Fenstertest bestanden

Mein Brot back ich gerne selber. Die Vorstellung, dass in einem Brot noch andere „Zutaten“ sind als Mehl, Wasser, Hefe, Salz – Aromazutaten wie Oliven & Co. ausgenommen – ist mir ein Gräuel. Da halte ich es wie die Bayern mit ihrem Bierreinheitsgebot. Brot soll schmecken wie anno dazumal, als ich als Erstgix die Kellertreppe zu einer winzigen Bäckerei hinunterstieg, von wo ein himmlischer Geruch herkam und ein kleiner, alter Mann Wecken aus dem Ofen zog.

Ein Haushaltbackofen ist kein Profigerät. Deshalb ist das mit dem Zu-Hause-Brot-Selberbacken so eine Sache. Das Ergebnis ist oft nicht so chüschtig wie beabsichtigt und die Krume auch nicht ganz so locker, wie in der Vorstellung. Judith Erdin, die in ihrem Erstberuf Bäckerin gelernt hat, ist der Sache auf den Grund gegangen. Sie hat mit ihren Rezepten so lange getüftelt, bis das Ergebnis ihren Ansprüchen genügte. Mit ihren Rezepten lässt sie uns aber nicht allein. Mindestens so hilfreich sind ihre Tipps, worauf beim Kneten, Formen und der Teiggare zu achten ist. Bis anhin hatte ich noch nie vom Fenstertest gehört. Jetzt aber kommt mir kein Brotteig mehr zum Einsatz, der diesen nicht besteht (Roggen ausgenommen). 

Liebe Judith Erdin, ich bin heute Nachmittag in der Küche gestanden, habe mit klebrigen Fingern Wurzelbrotteig verarbeitet, habe fleissig den Fenstertest gemacht, habe Ruchbrot und Zopf aus dem Ofen gezaubert, die aussehen und duften, als hätte ein Profi auf seine Allerweltsfertigmischungen verzichtet und mal wieder richtig backen wollen. Aber da liegt mein Werk und ich schaue voller Stolz auf meine Auswahl an Backwaren.

 Auf meinem Einkaufszettel steht nun „Malzextrakt“  „Teighörnchen“, „Sprühflasche“ und „Brotbackstein“. Sie sehen, ich meine es ernst. Ob es sich dabei um lebensnotwendige Artikel handelt, weiss ich nicht. Notfalls muss ich die nächsten Corona-Wochen noch ohne diese Sachen auskommen. Die ersten Erfolge, die ich auch ohne diese Hilfsmittel verzeichnen konnte, sind jedenfalls vielversprechend. 

Dies ist mein Brief, den ich der Autorin des Buches schreiben würde, würde ich ihre Adresse kennen. 

Zum Aufbau des Buches:

Erdin arbeitet mit 14 Grundrezepten, aus denen sie jeweils drei Abwandlungen zaubert. So werden aus dem Huusbrot-Grundteig beispielsweise ein Vollkornkranz oder Safranbrötchen, aus dem Kreuzbrotteig kann man ebensogut ein Oliven-Wurzelbrot  oder Sandwichbrötchen backen. Der vordere Teil des Buches ist der Backtheorie gewidmet. Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen zu lesen und zu verinnerlichen. Das bisschen Bäckerlatein macht Spass und wird in den Backergebnissen zeigen.

Übriges ist Judith Erdin auch Bloggerin: http://www.streusel.ch

Titel: Dein bestes Brot, Backen wie ein Profi, 190 Seiten

Autorin: Judith Erdin 

Verlag:  AT Verlag, www.at-verlag.ch, Aarau 2021

ISBN 978-3-03902-104-8, Fr. 36.90/ Euro 29.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Knusprige Kruste, luftige Krume. So wollten Sie immer schon Brot backen. Tipps aus der Profibackstube und Rezepte, die auch im Haushaltbackofen gelingen. 

Für wen: Für alle Knet-Schwestern und Teiglinge, Knuspermäuse sowie Stück-/ Stockgarer.

Lieber ein Pferd als einen Mann

Mein Lesejahr habe ich mit einfacher Kost beginnen wollen. Das ist, zumindest was das Lesen als solches anbelangt, gelungen. Bei der Stoffauswahl hätte man durchaus Leichteres gefunden. Die Liebe im Ernstfall von Daniela Krien ist was der Titel verspricht: eine ernste Sache. Im Mittelpunkt eine Handvoll Frauen und ihre Wechselfälle in Sex und Liebe. 

Paula hat ein Kind verloren und die Ehe mit Ludger geht in die Brüche. Das liegt nicht nur am gemeinsamen Verlust. 

Die Ärztin Judith sucht sich ihre männlichen Kontakte im Internet nach Matching-Points aus. Freundschaften mit Männern dauern bei ihr nie lange. Da ist ihre Beziehung zu Pferden langlebiger. 

Ihre Freundin Brida hat das grosse Liebesglück gefunden. Sie hat zwei Kinder und einen Mann, der sie innig liebt. Alles in Butter? Denkste. Als moderne Frau hat sie andere Vorstellungen von sich. 

Malika und Jorinde sind ungleiche Schwestern. Erstere ist Schauspielerin auf dem Weg zum beruflichen Erfolg, letztere schlägt sich als Geigenlehrerin durch. Malikas einzige Beziehung zu einem Mann endete in einem Nervenzusammenbruch. Jorinde hat sich einen Narzissten erster Güte geangelt. 

Fünf Frauen mittleren Alters im Spannungsfeld von Bedürfnissen, Erwartungen, gesellschaftlichen Normen, beruflichen Herausforderungen, sexuellen Begierden und – als wäre das nicht schon genug – Partnerschaften, die „nicht bringen“, was sie versprachen. Daniela Krien verbindet die fünf Frauenschicksale mit einem lockeren, aber etwas gekünstelt wirkenden Band: Man kennt sich, zur Not auch über fünf Ecken. 

Seltsamerweise beschäftigt mich von den fünf Frauen Judith am stärksten. Daniela Krien schuf mit ihr eine unterkühlte Figur, die sich die professionelle Nüchternheit, mit der sie ihren Beruf als Ärztin angeht, auch in ihrem Privatleben zu eigen gemacht hat. Leidenschaft lebt sie auf dem Pferdehof aus. Männer wählt sie nach Kriterien aus, die sie auch bei der Wahl eines Pferdes hernehmen würde. In Beziehungen zu Männern bringt sie sich gerade so weit ein, dass der jeweilige Auserkorene nicht in den ersten fünf Minuten davonrennt. Wer ihren analytischen Verstand nicht aushält, erntet beissenden Spott. Für Judith ist das Internet der Raum, wo sie sich nach Männern umschaut:

„Sie macht sich einen Salat, dann loggt sie sich ein und schaut nach den neuesten Partnervorschlägen. Ihren nächsten Geburtstag möchte sie nicht allein verbringen.“

Doch selbst Judith, die nichts und niemanden an sich heranlässt, nicht einmal das Kind, das in ihr zu wachsen beginnt, sieht sich angesichts eines offensichtlich glücklichen Paares mit Neidgefühlen konfrontiert. Dagegen scheint selbst ein analytischer Verstand nicht gefeit zu sein. Immerhin scheint mir Judith der ehrlichste Charakter unter den fünf zu sein. Und sie hat Witz.

Sollen diese Frauen das Abbild einer modernen, städtischen Gesellschaft sein? Zerrissen zwischen eigenen und fremden Ansprüchen. Frauen, die alles wollen: einfach zu handhabende Kinder, einen Mann, der sie auf Händen trägt, einen erfüllenden Beruf, Anerkennung, Wahnsinnssex und – unbedingt – Glück. Wo zum Teufel, frage ich mich, kommt eine solche Anspruchshaltung her? 

Dass Glück von innen und nicht von aussen kommt, beweisen am Ende die beiden Schwestern Malika und Jorinde, womit dieses Buch immerhin mit einem Hoffnungsschimmer endet. 

Für den Jahresanfang dürfte dies Erkenntnis genug sein.

Titel: Die Liebe im Ernstfall, Roman, 286 Seiten, Paperback

Autorin: Daniela Krien

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-24547-9, Fr. 30.–/Euro 22.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Aufstehen, Krönchen zurechtrücken, ist das Motto von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie verlangen viel vom Leben, und dieses verlangt viel von ihnen. Die Sorgen und Nöte von Frauen in unserer modernen Gesellschaft. Manchmal wünschte ich mir mehr Lockerheit und Humor in diesem Roman, denn damit lässt sich der Ernstfall am ehesten aushalten.

Für wen: Für alle, die sich fragen, wo und wann wir die Freude am schlichten Sein verloren haben.

Lest ihr noch oder kollert ihr schon?

Auf meinen Aufruf hin, mir doch bitte Vorschläge mit Büchern zu liefern, hat sich der Posteingang nicht gerade überschlagen. Es geht euch doch hoffentlich nicht wie mir? Ihr lest doch noch, oder habt ihr auch den Corona-Koller? Es wird doch noch wirklich gute, nachhallende Bücher geben?

Letztere Frage stelle ich mir hin und wieder.

Immerhin ein paar Vorschläge sind eingetroffen. Ich möchte es nicht unterlassen, sie euch vorzulegen.

Hier die Liste:

Drachensaat, Jan Weiler

Aufzeichnungen eines Serienmörders, Young-Ha Kim

Homeland Elegie, Ayad Akthar

Streulicht, Deniz Ohde

Der Bandoneonspieler, Vincenzo Todisco

Und von mir kommt auch noch ein Vorschlag.

Die Geschichte der Belagerung von Lissabon, José Saramago.

Das Buch ist zwar nicht neu, aber reinstes sprachliches Vergnügen, für alle, die es ausschweifend, abschweifend und überhaupt schweifend mögen. Wenn ihr jetzt an den Morgenstern denkt, liegt das aber nicht am Buch, sondern an der Jahreszeit.

Habt ihr noch weitere Ideen? Dann her damit. daswortzumbuch@gmx.ch oder die Kommentarspalte auf der Blogseite sind offen und vermögen einiges zu fassen.

Ich grüsse alle da draussen. Tragt euch und anderen Sorge und bleibt gesund und lesefreudig.

Poesie-Agenda wartet auf Dich

Sicher habt ihr es schon festgestellt: Ich mache gerade sowas wie eine Pause vom Lesen. Zum einen liegt es an den Büchern, die vor mir liegen und so gar keinen Spass machen wollen, zum anderen bin ich in einem geistigen Lockdown, den ich mit Weihnachtsguetzlibacken, Netflixen und Stricken zu überbrücken versuche. Ob das was wird?

Für euch habe ich aber dennoch etwas. Ich verschenke fünf kultige orte Poesie-Agenden für das kommende Jahr. Was ihr dafür tun müsst:

Schickt mir einen Buchtipp. Gesucht ist er Titel von Büchern, die ich unbedingt lesen sollte. Auf dass mein geistiger Lockdown bald ein Ende hat …

Eure Mail geht an folgende Adresse: daswortzumbuch@gmx.ch.

Die ersten fünf Einsender/Einsenderinnen werden bald eine Poesie-Agenda 2021 in den Händen halten. Vergesst eure Anschrift nicht. Achtung, fertig, los….

Zwei junge Iren im Irrgarten der Gefühle

Erwachsenwerden und zu sich selber und zueinander Finden ist auch im 21. Jahrhundert schwierig. Davon erzählt Sally Rooney in Normale Menschen.

Marianne liebt Connell so sehr, dass sie schlichtweg alles für ihn tun würde. Connell ist es aber wichtiger, bei seinen Schulkollegen gut dazustehen. Doch obwohl Marianne als sonderlich gilt, kann Connell nicht von ihr lassen. Mit niemandem sonst versteht er sich so gut wie mit ihr. Und der Sex mit Marianne ist auch nicht schlecht. 

Am College in Dublin ist plötzlich Connell der Aussenseiter, während Marianne offensichtlich beliebt ist. Beide versuchen es mit Liebschaften. Doch auch jetzt noch können die beiden weder mit- noch ohne einander. Auf ihre intensiven Zusammenkünfte folgt auf den Fuss Ernüchterung.

In diesem Roman ist Magie: Erzählmagie, Erste-Liebe-Magie und die Magie einer tiefen Verbundenheit. In diesem Roman ist aber ebensoviel Trauer: die Trauer derjenigen, die letztlich immer allein stehen; derjenigen, die unverstanden und beiseite geschoben werden; jene des Nicht-Genügens und des ewigen Missverstanden-Werdens. Sally Rooney packt all diese Dinge subtil zwischen ihre beinahe sachlichen Zeilen. Beispielsweise in Dialogen, in denen mehr ungesagt als ausgesprochen wird. 

Das klingt dann so:

Liebst du ihn?, fragt Connell.

Ihre Hand verharrt auf der Kühlschranktür.

Das passt so gar nicht zu dir, dich für meine Gefühle zu interessieren, Connell, sagt sie. Ich dachte irgendwie, diese Sachen wären zwischen uns tabu, muss ich sagen.

In Ordnung. Okay.

Er reibt sich wieder den Mund, wirkt jetzt unaufmerksam. Dann senkt er die Hand und sieht aus dem Küchenfenster.

Sally Rooney erzählt uns das Schweigen. Genau dies scheint mir ihre Stärke zu sein und gibt ihrem Roman Wucht und Ausdruckskraft.

Titel: Normale Menschen, Roman,  317 Seiten, gebunden

Autorin: Sally Rooney, aus dem Englischen von Zoë Beck

Verlag: Luchterhand, 2020, 

ISBN 978-3-630-87542-2, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Irische Romeo und Julia 2011-2014. Zwei die sich magnetisch anziehen und wieder abstossen. Der Roman brilliert durch seine nüchterne Sprache, mit Zwischentönen, welche die Verzweiflung der Protagonisten fühlbar machen.

Für wen: Alle, die schon mal unglücklich verliebt waren.

Asmas kulinarische Umarmungen

Meine Schwiegermutter hat ihren Grosskindern ein Kochbuch mit ihren besten Rezepten geschenkt. Wie ich sehe, kochen diese auch gerne danach. Mein Sohn meint, von mir könne es nie ein solches Kochbuch geben, weil ich gar keine Lieblingsrezepte habe, sondern ständig Neues ausprobiere. 

Das stimmt. Ich bin einfach zu neugierig, als dass ich mich mit Knöpfli, Rösti und Co. zufriedengäbe. Aber ein paar Lieblingsrezepte habe ich schon, sie fallen mir nur sehr selten ein. Seit ich über Kochbücher schreibe, ist es mit meinem Lieblingsrezept-Gedächtnis nicht besser geworden. Ich habe aber ein paar Lieblingsküchen. Eine davon ist die indische, und damit wäre ich endlich beim Thema dieses Blogbeitrags: Asma’s indische Küche.

Asma Khan betreibt in London am Covent Garden den Darjeeling Express. Ihre Kochkunst soll – so steht es auf der Buchrückseite – „die Gäste kulinarisch umarmen und ihre Seele zum Strahlen bringen“. Das ist natürlich etwas dick aufgetragen, aber schwurbelige Buchrückseitentexte halten mich nicht vom Experimentieren in der Küche ab. Deshalb also habe ich Asma Khans Rezeptsammlung (voller Titel: Asma’s indische Küche, meine Familienrezepte aus dem Darjeeling Express) mit dem herrlichen Retro-Cover aufgeschlagen, meine Gewürzsammlung hervorgeholt und einige Runden lang gemörsert, angebraten, geköchelt und gebacken, dass man es bestimmt in der ganzen Umgebung erschnuppern konnte. Ergebnis: yamyam, mampf, mmh.

Ja, es geht auch etwas genauer. Asmas Rezepte stammen aus ganz Indien und decken dessen ganze Vielfalt ab. Sie sind gut beschrieben und mühelos nachzukochen. Hält man sich daran, ist das Ergebnis erfreulich und im Nu weggeputzt. Die Zutatenlisten sind auf den europäischen Haushalt zugeschnitten. Die Kapiteleinteilung ist nicht, wie man es vielleicht gewohnt ist, nach Speisekategorien (Fleisch, Gemüse, Brot etc.) sortiert. Für Menschen wie mich, die ein passendes Rezept für die Zutaten in ihrem Kühlschrank suchen, ist die Rezeptsuche dadurch etwas aufwendiger. Khan zieht es vor, ihr Buch in die Kapitel Für zwei, Für die Familie, Mit Freunden sowie Festliche Mahlzeiten einzuteilen und bietet auch gleich entsprechende Menüvorschläge. Es lohnt sich in jedem Fall, das Werk von vorne bis hinten durchzusehen, sich zu merken, was man kochen möchte, den Einkaufszettel danach zu verfassen und erst dann loszulegen. Es kann aber auch sein, dass man sich komplett im Text verliert, denn Asma Khan versorgt uns nicht nur mit kulinarischen Umarmungen, sondern hat auch noch zu jedem Rezept eine informative Ergänzung über den Ursprung, die Unterschiede zwischen England und Indien, lokale oder eigene Variationen verfasst. Und was mir besonders sympathisch ist: Sie hat nichts gegen Experimentierfreudigkeit und Freihandinspirationen, gibt Tipps für schnelle Küche und lässt auch dem Humor seinen Platz. So soll ihr Sohn einmal gesagt haben: „Meine Mama kocht ganz eklig.“ Und damit wäre ich wieder bei meinem Sohn, der Kreuzkümmel ganz ganz eklig findet. Unverständlich, oder?

Titel: Asma’s Indische Küche, meine Familienrezepte aus dem Darjeeling Express, 184 Seiten, gebunden

Autorin: Asma Khan

Verlag: at Verlag, 2020

ISBN 978-3-03902-087-4, Fr. 29.90/Euro 24.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Herrlich duftende und schmeckende Rezepte aus Indien, von einfach bis etwas aufwendiger, aber immer gut erklärt und deshalb ohne Probleme nachzukochen. Man braucht dazu auch keinen Tandoori. Ergänzt wird der sympathische Band mit Bildern, Fotografien aus Indien und Einblicken in das Leben dort.

Für wen: Für alle, bei denen es im Schrank immer Kreuzkümmel, Kurkuma, Ingwer, Chili und Bockshornklee hat.

Vielleicht die sinnlichsten Seiten der islamischen Welt

Der Aarauer at-Verlag überrascht mich immer wieder mit besonders schönen, prächtig durchgestalteten, durchdachten Kochbüchern. Heute liegen zwei Kilo gebundenes Papier in einem blau-golden-türkis gemusterten Einband vor mir. Der Titel des Werks: Das Leben ein Fest.

Dieses Kochbuch ist ein veritables Schwergewicht – und wenn ihr euch durch die über 500 Seiten und mehr als 300 Rezepte durchgekocht habt, garantiere ich, was euer Gewicht anbelangt, für nichts. Ich selber bin bereits im ersten Kapitel begeistert hängengeblieben, denn dort geht es um nicht weniger als um Aysch, das Leben. Aysch, so erfahre ich im Begleittext, heisst das ägyptische Pitabrot. Brot als Leben, Brot als Fest: Davon bietet mir dieses Buch zahlreiche Varianten. Ich habe köstliche Fladenbrote gebacken, mich an Schichtbroten und Naan versucht und gestaunt, was mit ein paar wenigen Grundzutaten und einigen Variablen in den Backstuben von Afrika bis China so alles angestellt wird. Manches davon, wie das gemusterte usbekische Fladenbrot, scheint fast zu schade um aufgegessen zu werden.

Das Leben ein Fest scheint mir der passende Titel für dieses Wunderwerk mit dem Untertitel Das Kochbuch der islamischen Welt. Unterteilt ist es in sieben Küchenthemen: Brot, Tier, Getreide und Hülsenfrüchte, Meer, Gewürze, Gemüse und süsse Leckereien, zu denen sich auch noch Getränke gesellen. So ganz nebenbei erfährt man einiges darüber, zu welchen Anlässen die entsprechenden Gerichte vorzugsweise serviert werden.

Die Verfasserin des Werks ist Anissa Helou. Sie lebt in London, hat aber libanesische und syrische Wurzeln. Für mich gehört die libanesische Küche zu den besten der Welt. Doch gute Rezepte sind an vielen Orten zu finden. Deshalb schaut sich Anissa Helou in allen islamischen Ländern und deren Küchen um. Die kulinarische Reise geht von Afrika über die Türkei und seine Nachbarländer bis nach Indien und Asien. 

Ergänzt wird die umfassende Rezeptesammlung mit Texten zu den unterschiedlichen Verfahrensweisen und Namen der Gerichte, ebenso wie mit Informationen zu Festen oder lokalen Eigenheiten. Selbst eine Landkarte ist zu finden. Die Herstellung der Köstlichkeiten ist minutiös angegeben. Es kann also nichts schiefgehen.

Titel: Das Leben ein Fest, Das Kochbuch der islamischen Welt,  543 Seiten, gebunden

Autorin: Anissa Helou

Verlag: at Verlag, 2020

ISBN 978-3-03902-064-5, Fr. 58.–/Euro 48.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Tausend und eine Nacht  in der Küche mit Rezepten, die auf jeden Fall gelingen. Eine köstliche Weltreise von Afrika über den Orient bis ins tiefste Asien.

Für wen: Für alle, die gerade eine Reise nicht antreten können, sich aber den Duft der weiten Welt ins Haus holen wollen. Oder ein Weihnachtsgeschenk für Menschen, die noch alle Sinne beieinander haben.

Minirock und Studium ausgetauscht gegen Kopftuch und Koran

In den Achtziger-Jahren ist Nadschwa fast schon erwachsen. Sie lebt mit ihrer Familie in Karthum, führt ein privilegiertes Leben, studiert ein bisschen und ist sonst nur an ihren Vergnügungen interessiert. Es gibt einen Umsturz und Nadschwa verliert nach und nach alles: Vater, Mutter, Bruder, Freunde, Heimat, sozialen Status, Studium. Schliesslich arbeitet sie in London als Dienstmädchen. Dort lernt sie den wesentlich jüngeren Tâmer kennen, der es sich in den Kopf setzt, sie heiraten zu wollen. Nadschwa ist versucht ihm nachzugeben.

Soweit die Geschichte „Minarett“  von Leila Aboulela in Kürzestform. Diese Zusammenfassung lässt aber alles aus, was sich hinter der Story verbirgt und zu heissen Diskussionen führen dürfte. Denn die Autorin führt ihre Hauptfigur hin zu einem religiösen Erwachen. Religion, insbesondere der Islam, ist eines der grössten Reizthemen überhaupt. Die Protagonistin Nadschwa ist zwar prowestlich und kaum religiös aufgewachsen, fühlt sich aber in London mehr als verloren. Vom Charakter her möchte ich sie als eher naiv, ehrgeizlos und mässig intelligent, wenn auch liebenswert und menschlich beschreiben. Halt findet sie schliesslich in der Gemeinschaft ihrer Moschee und im Glauben. Hier lernt sie, worauf es ankommt: Menschen, die einander zugetan sind und sich helfen; Regeln, die Leitplanken setzen.

Wer bei diesem provokanten Setting einen roten Kopf bekommt, sollte sich die Frage stellen: Wohin hätte sich Nadschwa wenden sollen, wenn nicht in die Geborgenheit einer ihr vertrauten Welt? Welche Angebote ihrer neuen Heimat wären ihr sonst offen gewesen? Ein Bridgeclub, ein Gym, Pferderennen, Museumsbesuche? Gewiss, alles im Bereich des Möglichen, aber für eine junge, orientierungslose, sozial abgestiegene Migrantin kaum eine Alternative. Nadschwa jedenfalls empfindet ihren neuen Glauben als Befreiung und Hort der Sicherheit.

Ob aber die Hinwendung zur Religion (und hier meine ich zu Religion jedweder Art) wirklich frei macht, diese Frage sollte man sich trotzdem stellen. Tatsache ist, dass wo ein Leben aus den Fugen gerät, der Mensch empfänglich ist für Glaubensdinge und Einflussnahme von aussen. 

Leila Aboulela erzählt die Story aus der Sicht von Nadschwa. Zu Beginn ihrer Geschichte (Khartum, 1984/85) finden wir ein unbekümmertes, schäkerndes Mädchen im Minirock voller Hoffnungen auf ein erfülltes Familienleben – am Ende (London, 2004) eine verschleierte, alleinstehende Frau, die sich auf den Haddsch vorbereitet, auf den sie sich bald begeben wird. Das Geld dafür hat sie sich mit einem gebrochenen Herzen „verdient“. 

Titel: Minarett, Roman,  340 Seiten, gebunden

Autor: Leila Aboulela, aus dem Englischen von Irma Wehrli

Verlag: Lenos, Basel, 2020, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-005-9, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Migration und sozialer Abstieg bewegen eine junge Frau aus dem Sudan, sich dem Islam zuzuwenden. Sie findet darin Heimat. Gewagtes Thema, unverbogen, mehrschichtig.

Für wen: Migration und deren Auswirkungen auf den Einzelnen geht wohl alle etwas an.

Was nicht sein darf und dennoch ist

Anna Sterns neuer Roman das alles hier, jetzt. wird von der Presse gelobt. Meine Meinung dazu fällt etwas weniger enthusiastisch aus, wenn ich auch die Autorin für die von ihr gewählten sprachlichen Wagnisse  respektiere.

Zur Geschichte: Ananke ist tot; weshalb erfahren wir als Leser nicht. Anankes Freundeskreis jedenfalls reagiert über die Massen verstört. Hätte man etwas tun sollen, als noch Zeit war, und wenn ja was? Die Trauer ist so intensiv, dass sich die vier Freunde eines Nachts auf den Weg machen, Anankes Grab leerzuräumen, um sich danach gemeinsam auf und davon zu machen.

Anna Stern hat ihren neuen Roman ungewöhnlich aufgebaut. Auf den linken Buchseiten beschreibt sie die Ist-Situation aus der Sicht von Anankes bester Freundin aus Kindertagen. Der Tod der jungen Frau und die Fragen dazu werfen ihre Freunde aus der Bahn. Auf den rechten Buchseiten werden Kindheitserinnerungen ausgerollt: Badeausflüge, Gespräche, Spiele, Landschaften, Familienfeiern, Partys. Im letzten Teil der Geschichte hebt die Autorin diese Methode auf: Die Story endet in einem Road-Trip der speziellen Art.

Was gefällt mir an diesem Buch: 

Anna Stern schreibt konsequent in Kleinschrift, ein Verfahren, das ich bevorzugen würde, das aber bei der letzten Rechtschreibereform keine Gnade fand. Eine verpasste Chance, doch wenn jetzt junge Autoren Kleinschrift propagieren, kann ich sie nur anspornen, damit weiterzufahren. 

Die Autorin erzählt meist in kurzen Sätzen, sehr bildhaft. Ihre Sprache ist knapp (manches mal allzuknapp).

Im letzten Drittel des Buchs nimmt die Geschichte im wahrsten Sinne des Worts Fahrt auf, wird leicht abstrus und gewinnt dadurch. 

Was gefällt mir weniger: 

Die ersten zwei Drittel der Geschichte sind voll dem Schmerz und den Kindheits- und Jugenderinnerungen gewidmet. Etwas gar viel Lamento für meinen Geschmack. 

Die Figuren in diesem Roman tragen durchgehend Namen wie Cato, Vienna, Eden, Ash, Egg, Vaska, Roan. Ich fand es mühsam, mir diese Namen zu merken oder die Stellung der zugehörigen Figuren innerhalb des Romans. Was die Autorin zu dieser seltsamen Namenswahl getrieben hat, hat sich mir nicht erschlossen. 

Ein weiteres Stilmittel, mit dem ich wenig anfangen kann: Nicht fertig geschriebene Sätze. Beispiel:

es dürfte keinen geben, es dürfte nicht sein, dass ananke bereits. dass ananke bereits nicht mehr.

Ja, ich weiss, dass wir manche Sätze nur andenken, nur ansprechen, und ich akzeptiere solche Verkürzungen auch, sofern man sie nicht überstrapaziert.

Anna Stern schreibt eigentlich kompromisslos. Leider findet sich in ihrem Roman auch einiges an Pathetik, etwa in der Art:

 oder sie (die freundschaft zu ananke) vibriert in dir, in deiner mitte, deinem innersten, wenn das dunkel wie eine samtene decke über deinem entblößten ich liegt und du den atem anhälst. 

Oder:

eure tränen fallen in den abgrund zwischen tag und nach und werden zu sternen, die in der dunkelheit leuchten.

 Das ist mir schlichtweg zuviel des Guten.

Titel: das alles hier, jetzt., Romangebunden, 239Seiten

Autorin: Anna Stern 

Verlag: Elster & Sali, 2020, http://www.elstersalis.com

ISBN 978-3-03930-000-6, Fr. 24.00/Euro 22.20

Kurzbeschrieb/-bewertung: Sprachlich gewagter Roman zum Thema Freundschaft, Familie, Trauer. 

Für wen: Ernstes Thema, ernste Umsetzung: also für Ernsthafte.

Capucine wer?

„Capucine, unsere vergessene Hollywood-Ikone“. Der Titel dieses Buches von Blaise Hofmann ist ein wenig irreführend. Capucine, Mode-Ikone und Hollywoodstar, hat zwar fast drei Jahrzehnte lang in Lausanne gelebt, „uns“ hat sie aber keinesfalls gehört: Sie war von Geburt Französin und berufshalber Cosmopolitin. Es ist noch nicht einmal sicher, ob sie sich in Lausanne wohl gefühlt hat. Immerhin, so erfahren wir, lebten Audrey Hepburn, ihre beste Freundin, sowie andere Kollegen auf der Film- und Modewelt in der Nähe.

Capucine wer? Ich habe den Namen gegoogelt und bin auf eine Reihe Presse-Bilder gestossen mit einem Gesicht, das mir irgendwie bekannt vorkam. Die Fotos zeigen Capucine das Modell, Capucine die Schauspielerin, Capucine, die für französischen Chic steht, die Dame von Welt. Aber in meinem Gedächtnis wollte sich einfach keine Rolle auftun, in welcher ich die Schauspielerin gesehen hatte, keine Werbung mit ihr, einfach nichts. Und dennoch, so erfahre ich, war Capucine in den 60er Jahren und hinein in die Siebziger eine der berühmtesten Frauen Hollywoods. Sie lebte im Luxus, umgeben von Freunden und Kollegen aus der Filmwelt, sie hat mit unvergessenen Schauspielern und Regisseuren gedreht. Ihre Filmografie ist beachtlich, darunter sind Titel wie „What’s new, Pussycat“ oder „Der rosarote Panther“. Wie konnte so ein Star einfach vergessen gehen?

An dieser Frage beisst sich auch Blaise Hofmann die Zähne aus. Er versucht eine literarische Annäherung an eine weibliche Schönheit, von der wie es scheint nichts als Hochglanzbilder geblieben sind. Auf allen ist sie gepflegt, elegant, perfekt geschminkt. In Kleidern von Hubert Givenchy sieht sie schlichtweg umwerfend aus. Doch diese Fotos sind nichts als Projektionsflächen für alle, die in diese Frau etwas hineindeuten wollen. War sie abweisend, humorvoll, göttlich, geheimnisvoll, mütterlich, gebildet, ein Vamp, zurückhaltend, freundlich, hochnäsig, treu? Offenbar war sie von allem etwas, je nachdem, welche Rolle ihr gerade zugewiesen wurde. 

Blaise Hofmann bleibt soweit es geht bei den Fakten. Und stösst auf wenig Erhellendes, was uns ermöglichen würde, ihren Charakter zu erfassen. Humorvoll sei sie als Kind gewesen, lebhaft, mit einen Drang nach mehr. Auch die weiteren Berichte über ihren Werdegang und wachsenden Erfolg sind wenig aussagekräftig. Es scheint, als wäre die wahre Capucine im Schatten der Scheinwerferlichter verschwunden oder hätte sich mit Absicht dorthin zurückgezogen. Dazu passt denn auch ihr trauriger Abgang: Sie stürzte sich 1990 von ihrem Balkon im achten Stock eines Lausanner Appartementhauses.

Hofmann erliegt nicht der Versuchung, sich das Leben von Capucine zurechtzubasteln. Er nimmt die Fragmente, die er noch über sie finden kann. Er spricht mit Bediensteten, Freunden, Kollegen, Nachbarn, trägt zusammen, hinterfragt sich selber und das Ziel seiner Arbeit. Er zweifelt an sich, am Thema, an den Aussagen der Menschen, die Capucine getroffen haben, er zitiert aus Interviews. Nicht selten sind die Aussagen widersprüchlich. Der Autor lässt das so stehen. Und schafft eine respektvolle Hommage an eine Frau, geheimnisvoll, voller Widersprüche, am Ende verzweifelt, weil das Alter auch auf Ikonen keine Rücksicht nimmt und Hollywood mit alternden Göttinnen noch weniger anfangen kann. Vielleicht aber ist dieses Buch gleichfalls eine Hommage an all jene, die den Traum vom Berühmtsein träumen und erfahren müssen, dass der Erfolg nicht selten seine eigenen Kinder frisst.

Titel: Capucine, Unsere vergessene Hollywood-Ikone, 189 Seiten

Autor: Blaise Hofmann, aus dem Französischen von Barbara Traber

Verlag: Zytglogge, 2020, 

ISBN 978-3-7296-5032-9

Kurzbeschrieb/-bewertung: Manchmal übernimmt der Schein das Sein. So scheint es auch Capucine ergangen zu sein: einer klassischen Schönheit von ausgesuchter Eleganz. Erfolgreich auf den Pariser Laufstegen, in Hollywood, in der Cinecittà. Und dann das Vergessenwerden. Blaise Hofmann zeichnet die Höhenflüge und den Niedergang der Ikone nach. Die zunehmende Verzweiflung ist spürbar.

Für wen: Filmophile, Schöne und weniger Schöne, Hollywoodfans und alle, die gerne wüssten, wie man zu französischem Chic kommt. Gut, letzteres wird man aus diesem Buch nicht lernen können.