Wie oft muss sich Afrikas Gewaltgeschichte noch wiederholen?

Der Elster-Verlag hat den bereits 1968 in Frankreich erschienenen Roman Das Gebot der Gewalt von Yambo Ouologuem neu aufgelegt, ein Werk, dass dannzumal für einige Aufregung – überschwängliches Lob, aber auch Plagiatsvorwürfe – sorgte und die Karriere des aus Mali stammenden Autors massgeblich beeinflusste. Heute kann das erstaunliche Werk frei von solchen Wirbeln gelesen werden. Doch täusche man sich nicht: Dieses Buch wirbelt einen ganz schön durcheinander. Das Gebot der Gewalt ist ein erschütterndes, aber auch literarisch beachtenswertes Werk.

Worum geht es?:

Der Autor, so der Klappentext, „verdichtet knapp achthundert Jahre afrikanischer Geschichte bis in das Jahr 1947, als das fiktive Reich Nakem an der Schwelle zur Unabhängigkeit steht und ein Sohn des Reiches zum Studium nach Paris geschickt wird“. Yambo Ouologuem hat eine einzigartige Collage von extremer klanglicher Schönheit und Wucht geschaffen. Die Hauptrolle darin spielen die Saïd, die Mitglieder einer erfundenen Herrscherfamilie: grausam, gnadenlos und mit allen Wassern Afrikas gewaschen. Gegenspieler dieser machthungrigen Feudalherren sind die Kolonialherren und Missionare, die den Einheimischen Fürsten mal wissend, mal naiv in die Hände spielen, wenn es um Sklavenhandel, Kriegshändel oder um das bewusst gesteuerte Bild geht, das Europa von den Völkern Afrikas hatte und immer noch hat. 

Die Mächtigen spielen ihr makabres Spiel mit allen Mitteln: Zauberei, Vergewaltigungen, Drogen, religiöse „Erweckungen“, Erpressung, Mord. Doch wenn ich hier in der Vergangenheit spreche, so ist mir doch das Heute und die Zeit nach Erscheinen von Yambo Ouologuems Roman gegenwärtig: Ich denke an Idi Amin; an den Genozid in Ruanda; an all die Bürgerkriege, über die ich die Übersicht längst verloren habe; an Kindersoldaten, die mit Drogen gefügig gemacht wurden; an die Ströme von Flüchtlingen; gefügig gemachte Frauen, die neuen Sklavinnen Europas. Das Erschreckendste also ist, dass Yambo Ouologuems Roman nichts von seiner Aktualität verloren hat. Dass diese Geschichte Afrikas, die Ausnutzung der Menschen und des Landes, sich ständig wiederholt, als wäre sie ein Gebot.

Yambo Ouologuem verwebt Mythen, Überlieferungen, Bibelzitate, Legenden, Ausrufe zu einem einzigartigen Text. Mal meinte ich, einem Griot oder einem arabischen Märchenerzähler zuzuhören, der seine Geschichten mit Ausrufen wie „ouassalam“ und „Allah hamdoulila“ untermalt; dann wieder erzählt der Autor, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, von erotischen Ausschweifungen und malt brutale Szenen, die in einer extremen sprachlichen Klarheit daherkommen, was ihre Aussage noch schauerlicher macht. Und öfters greift der Autor zu einer beissenden Ironie. Immer aber ist sein Text kraftvoll-poetisch und seine Aussage ein Angriff auf die Mächtigen dieser Welt, die erbarmungslos ihre Position ausnutzen. 

Ich möchte hier als Lese-Ergänzung  und -vergleich auch auf einen neueren afrikanischen Roman hinweisen, den ich vor einiger Zeit besprochen habe: Tram 83 von Fiston Mwanza Mujila.

Titel: Das Gebot der Gewalt, Roman, 272 Seiten, gebunden, mit einem Nachwort zur Geschichte des Buches und des Autors

Autor: Yambo Ouologuem, aus dem Französischen von Eva Rapsilber

Verlag: Elster-Verlag, Zürich, http://www.elsterverlag.ch

ISBN 978-3-906903-11-8, Fr. 32.–/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Afrikanischer Geschichtsroman, wie man noch keinen gelesen hat. Poetisch, kraftvoll, kritisch, unerschrocken und voller Schrecknisse räumt er mit Mythen über Afrika und die Menschheit auf.

Für wen: Für kritische Geister und solche die es werden wollen: Lesen und Nachdenken! 

Poesie als Globuli verabreicht!

Die Poesie-Agenda 2020 ist druckbereit und kann bereits vorgestellt werden. Erneut mit 257 Seiten reich an zauberhaften, stimmungs- und humorvollen Überraschungen. Zahlreiche Dichterinnen und Dichter, Maler und Fotografen haben ihre Beiträge eingereicht. Die orte-Agenda ist also wie gewohnt ein abwechslungsreicher Jahresbegleiter. Alle dürften darin etwas finden, das ihnen den Tag versüsst, sie zum Lachen anregt oder in schwerer Zeit verständnisvoll aufmuntert. 

Oder wie der orte-Werbespruch lautet: Poesie in homöopathischen Dosen!

Die orte-Agenda ist ein gerne verschenktes und gern angenommenes Mitbringsel, das den Geldbeutel nicht allzusehr belastet, dem Beschenkten aber zwölf Monate poetische Momente bereitet.

Vorbestellen direkt bei orte-Verlag, Schwellbrunn, http://orteverlag.ch, oder im Buchhandel

orte Poesie Agenda 2020

herausgegeben von Jolanda Fäh und Susanne Mathies


ISBN 978-3-85830-246-5

Vom Erwachsenwerden in einer verrückt gewordenen Welt

Der Trafikant von Robert Seethaler ist eine Erzählung, wie man sie sich nur wünschen kann: Wo das Grosse vom Kleinen spricht und das Kleine vom Grossen. Wo es um Menschen geht ebenso wie um Menschlichkeit. Tragisch und wunderbar zugleich. 

Man könnte jetzt noch lange über die Art und Weise schwafeln, wie Seethaler es anstellt, seine Geschichte vom Franzl aus dem Salzkammergut so leicht, so anschaulich, so bewegend, so echt daherkommen zu lassen, dass man sie gar nicht mehr zu Seite legen mag. Doch eigentlich mag ich genau das nicht tun. Was ich aber sagen mag: Ich bin von diesen 250 Seiten Literatur verzaubert.

Vielleicht noch ein kleines Zitat (Franz sitzt allein auf einem morschen, sonnenwarmen Baumstamm auf dem Kahlenberg, schaut den Käfern zu und sinniert.):

Wer nichts weiss, hat keine Sorgen, dachte Franz, aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.

Die Geschichte zusammengefasst:

Der 17 Jahre alte Franz Huchel muss 1937 das Salzkammergut verlassen. Er bekommt in Wien eine Anstellung in Otto Trsnjeks Trafik (Kiosk) und eine Weile sieht es so aus, als stünde ihm die Welt offen. Er hält Augen, Nase und Ohren offen, er vergnügt sich im Prater und lernt sogar Professor Sigmund Freud kennen, der ganz in der Nähe wohnt. Aus der zaghaften Bekanntschaft mit der alt gewordenen Berühmtheit entwickelt sich eine Freundschaft. Franz wagt sich nach einem Gespräch mit Freud auch an die Liebe heran. Doch seine Flamme ist Revuetänzerin und nicht besonders an dem naiven Burschen interessiert. Franz leidet an Liebeskummer. Unterdessen träufelt es aus dem Deutschen Reich ununterbrochen braun in die Gehirne der Wiener, Hakenkreuze erscheinen überall und es wird immer fleissiger geheilhitlert.

Die Weltgeschehnisse machen vor der kleinen Wiener Trafik nicht halt, Franz ist plötzlich erwachsen. Er hat gelernt Abschied zu nehmen: von seiner Heimat, von Otto Trsnjek, von Freud, von der Trafik.

Titel: Der Trafikant,Taschenbuch, 250 Seiten

Autor: Robert Seethaler

Verlag: Kein und Aber

ISBN 978-3-0369-5909-2, Fr. 16.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Der 17jährige Franz Huchel wird 1937 nicht nur innerlich wacker durchgeschüttelt, sondern gerät auch durch den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland zunehmend in Bedrängnis. Aus dem naiven Landbuben wird ein nachdenklicher, mutiger junger Mann.

Für wen: Wer Wert auf gut geschriebene Literatur legt, ist hiermit bestens bedient.

Pause auf französisch.

… und solche Brioches könnte man doch mal zur Einstimmung backen.

appetitaufzuhause

Sie sind ein Stück Frankreich , was ich so sehr liebe und es geht wieder natürlich genauer gesagt um food Frankreichs ( sorry guys 😅) ….Und es sind nicht Croissants und auch nicht Macarons , obwohl die auch natürlich als Topmodel in der Foodfotografie gelten …

Mein Herz schlägt für Brioche. Einfach und schlicht, feiner dessert to go. Tea time in Paris? Nicht ohne mein Brioche und Tour Eiffel- Besuch ( ganz nach oben bitte ☀️)

wo man einen sensationellen Blick auf die ganze Stadt hat.

Und mit Abendspaziergang an der Seine !!! mit Kamera natürlich !!!

Als ich mich zu zwei Kursen bei Aurélie Bastian in Halle an der Saale angemeldet habe ( das ist schon eine Weile her …) : Macarons und Boulangerie, habe ich insgeheim gehofft, die bunten kleinen Kekse backen lernen zu dürfen.

Nun kam dann die Antwort, dass ich einen Platz in der Boulangerie Runde…

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Paris, wie gut das riecht!

Paris, wie gut das riecht! So ein Satz wird natürlich nicht widerspruchslos hingenommen, denn Paris ist eine Metropole. Mehr als 12 Millionen Menschen: Da kommt schon einiges an Odeurs zusammen. Und trotzdem sei es wiederholt: Paris ist ganz schön dufte. Vor allem jetzt im Mai. Die Rede ist von Robinien, Linden, Rosen, von Holunder, Pfingstrosen und anderen Gewächsen, die recht grosszügig ihre Duftmoleküle an die Pariser Luft verschwenden.

Wer jetzt nach Paris reist und findet, der Eiffelturm sei das letzte Mal schon ähnlich hoch gewesen, die Galerie Lafayette definitiv zu touristisch und eine Seine-Fahrt müsse gerade nicht sein, dem sei dieses Büchlein empfohlen: Parcs et Jardins de Paris à pied

Paris hält etwas auf seine Parks, in denen um diese Jahreszeit alles grünt und blüht. Wer gerade jetzt nach Frankreich reist und findet, im Frühsommer sei Paris am schönsten, liegt bestimmt richtig. Jetzt wird überall gehakt und gepflanzt, gedüngt, geschnitten, ausgebessert, geharkt und was die Stadtgärtner sonst noch so alles zu tun pflegen. Man kann sie durchaus fragen, sie sind für ein kleines Gespräch gerne zu haben.

Oben erwähntes Büchlein wurde von der Mairie de Paris herausgegeben und beschreibt 23 Wandertouren durch die Stadt, durch unbekannte Strassen, vorbei an versteckten Winkeln und durch die schönsten Parkanlagen. Da kommt ein Tourist schon mal ins Staunen, wenn er hinter der Basilique du Sacré-Coeur an einem Weinberg vorbeispaziert. Dies ist mitnichten der einzige in der Stadt. Im Park von Bercy, dort wo früher die Weinhändler ihre Fässer lagerten, werden ebenfalls Reben gepflegt, gleichfalls in den Parks von Belleville, La Villette, Georges-Brassens. Einen Weinberg in einer besonders malerischen Ecke der Stadt namens Butte Bergeyre gibt es im 19. Arrondissement, nahe des Parcs Buttes-Chaumont. Zehn Rebflächen soll es insgesamt geben. Und dies in einer Stadt, wo die Quadratmeterpreise für Wohnungen in schwindelerregende Höhen klettern und man für ein Einzimmerappartement auch mal eine Million oder mehr hinblättert. Kommt natürlich auf die Lage und die Aussicht an.

Nahe der Place des Vosges existiert im Versteckten eine kleine Gartenanlage im französischen Stil, in den Rabatten blühen Rosen und verströmen sommerliche Nostalgie. Hier trifft man auf ruhende Damen und Grossväter, die ihren Enkeln vorlesen. Wo das ist, wird hier nicht verraten, wer aber die Rue des Arquebusiers findet, dürfte auch dieses stille Kleinod entdecken.

Wer als Pariser weder Lage, noch Aussicht, noch einen Balkon hat, aber die Nase gestrichen voll von der engen Wohnung und den Abgasen, begibt sich in den Park. Wie begehrt die Plätze auf der Wiese sein können, zeigt sich an einem Pfingstsonntag auf der Place des Vosges. Die Kulisse dieses Gesamtkunstwerkes ist zugegeben zum Niederknien. Allzuviel Raum darf hier aber keiner beanspruchen, was aber niemandem etwas auszumachen scheint. Man liegt Kopf an Fuss, palavert, giesst sich Wein oder gleich Champagner in die mitgebrachten Gläser, Kinder hüpfen, Studenten studieren oder küssen sich. Die gesetzteren Herrschaften halten es eher mit einem Bankplätzchen, so sie denn eines ergattern können. Alles total entspannt.

Ist man schon einmal in der Nähe der Bastille und mag noch einige Kilometer wandern, so ist La Promenade Plantée ein Muss. Der Weg führt entlang der Avenue Daumesnil, aber nicht auf Ebene der Strasse, sondern in luftiger Höhe. Das gibt Gelegenheit, einen neugierigen Blick in eine Pariser Wohnung im dritten Stock zu werfen. Muss aber nicht sein, rechter Hand liegt der Gare de Lyon mit seinem Jugendstilbahnhofbuffet, und wem das zu wenig spannend ist, der hat mit der langgestreckten Gartenanlage, die sich immer wieder weitet und verengt, genug zu schauen. Hier führte einst eine Bahn von der Bastille bis Varenne-Saint-Maur. 1988 hat die Stadt die Gelegenheit beim Schopf gepackt und anstelle der aufgehobenen Bahnlinie einen nur wenige Meter breiten Park gestaltet. Unter den Bahnarkaden haben sich Handwerker eingemietet. Das braucht den Flaneur aber nicht zu kümmern, vielmehr sollte er links und rechts geniessen, was so alles blüht und duftet. Es gibt anmutige Rosenstöcke zuhauf, oftmals romantische, gefüllte Kletterrosen in fetten Büscheln, Wasserbecken, Lauben. Hat man Reuilly erreicht, kann man wieder zurückspazieren, es macht aber durchaus Freude, geradeaus weiterzugehen, durch den Park von Reuilly, weiter durch die Allee Vivaldi, dann durch die mit Wasserfällen ausgestattete Unterführung und geradeaus durch eine lange schattige Senke. Auch hier führte einst eine Bahnlinie entlang, heute führen die Anwohner ihre Hunde aus, ihre Fahrräder oder einfach nur sich selber. 

Wenn die Pariser es wildromantisch wollen, gehen sie in den Parc des Buttes-Chaumont. Buttes werden hier die Stadthügel genannt. Der Parc Buttes-Chaumont bietet, da er in einer Felslandschaft und durch das Bewegen von jeder Menge Material angelegt wurde, zwei Aussichtspunkte. Die Gegend soll früher ziemlich wild ausgesehen und zu Zeiten der Revolution als Müllhalde gedient haben. Das war zuviel Wildnis für die sich ausbreitende Stadt; im 19. Jahrhundert plante der Ingenieur Jean-Charles Alphand das Gelände um. (Alphands Handschrift ist in mehreren Pariser Parkanlagen zu erkennen; seine Büste kann man übrigens auf dem Friedhof Père Lachaise finden.) Das Ergebnis ist heute noch einen Abstecher wert. Die Grashalden, an denen die Parkbesucher hier lagern, sind abschüssig, aber was macht das schon. Platz ist auf jeden Fall mehr als auf der Place des Vosges. Und weil die Wege auf- und abführen, mal an einem Teich vorbei, dann über Brücken, unter einer Felsengrotte hindurch, trifft sich Paris hier auch zum Joggen. Stört aber keinen. Sport ist so oder so angesagt; einige Parks verfügen über frei zugängliche Trainingsgeräte.

Ebenfalls eine herrliche Sache ist eben jener Park in Bercy, von dem schon wegen der Reben die Rede war. Es ist eine der neueren Parkanlagen in Paris und liegt direkt am rechten Ufer der Seine, getrennt allerdings durch den Quai de Bercy. 13 Hektaren umfasst der Park und bietet einfach alles, was man sich so wünschen kann, einschliesslich eines Aussichtspunkts über die Seine auf die Nationalbibliothek. Gut, die dürfte unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt keinen Kultstatus erlangen, also zurück zum Garten mit seinen Themengärten, Teichen, Baumalleen und Freizeitanlagen. Im Maison de Giardinage kann sich jeder melden, der in der Stadt einen kleinen Garten für sich pflegen möchte. Da trifft man dann plötzlich auf Menschen, die mit einer Giesskanne in der Hand unter einem Strassenbaum eine Geranie, eine Nelke oder sonst irgendein Grünzeugs wässert, das zuvor sorgfältig mit einem Zaun vor rücksichtslosen Fussgängern, Hunden und Motorrädern geschützt wurde. Gegen weggeworfene Zigarettenstummel hilft allerdings kein Zaun, aber die tapferen Stadtgärtner hängen Täfelchen oder gar Aschenbecher an die Latten. Die Aktion der Stadt scheint nur begrenzt erfolgreich zu sein, denn wer nach solchen Miniaturparkanlagen sucht, findet auch solche, die verlassen wurden, wo sich die Abfälle und die Zigarettenstummel häufen und nichts mehr grünt, als ein einzelnes hartnäckiges Unkraut.

Nase auf und durch

Dort wo es früher einmal nach Eau de Javel roch und später nach nigelnagelneuen Deux Chevaux liegt heute eine der schönsten modernen Parkanlagen, die man sich vorstellen kann: der Parc André-Citroën, direkt am linken Seine-Ufer gelegen. Wer da kein Plätzchen für sich findet, bei dem ist parkmässig Hopfen und Malz verloren. Wasserspiele, Wasserbecken, freie Rasenflächen, Parkteile, wo alles ein wenig wild vor sich hin gedeihen kann, Senk-, Themen- und Farbgärten: die Gartenbauarchitekten, die diesen Park geschaffen haben, kann man nur beglückwünschen. Bei all den verwirklichten Garten-Ideen und -stilen beeindruckt, wie gut durchkomponiert die 1992 eingeweihte Anlage wirkt. Schade nur, wenn man für seinen Besuch eine Zeit erwischt, wo in Paris das Wasser knapp ist und einzig die Fontänen in Betrieb sind. Diese sind dann aber die Hauptattraktion der Kinder. Ihr Jauchzen schallt weithin.

Das Zusammenspiel einzelner Elemente ist leider beim Parc de la Villette nicht so gut gelungen. Er erstreckt sich auf beiden Seiten des Canal de l’Ourcq. Die Nordhälfte wird dominiert durch die neuzeitlich-kühle Cité des sciences e de l’industrie, die Südhälfte durch die beeindruckende Eisenkonstruktion der Grande Halle. Das Gelände wurde früher für Viehhandel und das Schlachten der Tiere genutzt. Heute tanzt auf der Bühne vor der Halle vielleicht gerade ein Streetdancer, oder eine asiatische Frauenrunde studiert mit viel Ernst einen Schirmchentanz ein. Eröffnet wurde der Parc de la Villette in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, ist aber nun in die Jahre gekommen. Er wartet darauf, aus dem Dornröschenschlaf geküsst zu werden. 

Weitere Parkanlagen – einmal abgesehen von denjenigen, die auf der To-do-Liste jedes Paris Besucher stehen, wie Trocadéro, Jardin des Tuileries oder Jardin du Luxembourg –, die einen Ausflug wert sind: 

Der Parc Monceau, ebenfalls eine Anlage im englischen Stil mit mächtigen Bäumen und Teich mitsamt Enten und Schildkröten. Auch hier sind die Sitzplätze begehrt, vor allem in der Mittagspause. Der Bois de Boulogne bietet sich für eine Fahrradtour an oder für einen Abstecher ins Museum Louis Vuitton. Père Lachaise ist zwar ein Friedhof, aber was für einer. Er ist zugleich die größte Grünanlage der Stadt. Seine Fläche beträgt 44 Hektaren. Ohne Plan sollte man sich nur mit exzellentem Orientierungssinn hineinwagen. Und wenn man schon mal dort ist, darf man ruhig die Gräber der einen oder anderen Celebrity aufsuchen. Aber auch ohne Piaf und Molière ist Père Lachaise ein Ort zum Staunen und Wandern. Montsouris ist ein Park à l’anglaise, mit Teich, Hügeln und Musikpavillon. Wenn man Glück hat spielt gerade eine Jazzband auf.

Das Buch zum Text: Parcs et Jardins de Paris à pied, 23 Promenades Randonnées, herausgegeben von Guide FFRP/Mairie de Paris, brochiert

Place des Vosges an Pfingsten

Verloren im schottischen Hochland

Ava reist vom beschaulichen Bodensee ins deutlich rauere Schottland, um eine Entscheidung zu treffen: Für oder gegen ein Kind, für oder gegen ihren Freund Paul. 

Doch wer ist Ava? Weiss Ava überhaupt selber, wer sie ist? Im Roman Wild wie die Wellen des Meerestritt sie erst einmal als kapriziöse, eigenbrötlerische Studentin auf. 

Ich gebe es zu: Ich mag die Hauptfigur in diesem von Anna Stern geschriebenen Roman nicht besonders. Lange war ich versucht, das Buch einfach wegzulegen. Ich möchte aber nichts rezensieren, was ich nicht fertiggelesen habe. Also tapfer weiter im Text. Siehe da, so ab der Mitte des Romans nimmt die Story an Fahrt auf und am Ende war ich fast versöhnt mit der Geschichte und ihrer Protagonistin.

Es dauerte seine Zeit, bis ich einigermassen aufgedröselt hatte, wer von den Figuren wer ist und wer mit wem wie in Verbindung steht. 

Der Roman ist ordentlich kompliziert aufgebaut: Anna Stern erzählt die Geschichte Avas sozusagen im Krebsgang. Wir erleben die erwachsene Ava, zwischendurch tauchen wir immer tiefer in Avas Kindheit ein. Mit dem Fortschreiten der Story erfährt man dann auch, was in Avas Leben ihrer Meinung nach bislang schief gelaufen ist, wie sich Paul und Ava lieben gelernt haben. Auch dass Ava ihren Vater für den Tod der Mutter verantwortlich macht. Eingestreut in die Geschichte sind Fotos von verschwommenen Landschaften, Auszüge aus Fachliteratur Vogelkunde, Briefen, Tagebucheinträge etc. 

Anna Stern ist für diesen Roman hochgelobt und ausgezeichnet worden. Es ist eine Geschichte, die sich mit dem Sich-Erinnern befasst, mit dem „Wahrheitsgehalt“ dessen, was wir meinen erlebt zu haben. Dass gerade die Erinnerung eine verschwommene Angelegenheit ist, hat die Autorin konsequent umgesetzt. So bleibt einiges lückenhaft oder ungefähr in diesem Roman. Die Autorin arbeitet gerne mit kurzen, prägnanten Sätzen, die ihrem Text Rhythmus und Struktur geben. Eines ihrer Lieblingsstilmittel sind Wiederholungen. Ein Beispiel:

Sie schlafen miteinander, sie schlafen miteinander ein.

Das ist schön, kurz, eindrücklich, vielsagend. Bloss: Bei der dritten Wiederholung desselben Satzes wirkt der Satz nur noch manieriert. Schade.

Anna Stern arbeitet auch gerne mit alltäglichen Dialogen, Gemeinplätzen. Beispiel:

Ich wünsche dir einen schönen Tag, sagt Marjane. 

Danke, sagt Ava, dir auch.

Wenn es darum geht aufzuzeigen, wie verschlossen gegenüber Menschen Ava ist, dann lasse ich mir solch einen Dialog gefallen. Wenn sich banale Gespräche aber häufen, werde ich ärgerlich. 

Trotz aller Probleme, die ich beim Lesen von Anna Sterns Roman hatte, bin ich froh, dabeigeblieben zu sein. Wild wie die Wellen des Meeres hat mir einiges über mein eigenes Leseverhalten und meine Lesevorlieben verraten. Und so kann ich nach dieser Lektüre sagen: Mir ist das Ungefähre in Storys, wenn es denn dominiert, ein Gräuel; ich will nicht allzu lange rätseln müssen; ich will einem roten Faden folgen. Und: Ich umgebe mich ungern mit Zicken, weiblich oder männlich, sowohl in Romanen als auch in der Wirklichkeit.  Das allerdings wusste ich schon vorher. 

Titel: Wild wie die Wellen des Meeres, Roman, 411 Seiten, Paperback

Autorin: Anna Stern

Verlag: Salis Verlag AG, Zürich, 2019, http://www.salisverlag.ch

ISBN 978-3-906195-81-0, Fr. 32.-/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ava will wissen, ob sie das Kind ihres Geliebten Paul, das unter ihrem Herzen heranwächst, behalten will. Ihr Entscheidungsprozess führt sie ins schottische Hochland und in ihre eigene Kindheit zurück. Versatzstückhaft aufgebaut. 

Für wen: Für Leser, die gerne neue Lesepfade ausprobieren und denen es nichts ausmacht, geduldig eine Weile im schottischen Hochlandregen zu stehen. 

Wer die Drachen beherrscht, bleibt Herr über seine Träume

Die Jagd nach dem Blau, welch schöner Titel für ein Buch. Romain Gary hat damit einen Roman geschaffen, in welchem es um Träume geht und um das Festhalten daran, selbst wenn die Zeiten nicht danach sind. Das Buch spielt in Frankreich, genauer in der Normandie, der Dreissiger- und Vierzigerjahre; eine Gegend, die den Krieg erlitten hat, wie kaum eine andere. Auch wenn der Zweite Weltkrieg die Gegend im wahrsten Sinne durchgeschüttelt hat, so bleibt er in Garys Roman zwar gegenwärtig, aber dennoch im Hintergrund. Denn in derJagd nach dem Blau geht es um die Menschen, die alles versuchen, in den Wirren einen Weg für sich zu finden. Und sei es mit einem Papierdrachen davonzufliegen.

„Man muss sie gut festhalten, denn sie ziehen an dir, und manchmal reissen sie sich los, sie steigen hoch in den Himmel, sie machen sich auf, dem Blau nachzujagen, dann siehst du sie nie wieder, ausser wenn andere Leute sie zerschellt hierher zurückbringen.“ 

Mit diesen Worten erfährt der kleine Ludo von seinem Onkel Ambroise etwas über die Kunst des Drachenfliegens – und kann ganz nebenbei an dessen aussergewöhnlicher Lebensklugheit teilhaben. Der Briefträger Ambroise gilt, seit er aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist, in Cléry als leicht verrückt. Er hat sich ganz dem Drachenbau verschrieben und bringt es damit über die Grenzen der Normandie hinaus zu einiger Berühmtheit. Der Waise Ludo wächst bei ihm auf. Während Ludo und sein Onkel die wundersamsten Drachen in die Lüfte steigen lassen und Ludo sich heftig in die Polin Lila verliebt, bereiten sich andere auf den Zweiten Weltkrieg vor. Und plötzlich steckt auch die Normandie mitten drin. Ludo und sein Onkel kommen nicht umhin, Stellung zu beziehen. Während der eine sieben gelbe Sterne in den Himmel steigen lässt, tut der andere alles, damit der Irrsinn schnell ein Ende nimmt. 

Romain Gary ist der Spezialist skurriler Szenen und verschrobener Charaktere. In Die Jagd nach dem Blau scheinen sie sich in der Umgebung von Cléry versammelt zu haben: Da sind nicht nur der Briefträger Ambroise und sein Freund, der Spitzenkoch des Clos Joli, der seine ganz eigene Kriegs-Überlebens-Strategie vertritt. Seiner Meinung nach gilt es, die Kochkunst über die Kriegszeit hinüberzuretten, denn was wäre Frankreich ohne seine Küche. Ludo wiederum leidet an Gedächtnisüberschuss. In Lilas Familie hat sich die Vernunft längst verabschiedet und taucht nur dann auf, wenn Lilas Vater, der aus einer angesehenen polnischen Familie kommt, seine Frau ausschickt, Geld zu „besorgen“. Lilas Exaltiertheit kommt nicht von ungefähr. Doch sie versteht es, aus ihren Verehrern das Beste hervorzulocken. Auch unter die deutschen Besatzer haben sich einige höchst eigenartige Typen geschlichen, unter anderem eine ungarische Fürstin, die noch vor kurzen in Paris als Hure tätig war.

Mit diesen und anderen extravaganten Charakteren kommt es natürlich unweigerlich zu bizarren Situationen. Da sitzen beispielsweise im Clos Joli hochrangige deutsche Offiziere beim gediegenen Dinner, und an den Nebentischen werden ungeniert britische Fallschirmpiloten bedient, die von Ludo und seinen Résistance-Freunden gut gestärkt auf die Heimreise geschickt werden wollen.

Nicht umsonst sind zahlreiche Bücher Romain Garys verfilmt worden. Gerade eben ist die Verfilmung von Frühes Versprechenin den Kinos. In dieser Geschichte setzt sich Gary mit der eigenen Sohn-Mutter-Beziehung auseinander. Eine Mutter, die von ihrem Sohn nichts weniger verlangt, als berühmt zu werden. Das Thema, mit seinem Leben etwas Grosses zu erreichen, kommt gleichfalls in Die Jagd nach dem Blauvor. Es könnte sich also lohnen, sich nach dem Jagd-nach-dem-Blau-Buch auch noch den neuen Film zu gönnen.

Titel: Die Jagd nach dem Blau, Roman, 376 Seiten, gebunden

Autor: Romain Gary

Aus dem Französischen von Jeanne Pachnicke, Originaltitel: Les Cerf-volants

Verlag: Rotpunktverlag, http://www.editionblau.ch

ISBN 978-3-85869-828-5, Fr. 28.-/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Lebensfreude, innerer Widerstand, Humor, Pragmatismus, grosse Liebe, Eigensinnigkeit bis hin zur Selbstaufgabe: All dies findet sich in dieser Geschichte wieder und dies in einem Roman, der in Kriegszeiten spielt. Doch Gary erlaubt es der Tragik nie, sich über die Träume der Menschen herzumachen und sie zu verschlingen. Unbedingt lesenswert.

Für wen: alle, die Hintersinnigkeit zu schätzen wissen.

Schweigen und Lieben auf Finnisch

Literatur aus dem nördlichen Europa ist seit längerem im Gespräch. (Und ich spreche hier nicht über das allgegenwärtige Genre Krimi.) Zu entdecken ist Bemerkenswertes: dichte Storys voller starker Charaktere, eingebettet in menschenarme Landschaften, in denen nicht nur die Jahreszeiten, sondern vielmehr die Wechsel der politischen, religiösen und sozialen Machtgefüge während des letzten Jahrhunderts eine Rolle spielen.

Heute widme ich mich zwei Romanen aus Finnland. Lempi, das heisst Liebe von Minna Rytisalo und Wege, die sich kreuzen von Tommy Kinnunen. Beide Romane spielen auf dem finnischen Lande, bei beiden nimmt der Krieg eine wichtige Rolle ein; die harten Kriegszeiten beeinflussen zu einem beachtlichen Teil die Handlung der Figuren. Wichtiges Element in beiden Büchern ist gleichfalls die karge Landschaft. Beiden Geschichten eigen ist auch die Stille zwischen den Handelnden. Sie schweigen und tun, was ihrer Meinung nach getan werden muss. Nur: Was „getan werden muss“ ist nicht immer schön und schon gar nicht gut.

Lempi, das heisst Liebe

Lempi ist der Name der Hauptfigur im Romanerstling von Minna Rytisalo. Sie verführt ab der ersten Seite mit einer poetisch-kraftvollen Sprache, einer berührenden Liebesgeschichte, einem gelungenen Buchaufbau mitsamt überraschenden Wendungen. Von einem Roman kann man kaum mehr erwarten. Ein umwerfendes Stück Literatur.

Minna Rytisalo erzählt aus drei Perspektiven. Zu Wort kommt der blutjunge finnische Bauer Viljami, der sich in die kecke Lempi verliebt und sie kurzerhand heiratet. Kurz nach der Hochzeit wird er eingezogen. (Finnland hat sich im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion aufgerieben. Die Waffenfreundschaft mit Deutschland wird beendet. Die Deutschen rächen sich, indem sie die Dörfer auf ihrem Rückzug in Schutt und Asche legen.)

Die zweite Erzählstimme gehört Elli. Die Magd auf Viljamis Hof hat zwei Gesichter: Mal ist sie sanft und fürsorglich, doch ist sie auch hart mit sich und anderen. Für sie ist Lempi eine verwöhnte Schmarotzerin. Elli fasst einen Plan, den sie stumpf und hartnäckig verfolgt.

Sisko wiederum ist Lempis Zwillingsschwester. Sie kommt nach dem Krieg als ehemalige Freundin eines Wehrmachtsoffiziers als „Verräterin“ nach Finnland zurück auf der Suche nach ihrer Schwester. Für sie war Lempi immer das grosse Vorbild. 

Lempi selber kommt nicht zu Wort, sie ist und bleibt eine schattenhafte Erscheinung, von der wir manchmal das Gefühl haben, sie werde plastischer, indem wir den Berichten jener drei Personen zuhören, die sie am meisten geliebt und gehasst haben. Doch ganz sicher können wir uns des Bildes nicht sein, das wir uns am Ende von Lempi gemacht haben.

Rytisalos Erzählweise trägt mich vom ersten Augenblick fort. Es ist eine klare Sprache, und eine, die gerade mittels ihrer schnörkellosen Klarheit tief in die Gefühlswelt der Protagonisten schauen lässt und viel über Finnland und den Willen seiner Bevölkerung erzählt, selbst bei harten Bedingungen ihr Leben zu meistern. Gefühle macht hier jeder mit sich selber aus. Dennoch: Wenn Viljami leidet, so leide ich mit. Selbst bei Ellis Kaltherzigkeit ergreift mich nicht nur ein Schauder, sondern auch Mitgefühl. Und hätte nicht auch ich blind in eine Liebesgeschichte stolpern können wie Sisko?

Titel: Lempi, das heisst Liebe, Roman, gebunden, 222 Seiten

Autorin: Minna Rytisalo, aus dem Finnischen von Elina Kritzokat

Verlag: Hanser, ISBN 978-3-446-26004-7 

Fr. 24.90/Euro 21.00

Kurzbeschrieb: Viljami kommt aus dem Krieg zurück auf seinen Hof. Doch seine Frau Lempi ist nicht mehr da – die Magd Elli führt den Betrieb und die Kinder nennen sie bereits Mama. Wo ist Lempi oder vielmehr: Wer war Lempi?

Für wen: Alle, die beim Lesen gerne ein wenig dahinschmelzen. Alle, die ein gutes Buch vor der letzten Seite einfach nicht weglegen können. Alle, die kraftvolle, poetische Sprache lieben. Demnach: für alle.

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Wege, die sich kreuzen

Das Leben in einer ländlichen und abgelegenen Gegend Finnlands ist nicht einfach. Zwei Weltkriege ziehen über das Land; an der Kreuzung, an der die taffe Hebamme Maria ihr Haus gebaut hat, wechseln sich die Machthaber ab. Marias Leben und jenes ihrer Tochter Lahja ist von den äusseren Gegebenheiten geprägt. Doch auch im Inneren der familiären Gemeinschaft finden Zerreissproben statt. Gesprochen darüber wird wenig, doch das wenige, was gesagt wird, trifft. Meist mitten ins Herz. Die Frauen haben gelernt, stark zu sein, Maria aus Überzeugung, Lahja, weil ihre Mutter es von ihr verlangt und ihr Mann Onni nicht alle ihre Wünsche erfüllen kann. 

Die Hebamme Maria möchte vor allem unabhängig sein. Dafür opfert sie die Liebe zu einem Mann. Im Gegenzug bindet sie ihre Tochter Lahja an sich. Lahja wird Photographin und heiratet schliesslich den verständnisvollen Onni. Doch die Beziehung zeigt bald Brüche, denn Onni ist nicht der, der er vor sich und den anderen gerne sein möchte. 

Tommy Kinnunen entwirft eine Familiengeschichte voller Tragik, die sich über das ganze 20igste Jahrhundert hinzieht. Die Figuren in diesem Drama kämpfen mit- und gegeneinander, hauptsächlich indem sie sich ausschweigen. Dennoch spricht jede ihrer Handlungen Bände. Es geht um Betrug, den an den anderen und jenem an sich selbst. Briefe sind in diesem Roman wiederkehrendes Element und Schlüssel zum Verständnis der Story.

Kinnunens erzählt von den kleinen, alltäglichen Handlungen seiner Protagonisten. Sie erklären dem Leser, wie die Figuren denken. Wenn Kinnunen beispielsweise beschreibt, wie Onni das Dach seines Hauses zimmert, so hören wir den Klang seiner Hammerschläge und wissen, wie schlecht er sich fühlt. Da nagelt ein Getriebener. Wenn wir lesen, wie Karinna, Lahjas Schwiegertochter, ihre scheinbar gefühlskalte Schwiegermutter wäscht, verstehen wir, was Duldsamkeit bedeutet und Bitternis bewirken kann. 

Wege, die sich kreuzen sollte unbedingt zweimal gelesen werden. Das ist bedeutend einfacher, als ständig im Buch vor- und zurückzublättern. Der Autor hat einen recht komplizierten Aufbau gewählt. Zwar folgen wir den Erlebniswelten der Figuren einzeln, doch laufen diese Erzählspuren zeitlich nicht parallel und vieles bleibt offen und der Phantasie des Lesenden überlassen.

Titel: Wege, die sich kreuzen, Roman, 336 Seiten

Autor: Tommy Kinnunen

Verlag: DVA, ISBN 9783421047717

Kurzfassung: Die Hebamme Maria baut das grösste Haus im Dorf. Dort lebt sie mit ihrer Tochter Lahja. Nach dem Krieg ist das Haus niedergebrannt und Lahjas Mann Onni baut es wieder auf: für Lahja, die drei Kinder und für Maria. Noch immer ist das Haus das grösste, doch das Glück will nicht darin einziehen. Jahrzehnte später ist Lahja alt und verbittert. Erst nach ihrem Tod entdeckt Schwiegertochter Karinna, was der Grund für den tiefen Groll ihrer Schwiegermutter war.

Für wen: Ein wunderbares Buch für Freunde von tragischen Familienepen und Geschichte.

Sexualität als täglicher Alptraum

Von Handlesereien und Wahrsagekünsten halte ich nicht gerade viel. Ebenso geht es Nora, der Hauptfigur des Romans von Artur Kilian Vogel: Uranus in der Jungfrau. Mit dem kleinen Unterschied, dass Nora während ihres Kuba-Urlaubs trotz aller Skepsis bei Ärztin und Seherin Elena sitzt um zu erfahren, weshalb es in ihrem Leben nicht rund läuft. 

Nora ist eine kluge Frau, lebt sicher und gut situiert mit ihrem Ehemann Richard und der Tochter in der Schweiz; von aussen betrachtet, könnte sie eigentlich zufrieden sein. Doch Nora wird von körperlicher Abneigung, allerhand Zwängen, Alpträumen und Flashbacks gequält. 

Noras Ehe mit Richard ging keine stürmische Liebe voraus. Sie funktioniert dennoch, weil Mathematiker Richard rücksichtsvoll bis gleichgültig ist oder auf seinem Fahrrad durch die Gegend strampelt. Nora wiederum spielt verbissen Tennis mit ihrer Jugendfreundin, liest viel, analysiert ironisch ihre Mitmenschen sowie sich selbst oder putzt sich blindwütig durchs Haus. Sie kennt ihre Knackse und weiss, woher sie kommen. Sie trägt sie schon ein ganzes Leben lang mit sich.

Doch nun sitzt sie in Elenas Praxis. Über ihre Probleme hat Nora niemals gesprochen. Doch hier in diesem fremden Land, bei dieser ihr fremden Frau öffnet sie sich ein erstes Mal. Und fragt sich zum wiederholten Mal: Bin ich Opfer oder Täterin?

Elenas Diagnose lautet: „Uranus in der Jungfrau“. Das klingt zwar interessant, sagt mir und anderen Astrologie-Unbewanderten aber nichts. Auch Nora braucht ein paar Therapie-Gespräche mit Elena, bis sich bei ihr der eine oder andere Knopf öffnet. Dass diese Gespräche dann ausgerechnet in einer Sexszene zwischen Elena und Nora münden, stösst mir unangenehm auf. Musste das wirklich sein? Da geht eine Frau mit ihren sexuellen Nöten, die einen brutalen Ursprung haben, zu einer anderen Frau, die nachvollziehen kann, was Nora durchmacht, und dann landen beide auf der Couch, kneifen sich in die Nippel und finden das toll? Wie war das jetzt noch mit Therapeuten und ihren Patienten? Sollten sich erstere nicht von letzteren körperlich fernhalten zwecks Vermeidung neuer seelischer Nöte? 

Nun gut: In Büchern fällt die Liebe halt nicht, wie es im Verhaltenskodex von Therapeuten steht. Trotzdem bin ich mit diesem kurzen, aber wichtigen Buch-Abschnitt noch nicht fertig:

Ich habe nichts gegen Sexszenen in Büchern. Diese hier war ein netter Versuch, soll heissen, banal. Wenn ich lese „Ein Kribbeln lief über meine Hautoberfläche; wie leichte Stromstösse oder kleine Nadelstiche …“ worauf sich alles in einer heiss-flutenden Welle ergiesst, dann wäre mir lieber, der Autor hätte eine andere Erleuchtungsszene für Nora gefunden. 

Immerhin möchte Nora am Ende des Buches ein Gespräch mit ihrem Ehemann Richard führen. Der wird Augen und Ohren machen und dürfte danach genügend Stoff für seine Schriftstellerei haben!

Wie auch immer. Uranus in der Jungfrau ist ein solide geschriebener und spannend aufgebauter Roman über Missbrauch an Kindern und seine Folgen. Ein Roman, der Verständnis für die Opfer bringen könnte, beleuchtet er doch eingehend ihr jahrzehntelanges Schweigen, ihre Selbstzweifel und inneren Kämpfe und Krämpfe.

Titel: Uranus in der Jungfrau, Roman, gebunden, 189 Seiten

Autor: Artur Kilian Vogel

Verlag: Salis, http://www.salisverlag.com, ISBN 978-3-906195-74-2 

Fr. 26.40/Euro 24.00

Kurzbeschrieb: Sexualität aus der Sicht einer Frau, die einiges an brutalen Erfahrungen und ein entsprechend übles Männerbild mit in ihre Ehe bringt. Eine Kuba-Reise, der Wille ihres Mannes, etwas Grundsätzliches in seinem Leben zu verändern, und der Kontakt zu der Kubanerin Elena bringen die Mauern, die sich Nora aufgebaut hat, ins Wanken.

Für wen: Es fällt mir schwer, jemandem ein Buch über sexuellen Missbrauch und seine Folgen zu empfehlen. Meine Erfahrung damit: Ich weiss nach der Lektüre mehr über das Schwanken eines Opfers zwischen Selbstvorwürfen, Opferhaltung, Selbstmordgedanken, Rachegelüsten, Ausweichstrategien und schierer Verzweiflung.