Vom Plantagenjungen zum Salonvirtuosen: eine Karriere zu Zeiten Louis XVI.

In der oft gespielten Musik der Klassik gilt er als Randfigur: Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George. Das mag zum einen an Komponisten wie Mozart oder Haydn liegen, die das Feld dominieren. Sicherlich spielt aber auch die Hautfarbe des Chevaliers mit dem Vergessen seiner Kompositioneneine Rolle: Der Chevalier war Mulatte. Seine Mutter war die schwarze Sklavin Nanon, sein Vater der französische Gutsbesitzer George de Boulogne de Saint-George.

Über die musikalischen Qualitäten des „schwarzen Mozarts“ masse ich mir kein Urteil an; ob es sich um ein verkanntes musikalisches Genie handelt oder um einen gefällig komponierenden Mitläufer – darüber sollen Fachleute streiten. Jedenfalls war Joseph Boulogne zu Lebzeiten ein anerkannter Geiger, Komponist und Dirigent.

Ob nun genial oder nicht: Das wechselhafte Leben des Chevaliers ist zweifellos jener Stoff, aus dem Romane und Filme gemacht werden. Und anscheinend weist die Faktenlage über sein Leben genügend Lücken auf, die die Phantasie reizen.

Der niederländische Schriftsteller Jan Jacobs Mulder ist einer, der sich locken liess und der in seinem Buch Joseph, der schwarze Mozart in die Geschichte Frankreichs vor und während der Revolution eingetaucht ist. Joseph de Boulogne (geboren 1745, gestorben 1799) hat diese Zeit der grossen Umbrüche nicht nur miterlebt, sondern aktiv mitgestaltet.

Joseph wuchs behütet auf, wurde zu Zeiten von Louis XV und Louis XVI mit Ehren und hohen Ämtern bedacht, war verwöhnt und ohne Sorgen materieller Art. Er besass gleich mehrere Talente. Zum einen brillierte er als Fechter, zum anderen als Geiger, Dirigent und Komponist. Die Erfolge blieben nicht aus. Wie alle erfolgreichen Menschen bekam er aber auch Neid und Gegenwind zu spüren. Zu den persönlichen Problemen, die sich aus seiner für damalige Pariser Verhältnisse ungewöhnlichen Hautfarbe ergaben, kamen politische und gesellschaftliche Umwälzungen. Da war eine Monarchie, die die Zeichen nicht erkennen wollte, und auf der Gegenseite eine aufgebrachte Bevölkerung. Aufklärerisches Gedankengut schwirrte in den Köpfen umher. Die Revolution nahm ihren verhängnisvollen Lauf. Joseph de Boulogne trat in den Kampf ein. Und setzte sich mit all seinen Mitteln für die Befreiung der Sklaven ein.

Wir begegnen der Romanfigur Joseph erstmals 1799, kurz vor seinem Tod. Er liegt mit Wundbrand im Bett, gepeinigt von Schmerzen. Er erinnert sich an seine ersten glücklichen Lebensjahre in Guadeloupe, an die Überfahrt nach Frankreich, seine Jugendjahre, in denen er eine Fechtschule besuchte, bedeutende Musiker kennenlernte, dann an seine Abenteuer als junger Mann, an Fechtkämpfe, die ihn bis nach England führten, an seine Vergnügungen und Verwicklungen mit der High Society der damaligen Zeit. Ein Leben, in dem es nicht mangelte an Triumphen, Kämpfen, spannenden Menschen und eitlen Freuden. Doch immer dabei ist die Frage nach der Hautfarbe. Ein Mulatte, der sich in höchsten Kreisen bewegt, war nicht nur exotisch, sondern auch ein Ärgernis. Jan Jacobs Mulder stellt Joseph als Menschen dar, den stets eine innere Unrast vor sich hertreibt. Er ist immer der Exote, der Mann, der alles besser oder verrückter machen muss als alle anderen. Ein Mensch auf der ständigen Suche nach Anerkennung.

Beim Lesen des Romans tauchte bei mir öfter störend die Frage nach der Erzählform des Romans auf. War es eine geschickte Wahl des Autors, den Protagonisten selber erzählen zu lassen, zumal der Romanheld den Tod erwartend im Bett liegt? Ist ein mit akutem Wundbrand (Fäulnis, sich ablösende Hautpartien, Schmerzen etc.) und ohne Behandlung dahinsiechender Patient wirklich noch fähig, sich sein Leben wohlgeordnet durch den Kopf gehen zu lassen, wie es uns die Geschichte weismachen möchte? Ich zweifle daran, lasse mich aber gerne von einer medizinisch versierten Fachperson belehren.

Ich habe in meinen – allerdings oberflächlichen – Nachforschungen auch nirgends die Bestätigung gefunden, dass Joseph einer Kriegsverletzung, die er sich in der Karibik zugezogen haben soll, erlegen ist. Vielmehr soll er zwei Jahre nach seiner Rückkehr nach Paris im Alter von 54 Jahren gestorben sein. Ein Problem, das bei historischen Romanen immer mal wieder auftaucht: Wo fängt die dichterische Freiheit an und wo wären die Fakten wichtiger?

Einmal abgesehen davon: Joseph, der schwarze Mozart lässt einen eintauchen in Jahre voller Wirren, Schrecknisse und Gewalt. Aber wir erhaschen auch ungewohnte Einblicke in freizügige Salons, in denen offen über alles diskutiert wird. Oder wir besuchen Fechtschulen, die Fitnessstudios des 18. Jahrhunderts. Ein Roman auch, bei dem vorab die Frauen gut wegkommen: Die weiblichen Figuren sind durchwegs liebevoll, frei von Dünkel, offen und mutig dargestellt.

 

Titel: Joseph, Der schwarze Mozart, Roman

Autor: Jan Jacobs Mulder, aus dem Niederländischen von Ulrich Faure

Verlag: Unionsverlag, Zürich, 2018, http://www.unionsverlag.com

ISBN 9783293005358

Kurzbewertung: Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George, ist musikalisch talentiert, überaus sportlich, risikobereit, begehrenswert und bewegt sich scheinbar mühelos in Pariser Adelskreisen. Er hat nur ein Handicap: er ist Mulatte. Auf seinem Totenbett denkt er über sein Leben nach. Ein spannender Roman über einen Pariser Haudegen und ein Ausnahmetalent zur Zeit vor und während der Französischen Revolution.

Für wen: Schon einmal etwas gehört von einem französischen Frühklassiker mit schwarzer Hautfarbe, der sogar Mozart inspiriert haben soll und Kontakt zu Haydn hatte?  Oder etwas vernommen von einem Mulatten, der gegen Prinzen und sogar eine Dame Fechtkämpfe ausführte oder zum Gaudi der Pariser durch die Seine-Kloake schwamm? Nein? Dann wird es höchste Zeit dafür?