Papier ist geduldig – aber wer hält das aus?

Es kann einem schon mal die Sprache verschlagen beim Blick in heutige Zeitungen. Neuere Begriffe wie Häppchen- oder Verlautbarungsjournalismus oder gar Fake News sagen viel aus. In meiner Jugend hatte jedes Tal seine eigene Zeitung (es gab sogar den Begriff Blätterwald) ­– heutzutage geben wenige Konzerne ein paar Erzeugnisse heraus. Statt mit Meinungen Features, Leitartikeln, Hintergrundartikeln oder Reportagen füllen diese ihre Seiten lieber billig mit Belanglosigkeiten, Kreuzworträtseln, Wetterprognosen, Sportresultaten … und wundern sich, wenn die Leser dafür kein Geld ausgeben wollen. 

Nun nützt natürlich das Gejammere nichts. Informationen gibt es genügend, nur ist es um einiges schwieriger geworden, diese zu filtern, zu prüfen und zu analysieren. Mir helfen in dieser Sache meistens zwei Fragen: Wer steckt hinter der Info? Wer hat welche Interessen in der Angelegenheit?

Artur Kilian Vogel, der Autor von Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging, war selber Journalist. Auch er hat das Fällen des Schweizer Blätterwaldes hautnah miterlebt. Seine Erfahrungen dürften ihn weitgehend zu diesem Roman inspiriert haben. 

Zur Story: Chefredakteur Strittmatter sitzt an einem Novemberabend allein in seinem Büro, ein Glaskasten mit Blick aufs Grossraumbüro, wo noch ein paar Computer flimmern. Das Flimmern täuscht, denn heute erscheint Strittmatters letzter Leitartikel. Sein Blatt geht unter. Keiner braucht den alternden Chefredakteur mehr; nach all den Jahren, die Strittmatter für die Zeitung und die Leser unterwegs war. Strittmatter passt nicht mehr in die heutige Zeit, und schon gar nicht kommt er mit der Art klar, wie heute Zeitungen designt und «abgefüllt» werden. 

Es ist dies eine Geschichte der Erinnerungen und der Abrechnung mit sich selber. Welchen Platz hat man im Leben eingenommen, was bleibt zurück von einem Lebenswerk, wo und wen hat man geliebt und vor allem: Von wem wurde man wiedergeliebt? Es sind Erinnerungen auch daran, wie noch vor wenigen Jahrzehnten Zeitungen gemacht  wurden, wie man sich als Schreiberling das erste Zeilengeld verdiente, wie man sich hinaufarbeitete. Strittmatter wühlt sich einen Abend lang durch alte Ordner, geht seiner eigenen Geschichte anhand alter Zeitungsartikel nach, wühlt sich durch vergilbtes Papier. Er war lange als Kriegskorrespondent tätig. Doch jetzt fragt er sich, was von diesem Leben zwischen Terror, schnellem Sex, beruflichem Anspruch und der Suche nach Glück geworden ist. Was bleibt? Ein paar Ordner und die schmerzliche Erinnerung an eine Frau, die er nicht halten konnte. 

Es ist eine Geschichte voller Wehmut, teilweise etwas larmoyant, was natürlich Strittmatters grosszügigem Alkoholkonsum in diesen Stunden zuzuschreiben ist. Hier ein Textauszug:

«Nein, Strittmatter sei ehrlich! Jetzt, in diesem Moment der Wahrheit, kannst du ehrlich sein; du brauchst dir nichts mehr vorzumachen. Du hast die Chancen nicht genutzt; du hast nur Altpapier produziert, für das sich niemand mehr interessiert. Zwar hast du einen Ruf gehabt, damals, als du noch Journalist warst und nicht der Ausführungsgehilfe des publizistischen Niedergangs und der Verwalter der wirtschaftlichen Misere wie heute. Aber du hast diesen Ruf nicht verdient. Hat vielleicht, hat wenigstens diese eine Reportage überlebt, irgendwo? Und könnte sie eines Tages wieder auftauchen…»

Die Stärken des Romans liegen klar in den realistischen Schilderungen der Wirren, in denen sich Kriegsreporter bewegen mit verheerenden Auswirkungen auf die vermeintlich unbeteiligten Berufsleute der Informationsbranche. Vogel konnte hier eindeutig aus seinem reichen Erfahrungsschatz schöpfen. Beinahe schon vergessene Konflikte tauchen vor des Lesers Auge auf und man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wie es der Mensch immer wieder schafft, solche weltbewegenden Schrecknisse zu verdrängen oder zu vergessen. In seinem Nachdenken über die Vergangenheit springt Strittmatter von Explosionen zu Flirts, von Begegnungen mit politischen Akteuren zu Liebesabenteuern.

Titel: Der Zeitungsmann, dem die Sprache verloren ging, Roman, 285 Seiten, gebunden

Autor: Artur Kilian Vogel

Verlag:  Cameo, Bern, 2021

ISBN 978-3-906287-87-4, Fr. 29.90, Euro 29.-

Kurz zusammengefasst: Chefredakteur Strittmatter lässt sein Leben episodisch an sich vorüberziehen. Weinseligkeit kommt keine auf. Dafür stellt sich Strittmatter seiner Vergangenheit. Der Abend endet mit einem grossen Feuer.

Für wen: JournalistInnen mit einem Idealbild von diesem Beruf und anderen, denen es ab und zu die Sprache verschlägt.

Voll verspiegelt und Vorhangspiele

Und hier noch zwei Werke, auf die ich euch gerne aufmerksam mache, zum einen, weil meine Kollegin Susanne Mathies und weitere Freunde, zum anderen, weil ich selbst daran beteiligt bin. Also: etwas Werbung in eigener Sache.

Dieser Tage fand in Zürich die Vorstellung der Spiegel-Anthologie statt. Es ist dies bereits die vierte Kurzgeschichtensammlung, die der litac-Verlag in der Unterirdischen Reihe herausgibt. Dreissig Texte sind darin versammelt, in denen es um hinterhältige, ver- und beschlagene, verlogene, geheimnisvolle Spiegel geht. Nicht immer ist das, was einem entgegenspiegelt, das was man zu sehen erwartet. 

Zu kaufen im litac-Verlag, www.litac.info, ISBN 978-3-952-484-944, Fr. 15.90 oder im Buchhandel.

(Das Spiegelbild oben hat Susanne Mathies an der Buchvernissage vom Mittwoch, 20. Oktober er, in Zürich gemacht.)

Vorhang auf zum 2022

Des weiteren und alle Jahre wieder empfehle ich die orte-Poesie-Agenda. Susanne, der orte-Verlag, Dichter, Dichterinnen, Fotografen, Künstler und ich haben wieder keine Mühe gescheut, eine luftig-lockere Mischung von Gedichten, Bilder, Fotos usw. zu einer Agenda zusammenzustellen, die euch durchs nächste Jahr begleiten soll. Hier das Editorial, das euch gluschtig machen soll:

Vorhang auf, das neue Jahr beginnt! Und keine Sorge darüber, was hereinfliegen könnte – wir haben einen Corona-Filter vor diese Agenda gesetzt, durch den höchstens eine kleine Maske schlüpfen könnte. In den diesjährigen Gedichten wehen und hängen viele Vorhänge. Sie warten darauf, zur Seite gezogen zu werden und den Blick auf die Welt vor dem eigenen Fenster freizugeben. So wird die Sicht frei auf die Erde, auf üppige Kürbisse und rotbackige Äpfel, aber auch in den Sternenhimmel, in dem sogar einige Engel auszumachen sind.

Zu kaufen beim Verlagshaus Schwellbrunn verlagshaus-schwellbrunn.ch und in jedem Buchladen. Kostenpunkt 18 Franken. ISBN 978-3-85830-286-1

Dieses angeschlagene Obst schmeckt gut

Das Cover zeigt Birnen: gelbe, mit grünen und braunen Flecken. Eine Sorte, die es wohl kaum in einem Geschäft zu kaufen gibt. Eine alte Sorte, denn so lautet der Titel des Romans von Ewald Arenz: Alte Sorten. Man könnte nun davon ausgehen, dass das Obst in dem Roman eine tragende Rolle spielt. Doch nein. Ein Birngarten kommt zwar vor. Auch wie man aus Birnen Branntwein zaubert. Sogar zwei Menschen gibt es, die das Obst lesen und verarbeiten. Ansonsten ist birnenmässig nicht viel los. 

Der zweite Gedanke wäre, dass es sich bei den alten Sorten um Menschen handelt, die entwicklungsmässig im letzten oder vorletzten Jahrhundert stehengeblieben sind. Mit den modernen Zeiten nicht mitkommen. Auch dieser Schluss ist zumindest halbwegs ein Irrläufer. Es geht in dieser Story zwar um Menschen mit Problemen, doch die sind anderer Art. Die Rede ist von Liss und Sally.

Sally ist jung und Borderlinerin. Eigentlich gibt es nichts, worüber sie sich nicht masslos aufregen kann. Vor allem ihre Mitmenschen machen sie wütend. Liss könnte vom Alter her Sallys Mutter sein; sie spürt in sich einen unbändigen Freiheitsdrang und ist mit ihrem geregelten Leben unzufrieden. Beide Frauen haben Mühe sich an- und einzupassen. Birnenmässig gesprochen, haben sie den einen oder anderen Fleck, der sie für die Supermarktauslage ungeeignet macht.

Ewald Arenz führt die jugendliche Streunerin Sally und die unglückliche Bäuerin Liss zusammen. Die Umgebung könnte – zumindest vordergründig – idyllischer kaum sein. Man stelle sich so etwas wie Bayern vor, ein paar Hügel, Bauern auf Traktoren, im Hintergrund einige überdimensionierte Windkrafträder. Viel Weite, viel Landschaft. Hier finden die beiden Frauen so nach und nach über das gemeinsame Tun auf dem Feld, über kurze Gespräche, über kleine Momente des Seins zueinander, in denen sich ihre Verletzlichkeit und ihre Narben offenbaren. Brüchig und zaghaft am Anfang, wird die Freundschaft durch einen Moment der Krise gestärkt. 

Ewald Arenz beschreibt einfache Alltagssituationen. Nichts ist aufgeregt. Bilder tauchen auf, verblassen wieder. Jeden Morgen ist das Leben auf dem Land gleich und doch etwas anders als am Tag zuvor. Wir sehen Liss im Türrahmen stehen. Eine Tasse Tee in der Hand schaut sie dem Regen zu, den Hühnern auf dem Hof:

«Ein Tag, an dem man die Welt einfach trinken lassen und sie da bei nicht stören sollte. An dem man die Hühner rennen lassen sollte, ohne den Kopf zu schütteln. Ein Tag, an dem man ein Mädchen schlafen lassen sollte, wenn es schlief. Es gab für alles einen Grund, sie sah ihn nur nicht.»

Eine Erzählweise und Sprache, die dem Inhalt des Romans voll und ganz gerecht wird. Wunderbar. Mehr muss dazu nicht gesagt werden. 

Und jetzt wäre ein liebevoll gebranntes Birnenschnäpschen keine schlechte Idee.

Titel: Alte Sorten, Roman, 255 Seiten

Autor: Ewald Arenz

Verlag:  Dumont, Köln, 2021

ISBN 978-3-8321-6530-7, 10 Euro/15.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Zwei Frauen, die in keines der üblichen Strickmuster passen, finden zusammen und akzeptieren sich. 

Für wen: Für alle Früchtchen (nicht nur für Kernobst).

Häusliches Ausland gesucht!

Für einmal geht es hier nicht um Bücher, noch nicht einmal um ein Büchlein.

Es geht um eine Wohnung oder ein Haus. Genauer gesagt, um eine Wohnung oder ein Haus irgendwo im europäischen Ausland: Frankreich, England, Portugal, Dänemark, Slowenien, Griechenland ­– völlig egal, wie das Land auch heissen mag, Hauptsache die Behausung ist schön gelegen, gut eingerichtet, mit Privatsphäre und was man sich so alles erträumt. Wasser zum Beispiel, nicht nur von oben, sondern vielleicht auch in Form eines Gewässers. So ein kuscheliges, hübsches Feriending halt. 

So eins würden wir – ich und mein Ehegespons – nämlich gerne im kommenden Jahr für drei Monate mieten. Sofern die coronöse Lage es zulässt.

Vielleicht hat ja jemand von euch so ein Schmuckstück und sagt sich: «Bin eh nicht die ganze Zeit dort, besser ich vermiete es an diese Bücher-Bloggerin, die schaut dann wenigstens drei Monate zu allem und mein Haus fühlt sich derweil nicht so einsam.» 

Win-win.

Also: Meldet euch, wenn Ihr sowas habt, ich warte gespannt auf Vorschläge. Ihr müsstet dann nur noch sagen, welche drei Monate das Objekt für uns zu haben wäre und wieviel es kosten würde, dort zu leben. Antworten bitte hierhin: 

daswortzumbuch@gmx.ch

Ich freue mich auf Vorschläge.

Wer macht den besten Gammelhai?

Ein humorvoller Blick auf das menschliche Zusammenleben an einem abgelegenen Ort, gepaart mit philosophischen Gedanken eines Protagonisten, der in seinem isländischen Dorf wegen seiner intellektuellen Schlichtheit und seines Gammelhais bekannt ist: Dies ist Kalmann, der bei Diogenes erschienene Roman von Joachim B. Schmidt.

Schmidt erzählt aus der Sicht von Kalmann Òdinsson. Kalmann lebt allein im Haus seines Grossvaters im Fischerdorf Raufarhöfn, das ganz im Norden Islands liegt. Der Ort hat schon bessere Zeiten gesehen. Wer kann, lebt lieber anderswo. Ausser Kalmann. Für ihn ist Raufarhöfn genau richtig: Hier spielt er Dorfsheriff, in der Umgebung geht er auf die Jagd, im Hafen liegt sein Boot, mit dem er hinausfährt, um Grönlandhai zu fangen. Hier steht auch die Bude, in welcher er den besten Gammelhai Islands fabriziert. Das einzige was Kalmann zu seinem Glück noch fehlt, ist eine Frau. Doch Frauen sind rar in Raufarhöfn. Immerhin hat Kalmann einen richtigen Freund. Der ist zwar ein Sonderling wie Kalmann selbst, kommt aber in Computerdingen draus wie kein anderer.

Doch dann passiert etwas: Kalmann ist auf der Fuchsjagd und findet eine grosse Blutlache im Schnee. Der Dorfkönig Robert McKenzie ist und bleibt verschwunden. Ist etwa ein Eisbär von Grönland nach Island geschwommen und hat Robert aufgefressen?

Der Autor spielt in Kalmann mit Krimielementen, die zwar die Handlung vorantreiben, aber ohne dieHauptrolle zu übernehmen. Die gehört auf jeden Fall der Figur Kalmann. Man ist sich bei ihm nie sicher, ist er so naiv wie er daherkommt, nämlich mit Sheriffstern und – ungeladenem – Revolver, oder doch schlauer, als es die Polizei erlaubt. Kalmanns schulische Leistungen mögen bescheiden gewesen sein, doch er hat seinem Grossvater gut zugehört und weiss deshalb, wie man durchs Leben kommt. Gut, das mit der Impulskontrolle funktioniert nicht immer, vor allem dann nicht, wenn man mit Kalmann zu laut spricht. Aber ansonsten hat Kalmann das Leben im Griff.

Wunderbar, welch herrlich normal-schräge Figuren Schmidt in seinem Roman auftauchen lässt: Da wäre zum Beispiel Bragi, der Dichter, der mehr zu wissen scheint über das Verschwinden von Robert McKenzie. Oder die Plaudertasche Magga, mit der eine Autofahrt nach Húsavík ganz schön anstrengend wird. Oder die Polizistin Brina, in deren Nähe es Kalmann nicht recht wohl ist, obwohl sie ihn fasziniert. Oder die Litauer, eine Gruppe von Gastarbeitern, bei denen sich jeder fragt, was genau sie in den isländischen Norden verschlagen hat. Beschrieben wird dieser Mikrokosmos in einer Sprache, die zur Gedankenwelt von Kalmann passt: Geradeheraus, schlicht, gewitzt.

Titel: Kalmann, gebunden, 350 Seiten

Autor: Joachim B. Schmidt 

Verlag: Diogenes, 2020

ISBN 978-3-257-07138-2, Fr. 32.00/Euro 22.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Raufarhöfn mag zwar weit weg von allem sein, aber es ist doch mitsamt seiner Einwohnerschaft ziemlich von dieser Welt. Dies die Kürzestfassung von Kalmann, einem humorvoll-abgründigen Roman, in dessen Mittelpunkt ein Grönlandhaifischer steht, der es vom Dorforiginal zum Fernsehstar und schliesslich zum Retter einer Staatsbeamtin bringt. 

Für wen: Dass man Gammelhai mag, ist keine Vorbedingung, diese Geschichte ein reines Vergnügen zu finden.

Lieber ein Pferd als einen Mann

Mein Lesejahr habe ich mit einfacher Kost beginnen wollen. Das ist, zumindest was das Lesen als solches anbelangt, gelungen. Bei der Stoffauswahl hätte man durchaus Leichteres gefunden. Die Liebe im Ernstfall von Daniela Krien ist was der Titel verspricht: eine ernste Sache. Im Mittelpunkt eine Handvoll Frauen und ihre Wechselfälle in Sex und Liebe. 

Paula hat ein Kind verloren und die Ehe mit Ludger geht in die Brüche. Das liegt nicht nur am gemeinsamen Verlust. 

Die Ärztin Judith sucht sich ihre männlichen Kontakte im Internet nach Matching-Points aus. Freundschaften mit Männern dauern bei ihr nie lange. Da ist ihre Beziehung zu Pferden langlebiger. 

Ihre Freundin Brida hat das grosse Liebesglück gefunden. Sie hat zwei Kinder und einen Mann, der sie innig liebt. Alles in Butter? Denkste. Als moderne Frau hat sie andere Vorstellungen von sich. 

Malika und Jorinde sind ungleiche Schwestern. Erstere ist Schauspielerin auf dem Weg zum beruflichen Erfolg, letztere schlägt sich als Geigenlehrerin durch. Malikas einzige Beziehung zu einem Mann endete in einem Nervenzusammenbruch. Jorinde hat sich einen Narzissten erster Güte geangelt. 

Fünf Frauen mittleren Alters im Spannungsfeld von Bedürfnissen, Erwartungen, gesellschaftlichen Normen, beruflichen Herausforderungen, sexuellen Begierden und – als wäre das nicht schon genug – Partnerschaften, die „nicht bringen“, was sie versprachen. Daniela Krien verbindet die fünf Frauenschicksale mit einem lockeren, aber etwas gekünstelt wirkenden Band: Man kennt sich, zur Not auch über fünf Ecken. 

Seltsamerweise beschäftigt mich von den fünf Frauen Judith am stärksten. Daniela Krien schuf mit ihr eine unterkühlte Figur, die sich die professionelle Nüchternheit, mit der sie ihren Beruf als Ärztin angeht, auch in ihrem Privatleben zu eigen gemacht hat. Leidenschaft lebt sie auf dem Pferdehof aus. Männer wählt sie nach Kriterien aus, die sie auch bei der Wahl eines Pferdes hernehmen würde. In Beziehungen zu Männern bringt sie sich gerade so weit ein, dass der jeweilige Auserkorene nicht in den ersten fünf Minuten davonrennt. Wer ihren analytischen Verstand nicht aushält, erntet beissenden Spott. Für Judith ist das Internet der Raum, wo sie sich nach Männern umschaut:

„Sie macht sich einen Salat, dann loggt sie sich ein und schaut nach den neuesten Partnervorschlägen. Ihren nächsten Geburtstag möchte sie nicht allein verbringen.“

Doch selbst Judith, die nichts und niemanden an sich heranlässt, nicht einmal das Kind, das in ihr zu wachsen beginnt, sieht sich angesichts eines offensichtlich glücklichen Paares mit Neidgefühlen konfrontiert. Dagegen scheint selbst ein analytischer Verstand nicht gefeit zu sein. Immerhin scheint mir Judith der ehrlichste Charakter unter den fünf zu sein. Und sie hat Witz.

Sollen diese Frauen das Abbild einer modernen, städtischen Gesellschaft sein? Zerrissen zwischen eigenen und fremden Ansprüchen. Frauen, die alles wollen: einfach zu handhabende Kinder, einen Mann, der sie auf Händen trägt, einen erfüllenden Beruf, Anerkennung, Wahnsinnssex und – unbedingt – Glück. Wo zum Teufel, frage ich mich, kommt eine solche Anspruchshaltung her? 

Dass Glück von innen und nicht von aussen kommt, beweisen am Ende die beiden Schwestern Malika und Jorinde, womit dieses Buch immerhin mit einem Hoffnungsschimmer endet. 

Für den Jahresanfang dürfte dies Erkenntnis genug sein.

Titel: Die Liebe im Ernstfall, Roman, 286 Seiten, Paperback

Autorin: Daniela Krien

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-24547-9, Fr. 30.–/Euro 22.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Aufstehen, Krönchen zurechtrücken, ist das Motto von Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde. Sie verlangen viel vom Leben, und dieses verlangt viel von ihnen. Die Sorgen und Nöte von Frauen in unserer modernen Gesellschaft. Manchmal wünschte ich mir mehr Lockerheit und Humor in diesem Roman, denn damit lässt sich der Ernstfall am ehesten aushalten.

Für wen: Für alle, die sich fragen, wo und wann wir die Freude am schlichten Sein verloren haben.

Lest ihr noch oder kollert ihr schon?

Auf meinen Aufruf hin, mir doch bitte Vorschläge mit Büchern zu liefern, hat sich der Posteingang nicht gerade überschlagen. Es geht euch doch hoffentlich nicht wie mir? Ihr lest doch noch, oder habt ihr auch den Corona-Koller? Es wird doch noch wirklich gute, nachhallende Bücher geben?

Letztere Frage stelle ich mir hin und wieder.

Immerhin ein paar Vorschläge sind eingetroffen. Ich möchte es nicht unterlassen, sie euch vorzulegen.

Hier die Liste:

Drachensaat, Jan Weiler

Aufzeichnungen eines Serienmörders, Young-Ha Kim

Homeland Elegie, Ayad Akthar

Streulicht, Deniz Ohde

Der Bandoneonspieler, Vincenzo Todisco

Und von mir kommt auch noch ein Vorschlag.

Die Geschichte der Belagerung von Lissabon, José Saramago.

Das Buch ist zwar nicht neu, aber reinstes sprachliches Vergnügen, für alle, die es ausschweifend, abschweifend und überhaupt schweifend mögen. Wenn ihr jetzt an den Morgenstern denkt, liegt das aber nicht am Buch, sondern an der Jahreszeit.

Habt ihr noch weitere Ideen? Dann her damit. daswortzumbuch@gmx.ch oder die Kommentarspalte auf der Blogseite sind offen und vermögen einiges zu fassen.

Ich grüsse alle da draussen. Tragt euch und anderen Sorge und bleibt gesund und lesefreudig.

Poesie-Agenda wartet auf Dich

Sicher habt ihr es schon festgestellt: Ich mache gerade sowas wie eine Pause vom Lesen. Zum einen liegt es an den Büchern, die vor mir liegen und so gar keinen Spass machen wollen, zum anderen bin ich in einem geistigen Lockdown, den ich mit Weihnachtsguetzlibacken, Netflixen und Stricken zu überbrücken versuche. Ob das was wird?

Für euch habe ich aber dennoch etwas. Ich verschenke fünf kultige orte Poesie-Agenden für das kommende Jahr. Was ihr dafür tun müsst:

Schickt mir einen Buchtipp. Gesucht ist er Titel von Büchern, die ich unbedingt lesen sollte. Auf dass mein geistiger Lockdown bald ein Ende hat …

Eure Mail geht an folgende Adresse: daswortzumbuch@gmx.ch.

Die ersten fünf Einsender/Einsenderinnen werden bald eine Poesie-Agenda 2021 in den Händen halten. Vergesst eure Anschrift nicht. Achtung, fertig, los….

Das Gepäck, das wir mit uns schleppen

Das abschätzige Wort „Bagage“ als Bezeichnung für eine Familie, so will mir scheinen, wird heute kaum mehr verwendet. Allerdings ist es mir aus der Kindheit wohlbekannt, begleitet von einem Geruch nach ungewaschener Kleidung und schlecht belüfteten Räumen sowie Bildern von schattigen Winkeln, Münzautomaten für Strom, laufenden Kindernasen. Bagage bedeutet aber auch Gepäck und erinnert an schlecht verschnürte Kartons und überquellende Koffer. Im Roman Die Bagage von Monika Helfer steht das Wort auch für alles, was wir als (Familien-)Geschichte in uns tragen, oft genug, ohne uns darüber im klaren zu sein.

Monika Helfers Bagage ist zwar arm und lebt an einem Schattenplatz, aber die Familie, um die es hier geht, ist über die Massen reinlich, reinlicher als alle anderen im Bregenzerwälder Dorf, dem ländlich-abgelegenen Schauplatz des Romans. Monika Helfer erzählt aus der Ich-Perspektive, schliesslich trägt der Roman autobiographische Züge. Hauptsächlich erzählt wird die Geschichte der Grossmutter Maria. Sie lebt mit ihrem Mann Josef und den Kindern ausserhalb des Dorfes. Ein ausnehmend schönes und glückliches Paar, allerdings auch rätselhaft, fremdartig und gefürchtet. Das Jahr 1914 bringt den Krieg und den Stellungsbefehl für Josef. Die Familie ist auf Almosen und das Wohlwollen des Bürgermeisters angewiesen. Als der Krieg vorbei ist hat Maria ein Mädchen zur Welt gebracht. Im Dorf wird geredet: dass Josef wohl kaum als Vater in Frage komme, obwohl er zweimal auf Fronturlaub zu Hause war. Zwei Männer gingen bei Maria ein und aus. Ein Deutscher und der Bürgermeister. In Josef ist der Zweifel gesät. Er wird dieses Kriegskind seiner Lebtag nie anschauen.

Das sind Dinge, über die in einer Familie lieber geschwiegen, als geredet wird. Doch soviel auch verheimlicht wird: Längst vergangene Ereignisse wirken nach. Monika Helfer setzt ihre Familiengeschichte aus Bruchstücken zusammen; aus dem, was sie aus ihrer betagten Tante Kathe herausgekitzelt hat, aus ihren eigenen Bildern, Empfindungen, Erlebnissen mit Onkeln und Tanten. Sie erfindet Dialoge, die vielleicht so, vielleicht aber auch anders stattgefunden haben. Sie greift auf die Wortwahl ihrer Tante zurück, wohlwissend, dass in der Erinnerung manche Geschichten grösser werden, andere kleiner, als ihnen zukommt. Und so werden Marias Kinder zu tapferen Helden: Hermann, der besser mit Tieren kann als mit Menschen, Lorenz, vor dem sich selbst der Bürgermeister in acht nehmen muss, Katharina, die im Notfall schon mal lügt, dass sich die Balken biegen. Schliesslich geht es ums Überleben. 

Helfers Erzählstil ist unprätentiös. Sie streift in ihrem Berichten durch die Jahrzehnte, greift mal diesen Lebensstrang auf, mal jenen. Und sie stellt sich die Frage: „Wann und wo endet die Bagage? Gehöre ich noch dazu? Gehören meine Kinder noch dazu?“

Titel: Die Bagage, gebunden, 159 Seiten

Autorin: Monika Helfer

Verlag: Hanser, 2020

ISBN 978-3-446-265-622, Fr. 28.90/Euro19.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Maria ist wunderschön. Ihr Mann wird in den Ersten Weltkrieg eingezogen. Es ist kein Geld im Haus, Maria hat drei Kinder zu versorgen. Der Bürgermeister des Bregenzerwälder Dorfes bietet Hilfe an. Er ist aber nicht der einzige, der ein Auge auf Maria geworfen hat. Ein Buch über das Leben auf dem Lande, wo jeder jeden kennt, wo jeder weiss, was der andere gerade denkt oder tut. Und weiss man es nicht, so erfindet man etwas. So werden aus Familien Bagagen und aus Bagagen Familien.

Für wen: Stammen Sie aus einer Bagage? Dann ist das sicherlich auch Ihre Geschichte.

Die Kunst des gekonnten Weglassens

Ich hätte es wissen müssen: Wenn einer wie Andreas Caminada ein Kochbuch mit „meine einfache Küche“ untertitelt, geht es nicht darum, mir das Kochen einfach zu machen. Und schon gar nicht darum, auf die Schnelle etwas auf den Tisch zu hexen. Nix da! Wählerischer Einkauf, Vorbereitung und Einsatz müssen schon sein. Und so wird selbst ein einfacher Gemüsesalat aus Karotten, Pastinaken, Kohlraben, Randen und Fenchel zu einer Angelegenheit, bei der Köchin und Backofen ins Schwitzen geraten und zahlreiches Gerät und Techniken zum Einsatz kommen. 

Dasselbe Prinzip findet sich auch beim Spargelsalat. Spargel roh, Spargel gekocht, Spargel grün, Spargel weiss, Spargel eingelegt. Was im Endeffekt einen Salat ergibt, der nicht nur allerhand Geschmacksvarianten bietet, sondern auch Beisseffekte. 

In „Pure Leidenschaft, meine einfache Küche“ wird konfiert, angebraten, mariniert, aromatisiert, glasiert, passiert und eingelegt, es ist eine wahre Freude. Dabei sehen die Rezepte ganz harmlos aus. Doch spätestens beim Essen wird klar: So kocht nur einer, der sich nicht bloss über das Hinzufügen, sondern mindestens gleicherweise über das Weglassen Gedanken macht.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstand, was Andreas Caminada mit „einfach“ meint. Die Zutaten sind in der Tat einfach, und die Umsetzung der Rezepte erfordert ausser Zeit und Willen auch keine Zauberkünste. Die meisten Zutaten sind im eigenen Umfeld zu bekommen, wenn auch vielleicht nicht in der Qualität, die Caminada dank Speziallieferanten verlangt. Gemüse, Kräuter, Fleisch, Milch- und Getreideprodukte: Caminada verarbeitet, was hierzulande wächst und gedeiht. Seine Rezepte in diesem Buch suchen keine Exotik und Effekthascherei ist ihnen fremd. Caminada arbeitet mit einem Minimum an Zutaten und Gewürzen. Diese wenigen aber werden gezielt eingesetzt. Zum Beispiel setzt er gerne ein Aromaöl aus einem im Rezept bereits verwendeten Gewürzkraut ein. Das verleiht der Speise zusätzliche Tiefe.

Was habe ich bis jetzt nachgekocht:

Kalbsrahmgulasch. Ich schwör’s, beim Lesen des Rezepts hat meine Waage ein lautes Stöhnen von sich gegeben. Auf ein Kilo Fleisch nimmt der Meister 200 Gramm Butter, zum Abschmecken des Gerichts einen halben Liter Rahm. Mit Rahm und Butter zu sparen wäre falsch, meint Caminada. Also tapfer die Zwiebeln in Butter goldgelb geröstet und rein mit den Rahmkalorien. Das Resultat: ein feines Gulasch, das durch die Beigabe von Kümmel eine spezielle Note bekommen hat. 

Weil es kalorienmässig gerade Wurscht war, ging die Testreihe weiter mit Schweinebauch mit BBQ-Creme. Mein allererster Schweinebauch, also habe ich mich getreulich ans Rezept gehalten. Fazit: Benötigt viel Zeit, ist aber tatsächlich einfach zu bewerkstelligen, schmeckt herrlich, mit knusperiger Haut. Die BBQ-Creme vereint alle Geschmacksrichtungen. Perfekt für Leute, die gegen Speck nichts einzuwenden haben.

Mein persönliches Highlight war Testessen Nr. 3: Gnocchi in Petersiliensauce. Ich gebe es zu, das Petersilienöl dazu habe ich weggelassen, das Petersilienpüree habe ich nicht durch ein feines Sieb gestrichen, und anstelle von Röslerkartoffeln mussten hundsgewöhnliche Bintje herhalten. Trotz all dieser Frevelei haben wir die Platte mit den Gnocchi ratzfatz leergegessen. Kurzum: Ein Hit, sowohl was die Konsistenz der Kartoffelgnocchi angeht, als auch die (rahmunterstützte, was sonst) Petersiliensauce. Zum Glück gedeiht mein Petersilienstock dieses Jahr prächtig.

Ein paar Rezepte muss ich mir für den Herbst aufsparen. Es wartet noch ein Wildterrine, ein Hirschrücken mit Steinpilzen. Oder die „weltbeste Gerstensuppe“. Und Dörrbirnenravioli. Bis im Herbst werde ich auch rausgefunden haben, was Krauseminze ist und was Rauchöl.

Ein Kochbuch, in dem es sich gerne blättert. Prachtvolle Bündner Landschaftsbilder machen Lust auf Wanderungen. Besonders sympathisch: Caminada porträtiert ein paar seiner Lieferanten und stellt ihre Spezialitäten vor. Viehzüchter, Jäger, Bauern, Gemüsebauern, Fischer, die gleichfalls ihre Arbeit mit einer gehörigen Portion Leidenschaft verrichten und sich dabei gerne weiterentwickeln.

Titel: Pure Leidenschaft, meine einfache Küche, Leineneinband

Autor: Andreas Caminada, mit Fotografien Gaudenz Danuser

Verlag: atverlag, 2020, at-verlag.ch 

ISBN 978-3-03902-028-7

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kulinarisches Bündnerland von  Capuns/Maluns bis Gersten- und Brotsuppe, dazu das eine oder andere, was man im Bündnerland nicht erwarten würde. Einfache Zutaten, ohne Firlefanz , aber stets mit einer speziellen Note. Ausprobieren lohnt sich, auch wenn es etwas Einsatz kostet. Oder gerade deshalb. Ansonsten eine gute Idee: Buch verschenken und sich einladen lassen.

Für wen: Für alle, die schon immer mal bei Caminada einkehren wollten, aber sich bisher nicht nach Fürstenau/Schloss Schauenstein getrauten. Dieses Buch macht definitiv Lust auf einen Restaurantbesuch.