Hinter der biederen Fassade wohnt nicht Frau Biedermann

Ursula López lebt allein und unauffällig in einer Wohnung in Montevideo. Sie ist aus der Form geraten, schlägt sich als Übersetzerin durch, tritt regelmässig in billigen Nachmittagsshows als Frau Biedermann auf und beschäftigt sich liebevoll mit der Pflege japanischer Figürchen aus dem Nachlass ihres Vaters. Doch was keiner weiss: Hinter der braven Ursula-Fassade brodelt ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Das weiss ihre schöne, reiche Schwester Luz nicht. Ebensowenig weiss es die nervtötende Mieterin, die über Ursulas Wohnung eingezogen ist. Auch der Erpresser, der sich eines Tages bei Ursula meldet und von ihr eine Million will, hat keine Ahnung von den Zuständen, in die Ursula geraten kann. 

In Mercedes Rosendes Krimi aus Uruguay ist überhaupt nichts und niemand so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Reich und schön tritt hier an gegen dick, ungeliebt und vermeintlich schwach. Am Ende erhält allerdings keiner, was er am liebsten gehabt hätte. Irgendwie ist es dann auch egal: Man arrangiert sich. Harte Konsequenzen, das heisst Gefängnis, muss hier nur einer gewärtigen. Serviert wird das sieben Tage dauernde Krimistück mit ulkigen Szenen. Zum Beispiel jener von Ursula im Frisiersalon, beim Psychologen oder bei den Weight Watchers. Alles Orte, an denen Ursula eigentlich nicht sein möchte. Köstlich auch die Dialoge. (Ich könnte mir vorstellen, dass Mercedes Rosende nicht nur temporeiche Krimis, sondern auch knackige Bühnenstücke schreiben könnte.)

Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dieser ungewöhnliche, irrwitzige Krimi hätte noch ein paar Tage länger gedauert. Am Ende gibt es einige lose Fäden in der ganzen Story: Was hat es mit der neuen stöckelbeschuhten Nachbarin auf sich und vor allem: Wie viele Briefe wird ihr Ursula noch schreiben, bevor sie ihr die Türe einrammt? Oder wie war das jetzt genau mit dem Tod von Ursulas Vater und dem Mord an ihrer Tante? 

Titel: Falsche Ursula, broschiert, 204 Seiten

Autorin: Mercedes Rosende 

Verlag: Unionsverlag Zürich, 2020, http://www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-00559-4, Fr. 24.00/Euro 18.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Eine Entführung in Uruguay Hauptstadt, die für alle Beteiligten in die Hosen geht. Das aber höchst amüsant.

Für wen: Aussergewöhnlicher, etwas kurz geratener Krimi für aussergewöhnliche LeserInnen.

Drogen: Der langsame Sprung von der Brücke

Eigentlich ein schöner Titel, den sich Demian Lienhard da für seinen Roman ausgedacht hat: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat. Da fängt das innere Kino gleich an, Szenen an die Gehirnleinwand zu werfen. Mütter warnen ja gerne, meist ohne Erfolg, es sei denn jenem, am Ende Recht zu behalten. In Demian Lienhards Buch soll die Mutter Recht behalten. Allerdings wird sie an dieser Tatsache wenig Freude haben. 

Und jetzt kommt es und ich sage es ungern: Durch dieses Buch habe ich mich von Seite zu Seite gequält, zumindest durch die erste Hälfte. Danach hatte ich mich wohl an den (gewöhnungsbedürftigen) Erzählstil gewöhnt.

Doch zuerst zu der Story: Wir schreiben die Achtziger- und ersten Neunzigerjahre. Teenager Alba lebt bei ihrer Mutter, die sie nicht versteht und oft kritisiert. Durch Albas Wohngemeinde geht gerade eine Selbstmordwelle; Schüler springen von der Brücke. Albas geliebter Stiefvater hat sich das Leben genommen, ihre Schwester ist auch tot, ein Vater kommt nicht vor. Das ist bestimmt für den abgestumpftesten Teenie zuviel des Guten, und so wundert es nicht, wenn Alba einen Selbstmord plant, der allerdings nicht gelingt. Doch damit sind wir erst am Anfang der Geschichte. Alba lernt René kennen, einen Goldküstenjungen. Auch seine Schwester ist gestorben. René ist, was man heute wohlstandsverwahrlost nennen würde. Bei beiden jungen Menschen, so liest sich jedenfalls die Story, haben die Eltern versagt. Aber sowas von! 

Was anfänglich nach einer schönen Jugendliebe aussieht, ist der Beginn einer von Toten gesäumten Abwärtsspirale, die ihren Höhepunkt auf dem Zürcher Platzspitz und auf dem Letten findet. 

Es scheint, dass das Thema der damaligen offenen Drogenszene Zürich und die tragischen Folgen der damit verbundenen politischen Entscheide gerade aufgearbeitet wird. Kürzlich ist der Film „Platzspitzbaby“ in die Kinos gekommen, der gleichfalls auf einem Buch basiert. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Drogen weiterhin aktuell ist. Hilfestellung, wie der momentane Missbrauch von Kokain und synthetischer Drogen bekämpft werden kann, bietet Lienhards Buch nicht. Seine Geschichte möchte wohl vor allem aufzeigen, wie das damals war, für jene die mittendrin im Heroinkonsum steckten und welche Gründe sie dorthin führten. 

Damit wären wir wieder bei Alba, einem verzweifelten, depressionsanfälligen Menschen, der nichts mit seinem Leben anzufangen weiss.  Klug ist sie, oft genug auch altklug, manchmal, und das ist beglückend zu lesen, mit frappanter Phantasie gesegnet. Sie reflektiert die Menschen und ihre Umwelt. Es sind meist freudlose, oft sarkastisch-traurige Beobachtungen, welche die sensible Alba anstellt. Aber, und das widerspricht der ihr zugeschriebenen Gescheitheit, die Sprache, die Lienhard für die Erzählstimme (also jener von Alba) wählt, scheint nicht zu ihr zu passen: zu flapsig, zu viele Gemeinplätze, zu sehr den Menschen aufs Maul geschaut, zu sehr einer Jugendsprache nachempfunden, die für mich nicht authentisch rüberkommt. Damit kann ich zur Not leben, aber beim Lesen bin ich ständig über die vielen seltsam verdrehten Sätze gestolpert. Oft als wäre eine Mundarterzählung Wort um Wort ins Hochdeutsche übertragen worden. Auch erschliesst sich mir nicht, weshalb Alba, die zur Uni geht und die Hochsprache sicher beherrscht, auf eine so kindlich-naive Art erzählen sollte. 

Oder da ist die Figur Gerold, der jedem seiner Sätze ein „ja“ anhängt. Spätestens nach dem zehnten „ja“ habe ich mich gefragt, was sich der Autor dabei gedacht hat. Vielleicht weil die Leser sonst nicht merken würden, dass Gerold seine Sätze am liebsten mit einem „ja“ beendet? 

Ganz ohne Spass: Wo zu dick aufgetragen wird, hört bei mir der Spass auf. Dieses Buch scheint mir ein Lehrbeispiel dafür zu sein, dass das Leben selber soviel Unglück über einem Einzelnen ausschütten kann, dass man unweigerlich ausrufen möchte: „Das hält doch keine Menschenseele aus.“ Geschichten aber sollten genau das nicht: Hier heisst es sich beschränken, will man nicht den Kommentar hören: „Unrealistisch.“ 

Und so ein Kommentar im Zusammenhang mit den Unglückseligen vom Platzspitz wäre nun wirklich fehl am Platz.

Titel: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat, Roman, gebunden, 378 Seiten

Autor: Demian Lienhard

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, http://www.fva.de

ISBN 978-3-627-00260-2, FR. 33.90/EURO 28.–

Kurzbewertung: Albas Weg ins Erwachsenenleben ist gesäumt von Todesfällen, von Drogensucht, Verrat und einigem mehr, was die Welt an Schrecknissen aufbieten kann. Jetzt wird alles gut, denkt Alba auf der zweitletzten Seite des Buches. Selber schuld, wer das glaubt. Tragik in jedem Kapitel, eine teilweise nervige Sprache, gepaart mit originell beschriebenen Beobachtungen und treffenden Szenenbeschreibungen.

Für wen: Eine lesende Freundin, auf deren Büchergeschmack ich mich jederzeit gerne verlasse, fand diesen Roman toll. Demnach: Für alle, die anderer Meinung sind als ich. 

"Alles war futsch"

Arvid, ein Romanautor um die vierzig, streift durch die Bars der Innenstadt Oslos. Nächtelang. Manchmal wacht er verkatert im Bett einer Frau auf. Oder: Arvid fährt mit seinem Mazda durch die Gegend. Er übernachtet auch darin. Das hat er schon getan, als Turid noch mit ihm zusammenlebte. Turid ist vor einem Jahr mitsamt den drei Töchtern ausgezogen und lebt ein Leben, an dem Arvid keinen Anteil mehr hat. Doch Arvid möchte nicht loslassen. Und er möchte seinen Töchtern ein guter Vater sein. Trotz allem, denn Arvid hat niemanden mehr. Im Jahr zuvor ist seine gesamte Familie bei einem Schiffsbrand ums Leben gekommen.

Per Petterson schafft es tatsächlich, aus dieser tragiküberladenen Ausgangslage einen Roman zu schreiben, der zwar in ein tiefes Jammertal führt, jedoch ohne das Gejammere anzustimmen, das man erwarten dürfte. Arvid als Ich-Erzähler berichtet nach und nach in eindringlichen Bildern – und wie es bei Erinnerungen so ist, in oft verwirrender zeitlicher Unordnung – wie es mit ihm soweit kommen konnte. Wir sehen ihn frisch geduscht und in seinen besten Kleidern in den Bus steigen: „… ich wollte das Verlorene aufholen, was auch immer das Verlorene war, ich war achtunddreissig, alles war futsch, ich hatte nichts mehr.“

Nun findet sich das Verlorene selten in Bars und schon gar nicht auf dem Grund eines Glases, da kann einer saufen soviel er möchte. Arvid weiss das zwar. Er ist klug, ist zur Aussenbetrachtung seines Handelns bestens befähigt, aber steckt in seinem lähmenden Schmerz fest. Er ist nicht dort „wo sie waren, um die Welt von dort aus zu sehen, und das lag daran, dass ich draussen war, und sie waren drinnen, im wahren Leben, in dem wichtige Dinge auf dem Spiel standen …“ Es ist, als läge eine gläserne Trennwand zwischen Arvid und allem anderen. Er beobachtet sich, seine Seelenzustände, seinen Körper, der durch Oslo wandert, seine Herkunft, seine Geschichte. Nur für kurze Momente gelingt es ihm, sein Leid mit wildfremden Frauen zu teilen. Man möchte mit ihm gehen, mit ihm reden, ihn berühren, und weiss doch, es ist unmöglich, dieser Mensch muss die Wand selber durchbrechen. 

Etwas Hoffnung schenkt uns Petterson gegen Ende des Romans. Arvid wird von seinem besten Freund Audun angerufen, von dem er vergessen hatte, dass er sein Freund war. Und diesmal gelingt es Arvid zu reden.

Titel: Männer in meiner Lage, gebunden, 285 Seiten

Autor: Per Petterson 

Verlag: Hanser, 2019

ISBN 978-3-446-26377-2, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Nach einer Familientragödie wird Arvid von seiner Frau und seinen drei Töchtern verlassen. Er versinkt in Schwermut, Alkohol und Einsamkeit. Trauer, Seelenzustände, Familientragödien haarscharf beobachtet und nachhaltig-berührend beschrieben. 

Für wen: Männer in seiner Lage und Frauen in ihrer Lage.

Tee mit Pfauensandwich gefällig?

Ich habe das Jahr mit leichter Kost angefangen – zumindest literarisch. Eine Freundin hat mir ein Büchlein mit dem Titel „Der Pfau“ zukommen lassen. Keine Neuerscheinung, aber ein Roman, mit dem es sich gut auf einem Liegestuhl rumlümmeln lässt. Ich habe ihn in die Sauna mitgenommen – und es mir am Kamin wohlig warm sein lassen, während die Protagonisten des Romans im schottischen Winter mit den Zähnen klapperten.

Die Story werde ich nur in den Anfängen erzählen, um nicht schon die diversen Twists in der Geschichte zu verraten: In einem schottischen Tal betreiben Lady und Lord McIntosh eine Farm mit Übernachtungsmöglichkeiten. Auf dem weitläufigen Gelände der tierliebenden Schotten tummeln sich einige Tiere, unter anderem Pfauen. Einer der Pfauen greift plötzlich alles an, was blau leuchtet. Insbesondere mag er keine blau lackierten Autos. Doch genau mit einem blauen Fahrzeug fährt an einem Wintertag die Investmentbankerin Liz vor. Sie hat ein Teambildungs-Wochenende mit ihren vier Untergebenen geplant. Mit dabei sind Rachel, die das Seminar leiten soll, und die gewitzte Köchin Helen. Doch dann läuft nichts wie geplant. 

Keine aufregende Literatur, aber mit trockenem Humor erzählte Geschichte, die trotz der stillen Landschaft einiges an Aufregung in die schottische Landschaft bringt. Ich hatte beim Lesen stets einen Film vor Augen: Würde mich nicht wundern, wenn einer auf die Idee käme, daraus einen Unterhaltungsfilm mit Schottencachet fürs Abendprogramm zu produzieren. Die Charaktere sind simpel und wenig überraschend gestrickt: ein kauziger Lord mitsamt patenter Lady, eine unbelehrbare Banker-Chefin, vier unwillige bis zu willige männliche Kollegen, eine verunsicherte Seminarleiterin, überaus tüchtiges Hauspersonal etc.

Titel: Der Pfau, Roman, Paperback, 247 Seiten

Autorin: Isabel Bogdan

Verlag: Insel Taschenbuch, 2017, http://www.insel-verlag.de

ISBN 978-3-458-36297-5, Fr. 12.40/Euro 10.00

Kurzbeschrieb/Bewertung: Abgelegenes Herrenhaus im schottischen Highland: verschneit, verschnupft, verpackt, gerupft und verspiesen. Kann man lesen, muss aber nicht.

Für wen: Für alle, die von Weltproblemen nichts wissen wollen und denen grad nach harmlos ist.

Ein Mann, eine Wohnung, drei Frauen

Drei Frauen begegnen einem Mann namens Gil. Nicht alle auf einmal, sondern schön eine nach der anderen. Orna, die erste, ist nach ihrer Scheidung auf der Suche nach dem eigenen Selbstwert. Eine Internetplattform soll’s richten. Dort findet sie Gil: Rechtsanwalt, selbstbewusst, charmant und ein wenig geheimnisvoll. Da ist zum Beispiel seine altmodisch eingerichtete Wohnung. Mit der Zeit findet Orna etwas über Gil heraus, was ihr keine Ruhe lässt.

Gils nächste Eroberung Emilia ist eine heimat- und praktisch arbeitslos gewordene Lettin. Emilia putzt mit zunehmender Begeisterung Gils Wohnung und stösst dabei auf rätselhafte Zeitungsausschnitte.

Nummer drei heisst Chava. Sie begegnet Gil in einem Café. Anfangs sieht es so aus, als ob Gil nicht viel mehr von ihr möchte, als seinen morgendlichen Kaffee in ihrer Nähe zu trinken. Auch Chava zögert, sich auf Gil einzulassen: Sie schreibt offensichtlich an einer Arbeit, und ihr jetziges geregeltes Leben ist ihr wichtig. Welches genau ihre Tätigkeit ist, verschweigt sie Gil aus gutem Grund. Doch Gil sagt Sätze wie: „Die echte Intimität, die du plötzlich mit jemandem erlebst, den du vorher nicht gekannt hast und der sich dir jetzt nach und nach offenbart. Das ist doch das eigentlich Aufregende nicht?“ Welche Frau hört sowas nicht gerne? Chava jedenfalls lässt sich nach so einem Gespräch küssen.

Drei ist eigentlich eine Kriminalgeschichte. Auch ein Roman über die Verwundbarkeit von Frauen, die irgendwie aus ihrer Welt gefallen sind, sei es durch soziale oder familiäre Umstände. Einsamkeit und Unsicherheit sind die Schwachstellen von Orna und Emilia. Beide sind auf der Suche nach jemandem auf den sie sich verlassen können. Wenn Gil an den richtigen Rädchen dreht, hat er leichtes Spiel. Chava wiederum ist selber stark, doch auch sie sucht etwas. Alle drei Frauen werden von Gil belogen. Er mag es auch nicht, wenn man zuviel frägt. Dann geht er auf Reisen.

Der Roman spielt in Israel und ist – wie es der Titel schon nahelegt – dreiteilig aufgebaut. Jeder der drei Frauen gehört ein Teil des Buches, doch ihre Geschichten spielen immer auch in die Erlebnisse der anderen hinein, ohne dass sie sich gegenseitig kennen würden oder gekannt hätten. Um dies zu unterstreichen hat Dros Mishani die drei Teilstücke in unterschiedlichen Tempi verfasst: Orna, die Vergangenheit, Emilia die Gegenwart, Chava in Zukunft. 

Titel: Drei, Roman,  330 Seiten, gebunden

Autor: Dror Mishani, aus dem Hebräischen von Markus Lemke

Verlag: Diogenes, Zürich, 2019

ISBN 978-3-257-07084-2, Fr. 32.–/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Einsame Frauen auf der Suche nach einem passenden Mann. Und dann taucht einer auf: charmant, zärtlich und voller Verständnis. Zu schön um wahr zu sein. Die drei Frauen geraten in gefühlsmässigen Treibsand. Mehr sei hier nicht verraten.

Für wen: Passt gerade zum Dezember, wo nicht alles Gold ist was glänzt. Deshalb für alle, die gegen aussen Flitterkram verabscheuen, ihn aber im Innersten trotzdem verführerisch finden. 

Was sucht Max Frisch in der Küche?

Es gibt Köchinnen und Köche, bei denen wird jeder Abstecher in die Küche eine Weltreise. Es gibt Leserinnen und Leser, die benötigen keinen Koffer, um die Welt zu bereisen; eine anständige Bibliothek und eine bequeme Leseecke tun es auch. Nicole Giger aber verknüpft das eine mit dem anderen und scheint dabei jede Menge Spass zu haben. In ihrem Kochbuch Ferrante, Frisch und Fenchelkraut lässt uns die Foodbloggerin daran teilhaben. Der Blog von Nicole Giger heisst übrigens „magsfrisch“. Was schon viel über ihren Witz und ihre Vorlieben aussagt. Der Name magsfrisch ist auch in ihrem Buch Programm.

Ganz ehrlich: Ferrante, Frisch und Fenchelkraut – vor dem Titel schreckte ich erst einmal zurück, Alliteration hin oder her. Zum einen bin ich kein Ferrante-Fan (huch, und das bei der allgemeinen Begeisterung rundum!), Fenchelkraut kann mich auch nicht wirklich begeistern. Zwischen diesen beiden Max Frisch einzuquetschen, kam mir ziemlich frevelhaft vor. Nun, da ich das Buch durchgelesen habe, verzeihe ich aber Autorin und Verlag grosszügig und gerne: Zu witzig sind die Abstecher in die Weltliteratur und die Reisen der Autorin, zu „aamächelig“ die Bilder, die zu den Rezepten und Geschichten gehören. An Rezepten findet sich einiges, was man eigentlich kennt, aber so à la Giger abgewandelt dann doch noch nie gegessen hat. Ausprobieren!

Titel: Ferrante, Frisch und Fenchelkraut, Ich koche mich durch die Weltliteratur, 320 Seiten

Autorin: Nicole Giger

Verlag: at-verlag, www.at-verlag.ch

ISBN 978-3-03902-007-2, Euro 29.90/Fr. 36.90

Kurzbewertung: Literatur, Koch- und Reiselust mit viel Humor garniert in einem Buch versammelt. Macht Laune. 

Für wen: Das Weihnachtsgeschenk für Leute, die gerne lesen, gedankenreisen, lachen – kochen muss man nicht unbedingt. Es ist aber wahrscheinlich, dass man beim Lesen und Blättern Hunger bekommt und dann die Pfannen zu schwingen beginnt. 

„Darling, die Welt ist nicht tot, sie bietet Wunder“

Los Alamos ist winzig. Dieser Satz und zugleich Buchtitel des Schweizer Autors Dieter Zwicky mag bei einer Einwohnerzahl von rund 12 000 Personen durchaus stimmen. Dieter Zwicky schafft es jedoch, in diesem winzigen Los Alamos eine Einwohnergemeinschaft herbeizufabulieren, die an Seltsamkeit, Verschrobenheit und Rätselhaftigkeit ihresgleichen sucht. 

Eines vorweg: Los Alamos ist winzig lässt sich in keine der üblichen Buchkategorien einordnen. Dazu schreibt Dieter Zwicky zu eigenwillig. Was unter seiner Feder entstanden ist, ähnelt am ehesten ungehemmter, fast verzweifelter Erinnerungsarbeit: Dort wo die Präzision der Erinnerungsbilder nachlässt, übernehmen Phantasie, Fabulierkunst, Aberwitz und Assoziationen. So kommt eines zum anderen, bis am Ende keiner mehr weiss, was war und was auch noch hätte sein können. 

Den roten Faden in der Geschichte, so es denn eine Geschichte ist, halten die beiden Figuren Jacqueline und ihr Gefährte, der als Erzähler auftritt. Jacqueline arbeitet beim Wasseramt von Los Alamos. Abends sitzen die beiden Hauptfiguren auf ihrer windigen Terrasse, halten sich an ihren Chardonnay-Gläsern fest und lassen die Bewohner der Stadt in nostalgischer Stimmung Revue passieren, das Ganze vermischt mit Jugend-Erinnerungsfetzen aus dem liechtensteinischen Schaanwald. Ein Gedanke führt zum nächsten, schlägt Purzelbäume, macht poetische Überschläge, landet mit dem Fesselballon in einem Einkaufszentrum, rollt schwermütig mit dem Bus durch die Stadt ohne Zentrum oder paddelt in einem liechtensteinischen Ententeich. 

Titel: Los Alamos ist winzig, kartoniert, 135 Seiten

Autor: Dieter Zwicky 

Verlag: pudelundpischer Wädenswil, 2019

ISBN 978-3-906061-19-1, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Logik oder Stringenz sucht man in diesem Buch vergebens. Aber mit phantastischen Szenen und dichter Chardonnay-Atmosphäre wird man reicht beschenkt. Eine „Geschichte“ der anderen Art.

Für wen: Wagemutige. LeserInnen, denen es auch nach dem wiederholten Lesen eines Textes egal ist, zu keinem Schluss zu kommen.