Vom Glück, in einem Tessiner Bergbach zu baden

„Unser“ Tessiner Dorf hat uns einen Brief geschickt mit der freundlichen Aufforderung, doch gefälligst in der Deutschschweiz zu bleiben. Aber ja, liebe Tessiner, wir bleiben hier, wenn es uns auch noch so gelüsten würde, den Frühling im Süden zu verbringen.

Damit mir in meiner coronabedingten Tessin-Abstinenz nichts fehlt, habe ich den Roman Tage mit Felice von Fabio Andina gelesen. Das war, als hätte mich einer an einen Ort entführt, wie ich ihn so höchstens aus der Kindheit kenne, als meine Sicht auf diese Welt eine einfache war, die Tessiner mich noch „carina“ fanden und ich im Gegenzug die Tessiner lustig, lebhaft und ihre Dörfer mit den farbigen Häusern an den steilen Bergtälern unvergleichlich schön. Nun, nach einigen Jahrzehnten, in denen wir fast alle unsere Urlaubstage als Zücchin im schweizerischen Süden verbracht haben, ist mein Tessinbild entromantisiert und … 

Bevor ich weiter Dinge schreibe, die nicht hierhergehören, zu Andinas beachtenswertem Roman:

Die Geschichte spielt zuhinterst im Val Blenio. Der alte Felice lebt in Leontica. Er wohnt allein in einem bescheidenen Haus, seine Tage verbringt er nach seinem eigenen Stundenplan: Frühmorgens eine Wanderung den Berg hinauf zu einem pozzo, einer Bach-Gumpe, später ein Besuch bei Sosto dem Bauern, dann Holzhacken, ein Gang ins Dorf, eine kurze Fahrt ins Nachbardorf, ein Besuch bei einer Nachbarin, ein Abstecher in eine Bar. Hier trifft Felice täglich dieselben Menschen, Dörfler wie er. Man kennt sich, man hilft sich, man tauscht die Ernte aus den Gemüsegärten aus. Man trinkt zuviel, palavert, spielt Scopa, singt sehnsüchtige Lieder und ärgert sich. Felice spricht wenig. Er geht seiner Wege. Doch seine Haltung gegenüber den Mitmenschen beruht auf Akzeptanz.

Bei Regen, Schnee und Kälte ebenso wie bei schönem Wetter begleitet ein Nachbar und Ich-Erzähler den alten Felice hinauf zu seinem Baderitual und kommt dabei selbst zur Ruhe. 

Worum geht es: Um das Glück, das in der Bescheidenheit wohnt. Um Toleranz und Gemeinschaftssinn. Um das oft karge, unaufgeregte Leben in einem Bergdorf. Um den Genuss, der in der Stille und im Schweigen steckt.

Dem Autor gelingt es, uns am Glück der beiden Protagonisten teilhaben zu lassen. Die paar Tage, die sie gemeinsam verbringen gleichen sich, weichen nur in Nuancen voneinander ab, folgen einem Rhythmus, der einem wie minimalistische Musik vorkommt. So genügsam, wie die Bergler ihr Leben leben, so geradeaus ist auch Andinas Erzählweise.

Andinas besonderes Augenmerk liegt auch auf dem Funktionieren der dörflichen Gemeinschaft. Der Zusammenhalt der Dörfler basiert vor allem aus der Lage des Dorfes und seinen Gegebenheiten. Religion, sprich anerzogene Mitmenschlichkeit, mag eine Rolle spielen, doch wenn, dann eine nebensächliche. An abgelegenen Orten ist es nichts als natürlich, einander auszuhelfen. Jeder weiss, dass er selber irgendwann Hilfe benötigt. 

Eine Geschichte, so positiv und warmherzig, dass sie als Medizin gewertet werden darf. Eine Geschichte auch von eigenwilligen, selbstbestimmten Menschen, wie sie mir früher noch begegneten: z. B. die alte, zähe Ziegenbäuerin, deren Rücken sich Jahr für Jahr mehr der Erde zukrümmte, oder Thuri , der arbeitsam und charmant war, doch sobald er Geld in der Tasche hatte, in den Rausch flüchtete. Andere mehr, die längst von der Bildfläche verschwunden sind. Möglich, dass zuhinterst in den Tälern des Tessins noch ein paar davon zu finden sind. 

Titel: Tage mit Felice, Originaltitel: La pozza del Felice, Roman, gebunden, 235 Seiten

Autor: Fabio Andina, aus dem Italienischen von Karin Diemerling

Verlag: Rotpunktverlag, Edition blau, 2020, http://www.editionblau.ch,

ISBN 978-3-85869-863-6

Kurzbeschrieb/-bewertung: Als LeserInnen dieses Romans verbringen wir ein paar Spätherbsttage mit Felice und seinem Nachbarn zuhinterst im Val Blenio. Felice ist anspruchslos, grosszügig, nachdenklich, und manchem mag er als Kauz erscheinen. Doch er wird seinem Namen gerecht. Ein Buch über inneren Frieden und die Kunst des Ungekünstelten. Einfach schön.

Für wen: Für alle, die an Tessin-Entzug leiden. Tessin von seiner schönsten Seite!