Wenn einer in den Spiegel schaut, wie viele schauen heraus?

Joachim Meyerhoffs Hauptfigur und Ich-Erzähler im Roman Die Zweisamkeit der Einzelgänger heisst Joachim Meyerhoff, ist wie sein Erschaffer auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik gross und später Schauspieler geworden. Diese Fakten stehen im Wikipedia-Eintrag über den Autor Meyerhoff. Solche Angaben darf man  glauben. Bei einem schreibenden Schauspieler, der sich selbst zur Figur eines Romans erhebt, darf aber auch ein wenig Zweifel erlaubt sein. Inwieweit die Figur Meyerhoff dem Schriftsteller Meyerhoff gleicht, ist etwas, was Leser sich sicherlich fragen – und etwas, womit Schriftsteller Meyerhoff gekonnt spielt. Für den Roman selber ist die Frage müssig. Die Geschichte springt zwischen Irrwitz, Traurigkeit, Facettenreichtum und herzbewegender Lebenslust hin und her; so dass man sich zuweilen wünscht, der Autor möge sie so erlebt haben – und ein paar Zeilen weiter, der Autor möge sie auf keinen Fall so erlebt haben.

Die Romanfigur Joachim Meyerhoff ist also Schauspieler, ein einsamer und unglücklicher obendrein. Ein Selbstzweifler. Er trifft auf Hanna. Eine überaus intelligente, kratzbürstige, um sich beissende junge Frau. Joachim verliebt sich. Seltsam genug, denn Hanna ist ein so schwieriger Charakter, dass sie es kaum mit sich selbst aushält. Immer scheint gleich um die Ecke die Katastrophe zu lauern. Die kommt – vorderhand – nicht. Aber es kommen die Tänzerin Franka und die Bäckerin Ilse. Joachim jongliert nun mit drei Frauen und seinem Schauspielberuf. Jede der Frauen öffnet ihm ihre Welt: Hanna fordert Joachim zu gedanklichen Höhenfügen heraus, Franka zu körperlichen Exzessen, Ilse bedeutet Geborgenheit und Wärme. Joachim achtet streng darauf, dass sich diese drei Welten nicht berühren. Dabei entdeckt er seine eigene Skrupellosigkeit und findet Freude daran. Schauspielerische Erfindungsgabe und Spontaneität retten ihn aus der einen oder anderen heiklen Situation.

Was die vier Menschen verbindet, ist ihre innere Einsamkeit. Jeder von ihnen hangelt sich entlang seiner eigenen Ablenkungsmanöverkette.

Schnell-Leser sollten bei diesem Buch ein paar Gänge herunterschalten. Buchfressern verweigert sich dieses Werk. Erst beim Genusslesen entwickelt es sein volles Aroma. Es schmeckt nach Theatervorhängen, vernachlässigten Industriestädten, nach Bibliotheken, verschwitzten Kostümen, frisch Gebackenem. Auch nach Ausschweifung, Betrug, kaschierter Trauer. Meyerhoff weiss geistreich zu erzählen. Seine Theaterszenen lockern die Geschichte auf, sind humorvoll bis sarkastisch. Die Beschreibung des Innenlebens seiner Protagonisten loten jedes Gefühl aus, jede noch so kleine Begebenheit verweist auf die Schwierigkeit, in einer Welt der Zweifler und Verzweifelten jemanden zu finden, an den man sich hängen kann. Und dann ist da noch Meyerhoffs/Meyerhoffs Fabulierkunst, die Purzelbäume gleich im Dutzend schlägt.

Ein Einwand muss angebracht werden: Spätestens ab Seite dreissig kommen auch dem tolerantesten Leser Zweifel: Muss ich mir das antun? Was haben eine überkandidelte, nervige Studentin namens Hanna, die auf keine noch so simple Frage eine normale Antwort geben kann, und ein einsamer Wolf namens Joachim, der sich aus welchen Gründen auch immer in dieses verrückte Huhn verliebt, mit mir zu tun? Bitte hier das Buch nicht beiseitelegen! Ich kann versichern, es lohnt sich, am Lesen zu bleiben. Tief- und Hintersinn sowie eine grosse Liebe zu grosser Literatur sprechen aus jeder Seite.

 

Titel: Die Zweisamkeit der Einzelgänger, Roman gebunden

Autor: Joachim Meyerhoff

Verlag: Kiepenheuer&Witsch https://www.kiwi-verlag.de/

Kurzbewertung: Intensives Leseerlebnis mit vielen theatralischen-komischen Effekten.

Für wen: Langsamleser mit einem Hang zu schrägen Typen und hochklassigen Literatur.