Minirock und Studium ausgetauscht gegen Kopftuch und Koran

In den Achtziger-Jahren ist Nadschwa fast schon erwachsen. Sie lebt mit ihrer Familie in Karthum, führt ein privilegiertes Leben, studiert ein bisschen und ist sonst nur an ihren Vergnügungen interessiert. Es gibt einen Umsturz und Nadschwa verliert nach und nach alles: Vater, Mutter, Bruder, Freunde, Heimat, sozialen Status, Studium. Schliesslich arbeitet sie in London als Dienstmädchen. Dort lernt sie den wesentlich jüngeren Tâmer kennen, der es sich in den Kopf setzt, sie heiraten zu wollen. Nadschwa ist versucht ihm nachzugeben.

Soweit die Geschichte „Minarett“  von Leila Aboulela in Kürzestform. Diese Zusammenfassung lässt aber alles aus, was sich hinter der Story verbirgt und zu heissen Diskussionen führen dürfte. Denn die Autorin führt ihre Hauptfigur hin zu einem religiösen Erwachen. Religion, insbesondere der Islam, ist eines der grössten Reizthemen überhaupt. Die Protagonistin Nadschwa ist zwar prowestlich und kaum religiös aufgewachsen, fühlt sich aber in London mehr als verloren. Vom Charakter her möchte ich sie als eher naiv, ehrgeizlos und mässig intelligent, wenn auch liebenswert und menschlich beschreiben. Halt findet sie schliesslich in der Gemeinschaft ihrer Moschee und im Glauben. Hier lernt sie, worauf es ankommt: Menschen, die einander zugetan sind und sich helfen; Regeln, die Leitplanken setzen.

Wer bei diesem provokanten Setting einen roten Kopf bekommt, sollte sich die Frage stellen: Wohin hätte sich Nadschwa wenden sollen, wenn nicht in die Geborgenheit einer ihr vertrauten Welt? Welche Angebote ihrer neuen Heimat wären ihr sonst offen gewesen? Ein Bridgeclub, ein Gym, Pferderennen, Museumsbesuche? Gewiss, alles im Bereich des Möglichen, aber für eine junge, orientierungslose, sozial abgestiegene Migrantin kaum eine Alternative. Nadschwa jedenfalls empfindet ihren neuen Glauben als Befreiung und Hort der Sicherheit.

Ob aber die Hinwendung zur Religion (und hier meine ich zu Religion jedweder Art) wirklich frei macht, diese Frage sollte man sich trotzdem stellen. Tatsache ist, dass wo ein Leben aus den Fugen gerät, der Mensch empfänglich ist für Glaubensdinge und Einflussnahme von aussen. 

Leila Aboulela erzählt die Story aus der Sicht von Nadschwa. Zu Beginn ihrer Geschichte (Khartum, 1984/85) finden wir ein unbekümmertes, schäkerndes Mädchen im Minirock voller Hoffnungen auf ein erfülltes Familienleben – am Ende (London, 2004) eine verschleierte, alleinstehende Frau, die sich auf den Haddsch vorbereitet, auf den sie sich bald begeben wird. Das Geld dafür hat sie sich mit einem gebrochenen Herzen „verdient“. 

Titel: Minarett, Roman,  340 Seiten, gebunden

Autor: Leila Aboulela, aus dem Englischen von Irma Wehrli

Verlag: Lenos, Basel, 2020, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-03925-005-9, Fr. 32.–/Euro 24.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Migration und sozialer Abstieg bewegen eine junge Frau aus dem Sudan, sich dem Islam zuzuwenden. Sie findet darin Heimat. Gewagtes Thema, unverbogen, mehrschichtig.

Für wen: Migration und deren Auswirkungen auf den Einzelnen geht wohl alle etwas an.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

Ein Gedanke zu “Minirock und Studium ausgetauscht gegen Kopftuch und Koran”

  1. Dieses Buch werde ich lesen. Leila Aboulela ist ein sicherer Wert und das Thema ist doch hoch interessant, auch für jemanden, der mit Religion selber nichts anfangen kann.

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