In rumänische Seelen geschaut

Kurzgeschichten kommt in unseren Breitengraden kaum Beachtung zu. Wahrscheinlich wollen wir uns nicht schon nach wenigen Seiten wieder mit einer anderen Story, neuen Figuren auseinandersetzen. Wir sind es gewohnt, dass literarische Themen vor uns breit ausgefächert werden. Allerdings gibt es auch Kurzgeschichtensammlungen, die zusammen gehören, weil, so unterschiedlich die Typen und Situationen sind, die darin beschrieben werden, so bewegen sie sich doch in einem gemeinsamen Kontext. Eine dieser Sammlungen kommt aus Rumänien.

Es sind ungewöhnliche, intensive Kürzestgeschichten – vom Verlag als Erzählungen bezeichnet – die danubebooks unter dem Titel Die grünen Brüste vorlegt. Autor ist der 1954 geborene rumänische Autor Florin Iaru.

Iarus Figuren leben in einer Gegenwart, in der die Perspektiven eingeschränkt sind oder sich verabschiedet haben. Sie gehen durch eine „erbärmliche, vulgäre Welt“, gegen die es einen Schutzwall braucht. 

Beschrieben werden einfache Menschen, Rentner, Streuner, Taugenichtse, Alleingebliebene, die Iaru auf zwei, drei Buchseiten darstellt. Sie helfen sich, indem sie die Realität ausblenden und sie durch Irrwitz ersetzen. Oder durch Alkohol. Oder durch eine gehörige Portion Übersinnliches. Oder dem Traum von der wunderbarsten Frau der Welt. Oder durch jeden gehobenen Blödsinn, den die Phantasie hergibt. Und nicht zuletzt durch Schweigen und Katzbuckeln gegenüber den Autoritäten. Eine von Iarus Figuren ist Ilie Georgescu, der Bescheid weiss:

„… bereits aus seiner Jugend, dass diese Welt nicht die seine ist und ihn nicht verdient. Deswegen hatte er beschlossen, sobald er mit der Schule fertig war, ein Zuschauer zu sein. Ein vielseitiger, anteilnahmsloser, undurchdinglicher. Fußballspiele schaut er sich angewidert an. Fußball verdient ihn einfach nicht, alles ist so berechenbar, weil alles so unecht ist. Ins Kino geht er immer mit einem karierten Notizbuch ausgerüstet. Er notiert seelenruhig jeden Blödsinn, die Unstimmigkeiten und die Filmfehler.“  

Es ist, als würden Iarus Figuren alles daran setzen, sich das Leben so fern wie möglich zu halten, damit es nur ja nicht nach ihnen griffe. Soll es zupacken wo es will, nur nicht gerade bei einem selbst. Denn was hätte man schon von ihm zu erwarten? 

Ilaru zeichnet auf zwei Buchseiten, wofür andere mindestens zwanzig brauchen:  Charaktere und ein Abbild einer Gesellschaft fast ohne alles, was für eine funktionierende Gemeinschaft wichtig wäre: Vertrauen in die Mitbürger, die Behörden, in sich selbst. Und dies mit einem Unterton, so sec, dass man nicht sicher sein kann, ist er der Verzweiflung geschuldet oder doch schon leicht sarkastisch.

Titel: Die grünen Brüste, Erzählungen

Autor: Florin Iaru, aus dem Rumänischen von Manuela Klenke

Verlag: danubebooks 2020, Ulm, http://www.danube-books.eu

ISBN 978-3-946046-17-2

Kurzbeschrieb/-bewertung: Bizarr, gesellschaftskritisch, nüchtern bis phantasievoll-verspielt, ernüchternd, ironisch, knapp, poetisch: Das sind so die Adjektive, die mir in den Sinn kommen, wenn ich die Kurzerzählungen von Iaru charakterisieren soll. Ein Blick in das Innerste von Rumäniens Bürgern. Den Leuten aufs Maul und in die Seele geschaut. 

Für wen: Etwas wunderbar Anderes für Liebhaber von Kurzgeschichten. 

Schweine sind dem Menschen näher verwandt, als den Schweinen lieb ist

Umm al-Chanasir, die Mutter aller Schweine, wird von den Abfallbergen Kairos über Grenzen und Schleichwege in eine jordanische Grenzstadt geschmuggelt. Dort wartet Hussein Sabas auf sie und ihren ungeheuren Nachwuchs. Der Metzger Hussein will das Morgenland mit Schweinefleisch zu versorgen. Es sieht so aus, als habe die Gegend nur auf Koteletts gewartet. 

Umm al-Chanasir wird im Laufe des Romans Mutter aller Schweine von Malu Halasa Sinnbild für all jene Frauen, die in den männerdominierten Gesellschaften des Nahen Ostens oft wenig mehr sind als Hüterinnen der Familienehre und Gebärerinnen von Söhnen, die „entweder als Ärzte enden oder als Mörder“. Doch in diesem Roman gibt es Frauen, die den vorgezeichneten Weg leise hinterfragen. Auch Umm al-Chanasir begreift, wohin ihre Kinder und Kindeskinder verschwinden. Sie reagiert verstört und verstörend. 

Der Roman spielt in einer Kleinstadt im Grenzgebiet Jordanien-Israel-Syrien. Hier ist irgendwie jeder ein Versprengter. Sei es, dass die Vorfahren aus Palästina oder von sonstwoher geflohen sind, seien es Frischankömmlinge aus dem Irak, aus Syrien, Iran; Ex-Jihadisten, Rebellen, Heimatlose, Händler. Und dann sind da noch die, die ihre Kinder wegschickten, damit sie eine bessere Zukunft in der Fremde finden. So wie Fahdma, von deren dreizehn Kindern nur noch Hussein und Samira in Jordanien leben. Der Grossteil ihrer Familie hat in den USA einen neue Heimat gefunden.

In der ehemals hauptsächlich von Christen bewohnten jordanischen Grenzstadt, aufgebaut auf den Ruinen einer byzantinischen Stadt, haben die Mauern Augen. Bisher war das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien in der Gegend ungefähr so, wie es dieses Zitat aus dem Internet beschreibt:

„Die wechselseitige Abneigung der Ethnien ist meist „herzhaft“, was aber eine Zusammenarbeit, sofern sie den eigenen Interessen dienlich ist, durchaus nicht ausschließt.“

Von der herzhaften Abneigung profitiert in der Grenzstadt Husseins Onkel Abu Satar. Geschäftstüchtig zieht er aus jedem regionalen Zwist seinen Profit. Sein Tempel ist das „Schnäppchen-Emporium“, ein Laden, in dem alles zu finden ist, was das Herz begehrt. Von Abu Satar stammt auch die Idee mit der Schweinezucht. Allerdings ist er nicht bereit, die unangenehmen Konsequenzen dieser Geschäftsidee mitzutragen. Sein Neffe Hussein gerät ins Visier eines fundamentalistischen Scheichs und seiner Anhänger. Dabei will er einzig für seine Familie ein sicheres Einkommen. Halal und haram interessieren ihn nur soweit, als er dafür zwei Kühlschränke benötigt und aus Respekt vor dem Muslimen freitags kein Schweinefleisch verkauft.

Unbestritten: meine Lieblingsfigur in diesem Roman war Abu Satar, ein Typ, von dem jeder in der Stadt weiss, dass er nur auf seinen Vorteil aus ist. Schlau, verschlagen, gierig und auch zu Verrat bereit, so lange es ihm und seinem „Schnäppchen-Emporium“ nützt. An und für sich eine Figur, die keinem das Herz wärmt. Aber dennoch so detailgenau und humorvoll gezeichnet, dass man sich wünscht, man könnte den verschlagenen Onkel in seinem Basar besuchen. Doch der Roman beschreibt noch andere Familienmitglieder, mit denen wir mitleiden, die wir verstehen oder zumindest verstehen wollen. Da wäre Husseins Mutter Fahdma, die die Familienfäden sanft und ohne Aufmucken zusammenhält. Oder ihre jüngste Tochter Samira, die nicht so recht weiss wohin mit ihrem rebellischen Geist. Oder Leila, Husseins Frau, eine Lehrerin, die gefangen in einer lieblosen Ehe sich fragen muss, was ihr wichtiger ist: ein schönes Haus oder das Wohlergehen ihrer Kinder.

Und während wir als Leser mit den einzelnen Mitgliedern der Sabas-Familie mitgehen und mitleiden, bewegen wir uns in einer Stadt, in der alles Unmögliche nebeneinander passiert: Hinter Gebüschen küssen sich Liebespaare, während sich ein Fundamentalist mit einer Emanze trifft; an einer Hochzeit findet eine Entführung statt und wird Geheimpost ausgetauscht; Busse voller Touristen werden durch die Sehenswürdigkeiten geführt und Fundamentalisten zerkratzen Autos; zwielichtige Figuren passieren die Grenzen in alle Richtungen und eine Horde verängstigter, freiheitsliebender Schweine geloppiert durchs Jamuk-Tal. Ein Drunter und Drüber, das ziemlich genau der verworrenen politischen Situation des Nahen Ostens entspricht. 

Titel: Mutter aller Schweine, gebunden, 344 Seiten

Autorin: Malu Halasa, aus dem Englischen von Sabine Wolf 

Verlag: Elster-Verlag, 2020, http://www.elstersalis.com 

ISBN 978-3-906903-14-9, Fr. 25.30

Kurzbeschrieb/-bewertung: Furiose, kuriose Familiengeschichte aus Jordanien, einer Gegend, die komplett aus den Fugen geraten ist und wo die Kulturen aufeinanderprallen. Gleichfalls eine kritische Stimme an einer Gesellschaft, die das Potential der Frauen aussen vor lässt. Trotz aller angerissenen Probleme bleibt Raum zum Schmunzeln. Liest sich zügig. Aber auch dieses Buch kann leider die zahlreichen Probleme des Nahen Ostens nur anreissen.

Für wen: Wer bisher noch nicht wusste, dass die Frauen, so verschieden sie auch sein mögen, die Welt zusammenhalten, sollte dieses Buch hier lesen. 

Vom Glück, in einem Tessiner Bergbach zu baden

„Unser“ Tessiner Dorf hat uns einen Brief geschickt mit der freundlichen Aufforderung, doch gefälligst in der Deutschschweiz zu bleiben. Aber ja, liebe Tessiner, wir bleiben hier, wenn es uns auch noch so gelüsten würde, den Frühling im Süden zu verbringen.

Damit mir in meiner coronabedingten Tessin-Abstinenz nichts fehlt, habe ich den Roman Tage mit Felice von Fabio Andina gelesen. Das war, als hätte mich einer an einen Ort entführt, wie ich ihn so höchstens aus der Kindheit kenne, als meine Sicht auf diese Welt eine einfache war, die Tessiner mich noch „carina“ fanden und ich im Gegenzug die Tessiner lustig, lebhaft und ihre Dörfer mit den farbigen Häusern an den steilen Bergtälern unvergleichlich schön. Nun, nach einigen Jahrzehnten, in denen wir fast alle unsere Urlaubstage als Zücchin im schweizerischen Süden verbracht haben, ist mein Tessinbild entromantisiert und … 

Bevor ich weiter Dinge schreibe, die nicht hierhergehören, zu Andinas beachtenswertem Roman:

Die Geschichte spielt zuhinterst im Val Blenio. Der alte Felice lebt in Leontica. Er wohnt allein in einem bescheidenen Haus, seine Tage verbringt er nach seinem eigenen Stundenplan: Frühmorgens eine Wanderung den Berg hinauf zu einem pozzo, einer Bach-Gumpe, später ein Besuch bei Sosto dem Bauern, dann Holzhacken, ein Gang ins Dorf, eine kurze Fahrt ins Nachbardorf, ein Besuch bei einer Nachbarin, ein Abstecher in eine Bar. Hier trifft Felice täglich dieselben Menschen, Dörfler wie er. Man kennt sich, man hilft sich, man tauscht die Ernte aus den Gemüsegärten aus. Man trinkt zuviel, palavert, spielt Scopa, singt sehnsüchtige Lieder und ärgert sich. Felice spricht wenig. Er geht seiner Wege. Doch seine Haltung gegenüber den Mitmenschen beruht auf Akzeptanz.

Bei Regen, Schnee und Kälte ebenso wie bei schönem Wetter begleitet ein Nachbar und Ich-Erzähler den alten Felice hinauf zu seinem Baderitual und kommt dabei selbst zur Ruhe. 

Worum geht es: Um das Glück, das in der Bescheidenheit wohnt. Um Toleranz und Gemeinschaftssinn. Um das oft karge, unaufgeregte Leben in einem Bergdorf. Um den Genuss, der in der Stille und im Schweigen steckt.

Dem Autor gelingt es, uns am Glück der beiden Protagonisten teilhaben zu lassen. Die paar Tage, die sie gemeinsam verbringen gleichen sich, weichen nur in Nuancen voneinander ab, folgen einem Rhythmus, der einem wie minimalistische Musik vorkommt. So genügsam, wie die Bergler ihr Leben leben, so geradeaus ist auch Andinas Erzählweise.

Andinas besonderes Augenmerk liegt auch auf dem Funktionieren der dörflichen Gemeinschaft. Der Zusammenhalt der Dörfler basiert vor allem aus der Lage des Dorfes und seinen Gegebenheiten. Religion, sprich anerzogene Mitmenschlichkeit, mag eine Rolle spielen, doch wenn, dann eine nebensächliche. An abgelegenen Orten ist es nichts als natürlich, einander auszuhelfen. Jeder weiss, dass er selber irgendwann Hilfe benötigt. 

Eine Geschichte, so positiv und warmherzig, dass sie als Medizin gewertet werden darf. Eine Geschichte auch von eigenwilligen, selbstbestimmten Menschen, wie sie mir früher noch begegneten: z. B. die alte, zähe Ziegenbäuerin, deren Rücken sich Jahr für Jahr mehr der Erde zukrümmte, oder Thuri , der arbeitsam und charmant war, doch sobald er Geld in der Tasche hatte, in den Rausch flüchtete. Andere mehr, die längst von der Bildfläche verschwunden sind. Möglich, dass zuhinterst in den Tälern des Tessins noch ein paar davon zu finden sind. 

Titel: Tage mit Felice, Originaltitel: La pozza del Felice, Roman, gebunden, 235 Seiten

Autor: Fabio Andina, aus dem Italienischen von Karin Diemerling

Verlag: Rotpunktverlag, Edition blau, 2020, http://www.editionblau.ch,

ISBN 978-3-85869-863-6

Kurzbeschrieb/-bewertung: Als LeserInnen dieses Romans verbringen wir ein paar Spätherbsttage mit Felice und seinem Nachbarn zuhinterst im Val Blenio. Felice ist anspruchslos, grosszügig, nachdenklich, und manchem mag er als Kauz erscheinen. Doch er wird seinem Namen gerecht. Ein Buch über inneren Frieden und die Kunst des Ungekünstelten. Einfach schön.

Für wen: Für alle, die an Tessin-Entzug leiden. Tessin von seiner schönsten Seite!

Einmal starke Schultern, s’il vous plait

Zwar ist gerade Zuhausebleiben angesagt, aber reisen kann ich ja trotzdem. Diesmal nach Paris und zwar mit Serge Joncour. Sein Roman, erschienen bei Secession, trägt den Titel Lehn dich an mich; und ja, es ist eine Liebesgeschichte, eine Amour fou. Eine, von der man bis zum Schluss nicht weiss, ob sich die beiden nun kriegen oder nicht. 

Stellt Euch ein Pariser Wohnhaus vor. Im vorderen Flügel, wunderbar hergerichtet, wohnen elegante, vermögende Leute. Ein paar dieser Wohnungen stehen oft leer, weil sie entweder als Vermögensanlage dienen oder wochenweise an Paris-Reisende vermietet werden. Im anderen, schäbigen Hausteil hausen jene, die ihr Leben bescheidener fristen müssen: Alte, Angestellte. Unter ihnen der Schuldeneintreiber Ludovic. Ihn hat es von der tiefsten Provinz in die Hauptstadt verschlagen. Ludovic ist gross, kräftig gebaut, beeindruckend. Meist ist er ein sanftmütiger, besonnener Riese. Dieser Koloss von Mensch trifft nun auf Aurore, die Modedesignerin. Sie dürfen raten. Richtig! Aurore ist das, was wir uns unter einer typischen Pariserin vorstellen: zart, elegant, ein wenig herablassend und erfolgreich im Beruf, daneben Mutter, Gattin eines noch erfolgreicheren Anwalts.  Doch auch hier trügt der Schein. Aurores wohlgestaltete Welt bekommt gerade ziemliche Sprünge.

Gut gibt es in Paris, sobald man die Eingangstüre der Wohnhäuser dank eines Zugangscodes überwunden hat, die Briefkastenräume, sonst würden nämlich Ludovic und Aurore nie aufeinandertreffen. Es braucht aber auch noch zwei Raben, die sich im Baum des Innenhofs eingenistet haben, damit die beiden ungleichen Menschen überhaupt miteinander ins Gespräch kommen. Gottlob weiss Ludovic, wie aus zwei Raben zwei Tauben werden. 

Die Anziehungskraft zwischen Ludovic und Aurore ist stark. Das liegt an ihrer beidseitigen Einsamkeit. Ludovic hat in Paris nur seine ungeliebte Arbeit und abends das Fernsehprogramm. Aurore wiederum droht ihr Geschäft zu entgleiten. Sind Aurore und Ludovic beisammen, stärken sie sich gegenseitig – sobald sie auseinander sind, kommen Zweifel auf und alles scheint auseinanderzudriften.

Serge Joncour führt uns Leser in ständigem Wechsel in die Gedankenwelten und in den Alltag von Aurore und Ludovic. Beide auf der Suche nach Rettung: andere, sich selbst, die Firma, die Selbstachtung. Ein ständiger, spannender Kampf, den uns Joncour da beschreibt. Gleichzeitig bewegen wir uns mit Aurore und Ludovic durch Paris: Hier die Geschäftswelt, kalkuliert, kühl durchgestylt, die eleganten Boulevards, den Bois de Boulogne, Kaffeehäuser. Dort das Paris der kleinen Leute, ihre Sorgen, die Hochhaussiedlungen an den Rändern der Stadt, die Verkehrsstaus, die Hektik. Und wir besuchen mit Ludovic auf der Suche nach einer neuen Hose einen Monoprix. 

„Es war nicht zum Aushalten, zumal er in diesem Augenblick merkte, dass selbst seine Unterhose nicht passte, viel zu altmodisch war, im Regal gegenüber gab es allerlei figurbetonte Boxershorts verschiedenster Marken, aber nur Boxershorts, als verstünde es sich von selbst, dass jeder männliche Städter seinen kleinen Alltagskampf austragen müsse. Eine der Verkäuferinnen kam mit einer Baumwolljogginghose zurück …“

Wer bei solch einer Szene nicht schmunzeln muss, sollte wirklich ganz und gar zu Hause bleiben und sich die Croissants liefern lassen.

Titel: Lehn dich an mich, Roman, 366 Seiten, gebunden

Originaltitel: Repose-toi sur moi, 2016

Autor: Serge Joncour, Übersetzung aus dem Französischen von Paul Sourzac

Verlag: Secession Zürich, 2019, http://www.secession-verlag.com

ISBN 978-3-906910-64-2, Fr. 32.- / Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zwei Menschen, denen es den Teppich unter den Füssen wegzieht, Liebe über Gesellschaftsgrenzen hinweg, Intrigen, etwas Sex und etwas Gewalt, Paris – und das alles in einem Buch. So spannend und fliessend erzählt, dass man dabeibleiben möchte, bis zum vielleicht bitteren Ende.

Für wen: Für alle, die sich nicht von Frankreich und der grand amour fernhalten lassen.

„Deutsch besprenkelt mit der Muttersprache“

Herkunft ist Zufall. Dies schreibt in seinem Buch Herkunft Sasa Stanisic, der auf seinem Namen Häkchen trägt, die ich einfach nicht auf meiner deutschen Tastatur finden konnte. Wikipedia und der Kopierfunktion sei Dank – hier also der Name korrekt mit all seinem Schmuck: Saša Stanišić. Geboren 1978 Visegrad in Ex-Jugoslawin, mit seiner Mutter geflohen nach Heidelberg und dort im Emmertsgrund erwachsen geworden. Stadtteil für Geflüchtete, Immigranten, Andersartige. Menschen, die sich erst einmal die Sprache aneignen müssen, bevor sie überhaupt verstehen, was und wie ihnen geschieht. Und wo eine ARAL-Tankstelle zum Fixpunkt einer Jugend wird, in der jeder sich seine eigene Legende erschafft. 

Das mit der Integration und der Akzeptanz in der ARAL-Gemeinschaft ist nicht einfach, wenn man aus einer Gegend kommt, wo der Heilige Georg einen Drachen bekämpft oder der Drache den Heiligen Georg. So genau weiss man das nicht. Und mit den Grossmüttern ist auch nichts klar: Die eine ist möglicherweise Patin der Mafia, die andere liest das Schicksal aus Bohnen. Tito spukt auch noch im Kopf und eine Fussballmannschaft, auf die jeder stolz war, ganz egal zu welcher Volksgruppe er gehörte. Doch nach Tito sagten die Nationalisten, worauf man stolz sein sollte. Ihnen hat es Saša Stanišić am Ende zu verdanken, dass er mit seiner Mutter nach Deutschland fliehen musste. 

Nach dem Krieg sind die Städte und Dörfer nicht mehr, was sie einst waren, erst recht nicht die Menschen. Heimkommen ist nicht mehr Heim kommen. Saša Stanišićs Grossmutter wird dement. Ihr kommt die Zeit durcheinander, manche Erinnerungen verschwinden, ihr Kopf schafft sich eine eigene Ordnung. Und ihr Enkel Saša überbrückt die Lücken mit Geschichten, denn das ist es, was ihm Herkunft und Lebensweg als Wegzehrung mitgegeben haben: das kunstvolle Flechten von Wörtern zu Geschichten. Stanišićs Deutsch wirkt stellenweise von der Ursprungssprache geprägt, das macht seine Literatur anders, frisch, reich – manche Wendungen kommen so ungewohnt neu und poetisch daher, dass jeder Satz eine Freude zu lesen ist.

Herkunft ist nicht nur ein Buch über das Schicksal oder darüber, wie wir mit dem umgehen, was das Leben für uns bereithält. Es ist gleichfalls ein fliessendes Abschiednehmen von Kristina, der Grossmutter von Saša Stanišić aus Bosnien und Herzegowina. Und ein Abschied von einem Stück Erde, das, so wie es war, nie wieder sein wird.

Eine gute Geschichte“, sagt sie (die Grossmutter), „ist wie früher unsere Drina war: nie stilles Rinnsal, sondern ungestüm und breit. Zuflüsse reichern sie an, sie brodelt und braust, tritt über die Ufer. Eines können weder die Drina noch die Geschichten: Für beide gibt es kein Zurück.“ Grossmutter sieht dich an. „Ich wünsche mir, dass wir endlich ankommen.“

Titel: Herkunft, 360 Seiten, gebunden

Autor: Saša Stanišić

Verlag: Luchterhand, 2019

ISBN 978-3-630-87473-9

Kurzbeschrieb/-bewertung: Menschen, die vor dem Nationalismus fliehen und sich in einem Land zurechtfinden müssen, das nicht auf sie gewartet hat; später gelegentliches Zurückreisen in die Heimat der sich selbst überlassenen Häuser und Friedhöfe und zu einer Grossmutter, der die Zeit abhanden kommt. Mit einem formal spannenden Schluss, der sich in mehrere Möglichkeiten aufspaltet. Sehr lesenswert.

Für wen: Wer wieder einmal dankbar sein möchte dafür, dass er dort leben darf, wo er herkommt. Oder: Wer Nachhilfe im Mitfühlen braucht, wenn er Bilder von Grenzzäunen und Flüchtlingen sieht. Mir würden noch ein paar andere Lesegruppen einfallen, also fühlt euch ruhig angesprochen.

Wo die Liebe durch Ohren und Nase geht

Häuser und ihre Bewohner sind immer wieder anregende Schauplätze für Autorinnen und Autoren. Was sich an Geschichten, Gewohn- und Verschrobenheiten, Liebe oder Abscheu unter einem Dach versammelt, ist wunderbares Material für kleine und grosse Literatur. 

Meine Tage mit Fabienne von Hubertus Meyer-Burckhardt hat so ein Haus mit Mietwohnungen als Ort der Handlung gewählt. Der Ich-Erzähler Kannstatt wohnt dort direkt über einem leerstehenden Geschäftslokal. Kannstatt lebt zurückgezogen, seine Kontakte zur Aussenwelt bestehen zum Grossteil aus dem Einordnen von Geräuschen, die aus dem Treppenhaus und von der Strasse zu ihm dringen. Er kennt seine Nachbarn aufgrund ihrer Schritte im Treppenhaus und dem wenigen, was er von ihrem Leben mitbekommt. „Geräusche geben meinem Leben einen Rahmen“, sagt Kannstatt. Geräusche sind ihm Musik. Und von Musik versteht er etwas, auch wenn er statt Musiker Immobilienmakler geworden ist. Seine Wohnung ist Kannstatts Burg, hier fühlt er sich sicher: inmitten seiner Platten- und Steinsammlung und den Parfumflakons im Kühlschrank.

Doch dann, eines samstags, ändert sich etwas. Eine junge Hutmacherin namens Fabienne bezieht das Geschäftslokal im Grundgeschoss. Und der Dachstock soll in eine Wohnung ausgebaut werden. Plötzlich ist die Geräuschkulisse eine andere und die Hausgemeinschaft trifft sich vor Fabiennes Hutgeschäft. Auch Kannstatt kann sich der Faszination, die von Fabienne ausgeht, nicht entziehen. Dies, obwohl er sich Menschen, insbesondere Frauen grundsätzlich auf Distanz hält. Nur ein paar Monate später, ist Fabienne auch schon wieder weg. Und mit ihr die Energie, die das Haus einen Sommer lang geprägt hat. 

Die Nachbarschaft, die Meyer-Burckhardt in diesem Roman entworfen hat, ist so, wie wir es aus Nachbarschaften in Wohnhäusern kennen. Eigentlich geht jeder seine eigenen Wege. Wo sich diese kreuzen, fallen ein paar Worte, unsichtbare Schubladen werden geöffnet, Urteile gefällt. Meyer-Burckhardts Hauptfigur Kannstatt ist da keine Ausnahme.

Doch Fabiennes Einfluss geht Kannstatt zu weit:

„Es ist, als ob unten ein zweifellos sehr gutes Restaurant eingezogen wäre. Auch das beste Restaurant hat eine Abluft, und der Geruch von unten (…) korrumpiert meine Geschmacksnerven, meinen Geruchssinn.“

Ich begleitete mit Vergnügen den Sonderling Kannstatt bei seinen Gedanken über dieses und jenes, diese und jene. Sympathisch wirkte er erstmals aber nicht auf mich. Obwohl ich seine Lasst-mich-bloss-in-Ruhe-Brüskheit gut nachvollziehen konnte. Aber was weder Kannstatt noch ich kann: So ganz ohne die anderen geht das Leben halt doch nicht. Und manche Menschen riechen einfach verteufelt gut. So wie Fabienne.

Titel: Meine Tage mit Fabienne, Roman, 219 Seiten, Taschenbuch

Autor: Hubertus Meyer-Burckhardt

Verlag: Bastei Lübbe 2019, www,luebbe.de

ISBN 978-3-404-17712-7

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ein Mietshaus, seine Bewohner und ihre Eigenheiten, die kennt man sie besser, gar nicht mehr so seltsam sind, wie es auf den ersten Blick erscheint. Und ändert sich erst mal das Bild, so ändert sich alles. Erzählt aus der Sicht eines nachdenklichen Eigenbrötlers, der sich wider Erwarten verliebt. Leicht melancholische Grundstimmung, jedoch aufgehoben durch Humor und leichtfüssiges Erzählen.

Für wen: Liebesgeschichte mit Beinahe-Happy-End für alle, die sowas verkraften.

Hier wird nicht gerechtfertigt, räsoniert, gefühlsgeduselt

„Vielleicht hast du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld“, sagte er, „aber es gibt eine Strafe.“ Dieses Zitat aus der letzten Geschichte in Ferdinand von Schirachs Buch Strafe hängt still über allen Geschichten aus dem Buch Strafe. Doch wo und wann die Strafe beginnt, ist schwierig herauszufinden. Die einen bekommen ihr richterlich angeordnetes Strafmass, die anderen kommen davon. Doch seinen inneren Schrecknissen entflieht keiner.

Beispielsweise die Juristin Seyma, die sich an ihrer neuen Arbeitsstelle zum ersten Mal frei fühlt. Doch dann übernimmt sie die Strafverteidigung eines üblen Zeitgenossen. Plötzlich ist das mit der Freiheit so eine Sache. 

Oder Meyerbeck, dessen neue Gefährtin eine Puppe namens Lydia ist. Als ein Nachbar Lydia schändet, dreht Meyerbeck durch. 

Oder der einsame, zurückgezogen lebende Felix, der mit Veränderungen nicht umgehen kann und der sich eines Tages mit einer Flasche Gin auf seine Gartenbank setzt. Neben sich ein Gewehr aus dem 2. Weltkrieg.

Oder Katharina, die als Schöffin aufgeboten ist. Als sie die Geschichte einer Zeugin hört, beginnt sie im Gerichtssaal zu weinen. 

Meyerbeck und alle anderen in diesem Buch, sie tragen ganz unterschiedliche Schicksale. Die eine lehnt sich gegen die Vorgaben ihre Familie auf, den anderen brennen seine Feuermale, den nächsten verlässt seine Frau. Nichts, womit man nicht umgehen könnte, möchte man meinen. Doch da sind auch Einsamkeit, Verwirrung und die dem Menschen innewohnenden Gegensätze, die aus jeder der Geschichten sprechen.

Zurück zur Figur Katharina: 

„Sie weinte, weil die Geschichte der Frau ihre Geschichte war und weil sie das Leben der Frau verstand und weil Einsamkeit in allen Dingen war. Niemand sprach mit ihr.“

Ist es nicht wunderbar, mit wie wenigen Worten der Autor hier so viel sagen kann. Als würde man eine leichte Bleistiftskizze vor sich haben. Manches ist nur angedeutet, vieles in knapper, nüchterner Art dargestellt. Eins führt zum anderen. Unausweichlich. Hier wird nicht gerechtfertigt, räsoniert, gefühlsgeduselt. Wunderbar!

Titel: Strafe, Taschenbuch, 189 Seiten

Autor: Ferdinand von Schirach 

Verlag: btb, 2019, http://www.btb-verlag.de

ISBN 978-3-442-71893-1, Fr. 14.30/Euro 11.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kurzgeschichten von Schuld und Sühne, mit leichtem Strich gezeichnete Schicksale aus der Welt der Gerichte. Wer Ferdinand von Schirachs Protagonisten auf der Strasse begegnen würde, würde sie kaum wahrnehmen, so unauffällig sind sie. Doch irgendwann brennen ihnen die Sicherungen durch. Klasse!

Für wen: Da es um die – nicht abschliessend zu  beantwortende – Frage von Schuld und Sühne geht, empfehle ich dieses Buch allen.