes Familienleben – am Ende (London, 2004) eine verschleierte, alleinstehende Frau, die sich auf den Haddsch vorbereitet, auf den sie sich bald begeben wird. Das Geld dafür hat sie sich mit einem gebrochenen Herzen „verdient“. 

Titel: Minarett, Roman,  340 Seiten, gebunden

Autor: Leila Aboulela, aus dem Englischen von Irma Wehrli

Verlag: Lenos, Basel, 2020, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-005-9, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Migration und sozialer Abstieg bewegen eine junge Frau aus dem Sudan, sich dem Islam zuzuwenden. Sie findet darin Heimat. Gewagtes Thema, unverbogen, mehrschichtig.

Für wen: Migration und deren Auswirkungen auf den Einzelnen geht wohl alle etwas an.

Was nicht sein darf und dennoch ist

Anna Sterns neuer Roman das alles hier, jetzt. wird von der Presse gelobt. Meine Meinung dazu fällt etwas weniger enthusiastisch aus, wenn ich auch die Autorin für die von ihr gewählten sprachlichen Wagnisse  respektiere.

Zur Geschichte: Ananke ist tot; weshalb erfahren wir als Leser nicht. Anankes Freundeskreis jedenfalls reagiert über die Massen verstört. Hätte man etwas tun sollen, als noch Zeit war, und wenn ja was? Die Trauer ist so intensiv, dass sich die vier Freunde eines Nachts auf den Weg machen, Anankes Grab leerzuräumen, um sich danach gemeinsam auf und davon zu machen.

Anna Stern hat ihren neuen Roman ungewöhnlich aufgebaut. Auf den linken Buchseiten beschreibt sie die Ist-Situation aus der Sicht von Anankes bester Freundin aus Kindertagen. Der Tod der jungen Frau und die Fragen dazu werfen ihre Freunde aus der Bahn. Auf den rechten Buchseiten werden Kindheitserinnerungen ausgerollt: Badeausflüge, Gespräche, Spiele, Landschaften, Familienfeiern, Partys. Im letzten Teil der Geschichte hebt die Autorin diese Methode auf: Die Story endet in einem Road-Trip der speziellen Art.

Was gefällt mir an diesem Buch: 

Anna Stern schreibt konsequent in Kleinschrift, ein Verfahren, das ich bevorzugen würde, das aber bei der letzten Rechtschreibereform keine Gnade fand. Eine verpasste Chance, doch wenn jetzt junge Autoren Kleinschrift propagieren, kann ich sie nur anspornen, damit weiterzufahren. 

Die Autorin erzählt meist in kurzen Sätzen, sehr bildhaft. Ihre Sprache ist knapp (manches mal allzuknapp).

Im letzten Drittel des Buchs nimmt die Geschichte im wahrsten Sinne des Worts Fahrt auf, wird leicht abstrus und gewinnt dadurch. 

Was gefällt mir weniger: 

Die ersten zwei Drittel der Geschichte sind voll dem Schmerz und den Kindheits- und Jugenderinnerungen gewidmet. Etwas gar viel Lamento für meinen Geschmack. 

Die Figuren in diesem Roman tragen durchgehend Namen wie Cato, Vienna, Eden, Ash, Egg, Vaska, Roan. Ich fand es mühsam, mir diese Namen zu merken oder die Stellung der zugehörigen Figuren innerhalb des Romans. Was die Autorin zu dieser seltsamen Namenswahl getrieben hat, hat sich mir nicht erschlossen. 

Ein weiteres Stilmittel, mit dem ich wenig anfangen kann: Nicht fertig geschriebene Sätze. Beispiel:

es dürfte keinen geben, es dürfte nicht sein, dass ananke bereits. dass ananke bereits nicht mehr.

Ja, ich weiss, dass wir manche Sätze nur andenken, nur ansprechen, und ich akzeptiere solche Verkürzungen auch, sofern man sie nicht überstrapaziert.

Anna Stern schreibt eigentlich kompromisslos. Leider findet sich in ihrem Roman auch einiges an Pathetik, etwa in der Art:

 oder sie (die freundschaft zu ananke) vibriert in dir, in deiner mitte, deinem innersten, wenn das dunkel wie eine samtene decke über deinem entblößten ich liegt und du den atem anhälst. 

Oder:

eure tränen fallen in den abgrund zwischen tag und nach und werden zu sternen, die in der dunkelheit leuchten.

 Das ist mir schlichtweg zuviel des Guten.

Titel: das alles hier, jetzt., Romangebunden, 239Seiten

Autorin: Anna Stern 

Verlag: Elster & Sali, 2020, http://www.elstersalis.com

ISBN 978-3-03930-000-6, Fr. 24.00/Euro 22.20

Kurzbeschrieb/-bewertung: Sprachlich gewagter Roman zum Thema Freundschaft, Familie, Trauer. 

Für wen: Ernstes Thema, ernste Umsetzung: also für Ernsthafte.

Mütter sind anders. Töchter auch.

Der Roman Mutters Puppenspiel, verfasst von Ulla Coulin-Riegger befasst sich mit zwei Themen: dem Kinder- und Partnerwunsch einer erfolgreichen, auf die vierzig zusteuernden Frau sowie der Loslösung von der eigenen Mutter, zumal diese selbstbezogen, manipulativ und wenig mitfühlend ist. Ersteres gelingt der Autorin Ulla Coulin-Riegger nicht schlecht. Ich gehe anstrengungslos mit den Nöten, Zweifeln, Gedankenspielen einer alleinstehenden Frau mit, die die innere biologische Uhr ticken hört. Was die Klagen über die Mutter anbelangt, verursachen mir einige doch Stirnfalten. Seit wann kann man es einer Mutter vorwerfen, dass sie ihre Tochter mit Geld und Schmuckstücken beschenkt? Oder dass sie offen ausspricht, was sie denkt, wenn ihre Tochter sich in einen verheirateten Mann verguckt und dann auch noch von ihm schwanger wird? Oder dass sie das Familienbild ihrer Zeit verinnerlicht hat? Oder dass keine Blumen auf dem Kaffeetisch stehen, wenn die Tochter sie sonntags besucht.

Die Hauptfigur Lisette in diesem Roman macht genau dies: Sie wirft ihrer Mutter alles vor, insbesondere ihre Gefühlskälte. Was hinter der schroffen Art der Mutter steckt, bleibt dem Leser verborgen, da diese niemals über „Gefühlszustände und Erinnerungen“ spricht. Und Lisette fragt nicht. Sie möchte die Mutter nicht verärgern und die sonntägliche Zweisamkeit lieber so schnell wie möglich hinter sich bringen. Auch wenn ich weiss, dass einem Mütter schnell die glatten Wände hochbringen: mit der Zeit ärgere ich mich über Lisette mehr, als dass mir die Mutter narzissistisch vorkommt. Da Lisette offensichtlich die Defizite ihrer Mutter kennt und analysieren kann, wäre es wohl an der Zeit, entweder die Mutter damit zu konfrontieren mit allen Konsequenzen oder/und sich zurückzuziehen. Lieber jedoch verfällt Lisette in den Klagemodus über ihre Abhängigkeit, Liebesbedürftigkeit, Unverstandenheit. Genau diese Haltung hindert Lisette auch daran, sich mit der Geschichte ihrer Mutter auseinanderzusetzen, was ihr und uns einiges an Erhellung bringen könnte. Das ist bedauerlich, denn bis zum Ende des Romans hin ergibt sich daraus für Lisette kein wirklicher Schritt nach vorn. Das Gegenteil ist der Fall. Sie unterdrückt ihre innersten Bedürfnisse und opfert sie regelrecht. Da hilft es dann auch nicht, wenn die Liebesgeschichte mit dem verheirateten Emil auf ein vermeintlich positives Ende zusteuert. 

Die Autorin Ulla Coulin-Riegger verfügt über eine fundierte psychologische Ausbildung eine Erfahrung in diesem Bereich. Innerfamiliäre Abhängigkeiten und Mechanismen sind bestimmt das, worin sie sich auskennt. Wirkliche Fälle haben allerdings wenig mit Romanen zu tun. Als Leserin erwarte ich, dass eine Romanfigur aus einer Falle herauskraxelt oder einen Erkenntnisgewinn verzeichnen kann. Wenn ich mir das Ende dieses Romans vornehme, so fehlt mir gerade dies. Lisette ist nun zwar mit Emil zusammen, allerdings hat sie ihren Kinderwunsch begraben. In ihrer Mutter-Tochter-Beziehung ist alles beim Alten. Vor allem aber hat Lisette sich mit ihrem Emil – trotz einer Menge schöner Worte – jemanden geangelt, der seine Bedürfnisse stets in den Vordergrund stellen wird. Das kommt einem bekannt vor. Wie heisst es zu Anfang des Romans: Neben ihr bin ich klein. Vielleicht müsste es auch am Ende heissen: Klein will ich bleiben.

Titel: Mutters Puppenspiel, Roman, 173 Seiten

Autorin: Ulla Coulin-Riegger

Verlag: Klöpfer,Narr, 2020, 

ISBN 978-3-7496-1027-3

Kurzbeschrieb/-bewertung: Die Ärztin Lisette ist nie aus der Kindhaltung gegenüber ihrer Mutter herausgewachsen. Jetzt möchte sie aber selber Mutter werden. Was ihr dazu fehlt: ein Partner, der diese Entscheidung mitträgt, genügend Selbstbewusstsein und jemanden, der ihr auch in schwierigen Situationen den Rücken stärkt. Man möchte es ihr gönnen, wenn sie ihr Glück findet, doch die Steine auf ihrem Weg müsste sie schon selber überspringen.

Für wen: Für alle, die nicht klein bleiben wollen. Vielleicht ein Lehrstück. Sofern sie die kritische Brille aufsetzen.

„Lang ist die Nacht hier, und wir haben sonst nichts zu tun“

Jûnis ist nach 20 Jahren ungewollten Exils in seine Heimatstadt Hâmija zurückgekehrt. Er ist in diesen Jahren ein erfolgreicher Lyriker geworden, der unter dem Pseudonym Adham schreibt. Die Flucht und die Fremde haben aus ihm einen anderen Mann gemacht. So wandert er in seiner Jugendstadt und in seinen Erinnerungen herum. Auch in Adhams/Jûnis’ Heimatstadt ist die Zeit nicht stehengeblieben. Die Machthaber haben gewechselt. Bücher, die früher verboten waren, liegen jetzt offen herum – andere, die man früher lesen durfte, sind verboten. 

Auf seinen Wegen durch Hâmija trifft Adham alte Freunde, seine erste Liebe. Er stellt philosophische Betrachtungen zum Fluss der Zeit an. Dabei begegnet er jenem Ich, das er einst war oder geworden wäre, hätte er nicht flüchten müssen, weil er als junger Mann an einem Regierungsumsturz beteiligt war. Er spricht mit jenem fremd-vertrauten Ich namens Jûnis:

„… Die Nacht ist lang auf diesem Balkon unter einem sternenübersäten Himmel. Lang ist die Nacht hier, und wir haben sonst nichts zu tun. Unser Vater starb aus Kummer über den schlechten Ruf, den ich ihm eingebracht hatte ….“

Die Städte und Länder, die in Wohin kein Regen fällt, einem Roman von Amjad Nasser vorkommen, existieren so nicht oder sind kunstvoll verfremdet. Es sind Nirgend-Orte. Dieser Ausdruck stammt von Elias Khoury, der das Nachwort schrieb. Nirgend-Orte sind sowohl die Stadt Hâmija, mehr Wüstenfestung denn Platz zum Leben, als auch alle anderen im Exil vorgefundenen Städte. Verbundenheit mit einem Ort hat viel mit Wohlfühlen und Freiheit zu tun. Doch Adham findet weder das eine noch das andere, weder hier noch dort in befriedigendem Ausmass. Verlust der Liebsten, Verlust des Vertrauten gehen einher mit dem Verlust von Lebenskraft. 

Der aus Jordanien stammende Autor Amjad Nasser, von Haus aus ein Dichter, verwendet eine lyrisch-dichte, metaphernreiche Sprache, angereichert mit Zitaten und Geschichten aus dem arabischen und persischen Sprachraum. Metaphern spielen eine grosse Rolle: Begegnungen mit dem eigenen Spiegelbild, mehrdeutige Kalligrapien, Namensdoppelgänger sind nur einige Beispiele dafür, worum es dem Autoren. Um die Frage, wer man alles ist und wie die Situation, in die er hineingeboren wurde, den Menschen prägen.

Nun war Wohin kein Regen fällt kein Buch, das mich so richtig mit sich nehmen wollte, obwohl ich es sowohl von sprachlich, als auch vom Aufbau her bemerkenswert fand. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich die Geschichte als nimmer endende Klage empfand. Daran ändern konnten komische Sequenzen nichts, denn stets ging es um Vergänglichkeit. Nicht umsonst endet die Geschichte mit einem Friedhofsbesuch. Aber sicherlich kommt dieser Roman in meine Büchergestell-Abteilung „Unbedingt nochmals lesen“.

Titel: Wohin kein Regen fällt, Romangebunden, 307 Seiten

Autor: Amjad Nasser, aus dem Arabischen von Regina Karachouli, mit einem Nachwort von Elias Khoury 

Verlag: Lenos Verlag, 2020, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-001-1, Fr. 31.00/Euro 24.80

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zwanzig Jahre Exil und Rückkehr in die alte Heimat: Adham hat versucht, sich zwanzig Jahre lang von seiner Kindheit und Jugend zu befreien. Als kranker, in sich zerrissener Mann kehrt er heim und erkennt sich nicht in seinem Spiegelbild. Roman über die Macht der Zeit. Poetisch, bildhaft, tieftraurig, anklagend, einfühlsam, warmherzig. Diesen Roman muss man sich aber erarbeiten. 

Für wen: Wen es interessiert, was Exil einem Menschen abverlangt, ist hier gut bedient.

Was Maša, Saša, Kolja, Veročka und Ivan im Urlaub so treiben

Wenn ein Sommerregen die Landschaft reingewaschen hat, die Grillen zirpen, Sonnenlicht durch ein Birkenwäldchen bricht, dann ist die Welt in Ordnung, das Glück zum Greifen nahe. Wenn da nur nicht diese Mücken wären. Mücken der allerübelsten Sorte: untreue Ehefrauen und ihre Liebhaber, Bankrotteure, Diebe oder verliebte Karpfen. Apropos Karpfen: Es ist die Schuld eines Fisches, dass „unsere Dichter düstere, niedergeschlagene Gedichte“ schreiben. Jedenfalls schreibt dies Anton Čechov in der Kurzgeschichte Fisches Liebe.

Diese uns andere Short-Stories von Sommerfrischlern, Ehepaaren und Ehebrechern, Verschwendern, Verführern, Trinkern etc. führen uns in ein sommerliches Russland des späten 19. Jahrhunderts. Gelangweilte Ehefrauen setzen ihren törichten Männern Hörner auf; ein Junggeselle schreibt einen Brief, wie es dazu kam, dass er keine seiner Flammen geehelicht hat; ein verliebtes Paar kauft sich ein Landgut und setzt eine Familie auf die Strasse. Da kann einem schon das romantische Gefühl verlustig gehen.

Und gerade deshalb kann ich von Čechov nie genug bekommen. Keiner schreibt so humorvoll, trocken, scharfsichtig und -sinnig über das (Ehe)leben, die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse und ihre romantischen Verbrämungen. Was Liebe scheint und lauthals so verkündet wird, ist oftmals genug wirtschaftliches Denken oder die Suche nach Abenteuer. Der Mensch behilft sich mit Wegdiskutieren und Wegschauen, wenn etwas nicht ins Bild passt. Und daran hat sich seit Čechov nichts geändert, weder in Russland noch hier. 

24 erfrischend-ernüchternde Sommerfrischen-Geschichten hat Peter Urban neu aus dem Russischen übersetzt. Ausgewählt wurden sie von Christine Stemmermann und herausgegeben wurde das Büchlein von Diogenes. 

Titel: Sommergeschichten, Leineneinband, 269 Seiten

Autor: Anton Čechov, aus dem Russischen von Peter Urban

Verlag: Diogenes 2020 

ISBN 978-3-257-07131-3

Kurzbeschrieb/-bewertung: Sommergenuss à la russe. Idylle mit Abgründen, wie man sie von Čechov nicht anders erwartet. Wunderbar.

Für wen: SommerfrischlerInnen, die sich gerne erfrischen lassen aber auch nichts gegen ein wenig Nachdenken haben.