Amerika, armes Amerika – oder: Wo Rassenhass gedeiht, wächst kein Gras mehr

Wir hören und sehen es in den Nachrichten: Afroamerikaner sind auch im 21. Jahrhundert Bürger zweiter Klasse. Wir hören von Misstrauen, Gewalt, Vorurteilen, Chancenungleichheit, fehlendem Unrechtsbewusstsein, überzogenen Polizeieinsätzen etc. Der Graben zwischen den Rassen in den USA scheint unüberbrückbar.

Hat Colson Whitehead 2017 mit Underground Railroad versucht, die Geschichte des amerikanischen Südens und seiner Haltung zur Sklaverei anhand einzelner Sklavenschicksale aufzuarbeiten, so veröffentlicht nun Jesmyn Ward mit Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt einen Roman, der sich mit der Rassenproblematik im heutigen Amerika befasst. Der Roman spielt im Bundesstaat Mississippi. Sicherheit für Schwarze, soviel wird im Laufe von Wards Buch deutlich, gibt es nicht. Sicherheit ist etwas – geht man vom Gefühl aus, den Yesmin Wards Erzählung vermittelt –, das Afroamerikaner gar nicht kennen können. Nicht draussen vor der eigenen Türe, und oft genug auch nicht hinter dieser. Zu tief sind die Narben, die Sklaverei und Rassentrennung hinterlassen haben und immer wieder neu aufreissen. Was daraus erwächst ist verheerend.

Jesmyn Ward berührt mit diesem Roman ein weiteres Thema, das nicht nur Amerika betrifft: Das Aufwachsen von Kindern in einer unguten Umgebung. Kinder mit Eltern, die mit ihrem eigenen Leben nicht klarkommen. Familien, wo Schläge und Vernachlässigung an der Tagesordnung sind. Familien, die jeden Augenblick auseinanderzubrechen drohen. Die zwei Hauptfiguren aus Wards Roman, der 13jährige Jojo und sein Schwesterchen Kayla, klammern sich verzweifelt aneinander und lernen schnell erwachsen zu werden, allerdings in der Gewissheit, dass auch Erwachsen-Sein kein Zuckerschlecken ist.

Die Autorin beschreibt uns die Familie von Red River. Red River wurde in jungen Jahren zusammen mit seinem Bruder in das – berüchtigte – Gefängnis Parchman gebracht. Er hat Jahre dort verbracht, sich den unmenschlichen Bedingungen gebeugt und nebenbei versucht, auf Richie aufzupassen, einen Zwölfjährigen, der wie er wegen einer Nichtigkeit im Gefängnis landete. Red River erzählt seinem Enkel Jojo oft aus dieser Zeit. Red erzählt aber nie die ganze Geschichte, doch Jojo ahnt, dass da noch mehr war.

Jojo wächst im Haus seiner Grosseltern auf. Die familiäre Situation ist beklemmend: Jojos Mutter Leonie ist drogensüchtig und unfähig, sich um ihre beiden Kinder zu kümmern, sein weisshäutiger Vater Michael sitzt im Gefängnis, seine Grossmutter liegt im Sterben. Die Verantwortung für Kayla liegt in den Händen von Jojo. Grossvater Red versucht so gut es geht, den beiden Geschwistern Halt zu geben.

Jesmyn Ward gibt den verschiedenen Familienmitgliedern eine eigene Stimme und lässt sie ihre Sicht der Dinge darstellen. Das führt zu einer Unmittelbarkeit, der man sich als Leser nicht entziehen kann. Plötzlich sehen wir Leonie nicht nur als verantwortungslose Drogensüchtige, die ihre Kinder im Stich lässt. Sie ist trotz allem ein Mensch voller Liebe und Hingabe, wenn auch in sich zerrissen und überfordert. Jederzeit droht sie in einem Meer aus Trauer um ihren ermordeten Bruder Given zu ertrinken. Wir verstehen, weshalb Leonie geworden ist, wie und was sie ist: ein junges menschliches Wrack, das selten das Richtige tut, meist „Dinge kaputtmacht“.

Die Autorin verwendet einen Kunstgriff, um auch die Toten zu Wort kommen zu lassen. Jojo und Kayla sind hellsichtig, sie können Geister sehen und mit ihnen sprechen. Vögeln gleich sitzen die Geister von Verstorbenen auf Ästen. Sie gemahnen damit an all jene, Frauen, Männer, Kinder, die dem Furor des Rassenhasses nicht entkamen und ihr Leben an Bäumen aufgeknüpft lassen mussten. Als Geistervögel sehnen sie sich über das grosse Wasser heimwärts zu fliegen. In den Sequenzen, in denen Ward diese ruhelosen Ahnen beschwört, bringt sie das kulturelle Erbe der Protagonisten zum Klingen. Und wir erfahren auch, welch grausames Ende die Geschichte von Red und Richie nahm.

Titel: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt; Roman, gebunden

Autorin: Jesmyn Ward, aus dem Englischen von Ulrike Becker

Verlag: Kunstmann, https://www.kunstmann.de/

Kurzbewertung: Der dreizehnjährige gemischtrassige Jojo wächst in Mississippi bei seinen Grosseltern auf. Frühzeitig wird er unter harten familiären Bedingungen erwachsen. Ein Buch, das von der Liebe spricht, aber auch vom Sterben, von Rassengewalt und Drogen. Idylle ist anderswo. Plastisch und liebevoll erzählt. Eine Geschichte zum Mitfühlen und -leiden.

Für wen: Wie lebt es sich als afroamerikanische Familie im Süden der USA heute? Wer Antwort auf diese Frage sucht, erhält mit diesem Buch ein schmerzhaft-berührendes Beispiel.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

2 Gedanken zu „Amerika, armes Amerika – oder: Wo Rassenhass gedeiht, wächst kein Gras mehr“

  1. Dein Kommentar ist derart intensiv, verschafft mir ein vielschichtiges Bild, als hätte ich das Buch gerade eben selbst gelesen. Schmerzhaft…

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