Wer macht am Ende das Licht aus?

Der deutsche Weltraumfahrer Frank Brandt und seine drei amerikanischen Kollegen Green, Miller und Cocksfield sind mit erschütternden Erkenntnissen von einer Mars-Expedition zurückgekehrt. Doch statt einem Empfang mit Pauken und Trompeten erwartet sie die totale Isolierung. Nichts, was sie auf dem Mars gefunden haben, darf an die Öffentlichkeit. Die internationale Sicherheit sei in Gefahr, sagen die, die das Sagen haben.

Die Ausgangslage, die Jürgen Lodemann in seinem Roman Mars an Erde zeichnet, mag eine fiktionale sein. Doch sitzen wir nicht gerade heute in unseren Wohnungen, isoliert, angewiesen auf die Nachrichten. Nachrichten, die uns verwirren, hinter denen wir Ungesagtes vermuten. Nachrichten, die uns täglich mit neuen Massnahmen konfrontieren, als wäre es nötig, uns die „Wahrheit“ in homöopathischen Dosen zu verabreichen. Und nicht nur das: Wir leben auf einem Erdball, mit dem es bachab geht, und zwar auf mehreren Ebenen. Einer Welt, in welcher die Gretas dieser Erde, die uns aufrütteln wollen, verunglimpft und kleingeredet werden. Eine Welt, in der viel geschwafelt wird, Kommunikation kaum mehr als ein Wort ist.

Und in diese surreale Realität oder reale Phantasie, wie es Jürgen Lodemann wohl nennen würde, platzt nun sein Roman mit dem Titel Mars an Erde. Aufgebaut ist die Story um Frank Brandt, dem die Flucht aus der amerikanischen Verwahrung gelungen ist und der nun einem Journalisten in Form eines Interviews erzählt, was ihm widerfahren ist.

Es sind wahre Abgründe, die sich den vier Astronauten auftun. Sie wurden auf der Erde auf vieles hin trainiert, doch was ihnen der Kriegsplanet über seine Vergangenheit verrät, ist kaum fass- und noch weniger ertragbar. Da ist die absolute Stille des roten Planeten und das unheimliche Auftauchen und Verschwinden der beiden Marsmonde Phobos und Deimos. Da sind die sich in die Höhe schraubenden rötlichen Staubschwaden, die lebensfeindliche Atmosphäre. Oder die verstörenden Vergleiche mit dem Schwarzwald, die Brandt beim Betrachten der schrundigen Marsoberfläche zieht. Aber wirklich unheimlich ist das, was die Astronauten in Inneren des Planeten finden, dessen „Rot nichts von Liebe weiss, aber alles vom Krieg“.

Noch selten habe ich einen eindringlicheren, beklemmenderen Roman gelesen. Seltsamerweise hatte ich kaum je den Eindruck, es mit Science Fiction zu tun zu haben, vielmehr schafft es der Autor, drängende Wirklichkeit zu vermitteln. Das mag daran liegen, dass die Story in der Jetzt-Zeit spielt: mit einem zu allem fähigen Egozentriker an der Spitze einer Weltmacht, allgegenwärtigem Nationalismus, widerwärtiger Geldgier und Machthunger, einer vermüllten Umwelt und keinem Plan B. 

Zitat Brandt: „Weltweit fehlt uns ein Wir. Die Gewissheit vom gemeinsamen Boot.“

Jürgen Lodemanns Roman ist ein mahnendes Werk, ein Wurf, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt: klug, kritisch, spannend, poetisch, bereichert mit weitsichtigen Zitaten. Eine Warnung, die sich jeder zu Herzen nehmen sollte. Denn nach Überwindung der viralen Katastrophe drängt ein blauer Planet darauf, von uns gerettet zu werden.

Titel: Mars an Erde, Roman, 258 Seiten, gebunden

Autor: Jürgen Lodemann

Verlag: Klöpfer, Narr, 2020, http://www.kloepfer-narr.de/mars-an-erde/

ISBN 978-3-7496-1022-8 

Fr. 36.90/Euro 25.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Science fiction, die so real daherkommt, dass es einen schüttelt. Science fiction, die von der Zukunft des blauen Planeten spricht und dem jetzigen Zustand der ach so intelligenten Menschheit. Literatur die einschlägt. Rechnen Sie mit einem tiefen Lesekrater.

Für wen: Das geht jetzt einfach alle an.

Einmal starke Schultern, s’il vous plait

Zwar ist gerade Zuhausebleiben angesagt, aber reisen kann ich ja trotzdem. Diesmal nach Paris und zwar mit Serge Joncour. Sein Roman, erschienen bei Secession, trägt den Titel Lehn dich an mich; und ja, es ist eine Liebesgeschichte, eine Amour fou. Eine, von der man bis zum Schluss nicht weiss, ob sich die beiden nun kriegen oder nicht. 

Stellt Euch ein Pariser Wohnhaus vor. Im vorderen Flügel, wunderbar hergerichtet, wohnen elegante, vermögende Leute. Ein paar dieser Wohnungen stehen oft leer, weil sie entweder als Vermögensanlage dienen oder wochenweise an Paris-Reisende vermietet werden. Im anderen, schäbigen Hausteil hausen jene, die ihr Leben bescheidener fristen müssen: Alte, Angestellte. Unter ihnen der Schuldeneintreiber Ludovic. Ihn hat es von der tiefsten Provinz in die Hauptstadt verschlagen. Ludovic ist gross, kräftig gebaut, beeindruckend. Meist ist er ein sanftmütiger, besonnener Riese. Dieser Koloss von Mensch trifft nun auf Aurore, die Modedesignerin. Sie dürfen raten. Richtig! Aurore ist das, was wir uns unter einer typischen Pariserin vorstellen: zart, elegant, ein wenig herablassend und erfolgreich im Beruf, daneben Mutter, Gattin eines noch erfolgreicheren Anwalts.  Doch auch hier trügt der Schein. Aurores wohlgestaltete Welt bekommt gerade ziemliche Sprünge.

Gut gibt es in Paris, sobald man die Eingangstüre der Wohnhäuser dank eines Zugangscodes überwunden hat, die Briefkastenräume, sonst würden nämlich Ludovic und Aurore nie aufeinandertreffen. Es braucht aber auch noch zwei Raben, die sich im Baum des Innenhofs eingenistet haben, damit die beiden ungleichen Menschen überhaupt miteinander ins Gespräch kommen. Gottlob weiss Ludovic, wie aus zwei Raben zwei Tauben werden. 

Die Anziehungskraft zwischen Ludovic und Aurore ist stark. Das liegt an ihrer beidseitigen Einsamkeit. Ludovic hat in Paris nur seine ungeliebte Arbeit und abends das Fernsehprogramm. Aurore wiederum droht ihr Geschäft zu entgleiten. Sind Aurore und Ludovic beisammen, stärken sie sich gegenseitig – sobald sie auseinander sind, kommen Zweifel auf und alles scheint auseinanderzudriften.

Serge Joncour führt uns Leser in ständigem Wechsel in die Gedankenwelten und in den Alltag von Aurore und Ludovic. Beide auf der Suche nach Rettung: andere, sich selbst, die Firma, die Selbstachtung. Ein ständiger, spannender Kampf, den uns Joncour da beschreibt. Gleichzeitig bewegen wir uns mit Aurore und Ludovic durch Paris: Hier die Geschäftswelt, kalkuliert, kühl durchgestylt, die eleganten Boulevards, den Bois de Boulogne, Kaffeehäuser. Dort das Paris der kleinen Leute, ihre Sorgen, die Hochhaussiedlungen an den Rändern der Stadt, die Verkehrsstaus, die Hektik. Und wir besuchen mit Ludovic auf der Suche nach einer neuen Hose einen Monoprix. 

„Es war nicht zum Aushalten, zumal er in diesem Augenblick merkte, dass selbst seine Unterhose nicht passte, viel zu altmodisch war, im Regal gegenüber gab es allerlei figurbetonte Boxershorts verschiedenster Marken, aber nur Boxershorts, als verstünde es sich von selbst, dass jeder männliche Städter seinen kleinen Alltagskampf austragen müsse. Eine der Verkäuferinnen kam mit einer Baumwolljogginghose zurück …“

Wer bei solch einer Szene nicht schmunzeln muss, sollte wirklich ganz und gar zu Hause bleiben und sich die Croissants liefern lassen.

Titel: Lehn dich an mich, Roman, 366 Seiten, gebunden

Originaltitel: Repose-toi sur moi, 2016

Autor: Serge Joncour, Übersetzung aus dem Französischen von Paul Sourzac

Verlag: Secession Zürich, 2019, http://www.secession-verlag.com

ISBN 978-3-906910-64-2, Fr. 32.- / Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zwei Menschen, denen es den Teppich unter den Füssen wegzieht, Liebe über Gesellschaftsgrenzen hinweg, Intrigen, etwas Sex und etwas Gewalt, Paris – und das alles in einem Buch. So spannend und fliessend erzählt, dass man dabeibleiben möchte, bis zum vielleicht bitteren Ende.

Für wen: Für alle, die sich nicht von Frankreich und der grand amour fernhalten lassen.

„Deutsch besprenkelt mit der Muttersprache“

Herkunft ist Zufall. Dies schreibt in seinem Buch Herkunft Sasa Stanisic, der auf seinem Namen Häkchen trägt, die ich einfach nicht auf meiner deutschen Tastatur finden konnte. Wikipedia und der Kopierfunktion sei Dank – hier also der Name korrekt mit all seinem Schmuck: Saša Stanišić. Geboren 1978 Visegrad in Ex-Jugoslawin, mit seiner Mutter geflohen nach Heidelberg und dort im Emmertsgrund erwachsen geworden. Stadtteil für Geflüchtete, Immigranten, Andersartige. Menschen, die sich erst einmal die Sprache aneignen müssen, bevor sie überhaupt verstehen, was und wie ihnen geschieht. Und wo eine ARAL-Tankstelle zum Fixpunkt einer Jugend wird, in der jeder sich seine eigene Legende erschafft. 

Das mit der Integration und der Akzeptanz in der ARAL-Gemeinschaft ist nicht einfach, wenn man aus einer Gegend kommt, wo der Heilige Georg einen Drachen bekämpft oder der Drache den Heiligen Georg. So genau weiss man das nicht. Und mit den Grossmüttern ist auch nichts klar: Die eine ist möglicherweise Patin der Mafia, die andere liest das Schicksal aus Bohnen. Tito spukt auch noch im Kopf und eine Fussballmannschaft, auf die jeder stolz war, ganz egal zu welcher Volksgruppe er gehörte. Doch nach Tito sagten die Nationalisten, worauf man stolz sein sollte. Ihnen hat es Saša Stanišić am Ende zu verdanken, dass er mit seiner Mutter nach Deutschland fliehen musste. 

Nach dem Krieg sind die Städte und Dörfer nicht mehr, was sie einst waren, erst recht nicht die Menschen. Heimkommen ist nicht mehr Heim kommen. Saša Stanišićs Grossmutter wird dement. Ihr kommt die Zeit durcheinander, manche Erinnerungen verschwinden, ihr Kopf schafft sich eine eigene Ordnung. Und ihr Enkel Saša überbrückt die Lücken mit Geschichten, denn das ist es, was ihm Herkunft und Lebensweg als Wegzehrung mitgegeben haben: das kunstvolle Flechten von Wörtern zu Geschichten. Stanišićs Deutsch wirkt stellenweise von der Ursprungssprache geprägt, das macht seine Literatur anders, frisch, reich – manche Wendungen kommen so ungewohnt neu und poetisch daher, dass jeder Satz eine Freude zu lesen ist.

Herkunft ist nicht nur ein Buch über das Schicksal oder darüber, wie wir mit dem umgehen, was das Leben für uns bereithält. Es ist gleichfalls ein fliessendes Abschiednehmen von Kristina, der Grossmutter von Saša Stanišić aus Bosnien und Herzegowina. Und ein Abschied von einem Stück Erde, das, so wie es war, nie wieder sein wird.

Eine gute Geschichte“, sagt sie (die Grossmutter), „ist wie früher unsere Drina war: nie stilles Rinnsal, sondern ungestüm und breit. Zuflüsse reichern sie an, sie brodelt und braust, tritt über die Ufer. Eines können weder die Drina noch die Geschichten: Für beide gibt es kein Zurück.“ Grossmutter sieht dich an. „Ich wünsche mir, dass wir endlich ankommen.“

Titel: Herkunft, 360 Seiten, gebunden

Autor: Saša Stanišić

Verlag: Luchterhand, 2019

ISBN 978-3-630-87473-9

Kurzbeschrieb/-bewertung: Menschen, die vor dem Nationalismus fliehen und sich in einem Land zurechtfinden müssen, das nicht auf sie gewartet hat; später gelegentliches Zurückreisen in die Heimat der sich selbst überlassenen Häuser und Friedhöfe und zu einer Grossmutter, der die Zeit abhanden kommt. Mit einem formal spannenden Schluss, der sich in mehrere Möglichkeiten aufspaltet. Sehr lesenswert.

Für wen: Wer wieder einmal dankbar sein möchte dafür, dass er dort leben darf, wo er herkommt. Oder: Wer Nachhilfe im Mitfühlen braucht, wenn er Bilder von Grenzzäunen und Flüchtlingen sieht. Mir würden noch ein paar andere Lesegruppen einfallen, also fühlt euch ruhig angesprochen.

Wo die Liebe durch Ohren und Nase geht

Häuser und ihre Bewohner sind immer wieder anregende Schauplätze für Autorinnen und Autoren. Was sich an Geschichten, Gewohn- und Verschrobenheiten, Liebe oder Abscheu unter einem Dach versammelt, ist wunderbares Material für kleine und grosse Literatur. 

Meine Tage mit Fabienne von Hubertus Meyer-Burckhardt hat so ein Haus mit Mietwohnungen als Ort der Handlung gewählt. Der Ich-Erzähler Kannstatt wohnt dort direkt über einem leerstehenden Geschäftslokal. Kannstatt lebt zurückgezogen, seine Kontakte zur Aussenwelt bestehen zum Grossteil aus dem Einordnen von Geräuschen, die aus dem Treppenhaus und von der Strasse zu ihm dringen. Er kennt seine Nachbarn aufgrund ihrer Schritte im Treppenhaus und dem wenigen, was er von ihrem Leben mitbekommt. „Geräusche geben meinem Leben einen Rahmen“, sagt Kannstatt. Geräusche sind ihm Musik. Und von Musik versteht er etwas, auch wenn er statt Musiker Immobilienmakler geworden ist. Seine Wohnung ist Kannstatts Burg, hier fühlt er sich sicher: inmitten seiner Platten- und Steinsammlung und den Parfumflakons im Kühlschrank.

Doch dann, eines samstags, ändert sich etwas. Eine junge Hutmacherin namens Fabienne bezieht das Geschäftslokal im Grundgeschoss. Und der Dachstock soll in eine Wohnung ausgebaut werden. Plötzlich ist die Geräuschkulisse eine andere und die Hausgemeinschaft trifft sich vor Fabiennes Hutgeschäft. Auch Kannstatt kann sich der Faszination, die von Fabienne ausgeht, nicht entziehen. Dies, obwohl er sich Menschen, insbesondere Frauen grundsätzlich auf Distanz hält. Nur ein paar Monate später, ist Fabienne auch schon wieder weg. Und mit ihr die Energie, die das Haus einen Sommer lang geprägt hat. 

Die Nachbarschaft, die Meyer-Burckhardt in diesem Roman entworfen hat, ist so, wie wir es aus Nachbarschaften in Wohnhäusern kennen. Eigentlich geht jeder seine eigenen Wege. Wo sich diese kreuzen, fallen ein paar Worte, unsichtbare Schubladen werden geöffnet, Urteile gefällt. Meyer-Burckhardts Hauptfigur Kannstatt ist da keine Ausnahme.

Doch Fabiennes Einfluss geht Kannstatt zu weit:

„Es ist, als ob unten ein zweifellos sehr gutes Restaurant eingezogen wäre. Auch das beste Restaurant hat eine Abluft, und der Geruch von unten (…) korrumpiert meine Geschmacksnerven, meinen Geruchssinn.“

Ich begleitete mit Vergnügen den Sonderling Kannstatt bei seinen Gedanken über dieses und jenes, diese und jene. Sympathisch wirkte er erstmals aber nicht auf mich. Obwohl ich seine Lasst-mich-bloss-in-Ruhe-Brüskheit gut nachvollziehen konnte. Aber was weder Kannstatt noch ich kann: So ganz ohne die anderen geht das Leben halt doch nicht. Und manche Menschen riechen einfach verteufelt gut. So wie Fabienne.

Titel: Meine Tage mit Fabienne, Roman, 219 Seiten, Taschenbuch

Autor: Hubertus Meyer-Burckhardt

Verlag: Bastei Lübbe 2019, www,luebbe.de

ISBN 978-3-404-17712-7

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ein Mietshaus, seine Bewohner und ihre Eigenheiten, die kennt man sie besser, gar nicht mehr so seltsam sind, wie es auf den ersten Blick erscheint. Und ändert sich erst mal das Bild, so ändert sich alles. Erzählt aus der Sicht eines nachdenklichen Eigenbrötlers, der sich wider Erwarten verliebt. Leicht melancholische Grundstimmung, jedoch aufgehoben durch Humor und leichtfüssiges Erzählen.

Für wen: Liebesgeschichte mit Beinahe-Happy-End für alle, die sowas verkraften.

Hier wird nicht gerechtfertigt, räsoniert, gefühlsgeduselt

„Vielleicht hast du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld“, sagte er, „aber es gibt eine Strafe.“ Dieses Zitat aus der letzten Geschichte in Ferdinand von Schirachs Buch Strafe hängt still über allen Geschichten aus dem Buch Strafe. Doch wo und wann die Strafe beginnt, ist schwierig herauszufinden. Die einen bekommen ihr richterlich angeordnetes Strafmass, die anderen kommen davon. Doch seinen inneren Schrecknissen entflieht keiner.

Beispielsweise die Juristin Seyma, die sich an ihrer neuen Arbeitsstelle zum ersten Mal frei fühlt. Doch dann übernimmt sie die Strafverteidigung eines üblen Zeitgenossen. Plötzlich ist das mit der Freiheit so eine Sache. 

Oder Meyerbeck, dessen neue Gefährtin eine Puppe namens Lydia ist. Als ein Nachbar Lydia schändet, dreht Meyerbeck durch. 

Oder der einsame, zurückgezogen lebende Felix, der mit Veränderungen nicht umgehen kann und der sich eines Tages mit einer Flasche Gin auf seine Gartenbank setzt. Neben sich ein Gewehr aus dem 2. Weltkrieg.

Oder Katharina, die als Schöffin aufgeboten ist. Als sie die Geschichte einer Zeugin hört, beginnt sie im Gerichtssaal zu weinen. 

Meyerbeck und alle anderen in diesem Buch, sie tragen ganz unterschiedliche Schicksale. Die eine lehnt sich gegen die Vorgaben ihre Familie auf, den anderen brennen seine Feuermale, den nächsten verlässt seine Frau. Nichts, womit man nicht umgehen könnte, möchte man meinen. Doch da sind auch Einsamkeit, Verwirrung und die dem Menschen innewohnenden Gegensätze, die aus jeder der Geschichten sprechen.

Zurück zur Figur Katharina: 

„Sie weinte, weil die Geschichte der Frau ihre Geschichte war und weil sie das Leben der Frau verstand und weil Einsamkeit in allen Dingen war. Niemand sprach mit ihr.“

Ist es nicht wunderbar, mit wie wenigen Worten der Autor hier so viel sagen kann. Als würde man eine leichte Bleistiftskizze vor sich haben. Manches ist nur angedeutet, vieles in knapper, nüchterner Art dargestellt. Eins führt zum anderen. Unausweichlich. Hier wird nicht gerechtfertigt, räsoniert, gefühlsgeduselt. Wunderbar!

Titel: Strafe, Taschenbuch, 189 Seiten

Autor: Ferdinand von Schirach 

Verlag: btb, 2019, http://www.btb-verlag.de

ISBN 978-3-442-71893-1, Fr. 14.30/Euro 11.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kurzgeschichten von Schuld und Sühne, mit leichtem Strich gezeichnete Schicksale aus der Welt der Gerichte. Wer Ferdinand von Schirachs Protagonisten auf der Strasse begegnen würde, würde sie kaum wahrnehmen, so unauffällig sind sie. Doch irgendwann brennen ihnen die Sicherungen durch. Klasse!

Für wen: Da es um die – nicht abschliessend zu  beantwortende – Frage von Schuld und Sühne geht, empfehle ich dieses Buch allen. 

Hinter der biederen Fassade wohnt nicht Frau Biedermann

Ursula López lebt allein und unauffällig in einer Wohnung in Montevideo. Sie ist aus der Form geraten, schlägt sich als Übersetzerin durch, tritt regelmässig in billigen Nachmittagsshows als Frau Biedermann auf und beschäftigt sich liebevoll mit der Pflege japanischer Figürchen aus dem Nachlass ihres Vaters. Doch was keiner weiss: Hinter der braven Ursula-Fassade brodelt ein Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann. Das weiss ihre schöne, reiche Schwester Luz nicht. Ebensowenig weiss es die nervtötende Mieterin, die über Ursulas Wohnung eingezogen ist. Auch der Erpresser, der sich eines Tages bei Ursula meldet und von ihr eine Million will, hat keine Ahnung von den Zuständen, in die Ursula geraten kann. 

In Mercedes Rosendes Krimi aus Uruguay ist überhaupt nichts und niemand so, wie es auf den ersten Blick erscheint. Reich und schön tritt hier an gegen dick, ungeliebt und vermeintlich schwach. Am Ende erhält allerdings keiner, was er am liebsten gehabt hätte. Irgendwie ist es dann auch egal: Man arrangiert sich. Harte Konsequenzen, das heisst Gefängnis, muss hier nur einer gewärtigen. Serviert wird das sieben Tage dauernde Krimistück mit ulkigen Szenen. Zum Beispiel jener von Ursula im Frisiersalon, beim Psychologen oder bei den Weight Watchers. Alles Orte, an denen Ursula eigentlich nicht sein möchte. Köstlich auch die Dialoge. (Ich könnte mir vorstellen, dass Mercedes Rosende nicht nur temporeiche Krimis, sondern auch knackige Bühnenstücke schreiben könnte.)

Insgesamt hätte ich mir gewünscht, dieser ungewöhnliche, irrwitzige Krimi hätte noch ein paar Tage länger gedauert. Am Ende gibt es einige lose Fäden in der ganzen Story: Was hat es mit der neuen stöckelbeschuhten Nachbarin auf sich und vor allem: Wie viele Briefe wird ihr Ursula noch schreiben, bevor sie ihr die Türe einrammt? Oder wie war das jetzt genau mit dem Tod von Ursulas Vater und dem Mord an ihrer Tante? 

Titel: Falsche Ursula, broschiert, 204 Seiten

Autorin: Mercedes Rosende 

Verlag: Unionsverlag Zürich, 2020, http://www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-00559-4, Fr. 24.00/Euro 18.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Eine Entführung in Uruguay Hauptstadt, die für alle Beteiligten in die Hosen geht. Das aber höchst amüsant.

Für wen: Aussergewöhnlicher, etwas kurz geratener Krimi für aussergewöhnliche LeserInnen.

Drogen: Der langsame Sprung von der Brücke

Eigentlich ein schöner Titel, den sich Demian Lienhard da für seinen Roman ausgedacht hat: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat. Da fängt das innere Kino gleich an, Szenen an die Gehirnleinwand zu werfen. Mütter warnen ja gerne, meist ohne Erfolg, es sei denn jenem, am Ende Recht zu behalten. In Demian Lienhards Buch soll die Mutter Recht behalten. Allerdings wird sie an dieser Tatsache wenig Freude haben. 

Und jetzt kommt es und ich sage es ungern: Durch dieses Buch habe ich mich von Seite zu Seite gequält, zumindest durch die erste Hälfte. Danach hatte ich mich wohl an den (gewöhnungsbedürftigen) Erzählstil gewöhnt.

Doch zuerst zu der Story: Wir schreiben die Achtziger- und ersten Neunzigerjahre. Teenager Alba lebt bei ihrer Mutter, die sie nicht versteht und oft kritisiert. Durch Albas Wohngemeinde geht gerade eine Selbstmordwelle; Schüler springen von der Brücke. Albas geliebter Stiefvater hat sich das Leben genommen, ihre Schwester ist auch tot, ein Vater kommt nicht vor. Das ist bestimmt für den abgestumpftesten Teenie zuviel des Guten, und so wundert es nicht, wenn Alba einen Selbstmord plant, der allerdings nicht gelingt. Doch damit sind wir erst am Anfang der Geschichte. Alba lernt René kennen, einen Goldküstenjungen. Auch seine Schwester ist gestorben. René ist, was man heute wohlstandsverwahrlost nennen würde. Bei beiden jungen Menschen, so liest sich jedenfalls die Story, haben die Eltern versagt. Aber sowas von! 

Was anfänglich nach einer schönen Jugendliebe aussieht, ist der Beginn einer von Toten gesäumten Abwärtsspirale, die ihren Höhepunkt auf dem Zürcher Platzspitz und auf dem Letten findet. 

Es scheint, dass das Thema der damaligen offenen Drogenszene Zürich und die tragischen Folgen der damit verbundenen politischen Entscheide gerade aufgearbeitet wird. Kürzlich ist der Film „Platzspitzbaby“ in die Kinos gekommen, der gleichfalls auf einem Buch basiert. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Drogen weiterhin aktuell ist. Hilfestellung, wie der momentane Missbrauch von Kokain und synthetischer Drogen bekämpft werden kann, bietet Lienhards Buch nicht. Seine Geschichte möchte wohl vor allem aufzeigen, wie das damals war, für jene die mittendrin im Heroinkonsum steckten und welche Gründe sie dorthin führten. 

Damit wären wir wieder bei Alba, einem verzweifelten, depressionsanfälligen Menschen, der nichts mit seinem Leben anzufangen weiss.  Klug ist sie, oft genug auch altklug, manchmal, und das ist beglückend zu lesen, mit frappanter Phantasie gesegnet. Sie reflektiert die Menschen und ihre Umwelt. Es sind meist freudlose, oft sarkastisch-traurige Beobachtungen, welche die sensible Alba anstellt. Aber, und das widerspricht der ihr zugeschriebenen Gescheitheit, die Sprache, die Lienhard für die Erzählstimme (also jener von Alba) wählt, scheint nicht zu ihr zu passen: zu flapsig, zu viele Gemeinplätze, zu sehr den Menschen aufs Maul geschaut, zu sehr einer Jugendsprache nachempfunden, die für mich nicht authentisch rüberkommt. Damit kann ich zur Not leben, aber beim Lesen bin ich ständig über die vielen seltsam verdrehten Sätze gestolpert. Oft als wäre eine Mundarterzählung Wort um Wort ins Hochdeutsche übertragen worden. Auch erschliesst sich mir nicht, weshalb Alba, die zur Uni geht und die Hochsprache sicher beherrscht, auf eine so kindlich-naive Art erzählen sollte. 

Oder da ist die Figur Gerold, der jedem seiner Sätze ein „ja“ anhängt. Spätestens nach dem zehnten „ja“ habe ich mich gefragt, was sich der Autor dabei gedacht hat. Vielleicht weil die Leser sonst nicht merken würden, dass Gerold seine Sätze am liebsten mit einem „ja“ beendet? 

Ganz ohne Spass: Wo zu dick aufgetragen wird, hört bei mir der Spass auf. Dieses Buch scheint mir ein Lehrbeispiel dafür zu sein, dass das Leben selber soviel Unglück über einem Einzelnen ausschütten kann, dass man unweigerlich ausrufen möchte: „Das hält doch keine Menschenseele aus.“ Geschichten aber sollten genau das nicht: Hier heisst es sich beschränken, will man nicht den Kommentar hören: „Unrealistisch.“ 

Und so ein Kommentar im Zusammenhang mit den Unglückseligen vom Platzspitz wäre nun wirklich fehl am Platz.

Titel: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat, Roman, gebunden, 378 Seiten

Autor: Demian Lienhard

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, http://www.fva.de

ISBN 978-3-627-00260-2, FR. 33.90/EURO 28.–

Kurzbewertung: Albas Weg ins Erwachsenenleben ist gesäumt von Todesfällen, von Drogensucht, Verrat und einigem mehr, was die Welt an Schrecknissen aufbieten kann. Jetzt wird alles gut, denkt Alba auf der zweitletzten Seite des Buches. Selber schuld, wer das glaubt. Tragik in jedem Kapitel, eine teilweise nervige Sprache, gepaart mit originell beschriebenen Beobachtungen und treffenden Szenenbeschreibungen.

Für wen: Eine lesende Freundin, auf deren Büchergeschmack ich mich jederzeit gerne verlasse, fand diesen Roman toll. Demnach: Für alle, die anderer Meinung sind als ich. 

„Alles war futsch“

Arvid, ein Romanautor um die vierzig, streift durch die Bars der Innenstadt Oslos. Nächtelang. Manchmal wacht er verkatert im Bett einer Frau auf. Oder: Arvid fährt mit seinem Mazda durch die Gegend. Er übernachtet auch darin. Das hat er schon getan, als Turid noch mit ihm zusammenlebte. Turid ist vor einem Jahr mitsamt den drei Töchtern ausgezogen und lebt ein Leben, an dem Arvid keinen Anteil mehr hat. Doch Arvid möchte nicht loslassen. Und er möchte seinen Töchtern ein guter Vater sein. Trotz allem, denn Arvid hat niemanden mehr. Im Jahr zuvor ist seine gesamte Familie bei einem Schiffsbrand ums Leben gekommen.

Per Petterson schafft es tatsächlich, aus dieser tragiküberladenen Ausgangslage einen Roman zu schreiben, der zwar in ein tiefes Jammertal führt, jedoch ohne das Gejammere anzustimmen, das man erwarten dürfte. Arvid als Ich-Erzähler berichtet nach und nach in eindringlichen Bildern – und wie es bei Erinnerungen so ist, in oft verwirrender zeitlicher Unordnung – wie es mit ihm soweit kommen konnte. Wir sehen ihn frisch geduscht und in seinen besten Kleidern in den Bus steigen: „… ich wollte das Verlorene aufholen, was auch immer das Verlorene war, ich war achtunddreissig, alles war futsch, ich hatte nichts mehr.“

Nun findet sich das Verlorene selten in Bars und schon gar nicht auf dem Grund eines Glases, da kann einer saufen soviel er möchte. Arvid weiss das zwar. Er ist klug, ist zur Aussenbetrachtung seines Handelns bestens befähigt, aber steckt in seinem lähmenden Schmerz fest. Er ist nicht dort „wo sie waren, um die Welt von dort aus zu sehen, und das lag daran, dass ich draussen war, und sie waren drinnen, im wahren Leben, in dem wichtige Dinge auf dem Spiel standen …“ Es ist, als läge eine gläserne Trennwand zwischen Arvid und allem anderen. Er beobachtet sich, seine Seelenzustände, seinen Körper, der durch Oslo wandert, seine Herkunft, seine Geschichte. Nur für kurze Momente gelingt es ihm, sein Leid mit wildfremden Frauen zu teilen. Man möchte mit ihm gehen, mit ihm reden, ihn berühren, und weiss doch, es ist unmöglich, dieser Mensch muss die Wand selber durchbrechen. 

Etwas Hoffnung schenkt uns Petterson gegen Ende des Romans. Arvid wird von seinem besten Freund Audun angerufen, von dem er vergessen hatte, dass er sein Freund war. Und diesmal gelingt es Arvid zu reden.

Titel: Männer in meiner Lage, gebunden, 285 Seiten

Autor: Per Petterson 

Verlag: Hanser, 2019

ISBN 978-3-446-26377-2, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Nach einer Familientragödie wird Arvid von seiner Frau und seinen drei Töchtern verlassen. Er versinkt in Schwermut, Alkohol und Einsamkeit. Trauer, Seelenzustände, Familientragödien haarscharf beobachtet und nachhaltig-berührend beschrieben. 

Für wen: Männer in seiner Lage und Frauen in ihrer Lage.

Tee mit Pfauensandwich gefällig?

Ich habe das Jahr mit leichter Kost angefangen – zumindest literarisch. Eine Freundin hat mir ein Büchlein mit dem Titel „Der Pfau“ zukommen lassen. Keine Neuerscheinung, aber ein Roman, mit dem es sich gut auf einem Liegestuhl rumlümmeln lässt. Ich habe ihn in die Sauna mitgenommen – und es mir am Kamin wohlig warm sein lassen, während die Protagonisten des Romans im schottischen Winter mit den Zähnen klapperten.

Die Story werde ich nur in den Anfängen erzählen, um nicht schon die diversen Twists in der Geschichte zu verraten: In einem schottischen Tal betreiben Lady und Lord McIntosh eine Farm mit Übernachtungsmöglichkeiten. Auf dem weitläufigen Gelände der tierliebenden Schotten tummeln sich einige Tiere, unter anderem Pfauen. Einer der Pfauen greift plötzlich alles an, was blau leuchtet. Insbesondere mag er keine blau lackierten Autos. Doch genau mit einem blauen Fahrzeug fährt an einem Wintertag die Investmentbankerin Liz vor. Sie hat ein Teambildungs-Wochenende mit ihren vier Untergebenen geplant. Mit dabei sind Rachel, die das Seminar leiten soll, und die gewitzte Köchin Helen. Doch dann läuft nichts wie geplant. 

Keine aufregende Literatur, aber mit trockenem Humor erzählte Geschichte, die trotz der stillen Landschaft einiges an Aufregung in die schottische Landschaft bringt. Ich hatte beim Lesen stets einen Film vor Augen: Würde mich nicht wundern, wenn einer auf die Idee käme, daraus einen Unterhaltungsfilm mit Schottencachet fürs Abendprogramm zu produzieren. Die Charaktere sind simpel und wenig überraschend gestrickt: ein kauziger Lord mitsamt patenter Lady, eine unbelehrbare Banker-Chefin, vier unwillige bis zu willige männliche Kollegen, eine verunsicherte Seminarleiterin, überaus tüchtiges Hauspersonal etc.

Titel: Der Pfau, Roman, Paperback, 247 Seiten

Autorin: Isabel Bogdan

Verlag: Insel Taschenbuch, 2017, http://www.insel-verlag.de

ISBN 978-3-458-36297-5, Fr. 12.40/Euro 10.00

Kurzbeschrieb/Bewertung: Abgelegenes Herrenhaus im schottischen Highland: verschneit, verschnupft, verpackt, gerupft und verspiesen. Kann man lesen, muss aber nicht.

Für wen: Für alle, die von Weltproblemen nichts wissen wollen und denen grad nach harmlos ist.

Ein Mann, eine Wohnung, drei Frauen

Drei Frauen begegnen einem Mann namens Gil. Nicht alle auf einmal, sondern schön eine nach der anderen. Orna, die erste, ist nach ihrer Scheidung auf der Suche nach dem eigenen Selbstwert. Eine Internetplattform soll’s richten. Dort findet sie Gil: Rechtsanwalt, selbstbewusst, charmant und ein wenig geheimnisvoll. Da ist zum Beispiel seine altmodisch eingerichtete Wohnung. Mit der Zeit findet Orna etwas über Gil heraus, was ihr keine Ruhe lässt.

Gils nächste Eroberung Emilia ist eine heimat- und praktisch arbeitslos gewordene Lettin. Emilia putzt mit zunehmender Begeisterung Gils Wohnung und stösst dabei auf rätselhafte Zeitungsausschnitte.

Nummer drei heisst Chava. Sie begegnet Gil in einem Café. Anfangs sieht es so aus, als ob Gil nicht viel mehr von ihr möchte, als seinen morgendlichen Kaffee in ihrer Nähe zu trinken. Auch Chava zögert, sich auf Gil einzulassen: Sie schreibt offensichtlich an einer Arbeit, und ihr jetziges geregeltes Leben ist ihr wichtig. Welches genau ihre Tätigkeit ist, verschweigt sie Gil aus gutem Grund. Doch Gil sagt Sätze wie: „Die echte Intimität, die du plötzlich mit jemandem erlebst, den du vorher nicht gekannt hast und der sich dir jetzt nach und nach offenbart. Das ist doch das eigentlich Aufregende nicht?“ Welche Frau hört sowas nicht gerne? Chava jedenfalls lässt sich nach so einem Gespräch küssen.

Drei ist eigentlich eine Kriminalgeschichte. Auch ein Roman über die Verwundbarkeit von Frauen, die irgendwie aus ihrer Welt gefallen sind, sei es durch soziale oder familiäre Umstände. Einsamkeit und Unsicherheit sind die Schwachstellen von Orna und Emilia. Beide sind auf der Suche nach jemandem auf den sie sich verlassen können. Wenn Gil an den richtigen Rädchen dreht, hat er leichtes Spiel. Chava wiederum ist selber stark, doch auch sie sucht etwas. Alle drei Frauen werden von Gil belogen. Er mag es auch nicht, wenn man zuviel frägt. Dann geht er auf Reisen.

Der Roman spielt in Israel und ist – wie es der Titel schon nahelegt – dreiteilig aufgebaut. Jeder der drei Frauen gehört ein Teil des Buches, doch ihre Geschichten spielen immer auch in die Erlebnisse der anderen hinein, ohne dass sie sich gegenseitig kennen würden oder gekannt hätten. Um dies zu unterstreichen hat Dros Mishani die drei Teilstücke in unterschiedlichen Tempi verfasst: Orna, die Vergangenheit, Emilia die Gegenwart, Chava in Zukunft. 

Titel: Drei, Roman,  330 Seiten, gebunden

Autor: Dror Mishani, aus dem Hebräischen von Markus Lemke

Verlag: Diogenes, Zürich, 2019

ISBN 978-3-257-07084-2, Fr. 32.–/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Einsame Frauen auf der Suche nach einem passenden Mann. Und dann taucht einer auf: charmant, zärtlich und voller Verständnis. Zu schön um wahr zu sein. Die drei Frauen geraten in gefühlsmässigen Treibsand. Mehr sei hier nicht verraten.

Für wen: Passt gerade zum Dezember, wo nicht alles Gold ist was glänzt. Deshalb für alle, die gegen aussen Flitterkram verabscheuen, ihn aber im Innersten trotzdem verführerisch finden.