Ein einig Volk von Nein-Sagern?

Dies wird ein Wut-Beitrag. Und eine Schelte. Nur damit Ihr es wisst, bevor ihr weiterlest. (Dies betrifft vor allem uns SchweizerInnen, es sind aber alle mitgemeint, die Abstimmen dürfen, aber nicht Mitdenken wollen; all jene, die lieber glauben und nachbeten, was ihnen Interessenvertreter vorkauen.)

Ich habe mich noch nicht vom Ergebnis der letzten Volksabstimmung erholt, bin immer noch entsetzt und zornig über die landesweite Kurzsichtigkeit, Kleinlichkeit und das Portemonnaie-Denken, da flattert mir ein Roman ins Haus mit dem Titel Der Tag, an dem die Männer Nein sagten

Thematisiert wird darin vordergründig die erste Schweizer Volksabstimmung über ein Frauen-Stimm-und-Wahlrecht am 1. Februar 1959. Hauptsächlich aber geht es um die Situation der Frauen zu jener Zeit. Im Ausland war das Stimm- und Wahlrecht den Frauen schon längst erteilt – in der Schweiz verweigerten die stimmberechtigten Männer den Frauen das Mithandeln und Mitbestimmen noch bis 1971. Eine nationale Schande. Doch sind an einer solchen nur die Männer schuld?

1959, meine lieben Schweizer Damen, waren es die Männer, die Nein sagten – 2021 hättet Ihr es in der Hand gehabt, die Zukunft mitzugestalten, Euern Mädchen, Buben, Enkeln eine Welt zu hinterlassen, in der es sich zu leben lohnt. Stattdessen geniesst Ihr euer gespritztes Gemüse, sauberes Trinkwasser kauft Ihr beim Grossverteiler in PET-Flaschen (was kümmern euch die Fische), ihr wollt statt saubere Luft euren SUV und billigst mit dem Flieger Weiss-der-Teufel-wohin – und die gesalzene Rechnung all dessen sollen eure Nachfahren zahlen.

Ihr hättet ein Zeichen setzen können, ihr hättet mutig sein können wie es eure Vorfahren waren, fortschrittlich, ein Vorbild für andere Länder. 

Stattdessen wart ihr kleinlich, kurzsichtig, habt euch beeinflussen lassen, habt euern Geldbeutel sprechen lassen statt Herz und Verstand. (Übrigens: Das Gemüse wird trotzdem teurer, die Hagelgewitter und Regengüsse haben nämlich auch etwas mit dem Klimawandel zu tun, den Ihr so konsequent nicht wahrhaben wollt. Und dass die Bauern, äh Fleisch- und Gemüseproduzenten, jetzt wieder am lautesten nach Entschädigungen schreien, wen überrascht’s?) 

Kurzsichtigkeit, Kleinlichkeit und Geiz-ist-geil-Mentalität sind wohl nicht nur bei Männern weit verbreitet. Wenn wir lieber landesweit aufgehängten Plakaten glauben, als selber zu denken, sollte man uns das Stimm- und Wahlrecht wohl besser verweigern. Wollen wir weiterhin Mitdenken und -handeln? Wenn man uns dereinst diese Frage vorlegen würde, was würden wir gesamtmehrheitlich wohl antworten. Ich befürchte ein Nein! 

Zurück zum Buch:

Die Autorin Clare O’Dea ist eine Irin, die schon lange in der Schweiz lebt. Dass sich eine Irin unserer beschämenden Geschichte annimmt, ist schon aussergewöhnlich, doch vielleicht braucht es gerade den Blick aus der Distanz, um diesem Thema etwas Neues abzugewinnen. Und tatsächlich geht es O’Dea weniger um die Geschichte dieses Neins als um die Frauen und ihre Situation im Land.

In ihrem Roman begegnen wir vier Frauen am Abstimmungssonntag. Vreni ist eine Bäuerin aus dem Freiburgischen, praktisch, zupackend und illusionslos. Ihr Mann wird gegen das Frauenstimmrecht stimmen. Heute fährt sie zu ihrer Tochter Margrit, die in der Stadt ein sogenannt freies Leben führt, aber doch ziemlich schutzlos der Macht ihres Chefs ausgeliefert ist. Dort lebt auch die Putzfrau Esther, der man ihren Buben weggenommen hat, weil sie alleinerziehend ist. Und dann ist da noch Beatrice, aus guter Familie, finanziell abgesichert und unverheiratet. Ihr kann so leicht keiner ans Bein pinkeln. Doch zu welchem Preis? 

Was mich am meisten erstaunt hat: Das Resultat der Abstimmung wird alle vier Frauen betreffen, doch es sind die Alltagprobleme, die bei allen mehr Gewicht haben. Das mag daran liegen, dass das Nein schon im Vorfeld der Abstimmung als wahrscheinlich gilt. Es bedeutet aber auch, dass die Frauen ihren Männern ihre Abwertung als einzig für Küche, Kinder, Kirche zuständig durchgehen lassen. Solche, die bestimmen, brauchen eben immer auch solche, die sich überstimmen lassen. 

Und das wird mein Motto für die nächste Abstimmung: Ich werde laut sein, ich werde sagen was ich denke. Ich werde mobilmachen.

Titel: Der Tag, an dem die Männer Nein sagten, Roman, 125 Seiten

Autorin: Clare 0’Dea, aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Barbara Traber

Verlag:  www.clareodea.com, 2021

ISBN 978-2-9701445-1-9, zu bestellen bei  The Fundraising Company Fribourg AG, Route du Grand-Pré 26, 1700 Fribourg

Das Buch ist gleichfalls in der englischen Originalfassung, aber auch in französischer oder italienischer Übersetzung erhältlich, Preis Fr. 18.–

Halt an für die Poesie!

Zwei Gedichtbände liegen auf meinem Schreibtisch und warten darauf, mich mit poetischen Bildern zu beglücken. Heute ist so ein regenschwerer Sommertag: Zeit mich in eine Decke einzuwickeln, in neue Bilder einzutauchen und mir eine belebende Portion Vitamin P zu holen.

Schneeschmelze: was für ein eigenartiger Titel für einen Gedichtband. Gedichtbände werden hierzulande in Auflagen von deutlich unter 500 Stück herausgegeben. Käufer von Gedichten sind rar: Wer kommt in dieser Situation die Idee, als Titel Schneeschmelze zu wählen. Klingt das nicht nach Saisonartikel? Wird das Büchlein nach April im Lager des Bücherladens verschwinden, dann wenn der Schnee seinen Weg ins Meer gefunden hat?

Schneeschmelze, ein Wort, das Hoffnung, Zukunft verspricht. Ein Wort, das von spriessendem Grün, vom Gurgeln von Bächen erzählt. Auch ein Wort des Wandels: vom Starren zum Fliessenden, vom Kalten zum Warmen, von der Stille in den Sturm. Und vice versa. Wobei der Wandel oft genug unmerklich vor sich geht, in der Natur genauso wie im Leben eines Menschen. «ich weiss/dass Spuren bleiben», schreibt Gisela Salge. Aus solchen Worten lässt sich Kraft schöpfen.

Wandlung

Dass ein Stein 

zur Blume wird 

so einfach 

wie Wasser 

zu Eis gefriert 

und schmilzt

Zur Blume

So einfach

Staunen, das kann Gisela Salge in ihrem neuen Gedichtband Schneeschmelze. Immer wieder staunen, wie sich alles wiederholt, das Gute wie das Üble, das Schöne genauso wie das Güllebraun vor dem Küchenfenster. Eine stille, tiefgründige Sammlung und keineswegs ein Saisonartikel. 

Titel: Schneeschmelze, Gedichte, 110 Seiten

Autorin: Gisela Salge 

Verlag:  Pro Lyrica Grundversorgung, 2021

ISBN 978-3-907551-66-0 Fr. 25.10

Lyrische Wundertüte zum Vierzehnten

Halt an für die Poesie ist eine Zeile aus Versnetze­_14. Seit Jahren schon bewundere ich Axel Kutsch, den mittlerweile 75jährigen Herausgeber der Versnetze-Reihe, für seinen ungebrochenen Einsatz für die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Jahr für Jahr erscheint unter seiner Leitung ein abwechslungsreicher Überblick über das Schaffen deutschsprachiger LyrikerInnen. 2000 Gedichte zu lesen und daraus eine Auswahl zu treffen: eine Arbeit, die man nicht genügend schätzen und noch weniger bezahlen kann. In Versnetze vertreten sind Namen, die man kennt und solche, von denen man bisher nach nie gehört hat. Kutsch, selber Dichter und regelmässig in unserer orte-Poesie-Agenda dabei, ist gleichfalls offen für das Schaffen von Mundartkünstlern und PoetInnen aus Österreich, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz, was ich ihm hoch anrechne. In Versnetze_14 ist selbst Finnland vertreten. Manfred Peter Hein, den Lyriker aus Finnland, möchte ich hier stellvertretend für alle Dichterinnen und Dichter zu Wort kommen lassen:

Augendunkel

Lichterscheinungen

Aus der Tiefe des Raums

Titel: Versnetze_14, Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, 345 Seiten

Herausgeber: Axel Kutsch 

Verlag:  Verlag Ralf Liebe, verlag-ralf-liebe.de, 2021

ISBN 978-3-948682-20-0, Euro 25.-

Trotzkopf erliegt Frauenheld

Gerade mag ich Romane ganz schön altmodisch: Lange verschachtelte Sätze, ausführliche Beschreibungen von Landschaften, Wetter und Menschen mitsamt ihrer Herkunft und allen Verwandtschafts- und sonstigen Beziehungen. Hängt ja alles mit allem zusammen und vermittelt Stimmung. 

Und wenn ich so nebenbei noch etwas Geschichtliches oder die Lebensumstände in anderen Zeiten erfahre, ist mein Leseglück vollkommen.

Da kommt mir die vom Kröner-Verlag neu herausgegebene Kristin Lavranstochter gerade recht. Erstmals veröffentlicht wurde die Trilogie um das aus Mittelnorwegen stammende Mädchen Kristin 1920. Die Autorin war Sigrid Undset, Schriftstellerin und 1928 Literatur-Nobelpreisträgerin.

Kröner legt eine Neuübersetzung aus dem Norwegischen vor. Erschienen ist bis jetzt Band I Der Kranz, die beiden weiteren Bände werden folgen.

Zur Story: Kristin wächst als behütete Tochter des stolzen Bauern Lavran Bjørgulvssohn und seiner Gattin Ragnfrid in Mittelnorwegen auf. Die Geschichte spielt im 14. Jahrhundert. Norwegen ist christanisiert, die alten Götter kommen noch in Geschichten und Liedern vor, der alte Glaube flackert wenn, dann im Verborgenen auf. Das Leben ist streng geregelt. Beten und arbeiten, ein gottgefälliges Leben führen. Die Frauen gehorchen ihren Vätern und Ehemännern. Ausschweifungen sind sündhaft. Man kennt sich und passt aufeinander auf.

Kristin wird mit Simon verlobt. Kristins Eltern sind von diesem Arrangement begeistert, doch die Verlobte findet ihren Verlobten reizlos. Dann begegnet sie dem Lebemann Erlend, der nicht lange zögert und die Klosterschülerin im Nullkommanichts verführt. In Kristin wächst der Widerstand gegen Simon und damit auch gegen ihre Eltern. Ihr Herz schlägt für Abenteuer und die grosse Liebe.

Ja, in diesem Roman werden Herzen gebrochen. Hier wird gelitten, getrotzt, gestritten. Mordgedanken werden gesponnen, Schwerter werden gezückt, Fluchten ausgedacht. Es wird gebeichtet und Sünden müssen gebüsst werden. Wenn nicht sofort, so bestimmt nach dem Ableben.

Die Geschichte hat mich in sich hineingezogen. Ich fand die Lebensumstände von Kristin und ihrer Familie höchst spannend, die Charaktere fein gezeichnet. Selbstverständlich ist mir bewusst: zwischen der Entstehung des Romans und der Zeit, in der er spielt, liegen mehrere hundert Jahre. Eine Darstellung Norwegens im 14. Jahrhundert und seiner Bewohner aus unserer Sicht kann demnach nur eine Annäherung sein. Sigrid Undset schaffte es aber, mich mit ihren Figuren frieren und hungern, mich aber auch an ihren Freuden, Arbeiten und Festen teilhaben zu lassen, so dass ein stimmiges Gesamtbild entstand. Ich freue mich schon auf Band II und III ­– sollte mir mal wieder mal ganz nostalgisch zumute sein. 

Titel: Kristin Lavranstochter, Der Kranz, Band I, Roman, gebunden, 383 Seiten

Autorin: Sigrid Undset, aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs 

Verlag: Alfred Kröner Verlag, 2021

ISBN 978-3-520-62101-6, Fr. 32.00/Euro 22.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Norwegen im 14. Jahrhundert. Kristin möchte nicht das von ihrem Vater für sie vorgesehene Leben als Gattin des seriösen, aber farblosen Simon, sondern verliebt sich in Erlend. Das in modernen Augen etwas zu fügsam geratene Mädchen verliert in Erlends Nähe Herz, Ehre und Verstand. Und setzt sich durch. Grosse Gefühle in dramatischer Landschaft. Schöne, alte Literatur zum Wiederlesen.

Für wen: Rebellinnen oder solche, die es gerne wären.

Wo sind die Unschuldslämmer geblieben?

Kürzlich habe ich gelesen, es sei fürs eigene Glück von Vorteil, immer wenn sich bei einer Sache der innere Kritiker nörgelnd meldet, sich diese Frage zu stellen: Wenn mir diese Sache gefallen würde, was genau würde mir daran gefallen? 

Ich habe ein Buch vor mir liegen, das meinen inneren Kritiker zu Nörgel-Höchstleistungen herausgefordert hat. Grund also, obige Strategie zu Rate zu ziehen. Zu erwähnen wäre, dass der Titel den Schweizer Literaturpreis 2021 gewonnen hat, was meinen inneren Kritiker aber gleichgültig lässt.

Ich spreche von Benjamin von Wyls Hyäne, Eine Erlösungsfantasie

Die Geschichte spielt zur Hauptsache in einer Stadt: sagen wir mal, es könnte Zürich sein. Drei Menschen steuern hier herum: Ein Unternehmensberater, ständig auf Droge, der seine Energie daraus zieht, alles und jeden zu verachten und möglichst viel Schaden in den beratenen Unternehmen anzurichten. Eine junge Frau, die ihr Studium nicht abgeschlossen hat, sich mit Jobs über Wasser hält und sich mit einem schwierigen Bruder und juckender Haut herumplagt. Eine andere junge Frau im Protestmodus gegen die Konsumgesellschaft, die nachts die Lebensmittelabteilung von Kaufhäusern verwüstet. 

Gefallen an diesem Roman hat mir: 

Die Art und Weise wie hier Individuen unserer Gesellschaft geschildert werden: als würde der Mensch sich ständig durch eine Kamera selbst beobachten. Der heutige Mensch als Selbstoptimierer, dessen stärkster Kritiker er selber ist. 

Der Autor hüpft in seinem Roman von einer Person auf die nächste, was die Unstetigkeit und Unruhe unterstreicht, die ja wohl auch der heutigen Gesellschaft entspricht.

Der Text hat einen geradezu unheimlichen Drive. Das entspricht dem Gefühl, das einen an der Züricher Bahnhofstrasse überkommt: überrannt zu werden. Von denen, die ihr Leben im Griff haben, von der Technik, von den Anforderungen, die an jeder Ecke an einen gestellt werden, von der eigenen Unlust auf das alles

Wo ich meine liebe Mühe hatte:

Die drei Hauptfiguren erzählen stets in der Du-Form von sich und dies auch noch in einer Sprache, die es schwer macht, sie voneinander zu unterscheiden. Immerhin ist das Schriftbild bei jeder Figur anders, so dass man nach einer Weile den Dreh beim Lesen draushat. 

Als Du von sich selber zu sprechen, verstärkt den Eindruck der Selbst-Entfremdung. Doch zumindest für die Figur des narzisstischen Firmenberaters hätte ich eher ein grosses Ich erwartet. 

Viele Textstellen erschliessen sich mir einfach nicht. Sei es, weil mich die Phantasie des Autors entweder verwirrt oder nicht mitnimmt, sei es der vielen Brocken Englisch wegen oder einer Sprache, die wohl besonders „in“ klingen soll. Was zum Beispiel ist ein Slopestyle-Leben? Musste ich nachschauen: ein Leben auf der Überholspur. Und was muss man sich unter einer Sexuelle-Belästigung-Panda-Party vorstellen? 

Mein Fazit: Wohl kein Buch für mich.

Titel: Hyäne, eine Erlösungsfantasie, Roman, gebunden, 198 Seiten

Autor: Benjamin von Wyl 

Verlag: lector books, 2020

ISBN 978-3-906913-23-0, Fr. 26.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Eine etwas verwirrende Geschichte, die wohl in eine Zeit passt, in der alles ein bisschen „zunderobsi“ ist, hoffnungslos und feindlich. Drei Menschen schlagen sich durch den Städtedschungel auf der Suche nach Man-Weiss-nicht-was. Am Ende schlägt die Natur zu, was dann die versprochene Erlösung sein soll. Die hingegen ist so verwirrend wie der der Rest des Romans. 

Für wen: Hochrisiko-LeserInnen, Überlebenskünstler, Fantasie-Phantasten.

Wer macht den besten Gammelhai?

Ein humorvoller Blick auf das menschliche Zusammenleben an einem abgelegenen Ort, gepaart mit philosophischen Gedanken eines Protagonisten, der in seinem isländischen Dorf wegen seiner intellektuellen Schlichtheit und seines Gammelhais bekannt ist: Dies ist Kalmann, der bei Diogenes erschienene Roman von Joachim B. Schmidt.

Schmidt erzählt aus der Sicht von Kalmann Òdinsson. Kalmann lebt allein im Haus seines Grossvaters im Fischerdorf Raufarhöfn, das ganz im Norden Islands liegt. Der Ort hat schon bessere Zeiten gesehen. Wer kann, lebt lieber anderswo. Ausser Kalmann. Für ihn ist Raufarhöfn genau richtig: Hier spielt er Dorfsheriff, in der Umgebung geht er auf die Jagd, im Hafen liegt sein Boot, mit dem er hinausfährt, um Grönlandhai zu fangen. Hier steht auch die Bude, in welcher er den besten Gammelhai Islands fabriziert. Das einzige was Kalmann zu seinem Glück noch fehlt, ist eine Frau. Doch Frauen sind rar in Raufarhöfn. Immerhin hat Kalmann einen richtigen Freund. Der ist zwar ein Sonderling wie Kalmann selbst, kommt aber in Computerdingen draus wie kein anderer.

Doch dann passiert etwas: Kalmann ist auf der Fuchsjagd und findet eine grosse Blutlache im Schnee. Der Dorfkönig Robert McKenzie ist und bleibt verschwunden. Ist etwa ein Eisbär von Grönland nach Island geschwommen und hat Robert aufgefressen?

Der Autor spielt in Kalmann mit Krimielementen, die zwar die Handlung vorantreiben, aber ohne dieHauptrolle zu übernehmen. Die gehört auf jeden Fall der Figur Kalmann. Man ist sich bei ihm nie sicher, ist er so naiv wie er daherkommt, nämlich mit Sheriffstern und – ungeladenem – Revolver, oder doch schlauer, als es die Polizei erlaubt. Kalmanns schulische Leistungen mögen bescheiden gewesen sein, doch er hat seinem Grossvater gut zugehört und weiss deshalb, wie man durchs Leben kommt. Gut, das mit der Impulskontrolle funktioniert nicht immer, vor allem dann nicht, wenn man mit Kalmann zu laut spricht. Aber ansonsten hat Kalmann das Leben im Griff.

Wunderbar, welch herrlich normal-schräge Figuren Schmidt in seinem Roman auftauchen lässt: Da wäre zum Beispiel Bragi, der Dichter, der mehr zu wissen scheint über das Verschwinden von Robert McKenzie. Oder die Plaudertasche Magga, mit der eine Autofahrt nach Húsavík ganz schön anstrengend wird. Oder die Polizistin Brina, in deren Nähe es Kalmann nicht recht wohl ist, obwohl sie ihn fasziniert. Oder die Litauer, eine Gruppe von Gastarbeitern, bei denen sich jeder fragt, was genau sie in den isländischen Norden verschlagen hat. Beschrieben wird dieser Mikrokosmos in einer Sprache, die zur Gedankenwelt von Kalmann passt: Geradeheraus, schlicht, gewitzt.

Titel: Kalmann, gebunden, 350 Seiten

Autor: Joachim B. Schmidt 

Verlag: Diogenes, 2020

ISBN 978-3-257-07138-2, Fr. 32.00/Euro 22.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Raufarhöfn mag zwar weit weg von allem sein, aber es ist doch mitsamt seiner Einwohnerschaft ziemlich von dieser Welt. Dies die Kürzestfassung von Kalmann, einem humorvoll-abgründigen Roman, in dessen Mittelpunkt ein Grönlandhaifischer steht, der es vom Dorforiginal zum Fernsehstar und schliesslich zum Retter einer Staatsbeamtin bringt. 

Für wen: Dass man Gammelhai mag, ist keine Vorbedingung, diese Geschichte ein reines Vergnügen zu finden.

Fenstertest bestanden

Mein Brot back ich gerne selber. Die Vorstellung, dass in einem Brot noch andere „Zutaten“ sind als Mehl, Wasser, Hefe, Salz – Aromazutaten wie Oliven & Co. ausgenommen – ist mir ein Gräuel. Da halte ich es wie die Bayern mit ihrem Bierreinheitsgebot. Brot soll schmecken wie anno dazumal, als ich als Erstgix die Kellertreppe zu einer winzigen Bäckerei hinunterstieg, von wo ein himmlischer Geruch herkam und ein kleiner, alter Mann Wecken aus dem Ofen zog.

Ein Haushaltbackofen ist kein Profigerät. Deshalb ist das mit dem Zu-Hause-Brot-Selberbacken so eine Sache. Das Ergebnis ist oft nicht so chüschtig wie beabsichtigt und die Krume auch nicht ganz so locker, wie in der Vorstellung. Judith Erdin, die in ihrem Erstberuf Bäckerin gelernt hat, ist der Sache auf den Grund gegangen. Sie hat mit ihren Rezepten so lange getüftelt, bis das Ergebnis ihren Ansprüchen genügte. Mit ihren Rezepten lässt sie uns aber nicht allein. Mindestens so hilfreich sind ihre Tipps, worauf beim Kneten, Formen und der Teiggare zu achten ist. Bis anhin hatte ich noch nie vom Fenstertest gehört. Jetzt aber kommt mir kein Brotteig mehr zum Einsatz, der diesen nicht besteht (Roggen ausgenommen). 

Liebe Judith Erdin, ich bin heute Nachmittag in der Küche gestanden, habe mit klebrigen Fingern Wurzelbrotteig verarbeitet, habe fleissig den Fenstertest gemacht, habe Ruchbrot und Zopf aus dem Ofen gezaubert, die aussehen und duften, als hätte ein Profi auf seine Allerweltsfertigmischungen verzichtet und mal wieder richtig backen wollen. Aber da liegt mein Werk und ich schaue voller Stolz auf meine Auswahl an Backwaren.

 Auf meinem Einkaufszettel steht nun „Malzextrakt“  „Teighörnchen“, „Sprühflasche“ und „Brotbackstein“. Sie sehen, ich meine es ernst. Ob es sich dabei um lebensnotwendige Artikel handelt, weiss ich nicht. Notfalls muss ich die nächsten Corona-Wochen noch ohne diese Sachen auskommen. Die ersten Erfolge, die ich auch ohne diese Hilfsmittel verzeichnen konnte, sind jedenfalls vielversprechend. 

Dies ist mein Brief, den ich der Autorin des Buches schreiben würde, würde ich ihre Adresse kennen. 

Zum Aufbau des Buches:

Erdin arbeitet mit 14 Grundrezepten, aus denen sie jeweils drei Abwandlungen zaubert. So werden aus dem Huusbrot-Grundteig beispielsweise ein Vollkornkranz oder Safranbrötchen, aus dem Kreuzbrotteig kann man ebensogut ein Oliven-Wurzelbrot  oder Sandwichbrötchen backen. Der vordere Teil des Buches ist der Backtheorie gewidmet. Es lohnt sich auf jeden Fall, diesen zu lesen und zu verinnerlichen. Das bisschen Bäckerlatein macht Spass und wird in den Backergebnissen zeigen.

Übriges ist Judith Erdin auch Bloggerin: http://www.streusel.ch

Titel: Dein bestes Brot, Backen wie ein Profi, 190 Seiten

Autorin: Judith Erdin 

Verlag:  AT Verlag, www.at-verlag.ch, Aarau 2021

ISBN 978-3-03902-104-8, Fr. 36.90/ Euro 29.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Knusprige Kruste, luftige Krume. So wollten Sie immer schon Brot backen. Tipps aus der Profibackstube und Rezepte, die auch im Haushaltbackofen gelingen. 

Für wen: Für alle Knet-Schwestern und Teiglinge, Knuspermäuse sowie Stück-/ Stockgarer.

Lieber ein Pferd als einen Mann

Mein Lesejahr habe ich mit einfacher Kost beginnen wollen. Das ist, zumindest was das Lesen als solches anbelangt, gelungen. Bei der Stoffauswahl hätte man durchaus Leichteres gefunden. Die Liebe im Ernstfall von Daniela Krien ist was der Titel verspricht: eine ernste Sache. Im Mittelpunkt eine Handvoll Frauen und ihre Wechselfälle in Sex und Liebe. 

Paula hat ein Kind verloren und die Ehe mit Ludger geht in die Brüche. Das liegt nicht nur am gemeinsamen Verlust. 

Die Ärztin Judith sucht sich ihre männlichen Kontakte im Internet nach Matching-Points aus. Freundschaften mit Männern dauern bei ihr nie lange. Da ist ihre Beziehung zu Pferden langlebiger. 

Ihre Freundin Brida hat das grosse Liebesglück gefunden. Sie hat zwei Kinder und einen Mann, der sie innig liebt. Alles in Butter? Denkste. Als moderne Frau hat sie andere Vorstellungen von sich. 

Malika und Jorinde sind ungleiche Schwestern. Erstere ist Schauspielerin auf dem Weg zum beruflichen Erfolg, letztere schlägt sich als Geigenlehrerin durch. Malikas einzige Beziehung zu einem Mann endete in einem Nervenzusammenbruch. Jorinde hat sich einen Narzissten erster Güte geangelt. 

Fünf Frauen mittleren Alters im Spannungsfeld von Bedürfnissen, Erwartungen, gesellschaftlichen Normen, beruflichen Herausforderungen, sexuellen Begierden und – als wäre das nicht schon genug – Partnerschaften, die „nicht bringen“, was sie versprachen. Daniela Krien verbindet die fünf Frauenschicksale mit einem lockeren, aber etwas gekünstelt wirkenden Band: Man kennt sich, zur Not auch über fünf Ecken. 

Seltsamerweise beschäftigt mich von den fünf Frauen Judith am stärksten. Daniela Krien schuf mit ihr eine unterkühlte Figur, die sich die professionelle Nüchternheit, mit der sie ihren Beruf als Ärztin angeht, auch in ihrem Privatleben zu eigen gemacht hat. Leidenschaft lebt sie auf dem Pferdehof aus. Männer wählt sie nach Kriterien aus, die sie auch bei der Wahl eines Pferdes hernehmen würde. In Beziehungen zu Männern bringt sie sich gerade so weit ein, dass der jeweilige Auserkorene nicht in den ersten fünf Minuten davonrennt. Wer ihren analytischen Verstand nicht aushält, erntet beissenden Spott. Für Judith ist das Internet der Raum, wo sie sich nach Männern umschaut:

„Sie macht sich einen Salat, dann loggt sie sich ein und schaut nach den neuesten Partnervorschlägen. Ihren nächsten Geburtstag möchte sie nicht allein verbringen.“

Doch selbst Judith, die nichts und niemanden an sich heranlässt, nicht einmal das Kind, das in ihr zu wachsen beginnt, sieht sich angesichts eines offensichtlich glücklichen Paares mit Neidgefühlen konfrontiert. Dagegen scheint selbst ein analytischer Verstand nicht gefeit zu sein. Immerhin scheint mir Judith der ehrlichste Charakter unter den fünf zu sein. Und sie hat Witz.

Sollen diese Frauen das Abbild einer modernen, städtischen Gesellschaft sein? Zerrissen zwischen eigenen und fremden Ansprüchen. Frauen, die alles wollen: einfach zu handhabende Kinder, einen Mann, der sie auf Händen trägt, einen erfüllenden Beruf, Anerkennung, Wahnsinnssex und – unbedingt – Glück. Wo zum Teufel, frage ich mich, kommt eine solche Anspruchshaltung her? 

Dass Glück von innen und nicht von aussen kommt, beweisen am Ende die beiden Schwestern Malika und Jorinde, womit dieses Buch immerhin mit einem Hoffnungsschimmer endet. 

Für den Jahresanfang dürfte dies Erkenntnis genug sein.

Titel: Die Liebe im Ernstfall, Roman, 286 Seiten, Paperback

Autorin: Daniela Krien

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-24547-9, Fr. 30.–/Euro 22.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Aufstehen, Krönchen zurechtrücken, ist das Motto von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie verlangen viel vom Leben, und dieses verlangt viel von ihnen. Die Sorgen und Nöte von Frauen in unserer modernen Gesellschaft. Manchmal wünschte ich mir mehr Lockerheit und Humor in diesem Roman, denn damit lässt sich der Ernstfall am ehesten aushalten.

Für wen: Für alle, die sich fragen, wo und wann wir die Freude am schlichten Sein verloren haben.

Lest ihr noch oder kollert ihr schon?

Auf meinen Aufruf hin, mir doch bitte Vorschläge mit Büchern zu liefern, hat sich der Posteingang nicht gerade überschlagen. Es geht euch doch hoffentlich nicht wie mir? Ihr lest doch noch, oder habt ihr auch den Corona-Koller? Es wird doch noch wirklich gute, nachhallende Bücher geben?

Letztere Frage stelle ich mir hin und wieder.

Immerhin ein paar Vorschläge sind eingetroffen. Ich möchte es nicht unterlassen, sie euch vorzulegen.

Hier die Liste:

Drachensaat, Jan Weiler

Aufzeichnungen eines Serienmörders, Young-Ha Kim

Homeland Elegie, Ayad Akthar

Streulicht, Deniz Ohde

Der Bandoneonspieler, Vincenzo Todisco

Und von mir kommt auch noch ein Vorschlag.

Die Geschichte der Belagerung von Lissabon, José Saramago.

Das Buch ist zwar nicht neu, aber reinstes sprachliches Vergnügen, für alle, die es ausschweifend, abschweifend und überhaupt schweifend mögen. Wenn ihr jetzt an den Morgenstern denkt, liegt das aber nicht am Buch, sondern an der Jahreszeit.

Habt ihr noch weitere Ideen? Dann her damit. daswortzumbuch@gmx.ch oder die Kommentarspalte auf der Blogseite sind offen und vermögen einiges zu fassen.

Ich grüsse alle da draussen. Tragt euch und anderen Sorge und bleibt gesund und lesefreudig.

Poesie-Agenda wartet auf Dich

Sicher habt ihr es schon festgestellt: Ich mache gerade sowas wie eine Pause vom Lesen. Zum einen liegt es an den Büchern, die vor mir liegen und so gar keinen Spass machen wollen, zum anderen bin ich in einem geistigen Lockdown, den ich mit Weihnachtsguetzlibacken, Netflixen und Stricken zu überbrücken versuche. Ob das was wird?

Für euch habe ich aber dennoch etwas. Ich verschenke fünf kultige orte Poesie-Agenden für das kommende Jahr. Was ihr dafür tun müsst:

Schickt mir einen Buchtipp. Gesucht ist er Titel von Büchern, die ich unbedingt lesen sollte. Auf dass mein geistiger Lockdown bald ein Ende hat …

Eure Mail geht an folgende Adresse: daswortzumbuch@gmx.ch.

Die ersten fünf Einsender/Einsenderinnen werden bald eine Poesie-Agenda 2021 in den Händen halten. Vergesst eure Anschrift nicht. Achtung, fertig, los….

Zwei junge Iren im Irrgarten der Gefühle

Erwachsenwerden und zu sich selber und zueinander Finden ist auch im 21. Jahrhundert schwierig. Davon erzählt Sally Rooney in Normale Menschen.

Marianne liebt Connell so sehr, dass sie schlichtweg alles für ihn tun würde. Connell ist es aber wichtiger, bei seinen Schulkollegen gut dazustehen. Doch obwohl Marianne als sonderlich gilt, kann Connell nicht von ihr lassen. Mit niemandem sonst versteht er sich so gut wie mit ihr. Und der Sex mit Marianne ist auch nicht schlecht. 

Am College in Dublin ist plötzlich Connell der Aussenseiter, während Marianne offensichtlich beliebt ist. Beide versuchen es mit Liebschaften. Doch auch jetzt noch können die beiden weder mit- noch ohne einander. Auf ihre intensiven Zusammenkünfte folgt auf den Fuss Ernüchterung.

In diesem Roman ist Magie: Erzählmagie, Erste-Liebe-Magie und die Magie einer tiefen Verbundenheit. In diesem Roman ist aber ebensoviel Trauer: die Trauer derjenigen, die letztlich immer allein stehen; derjenigen, die unverstanden und beiseite geschoben werden; jene des Nicht-Genügens und des ewigen Missverstanden-Werdens. Sally Rooney packt all diese Dinge subtil zwischen ihre beinahe sachlichen Zeilen. Beispielsweise in Dialogen, in denen mehr ungesagt als ausgesprochen wird. 

Das klingt dann so:

Liebst du ihn?, fragt Connell.

Ihre Hand verharrt auf der Kühlschranktür.

Das passt so gar nicht zu dir, dich für meine Gefühle zu interessieren, Connell, sagt sie. Ich dachte irgendwie, diese Sachen wären zwischen uns tabu, muss ich sagen.

In Ordnung. Okay.

Er reibt sich wieder den Mund, wirkt jetzt unaufmerksam. Dann senkt er die Hand und sieht aus dem Küchenfenster.

Sally Rooney erzählt uns das Schweigen. Genau dies scheint mir ihre Stärke zu sein und gibt ihrem Roman Wucht und Ausdruckskraft.

Titel: Normale Menschen, Roman,  317 Seiten, gebunden

Autorin: Sally Rooney, aus dem Englischen von Zoë Beck

Verlag: Luchterhand, 2020, 

ISBN 978-3-630-87542-2, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Irische Romeo und Julia 2011-2014. Zwei die sich magnetisch anziehen und wieder abstossen. Der Roman brilliert durch seine nüchterne Sprache, mit Zwischentönen, welche die Verzweiflung der Protagonisten fühlbar machen.

Für wen: Alle, die schon mal unglücklich verliebt waren.