Trotzkopf erliegt Frauenheld

Gerade mag ich Romane ganz schön altmodisch: Lange verschachtelte Sätze, ausführliche Beschreibungen von Landschaften, Wetter und Menschen mitsamt ihrer Herkunft und allen Verwandtschafts- und sonstigen Beziehungen. Hängt ja alles mit allem zusammen und vermittelt Stimmung. 

Und wenn ich so nebenbei noch etwas Geschichtliches oder die Lebensumstände in anderen Zeiten erfahre, ist mein Leseglück vollkommen.

Da kommt mir die vom Kröner-Verlag neu herausgegebene Kristin Lavranstochter gerade recht. Erstmals veröffentlicht wurde die Trilogie um das aus Mittelnorwegen stammende Mädchen Kristin 1920. Die Autorin war Sigrid Undset, Schriftstellerin und 1928 Literatur-Nobelpreisträgerin.

Kröner legt eine Neuübersetzung aus dem Norwegischen vor. Erschienen ist bis jetzt Band I Der Kranz, die beiden weiteren Bände werden folgen.

Zur Story: Kristin wächst als behütete Tochter des stolzen Bauern Lavran Bjørgulvssohn und seiner Gattin Ragnfrid in Mittelnorwegen auf. Die Geschichte spielt im 14. Jahrhundert. Norwegen ist christanisiert, die alten Götter kommen noch in Geschichten und Liedern vor, der alte Glaube flackert wenn, dann im Verborgenen auf. Das Leben ist streng geregelt. Beten und arbeiten, ein gottgefälliges Leben führen. Die Frauen gehorchen ihren Vätern und Ehemännern. Ausschweifungen sind sündhaft. Man kennt sich und passt aufeinander auf.

Kristin wird mit Simon verlobt. Kristins Eltern sind von diesem Arrangement begeistert, doch die Verlobte findet ihren Verlobten reizlos. Dann begegnet sie dem Lebemann Erlend, der nicht lange zögert und die Klosterschülerin im Nullkommanichts verführt. In Kristin wächst der Widerstand gegen Simon und damit auch gegen ihre Eltern. Ihr Herz schlägt für Abenteuer und die grosse Liebe.

Ja, in diesem Roman werden Herzen gebrochen. Hier wird gelitten, getrotzt, gestritten. Mordgedanken werden gesponnen, Schwerter werden gezückt, Fluchten ausgedacht. Es wird gebeichtet und Sünden müssen gebüsst werden. Wenn nicht sofort, so bestimmt nach dem Ableben.

Die Geschichte hat mich in sich hineingezogen. Ich fand die Lebensumstände von Kristin und ihrer Familie höchst spannend, die Charaktere fein gezeichnet. Selbstverständlich ist mir bewusst: zwischen der Entstehung des Romans und der Zeit, in der er spielt, liegen mehrere hundert Jahre. Eine Darstellung Norwegens im 14. Jahrhundert und seiner Bewohner aus unserer Sicht kann demnach nur eine Annäherung sein. Sigrid Undset schaffte es aber, mich mit ihren Figuren frieren und hungern, mich aber auch an ihren Freuden, Arbeiten und Festen teilhaben zu lassen, so dass ein stimmiges Gesamtbild entstand. Ich freue mich schon auf Band II und III ­– sollte mir mal wieder mal ganz nostalgisch zumute sein. 

Titel: Kristin Lavranstochter, Der Kranz, Band I, Roman, gebunden, 383 Seiten

Autorin: Sigrid Undset, aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs 

Verlag: Alfred Kröner Verlag, 2021

ISBN 978-3-520-62101-6, Fr. 32.00/Euro 22.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Norwegen im 14. Jahrhundert. Kristin möchte nicht das von ihrem Vater für sie vorgesehene Leben als Gattin des seriösen, aber farblosen Simon, sondern verliebt sich in Erlend. Das in modernen Augen etwas zu fügsam geratene Mädchen verliert in Erlends Nähe Herz, Ehre und Verstand. Und setzt sich durch. Grosse Gefühle in dramatischer Landschaft. Schöne, alte Literatur zum Wiederlesen.

Für wen: Rebellinnen oder solche, die es gerne wären.

Ein Grübler verpasst sein Leben

Kürzlich habe ich in einem Interview gelesen, ein Buch, das nicht schon auf der ersten Seite mit einem Dialog aufwarte, könne man gleich zur Seite legen. Solche als Gewissheiten daherkommenden Sätze machen mich misstrauisch. Nach der Lektüre von Dag Solstads T. Singer bin ich nun ganz sicher: Dieser Ratschlag taugt nichts. Denn gibt es nichts Schöneres als einen Roman zu lesen, dessen Handlung und schriftstellerische Umsetzung eine in sich geschlossene Einheit bilden? 

Genau das ist Dag Solstad mit T. Singer gelungen. Auf Dialoge verzichtet der Roman beinahe vollständig. Es kommen genau zwei Gespräche im gesamten Buch vor: Das eine ist ein Selbstgespräch der Hauptfigur T. Singer (der Vornamen erfährt der Leser nicht) mit einem imaginären Freund; das zweite findet mit einer Zufallsbegegnung statt und ist weniger ein Dialog, als ein Monolog über das Billige und das Glück.

Doch ich sehe schon, langsam wird es Zeit, etwas über den Inhalt der Geschichte zu erzählen: T. Singer ist ein rückgratloser Grübler und einer, der ständig als Beobachter neben sich steht. Er ist „ein identitätsloser Lebensverleugner, ein ganz und gar negativer Geist … ein unpraktischer Vagabund auf der Landstrasse des Lebens. Er ist umgänglich, doch hat er keine Ziele, es sei denn, keinesfalls in peinliche Situationen zu geraten und nirgends aufzufallen. Er zieht als Bibliothekar nach Notodden, heiratet dort Merete, die eine kleine Tochter in die Ehe bringt. Doch dann verunfallt Merete; Singer sieht sich einer Herausforderung ausgesetzt, denn seine Stieftochter begegnet ihm mit einer Indifferenz, die seine eigene zurückwirft. 

Der Roman beginnt mit einer seitenlangen Einführung über Singers über alle Massen grosse Schamhaftigkeit. Der Autor dreht dieses Problem Singers so lange, dass man sich alsbald in einem Spiegelkabinett fühlt und einem leicht schwindelig wird. Jedoch genau mit dieser Darstellungsweise führt Solstad den Leser in die Denkweise Singers ein. Wer es denn nun genau ist, der Singer und sein Problem beobachtet und beschreibt, wird vorerst nicht klar: der Autor oder eventuell Singer selbst, der selbst einmal von sich als Schriftsteller tagträumte? Ein Aussenstehender?

T. Singer ist als Figur so bedeutungslos, so „inkognito“, dass sich selbst der Autor scherzhaft selber wundert, wie er es zu einer Hauptfigur in einem Roman geschafft hat. Doch gerade in Singers Kleinheit erkennen wir uns selbst. Und so wie Singers Tage dahinschwinden, ohne dass er wüsste wohin, noch ob er sie vermissen sollte, so ergeht es wohl zeitweise den meisten von uns.

Titel: T. Singer, Roman, 284 Seiten, gebunden

Autorin: Dag Solstad

Deutsche Erstübersetzung. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

Verlag: Dörlemann-Verlag, 2019, http://www.doerlemann.com

ISBN 978-3-03820-065-9, Euro 22.–/ Fr. 30.–

Kurzbeschrieb: Die Geschichte eines Mannes namens Singer, der sich in seinem Leben mittels Selbstbeobachtung, Selbstwahrnehmung, Selbstkontrolle selber schachmatt setzt, unterlegt mit leisem Spott.

Für wen: Für Grübler aller Arten.