Gesund und stark wie ein indischer Elefant mit Ayurveda

Wie versprochen hier das zweite Buch, welches sich mit der ayurvedischen Küche befasst. Das letzte Mal habe ich ein Buch rezensiert, welches hauptsächlich Tridosha-Rezepte (also solche für jeden Konstitutionstyp) bietet, die sich unkompliziert in die europäischen Kochgepflogenheiten einfügen lassen. 

Dieses Mal geht es um Ayurveda für Menschen, die sich vertiefter mit dem Thema auseinandersetzen und die guten Erfahrungen, die sie mit Ayurveda gemacht haben, in ihr Leben integrieren möchten.

Das Kochbuch des Ayurveda, Selbstheilung durch die ayurvedische Küche, von Usha und Dr. Basant Lad kann als Ayurveda-Koch-Klassiker bezeichnet werden. Umfassend orientiert Dr. Lad über die Wirkung von Lebensmitteln, Kräutern, Gewürzen und Getränken auf unseren Körper. Das geht natürlich nicht, ohne die einzelnen Konstitutionstypen miteinzubeziehen, die das Ayurveda unterscheidet. Dr. Lad geht ausführlich auf die Faktoren ein, die den Stoffwechsel und damit unsere Gesundheit beeinflussen, erläutert, welche Lebensmittelkombinationen uns bekommen usw. Das mag zu Beginn wegen der unbekannten Begriffe etwas schwierig zu verstehen sein. Doch wie bei allem: Übung macht den Meister. Dr. Lad liefert auch gleich Anregungen für Menus  und einen umfassenden Einblick in die Grundausstattung einer Ayurveda-Küche mit. Steht diese  bereit, kann es losgehen mit mörsern, schnippeln und köcheln. 

Die (allesamt fleischlosen) Rezepte stammen aus dem Rezeptschatz von Usha Lad: Suppen, Kitcharis, Reisgerichte, Gemüse, Raitas, Chutneys, Brote, Süssigkeiten, Getränke, alles dabei. Etwas vermisst habe ich Angaben zu Frühstücksspeisen. Alle Rezepte im Buch sind mit einer Orientierungshilfe versehen, die darüber Auskunft geben, wie sie auf Vata, Pitta oder Kapha wirken. 

Mit dabei ist im Buch auch eine Tabelle, anhand derer sich das eigene Dosha bestimmen lässt. Mein Versuch damit hat mich mit einigen Fragezeichen stehen lassen. Also nochmals: Doshas lässt man am besten von einer Fachperson bestimmen.

Besser erging es mir mit dem Ausprobieren der Rezepte: eine aromatische Rote-Linsen-Suppe, die nach Dr. Lad gut bei Grippe und Durchfall sein soll, gab es gestern als Abendmahlzeit. Und heute Mittag Gemüse-Pakoras: köstlich, wenn auch nur mässig gut für meinen Konstitutionstyp, der zu Fettpölsterchen neigt. 

Titel: Das Kochbuch des Ayurveda, Selbstheilung durch die ayurvedische Küche, 275 Seiten, gebunden

Autor: Usha Lad und Dr. Basant Lad

Verlag: Narayana Verlag, 4. Auflage 2017, http://www.narayana-verlag.de

ISBN 978-3-95582-040-4, Fr. 30.–/Euro 29.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ayurvedisch-sorgfältiges Kochen, Zufriedenheit, Gesundheit und Heilkraft der Mahlzeiten werden hier gross geschrieben. Mit Tipps zu jedem Rezept betreffend der Wirkung auf den Körper. Das Kochbuch ist wunderschön indisch gestaltet, nicht nur mit Bildern, sondern auch mit Elefäntchen, Elefanten und Elefantengottheiten sowie Blumenmusterranken.

Für wen: Für jene, die Ayurveda vertieft in ihre Mahlzeiten und ihr gesamtes Leben integrieren wollen und denen es nichts ausmacht, wenn ihre Wohnung nach Gewürzmarkt durftet.

Kochen auf Indisch geht auch entspannt

In meiner letzten Buchbesprechung ging es um das Frauenbild in Indien. Heute nun ein gleichfalls indisches Thema, aber ein rundweg Erfreuliches, nämlich die ayurvedische Küche.

Ich habe mir zwei völlig unterschiedliche Ayurveda-Kochbücher von zwei Verlagen erbeten und sie erfreulicherweise zur Besprechung erhalten. Das erste werde ich heute rezensieren, die Beschreibung des anderen wird zu einem anderen Zeitpunkt folgen.

Heute also Ayurveda-Küche für jeden Tag von Dr. Barbara Wirth.

Die Autorin verspricht nicht zuviel, wenn es im Titel weiter heisst: Ayurveda goes West: 110 einfache Rezepte. Tatsächlich ist Ayurveda hierzulande keine einfach umzusetzende Angelegenheit. Wer sich damit auch nur ein bisschen befasst, erkennt bald, dass es nicht nur um ein bisschen Joga und Massagen geht, sondern eine ganze Philosophie dahintersteckt, die sich aus jahrhundertealtem Wissen nährt. Wer mit Ayurveda aufwächst, wird es wohl einfacher haben, als unsereins, die wir uns bestenfalls mal eine ayurvedische Massage gönnen und uns danach wunderbar fühlen. 

Dieses Wohlgefühl gilt es beizubehalten oder zu gewinnen. Dazu gehören selbstverständlich gesunde, frische Nahrungsmittel, wie sie in der ayurvedischen Küche selbstverständlich sind, angereichert mit Kräutern und Gewürzen, die im übrigen als kleine Apotheke gelten und sehr bewusst und gezielt eingesetzt werden. 

Barbara Wirth hat in ihrem Kochbuch Ayurveda-Küche für jeden Tag Rezepte für alle Dosha-Typen zusammengestellt. Wer also über seine Dosha und -Disbalancen noch nicht Bescheid weiss, ist mit diesem Kochbuch auf der sicheren Seite. Hat man erst einmal in Sachen Ayurveda „angebissen“ und will seine Kenntnisse vertiefen, lohnt sich eine Dosha-Bestimmung durch eine Fachperson. Bis dahin kann man sich dank der einfachen Infos zum ayurvedischen Gedankengut auf den ersten Seiten des Buches den Spass machen, sich selbst einzuschätzen. Aber Achtung: Das hat dann mit einer ernsthaften Typen-Bestimmung nichts zu tun.

Das Mantra der Autorin heisst: Ayurveda geht auch entspannt und unkompliziert. Dafür bin ich ihr dankbar und bin sicher, mit mir erfreuen sich an diesem Satz noch andere. Barbara Wirth hat nämlich erkannt, dass die Umsetzung einer Philosophie aus einem fremden Kulturkreis jemand Willigen schnell an die Grenzen des Machbaren bringen kann. Die Bedingungen und Denkweisen hierzulande sind anders als in Indien. Also muss auch die Umsetzung etwas angepasst werden. Barbara Wirth wagt mit ihrem Kochbuch den Brückenschlag und passt die ayurvedische Küche europäischen Bedürfnissen und Gepflogenheiten an. Das Ergebnis möchte ich als rundum gelungen bezeichnen. 

Ich habe – bisher – nachgekocht: Aromatischer Couscous – wunderbar, aromatisch eben. Dazu gab’s Rote Bete mit Meerrettich-Joghurt – davon kann man gar nicht genug bekommen. Dasselbe gilt für die Fruchtigen Karotten mit Sesam. Alles schnell und unkompliziert zuzubereiten. Weitere Rezepte warten darauf, von mir erprobt zu werden: Hummus aus Linsen, Grüne Bohnen mit Schafskäse und Tomaten oder eine feine Fischsuppe… 

Das Buch beinhaltet unter anderem Rezepte für Frühstück, Hauptmahlzeit, Abendessen, Süssspeisen sowie Chutneys. Weiters Tipps, zum Beispiel über die Herstellung von Ghee (geklärter Butter), die im Handel erhältlich ist, aber einfach und um einiges günstiger selbst zuzubereiten ist. 

Titel: Ayurveda Küche für jeden Tag, Ayurveda goes West: 110 einfache Rezepte, kartoniert, 144 Seiten

Autorin: Dr. Barbara Wirth 

Verlag: Trias-Verlag 2018, http://www.trias-verlag.de

ISBN 978-3-432-105-482, Fr. 23.00/Euro 19.99

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ayurveda-Küche für Menschen, die sich erst kurz mit der Ayurveda-Philosophie auseinandersetzen oder sich einen einfacheren Einstieg vorstellen. Wunderbare, aromatische und leicht umzusetzende Rezepte mit viel Gemüse und auch etwas für Fleischesser. Mit Zutaten, die in Europa leicht zu bekommen sind und gerne eingesetzt werden. Kurzum: ein Kochbuch, das einem Indiens Aromen, Gesundheitstipps und Farben im Nu auf den Teller bringt.

Für wen: Ayurveda für alle. Noch selten war gesund kochen und essen so sinnlich und bunt. 

Wieviel ist eine Frau wert?

Man hört es immer wieder: Das Leben von Frauen in der indischen Gesellschaft ist alles andere als Zuckerschlecken. Das Land macht öfters Schlagzeilen, wenn es um sie Stellung der Frau geht. Mal geht es um Abtreibung weiblicher Föten, dann wieder um Vergewaltigung oder die Stellung junger Ehefrauen im Haushalt der Schwiegereltern. Es geht um ruinöse Mitgiften, um Organ- oder Mädchenhandel oder um Witwen, die von ihren Familien verstossen werden. 

An der Situation der Frauen in Indien scheint sich kaum etwas zu ändern. Zu tief wurzeln althergebrachte Vorstellungen, die einer Frau nicht mehr als den Wert einer Dienstmagd und Gebärerin von Jungen einräumen. Zwar wird hie und da ein Prozess gegen Vergewaltiger geführt, und das Land bemüht sich um Gesetze, die Abhilfe schaffen sollen. Doch was ändert das, wenn sich in den Köpfen und Herzen der Menschen (Männer) nichts bewegt und vor allem, wenn drückende Armut und Elend das Leben vieler bestimmen?

Hier setzt auch der Roman „Mädchen brennen heller“ von Shobha Rao an. Die Autorin stammt selbst aus Indien, wanderte aber als Kind nach Amerika aus. In ihrer Arbeit als Rechtsänwältin ist sie zahlreichen Opfern häuslicher Gewalt begegnet. Die Geschichten, die sie in ihrer Arbeit gehört hat, dürften Wesentliches zu ihrem Roman beigetragen haben.

Die Geschichte  führt uns in ein indisches Armutsquartier. Purnima und Savita sind zwei Mädchen, die schon in jungen Jahren mit der harten Realität konfrontiert werden. Purnimas Mutter ist gestorben. Sie übernimmt die gesamte Hausarbeit und arbeitet am Spinnrad mit. Savita webt zusammen mit Purnimas Vater Saris. Die beiden Mädchen freunden sich an und wagen es, von einem besseren Leben zu träumen. Doch dann wird Savita vergewaltigt und flieht vor einer Zwangsheirat mit ihrem Vergewaltiger. Purnima ihrerseits muss einen Fremden heiraten. Doch ihr ist damit kein Glück beschieden.

Die Autorin greift in ihrem bewegenden Roman die meisten der oben erwähnten Missachtungen und Gewaltakte auf, denen Frauen in der indischen Gesellschaft ausgesetzt sind. Nichts, was die beiden jungen Frauen wagen, scheint unter einem glücklichen Stern zu stehen. Trotz allem, was ihnen widerfährt, halten sich Savita und Purnima aufrecht. Purnima will ihre Freundin um jeden Preis wiederfinden. Dieser Entschluss wird sie einiges von ihrer Selbstachtung und übermenschliche Energie kosten.

Titel: Mädchen brennen heller, gebunden, 384 Seiten

Autorin: Shobha Rao, aus dem Amerikanischen von Sabine Wolf 

Verlag: Elster Zürich 2019, http://www.elstersalis.com

ISBN 978-3-906903-12-5, Fr. 32.00/Euro 24.00, 

Kurzbeschrieb/-bewertung: Hierzulande haben Frauen gerade ein politisches Hoch – andernorts geht es ums schiere Überleben in frauenverachtender Umwelt. Zum Beispiel Indien, wo die Terrorisierung von Frauen grausamste Formen kennt. Zwei junge indische Frauen kämpfen sich durch. Bewegend, erschütternd, leidenschaftlich, mitreissend, ungeschminkt und klar geschrieben.

Für wen: Für alle, die finden, Frauen als menschliche Wesen und ihre Leistungen hätten überall Anerkennung verdient.

Denn das Allgäu liegt so nah

Von allen Lokalkrimi-Matadoren hat es mir der Allgäuer Fellpantoffelheld Kluftinger ganz besonders angetan. Der in Kempten arbeitende Kommissar fühlt sich eigentlich am wohlsten in seinem Heim, bei seiner Erika und beim „Butzele“, dem Baby von Sohn Markus und Schwiegertochter Yumiko. Kluftinger redet wie ihm der Schnabel gewachsen ist, flucht selbst in der Kirche, ist manchmal halsstarrig, gibt niemals einen Fehler zu, pflegt seine Vorurteile und führt seine Ermittlertruppe mehr schlecht als recht. Manchmal aber klopft er auf den Tisch. Das braucht es auch, denn die Mitglieder von Kluftingers Truppe geraten sich nur allzu gerne in die Haare. Kurzum: Die beiden Krimiautoren Klüpfel und Kobr haben ein Setting geschaffen, in dem es zu- und hergeht grad wie im richtigen Leben, mit schrulligen, liebenswerten Typen, wie es sie nicht nur im Allgäu gibt. 

„Kluftinger“ heisst der zehnte Fall des Autorenduos. In diesem Krimi geht es um den Kommissar persönlich. An Allerheiligen taucht auf dem Altusrieder Friedhof ein Kreuz auf, auf dem in wohlgeformten Lettern der Name Adalbert Ignatius Kluftinger steht. Dabei stolziert ebendieser Adalbert Ignatius Kluftinger gerade mit stolzgeschwellter Brust mit seinem Grosskind zwischen den Gräbern herum. Als dann in der Zeitung auch noch eine Todesanzeige für Kluftinger erscheint, ist es klar: Hier handelt es nicht um einen dummen Scherz. Der Kommissar schwebt in Lebensgefahr. Kluftinger muss sich überlegen, wer ihm an den Kragen will. Dabei muss er sich auch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen. Auch mit Geschichten aus seiner Jugend, als er sich noch mit einer Mofa-Clique die Langeweile vertrieb. Geschichten, an die er lieber nie mehr gedacht hätte. 

Autoren: Volker Klüpfel/Michael Kobr

Verlag: Ullstein, 2019, ullstein-buchverlage.de

ISBN 978-3-548-06032-3, Fr. 14.90/Euro 12.00, Taschenbuchausgabe

Kurzbeschrieb/-bewertung: Humorvoll und spannend, mit einem Einblick in menschlichen Eigensinn allgäuischer Ausprägung. 

Für wen: Ich wüsste niemanden, dem solche Krimis kein Vergnügen bereiten.

Die Bretagne ruft

Kommissar Georges Dupin ermittelt wieder. Nachdem er in seinem siebten Fall in den sagenumwobenen Wäldern von Brocéliande unterwegs war, muss er diesmal in seinem Wohnort Concarneau den Tod von Doktor Chaboseau untersuchen. Dass es sich um Mord handelt wird sofort klar. Wenige Stunden später folgt eine Explosion in einer Werft, bei der vier Arbeiter verletzt werden. Hängen die beiden Fälle zusammen? 

Die Frau des zu Tode gekommenen Arztes hüllt sich in vornehmes Schweigen. Auch dessen Freunde, ein Apotheker und ein Weinhändler, scheinen keine Ahnung zu haben, wer hinter dem Mord und der Explosion stecken könnte. Dupin und seine Leute tappen lange im Dunkeln und tragen mühselig Fakten zusammen. Verwirrenderweise scheint auch ein alter Kriminalroman von Simenon in die Angelegenheit hineinzuspielen. 

Der Fall lässt Dupin in ganz Concarneau herumeilen. Logisch, dass er dabei kaum an seinem Schreibtisch im Kommissariat anzutreffen ist und auch um die auf Besuch weilenden Eltern von Claire kann er sich – leider, leider – nicht kümmern. Dafür kommt er an seinen Lieblingsplätzen und -restaurants und bei seinen bretonischen Freunden vorbei. Selbstverständlich finden Dupin und sein um zwei Polizistinnen erweitertes Team heraus, wie die Dinge zusammenhängen. Mir aber schienen am Ende die Motive, die zu Mord und Anschlag führten, doch etwas dürftig.

Ganz offensichtlich ist Jean-Luc Bannalec, der Autor der Dupin-Romane, der Bretagne liebevoll verbunden. Seine Krimis transportieren immer eine Ladung atlantischer Meeresbrise. Sie wecken unbestreitbar die Lust, die Bretagne selber zu besuchen und etwas von dem zu finden, was Kommissar Dupin so umwerfend an der Gegend findet.

Da das mit dem Hinreisen gerade nicht geht, suche ich – nicht zum ersten Mal – ein paar Bilder im Internet. Und bin ernüchtert. Selbst die prächtigsten Fotos vom concarnesischen Fort oder den Stränden können einen Strandspaziergang mit Möwengeschrei und den Klang von Takelagen im Wind nicht ersetzen. 

Beim Lesen des neuen Dupin-Krimis stieg in mir des öfteren der Verdacht hoch, der Autor müsse im Dienste der Tourismusbüros der Region stehen. Auf mich wirken beispielsweise die Lokal-Beschreibungen von Kommissar Dupin allzu sehr um das touristische Ansehen der Region bemüht. Auch erinnert mich der Ermittler Dupin sehr an Commissario Brunetti aus Venedig. Beispiele gefällig?: In der Kommissariatssekretärin Nolwenn (vergleiche Signorina Elettra) hat Dupin eine Alleskönnerin im Hintergrund; sein Vorgesetzter ist eine Nervensäge (vergleiche Patta); seine Gefährtin Claire scheint mir über die Massen verständnisvoll (vergl. Signora Brunetti). Und Dupin ist wie sein italienischer Kollege ein Gourmand. In allen Restaurants, die er besucht, kennt er die Wirtsleute mit Namen, ist mit ihren befreundet, und selbstverständlich ist die Küche über die Massen gut. Selbst wenn Dupin nach Mitternacht noch ein Fischmenu bestellt, wird dieses vom Wirt ohne Umschweife zubereitet. 

Hol’s der Teufel, sowas kaufe ich keinem ab. Um die Uhrzeit darf in Frankreich wahrscheinlich kein Koch mehr in der Küche stehen. Wenn doch, würde das wohl gleich die Gewerkschaft auf den Plan rufen. Ausserdem: Welcher gute Koch hat nach Mitternacht noch frischen Fisch im Kühlschrank? Aber lassen wir das dahingestellt. In der Bretagne mögen die Uhren anders laufen, mögen die Fische auch mitternachts fangfrisch sein, und die Köche dürfen in Concarneau meinetwegen kochen, wann sie wollen. Aber wehe, wenn ich mal dort sein werde, um Mitternacht Hunger bekomme, und mir keiner hoppladihopp ein Fischchen mit Kartöffelchen der Spitzenklasse zubereitet! Dann Adieu Monsieur le Commissaire!

Titel: Bretonisches Vermächtnis, Kommissar Dupins achter Fall, 311 Seiten, mit Karten der Umgebung, Paperback

Autorin: Jean-Luc Bannalec

Verlag: Kiepenheuer&Wietsch, 2019, http://www.kiwi-verlag.de

ISBN 978-3-462-05265-7, Fr. 23.95/Euro 16.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Viel Bretagne, zwei Morde, eine Explosion, recht viel Restaurantkunde, Seeluft und Fischduft sowie etwas bretonische Geschichte. Sicherlich nicht der beste Dupin-Krimi.

Für wen: Lokolkolorit-Krimi-LiebhaberInnen

Dreimal kulinarischer Urknall

Im Anfang war das Huhn …

… oder das Ei. Sei es wie es wolle: Beides, Huhn und Ei zählen zu den perfekten Dingen auf dieser Welt. Sagten sich die Autorinnen Martine Meier und Kathrin Fitz und machten sich daran, beiden ein Buch zum widmen. Erschienen ist Huhn und Ei im at-Verlag, der immer wieder sorgfältig gestaltete Kochbücher mit Ergänzungstexten herausgibt. Diesmal sind es weniger die Texte „aus Küche und Hühnerstall“, die das Buch zu etwas Besonderem machen, sondern vielmehr die Bilder ganz besonders schön gefiederter Hühner. Sie schauen mal keck, mal neugierig aus dem Buch heraus. Seltene Rassen sind darunter, und ehrlich, bei ihrem Anblick möchte ich mir am liebsten sofort einen Hühnerstall mit jeder Menge Freilauf für das Federvieh zulegen. Dass Hühnerhaltung auch ein verbindendes Nachbarschaftsprojekt sein kann, erzählt ein Text über einige Zürcher Stadthühner.

Ein Grossteil des Buches ist Rezepten rund um Huhn und Ei gewidmet. Dabei gilt das Augenmerk auf Qualität der Produkte, einfacher Umsetzbarkeit und – zeitgemäss – der Verwendung aller Hühnerteile. Die klassische Hühnerbrühe ist ebenso dabei, wie auch eine Hühnerlebermousse oder panierte Hahnenkämme.

Zusätzlich erfährt man einiges über Hühnerfleisch und über Eier. Was es mit den diversen Bezeichnungen von Hybridhuhn bis Suppenhuhn auf sich hat beispielsweise. Oder dass ein Mensch, könnte er Eier legen, etwa 2800 Kilokalorien für nur ein Ei verbrauchen würde. Die Produktion eines Eis sei mit einem Marathonlauf zu vergleichen, schreiben die Autorinnen. Wenn das kein Grund ist, diese weiss-gelbe Köstlichkeit und ihre gackernden Fabrikantinnen noch mehr zu schätzen und zu würdigen!

Titel: Von Huhn und Ei, Rezepte und Geschichten aus Küche und Hühnerstall, 192 Seiten, gebunden

Autorin: Martina Meier, Kathrin Fritz

Verlag: at-verlag, 2019, http://www.at-verlag.ch

ISBN 978-3-03902-008-9, Fr. 39.90/Euro 34.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Infos zu Hühnern, Hühnereiern, Aufzucht und Haltung, gepaart mit unkomplizierten Rezepten von A wie Arabische Joghurtsuppe bis Z wie Zabaione. Optische Highlights sind die Hühnerfotos und die Beschreibung der jeweiligen Hühnerrasse. 

Für wen: Wer das ultimative Huhn für sich noch nicht gefunden hat: Hier werden Sie fündig.

Im Anfang war die Bouillon…

… dürfte das Credo von Küchenchef William Ledeuil sein. Er liefert in seinem Buch mit dem schlichten Titel Bouillon gleich sieben Grundrezepte und zusätzlich neun Bouillon-Essenzen. Denn: „Die Bouillon bildet die Grundlage der Küche.“

Wenn ich daran denke, dass jahrelang für mich der Suppenwürfel der Inbegriff von Bouillon war. Niemals wäre meine Mutter und demzufolge auch ich auf die Idee gekommen, selber Bouillon herzustellen, wo es doch Maggi & Knorr gab. Ich muss ziemlich blöde aus der Wäsche geschaut haben, als mir erstmals eine Bekannte erzählte, dass sie ihre Wochenenden mit Suppenkochen verbringt, äh, mit der Herstellung von Bouillons. Ich erinnere mich gut an ihren begeisterten Gesichtsausdruck, den sie beim Gedanken an ihre Bouillons hatte.  Vermutlich hielt ich sie für leicht verrückt.

Nun, zwei Jahrzehnte später fabriziere auch ich meine eigenen Bouillons und Auszüge. Da ich aber kein Restaurant führe, belasse ich es hauptsächlich bei Gemüse-, Rinder- oder Hühnerbrühe. (Suppenwürfel habe ich, ich gestehe es, aber immer noch im Küchenschrank.) Für Ledeuil, der nach eigenen Worten 50 bis 70 Liter Bouillon täglich in der Küche seines Restaurants Ze Kitchen Galerie benötigt, ist das natürlich nichts. Zu seinen Grundbrühen zählen gleichfalls Fisch-, Krustentier-, Muschel- und Umamibouillon, aus denen dann wiederum Essenzen gewonnen werden. Weiter geht es mit Suppen, die bei Ledeuil gleichfalls Bouillons genannt werden. Doch die sind nicht das Ziel meiner Neugier, ich koche weder mit Schnecken, Seidenmuscheln noch Seeigeln. Das überlasse ich getrost Ledeuil.

Mein Gwunder besteht vielmehr darin, dem Spitzenkoch beim “gewöhnlichen“ Bouillonkochen über die Schulter zu schauen und zu lernen. Hier lohnt sich die Anschaffung des Buches definitiv. Ledeuil ist wohl der gewissenhafteste Bouillonkoch, den Frankreich zu bieten hat. Einfach mal Gemüse oder ein paar Knochen totzukochen, damit wird man bei ihm wenig Anerkennung finden: Die Zutaten werden in die richtige Grösse geschnippelt, gekocht wird mit der richtigen Betriebstemperatur, nicht zu kurz und nicht zu lange. Es wird gespült, trockengetupft, abgeschöpft, geseiht was das Zeug hält. Überraschend ist Ledeuils Zutatenliste. Der Koch hat oftmals asiatische Ingredienzien in die Rezepte aufgenommen, die seine Bouillons ergänzen, ihnen Eleganz verleihen und sie delikat abrunden. Zitronengras, Galgant, Chili, Kaffirlimetten: Ich hätte sie bisher nicht zu den Grundzutaten meiner Bouillons gezählt, es sei denn, ich hätte es auf eine Tom kha gai abgesehen. (Tom kha gai-Essenzen gibt es im übrigen bei Ledeuil drei Varianten, die je nach Weiterverarbeitung zum Einsatz kommen. Die Geflügel-Tom kha gai wird beispielsweise für die „Kürbisbouillon mit karamellisierten Haselnüssen“ benötigt, ein Rezept, das ich sofort ausprobieren werde, sobald ein Patidou-Kürbis meinen Weg kreuzt. Weiss jemand, wo die zu haben sind?) 

Beim Einkauf nach Ledeuil-Vorlage könnten hierzulande Schwierigkeiten auftauchen, es sei denn, man wohne an einem Ort mit einem breit sortierten Wochenmarkt, auf dem auch Spezialitäten aus dem Kräuterreich, aussergewöhnliche Zitrusfrüchte und erlesenes Meeresgetier zu haben sind. Ansonsten empfehle ich, sich mit der eigenen Phantasie auszuhelfen. 

Also: Den Einkauf gut planen, nicht verzweifeln und dann nichts wie ran an den Suppentopf. 

Titel: Bouillon, 221 Seiten, gebunden

Autor: William Ledeuil, aus dem Französischen von Nicola T. Stuart

Fotografien von Louis Laurent Grandadam,

Verlag: Jacoby Stuart, 2019, http://www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-941787-95-7, Fr. 34.–/Euro 25.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Wunderbar bebildertes Kochbuch mit einem Thema: Bouillons. Leidenschaftlicher geht Bouillonkochen kaum. Grund- und weiterführende Rezepte, Grundlagen der Bouillonküche und ausführliche, Zutatenlisten mit Fotos.

Für wen: Gehört in Suppenkaspers Apotheke.

Kein Anfang ohne Wein

Einer anderen köstlichen und zuweilen kostbaren Sache widmet sich die Bloggerin Madelyne Meyer: dem Wein. Jeder, der sich schon mit einem Connaisseur an einem Tisch gesessen ist, weiss, dass man sich beim Getue um eine Flasche vergorenen Traubensaft ganz schön wundern, sich aber gleichfalls beim Palavern über Bouquet, Provenienz und Abgang recht blamieren kann. Madelyne Meyer widmete sich dem Problem. Dabei kam das Buch Endlich Wein verstehen heraus. Es richtet sich an Weintrinker, die bis jetzt einfach mal gerne ein Fläschchen mitgetrunken haben, aber an und für sich kaum Ahnung hatten, was es mit dem ganzen Brimborium rund um das Getränk auf sich hat. Und weil ja nicht jeder dumme Fragen stellen möchte – so in der Art, von welchem Tier die Ledernote im Wein stamme – empfiehlt es sich, die herzhafte, prickelnde Lektüre zu konsumieren. Meyer nimmt uns dabei an der Hand und bricht das komplexe Fachgebiet herunter. Wir lernen die Basics, unter anderem welches Glas für welchen Wein in Frage kommt, welche Weine zu welchen Speisen passen und wie man einen Kater austreibt. Hat man erst das richtige Glas zur Hand, geht es an die Praxis mit Auge, Nase, Mund und Gaumen, jenen Themen also, die das Weinverkosten vergnüglich machen. Und weil Meyer eine Sachverständige ist, der die Worte niemals ausgehen dürfen, wenn es gilt, etwas zu einem Tropfen zu sagen, gibt sie dem Leser ein paar Aussprüche mit, die niemals falsch sein können, so in der Art:

„Noch ein wenig zu jung, macht aber jetzt schon Spass.“

Tja, da nimmt einem doch jeder den Kenner gleich ab. Und hier gleich noch ein paar Adjektive, mit denen Weine auf den Punkt gebracht werden können: muskulös, mehrheitsfähig, knackig, erfrischend oder verschmust. (Mehr davon im Buch.)

Titel: Endlich Wein verstehen, Einfach. Klar. Ungefiltert. 150 Seiten, gebunden

Autorin: Madelyne Meyer

Verlag: at-verlag, 2019, http://www.at-verlag.ch

ISBN 978-3-03902-023-2, Fr. 24.90/Euro 20.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Allerlei Spannendes, Lehrreiches und Komisches über Wein, Weintrinken, Herstellung und Herkunft. Erfrischend und übersichtlich dargestellt, mit mehrheitsfähigen, muskulösen Illustrationen, knackig und erfrischend erzählt. 

Für wen: Weintrinker, die nicht schon die Weinheit mit Löffeln gefressen haben.

Wer behält die Oberhand: der Heilige, der Teufel oder der Narr?

Manchmal hat man als lesender Mensch keine Lust auf knackige, moderne Kurzsätze und wünscht sich elegante, ausgedehnte Satzkonstruktionen und eine Erzählweise, die einen mit sich trägt und mitschwingen lässt, als sässe man auf einer Schaukel. In solchen Momenten hilft der Griff zu einem älteren Werk. Dörlemann kommt das Verdienst zu, längst von den Büchertischen verschwundene Bücher neu aufzulegen. Dank dieses Verlags habe ich nun einen Titel des Kanadiers Robertson Davies in den Händen: Der Fünfte im Spiel, 1970 erstmals unter dem Titel Fifth business erschienen.

Der Fünfte im Spiel, das ist derjenige, der eine Nebenrolle spielt, ein Zuschauer, der die Hauptfiguren beobachtet, sich selber aber gerne aus allem raushält. Er ist aber auch jener Akteur, ohne den die Handlung nicht vorwärtsgetrieben würde. So ein Figur ist der Ich-Erzähler Dunny. Seine Geschichte fängt mit dem Satz an:

„Meine lebenslange Verbundenheit mit Mrs. Dempster begann am 27. Dezember 1908, um siebzehn Uhr achtundfünfzig, als ich gerade zehn Jahre und sieben Monate alt war.“

Dies ist einer der drei genialsten Einstiegssätze in ein Buch, die mir je untergekommen sind. Und der Einstieg täuscht nicht.

Die Geschichte, die Dunny Ramsay erzählt, spielt in einem Dorf in Ontario. (Der Autor Robertson Davies wuchs selber an so einem Ort auf.) Es ist eine Geschichte von Schuld und Sühne, von Geheimnissen, Barmherzigkeit, auch von Liebe und Rache. Alles beginnt mit einem Schneeball, der Dunny treffen sollte, aber auf dem Kopf der schwangeren Mrs. Dempster landet. Die Konsequenzen dieses Treffers beeinflussen das Leben einer Handvoll Menschen nachhaltig. Der Autor versteht es meisterhaft, die Schicksale seiner Figuren miteinander zu verknüpfen. Die Rolle des Fünften im Spiel kommt dabei Dunny Ramsay zu: Er trägt ein mächtiges Geheimnis mit sich. Er zieht in den Krieg, verliert ein Bein, vergräbt sich in Heiligenlegenden, verzichtet auf eine Frau, begleitet seinen Freund Boy und Mrs. Dempsters Sohn Paul, beides zwiespältige Figuren. Dunny Ramsay ist klug, er könnte Karriere machen, doch ihn hemmt etwas Machtvolles, das Gewissen. Eines Tages bricht er sein Schweigen. 

Titel: Der Fünfte im Spiel, 412 Seiten, gebunden

Autor: Robertson Davies

Verlag: Dörlemann, 2019, http://www.doerlemann.ch

ISBN 978-3-03820-068-0, Fr. 34.–/Euro 25.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kleine Ursache, grosse Wirkung: Der Wurf eines Schneeballs macht aus den einen Heilige, aus den anderen Narren oder Teufel. Doch was bedeutet heilig, und was närrisch oder teuflisch? Wunderbar packende Literatur aus Kanada.

Für wen: Schöne literarische Lebensbeichte über zutiefst Menschliches: also für alle, die gerne lesen.

Das macht im Alter Spass: Macken pflegen und sich ein paar neue T(r)icks zulegen

Amüsant und schnell gelesen ist das Büchlein von kein&aber Fünfzig Dinge, die erst ab 50 richtig Spass machen. Und regt an, sich sein Leben als ü50 genauer auf den Spassfaktor hin anzuschauen. 

Gestern hat ein Fernsehsender die Finnin Lena Salmi vorgestellt, die seit ihrem 61. Lebensjahr mit dem Skateboard unterwegs ist. Ganz schön selbstbewusst, die Dame mit Pfupf im Hintern, der es offensichtlich schnurzpiepegal ist, was andere Leute von ihrem „Knochenbrecher-Hobby“ halten. Und gerade darum geht es auch in dem vorgestellten Büchlein. Etwas zu wagen, für das man bisher keine Zeit hatte, z. B. eine Kur machen (das mit dem Kurschatten sollte man sich allerdings überlegen), das als unschicklich oder langweilig gilt, z. B. die Haare wild spriessen zu lassen und jeden Tag ein Gedicht auswendig lernen. Oder auch scheinbar Abwegiges planen, etwa die Musik für die eigene Beerdigung oder doch besser eine Reise mit einem Bulli. Dabei kann man ganz schön Gas geben und die alten Zeiten wieder aufleben lassen.

Nun sind mir Ratgeber immer etwas suspekt, aber ich bin trotzdem neugierig genug, um zu erfahren, was ich mit meinem Restleben so alles anstellen könnte. Und siehe da: Die meisten der vorgeschlagenen Dinge habe ich selbst schon für mich entdeckt. Ich streune gerne im Wald herum auf der Suche nach Pilzen. Ich koche Sachen, die absurd aufwendig sind. Ich sage, wenn mir was nicht passt, und wenn mich einer danach weniger mag: So what? Ich tue etwas, was ich nicht kann (einen Blog betreiben). Anderes wiederum kann ich getrost bleiben lassen: Bikinis mochte ich noch nie, lange Haaren sahen schon in Teenagerzeiten blöd an mir aus, und die alten Liebesbriefe habe ich entsorgt. Man weiss ja nie, wem die sonst mal in die Hände fallen…

Was ich noch tun werde, auf Anregung des Buches hin: Ich werde die Wohnung von Freunden hüten, sofern sie soviel Vertrauen in mich setzen wollen. Ich werde Bücher nicht zu Ende lesen. Vielleicht werde ich Rock’n’roll tanzen lernen. Und ich werde mir einen Preis für mein Lebenswerk verleihen.

Titel: Fünfzig Dinge, die erst ab 50 richtig Spass machen, 183 Seiten und einige Leerseiten für eigene Ideen, gebunden

Autorinnen: Andrea Gerk, Moni Port

Verlag: kein&aber, 2019, http://www.keinundaber.ch

ISBN 978-3-0369-5811-8, Fr. 23.90/Euro 15.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Flotter Ratgeber für angegraute Menschen, die mit grauen Haaren leben können, aber etwas gegen Angestaubtsein haben.

Für wen: Für alle, die bisher meinten, ab 50 sei das Leben so gut wie vorbei. Ideal für sogenannte Geburtstagskinder.

Der Tourist, der durch die Schweiz reiste und dabei zahlreichen Gemsen begegnete

Mit Mark Twain und Huckleberry Finn den Mississippi hinunterzuschippern, wie war das in meinen Jugendjahren aufregend und vergnüglich. Wie vielversprechend schien plötzlich eine Reise an den Mississippi. Doch Amerika ist heute weiter von mir entfernt denn je. Twain hingegen liegt griffbereit, und zusammen mit ihm lockt das Reiseland Schweiz. Diogenes hat dazu das Taschenbuch In der Schweiz von Mark Twain herausgebracht. In der Schweiz stellt einen Auszug aus seinem Buch Bummel durch Europa dar. 

Reisen bedeutet auch heute noch weitgehend dasselbe wie zu Twains Zeiten: die Augen offen zu halten, Andersartigkeiten zu registrieren und damit zurande zu kommen, Bekanntschaften zu schliessen oder ihnen auszuweichen, an Grenzen zu stossen (hauptsächlich an eigene). Die Reisemittel mögen sich seit Twains Zeiten verändert haben, die Reisegeschwindigkeit sowieso. Dennoch bleibt Reisen auf der einen Seite eine Mühsal, auf der anderen bietet es Kurzweil und Anreize.

Was man in der Schweiz gesehen haben muss (z. B. den Luzerner Löwen), was man als Geschenk für unliebsame Literaturkritiker mit nach Hause nehmen sollte (Kuckucksuhren), welche Tiere völlig überschätzt werden (Gemsen) und welchen Berg ein wackerer Fussgänger locker in Dreiviertelstunden ersteigt (die Rigi): Twain bringt das hundsnormale Touristendasein mit Witz, Ironie und Analyse auf den Punkt. Dass es dabei manchenorts mehr um den Touristen als um das bereiste Land geht, versteht sich von selbst. Deshalb spielt es keine Rolle, wie das bereiste Land heisst. Obwohl natürlich auch der kritischste Schriftsteller nicht umhin kann, von Matterhorn, Jungfrau und den Alpen-Gletschern (ja, die gab es zu Twains Zeiten noch) schwer beeindruckt zu sein. 

Mark Twains Tour geht von Luzern über Interlaken, Zermatt bis nach Genf. Er reist dabei auf ausgetretenen Pfaden, ist – wer hätte das gedacht – nur einer von vielen mit denselben Zielen und Bedürfnissen. Das Büchlein ist literarische Unterhaltung der Superklasse – und deshalb auch für Gedankenreisende und eingeborene Schweizer das reinste Vergnügen.

Titel: In der Schweiz, 301 Seiten, Taschenbuch

Autor: Mark Twain

Aus dem Amerikanischen Ana Maria Brock

Verlag: Diogenes Verlag, 2019, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-245004, Fr. 13.–/Euro 9.99

Kurzbeschrieb/-bewertung: Der kluge Reisende mag mitunter dummen Reisenden begegnen. Er mag schlechtes Wetter vorfinden, klitschnass durch grandiose Landschaften taumeln, Sonnenaufgänge verpassen und Führer von zweifelhaftem Ruf anheuern. Aber vor allem begegnet er sich selber. Und dabei gilt es, den Humor nicht zu verlieren. Ob in der Schweiz oder anderswo.

Für wen: Reisende, die ihr Tun und ihr Reiseziel auch mal hinterfragen.