Eigentlich wollen Bienen nichts als Honig sammeln

Der Autor Andrej Kurkow gehört ab sofort zu meinen schreibenden Lieblingszeitgenossen. Sein Roman Graue Bienen erzählt von den Menschen in einem Kriegsgebiet und ihren Überlebensstrategien. Der Roman ist nicht nur wichtig für diese Zeit, sondern gleichermassen literarisch hochstehend. Ausserdem so anschaulich, als hätte man statt gelesen, einen Film geschaut. Und gerade jetzt ist es angesagt, sich noch einmal die Anfänge des Ukrainekonflikts zu vergegenwärtigen.

Zur Geschichte: Was der Mensch nicht sehen und hören will, hört und sieht er nicht. Und so hat es Sergej Sergejowitsch geschafft, die Geräusche des Krieges, der sich seit drei Jahren in Sichtweite seines Häuschens abspielt, zu ignorieren oder als Teil des Alltags wahrzunehmen. Viel mehr als über Geschützdonner regt er sich über den einzigen Menschen auf, der gleich ihm im Dorf ausharrt: Paschka Chmelenko. Paschka ist sein Feind aus der Kindheit, ausserdem hält sich Paschka an die prorussischen Kämpfer. Vielleicht nicht aus wirklicher Sympathie, aber sie versorgen ihn mit Fleisch, Brot und Wodka. So richtig auf eine Seite mag sich keiner der beiden schlagen­; ihre Neigung zu der einen oder anderen Partei hängt bei Paschka und Sergej, so scheint es, davon ab, wo ihr Haus im Dorf steht: Sergejs Garten schaut auf die ukrainischen Schützengräben hinaus, Paschkas auf die Unterstände der Separatisten. 

Es ist dieser feine ironische Unterton, der nichts benennt, aber alles sagt, der mir an diesem Buch besonders gefällt und die schlichte Wahrheit, die dahintersteckt. Was interessiert gewöhnliche Menschen die Politik? Wichtig ist ihnen, dass sie ihr Leben in Ruhe weiterführen können, dass das Handy geladen und der Kohlekeller voll ist, dass man sich ins Nachbardorf begeben kann, ohne auf eine Granate zu treten. Welche Absurditäten die Politik mit sich bringt, sei an folgender Buchszene veranschaulicht:

Eines Abends bekommt Sergej Besuch vom ukrainischen Soldaten Petro. Petro erzählt, dass jetzt in Kiew die Strassen umbenannt würden. Sergej gefällt die Idee. Er macht sich eines Nachts auf, die Schilder der zwei Dorfstrassen auszutauschen: aus der Leninstrasse wird nun die Schewtschenko-Strasse und umgekehrt.

Alles in allem verläuft der Tag im Dorf eintönig. Sergejs Sorge gilt seinen Bienen, die nach dem Winter wieder ausfliegen wollen. Seine Bienen sind ihm das Wichtigste, und er macht sich eines Tages trotz aller Unwägbarkeiten auf die Reise. Bis seine Bienen ausfliegen können, muss er allerdings ein paar Kontrollposten passieren und viele Fragen beantworten. Er begegnet hilfsbereiten Menschen, geniesst eine Liebschaft, bekommt die Bösartigkeit von Funktionären zu spüren. Und er findet auf dem Heimweg auch Petros explosives Gastgeschenk wieder, das der im Wodka-Suff verlegt hat. 

Grosse Literatur aus einem Gebiet, das seit 2014 in einem schwelenden regionalen Konflikt feststeckt, der sich 2021 zu einem Krieg ausgeweitet hat, der mittlerweile kaum mehr jemanden ruhig schlafen lässt. Ganz egal, wie weit der Geschützdonner weg ist. Und alles nur, damit wieder ein paar Strassen umbenannt werden? Oder weil ein paar zu klein geratene Männer als Monster in die Geschichte eingehen wollen?

Titel: Graue Bienen, Roman, 445 Seiten, Paperback

Autor: Andrej Kurkow

Verlag:  Diogenes, 2021

ISBN 978-3-257-24554-7, 13.­– Euro/17.– Franken

Kurz zusammengefasst: Ukraine im Krieg, ein paar Jahre zurück. Zwei Männer, der Bienenzüchter Sergej und Opportunist Paschka, harren auf sich allein gestellt in ihrem Dorf zwischen den Fronten im Donbass aus. Über ihre Köpfe hinweg fliegen die Geschosse, manchmal schlägt im Dorf eines ein. Was den beiden beim Überleben hilft ist Sturheit, Nihilismus, Nachbarschaftshilfe und die Erfahrung, dass irgendwann jedes Regime durch das nächste abgelöst wird. Nah an den Menschen, nahe an der Zeit, literarisch ein Highlight.

Für wen: Alle. Dieses Buch zu lesen, wird niemanden reuen.

«Aha, jetzt weiss ich was Sie kochen!»

Als ich kürzlich meinen Metzger bat, die Rindshuft in feine Tranchen zu schneiden, wollte er wissen, was ich denn damit zubereiten wolle. Auf meine Antwort «etwas Asiatisches» meinte er triumphierend: «Aha, jetzt weiss ich was sie kochen. Ramen!». Ich verneinte und erklärte, dass ich ein Rezept ausprobieren wolle, bei dem das Rindfleisch knusprig gebacken würde. Hierauf folgte ein längerer, schwärmerischer Monolog des Metzgers über seine Freude am Kochen und seiner Lust, Neues auszuprobieren.

Vielleicht sollte ich nächstens diesem Metzger das Rezept «Chrispy chili beef» vorbeibringen, das ich aus «Wok Reis Nudeln» von Jennie Walldén nachgekocht hatte. Fazit: Schlichtweg köstlich, ausserdem schön anzuschauen, so dass man es ohne weiteres Gästen auftischen könnte. Die Zeit, die man in der Küche verbringt, hält sich, wie bei den meisten ostasiatischen Gerichten, ohnehin in Grenzen.

Jennie Walldéns Kochbuch vereinigt Speisen aus ganz Ostasien: Koreanisches Bulgogi oder Bibimbap, japanischer Curry (doch, doch, das gibt es offensichtlich), chinesische Nudelgerichte, thailändisches Laab Gai usw. Die Reiselust kommt mit dem Nachkochen und Essen, soviel sei versprochen.

Wenn ich ein Kochbuch bespreche, so lasse ich meist meinen Liebsten ein paar Rezepte heraussuchen, die ich dann nachkoche. So gerate ich nicht in Versuchung, mir jene rauszupicken, die mein Auge schnell als «gelingt todsicher» abgecheckt hat. «Chrispy chili beef» hätte ich allein schon deshalb nicht gewählt, weil das Ausbacken des Fleisches in Öl nach sehr vielen Kalorien tönt. Was aber wäre mir da entgangen!

Überrascht haben mich auch die anderen getesteten Rezepte. Der «knusprige Tofu mit Cashews» könnte jeden Tofumuffel bekehren. Ehrenwort! Die «Kantonesische Nudelsuppe mit Wantans» werde ich sicher zu meinen beliebtesten Rezepten hinzufügen. Die Wantans selber zu machen, war übrigens keine Hexerei. Im Asialaden gibt es Wantanteig in der richtigen Grösse, die Füllung ist schnell gemacht, und wenn man gerade dabei ist, lohnt es sich, eine grössere Menge zu machen und einzufrieren. Eine Mahlzeit, die im Hui auf dem Tisch ist und richtig gut schmeckt wäre «Rice Bowl mit Lachs und Wasabi-Mayonnaise»: Wer Sushi mag, wird damit bestimmt glücklich. Der Aufwand und die Ansprüche an die Köchin sind allerdings bedeutend geringer.

Überhaupt sind die Rezepte von Walldén wunderbar einfach. Wir haben es hier mit einer Kochbuchautorin zu tun, die auf die Bedürfnisse ihrer Leserschaft Rücksicht nimmt: die benötigten Produkte haben Sie entweder schon zu Hause, oder man bekommet sie in einem gut sortierten Supermarkt oder im Asiaschop. Walldén hat aber auch Vorschläge, wenn man mal bei einer Zutat nicht fündig wird. So schlägt sie bei der «Rice Bowl mit Lachs» vor, Minze und Oregano zu nehmen, wenn keine Shisoblätter erhältlich sind. Ich habe es so gemacht und festgestellt, dass Minze und Oregano wunderbar zu rohem Lachs passen. Die Autorin scheut auch nicht davor zurück, gekonnt und in Massen Fertigsaucen (z.B Srirachasauce) einzusetzen. Ebenfalls macht sie Vorschläge, wenn es darum geht, vegetarisch zu kochen oder Fleisch zu ersetzen. Sehr nützlich fand ich auch ihren kleinen Überblick über die diversen Reis- und Nudelsorten, die in Asien eingesetzt werden.

Titel: Wok Reis Nudeln, 164 Seiten

Autorin: Jennie Walldén 

Verlag:  AT Verlag, www.at-verlag.ch, Aarau 2022

ISBN 978-3-03902-1574, Fr. 29.90/ Euro 25.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Asiatische Strassenküche geht auch zu Hause. Wok hervorgeholt und los geht’s. Jennie Waldéns Rezepte schmecken so, wie vom Stand in Bangkok oder der kleinen Kneipe in Tokio oder Seoul. Und sind erst noch im Nu auf dem Tisch. 

Für wen: All jene, die gerne mal die Stäbchen schwingen.

Das wehmutsvolle Lied vom Land

Das Dorf Brinkebüll, in welchem Ingwer Feddersen als Kind eines Dorfwirts aufgewachsen ist, hat sich nach und nach verändert. Erst wurden die Fluren bereinigt, dann fällte man die schattenspendende Dorfallee und teerte die Strasse neu. Der Dorfladen machte dicht, Kleinbauern gaben auf, andere bauten zu Grossbetrieben um. Zuzüger übernahmen, was günstig zu haben war und sich romantisch umdeuten liess. Was trotz Veränderungswut die Zeiten überdauert hatte, betreute jetzt ein Dorfkulturverein: Windkraftanlage neben touristisch aufgewertetem Hünengrab und Klappermühle.

«Man machte sich nicht tot, man war nicht mehr auf Sonne, Wind und Regen angewiesen. Brauchte sich mit der Natur nicht mehr herumzuplagen.» 

Dörte Hansen hat mit Mittagsstunde einen Abgesang aufs dörfliche Leben geschrieben, wie es jene noch erlebt haben, die meines Jahrgangs sind, vielleicht ein wenig älter oder jünger. Das fiktive Dorf Brinkebüll in diesem Roman liegt in Nordfriesland. Man spricht Platt, ausser man möchte es zu etwas bringen, was soviel heisst wie: Man möchte weg. Ingwer Feddersen ist einer der weggeht. Er ist die Hauptfigur in dieser Geschichte. Mit fast fünfzig kehrt er ins Dorf zurück. Er hat noch ein paar Rechnungen mit Sönke offen, der ihn aufgezogen hat und rein gar nichts von «Studierern» hält. Sönke ist mittlerweile alt und gebrechlich, doch noch mindestens so stur, wie er immer gewesen ist. Die Sturheit liegt den Brinkebüllern im Blut. Sie haben ihr Lebtag lang den Kopf eingezogen, wenn der Sturm übers Land fegte und stoisch ertragen, dass er ihre Gesichter und die Landschaft zurechtschliff und ihre Rücken beugte. 

Die Autorin schafft ein lebensnahes Bild eines Dorfes und bevölkert es mit den erstaunlichsten, einsamsten, liebenswerten, boshaften, schrulligsten Figuren. Brinkebüll kommt jedem bekannt vor, der in dörflicher Umgebung aufgewachsen ist, auch wenn er Nordfriesland noch nie gesehen hat. Ob Bayern, Appenzell, Allgäu oder sonst ein ländlicher Landstrich in Europa: Wer auf dem Land gross geworden ist, hat Bäume fallen sehen, Grünflächen, die plötzlich betongrau und teerfarben wurden, Dorfläden, Schulhäuser, kleine Betriebe die entweder vergrössert oder geschlossen wurden, und Landmaschinen, die zu rücksichtslosen Dinosauriern auf Riesenrädern mutierten. Man könnte Dörte Hansens Beschreibung von Brinkebüll durchaus als humorvoll bezeichnen, doch bleibt einem das Lachen oft im Hals stecken. So beschreibt sie beispielsweise recht anschaulich-komisch,­ wie der dörfliche Gasthof zum Westernsaloon umfunktioniert wird. Bonanza in Nordfriesland. So weit weg von der Realität ist das nicht. Jeder kennt mindestens eine schmuddelige Döner-Pizza-Würstchen-Bude, in der früher Hochzeiten und Leichenmahle abgehalten wurden. 

Wirklich eine geniale Idee der Autorin war es, die Titel eine Jukebox-Schlagerauswahl als Kapitelüberschriften zu verwenden. Schlager von «Junge komm bald wieder» bis zu «Wir wollen niemals auseinandergehen» spielen im Buch im Zusammenhang mit Ingwers vermeintlicher Schwester Marret eine wichtige Rolle. Marret übernimmt in diesem Roman die Rolle der Kassandra. Sie ist selbst für Brinkebüller Verhältnisse ein Spezialfall und zu fast nichts zu gebrauchen. Jedem verkündet sie den Weltuntergang, dazu singt und tanzt sie, kennt jeden Schlager. Und das ist das Schöne, aber zuweilen auch kaum zu Ertragende auf dem Dorf: Hier pflegt jeder seine Marrotten. Man nimmt es wahr, lästert ein wenig und geht dann seiner Wege.

Eine wahre Lesefreude sind Hansens Metaphern, die ich so noch nicht gelesen habe: ein Wind der an der Landschaft herumsäbelt, Felder, aus denen Windturbinen wachsen, ein Land, das man mit einer frommen Lüge trösten wollte, Zimmerleute, die rhythmisch wie Geleerentrommler hämmern, um nur einige zu nennen. 

Autorin: Dörte Hansen

Verlag:  Penguin Verlag, 2018, Roman, Taschenbuch

ISBN 978-3-328-10634-0, 12.­– Euro/13.25 Franken

Kurz zusammengefasst: Die ländliche Welt Nordfrieslands in den letzten Jahrzehnten des 20. Jarhunderts löst sich nach und nach auf. Ingwer Feddersen ist einer, der im fiktiven Brinkebüll gross geworden ist. Er ist ein Dorfmensch geblieben, sein Leben aber findet schon lange nicht mehr hier statt. Für ein Jahr kehrt er nach Brinkebüll zurück, um das Wirtepaar zu pflegen, das ihn grossgezogen hat. Gleichzeitig steht er vor der Frage, wer er eigentlich ist und was er in Zukunft tun möchte. Die Rückkehr ins Dorf ist mit vielen Erinnerungen an Menschen und nicht immer nur schöne Zustände verbunden und endet mit der Erkenntnis: «Das Dorf, das Land kam ohne ihn zurecht.» Zweifellos einer der schönsten Romane der letzten Jahre. Humor und Wehmut nah beisammen.

Für wen: Genussmenschen

Wo selbst die Stille Schatten wirft

Laura Freudenthaler hat sich in ihrem Roman Die Königin schweigt mit der Generation ihrer Grosseltern auseinandergesetzt. Die Hauptfigur, Fanny, wächst in einem Bergdorf auf. Hier wird gearbeitet und geschwiegen. Das Fanny-Kind zieht es unter der Bank in eine stille dunkle Ecke, von wo es über Gerüche und Geräusche die Welt in sich aufnimmt. Später heiratet Fanny den Dorflehrer, der eines Tages nicht mehr von einem seiner Ausgeh-Abende zurückkehrt. Das grosse Glück war diese Ehe nicht. Doch Fanny hat früh gelernt, dass das Unglück einem überall findet, auch wenn man sich in Ecken verkriecht und sich still verhält. Die junge Frau zieht mit ihrem Sohn weg vom Dorf. Weg vom Geschwätz der Leute und den Erinnerungen. Das Unglück lässt Fanny aber nicht aus den Augen.

Eigenartig, wie oft mich dieser Roman an meine Mutter und ihre Vorstellungen erinnerte. An ihr Lebensleitmotiv, das über allem stand, was sie tat oder sein liess: Was würden auch die Leute sagen. Auch meine Mutter hatte das Schweigen von klein auf gelernt. Als wäre das Reden über Erlebtes ein Makel. Weshalb vom Unglück reden, wo es doch alle am Wickel hatte. Und über Glück schon gar nicht, wegen des Neids. Dann doch besser über andere reden. Wer besucht wen und aus welchen Gründen? Wer bezahlt seine Rechnungen nicht? Wer hat die Witwenkleidung abgelegt, obwohl noch kein Jahr um ist? Dabei gut aufpassen, was man den anderen über sich selbst verrät. Und immer die Wäsche nach Plan aufhängen, denn was würden die Leute sagen, wenn der Büstenhalter vergnügt neben einem Paar Männerunterhosen im Wind getanzt hätte. 

Allgegenwärtige soziale Kontrolle. Und Selbstkontrolle. Vielleicht noch ein Vermächtnis einer Gesellschaft, die die Kriegsjahre und ihre Überwachungssysteme miterlebt hat.

Doch zurück zum Buch: Aus dieser Geschichte kommt einem eine eigenartige Schwermut, viel Schattenhaftes entgegen. Als läge das meiste im Halbdunkel.  Das Motiv des unter der Bank kauernden Mädchens, das überdies in einem Schattenwinkel gross wird, zieht sich so durch den ganzen Roman. Dialoge sind praktisch keine vorhanden, am ehesten noch indirekte Rede. Die Sprache nüchtern, sachlich, unverstellt, bildhaft.

Nicht klar ist mir geworden, wer hier eigentlich erzählt. Fanny, die im Alter über ihr Leben nachdenkt? Oder ihre Enkelin, oder gar eine auktoriale Erzählstimme? Eine Mischung aus allem? Die Frage ist insofern berechtigt, als Fanny auf die bohrenden Fragen der Enkelin ja keine Antworten liefert. Das sagt ja schon der Titel aus: Die Königin schweigt. 

Titel: Die Königin schweigt, Roman, 206 Seiten, Paperback

Autorin: Laura Freudenthaler

Verlag:  btb, 2019

ISBN 978-3-4421-71705-7, 10.­– Euro/12.40 Franken

Kurz zusammengefasst: Ein lohnenswertes Buch, das uns etwas über die Kriegs- und Nachkriegsgeneration verrät. Freudenthalers hat ein besonderes Gespür für Stimmungen, Schattierungen und Gefühlslagen, die nicht einmal der betroffenen Person ganz klar sind. Eine sensible Annäherung an die Generation von Frauen vor uns.

Für wen: Wer seine Mutter oder Grossmutter und ihr stoisches Ertragen von widrigen Lebensumständen noch nicht verstanden hat, ist damit sicher bestens bedient.

Mutterliebe – Sohnespflicht und alles was dazwischen liegt

Das Verhältnis erwachsener Kinder zu ihren Eltern ist wohl stets ein diffuses. Jedenfalls scheint es ungeschriebenes Gesetz, dass Kinder ihre Eltern zu achten haben, zu lieben, sofern diese Achtung und Liebe nicht gänzlich verspielt haben. Im Gegenzug, so der gesellschaftliche Konsens, lieben Eltern ihre Kinder, komme was da wolle, sorgen sich und wollen, so lange sie leben und darüber hinaus, nur das Beste für ihre Nachkommen.

Nun ist natürlich nicht genau definiert, wie Eltern es anstellen, ihre Nachkommen glücklich zu machen. Es ist noch nicht einmal klar, wie sie es anstellen sollen, deren Handlungen und Entscheide immer zu verstehen oder zu akzeptieren. Gleichzeitig bleiben Eltern ihren Kindern immer ein Stück weit fremd. Das liegt zum einen daran, dass Eltern schon ein Leben vor der Geburt ihrer Kinder gelebt haben. Zum anderen, dass Eltern ihren Kindern bestimmt nicht alles erzählen, und in dem was sie erzählen auch gehörig flunkern. Erzählungen sind zudem immer ungenau, sind sie doch eine Mischung aus Erinnerung, Auswahl, Phantasie und Formulierungskunst. 

Noch vertrackter wird das Eltern-Kind-Verhältnis, wenn es sich beim Elternteil um die Mutter handelt. Mütter bringen ihre Kinder zur Welt, nachdem sie sie neun Monate mit ihrem Leib genährt und beschützt haben. Die Bindung hat ­– so wird uns vermittelt ­– besonders stark zu sein und ist nur in Ausnahmefällen diskutierbar. Doch wie in allem, was einfach so vorausgesetzt wird, steckt darin ganz schön viel Konfliktpotenzial.

Matthias Nawrat hat sich in Reise nach Maine das Verhältnis Sohn-Mutter vorgenommen und szenisch beleuchtet. Er beschreibt in seinem Roman die Amerika-Ferien-Reise eines Sohnes mit seiner Mutter. Nicht dass der Sohn wirklich mit seiner Mutter hätte verreisen wollen. Doch eine Woche, so nimmt er sich vor, würde er ein solches Arrangement schon aushalten. Die zweite Woche würde er ganz für sich haben. Doch diese Pläne hat er ohne seine Mutter gemacht. So leicht lässt sie sich nicht abschütteln.

Dass Nawrat sich selber in der Hauptfigur des Sohnes setzt, macht die Geschichte besonders intensiv. Wahrhaftigkeit ist das Stichwort, das einem bei so einem Schreibexperiment als erstes in den Sinn kommt. Ohne diese geht es nicht. Wir begleiten den Romanautor und seine Mutter durch New York und später auf der Weiterreise nach Maine. Wir sehen sein gut nach vollziehbares Schwanken zwischen Sohnespflicht und Mutterliebe. Wir können die  Gereiztheit nachvollziehen, die bei beiden aufkommt, denn auch der Mutter ist klar, dass der Sohn sich seinen Traumurlaub nicht an der Seite von Mama vorstellt. Doch sie ist entschlossen, diese Tage mit ihrem Sohn zu geniessen. 

Eine Szene fast zum Schluss des Buches hat sich mir besonders eingeprägt. Es ist dies eine Wanderung, die die beiden gemeinsam einen Berg hoch machen. Vorausgegangen ist ein Streit. Die Mutter geht voran, lässt sich nicht bremsen, der Sohn stiefelt hinterher:

«Der Rücken meiner Mutter, ihr ganzer Körper war, während sie mir vorausging, ganz aufgerichtet, sie ging aufrecht und federnd, sie schwebte fast, als sei sie eine junge Person, als hätten Raum und Zeit sich in dem Hohlweg gekrümmt und ein Fenster sich geöffnet in eine frühere Zeit. … Sie ging, während mich die Erde gnadenlos anzog und jeden meiner Schritte beschwerte, mühelos vor mir den Berg hinauf und nahm eine Stufe nach der nächsten, als könnte ihr die Schwerkraft nicht anhaben.» 

Schöner und eindrücklicher kann nicht beschrieben werden, wie eine Generation auf die andere folgt.

Titel: Reise nach Maine, Roman, 218 Seiten, gebunden

Autor: Matthias Nawrat

Verlag:  Rohwolt, Hamburg, 2021

ISBN 978-3-3-498-00231-2, 22.­– Euro/31.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Mutter und erwachsener Sohn verreisen. Erst nach New York, dann mit dem Auto nach Maine. Unterschwellige Vorwürfe, inneres Knurren, elterliche und kindliche Zuneigung, Fremdheit in der Verbundenheit: Wie sollten sie auf einer solchen Reise nicht zum Ausdruck kommen?

Für wen: Eine Mutter, die einen ab und an die glatten Wände hochtreibt, haben wohl alle.

Wie es dazu kommen kann, dass der Thunersee absäuft

Mit Pascal Gschwind geht es rasant abwärts. Das sieht er selber natürlich anders. Er hat einen neuen, ihm viel abverlangenden Job bei Valnoya angefangen. Valnoya ist weltweit im Minengeschäft tätig. Und gerade eröffnet sich Pascal Gschwind eine Möglichkeit, rasch die Karriereleiter hochzuklettern und einen Sack voll Geld nach Hause zu tragen: Am Beatenberg wurde Recapitanium gefunden. Der Kanton Bern veranlasst gegen die Warnung von Spezialisten und Umweltschützern Sondierbohrungen. Derweil gibt Valnoyachef Hiller Gschwind den Auftrag, für die Firma jenes Grundstück zu erwerben, unter welchem sich die wunder- und kostbare Recapitanium-Mine befindet. Da wird Pascal Gschwind gleich erfinderisch und nimmt es mit den geltenden Landerwerbbestimmungen nicht so genau. Wäre doch schön, wenn er zu seinem Tesla das passende Boot hätte, um auf dem Thunersee herumzukurven. Während Geschwind sich ein Diplom als Landwirt bastelt, beschäftigt sich seine Ehefrau Rina mit Joga, Achtsamkeit und anderen schönen Dingen, indes sein Sohn Levin eine Umweltorganisation namens Back to the fruits gründet und die Schule schmeisst. Als ob Pascal Gschwind mit seinem «sustainability report» und den Umweltsünden eines peruanischen Valnoya-Betriebs nicht schon genug um die Ohren hätte. 

Soweit ein Anriss der temporeichen, fabelhaften Geschichte, die Urs Mannhart unter dem  etwas umständlichen Titel Gschwind oder das mutmasslich zweckfreie Zirpen der Grillen, erschienen beim Secession-Verlag, verfasst hat. Der Autor lässt uns seinen Gschwind so richtig schön ans Herz wachsen, denn trotz all seiner Karrieregeilheit und seines Wirtschaftsverträglichkeitsgeschwafels hat Pascal Geschwind auch menschliche Seiten. Ob am Ende Umwelt, Allgemeinwohl und Familie mehr wiegen als Geld und Macht, dafür muss man diesen köstlichen, aberwitzigen Roman schon selber lesen. Langweilig wird es jedenfalls nicht. Ausserdem: nach all dem virusbedingten schlechten Nachrichten darf man sich schon wieder mal mit den besorgniserregenden Nachrichten rund um den Planeten Erde beschäftigen (und sich in allen Farben vorstellen, was passiert, wenn der Thunersee absäuft). Mannhart legt mit Beobachtungsgabe und feiner Ironie offen, wie wir es mit Negation und argumentativ unterstütztem Selbstbetrug vermeiden, uns näher mit Themata zu beschäftigen, die uns eigentlich unter den Nägeln brennen sollten.

Titel: Gschwind oder Das mutmasslich zweckfreie Zirpen der Grillen, Roman, 286 Seiten, gebunden

Autor: Urs Mannhart

Verlag:  secession Verlag, Berlin, 2021

ISBN 978-3-96639-039-2, Fr. 30.­–, Euro 23.­–

Kurz zusammengefasst: Raffgier und Machthunger bringen nicht nur Gschwinds Leben durcheinander, sondern auch die Berner Alpen ins Wanken. Süffig zu lesen, ironisch, phantasievoll aber als mögliches Szenario leider, leider nicht allzu abwegig. 

Für wen: Kann ich einfach allen empfehlen.

Man nehme …

Man nehme vier Jugendliche: einen Schwarzen, einen Schwulen, ein freakiges Mädchen und einen Aussenseiter in schwieriger familiärer Situation. Man gebe einen gehäuften Esslöffel Herzschmerz dazu, zweihundert Gramm Drama und setze das Ganze in die amerikanische Pampa, rühre gut um und lasse es über gut dreihundert Seiten köcheln. Fertig ist der Coming-of-age-Roman.

Diese und andere Gedanken sind mir beim Lesen von Benedict Wells Hard Land durch den Kopf gegangen und haben mich von der eigentlichen Story abgelenkt. An und für sich eine runde, leicht zu lesende Geschichte über Freundschaft und  Erwachsenwerden. Aber eben auch eine Geschichte, die ich so oder allzu ähnlich schon gelesen habe. Eine Geschichte auch, die einen in ihrer dichten Atmosphäre in die eigene Jugend zurückträgt, als das Gras intensiv nach Sommer roch, die grosse Welt sich bald auftun würde, Risiken nichts als Spass waren und das Drama stets auf der Bettkante sass. 

Wir schreiben die Achtzigerjahre. Sams einziger Freund ist weggezogen, die Sommerferien stehen vor der Tür. Es werden unerträgliche Ferien werden, denn Sams Mutter ist schwer krank und sein Vater ohne Arbeit. Sam meldet sich auf einen Ferienjob im örtlichen Kino und begegnet den etwas älteren Freunden Cameron, Hightower und Kirstie.

Titel: Hard Land, Roman, 342 Seiten, gebunden

Autor: Benedict Wells

Verlag:  Diogenes Zürich, 2021

ISBN 978-3-257-07148-1, Fr. 26.40, Euro 24.-

Kurz zusammengefasst: Geschichte des jugendlichen Aussenseiters Sam, der in mehr als einer Hinsicht den Sommer seines Lebens erlebt. Berührend, melancholisch, empathisch mit vielen Seitenblicken auf Musik, Film und Literatur der Achtzigerjahre.

Für wen: Wers mag.

Papier ist geduldig – aber wer hält das aus?

Es kann einem schon mal die Sprache verschlagen beim Blick in heutige Zeitungen. Neuere Begriffe wie Häppchen- oder Verlautbarungsjournalismus oder gar Fake News sagen viel aus. In meiner Jugend hatte jedes Tal seine eigene Zeitung (es gab sogar den Begriff Blätterwald) ­– heutzutage geben wenige Konzerne ein paar Erzeugnisse heraus. Statt mit Meinungen Features, Leitartikeln, Hintergrundartikeln oder Reportagen füllen diese ihre Seiten lieber billig mit Belanglosigkeiten, Kreuzworträtseln, Wetterprognosen, Sportresultaten … und wundern sich, wenn die Leser dafür kein Geld ausgeben wollen. 

Nun nützt natürlich das Gejammere nichts. Informationen gibt es genügend, nur ist es um einiges schwieriger geworden, diese zu filtern, zu prüfen und zu analysieren. Mir helfen in dieser Sache meistens zwei Fragen: Wer steckt hinter der Info? Wer hat welche Interessen in der Angelegenheit?

Artur Kilian Vogel, der Autor von Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging, war selber Journalist. Auch er hat das Fällen des Schweizer Blätterwaldes hautnah miterlebt. Seine Erfahrungen dürften ihn weitgehend zu diesem Roman inspiriert haben. 

Zur Story: Chefredakteur Strittmatter sitzt an einem Novemberabend allein in seinem Büro, ein Glaskasten mit Blick aufs Grossraumbüro, wo noch ein paar Computer flimmern. Das Flimmern täuscht, denn heute erscheint Strittmatters letzter Leitartikel. Sein Blatt geht unter. Keiner braucht den alternden Chefredakteur mehr; nach all den Jahren, die Strittmatter für die Zeitung und die Leser unterwegs war. Strittmatter passt nicht mehr in die heutige Zeit, und schon gar nicht kommt er mit der Art klar, wie heute Zeitungen designt und «abgefüllt» werden. 

Es ist dies eine Geschichte der Erinnerungen und der Abrechnung mit sich selber. Welchen Platz hat man im Leben eingenommen, was bleibt zurück von einem Lebenswerk, wo und wen hat man geliebt und vor allem: Von wem wurde man wiedergeliebt? Es sind Erinnerungen auch daran, wie noch vor wenigen Jahrzehnten Zeitungen gemacht  wurden, wie man sich als Schreiberling das erste Zeilengeld verdiente, wie man sich hinaufarbeitete. Strittmatter wühlt sich einen Abend lang durch alte Ordner, geht seiner eigenen Geschichte anhand alter Zeitungsartikel nach, wühlt sich durch vergilbtes Papier. Er war lange als Kriegskorrespondent tätig. Doch jetzt fragt er sich, was von diesem Leben zwischen Terror, schnellem Sex, beruflichem Anspruch und der Suche nach Glück geworden ist. Was bleibt? Ein paar Ordner und die schmerzliche Erinnerung an eine Frau, die er nicht halten konnte. 

Es ist eine Geschichte voller Wehmut, teilweise etwas larmoyant, was natürlich Strittmatters grosszügigem Alkoholkonsum in diesen Stunden zuzuschreiben ist. Hier ein Textauszug:

«Nein, Strittmatter sei ehrlich! Jetzt, in diesem Moment der Wahrheit, kannst du ehrlich sein; du brauchst dir nichts mehr vorzumachen. Du hast die Chancen nicht genutzt; du hast nur Altpapier produziert, für das sich niemand mehr interessiert. Zwar hast du einen Ruf gehabt, damals, als du noch Journalist warst und nicht der Ausführungsgehilfe des publizistischen Niedergangs und der Verwalter der wirtschaftlichen Misere wie heute. Aber du hast diesen Ruf nicht verdient. Hat vielleicht, hat wenigstens diese eine Reportage überlebt, irgendwo? Und könnte sie eines Tages wieder auftauchen…»

Die Stärken des Romans liegen klar in den realistischen Schilderungen der Wirren, in denen sich Kriegsreporter bewegen mit verheerenden Auswirkungen auf die vermeintlich unbeteiligten Berufsleute der Informationsbranche. Vogel konnte hier eindeutig aus seinem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Beinahe schon vergessene Konflikte tauchen vor des Lesers Auge auf und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie es der Mensch immer wieder schafft, solche weltbewegenden Schrecknisse zu verdrängen oder zu vergessen. In seinem Nachdenken über die Vergangenheit springt Strittmatter von Explosionen zu Flirts, von Begegnungen mit politischen Akteuren zu Liebesabenteuern.

Titel: Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging, Roman, 285 Seiten, gebunden

Autor: Artur Kilian Vogel

Verlag:  Cameo, Bern, 2021

ISBN 978-3-906287-87-4, Fr. 29.90, Euro 29.-

Kurz zusammengefasst: Chefredakteur Strittmatter lässt sein Leben episodisch an sich vorüberziehen. Weinseligkeit kommt keine auf. Dafür stellt sich Strittmatter seiner Vergangenheit. Der Abend endet mit einem grossen Feuer.

Für wen: JournalistInnen mit einem Idealbild von diesem Beruf und anderen, denen es ab und zu die Sprache verschlägt.

Voll verspiegelt und Vorhangspiele

Und hier noch zwei Werke, auf die ich euch gerne aufmerksam mache, zum einen, weil meine Kollegin Susanne Mathies und weitere Freunde, zum anderen, weil ich selbst daran beteiligt bin. Also: etwas Werbung in eigener Sache.

Dieser Tage fand in Zürich die Vorstellung der Spiegel-Anthologie statt. Es ist dies bereits die vierte Kurzgeschichtensammlung, die der litac-Verlag in der Unterirdischen Reihe herausgibt. Dreissig Texte sind darin versammelt, in denen es um hinterhältige, ver- und beschlagene, verlogene, geheimnisvolle Spiegel geht. Nicht immer ist das, was einem entgegenspiegelt, das was man zu sehen erwartet. 

Zu kaufen im litac-Verlag, www.litac.info, ISBN 978-3-952-484-944, Fr. 15.90 oder im Buchhandel.

(Das Spiegelbild oben hat Susanne Mathies an der Buchvernissage vom Mittwoch, 20. Oktober er, in Zürich gemacht.)

Vorhang auf zum 2022

Des weiteren und alle Jahre wieder empfehle ich die orte-Poesie-Agenda. Susanne, der orte-Verlag, Dichter, Dichterinnen, Fotografen, Künstler und ich haben wieder keine Mühe gescheut, eine luftig-lockere Mischung von Gedichten, Bilder, Fotos usw. zu einer Agenda zusammenzustellen, die euch durchs nächste Jahr begleiten soll. Hier das Editorial, das euch gluschtig machen soll:

Vorhang auf, das neue Jahr beginnt! Und keine Sorge darüber, was hereinfliegen könnte – wir haben einen Corona-Filter vor diese Agenda gesetzt, durch den höchstens eine kleine Maske schlüpfen könnte. In den diesjährigen Gedichten wehen und hängen viele Vorhänge. Sie warten darauf, zur Seite gezogen zu werden und den Blick auf die Welt vor dem eigenen Fenster freizugeben. So wird die Sicht frei auf die Erde, auf üppige Kürbisse und rotbackige Äpfel, aber auch in den Sternenhimmel, in dem sogar einige Engel auszumachen sind.

Zu kaufen beim Verlagshaus Schwellbrunn verlagshaus-schwellbrunn.ch und in jedem Buchladen. Kostenpunkt 18 Franken. ISBN 978-3-85830-286-1

Literatur, die neue Inseln baut

In der 22jährigen Hekla schlummert ein Vulkan, ein Schreibfeuerwerk, das nach draussen muss. Doch Hekla lebt auf Island in den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Schriftstellernde Frauen gelten dort gerade als Unding der Natur, oder sie bringen sich um. Keine guten Voraussetzungen für Hekla, die sich als Serviererin über Wasser hält. Ihre männlichen Gäste legen ihr nahe, sich für den Job als Miss Island zu bewerben. Hekla ist von der Idee wenig begeistert.

Hekla ist eine junge Frau vom Lande, die sich in die Stadt aufgemacht hat, um frei zu sein und ihren Weg zu gehen. Sie ist anders als die anderen, weiss das auch und versucht gar nicht erst, sich der Norm anzupassen. Die Stärke dazu haben ihr ihre Eltern mit auf den Weg gegeben. Wenn es hart auf hart kommt, hat sie in Reykjavik ihren Freund Jón John und ihre Freundin Ísey. Jón John ist schwul und droht, daran zugrunde zu gehen. Ísey ist voller Poesie, doch sie hat sich jung verheiratet und ist Mutter geworden. Sie hangelt sich melancholisch durch ihre Hausfrauentage. 

Miss Island von Audur Ava Ólafsdóttir ist eine Geschichte, die von innerer Stärke handelt und dem Vertrauen in das eigene Talent. Dass die Gesellschaft Andersartigen Hürden in den Weg legt, ist auch Hekla klar. Und dass sie sich nicht von ihrem Weg abbringen lässt ebenso, auch wenn das Verzicht bedeutet. Gleichzeitig ist Miss Island ein Roman über die Liebe zum geschriebenen Wort und zur Landschaft, in der das Wort hervorbricht, sich seinen Weg bahnt, sich wie ein Vulkan neue Inseln baut. Ein kleines literarisches Juwel: amüsant, poetisch, kraftvoll.

Titel: Miss Island, Roman, 236 Seiten, gebunden

Autorin: Audur Ava Ólafsdóttir

Verlag:  Insel, Berlin, 2021

ISBN 978-3-458-17902-3, Fr. 31.50, Euro 22.-

Kurz zusammengefasst: Emanzipation in den 70ern auf Island. Eine gelungene und witzige Mischung aus Zeitgeschichte, Bohème, Coming of age mit viel isländischem Einschlag. Sollte man lesen. 

Für wen: Alle, die Mut brauchen, ihren Talenten und Träumen zu vertrauen.