Dieses angeschlagene Obst schmeckt gut

Das Cover zeigt Birnen: gelbe, mit grünen und braunen Flecken. Eine Sorte, die es wohl kaum in einem Geschäft zu kaufen gibt. Eine alte Sorte, denn so lautet der Titel des Romans von Ewald Arenz: Alte Sorten. Man könnte nun davon ausgehen, dass das Obst in dem Roman eine tragende Rolle spielt. Doch nein. Ein Birngarten kommt zwar vor. Auch wie man aus Birnen Branntwein zaubert. Sogar zwei Menschen gibt es, die das Obst lesen und verarbeiten. Ansonsten ist birnenmässig nicht viel los. 

Der zweite Gedanke wäre, dass es sich bei den alten Sorten um Menschen handelt, die entwicklungsmässig im letzten oder vorletzten Jahrhundert stehengeblieben sind. Mit den modernen Zeiten nicht mitkommen. Auch dieser Schluss ist zumindest halbwegs ein Irrläufer. Es geht in dieser Story zwar um Menschen mit Problemen, doch die sind anderer Art. Die Rede ist von Liss und Sally.

Sally ist jung und Borderlinerin. Eigentlich gibt es nichts, worüber sie sich nicht masslos aufregen kann. Vor allem ihre Mitmenschen machen sie wütend. Liss könnte vom Alter her Sallys Mutter sein; sie spürt in sich einen unbändigen Freiheitsdrang und ist mit ihrem geregelten Leben unzufrieden. Beide Frauen haben Mühe sich an- und einzupassen. Birnenmässig gesprochen, haben sie den einen oder anderen Fleck, der sie für die Supermarktauslage ungeeignet macht.

Ewald Arenz führt die jugendliche Streunerin Sally und die unglückliche Bäuerin Liss zusammen. Die Umgebung könnte – zumindest vordergründig – idyllischer kaum sein. Man stelle sich so etwas wie Bayern vor, ein paar Hügel, Bauern auf Traktoren, im Hintergrund einige überdimensionierte Windkrafträder. Viel Weite, viel Landschaft. Hier finden die beiden Frauen so nach und nach über das gemeinsame Tun auf dem Feld, über kurze Gespräche, über kleine Momente des Seins zueinander, in denen sich ihre Verletzlichkeit und ihre Narben offenbaren. Brüchig und zaghaft am Anfang, wird die Freundschaft durch einen Moment der Krise gestärkt. 

Ewald Arenz beschreibt einfache Alltagssituationen. Nichts ist aufgeregt. Bilder tauchen auf, verblassen wieder. Jeden Morgen ist das Leben auf dem Land gleich und doch etwas anders als am Tag zuvor. Wir sehen Liss im Türrahmen stehen. Eine Tasse Tee in der Hand schaut sie dem Regen zu, den Hühnern auf dem Hof:

«Ein Tag, an dem man die Welt einfach trinken lassen und sie da bei nicht stören sollte. An dem man die Hühner rennen lassen sollte, ohne den Kopf zu schütteln. Ein Tag, an dem man ein Mädchen schlafen lassen sollte, wenn es schlief. Es gab für alles einen Grund, sie sah ihn nur nicht.»

Eine Erzählweise und Sprache, die dem Inhalt des Romans voll und ganz gerecht wird. Wunderbar. Mehr muss dazu nicht gesagt werden. 

Und jetzt wäre ein liebevoll gebranntes Birnenschnäpschen keine schlechte Idee.

Titel: Alte Sorten, Roman, 255 Seiten

Autor: Ewald Arenz

Verlag:  Dumont, Köln, 2021

ISBN 978-3-8321-6530-7, 10 Euro/15.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Zwei Frauen, die in keines der üblichen Strickmuster passen, finden zusammen und akzeptieren sich. 

Für wen: Für alle Früchtchen (nicht nur für Kernobst).

Wild entschlossene Stalkerin trifft nicht ganz sauberen Therapeuten

In Silke Knäppers Roman Das Lieben der anderen treffen zwei problematische Persönlichkeiten aufeinander. Auf der einen Seite haben wir Psychotherapeut Simon, der es mit der Trennung von Liebe und Beruf nicht so genau nimmt und überhaupt bei schönen Frauen gerne schwach wird. Ihm gegenüber steht die Kleinkinderzieherin Helen, die an einer ausgewachsenen Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, klug taktiert, agiert und vor nichts zurückschreckt.

Helen und Simon sind einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, nachdem Simons Frau Claire eines Nachts vom Balkon fällt, direkt vor Helens Füsse. Weder Helen noch Simon reagieren, wie man es erwarten würde: Keiner von beiden ruft Polizei oder Krankenwagen. Helen sieht ihre Chance gekommen. Nichts wünscht sich die blasse Frau mehr, als aus ihrem tristen Leben auszusteigen. Bisher gab es keinen Mann, der nicht vor ihr geflohen wäre. Doch wenn sie nun Claires Leben „übernehmen“ würde, an der Seite von Simon, dann würde alles gut werden. Doch in Simons Leben ist kein Platz für Helen, auch wenn er als Psychologe eine kleine Schwäche für angeknackste weibliche Seelen hat.

Einer der Leitsätze für Geschichtenschreiber lautet: Der Leser sollte eine der Hauptfiguren eines Romans lieb gewinnen, „mit ihr gehen“. Doch in „Das Lieben der anderen“ möchte ich weder Helen begegnen und schon gar nicht mit ihr befreundet sein, noch möchte ich je in die Praxis eines Simon Prohaska als Patientin eintreten. Dass ein Ehemann einfach an der Leiche seiner vom Balkon gefallenen Frau vorbeispaziert, um sich ein paar Drinks zu genehmigen, scheint ungeheuerlich und wird noch ungeheuerlicher, wenn man im Laufe der Geschichte erfährt, weshalb er das tat.

Also: Was das Liebgewinnen der Hauptfiguren anbelangt, lässt mich Silke Knäpper ganz schön ins Leere laufen. Dennoch und erstaunlicherweise funktioniert diese Geschichte. Zum einen ist sie einfach gut geschrieben, zum anderen wird sie von einem solide aufgebauten Spannungsbogen getragen. Immer mehr werden die Seelenk(r)ämpfe von Helen und Simon enthüllt. Gegen Ende unterläuft Silke Knäpper noch einmal die Erwartungen. Meine Annahme war, diese Geschichte ende in einem brutalen Showdown mit ganz üblem Ausgang. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht gekommen. Schlimm genug, denn sowohl Simon als auch Helen stecken weiterhin in ihren Leben fest.

Titel: Das Lieben der anderen, Roman, 316 Seiten, gebunden

Autorin: Silke Knäpper

Verlag: Klöpfer&Meyer, 2018, https://www.kloepfer-meyer.de

ISBN 978 3 86351 4747, Euro 22.–/Fr. 32.90

Kurzbewertung: Hier tun sich seelische Abgründe auf. Ganz und gar romantikfrei. Dafür mit Krimi-Spannung und jeder Menge Freud.

Für wen: Wer schon immer mal jemanden stalken wollte, findet hier eine patente Anleitung. (Am besten abwarten, bis einem eine Tote vor die Füsse fällt!)