Menschen, die vorüberschwimmen

Nein, mit ausgeflippten Delphinen oder einem Angriff von Meeresbewohnern auf die zerstörerische Menschheit hat der Debüt-Roman Böse Delphine von Julia Kohli nichts zu tun. Delphine kommen eigentlich nur in einem Traum der 27jährigen Halina vor, einer Geschichtsstudentin aus Zürich, die irgendwie durch ihren Alltag stolpert, mit nichts und keinem richtig zufrieden ist und überhaupt in ihrem Leben nicht zu Hause scheint.

Halina schreibt mit wenig Enthusiasmus an ihrer Diplomarbeit über einen russischen Prinzen. Nebenher steigt sie in die Niederungen gewöhnlicher Brotarbeit. Sie jobt an einem Flughafenkiosk. Hier trifft sie auf gewöhnliche Büezer. Diese und andere Menschen bestaunt sie, als wären es Fische im Aquarium. Abends sitzt Halina allein in ihrer Wohnung und denkt über ihr nicht stattfindendes Leben statt. Sarkastisch, weil „zynisch ist für Verlierer“. Die Männer, mit denen sich Halina verabredet, sind erst mal interessant, spätestens nach dem zweiten Date aber nur noch mühsam. Manchmal trifft sie sich mit Freunden und geht auf öde Parties oder an noch ödere Vernissagen. 

Ein Leben unter der Glocke. Nirgends taucht ein Hauch von Hoffnung auf, nirgends ist eine Wende in Sicht, die Heldin bleibt cool, aber von der ersten bis zur letzten Seite in ihrer Verlorenheit stecken.  „Alles franste aus.“ 

Wenn die Figur von Halina das Lebensgefühl und die Denkweise einer Generation darstellt, dann Gute Nacht. Möglich, dass unsere Gesellschaft so eine Kritik verdient. Möglich auch, dass eine ganze Generation so durch ihr junges Erwachsenenleben irrt. Eine Generation, der alle Türen offenstehen, die aber vor lauter Auswahl und Gutgehen keine Orientierung und keinen Halt findet.

Was mir in diesem Buch fehlt ist Mut zur Hoffnung. Ein Ansatz würde genügen. Eine Heldin, die etwas bewegen möchte, die vielleicht an ihrer Aufgabe scheitert, aber eine, die sich aufrappelt, aus Fehlern lernen will. Sarkasmus als Antwort auf den Widersinn des Lebens ist mir zu wenig. 

Titel: Böse Delphine,  Roman, 190 Seiten, gebunden

Autorin: Julia Kohli

Verlag: Lenos Verlag, Basel http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-85787-496-3, Fr. 27.50.-/Euro 22.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Die Geschichtsstudentin Halina lebt in Zürich und jobt im Flughafenkiosk. Sie analysiert, kritisiert; „angesagte“ Künstler, Vernissagen und Parties dienen der Ablenkung. Ihr eigenes Dasein entgeht Halinas ironisch-kritischem Blick nicht. Ein Zeitbild oder ein Zerrbild oder beides?

Für wen: Da ich kein Stadtmensch bin und dieses Was-soll-das-Ganze-Lebensgefühl nicht verstehe, gibt es diesmal keine Empfehlung. Ich wäre aber gespannt darauf, was andere Leser über diese Story zu sagen hätten.

„Monsieur Hamil, kann man ohne Liebe leben?“

Nachdem ich Die Jagd nach dem Blau gelesen hatte, war klar, noch ein weiteres der Bücher von Romain Gary aufzuschlagen. Diesmal das 2018 neu bei Rotpunkt aufgelegte Du hast das Leben vor dir. Für diesen Roman über die Beziehung eines elternlosen Araberjungen zur kranken, alten Madame Rosa gewann Gary 1975 zum zweiten Mal den Prix Concourt, was damals einen Skandal auslöste. Gary hatte den Roman unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlicht. Der Preis kann aber gemäss Statuten nur einmal an eine Person verliehen werden.

Die Geschichte spielt in den Sechziger-, Siebzigerjahren in Paris Belleville. Momo, ein Araberbub, ist im Alter von drei Jahren zu Madame Rosa gekommen. Madame Rosa ist Jüdin und ehemalige Prostituierte, die sich jetzt mit dem Grossziehen und Weitervermitteln von Hurenkindern durchschlägt. Doch mit Madame Rosa geht es rasant abwärts. Ihre Organe sind alle von schlechter Qualität, ihre Beine tragen sie nicht mehr, in ihrem Kopf wird bald nur noch Grünzeug sein. Momo muss schnell erwachsen werden. In Belleville wohnen Menschen aller Hautfarben und Religionen, die meisten schlagen sich irgendwie durch. Momo versucht, sich und seine „Wohngemeinschaft“ gegen alle Widerstände zu verteidigen.

Zum einen ist dies die erschütternde Geschichte einer Kindheit, in der nichts so ist, wie es sein sollte. 

Es ist auch ein Buch über den Zusammenhalt der Elenden. In diesem Quartier, wo jeder existenzielle Sorgen hat, erkennt jeder auch die Not der anderen; man hilft sich gegenseitig so gut es geht. 

Es ist aber auch eine Geschichte über das Wunder der Imagination. Momo bietet immer dann seine ganze Vorstellungskraft auf, wenn das Leben über ihm einzustürzen droht. Eine Löwin schleckt ihm das Gesicht, damit er einschlafen kann; ein mächtiger Polizist macht ihn unangreifbar; ein Schirm ist sein Kumpel. 

Romain Gary hat für diesen Roman den Tonfall eines überdrehten Teenagers gewählt. Oder den Tonfall eines Jugendlichen, der abgebrüht wirken muss, in dem aber noch das Herz eines Kindes klopft. Allerdings ein Kind, das früh gelernt hat, dass das Glück ein Betrüger ist. Momo erzählt seine Geschichte selber. Er beobachtet und macht sich seinen Reim auf die Dinge, die er nicht versteht. Seine sprachlichen Möglichkeiten sind eingeschränkt, auch grob, denn seine Bildung hat er sich zwischen Prostituierten, Zuhältern, Dieben und Sans Papiers geholt. Und bei Monsieur Hamil, der „wenn er nicht sein ganzes Leben lang Teppichhändler in ganz Frankreich gewesen wär, wär er etwas sehr Gutes gewesen, vielleicht hätte er sogar selber auf so einem fliegenden Teppich gesessen, von Fischen gezogen, wie dieser andre Heilige aus dem Maghreb da, Sidi Ouali Dada.“

Gary hat auch in diesem Buch eine Handvoll Romanfiguren geschaffen, wie sie eigentlich nur das Leben erfinden kann, so schräg, widerspruchsvoll, lebensklug, witzig, leidenschaftlich und verrückt. 

Beim Lesen hätte ich mir allerdings gewünscht, die französische Ausgabe neben mir liegen zu haben. Des öfteren hatte ich den Eindruck, dass die neue deutsche Übersetzung von Christoph Roeber dem Originaltext nicht gerecht geworden ist. Ein 1:1-Vergleich brächte Klarheit und wäre gewiss spannend. 

Titel: Du hast das Leben vor dir, Roman, 242 Seiten, gebunden, Originaltitel: La vie devant soi, 1975

Autor: Romain Gary (Émile Ajar), Übersetzung aus dem Französischen von Christoph Roeber

Verlag: Rotpunktverlag 2018, http://www.rotpunktverlag.ch

ISBN 978-3-85869-761-5, Fr. 28.-/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Tragische, berührende Geschichte einer Kindheit in Paris. Momo lebt als Araber und Kind einer Hure unter Juden, Afrikanern und anderen Aussenseitern. Er und seine Ziehmutter Rosa sind aufeinander angewiesen. Humorvolles verbindet sich mit Strassenphilosophie, kleine Fluchten wechseln sich ab mit nackten Tatsachen. 

Für wen: Für alle vom Glück gesegneten, die auch mal einen Blick über jenen Lattenzaun werfen wollen, der die Habenichtse von den Glückseligen trennt.

Pause auf französisch.

… und solche Brioches könnte man doch mal zur Einstimmung backen.

appetitaufzuhause

Sie sind ein Stück Frankreich , was ich so sehr liebe und es geht wieder natürlich genauer gesagt um food Frankreichs ( sorry guys 😅) ….Und es sind nicht Croissants und auch nicht Macarons , obwohl die auch natürlich als Topmodel in der Foodfotografie gelten …

Mein Herz schlägt für Brioche. Einfach und schlicht, feiner dessert to go. Tea time in Paris? Nicht ohne mein Brioche und Tour Eiffel- Besuch ( ganz nach oben bitte ☀️)

wo man einen sensationellen Blick auf die ganze Stadt hat.

Und mit Abendspaziergang an der Seine !!! mit Kamera natürlich !!!

Als ich mich zu zwei Kursen bei Aurélie Bastian in Halle an der Saale angemeldet habe ( das ist schon eine Weile her …) : Macarons und Boulangerie, habe ich insgeheim gehofft, die bunten kleinen Kekse backen lernen zu dürfen.

Nun kam dann die Antwort, dass ich einen Platz in der Boulangerie Runde…

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Paris, wie gut das riecht!

Paris, wie gut das riecht! So ein Satz wird natürlich nicht widerspruchslos hingenommen, denn Paris ist eine Metropole. Mehr als 12 Millionen Menschen: Da kommt schon einiges an Odeurs zusammen. Und trotzdem sei es wiederholt: Paris ist ganz schön dufte. Vor allem jetzt im Mai. Die Rede ist von Robinien, Linden, Rosen, von Holunder, Pfingstrosen und anderen Gewächsen, die recht grosszügig ihre Duftmoleküle an die Pariser Luft verschwenden.

Wer jetzt nach Paris reist und findet, der Eiffelturm sei das letzte Mal schon ähnlich hoch gewesen, die Galerie Lafayette definitiv zu touristisch und eine Seine-Fahrt müsse gerade nicht sein, dem sei dieses Büchlein empfohlen: Parcs et Jardins de Paris à pied

Paris hält etwas auf seine Parks, in denen um diese Jahreszeit alles grünt und blüht. Wer gerade jetzt nach Frankreich reist und findet, im Frühsommer sei Paris am schönsten, liegt bestimmt richtig. Jetzt wird überall gehakt und gepflanzt, gedüngt, geschnitten, ausgebessert, geharkt und was die Stadtgärtner sonst noch so alles zu tun pflegen. Man kann sie durchaus fragen, sie sind für ein kleines Gespräch gerne zu haben.

Oben erwähntes Büchlein wurde von der Mairie de Paris herausgegeben und beschreibt 23 Wandertouren durch die Stadt, durch unbekannte Strassen, vorbei an versteckten Winkeln und durch die schönsten Parkanlagen. Da kommt ein Tourist schon mal ins Staunen, wenn er hinter der Basilique du Sacré-Coeur an einem Weinberg vorbeispaziert. Dies ist mitnichten der einzige in der Stadt. Im Park von Bercy, dort wo früher die Weinhändler ihre Fässer lagerten, werden ebenfalls Reben gepflegt, gleichfalls in den Parks von Belleville, La Villette, Georges-Brassens. Einen Weinberg in einer besonders malerischen Ecke der Stadt namens Butte Bergeyre gibt es im 19. Arrondissement, nahe des Parcs Buttes-Chaumont. Zehn Rebflächen soll es insgesamt geben. Und dies in einer Stadt, wo die Quadratmeterpreise für Wohnungen in schwindelerregende Höhen klettern und man für ein Einzimmerappartement auch mal eine Million oder mehr hinblättert. Kommt natürlich auf die Lage und die Aussicht an.

Nahe der Place des Vosges existiert im Versteckten eine kleine Gartenanlage im französischen Stil, in den Rabatten blühen Rosen und verströmen sommerliche Nostalgie. Hier trifft man auf ruhende Damen und Grossväter, die ihren Enkeln vorlesen. Wo das ist, wird hier nicht verraten, wer aber die Rue des Arquebusiers findet, dürfte auch dieses stille Kleinod entdecken.

Wer als Pariser weder Lage, noch Aussicht, noch einen Balkon hat, aber die Nase gestrichen voll von der engen Wohnung und den Abgasen, begibt sich in den Park. Wie begehrt die Plätze auf der Wiese sein können, zeigt sich an einem Pfingstsonntag auf der Place des Vosges. Die Kulisse dieses Gesamtkunstwerkes ist zugegeben zum Niederknien. Allzuviel Raum darf hier aber keiner beanspruchen, was aber niemandem etwas auszumachen scheint. Man liegt Kopf an Fuss, palavert, giesst sich Wein oder gleich Champagner in die mitgebrachten Gläser, Kinder hüpfen, Studenten studieren oder küssen sich. Die gesetzteren Herrschaften halten es eher mit einem Bankplätzchen, so sie denn eines ergattern können. Alles total entspannt.

Ist man schon einmal in der Nähe der Bastille und mag noch einige Kilometer wandern, so ist La Promenade Plantée ein Muss. Der Weg führt entlang der Avenue Daumesnil, aber nicht auf Ebene der Strasse, sondern in luftiger Höhe. Das gibt Gelegenheit, einen neugierigen Blick in eine Pariser Wohnung im dritten Stock zu werfen. Muss aber nicht sein, rechter Hand liegt der Gare de Lyon mit seinem Jugendstilbahnhofbuffet, und wem das zu wenig spannend ist, der hat mit der langgestreckten Gartenanlage, die sich immer wieder weitet und verengt, genug zu schauen. Hier führte einst eine Bahn von der Bastille bis Varenne-Saint-Maur. 1988 hat die Stadt die Gelegenheit beim Schopf gepackt und anstelle der aufgehobenen Bahnlinie einen nur wenige Meter breiten Park gestaltet. Unter den Bahnarkaden haben sich Handwerker eingemietet. Das braucht den Flaneur aber nicht zu kümmern, vielmehr sollte er links und rechts geniessen, was so alles blüht und duftet. Es gibt anmutige Rosenstöcke zuhauf, oftmals romantische, gefüllte Kletterrosen in fetten Büscheln, Wasserbecken, Lauben. Hat man Reuilly erreicht, kann man wieder zurückspazieren, es macht aber durchaus Freude, geradeaus weiterzugehen, durch den Park von Reuilly, weiter durch die Allee Vivaldi, dann durch die mit Wasserfällen ausgestattete Unterführung und geradeaus durch eine lange schattige Senke. Auch hier führte einst eine Bahnlinie entlang, heute führen die Anwohner ihre Hunde aus, ihre Fahrräder oder einfach nur sich selber. 

Wenn die Pariser es wildromantisch wollen, gehen sie in den Parc des Buttes-Chaumont. Buttes werden hier die Stadthügel genannt. Der Parc Buttes-Chaumont bietet, da er in einer Felslandschaft und durch das Bewegen von jeder Menge Material angelegt wurde, zwei Aussichtspunkte. Die Gegend soll früher ziemlich wild ausgesehen und zu Zeiten der Revolution als Müllhalde gedient haben. Das war zuviel Wildnis für die sich ausbreitende Stadt; im 19. Jahrhundert plante der Ingenieur Jean-Charles Alphand das Gelände um. (Alphands Handschrift ist in mehreren Pariser Parkanlagen zu erkennen; seine Büste kann man übrigens auf dem Friedhof Père Lachaise finden.) Das Ergebnis ist heute noch einen Abstecher wert. Die Grashalden, an denen die Parkbesucher hier lagern, sind abschüssig, aber was macht das schon. Platz ist auf jeden Fall mehr als auf der Place des Vosges. Und weil die Wege auf- und abführen, mal an einem Teich vorbei, dann über Brücken, unter einer Felsengrotte hindurch, trifft sich Paris hier auch zum Joggen. Stört aber keinen. Sport ist so oder so angesagt; einige Parks verfügen über frei zugängliche Trainingsgeräte.

Ebenfalls eine herrliche Sache ist eben jener Park in Bercy, von dem schon wegen der Reben die Rede war. Es ist eine der neueren Parkanlagen in Paris und liegt direkt am rechten Ufer der Seine, getrennt allerdings durch den Quai de Bercy. 13 Hektaren umfasst der Park und bietet einfach alles, was man sich so wünschen kann, einschliesslich eines Aussichtspunkts über die Seine auf die Nationalbibliothek. Gut, die dürfte unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt keinen Kultstatus erlangen, also zurück zum Garten mit seinen Themengärten, Teichen, Baumalleen und Freizeitanlagen. Im Maison de Giardinage kann sich jeder melden, der in der Stadt einen kleinen Garten für sich pflegen möchte. Da trifft man dann plötzlich auf Menschen, die mit einer Giesskanne in der Hand unter einem Strassenbaum eine Geranie, eine Nelke oder sonst irgendein Grünzeugs wässert, das zuvor sorgfältig mit einem Zaun vor rücksichtslosen Fussgängern, Hunden und Motorrädern geschützt wurde. Gegen weggeworfene Zigarettenstummel hilft allerdings kein Zaun, aber die tapferen Stadtgärtner hängen Täfelchen oder gar Aschenbecher an die Latten. Die Aktion der Stadt scheint nur begrenzt erfolgreich zu sein, denn wer nach solchen Miniaturparkanlagen sucht, findet auch solche, die verlassen wurden, wo sich die Abfälle und die Zigarettenstummel häufen und nichts mehr grünt, als ein einzelnes hartnäckiges Unkraut.

Nase auf und durch

Dort wo es früher einmal nach Eau de Javel roch und später nach nigelnagelneuen Deux Chevaux liegt heute eine der schönsten modernen Parkanlagen, die man sich vorstellen kann: der Parc André-Citroën, direkt am linken Seine-Ufer gelegen. Wer da kein Plätzchen für sich findet, bei dem ist parkmässig Hopfen und Malz verloren. Wasserspiele, Wasserbecken, freie Rasenflächen, Parkteile, wo alles ein wenig wild vor sich hin gedeihen kann, Senk-, Themen- und Farbgärten: die Gartenbauarchitekten, die diesen Park geschaffen haben, kann man nur beglückwünschen. Bei all den verwirklichten Garten-Ideen und -stilen beeindruckt, wie gut durchkomponiert die 1992 eingeweihte Anlage wirkt. Schade nur, wenn man für seinen Besuch eine Zeit erwischt, wo in Paris das Wasser knapp ist und einzig die Fontänen in Betrieb sind. Diese sind dann aber die Hauptattraktion der Kinder. Ihr Jauchzen schallt weithin.

Das Zusammenspiel einzelner Elemente ist leider beim Parc de la Villette nicht so gut gelungen. Er erstreckt sich auf beiden Seiten des Canal de l’Ourcq. Die Nordhälfte wird dominiert durch die neuzeitlich-kühle Cité des sciences e de l’industrie, die Südhälfte durch die beeindruckende Eisenkonstruktion der Grande Halle. Das Gelände wurde früher für Viehhandel und das Schlachten der Tiere genutzt. Heute tanzt auf der Bühne vor der Halle vielleicht gerade ein Streetdancer, oder eine asiatische Frauenrunde studiert mit viel Ernst einen Schirmchentanz ein. Eröffnet wurde der Parc de la Villette in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, ist aber nun in die Jahre gekommen. Er wartet darauf, aus dem Dornröschenschlaf geküsst zu werden. 

Weitere Parkanlagen – einmal abgesehen von denjenigen, die auf der To-do-Liste jedes Paris Besucher stehen, wie Trocadéro, Jardin des Tuileries oder Jardin du Luxembourg –, die einen Ausflug wert sind: 

Der Parc Monceau, ebenfalls eine Anlage im englischen Stil mit mächtigen Bäumen und Teich mitsamt Enten und Schildkröten. Auch hier sind die Sitzplätze begehrt, vor allem in der Mittagspause. Der Bois de Boulogne bietet sich für eine Fahrradtour an oder für einen Abstecher ins Museum Louis Vuitton. Père Lachaise ist zwar ein Friedhof, aber was für einer. Er ist zugleich die größte Grünanlage der Stadt. Seine Fläche beträgt 44 Hektaren. Ohne Plan sollte man sich nur mit exzellentem Orientierungssinn hineinwagen. Und wenn man schon mal dort ist, darf man ruhig die Gräber der einen oder anderen Celebrity aufsuchen. Aber auch ohne Piaf und Molière ist Père Lachaise ein Ort zum Staunen und Wandern. Montsouris ist ein Park à l’anglaise, mit Teich, Hügeln und Musikpavillon. Wenn man Glück hat spielt gerade eine Jazzband auf.

Das Buch zum Text: Parcs et Jardins de Paris à pied, 23 Promenades Randonnées, herausgegeben von Guide FFRP/Mairie de Paris, brochiert

Place des Vosges an Pfingsten

Urlaub planen: Nicht ohne einen Krimi

Der nächste Sommer ist fast in Sichtweite. Zeit sich Liegestühle vorzustellen und damit verbunden ungestörte Lesefreuden. Sind Ferien in Griechenland geplant, in Frankreich, in den Schweizer Bergen oder auf Balkonien? Hier die passenden Krimi-Vorschläge:

Wieviel Trostlosigkeit hält ein Mensch aus?

Ein Kriminalroman kann auch literarisch ein Erlebnis sein. Joseph Incardona hat ein solches Wunderwerk verfasst. In Asphaltdschungel, aus dem Französischen übertragen von Lydia Dimitrowpasst einfach alles: Die Stimmung (aufgeheizt), das Tempo (130 km/h) die Sprache (Staccato), die Figuren (desillusioniert), die Story (schwarz, schwärzer, am schwärzesten).

Der Autor führt uns auf die französische Autobahn, auf ihre trostlosen Rastplätze mit den blumigen Name. Flirrende Hitze, herumliegender Müll, Gestank, Staub, Lärm. Menschen sind unterwegs, wohin auch immer: Mit ihnen fahren ihre kleinen und grossen Bedürfnisse. Es ist Hochsommer, der Strom der Fahrzeuge lässt nicht nach. Auf den Raststätten begegnen sich Menschen, die meisten nehmen sich nicht wirklich wahr. Unter ihnen ist einer, der es auf kleine Mädchen abgesehen hat. Drei davon hat er schon entführt. Die Polizistin Julie und ihr Kollege Thierry ermitteln. Doch wo beginnen, in einem unübersichtlichen Netz von Strassen, Zugängen, Abfahrten? Irgendwann, irgendwo in diesem Geflecht muss jemand dem Entführer begegnet sein: Pierre, der Vater eines der entführten Mädchen? Oder der geile Professor auf seinem Wochenendausflug mit einer Studentin? Die alte Hure, die bei den Zigeunern hinter einem Rastplatz lebt? Der einsame Strassenwärter Baudin? Der schmierige Raststättengastronom Lucino?

Nicht umsonst ist das Buch mit dem Preis für den besten französischen Kriminalroman ausgezeichnet worden. Incardona ist ein exzellenter Beobachter, einer der schonungslos beschreibt. Und wenn die Figuren, die sich auf diesen Strassen bewegen, ins Grübeln geraten, dann in Halbsätzen. Halbsätze geben den Takt an, sind die Melodie der Strasse, der Rhythmus einer Gesellschaft, in der fast jeder von einem Punkt zum anderen rast, einem Ziel zu, das sich ihm fortwährend entzieht. 

Titel: Asphaltdschungel,Roman, 338 Seiten, gebunden

Autor: Joseph Incardona, aus dem Französischen von Lydia Dimitrow

Verlag: Lenos Verlag AG, Basel, 2019, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-85787-494-9, Fr. 29.-/Euro 22.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Es ist Sommer. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die französische Autobahn. Drei Mädchen sind spurlos verschwunden. Unterwegs sind Jäger, Gejagte, Urlauber, Lastwagenchauffeure, Huren, die Sensationsreporter. Literatur verpackt als düsterer Krimi. Autobahn, wie wir sie noch nie gedacht haben, aber immer schon empfunden haben. Spitzenklasse.

Für wen: Alle. Dazu Beaujolais. Am besten eine ganze Flasche.

Geht in Athen alles mit rechten Dingen zu?

Deutlich behäbiger als in oben beschriebenem Krimi, dafür mit jeder Menge griechischer Feierlaune geht es in Offshore von Petros Markaris zu und her. Kommissar Kostas Charitos ist zwar sehr gewissenhaft, denkt aber auch gerne an seine Familie, das Abendessen, und wenn es ihm zuviel wird, verdrückt er sich auch mal ins Kaffee. Zur Zeit beschäftigt er sich gleich mit drei Todesfällen. Ein Beamter, ein Reeder, ein Journalist werden ermordet. Die Täter werden der Polizei auf dem Tablett serviert, die Vorgesetzten und auch Charitos Team möchten die Fälle gerne zu den Akten legen. Charitos kann sich damit nicht zufrieden geben. Zu viele Fragen bleiben offen. Doch wo auch immer er seine Fragen stellt, rennt er gegen Wände. 

Griechenland hat die Krise überwunden – wenigstens in diesem Roman –, das Geld fliesst ins Land, die Wirtschaft boomt, neue Politiker sind am Werk. Die Strassen Athens sind erneut verstopft, man gönnt sich Restaurantbesuche und Kurzreisen. Gelegenheiten, eine Flasche Wein aufzumachen, gibt es zur Genüge. Kurz: Es ist alles, wie es vor der Krise war. 

Da stellt sich beim einen oder anderen die Frage: Woher kommt so plötzlich all das Geld?

Markaris setzt in seinem Kriminalroman weniger auf Spannung, als auf die liebevolle Beschreibung seiner hoffnungsfrohen Landsleute. Kommissar Charitos verdankt seine Erfolge weniger seinen Ermittlungen, die ein bisschen hausbacken erscheinen, als Kommissar Zufall. Das macht ihn aber sympathisch und erscheint insgesamt realistischer.

Manchmal schwächelt die Story ein wenig, beispielsweise, wenn einem zum dritten Mal in fast denselben Worten dargelegt wird, dass Charitos den Gerichtsmediziner Ananiadis besser mag als seinen Kollegen Stavropoulos. Oder wenn zum x-ten Mal über die übervollen Strassen Athens palavert wird. Um solche Schwachstellen auszufiltern, wäre das Lektorat da. Wäre das Lektorat da.

Titel: Offshore,Ein Fall für Kostas Charitos, Roman, 357 Seiten, Taschenbuch

Autor: Petros Markaris. Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes

ISBN 978-3-257-24452-6, Fr. 17.-/Euro 13.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Griechische Lebenshaltung  und Festfreude anhand eines Krimis. Oder: Auch in Griechenland will die Linke lieber nicht wissen, was die Rechte tut.

Für wen: Ideal für Griechenland-Urlauber und passend zu gefüllten Weinblättern, Oliven und Retsina.

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Bündnerland: Dort wo die Welt noch fast heil ist

Klimakilometer spart, wer seinen Urlaub statt in Griechenland in den Bündner Bergen verbringt. Zum Beispiel am Glaspass, oberhalb von Thusis, zwischen Heinzenberg und Piz Beverin, auf fast 2000 Höhenmetern. Die Gegend ist empfehlenswert für Wanderer und andere Freiluftsportler. Wenn man den richtigen Krimi im Gepäck hat, lohnt sich gleich ein mehrtägiger Aufenthalt. 

Von wegen heile Welt! In Rita Juons Krimi Tod am Piz Beverin kommen im Weiler Glas einige höchst verdächtige Individuen im Bergrestaurant zusammen. Einer von ihnen stürzt höchst unfreiwillig die Felsen hinunter. In der Gerüchteküche der Einheimischen wird kräftig angefeuert. Hauptsächlich dem Ehepaar Annemarie und Toni gibt der Fall viel zu denken und zu reden. Doch auch in der Polizeistube in Thusis wird gewerweist. . 

Rita Juon entwirft ein freundliches Bild von den heimischen Leuten: Zwar wird die Gelegenheit zu einem Tratsch gerne genutzt, doch kümmert sich das Völkchen der Glaser auch um seine Nachbarn. Urlaubsgäste sind nicht ungern gesehen, bringen sie doch Abwechslung in den Weiler; sie werden allerdings kritisch begutachtet und eingeschätzt. Bei Gefallen ergibt sich ein Schwätzchen am Gartenzaun. Wenn man nur wüsste, was die Wanderer so alles in ihren Rucksäcken herumschleppen. Und weshalb es die streitlustigen Deutschen ausgerechnet hierher verschlagen hat. 

Immerhin, das Wetter ist gut, die Heidelbeeren erntereif. Das Wetter passt. Nur: Ein Wetterumschwung in den Bergen kommt oft schneller als erwartet.

Titel: Tod am Piz Beverin, Krimi, 347 Seiten, Taschenbuch

Autorin: Rita Juon

Verlag: orte Verlag, Schwellbrunn

ISBN 978-3-858-302366, Fr. 17.-/Euro 13.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Schweizer Berglandschaft plus knorrige Bergler plus geheimniskrämerische Berggänger plus ein krimineller Bergunfall. Mehr Berg geht nicht.

Für wen: Ideal für Wandervögel, Beerenpflücker, Strahler – passend zu Gerstensuppe, saurem Most und Heidelbeereis.

Zürich von der exotischen Seite

Und wenn wir schon am Klimakilometer sparen sind, so könnten wir den Urlaub auch gleich zu Hause (z. B. in Zürich Oerlikon) auf dem Balkon verbringen. Susanne Mathies’ Thriller – den ich allerdings nicht in die Thriller-Schublade stecken würde – sorgt auf Balkonien für Spannung. Zusätzlich dazu gibt es eine grosse Portion Exotisches, eine Hand voll Makabres und einen Sonnenhut voll Beziehungsknatsch. 

In Das Auge der Ahnen geht es um ein Amulett, das seinem Besitzer im krisengeschüttelten Südsee-Inselstaat Turaluga Macht und Ansehen gewährleistet. Das heissbegehrte Amulett ist gerade unauffindbar. Doch dann geschehen in Zürich zwei Morde, und irgendwie hat der in Zürich lebende Konsul von Turaluga damit zu tun. Auch Personen, die im Museum für Völkerkunde arbeiten, scheinen in den Fall verwickelt. 

Mitten in die Geschehnisse geraten der Maler Martin Knopf und die Galeristin Pia Hürlimann, die gerade eine Ausstellung mit einem melanesischen Künstler namens Louis Atare vorbereiten. Dabei haben die beiden zur Zeit ganz andere Sorgen. Ihre Freundschaft steht auf dem Prüfstand.

Titel: Das Auge der Ahnen, Thriller, 250 Seiten, Taschenbuch

Autorin: Susanne Mathies

Verlag: bookshouse 2018

ISBN 978-9963-53-976-5, Fr. 24.90.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Unerklärliche Todesfälle in der kleinen melanesischen Gemeinschaft Zürichs, ein Blick hinter die Kulissen des Völkerkundemuseums in Zürich, ein Reisebericht eines Weltreisenden aus dem 19. Jahrhundert, der auf Turaluga schauerliche Erfahrungen sammelt, und die beiden Freunde Pia und Martin, die nicht wissen, wie ihnen gerade geschieht; das sind die Ingredienzien dieses Krimis. Das Lesen hat mich vier Fingernägel gekostet.Also am besten Handschuhe anziehen.

Für wen: Bücher-Reisende, die ganz sicher keinem faulen Südsee-Zauber zum Opfer zu fallen wollen. Passt zu Häppchen und einem perligen Weisswein, die es offensichtlich in einer Zürcher Galerie an einer Ausstellungseröffnung in rauen Mengen gibt.

Verloren im schottischen Hochland

Ava reist vom beschaulichen Bodensee ins deutlich rauere Schottland, um eine Entscheidung zu treffen: Für oder gegen ein Kind, für oder gegen ihren Freund Paul. 

Doch wer ist Ava? Weiss Ava überhaupt selber, wer sie ist? Im Roman Wild wie die Wellen des Meerestritt sie erst einmal als kapriziöse, eigenbrötlerische Studentin auf. 

Ich gebe es zu: Ich mag die Hauptfigur in diesem von Anna Stern geschriebenen Roman nicht besonders. Lange war ich versucht, das Buch einfach wegzulegen. Ich möchte aber nichts rezensieren, was ich nicht fertiggelesen habe. Also tapfer weiter im Text. Siehe da, so ab der Mitte des Romans nimmt die Story an Fahrt auf und am Ende war ich fast versöhnt mit der Geschichte und ihrer Protagonistin.

Es dauerte seine Zeit, bis ich einigermassen aufgedröselt hatte, wer von den Figuren wer ist und wer mit wem wie in Verbindung steht. 

Der Roman ist ordentlich kompliziert aufgebaut: Anna Stern erzählt die Geschichte Avas sozusagen im Krebsgang. Wir erleben die erwachsene Ava, zwischendurch tauchen wir immer tiefer in Avas Kindheit ein. Mit dem Fortschreiten der Story erfährt man dann auch, was in Avas Leben ihrer Meinung nach bislang schief gelaufen ist, wie sich Paul und Ava lieben gelernt haben. Auch dass Ava ihren Vater für den Tod der Mutter verantwortlich macht. Eingestreut in die Geschichte sind Fotos von verschwommenen Landschaften, Auszüge aus Fachliteratur Vogelkunde, Briefen, Tagebucheinträge etc. 

Anna Stern ist für diesen Roman hochgelobt und ausgezeichnet worden. Es ist eine Geschichte, die sich mit dem Sich-Erinnern befasst, mit dem „Wahrheitsgehalt“ dessen, was wir meinen erlebt zu haben. Dass gerade die Erinnerung eine verschwommene Angelegenheit ist, hat die Autorin konsequent umgesetzt. So bleibt einiges lückenhaft oder ungefähr in diesem Roman. Die Autorin arbeitet gerne mit kurzen, prägnanten Sätzen, die ihrem Text Rhythmus und Struktur geben. Eines ihrer Lieblingsstilmittel sind Wiederholungen. Ein Beispiel:

Sie schlafen miteinander, sie schlafen miteinander ein.

Das ist schön, kurz, eindrücklich, vielsagend. Bloss: Bei der dritten Wiederholung desselben Satzes wirkt der Satz nur noch manieriert. Schade.

Anna Stern arbeitet auch gerne mit alltäglichen Dialogen, Gemeinplätzen. Beispiel:

Ich wünsche dir einen schönen Tag, sagt Marjane. 

Danke, sagt Ava, dir auch.

Wenn es darum geht aufzuzeigen, wie verschlossen gegenüber Menschen Ava ist, dann lasse ich mir solch einen Dialog gefallen. Wenn sich banale Gespräche aber häufen, werde ich ärgerlich. 

Trotz aller Probleme, die ich beim Lesen von Anna Sterns Roman hatte, bin ich froh, dabeigeblieben zu sein. Wild wie die Wellen des Meeres hat mir einiges über mein eigenes Leseverhalten und meine Lesevorlieben verraten. Und so kann ich nach dieser Lektüre sagen: Mir ist das Ungefähre in Storys, wenn es denn dominiert, ein Gräuel; ich will nicht allzu lange rätseln müssen; ich will einem roten Faden folgen. Und: Ich umgebe mich ungern mit Zicken, weiblich oder männlich, sowohl in Romanen als auch in der Wirklichkeit.  Das allerdings wusste ich schon vorher. 

Titel: Wild wie die Wellen des Meeres, Roman, 411 Seiten, Paperback

Autorin: Anna Stern

Verlag: Salis Verlag AG, Zürich, 2019, http://www.salisverlag.ch

ISBN 978-3-906195-81-0, Fr. 32.-/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ava will wissen, ob sie das Kind ihres Geliebten Paul, das unter ihrem Herzen heranwächst, behalten will. Ihr Entscheidungsprozess führt sie ins schottische Hochland und in ihre eigene Kindheit zurück. Versatzstückhaft aufgebaut. 

Für wen: Für Leser, die gerne neue Lesepfade ausprobieren und denen es nichts ausmacht, geduldig eine Weile im schottischen Hochlandregen zu stehen. 

Wie der Reisläufer Noldi auf Kuba zum Premium-Käser wurde

Manchmal soll ein Buch einfach nur gute Unterhaltung sein. Es darf ein unglückliche Liebe drin vorkommen, Humor wäre auch nicht schlecht und eine Geschichte, die mich packt. Und wenn dann noch ein wenig Historisches geboten wird, exotische Landschaften und eigenwillige Charaktere, wäre das Buch für einen entspannten Sonntag oder ein paar Stunden am Strand perfekt.

Genau so ein Lesespass ist Patrick Tschans Der kubanische Käser: Witzig, unterhaltsam, geschrieben in einem für mich als Ostschweizerin eigentümlich vertraut anmutenden Deutsch. Passend zur Geschichte hat der Autor die Geschichte mit zahlreichen Helvetismen versetzt. Wer also ausschliesslich Hochdeutsch kann, dürfte ein wenig herausgefordert sein, aber an den wunderbaren Ostschweizer Ausdrücken und helvetischen Flüchen seine helle Freude haben. 

Der Autor siedelt den Ausgangspunkt seines literarischen Roadmovies im oberen Toggenburg an. Im Jahre 1620 ist Noldi Abderhalden 16; er lebt arm und ziemlich naiv in Alt St. Johann. Noldi ist verzweifelt, weil ihm sein Heidi den Laufpass gegeben hat. Im Suff unterschreibt er einen Reisläufervertrag und muss – gemeinsam mit anderen einkassierten Schweizern – sein geliebtes Toggenburg verlassen. Zu Fuss geht die Reise nach Italien, von dort nach Spanien. Noldi hat verschiedene Abenteuer zu überstehen. Es gilt Kanonenkugeln auf die Seite zu hauen, Reformierte tot zu schlagen, die Liebe zu erlernen und Hexenjagden auszuweichen. Schliesslich landet Noldi in einem verlassenen Tal auf Kuba. Hier will Noldi nichts weniger als den besten Toggenburger Käse ausserhalb des Toggenburgs fabrizieren. Wenn nur das Heimweh und die Erinnerung an Heidi nicht wären.

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Ach ja, so eine Art Moral hat das Büchlein über den Toggenburger Käser Noldi Abderhalden auch noch. Sie lautet ungefähr: Sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen rechnet sich nicht – mit Toleranz kommst du weiter. Mag sein, bis in den hintersten Winkel von Kuba. Da ist es auch nicht schlechter als im Toggenburg.

Titel: Der kubanische Käser, Das wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden, Roman, 185 Seiten, gebunden

Autor: Patrick Tschan

Verlag: Zytglogge Verlag Basel, 2019, http://www.zytglogge.ch

ISBN 978-3-7296-5005-3, Fr. 29.-/Euro 26.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ein lebensbejahendes Buch über einen der aus dem Toggenburg auszog, das Lieben zu lernen. Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite.

Für wen: Für alle, die mal wieder herzhaft beim Lesen lachen wollen. Alle, die gopferdammi Nachhilfe im helvetischen Fluchen benötigen. 


Wer die Drachen beherrscht, bleibt Herr über seine Träume

Die Jagd nach dem Blau, welch schöner Titel für ein Buch. Romain Gary hat damit einen Roman geschaffen, in welchem es um Träume geht und um das Festhalten daran, selbst wenn die Zeiten nicht danach sind. Das Buch spielt in Frankreich, genauer in der Normandie, der Dreissiger- und Vierzigerjahre; eine Gegend, die den Krieg erlitten hat, wie kaum eine andere. Auch wenn der Zweite Weltkrieg die Gegend im wahrsten Sinne durchgeschüttelt hat, so bleibt er in Garys Roman zwar gegenwärtig, aber dennoch im Hintergrund. Denn in derJagd nach dem Blau geht es um die Menschen, die alles versuchen, in den Wirren einen Weg für sich zu finden. Und sei es mit einem Papierdrachen davonzufliegen.

„Man muss sie gut festhalten, denn sie ziehen an dir, und manchmal reissen sie sich los, sie steigen hoch in den Himmel, sie machen sich auf, dem Blau nachzujagen, dann siehst du sie nie wieder, ausser wenn andere Leute sie zerschellt hierher zurückbringen.“ 

Mit diesen Worten erfährt der kleine Ludo von seinem Onkel Ambroise etwas über die Kunst des Drachenfliegens – und kann ganz nebenbei an dessen aussergewöhnlicher Lebensklugheit teilhaben. Der Briefträger Ambroise gilt, seit er aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist, in Cléry als leicht verrückt. Er hat sich ganz dem Drachenbau verschrieben und bringt es damit über die Grenzen der Normandie hinaus zu einiger Berühmtheit. Der Waise Ludo wächst bei ihm auf. Während Ludo und sein Onkel die wundersamsten Drachen in die Lüfte steigen lassen und Ludo sich heftig in die Polin Lila verliebt, bereiten sich andere auf den Zweiten Weltkrieg vor. Und plötzlich steckt auch die Normandie mitten drin. Ludo und sein Onkel kommen nicht umhin, Stellung zu beziehen. Während der eine sieben gelbe Sterne in den Himmel steigen lässt, tut der andere alles, damit der Irrsinn schnell ein Ende nimmt. 

Romain Gary ist der Spezialist skurriler Szenen und verschrobener Charaktere. In Die Jagd nach dem Blau scheinen sie sich in der Umgebung von Cléry versammelt zu haben: Da sind nicht nur der Briefträger Ambroise und sein Freund, der Spitzenkoch des Clos Joli, der seine ganz eigene Kriegs-Überlebens-Strategie vertritt. Seiner Meinung nach gilt es, die Kochkunst über die Kriegszeit hinüberzuretten, denn was wäre Frankreich ohne seine Küche. Ludo wiederum leidet an Gedächtnisüberschuss. In Lilas Familie hat sich die Vernunft längst verabschiedet und taucht nur dann auf, wenn Lilas Vater, der aus einer angesehenen polnischen Familie kommt, seine Frau ausschickt, Geld zu „besorgen“. Lilas Exaltiertheit kommt nicht von ungefähr. Doch sie versteht es, aus ihren Verehrern das Beste hervorzulocken. Auch unter die deutschen Besatzer haben sich einige höchst eigenartige Typen geschlichen, unter anderem eine ungarische Fürstin, die noch vor kurzen in Paris als Hure tätig war.

Mit diesen und anderen extravaganten Charakteren kommt es natürlich unweigerlich zu bizarren Situationen. Da sitzen beispielsweise im Clos Joli hochrangige deutsche Offiziere beim gediegenen Dinner, und an den Nebentischen werden ungeniert britische Fallschirmpiloten bedient, die von Ludo und seinen Résistance-Freunden gut gestärkt auf die Heimreise geschickt werden wollen.

Nicht umsonst sind zahlreiche Bücher Romain Garys verfilmt worden. Gerade eben ist die Verfilmung von Frühes Versprechenin den Kinos. In dieser Geschichte setzt sich Gary mit der eigenen Sohn-Mutter-Beziehung auseinander. Eine Mutter, die von ihrem Sohn nichts weniger verlangt, als berühmt zu werden. Das Thema, mit seinem Leben etwas Grosses zu erreichen, kommt gleichfalls in Die Jagd nach dem Blauvor. Es könnte sich also lohnen, sich nach dem Jagd-nach-dem-Blau-Buch auch noch den neuen Film zu gönnen.

Titel: Die Jagd nach dem Blau, Roman, 376 Seiten, gebunden

Autor: Romain Gary

Aus dem Französischen von Jeanne Pachnicke, Originaltitel: Les Cerf-volants

Verlag: Rotpunktverlag, http://www.editionblau.ch

ISBN 978-3-85869-828-5, Fr. 28.-/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Lebensfreude, innerer Widerstand, Humor, Pragmatismus, grosse Liebe, Eigensinnigkeit bis hin zur Selbstaufgabe: All dies findet sich in dieser Geschichte wieder und dies in einem Roman, der in Kriegszeiten spielt. Doch Gary erlaubt es der Tragik nie, sich über die Träume der Menschen herzumachen und sie zu verschlingen. Unbedingt lesenswert.

Für wen: alle, die Hintersinnigkeit zu schätzen wissen.

Ein Jahr gebloggt

Ein Jahr ist es nun her, dass ich meinen Blog aufgeschaltet habe. Grund genug, zurückzublicken. Im letzten Frühjahr fasste ich den Plan, etwas Neues zu lernen und zwar etwas, wovon ich nicht wirklich überzeugt war, so ein Social-Media-Dings. Und ob ihr es glaubt oder nicht, es war eine Zufallskonfrontation mit einem toll aufgemachten Kosmetikblog (ich grüsse dich Vanessa Bratschi), der mir den richtigen Kick gab. Bloggen, das war es, das wollte ich auch versuchen. Skeptisch blieb ich dennoch. (Dieses ganze neumodische Zeugs im Netz, Ihr wisst schon, wo man keine Kontrolle darüber hat, wo das herumschwirrt, wer das alles liest und was die Menschen da draussen in der Welt damit machen.) Ich bin also über meinen Schatten gesprungen, weil ein Leben, in dem man nicht ab und zu wenigstens einen verrückten Sprung wagt, mir immer noch nicht lebenswert erscheinen will. 

Und was ist passiert? Nichts. Das Netz hat mich nicht aufgefressen, die Menschen „da draussen“ scheinen nicht ausgeflippter zu sein, als die, die ich auf der Strasse treffe, und was die geheimnisvollen Kontrolleure anbelangt, sage ich hier einmal: Hallo, was wollt ihr denn wissen? 

Gut, ein paar Sachen sind in den letzten zwölf Monaten schon passiert. Ich habe 37 Beiträge aufgeschaltet und in diesen 45 Bücher besprochen. Wenn man bedenkt, dass ich zwischendurch eine Augenoperation hatte, etwas gereist bin, meine Grosskinder und mein Leben wo immer es ging genossen habe, finde ich das keine üble Bilanz. Ich klopfe mir hiermit ein paarmal auf die Schultern und freue mich, das man das in einem Blog ungeniert tun darf. Das ist sowieso etwas, was ich am Bloggen toll finde: Blogger dürfen, ja sie sollen nachgerade von sich sprechen. Ich habe in diesem Jahr im Netz so viele schöne, komische, engagierte Blogs gefunden, da kann ich nur grosse Augen machen. Manche von euch schreiben dreimal täglich, manche sporadisch. Ab und an kommt mal von Bloggerseite ein kleiner Kommentar zu mir herübergeflogen oder ein „Daumenhoch“. Das stellt auf. Da draussen seid Ihr also und manchmal, wenn ich etwas von Euch lese, seid ihr mir plötzlich nah. Da staune ich altes Haus: So also kann menschliche Gemeinschaft auch funktionieren. 

Und dann das Wichtigste: meine Follower. Ich finde den Begriff immer noch etwas fragwürdig. Nun gut, Gefolgschaft wäre auch nicht besser, Abonnenten klingt nach Abo-Gebühren, Jünger nach Religion, Fans nach Gejohle und Anfeuerungsrufen. Also bleiben wir bei Follower. Ich sage es gleich: Ihr seid noch eine kleine, unerschrockene Gemeinde. Ich freue mich jetzt schon auf den Tag, an dem ich die Zahl 100 auf der Follower-Anzeige sehen werde. Nach den hundertsten Follower, sagt zumindest mein Schwiegersohn, gehe das Generieren von Followern wie von selbst. Ich will das mal glauben. Bis dahin schreibe ich tapfer für euch weiter und für alle, die der Zufall auf meinen Blog verschlägt.

Ich könnte mich natürlich auch bei Amazon oder lovelybooks anhängen. Dann ginge das mit der Klicks und Followern in ganz anderen Sprüngen, meinen jedenfalls jene, die etwas davon verstehen. Nur bin ich grossen Vertriebsorganisationen wie Amazon kritisch gegenüber eingestellt. Und deshalb: Nein. So gierig nach Klicks kann ich gar nicht werden, dass ich mich da dranhänge. Ich schaff die 100 auch so, jawoll! (Vielleicht hilft mir ja einer von euch dabei.)

Immer wieder stellen mir die Verlage Rezensionsexemplare zur Verfügung. Hier einmal ein offizieller Dank dafür. Ich weiss Eure Unterstützung zu schätzen und mir ist auch klar, dass der Versand von Rezensionsexemplaren eure Werbekasse belastet. 

Ihr habt es sicher schon gemerkt. Ich bin eine Freundin der kleinen Verlage, insbesondere der unabhängigen Schweizer Verlage. Da trifft man immer wieder auf Besonderes, auch besonders Schönes. Solche Bücher und ihre Macher liegen mir am Herzen. Und deshalb: Auf in ein weiteres Blogjahr mit Buch&Bücher.

Bleibt mit dabei, ich freue mich über jede und jeden von euch

Herzlich eure Jolanda Fäh

„Ich bin einsam. Ich dachte du vielleicht auch.“

Heute geht es um das letzte Buch von Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Eine Story, die einen durchzurütteln vermag. Ein Buch auch, das uns daran erinnert,  wie sorgsam wir miteinander und mit unserer Zeit umgehen sollten, aber auch, wie wenig geschaffen für die Einsamkeit wir Menschen sind. 

Die Story: Louis und Addie leben als Nachbarn im Herzen der USA in einer Kleinstadt. Beide sind seit ein paar Jahren verwitwet und leben jeder für sich in ihren stillgewordenen Häusern. Addie klingelt eines Abends bei Louis und bittet ihn, gelegentlich die Nacht in ihrem Bett zu verbringen. Louis lässt sich darauf ein. Aus dem ungewöhnlichen Arrangement wächst nach und nach eine tiefe Freundschaft, die misstrauisch beäugt und boshaft kommentiert wird. Doch Addie und Louis geniessen jeden Moment ihres Zusammenseins. sie geben sich gegenseitig den Schwung, den sie seit langem vermisst haben. Addies Sohn fühlt sich bemüssigt, seiner Mutter das Recht auf Selbstbestimmung absprechen zu müssen. Addie und Louis stehen schliesslich vor der Frage, was sie noch verkraften können zu verlieren.

Die Situation von Addie und Louis ist beispielhaft. Wie viele ältere Menschen leben allein in ihren Wohnungen oder Häusern, haben kaum mehr Kontakt? Ihre Kinder sind weggezogen, die Zahl der Freunde bereits ausgedünnt, die Beweglichkeit leicht eingeschränkt. Und die Neugier? Auf das, was das Leben noch zu bieten hätte, auf neue Menschen, auf das, was einst Freude bereitete: ist irgendwo verloren gegangen zwischen Arztbesuch, Einkauf, Kirchgang, Rentnertreff und den allgemeinen Vorstellungen, wie man mit siebzig zu sein hat. 

Kent Haruf siedelt seine beiden Hauptfiguren von Unsere Seelen bei Nachtin Holt, einer erfundenen Kleinstadt in Colorado an. Die Umgebung ist ländlich, man kennt sich ein wenig, die Moralvorstellungen sind eher prüde. Zwei alte Menschen, die plötzlich ihre Nächte miteinander verbringen, passen da nicht ins Bild. 

Ich habe mich gefragt, ob Harufs Geschichte hierzulande angesiedelt auch funktionieren würde. In städtischen Gemeinden dürfte eine Beziehung wie die von Addie und Louis keinen interessieren, auf dem Lande gäbe es sicherlich eine zeitlang Kommentare. Dass jedoch leibliche Kinder überzogen reagieren, wenn ihre siebzigjährige Mutter sich neu verliebt: Sowas gibt es auch hier. Also ja: Es braucht für eine Geschichte wie die vorliegende kein amerikanisch-bigottes Kleinstadtgefüge. Hintertupfigen wäre als Schauplatz ebenso geeignet.

Unsere Seelen bei Nachtist mit Robert Redford und Jane Fonda 2017 verfilmt worden. Leider habe ich diesen Film noch nicht gesehen. Muss ich unbedingt nachholen!

Titel: Unsere Seelen bei Nacht, Roman, 197 Seiten, Taschenbuch

Autor: Kent Haruf. Deutsche Erstübersetzung. Aus dem Amerikanischen von pociao

Verlag: Diogenes Verlag, 2017, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-24465-6, Fr. 22.­–/Euro 16.99

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zurückhaltend-gefühlvolle Geschichte zweier Menschen, die sich entschliessen, ihren dritten Lebensabschnitt nicht einfach dahinschwinden zu lassen. Was werden die Nachbarn dazu sagen, wenn zwei alte Leute ihre Nächte plötzlich gemeinsam verbringen? Addie und Louis wagen es. Was haben sie schon zu verlieren? Kent Harufs Erzählweise ist einerseits still-verhalten, anderseits von einer Klar- und Offenheit, die perfekt zu diesen zwei älteren Menschen passt, die zu viel erlebt haben, um ihr Restleben mit Kinkerlitzchen gestalten zu wollen.

Für wen: Trotz des bewegenden Ausgangs ist dieses Buch ein Mutmacher: Älterwerden muss nicht das vorweggenommene Ende sein.