Liebeskrank, auf immer und ewig

Ernst Halter ist ein gelehrter Kopf, aber auch ein Schriftsteller mit Leidenschaft fürs Lyrische. Sein Roman Mermaid legt beides auf den Tisch: Das Buch ist eine Liebeserklärung an die Magie der Sprache, gleichzeitig Verführerin und Zerstörerin.

Mit dem Verfassen eines Liebesromans hat sich Ernst Halter ein nicht ganz einfaches Projekt vorgenommen, gilt es doch einige schriftstellerischen Klippen zu umschiffen. Schmalziges mögen wir nicht oder nur in homöopathischen Mengen, mit Schmuddeligen oder Pathetischem halten wir es genauso. Ausserdem wirken Liebespaare für Betrachter zwar manchmal neiderregend süss, aber mindestens ebenso – man sei mir nicht böse – als Menschen, die im Moment nicht ganz ernst zu nehmen sind. Dennoch oder gerade deswegen:

Halter hat den Versuch gewagt und mit Mermaid einen Roman über die Liebe geschrieben, die ganz grosse Liebe, die mit der Haut und den Haaren, dem Einen und Einzigen, dem Ganz-und-gar auf immer und ewig. Mermaid möchte nichts weniger als das Wesen der Liebe ergründen, diese verrückte Verbindung von Geist und Fleisch. Auf der einen Seite so überirdisch-unfassbar, auf der anderen nicht mehr als eine biologisch erklärbare Funktion. Wie nahe liegen dabei Höhenflug und Bruchlandung zusammen.

Zur Story: Das Liebespaar ist ein Gelehrter namens Elias, seine Flamme eine attraktive, kunstbewanderte Mailänderin namens Stella. Um das Dreieck komplett zu machen, gibt es noch die an der Welt leidende Ellen, Elias Frau, die zu Hause auf ihren Gatten wartet. Doch Elias ist hin und wieder unabkömmlich, nämlich immer dann, wenn es die beiden Turteltauben mit aller Macht zueinander zieht. Dann treffen sie sich in einem Hotel, um übereinander herzufallen. Vorher oder danach gibt es einen Abstecher ins Grüne, auf eine Burg oder zu einem Kunstwerk. Und alles, was am Wegrand steht und liegt, beziehen Elias und Stella auf ihre Liebe: Ein Paar, das nur zusammen Eins ist, aber der Umstände halber nicht Eins sein darf. Trotz „ewiger Liäbi“: die Treffen werden von Mal zu Mal schwieriger, es gibt einiges an Spannungen, an Überspanntheiten zu durchleben, und nur die Gattin zu Hause reagiert mit „Abwarten und Tee trinken“.

Es wäre falsch, aufgrund meiner eher ironischen Zusammenfassung der Story zu meinen, wir hätten es hier mit Kitsch zu tun. Allerdings, wäre es einzig der Geschichte wegen, wir dürften die Sache vergessen. Bücher über unglückliche Liebeshändel gibt es nun wirklich andere, denen ich Ewiggültigkeit zugestehen würde. Es ist eben der Text als solcher, welcher Halters Buch speziell macht. Zwei Liebende, die sich eine neue Sprache füreinander schaffen, eine Sprache voller Poesie, weil die Worte und Namen, die „normale“ Liebende einander zuflüstern, für das, was sie fühlen, nicht ausreicht. Ihre Treffen und Briefe sind immer auch ein Nachdenken über die Beschaffenheit der Liebe, die sie immer mehr als ihre Religion zelebrieren.

 

Titel: Mermaid,Roman, gebunden, 344 Seiten

Autor: Ernst Halter

Verlag: Klöpfer & Meyer, 2018

http://www.kloepfer-meyer.de/

ISBN 9783863514631

Kurzbewertung: Etwas kopflastige, nicht ganz pathosfreie, aber differenziert und wohlformulierte Liebens-, Betrugs- und Bettgeschichte. Es gibt Sätze, die möchte man sich übers Bett hängen.

Für wen: Für den, der’s überspannt mag und gerne etwas über die Philosophie der Liebe nachdenken möchte. Er könnte aber auch in die Welt hinausgehen und lieben üben.

Gedicht zum Buch: Und weil es gerade so schön passt hier einen Link auf die Lyrikzeitung & Poetry News, wo Ihr ein Gedicht von Ricarda Huch findet: Ich will dich. https://wp.me/pBWBE.b25

 

 

 

 

Mordsgeschichten: eine wirkliche, eine die wirklich sein könnte und eine ganz und gar unwirkliche 

Schweizweit existieren zahlreiche kleine Verlage mit unterschiedlichen Programmen – mehrere davon produzieren auch Krimis. Dies hat nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. Krimis verkaufen sich gut, die Nachfrage scheint ungebrochen. Außerdem mögen wir Leser lokal angesiedelte Storys mit Wiedererkennungswert. Dabei darf die fiktive Mordlust durchaus in die heimatliche heile Welt einbrechen.

Heute möchte ich drei solcher Krimis vorstellen: der erste greift einen wahren Mord aus dem Jahr 1820 auf; beim zweiten schreibt die Autorin verschmitzt so, als wäre ihr die Story selber passiert; der dritte ist ein Thriller, der sich nicht zwischen Wirklichkeit und Traum entscheiden mag. Die beiden ersten Geschichten spielen in der Schweiz, der letztere in Kairo.

 

Im Schatten der Linde

Es ist ein prächtiger Maitag im Jahre 1820. Christina Aeby, die schöne Stine aus Rechthalten (Sensebezirk, Kanton Freiburg), ist zusammen mit ihrem Liebsten auf dem Weg nach Freiburg, wo ein großer Markt stattfindet. Es scheint ein ländliches Idyll, durch das die beiden wandern. Doch der Tag endet nicht so romantisch, wie er begonnen hat: Am nächsten Morgen läuft die böse Kunde durchs Dorf: Christina Aeby wurde brutal zu Tode geprügelt. Die Menschen reagieren geschockt und verbockt; verdächtig oder gefährdet ist jeder, so lange der Täter frei herumläuft.

Die Geschichte dieses Romans unter dem Titel Im Schatten der Linde fusst auf einer wahren Begebenheit, die sogar Einzug ins Volksliedgut nahm. Autor David Bielmann hat die Urkunden gesichtet, die Aussagen der Befragten unter die Lupe genommen und sich die Menschen dahinter ausgemalt. So entstand eine Gemeinschaft aus Verdächtigen, Eltern, Nachbarn, Durchreisenden. Mitten drin stehen und gehen die beiden Dorfpolizisten Rotzetter und Dousse. Besonders an Herz wächst einem Landjäger Rotzetter, der lieber mal das Gesetz an die Menschen anpasst als umgekehrt. Er sieht sich weniger als Gesetzes- denn als Menschenhüter. Mit der Suche nach dem Mörder tut er sich schwer.

David Bielmann ist ein begnadeter Erzähler. Sein Roman glänzt mit feinem Humor,  viel Menschlichkeit, bildhafter Sprache, gepaart mit solider Forschungsarbeit und Details über das harte ländliche und politische Leben dazumal. Am Ende steht die Frage, ob der Mann, der die Tat gestand und derenthalben hingerichtet wurde, auch wirklich der Mörder war.

Titel: Im Schatten der Linde, Die Ermordung der Christina Aeby, Roman, gebunden, 191 Seiten

Autor: David Bielmann

Verlag: Zytglogge, 2018, CHF/EUR 32.-, www.zytglogge.ch,

ISBN: 978-3-7296-0981-5

Kurzbewertung: Sorgfältig erarbeitet, mit Zitaten aus den Untersuchungsberichten, und wunderbar erzählt, die Ermordung der Christina Aeby, einer 21jährigen Frau aus Rechthalten. Die Suche nach ihrem Mörder zeigt präzise die Fragilität des dörflichen Zusammenhaltes. Einer muss für die Tat büssen. Ghaue oder gstoche! Angereichert mit geschichtlichen Details.

Für wen: Für alle, die wahre, neu interpretierte Geschichten aus längst vergangener Zeit mehr mögen als die heutige Sensationspresse.

 

Und Harry?

„Seien Sie ehrlich: Wenn ich beginne mit ‚Mein Vater starb, als ich sieben Jahre alt war‘, werden Sie die Augen verdrehen und  denken, ach schon wieder eine, die ihre Kindheit auf uns abwälzen will…“  so beginnt Alexandra Lavizzari ihren Roman Und Harry?, den man durchaus in der Abteilung Krimi hätte unterbringen können. (Oder müsste ich schreiben: der die Abteilung Krimi, so originell und gelungen wie er ist, bereichern würde.) Denn da ist alles, was einen Krimi ausmacht: ein Toter, der eines Tages erschossen in einem Tessiner Garten liegt; ein Mädchen, das seinen Vater so vorfindet; ein grässlicher Nachbar, dem man einiges zutrauen würde; eine Ehefrau, die sich von ihrem Gatten entfremdet hat. Doch die Polizei findet den Mörder nicht. Das Kind wächst unter grossem Leidensdruck zur Frau heran. Die Zeit heilt ihr Trauma nicht. Irgendwann findet sie ein Foto, auf dem ihr Vater und ein gewisser Harry abgelichtet sind. Doch wer ist Harry? Die Suche nach des Rätsels Lösung beginnt. Natürlich ist am Ende alles anders, als wir Leser es erwarten würden – aber genau so, wie wir es von einem Krimi erhoffen.

Zwischen erstem und letztem Satz mäandert die Autorin (die Ich-Erzählerin im Roman ist gleichfalls Autorin) durch das Leben der verkorksten jungen Frau, fabuliert, fabriziert Abschweifungen, falsche Abkürzungen, plaudert und lenkt ab, dass es ein Spass ist. Ein Buch, das einen mitreisst (auch weil die Autorin ihre Leser direkt ins Buch hineinnimmt, indem sie sie an ihren schriftstellerischen Überlegungen teilhaben lässt) und das man nicht gerne für Zwischenstopps beiseite legt.

Titel: Und Harry?, Roman, gebunden, 233 Seiten

Autorin: Alexandra Lavizzari

Verlag: Zytglogge, 2017, CHF/EUR 29.-, www.zytglogge.ch

ISBN: 978-3-7296-0966-2

Kurzbewertung: In einem Tessiner Bergdorf wird 1960 der Vater eines siebenjährigen Mädchens erschossen. Der Mörder wird nicht gefasst, doch das Ereignis bestimmt das ganze weitere Leben des Mädchens. Ein aussergewöhnlicher Krimi mit überraschenden Twists. Herrlich humorvoll geschrieben.

Für wen: Nicht nur für Krimifans zu empfehlen. Nehmen Sie sich einen freien Nachmittag und legen Sie sich in die Hängematte damit. Wenn Sie keine Hängematte haben, tut es auch das Sofa.

 

Blauer Elefant

Ehrlich gesagt: Der Blaue Elefant, ein Thriller des ägyptischen Autors Ahmed Mourad, hat es mir nicht einfach gemacht. Gleich auf der ersten Seite vergleicht Jachja, die Hauptfigur der Geschichte, seine Geliebte mit einer in seinem Bett parkenden Harley Davidson. Da fragt sich die lesende Frau gleich, wo sie hingeraten ist: In einen Hollywoodfilm aus den Fünfzigern mit einem machohaften Detektiv, der cool sein wollende Sprüche klopft und auf dem Schreibtisch eine Whiskyflasche stehen hat?

Der Gedanke entpuppt sich als gar nicht mal so falsch: Der Autor des Buchs, Ahmed Mourad, hat Erfahrungen im Filmemachen und Verfassen von Drehbüchern gemacht, bevor er sich dem Schreiben von Thrillern zuwandte. Mit diesem Wissen fällt es leichter, die aufgesetzt ironische Sprache von Jachja hinzunehmen, obwohl sie nicht so richtig zu seiner Rolle passen will, denn immerhin ist Jachja als junger Arzt und Hoffnungsträger in einer forensischen Psychiatrie angestellt. Als solchen stellt man sich einen intelligenten, modernen, ernsthaften Menschen vor. Mourads Figur unterläuft aber von Anfang an alle Erwartungen: Jachja kippt massenhaft Alkohol in sich rein (ja, auch gerne Whisky), er raucht ohne Unterlass, prügelt sich mit einem Kollegen und sieht keinen Sinn in seiner Arbeit und im Leben insgesamt. Die restliche Zeit liegt er besinnungslos auf dem Boden oder dem Sofa. Seine flapsige Sprache passt eher zu einem Sechzehnjährigen als zu einem gestandenen Mann und ist obendrein mit völlig überzogenen Bildern angereichert. Da hat er beispielsweise „glühende Kohlen im Kopf, die Lava zwischen die Augen goss“. Kurz: Es fällt schwer, den Kerl zu mögen.

Nun wäre es eigentlich Aufgabe des Autors, uns Lesern zumindest die Hauptfigur eines Romans verständlich zu machen; es ist uns wichtig zu begreifen, weshalb sie so agiert und nicht anders. Ahmed Mourad lässt sich damit aber jede Menge Zeit. Vielleicht zuviel?

Doch, habe ich mir gedacht, ich wolle mal nicht so kleinlich sein, mich erwarte schliesslich ägyptisches Lebensgefühl, ein Blick in eine orientalisch angehauchte Welt, Ferienland (oder Staat im Umbruch), bunt, würzig, fremd. Irrtum: Schauplatz ist eine psychiatrische Klinik, wie sie in ihrer Nüchternheit irgendwo in Europa stehen könnte. Jachja arbeitet in jener Abteilung, die den Häftlingen vorbehalten ist, die auf ihren geistigen Zustand untersucht werden. Einer der Häftlinge ist ein Jugendfreund von Jachja. Er hat allem Anschein nach seine Frau ermordet. Stellen die Ärzte seine geistige Gesundheit zum Zeitpunkt des Mordes fest, droht ihm der Galgen. (Galgen!? Gibt es den tatsächlich in Ägypten noch? Aber ja, willkommen im Orient.)

Mehr von der Geschichte möchte ich hier nicht verraten. Doch ich versichere: Es wird noch orientalisch genug. Spannend und magisch. Alptraumartig tauchen Dschinns auf, Elefanten, Esel und verführerische Frauen, schwarze Hunde fletschen ihre Zähne, Bäume wachsen durch die Decke: Jachja benötigt einige Anläufe und ziemlich viele Drogen, dem Horror Einhalt zu gebieten. Dabei muss er sich die Frage stellen, wie es mit einer eigenen geistigen Gesundheit bestellt ist. Doch bis er die Antwort auf die Frage findet, irrlichtert es in Jachjas Kopf gewaltig zwischen nüchterner Analyse und surrealem Bildansturm.

Übrigens: So unsympathisch war mir am Ende des Buches die Hauptfigur Jachja dann doch nicht mehr, denn wie er stelle ich mir ab und an die Frage, was in dieser Welt realer Schrecken ist und was schreckliche Imagination.

Titel: Blauer Elefant, Thriller, gebunden, 415 Seiten

Autor: Ahmed Mourad, aus dem Arabischen von Christine Battermann

Verlag: Lenos, Basel, 2018, CHF 29.80/EUR 22.-, www.lenos.ch

Kurzbewertung: Dieser ägyptische Thriller liefert jede Menge unwirkliche Schaudereffekte und Gruselmomente. Er spielt in einer Abteilung einer psychiatrischen Klinik, wo gefährliche Häftlinge auf ihren Geisteszustand abgeklärt werden. Jachja, ein junger Arzt, der im Leben nichts so richtig auf die Reihe bekommt, arbeitet hier. Er zweifelt bald selber an seinem Geisteszustand.

 

Für wen: Für jene, für die Realität nur eine Sequenz in einem Traum ist.

 

 

 

 

Die schweizerische Effi Briest hiess Lydia

Die tragische Geschichte von Lydia Welti-Escher (1858 bis 1891) wurde schon mehrfach literarisch aufgearbeitet. Eines der neuesten Bücher unter dem treffenden Titel Ein Bild von Lydia, das sich mit ihrem Schicksal befasst, hat Lukas Hartmann geschrieben. Hartmann hält sich dabei weitestgehend an die belegbaren Umstände, wendet aber einen Kunstgriff an, um der Person von Lydia näherzukommen. Er stellt die Geschehnisse um Lydias letzte Jahre aus der Sicht ihrer Kammerzofe Marie Louise Gaugler dar. Marie Louise Gaugler hat tatsächlich als junge Frau bei den Weltis gedient und den Niedergang ihrer Arbeitgeberin hautnah mitbekommen.

Zur Handlung: Luise, wie sie im Roman genannt wird, ist sechzehn und wird im Hause Welti-Escher als Kammerzofe eingestellt. Ihre Dienstherrin ist die Tochter von Alfred Escher. Sie hat von ihrem Vater ein immenses Vermögen geerbt. Ihr Ehemann Emil Welti ist der Sohn von Bundesrat Welti, ein mächtiger Mann, gut vernetzt, ein regelrechter Strippenzieher. Emil Welti bringt den Kunstmaler Karl Stauffer ins Haus. Er soll Lydia Welti porträtieren. Karl Stauffer und Lydia verlieben sich ineinander. Die amour fou gipfelt in einer skandalumwitterten Flucht nach Rom. Die Arme von Bundesrat Welti reichen weit: Er lässt Stauffer verhaften, Lydia wird in eine Irrenanstalt verbracht und muss sich von Stauffer distanzieren. Fortan lebt sie als geschiedene Frau und von den Weltis um den Grossteil ihres Vermögens gebracht in Genf, wo sie sich schliesslich umbringt. Stauffer hat diesen Ausweg schon vor ihr gewählt.

Die Kammerzofe Luise erlebt die letzten vier Jahre Lydias. Sie sieht, wie Emil Welti seine Frau durch Desinteresse und lange Abwesenheiten direkt in die Arme von Karl Stauffer treibt. Lydia wird als zurückhaltend, teilweise steif, aber auch als stark, klug, widerspenstig und vor allem an Kunst interessiert dargestellt. Ihre Unterforderung als Dame des Hauses kompensiert sie mit depressiven Phasen, die mit Kuraufenthalten und Ablenkungen „behandelt“ werden. Hartmann gelingt ein Sittengemälde. Es ist die Zeit der rigiden viktorianischen Vorstellungen zum Verhältnis von Mann und Frau und hartgezogener Schranken zwischen Herrschenden und Dienenden. Verhalten zeichnet Hartmann die Beziehungen innerhalb des Hauses Welti-Escher: Da hört man Geräusche, die nicht einzuordnen sind, versucht in Gesichtern zu lesen, schnappt Satzteile oder Seufzer auf, und im Extremfall wird an Türen gelauscht. Geprägt von äusseren Umständen entwickelt sich auch das Verhältnis zwischen Zofe und Dame: Vertraulichkeiten und Kühle wechseln sich ab. Luise fühlt sich ihrer Dienstherrin verbunden. Beide leben in einer Gesellschaft, die von allen verlangt, den Normen entsprechend zu funktionieren. Die Korsetts der Frauen sind eng geschnürt. Während Lydia sich über die Konventionen hinwegsetzt und offenen Auges in ihr Unglück rennt, lernt Luise den Kellner Henri kennen und lieben. Hoffnung, zumindest für sie, liegt in der Luft.

Hartmann hat einige Mühe darauf verwendet, die vorliegenden Dokumente zur Sache Welti-Stauffer zu sichten und zu bewerten. Auch wenn Ein Bild von Lydia als Roman betitelt ist, so unterliegt der Autor keinesfalls der Versuchung, Lydias Handeln zu bewerten oder ihre Gefühlswelt zu interpretieren. Die Figur der Luise liess ihm die Freiheit, die übrigen Protagonisten mit Zurückhaltung zu betrachten. Luise ist diejenige, die sich zwischen den Welten der Armen und Reichen bewegt. Luise beobachtet und lernt.  Als  sie schliesslich die Kleider von Frau Lydia erbt, weiss sie eines: Kleider machen zwar Leute, doch auch reiche Leute sind nicht frei zu tun und zu lassen, was ihnen beliebt.

Ein Kritikpunkt an diesem lesenswerten Roman über jene Frau, der wir die Gottfried-Keller-Stiftung verdanken, muss dennoch angebracht werden: Nach der gefühlt hundertsten depressiven Phase von Lydia, die eine der anderen gleicht – Nervenkrise, besorgte Dienstboten, Doktor kommt, besorgter Doktor, Tee wird verschrieben, die Patientin fasst sich wieder und agiert wie eine Getriebene – , hätte man sich als Leser doch eine Abkürzung gewünscht.

 

Titel: Ein Bild von Lydia, Roman, gebunden

Autorin: Lukas Hartmann

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes.ch/leser.html

Kurzbewertung: Das tragische Schicksal von Lydia Welti-Escher dargestellt aus der Sicht ihrer Zimmermädchen Marie Louise Gaugler. Der ungewohnte, unsentimentale Blickwinkel aus der Dienstbotensicht vermittelt ein Sitten- und Gesellschaftsbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das Frauen nicht viel mehr als die Rolle der fügsamen, sittsamen Hausherrin zugestand. Für die lebhafte, an Kunst und Literatur interessierte Lydia Welti war dies eindeutig zu wenig. Doch während Lydia Welti tief und tiefer fällt, erlebt ihr getreues Zimmermädchen zum ersten Mal die Liebe und darf auf eine erfreuliche Zukunft hoffen.

 

 

Wenn einer in den Spiegel schaut, wie viele schauen heraus?

Joachim Meyerhoffs Hauptfigur und Ich-Erzähler im Roman Die Zweisamkeit der Einzelgänger heisst Joachim Meyerhoff, ist wie sein Erschaffer auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik gross und später Schauspieler geworden. Diese Fakten stehen im Wikipedia-Eintrag über den Autor Meyerhoff. Solche Angaben darf man  glauben. Bei einem schreibenden Schauspieler, der sich selbst zur Figur eines Romans erhebt, darf aber auch ein wenig Zweifel erlaubt sein. Inwieweit die Figur Meyerhoff dem Schriftsteller Meyerhoff gleicht, ist etwas, was Leser sich sicherlich fragen – und etwas, womit Schriftsteller Meyerhoff gekonnt spielt. Für den Roman selber ist die Frage müssig. Die Geschichte springt zwischen Irrwitz, Traurigkeit, Facettenreichtum und herzbewegender Lebenslust hin und her; so dass man sich zuweilen wünscht, der Autor möge sie so erlebt haben – und ein paar Zeilen weiter, der Autor möge sie auf keinen Fall so erlebt haben.

Die Romanfigur Joachim Meyerhoff ist also Schauspieler, ein einsamer und unglücklicher obendrein. Ein Selbstzweifler. Er trifft auf Hanna. Eine überaus intelligente, kratzbürstige, um sich beissende junge Frau. Joachim verliebt sich. Seltsam genug, denn Hanna ist ein so schwieriger Charakter, dass sie es kaum mit sich selbst aushält. Immer scheint gleich um die Ecke die Katastrophe zu lauern. Die kommt – vorderhand – nicht. Aber es kommen die Tänzerin Franka und die Bäckerin Ilse. Joachim jongliert nun mit drei Frauen und seinem Schauspielberuf. Jede der Frauen öffnet ihm ihre Welt: Hanna fordert Joachim zu gedanklichen Höhenfügen heraus, Franka zu körperlichen Exzessen, Ilse bedeutet Geborgenheit und Wärme. Joachim achtet streng darauf, dass sich diese drei Welten nicht berühren. Dabei entdeckt er seine eigene Skrupellosigkeit und findet Freude daran. Schauspielerische Erfindungsgabe und Spontaneität retten ihn aus der einen oder anderen heiklen Situation.

Was die vier Menschen verbindet, ist ihre innere Einsamkeit. Jeder von ihnen hangelt sich entlang seiner eigenen Ablenkungsmanöverkette.

Schnell-Leser sollten bei diesem Buch ein paar Gänge herunterschalten. Buchfressern verweigert sich dieses Werk. Erst beim Genusslesen entwickelt es sein volles Aroma. Es schmeckt nach Theatervorhängen, vernachlässigten Industriestädten, nach Bibliotheken, verschwitzten Kostümen, frisch Gebackenem. Auch nach Ausschweifung, Betrug, kaschierter Trauer. Meyerhoff weiss geistreich zu erzählen. Seine Theaterszenen lockern die Geschichte auf, sind humorvoll bis sarkastisch. Die Beschreibung des Innenlebens seiner Protagonisten loten jedes Gefühl aus, jede noch so kleine Begebenheit verweist auf die Schwierigkeit, in einer Welt der Zweifler und Verzweifelten jemanden zu finden, an den man sich hängen kann. Und dann ist da noch Meyerhoffs/Meyerhoffs Fabulierkunst, die Purzelbäume gleich im Dutzend schlägt.

Ein Einwand muss angebracht werden: Spätestens ab Seite dreissig kommen auch dem tolerantesten Leser Zweifel: Muss ich mir das antun? Was haben eine überkandidelte, nervige Studentin namens Hanna, die auf keine noch so simple Frage eine normale Antwort geben kann, und ein einsamer Wolf namens Joachim, der sich aus welchen Gründen auch immer in dieses verrückte Huhn verliebt, mit mir zu tun? Bitte hier das Buch nicht beiseitelegen! Ich kann versichern, es lohnt sich, am Lesen zu bleiben. Tief- und Hintersinn sowie eine grosse Liebe zu grosser Literatur sprechen aus jeder Seite.

 

Titel: Die Zweisamkeit der Einzelgänger, Roman gebunden

Autor: Joachim Meyerhoff

Verlag: Kiepenheuer&Witsch https://www.kiwi-verlag.de/

Kurzbewertung: Intensives Leseerlebnis mit vielen theatralischen-komischen Effekten.

Für wen: Langsamleser mit einem Hang zu schrägen Typen und hochklassigen Literatur.

Was wissen wir über unsere Eltern?

In meinem letzten Blogbeitrag ging es nach Mississippi. In dieselbe Gegend führt auch meine heutige Buchbesprechung. Zwischen ihnen, geschrieben von Richard Ford, handelt in etwa zur derselben Zeit, in den Nachkriegsjahren. Wieder geht es um das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen und in ganz anderer Absicht. Die Rassenfrage bleibt aussen vor; diesmal geht es darum, inwieweit Kinder ihre Eltern, ihre Pläne, Absichten, Gedanken, Geheimnisse je kennen werden.

Zwischen ihnen ist in zwei Teile gegliedert, eine Hälfte befasst sich mit dem Vater des Autors, einem Handlungsreisenden für Wäschestärke. Der zweite Teil ist der Mutter gewidmet. Beide Buchteile wurden im Abstand von 30 Jahren verfasst, was insofern interessant ist, als der Mutter-Teil direkt nach dem Tode der Mutter geschrieben wurde, der Vater-Teil fünfundfünfzig Jahre nach dessen Ableben. Allein schon der Vergleich unter der Fragestellung, was die Zeit mit unseren Erinnerungen anstellt, macht das Lesen spannend.

Das Leben der Eltern in der Rückschau in Buchform zu analysieren, in seinen Möglichkeiten – den gelebten und den phantasierten – abzustecken ist ein Wagnis, dem sich schon einige Autoren und Autorinnen gestellt haben. Mit dabei ist auch immer die Frage des Autors nach dem eigenen Platz in dieser Geschichte. Auch nach dem „Was wäre wenn?“ So ein Unternehmen steckt voller Fallstricke, und der Schreibende muss für sich klären, ob er mehr die Imagination oder eher die Fakten zuhilfe nehmen soll.

So oder so: Das Leben der Eltern zu interpretieren bleibt wohl immer Annäherung. Inwieweit können wir unserer Erinnerung trauen? Ist es möglich, anhand von Erinnerungsbrocken, Erzählungen, Briefen, Fotografien – denn mehr ist es ja in den seltensten Fällen – Rückschlüsse zu ziehen? Ist es beispielsweise statthaft, anhand einer Fotografie über die Befindlichkeit der dort Abgelichteten etwas zu sagen. Erst recht, wenn die alten Bilder verblasst sind. Hinzu kommt: Eltern hatten, bevor sie Kinder bekamen, ein eigenes Leben, Jahre voller Geheimnisse.

Richard Ford hat sich all den aufkommenden Fragen gestellt. Und hat es sich bei der Beantwortung nicht leicht gemacht. Es ist ihm ein liebevolles, tiefgründiges, mit Zurückhaltung verfasstes Erinnerungsdokument gelungen, in dem viele kluge Gedanken stecken. Nicht dass wir jetzt Fords Eltern besser kennen würden. Im Gegenteil, sie sind uns nach der Lektüre so rätselhaft und gleichzeitig wohlbekannt, wie es die Eltern von anderen immer sein werden. Aber Richard Ford spricht aus, was wir von unseren eigenen Eltern immer schon gedacht haben: Sie haben ihr zum Teil von uns als seltsam empfundenes Leben gelebt, das uns aber geprägt hat. Es war ein Leben, das in einer bestimmten Zeit stattfand, unter ganz besonderen Voraussetzungen.

Im Falle von Richard Fords Eltern dürfte es der Zweite Weltkrieg gewesen sein, der die Bedingungen diktierte. Darauf folgten Jahrzehnte, in denen die Möglichkeiten gleichfalls eingeschränkt waren. Man war wer man war und versuchte nach diesem Massstab sein Leben zu leben. So lange es aufwärts ging und man seiner Rolle als was auch immer gerecht wurde, war alles bestens. Gleichzeitig galt es, möglichst nicht auszufallen, die Dinge „richtig“ zu machen. Konsumzwang, eine Vorstellung von Selbstverwirklichung, Darstellungswahn kamen später. Da mussten erst eine aufmüpfige Jugend, eine sexuelle Revolution, eine völlig neue Technik und allgemeinzugängliche öffentliche Plattformen her.

 

Titel: Zwischen ihnen

Autor: Richard Ford, aus dem Englischen übersetzt von Frank Heibert

Verlag: Hanser Berlin https://www.hanser-literaturverlage.de/verlage/hanser-berlin

Kurzbewertung: Parker Ford und Edna Atkin begegnen sich, heiraten und ziehen gemeinsam jahrelang durch Amerikas Südstaaten. Spät bekommen sie ein Kind, Richard Ford, und werden sesshaft. Parker, gesundheitlich angeschlagen, fährt weiter als Handlungsreisender durchs Land. Früh stirbt er. Edna lebt noch zwei Jahrzehnte länger. Was hat sie bewegt, was angetrieben, wie haben sie ihr Leben empfunden? Ein Text rücksichtsvoll, liebenswürdig, nachdenklich, gescheit.

Für wen: Die Beziehung von Eltern und ihren Kindern, das Besondere daran – besonders die Lücken – bleibt weiterhin ein Thema, das jeden Menschen umtreiben dürfte. Also: für alle.

Amerika, armes Amerika – oder: Wo Rassenhass gedeiht, wächst kein Gras mehr

Wir hören und sehen es in den Nachrichten: Afroamerikaner sind auch im 21. Jahrhundert Bürger zweiter Klasse. Wir hören von Misstrauen, Gewalt, Vorurteilen, Chancenungleichheit, fehlendem Unrechtsbewusstsein, überzogenen Polizeieinsätzen etc. Der Graben zwischen den Rassen in den USA scheint unüberbrückbar.

Hat Colson Whitehead 2017 mit Underground Railroad versucht, die Geschichte des amerikanischen Südens und seiner Haltung zur Sklaverei anhand einzelner Sklavenschicksale aufzuarbeiten, so veröffentlicht nun Jesmyn Ward mit Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt einen Roman, der sich mit der Rassenproblematik im heutigen Amerika befasst. Der Roman spielt im Bundesstaat Mississippi. Sicherheit für Schwarze, soviel wird im Laufe von Wards Buch deutlich, gibt es nicht. Sicherheit ist etwas – geht man vom Gefühl aus, den Yesmin Wards Erzählung vermittelt –, das Afroamerikaner gar nicht kennen können. Nicht draussen vor der eigenen Türe, und oft genug auch nicht hinter dieser. Zu tief sind die Narben, die Sklaverei und Rassentrennung hinterlassen haben und immer wieder neu aufreissen. Was daraus erwächst ist verheerend.

Jesmyn Ward berührt mit diesem Roman ein weiteres Thema, das nicht nur Amerika betrifft: Das Aufwachsen von Kindern in einer unguten Umgebung. Kinder mit Eltern, die mit ihrem eigenen Leben nicht klarkommen. Familien, wo Schläge und Vernachlässigung an der Tagesordnung sind. Familien, die jeden Augenblick auseinanderzubrechen drohen. Die zwei Hauptfiguren aus Wards Roman, der 13jährige Jojo und sein Schwesterchen Kayla, klammern sich verzweifelt aneinander und lernen schnell erwachsen zu werden, allerdings in der Gewissheit, dass auch Erwachsen-Sein kein Zuckerschlecken ist.

Die Autorin beschreibt uns die Familie von Red River. Red River wurde in jungen Jahren zusammen mit seinem Bruder in das – berüchtigte – Gefängnis Parchman gebracht. Er hat Jahre dort verbracht, sich den unmenschlichen Bedingungen gebeugt und nebenbei versucht, auf Richie aufzupassen, einen Zwölfjährigen, der wie er wegen einer Nichtigkeit im Gefängnis landete. Red River erzählt seinem Enkel Jojo oft aus dieser Zeit. Red erzählt aber nie die ganze Geschichte, doch Jojo ahnt, dass da noch mehr war.

Jojo wächst im Haus seiner Grosseltern auf. Die familiäre Situation ist beklemmend: Jojos Mutter Leonie ist drogensüchtig und unfähig, sich um ihre beiden Kinder zu kümmern, sein weisshäutiger Vater Michael sitzt im Gefängnis, seine Grossmutter liegt im Sterben. Die Verantwortung für Kayla liegt in den Händen von Jojo. Grossvater Red versucht so gut es geht, den beiden Geschwistern Halt zu geben.

Jesmyn Ward gibt den verschiedenen Familienmitgliedern eine eigene Stimme und lässt sie ihre Sicht der Dinge darstellen. Das führt zu einer Unmittelbarkeit, der man sich als Leser nicht entziehen kann. Plötzlich sehen wir Leonie nicht nur als verantwortungslose Drogensüchtige, die ihre Kinder im Stich lässt. Sie ist trotz allem ein Mensch voller Liebe und Hingabe, wenn auch in sich zerrissen und überfordert. Jederzeit droht sie in einem Meer aus Trauer um ihren ermordeten Bruder Given zu ertrinken. Wir verstehen, weshalb Leonie geworden ist, wie und was sie ist: ein junges menschliches Wrack, das selten das Richtige tut, meist „Dinge kaputtmacht“.

Die Autorin verwendet einen Kunstgriff, um auch die Toten zu Wort kommen zu lassen. Jojo und Kayla sind hellsichtig, sie können Geister sehen und mit ihnen sprechen. Vögeln gleich sitzen die Geister von Verstorbenen auf Ästen. Sie gemahnen damit an all jene, Frauen, Männer, Kinder, die dem Furor des Rassenhasses nicht entkamen und ihr Leben an Bäumen aufgeknüpft lassen mussten. Als Geistervögel sehnen sie sich über das grosse Wasser heimwärts zu fliegen. In den Sequenzen, in denen Ward diese ruhelosen Ahnen beschwört, bringt sie das kulturelle Erbe der Protagonisten zum Klingen. Und wir erfahren auch, welch grausames Ende die Geschichte von Red und Richie nahm.

Titel: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt; Roman, gebunden

Autorin: Jesmyn Ward, aus dem Englischen von Ulrike Becker

Verlag: Kunstmann, https://www.kunstmann.de/

Kurzbewertung: Der dreizehnjährige gemischtrassige Jojo wächst in Mississippi bei seinen Grosseltern auf. Frühzeitig wird er unter harten familiären Bedingungen erwachsen. Ein Buch, das von der Liebe spricht, aber auch vom Sterben, von Rassengewalt und Drogen. Idylle ist anderswo. Plastisch und liebevoll erzählt. Eine Geschichte zum Mitfühlen und -leiden.

Für wen: Wie lebt es sich als afroamerikanische Familie im Süden der USA heute? Wer Antwort auf diese Frage sucht, erhält mit diesem Buch ein schmerzhaft-berührendes Beispiel.

Arm und reich in Zürich, ein Kriegswinter in Österreich sowie viel „Dramma“ in Neuseeland

Heute stelle ich drei Bücher vor, die nicht unterschiedlicher sein könnten:

Zuerst ein Einblick in das Leben einer Frau aus der Zürcher Agglomeration, auf den ersten Blick der gepflegte Vorstadttyp, der einem beim Einkaufen in der Boutique oder beim Kirchenkaffee begegnen könnte. Der Anschein trügt. Eine Biographie? Ja, aber noch etwas mehr.

Der zweite Beitrag spielt am Mondsee. Autor ist Arno Geiger. Eine Liebesgeschichte? Ja das auch, doch vor allem das Überleben von Menschen im Krieg.

Das dritte Buch, gleichfalls ein Roman, macht den Sprung nach Neuseeland. Von allem etwas: Krimi, Leidenschaft, Geschichte, Touristik. Bin ich begeistert? Nö!

Wider die Bequemlichkeit

Hélène Vuille ist keine Romanheldin, obgleich ihr Leben genügend Tragik und unverhoffte Wendungen aufweist. Es mag an diesen schicksalhaften Erlebnissen liegen, an ihrer Erziehung oder an ihrem Charakter: Sie ist jedenfalls eine Frau, die uns als Vorbild dienen sollte. Jemand der gibt, anstatt nur zu nehmen. Wo wir gelernt haben weiterzueilen und Ausflüchte zu finden, dort schaut sie hin und dort handelt sie. Bei ihr wird der Tropfen auf den heißen Stein, den wir so gerne zitieren, wenn es darum ginge, etwas zum Besseren zu verändern, zu einem Bach, einem Fluss. Weshalb sollen Nussgipfel, Berliner oder belegte Brötchen, die noch genießbar sind, abends in den Müllcontainern landen? Gibt es nicht genügend Menschen auch bei uns, die sich solche Köstlichkeiten nicht leisten können? Hélène Vuille hat den Kampf gegen Lebensmittel-Verschwendung aufgenommen und dank ihrer Energie und ihrer Zähigkeit manch einen zum Umdenken bewegt.

Dies aber ist nur eine Seite dieser starken Frau. Hélène Vuille verteilt nicht nur Lebensmittel, die ansonsten auf dem Müll landen würden, sie begegnet bei dieser Arbeit auch Menschen, die sonst von niemanden beachtet werden: Süchtigen, psychisch Kranken, Geschlagenen, Straffälligen. Sie hört ihnen zu, schreibt ihre Geschichten auf. Einige dieser Lebensberichte sind in der Brückenbauerin versammelt. Beim Lesen dieser ansonsten ungehörten Stimmen beginnt sich nach und nach etwas im Leser zu ändern. Es wächst die eigentlich selbstverständliche Erkenntnis, dass ein jeder das Bedürfnis und das Recht hat, als Mensch erkannt zu werden.

Die Brückenbauerin schafft es tatsächlich, die Leser an einem Punkt anzustupfen, wo er es lieber etwas bequem hätte. Ich habe mir vorgenommen, bei der nächsten Busfahrt, beim nächsten Parkbesuch, beim nächsten Stadtrundgang einmal jemandem ein Lächeln oder ein wenig Zeit zu widmen, dem ich bis anhin noch nicht einmal einen zweiten Blick geschenkt hätte.

Buch: Die Brückenbauerin, Paperback

Autor: Helene Arnet, mit Geschichten von Hélène Vuille

Verlag: WörterSeh, 2016, https://www.woerterseh.ch/

Kurzbewertung: Einerseits Biographie einer sogenannten Nervensäge, sprich einer Frau, die Unrecht sieht, sich empört und dann das tut, was in solchen Momenten alle tun sollten: sie handelt menschlich. Anderseits Lebensberichte von Menschen, denen selten jemand zuhört und die immer mal wieder „abrutschen“.

Für wen: Für alle, die ab und zu das Bedürfnis verspüren, den Blickwinkel zu ändern, um vielleicht ein besserer Mensch zu werden.

Wenn das Überleben das Ziel ist, stirbt dann der Mensch?

Bücher, die sich mit der Zweiten Weltkrieg auseinandersetzen, sind zahlreich. Unvergessen und immer noch lesenswert Gruppenbild mit Dame von Böll, ebenfalls  Siegfried Lenz, zum Beispiel Der Überläufer.

Das Thema beschäftigt zu Recht immer noch, obwohl die Generation der Direktbetroffenen ausstirbt. Krieg ist aber immer ein Langzeitschaden, seine Auswirkungen betreffen sämtliche nachfolgenden Generationen. (Dies sollten sich mal all jene hinter die Ohren schreiben, die uns andauernd mit Bombentests und gehässigen, fahrlässigen, und obendrein dümmlichen Wortbombardements und Beleidigungen auf die Nerven gehen.)

Arno Geiger hat mit Unter der Drachenwand einen neuen Roman vorgelegt, der sich mit dem Leid der Menschen in Kriegszeiten befasst. Was machen der Krieg und die dazugehörige Parolendrescherei und Gleichschalterei mit dem Einzelnen? Wie gelingt es, dem allgemeinen Wahnsinn zu trotzen? Ist innerer und äusserer Widerstand möglich und wenn ja, mit welchen Konsequenzen.

Wir lernen den jungen Wiener Soldaten Veit Kolbe kennen, dem durch die Einziehung ins Regiment seine Jugend geraubt wird. Er erkennt, dass seine Zukunftspläne im Morast von Schützenstellungen stecken geblieben sind. Auf Erholungsurlaub am Mondsee lernt er die Deutsche Margot kennen. Etwas Zuversicht keimt auf, irgendwann wenn sich die Kriegsmaschinerie ausgetobt hat wird wieder etwas möglich sein. So beginnt der Roman mit dem Satz „ Im Himmel, ganz oben konnte ich einige ziehende Wolken erkennen, und da begriff ich, ich hatte überlebt.“

Die Geschichte spielt grossteils im ländlichen Mondsee. Hier lebt es sich vergleichsweise ruhig und sicher. Doch der Krieg hat lange Arme, keiner kommt gänzlich darum herum, Stellung zu den Geschehnissen zu nehmen. Der Polizist und Onkel von Veit steckt so gut es geht den Kopf in den Sand und leistet „Dienst nach Vorschrift“. Veits Zimmerwirtin schlägt mit Nazi-Parolen um sich und flüchtet in den Wahnsinn. Die Lehrerin vom Landverschicktenlager dressiert ihre Schutzbefohlenen zu marschierenden arischen Musterbeispielen. Wer irgend kann, verdunkelt die Fenster, hält still und beobachtet die Lage am Himmel, wo täglich die Geschwader des Feindes gegen Wien ziehen. Es ist Winter 1944 – die eigene Armee ist geschlagen, ganz egal, was die Kriegsberichterstattung erzählt. Im ganzen Dorf ist der Brasilianer der einzige, der sagt, was er denkt. Das hätte er mal besser sein lassen, sagen die Leute im Dorf.

Arno Geiger ist ein experimentierfreudiger Autor; seine Geschichten sind, als würde einer das Romaneschreiben jedesmal neu erfinden. In Unter der Drachenwand hat der Autor Briefauszüge zwischen die Erlebnisberichte von Veit Kolbe und anderer Protagonisten eingestreut. Da klingt oftmals jene bemühte Heiterkeit durch, mit der die Menschen versuchten, einander das Leben nicht noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist. Gerade aus ihr spricht umso lauter die Verzweiflung, denn trotz allem nationalsozialistischen Geschwafel war doch jeder auf sich alleingestellt. Arno Geiger hat als Inspirationsquelle auf Briefe von Landverschickten zurückgreifen können. Sie geben der Geschichte einen Originalton, der einen leer schlucken lässt.

 

Buch: Unter der Drachenwand, Roman gebunden

Autor: Arno Geiger

Verlag: Hanser, 2018, https://www.hanser.de

Kurzbewertung: Liebe in Zeiten des Krieges. Das Menschliche, Allzumenschliche und vor allem das Unmenschliche des Krieges, eingepackt zwischen zwei Buchdeckel. Dieses Buch gehört in jede Bibliothek.

Neuseeland für blutige Anfänger

Unter fernen Himmeln nennt sich Sarah Larks Roman, ein Titel so nichtssagend, dass er Schlimmes befürchten lässt. Leider trifft genau dies ein. Die Geschichte spielt zwischen Hamburg und Neuseeland. Die Journalistin Stephanie fliegt nach Neuseeland. Ihr Ziel ist es, Recherchen für einen lange zurückliegenden Mordfall zu tätigen und gleichzeitig herauszufinden, weshalb sie sich an ihre ersten sechs Lebensjahre, die sie auf Neuseeland verbrachte, nicht erinnern kann. Nun ist nicht ganz ungewöhnlich, dass man sich an seine Kleinkindjahre nicht erinnert. In diesem Roman aber wird genau diese normale Sache zur Abnormität erklärt und zur Triebfeder der ganzen Story. Und siehe da: Stephanie war bei dem grässlichen Mordfall, den sie untersuchen soll, selber als Zeugin dabei. Überhaupt spielt der Zufall in diesem Roman eine Hauptrolle, so dass sich selbst Stephanie und ihr Freund Rick über so viele Zufälligkeiten verwundert die Augen reiben. Natürlich kommt auch noch ein sexuell ansprechender junger Maori namens Weru ins Spiel, und Stephanie fängt an, in den höchsten Tönen für ihr Geburtsland zu schwärmen, was angesichts ihrer Reise kreuz und quer durchs Land auch nicht verwundert, schließlich klappert sie zusammen mit ihrem faszinierenden Maori-Krieger sämtliche touristischen und anderen Höhepunkte ab. Dass sie am Ende „heim in die Arme“ ihres Rick kehrt und damit zurück unter den Himmel von Hamburg, dürfen wir aber erwarten. Und gottseidank hat sie jetzt ihre gesamte Erinnerung beieinander, so dass ihrem Glück nichts mehr im Wege stehen dürfte.

Wäre da nicht noch die abenteuerliche und berührende Geschichte von Marama, einer Maori, die im 18. Jahrhundert lebte, man würde dieses Buch sicher nach wenigen Seiten unter freien Himmeln auf einer Parkbank aussetzen. Dank Maramas Tagebuch erfährt man immerhin ein wenig über die problematische Beziehung der eingewanderten zur indigenen Bevölkerung. Dabei kommen die weissen Einwanderer, die pakeha, in keiner Beziehung gut weg: Sie werden borniert dargestellt, brutal, auf ihren eigenen Vorteil bedacht und teilweise so dumm, dass es wehtun müsste, während die Maori fast durchwegs klug, edel und gut sind. Trotz solcher Klischees wird deutlich, wie heftig auch in Neuseeland die Ansprüche von zwei Gesellschaften aufeinandertrafen, die unterschiedlicher nicht sein konnten.

 

Buch: Unter fernen Himmeln, Roman gebunden

Autor: Sarah Lark

Verlag: Lübbe, 2016, https://www.luebbe.de/

Kurzbewertung: Anspruchsloser, nicht besonders packender „Roadmovie“ über eine Journalistin auf der Suche nach ihrer Kindheit in Neuseeland. Etwas Sex, etwas Mord und jede Menge künstlich aufgebauschte Dramatik ist auch dabei. Eingepackt in diese Story der abenteuerhafte Lebensbericht von Marama, einer Maori-Prinzessin des 19. Jahrhunderts. Die Erlebnisse dieser Figur machen das Buch erst lesbar, allerdings gibt es zur Geschichte der Maori auf Neuseeland sicher Besseres und weniger Abgedroschenes.

Für wen: am ehesten noch als Strandlektüre denkbar.

Immer wieder Pamuk

Der türkische Literatur-Nobelpreisträger von 2006, Orhan Pamuk, geboren 1952, wird seinem Ruf als einer der wichtigsten Stimmen seines Landes vollauf gerecht. Pamuks Bücher lassen einen mitfühlen mit diesem Land zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Pamuk versteht es, anhand seiner Heimatstadt Istanbul die Zerrissenheit der Türkei bildhaft erstehen zu lassen. Ich erkläre ihn hiermit schlichtweg zu einem meisterhaften Erzähler: Sein Erzählstil hat nichts Aufgesetztes; seine Figuren sind aus dem Leben gegriffen, ihre Schritte nachvollziehbar, unterstrichen durch einen gewissen, ich wage zu sagen orientalisch anmutenden Hang zur Dramatik; die Schauplätze sind anschaulich und unterstützen die Grundstimmung.

Mein allerliebstes Buch von Pamuk ist immer noch der 1998 erschienene Roman Rot ist mein Name, für mich ein literarisches Ereignis. Dieses Buch hat mir einiges über die verschiedenen Denkweisen von Europäern und den als nicht ganz Europa-kompatibel geltenden Türken entschlüsselt. Rot ist mein Name liegt jedenfalls griffbereit auf meiner Beige mit Büchern mit der Aufschrift unbedingt nochmals lesen.

Pamuk überrascht immer wieder neu und positiv, diesmal mit Die rothaarige Frau, den Roman, den ich euch heute vorstellen möchte.

 

Ödipus vor den Toren Istanbuls

Man schreibt das Jahr 1985: Ein Brunnen wird gebaut, mitten im Nirgendwo unweit Istanbuls. Hier soll einen Fabrik entstehen. Die Stadt ist gefrässig und verleibt sich nach und nach ein Stück Land nach dem anderen ein. Gehilfe des Brunnenbauers Mahmut, einer der letzten seines Schlags, ist der junge Cem. Cem muss Geld verdienen, bevor er die Zulassungsprüfung für eine Höhere Schule absolvieren kann, denn sein Vater ist ohne Abschiedswort von zuhause ausgezogen; mit der wirtschaftlichen Situation von Mutter und Sohn steht es nicht zum Besten.

Den Brunnenbaumeister Mahmut und seinen jugendlichen Gehilfen verbindet bald eine Art Vater-Sohn-Gefühl. Und wie es halt so ist zwischen Eltern und Kind: Man liebt sich und hasst sich. Kaum öffnet man sich, reisst man handkehrum einen Zweikampf vom Zaun. Auf der einen Seite umsorgt man sich, auf der anderen ist man sich nur lästige Konkurrenz.

Mehrere Ereignisse beeinflussen die ganze Geschichte und damit sowohl das Schicksal des jungen Mannes, als auch des Brunnenbauers: Cem verliebt sich in eine geheimnisvolle Rothaarige, im Brunnen lässt sich einfach kein Wasser finden, und durch Cems Unachtsamkeit passiert ein Unglück. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Hat Cem seinen Meister auf dem Gewissen?

Orhan Pamuk hat seinem Roman die Ödipus-Sage und das Schāhnāme (das Buch der Könige) des persischen Dichters Firdausi zugrunde gelegt. Es geht demnach um den unwillentlichen Mord am Vater und die körperliche Liebe zur Mutter. Seit Urzeiten etwas vom Schlimmsten, was sich der Mensch vorstellen kann – wen dieses Schicksal dennoch ereilt, der wird unweigerlich dem Wahnsinn begegnen.

Doch dieses Buch wäre kein Pamuk, ginge es nicht auch um den inneren und äusseren Zustand der türkischen Gesellschaft. Der Leser begleitet seine Protagonisten durch die 80er- und 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein in die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts. Istanbul und das Zusammenleben in der Türkei unterliegen einem dramatischen Wandel. Überbordender Fortschritt und ängstlicher Rückschritt stehen einander mit ihren Protagonisten aus Politik und Wirtschaft gegenüber. Die Hauptstadt ist Abbild dieser Veränderungen und Orhan Pamuk ihr Chronist.

 

Buch: Die rothaarige Frau, Roman gebunden

Autor: Orhan Pamuk, aus dem Türkischen übersetzt von Gerhard Meier

Verlag: Hanser, 2018, https://www.hanser-literaturverlage.de/buecher 

Kurzbewertung: Dies ist einer meiner Lieblings-Pamuks. Es geht um Liebe und Verrat, aber auch um den Zustand der türkischen Gesellschaft, wo die einen bereits in der Moderne angekommen sind, andere wiederum den Traditionen nachtrauern und die ganz Extremen am liebsten die Uhr fünfhundert Jahre zurückstellen würden.

Für wen: Alle, die die zeitgemässe Türkei noch nicht abgeschrieben haben; alle, die gute Literatur mögen; alle, die noch keine Pamuk-Fans sind, aber nichts dagegen haben, es zu werden; und sowieso alle, die das Leben als eine griechische Tragödie nach der anderen sehen.

 

Ran ans Buch, raus in die Welt

Wo war ich nicht schon überall dank Büchern: in Kamtschatka, einmal quer durch die Arktis mit Fridtjof Nansen und im Gegenzug in der Antarktis mit Ronald Amundsen, mit dem Nachtzug in Lissabon, mehrmals in Istanbul, Paris, New York, in China, Iran, Marokko. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Was habe ich nicht alles durch Bücher gelernt. Wie das war in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, bei Stalingrad im Zweiten Weltkrieg, wie es sich lebt als Frau unter Schleiern, als Kind im Slum, als Sklave im Amerika des 19. Jahrhunderts. Kürzlich habe ich gar ein wundersames Tier kennengelernt, das einem Traum entsprungen scheint, aber dennoch existiert: das Okapi (lies: „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky).

Ich habe Bücher gelesen, bei denen jede Seite ein Genuss war mit Geschichten, die mich mitnahmen, fesselten, beschäftigten, aber auch solche, die ich schnell wieder vergessen habe. Selten jedoch, so selten, dass ich es an einer Hand abzählen kann, habe ich ein Buch ungelesen zur Seite gelegt. Dem geschriebenen, gedruckten Wort gilt mein Respekt, der Autorin, dem Autor, die ihre Gedanken, Erfahrungen, Geschichten und Phantasiewelten einer Öffentlichkeit preisgeben.

Hier auf diesem Blog nun möchte ich meine Leseerfahrungen teilen. Denn da ist noch eine Buch-Erfahrung, die ich gemacht habe: durch das Gespräch über Bücher lernt man Menschen kennen. Spannende, offene, diskussionsfreudige Zeitgenossen. Zum Beispiel dich?

Ich bin ein Querbeetleser. Ob Roman, Krimi, Poesie, Biographie ist mir egal. Hauptsache der Autor oder die Autorin lässt mich mitreisen in seine Welt.

Am Anfang war der Thriller

Beginnen möchte ich diesen Blog mit vier Veröffentlichungen, die dem Genre Thriller zugeordnet werden können. Man soll sich seinen Ängsten und „Problemzonen“ stellen. Und deshalb hier mein Eingeständnis: Thriller gehören nicht zu meiner Lieblingslektüre. Doch braucht es heutzutage schon einiges, Thrillern und Krimis in der Buchhandlung auszuweichen. Sie nehmen mittlerweile einen schönen Teil der Auslage ein. Man darf sich als Leser deshalb schon einmal mit dieser Art Lektüre auseindersetzen.

Ich gehe davon aus, dass das Leseverhalten etwas über die Gesellschaft aussagt. So ganz bin ich noch nicht dahinter gekommen, was die Menschen in unseren Breitengraden zum Lesen von Thrillern anregt: ein allzu gesicherter, abenteuerfreier Alltag, Sensationslüsternheit oder gar die Befriedigung einer in uns angelegten archaischen Blutgier? Soziologen wüssten zu diesem Thema sicherlich einiges zu sagen.

Doch ich will hier Bücher vorstellen, keine ungesicherten Theorien.

Warnung: Albträume vorprogrammiert!

Was sucht der Leser, wenn er sich einen Thriller zu Gemüte führt? Die Antwort scheint zuerst mal einfach: den Nervenkitzel. Oder wie es Guillaume Musso in Das Mädchen aus Brooklyn schreibt: „Die Erwachsenen lieben es, mit der Angst zu spielen.“ Doch suchen diese Erwachsenen dies in möglichst grausamen Morden, die ihnen nach dem Lesegenuss das Einschlafen erschweren und wochenlange Alpträume bescheren? Ich wage dies zu bezweifeln. Man möchte meinen, „gewöhnliche“ Morde seien an sich brutal und abschreckend genug. Dennoch ist festzustellen, wie selbst bekannte und erfahrene Thrillerautoren ihrer Phantasie ungebremsten Lauf lassen, wenn es ums Beschreiben von Morden geht. Sie konfrontieren ihre Leserschaft mit einer Bestialität, die kaum übertroffen werden kann. In dieser Hinsicht muss vor zwei Büchern gewarnt werden:

Mordsmässig nordisch
Da wäre einmal Yrsa Sigurdardótttir mit DNA. Der isländische Kommissar Huldar begibt sich auf die Suche nach dem Mörder zweier Frauen, die offenbar nichts miteinander gemein haben, aber auf unmenschlich grausame Weise ermordet wurden. Was der Leser weiß: Die Morde müssen im Zusammenhang stehen mit einer lange zurückliegenden Geschichte um drei Kinder, die nach dem Tode ihrer Mutter getrennt wurden. Sigurdardótttirs Stärken liegen im Miteinander und verhaltenen Gegeneinander der Akteure. Selbst wo sie sich näherzukommen scheinen, liegt stets untergründige Zurückhaltung, nordische Kühle in der Luft. Die Geschichte nimmt gegen Ende auch eine unerwartete Wende. Erzählerisch großartig, aber doch ein mordsmäßig grausames „Vergnügen“.

Buch: DNA, gebunden
Autor: Yrsa Sigurdardótttir
Verlag: btw, www.randomhouse/Verlag/btb
Kurzbewertung: spannend, mit vielen einfühlsamen Beschreibungen zwischenmenschlicher Nöte, wobei sich dem Leser die außergewöhnliche Brutalität des Mörders nicht wirklich erschließt.
Für wen: Für hartgesottene Fans von gut geschriebenen Thrillern.

Amerikanische Geisterbahn
Der deutsche Autor Jonas Winner widmet sich in seinem Roman Murder Park den Serienkillern und spielt mit dem 10-kleine-Negerlein-Motiv. Nur dass es zwölf Personen sind, die sich auf der der amerikanischen Küste vorgelagerten Insel Zodiac Island begegnen. Auf der Insel mottet ein in die Jahre gekommener Rummelplatz vor sich hin. Er soll bald wieder geöffnet werden. Geschlossen wurde er vor Jahren, als dort mehrere Frauen ermordet aufgefunden wurden. Man kann dem Autor zur Wahl dieser rostigen, knarrenden Kulisse nur gratulieren. Genügend Thrill ist damit gegeben. Allerdings ist das, was nach Ankunft der zwölf Gäste auf Zodiac Island erfolgt, ein Horror ohnegleichen. Einer nach dem anderen stirbt, beinahe im Halbstundentakt, auf barbarische Weise. Geht der alte Serientäter um, von dem alle sagen, dass er auf dem elektrischen Stuhl gestorben ist? Wie aufgescheuchte Hühner irren die noch übrig Gebliebenen über die Insel.
Jonas Winner geht in seinem Buch auch der Frage nach, was uns an Serienkillern fasziniert und inwieweit es erlaubt ist, aus Gewaltexzessen und der menschlichen Faszination daran Kapital zu schlagen. Für sich scheint der Autor diese Frage nicht beantwortet zu haben: Das Buch ist ein einziger Gewaltexzess und unter Garantie nichts für zarte Seelen.

Buch: Murder Park, Paperback
Autor: Jonas Winner
Verlag: Heyne, 2017, http://www.randomhouse.de/Heyne
Kurzbewertung: Thrill von der ersten bis zur letzten Seite, Brutalität ohne Ende, verursacht bei normalen Lesern Albträume.
Für wen: Keine Ahnung, wer sich freiwillig sowas zu Gemüte führen möchte.

Trau keinem
In Beckford, einem kleinen englischen Ort, landen immer mal wieder Frauen im Drowning Pool, einer gefährlichen Flussbiegung. Ihr Ertrinken ist stets begleitet von seltsamen Umständen: Die erste von ihnen, ein blutjunges Mädchen, wurde der Hexerei bezichtigt. Die Frauen, die nach ihr im Fluss ertranken, galten entweder als sexbesessen oder sonstwie lästig. Selbstmörderinnen, über die Geschichten im Dorf, wo jeder jeden kennt, erzählt werden. Als Julias Schwester, die selbstbewusste Nel Abbott, über die Klippen in den Fluss springt und zu Tode kommt, will Julia nicht an einen Selbstmord glauben, obwohl die beiden Schwestern seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Julia kehrt nach Beckford zurück – jenen Ort, der ihr Albdrücken verursacht und den sie nie wieder in ihrem Leben aufsuchen wollte.
Paula Hawkins schrieb ihren sogenannten Spannungsroman Into The Water, für den das Wort Thriller zu dick aufgetragen wäre, indem sie den elf in die Geschichte involvierten Personen eine Stimme gibt. Soviel ist bald klar: Die Bewohner Beckfords und die ermittelnden Beamten – zum Beispiel die verunsicherte Polizistin Erin, ihr ortskundiger Kollege Sean, die um sich beissende Louise oder Nickie, die Alte im Hexenkostüm – haben alle eine unterschiedliche Sichtweise auf das Geschehene. Trau keinem, auch nicht dir selbst, heisst denn auch der Untertitel des Buchs. Keiner in diesem Buch sagt die Wahrheit, höchstens eine Teilwahrheit, oder er sagt nur das, was er für die Wahrheit hält oder halten möchte. Nach und nach ergibt sich dennoch ein Bild, doch eines, das selbst am Ende noch verwischte Stellen aufweist, gerade als würde über dem Drowning Pool eine Nebelbank liegen.

Buch: Into the Water, Paperback
Autor: Paula Hawkins
Verlag: blanvalet, 2017, http://www.randomhouse.de/Blanvalet
Kurzbewertung: Etwas klischeehaft, was die Psychologie der Protagonisten und ihre Handlungsmotive, aber auch was die Schaffung von Spannungsmomenten anbelangt. Handlung leider etwas unübersichtlich, da es eine gute Weile dauert, bis man sich mit den verschiedenen Stimmen und Zeitebenen auskennt.
Für wen: alle, die verkorkste Frauen und ihre Geschichten mögen

Mit Baby Theo auf der Suche der verschwundenen Traumfrau
Raphaël, alleinerziehender Vater und Autor von Kriminalromanden, hat in der Ärztin Anna seine Traumfrau gefunden. Doch nach einem Streit ist nichts mehr wie es mal war.
Raphaël kennt seine zukünftige Frau nicht mehr, schlimmer noch, sie ist von der Bildfläche verschwunden. Zusammen mit seinem Freund Marc – und seinem kleinen Sohn Theo im Gepäck – macht sich Raphaël auf die Suche nach Anna. Die beiden fördern in Frankreich und schließlich in New York Überraschendes zutage.
Antibes, Paris, Elsass, Nancy, New York und quer durch ein paar amerikanische Bundesstaaten: Musso lässt seine Leser nicht ruhen, denn schließlich ist sein Held auf der Suche nach seiner entführten großen Liebe. Die Zeit drängt. Die fulminant geschriebene Reise dauert genau drei Tage und ist 480 Seiten lang. Wir begegnen einem machtgeilen Politiker und seinen brandgefährlichen Gefolgsleuten, einem Mädchenschänder, einer Schulleiterin mit Geheimnissen und ein paar Polizeikräften auf seltsamer Sondermission. Besonders lebhaft zeichnet Musso die verschiedenen Schauplätze. Das Buch aus der Hand zu legen fällt schwer, auch, oder gerade weil die Geschichte recht verworren ist und kaum etwas so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint – und nach Beendigung der Lektüre bleibt das Gefühl, die letzte Zeile sei jetzt doch ein wenig gar rasch dagewesen.
Immerhin dürfte Baby Theo erleichtert sein über das Ende dieser Geschichte. Das arme Kind muss sich ja mit den verschiedensten Babysittern, einigem Herumgeschiebe, Spielen in staubigen Lagerräumen, sogar mit einem Langstreckenflug arrangieren, während sein Papa Raphaël auf der Suche nach Anna herumirrt. Dass das Baby dies klaglos, ja sogar heiter duldet, scheint weit von jeder Realität entfernt. Überhaupt wirkt dieses Alleinerziehender-Vater-Ding aufgesetzt und keineswegs lebensecht, ist aber immerhin ein netter, ungewöhnlicher Einfall des Autors.

Buch: Das Mädchen aus Brooklyn
Autor: Guillaume Musso
Verlag: Pendo, 2. Auflage, 2017, http://www.piper.de/Pendo
Kurzbewertung: Mitreißend von der ersten Seite bis zum Schluss, mit einigen unerwarteten Wendungen. Ein Psychopath, ein korrumpierter Politiker und sein Gefolge, ein Ex-Polizist, der neben der Spur liegt und das schwere Schicksal eines Mädchens, das seinem Peiniger entkommen ist, dazu eine herzerwärmende Liebesgeschichte: Was will man mehr.
Für wen: Für alle, die die ganz grosse Liebe mit Mord und Totschlag vereinen können.