Holt: eine Kleinstadt, wo Amerika noch funktioniert wie eh und je

Es gibt sie nicht, die Stadt Holt. Und es gibt sie doch. Irgendwo in den Vereinigten Staaten. Kent Haruf hat sie in den Great Plains in Colorado angesiedelt, ein Ort umrahmt von Weiden und Feldern, im Westen die Rocky Mountains. Es ist nicht schwer, sich dieses Städtchen vorzustellen. Hier passiert selten etwas Weltbewegendes; wenn hier ein Präsidentschaftskandidat vorbeikommen sollte, dann muss er sich verfahren haben.

Die Ortschaft Holt haben wir schon in der berührenden Geschichte eines älteren Paares in Unsere Seelen bei Nacht kennengelernt. Nun hat Diogenes auch Harufs Roman Abendrot herausgebracht.

Die Leute in Holt versuchen ihr Leben zu meistern, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in keine weiteren Probleme zu geraten als jene, die sie sowieso schon haben. Und zwischendurch helfen sie einander. Wir begegnen den Brüdern McPheron, die etwas ausserhalb der Stadt eine Rinderfarm betreiben und kaum etwas anderes kennen als ihre Arbeit. Oder DJ, einem Jungen, der bei seinem Grossvater lebt, weil seine Eltern gestorben sind. Oder seiner Nachbarin, die urplötzlich vor den Scherben ihrer Eheidylle steht und zu trinken beginnt. Oder Betty und Luther, die zwar eifrig bemüht, aber schlichtweg nicht klug und wehrhaft genug sind, sich selbständig durchzuschlagen. 

Kent Haruf lässt uns LeserInnen teilhaben an den Sorgen und Nöten, auch an den kleinen Freuden von Holts Einwohnern. Wenn DJ mit seiner Freundin in einem alten, zugigen Schuppen sowas wie Familie spielt, dann erzählt uns das etwas über die Sehnsüchte dieser Kinder. Wenn die McPheron-Brüder Besuch von ihrer Ziehtochter Victoria bekommen und für einige Stunden aufblühen, kommen auch die Momente, wo sie über ihr Leben nachdenken, das so plötzlich zu Ende sein kann. Es sind diese guten Miteinander-Momente, die es ausmachen, dass jeder in Holt – und anderswo – jeden Tag tut, was getan werden muss.

Titel: Abendrot, Roman, 414 Seiten, gebunden

Autor: Kent Haruf. Aus dem Amerikanischen von pociao

Verlag: Diogenes Verlag, 2019, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-070453, Fr. 32.­00/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Abendrot, das ist die Zeit des Tages, wo es ruhig wird, man sich hinsetzt, den Tag Revue passieren lässt, sich Gedanken macht. Und so ist dieses Buch, feinfühlig, still, nachdenklich.

Für wen: Wer Amerika mal ganz und gar unpolitisch, ohne Provokation und alltäglich erleben möchte: Hier ist das Buch dazu. (Doch ganz ohne Geschrei und Gewalt geht es auch hier nicht, tritt doch auch ein boshafter Onkel in Aktion.)