Tee mit Pfauensandwich gefällig?

Ich habe das Jahr mit leichter Kost angefangen – zumindest literarisch. Eine Freundin hat mir ein Büchlein mit dem Titel „Der Pfau“ zukommen lassen. Keine Neuerscheinung, aber ein Roman, mit dem es sich gut auf einem Liegestuhl rumlümmeln lässt. Ich habe ihn in die Sauna mitgenommen – und es mir am Kamin wohlig warm sein lassen, während die Protagonisten des Romans im schottischen Winter mit den Zähnen klapperten.

Die Story werde ich nur in den Anfängen erzählen, um nicht schon die diversen Twists in der Geschichte zu verraten: In einem schottischen Tal betreiben Lady und Lord McIntosh eine Farm mit Übernachtungsmöglichkeiten. Auf dem weitläufigen Gelände der tierliebenden Schotten tummeln sich einige Tiere, unter anderem Pfauen. Einer der Pfauen greift plötzlich alles an, was blau leuchtet. Insbesondere mag er keine blau lackierten Autos. Doch genau mit einem blauen Fahrzeug fährt an einem Wintertag die Investmentbankerin Liz vor. Sie hat ein Teambildungs-Wochenende mit ihren vier Untergebenen geplant. Mit dabei sind Rachel, die das Seminar leiten soll, und die gewitzte Köchin Helen. Doch dann läuft nichts wie geplant. 

Keine aufregende Literatur, aber mit trockenem Humor erzählte Geschichte, die trotz der stillen Landschaft einiges an Aufregung in die schottische Landschaft bringt. Ich hatte beim Lesen stets einen Film vor Augen: Würde mich nicht wundern, wenn einer auf die Idee käme, daraus einen Unterhaltungsfilm mit Schottencachet fürs Abendprogramm zu produzieren. Die Charaktere sind simpel und wenig überraschend gestrickt: ein kauziger Lord mitsamt patenter Lady, eine unbelehrbare Banker-Chefin, vier unwillige bis zu willige männliche Kollegen, eine verunsicherte Seminarleiterin, überaus tüchtiges Hauspersonal etc.

Titel: Der Pfau, Roman, Paperback, 247 Seiten

Autorin: Isabel Bogdan

Verlag: Insel Taschenbuch, 2017, http://www.insel-verlag.de

ISBN 978-3-458-36297-5, Fr. 12.40/Euro 10.00

Kurzbeschrieb/Bewertung: Abgelegenes Herrenhaus im schottischen Highland: verschneit, verschnupft, verpackt, gerupft und verspiesen. Kann man lesen, muss aber nicht.

Für wen: Für alle, die von Weltproblemen nichts wissen wollen und denen grad nach harmlos ist.

Verloren im schottischen Hochland

Ava reist vom beschaulichen Bodensee ins deutlich rauere Schottland, um eine Entscheidung zu treffen: Für oder gegen ein Kind, für oder gegen ihren Freund Paul. 

Doch wer ist Ava? Weiss Ava überhaupt selber, wer sie ist? Im Roman Wild wie die Wellen des Meerestritt sie erst einmal als kapriziöse, eigenbrötlerische Studentin auf. 

Ich gebe es zu: Ich mag die Hauptfigur in diesem von Anna Stern geschriebenen Roman nicht besonders. Lange war ich versucht, das Buch einfach wegzulegen. Ich möchte aber nichts rezensieren, was ich nicht fertiggelesen habe. Also tapfer weiter im Text. Siehe da, so ab der Mitte des Romans nimmt die Story an Fahrt auf und am Ende war ich fast versöhnt mit der Geschichte und ihrer Protagonistin.

Es dauerte seine Zeit, bis ich einigermassen aufgedröselt hatte, wer von den Figuren wer ist und wer mit wem wie in Verbindung steht. 

Der Roman ist ordentlich kompliziert aufgebaut: Anna Stern erzählt die Geschichte Avas sozusagen im Krebsgang. Wir erleben die erwachsene Ava, zwischendurch tauchen wir immer tiefer in Avas Kindheit ein. Mit dem Fortschreiten der Story erfährt man dann auch, was in Avas Leben ihrer Meinung nach bislang schief gelaufen ist, wie sich Paul und Ava lieben gelernt haben. Auch dass Ava ihren Vater für den Tod der Mutter verantwortlich macht. Eingestreut in die Geschichte sind Fotos von verschwommenen Landschaften, Auszüge aus Fachliteratur Vogelkunde, Briefen, Tagebucheinträge etc. 

Anna Stern ist für diesen Roman hochgelobt und ausgezeichnet worden. Es ist eine Geschichte, die sich mit dem Sich-Erinnern befasst, mit dem „Wahrheitsgehalt“ dessen, was wir meinen erlebt zu haben. Dass gerade die Erinnerung eine verschwommene Angelegenheit ist, hat die Autorin konsequent umgesetzt. So bleibt einiges lückenhaft oder ungefähr in diesem Roman. Die Autorin arbeitet gerne mit kurzen, prägnanten Sätzen, die ihrem Text Rhythmus und Struktur geben. Eines ihrer Lieblingsstilmittel sind Wiederholungen. Ein Beispiel:

Sie schlafen miteinander, sie schlafen miteinander ein.

Das ist schön, kurz, eindrücklich, vielsagend. Bloss: Bei der dritten Wiederholung desselben Satzes wirkt der Satz nur noch manieriert. Schade.

Anna Stern arbeitet auch gerne mit alltäglichen Dialogen, Gemeinplätzen. Beispiel:

Ich wünsche dir einen schönen Tag, sagt Marjane. 

Danke, sagt Ava, dir auch.

Wenn es darum geht aufzuzeigen, wie verschlossen gegenüber Menschen Ava ist, dann lasse ich mir solch einen Dialog gefallen. Wenn sich banale Gespräche aber häufen, werde ich ärgerlich. 

Trotz aller Probleme, die ich beim Lesen von Anna Sterns Roman hatte, bin ich froh, dabeigeblieben zu sein. Wild wie die Wellen des Meeres hat mir einiges über mein eigenes Leseverhalten und meine Lesevorlieben verraten. Und so kann ich nach dieser Lektüre sagen: Mir ist das Ungefähre in Storys, wenn es denn dominiert, ein Gräuel; ich will nicht allzu lange rätseln müssen; ich will einem roten Faden folgen. Und: Ich umgebe mich ungern mit Zicken, weiblich oder männlich, sowohl in Romanen als auch in der Wirklichkeit.  Das allerdings wusste ich schon vorher. 

Titel: Wild wie die Wellen des Meeres, Roman, 411 Seiten, Paperback

Autorin: Anna Stern

Verlag: Salis Verlag AG, Zürich, 2019, http://www.salisverlag.ch

ISBN 978-3-906195-81-0, Fr. 32.-/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ava will wissen, ob sie das Kind ihres Geliebten Paul, das unter ihrem Herzen heranwächst, behalten will. Ihr Entscheidungsprozess führt sie ins schottische Hochland und in ihre eigene Kindheit zurück. Versatzstückhaft aufgebaut. 

Für wen: Für Leser, die gerne neue Lesepfade ausprobieren und denen es nichts ausmacht, geduldig eine Weile im schottischen Hochlandregen zu stehen.