Das Gepäck, das wir mit uns schleppen

Das abschätzige Wort „Bagage“ als Bezeichnung für eine Familie, so will mir scheinen, wird heute kaum mehr verwendet. Allerdings ist es mir aus der Kindheit wohlbekannt, begleitet von einem Geruch nach ungewaschener Kleidung und schlecht belüfteten Räumen sowie Bildern von schattigen Winkeln, Münzautomaten für Strom, laufenden Kindernasen. Bagage bedeutet aber auch Gepäck und erinnert an schlecht verschnürte Kartons und überquellende Koffer. Im Roman Die Bagage von Monika Helfer steht das Wort auch für alles, was wir als (Familien-)Geschichte in uns tragen, oft genug, ohne uns darüber im klaren zu sein.

Monika Helfers Bagage ist zwar arm und lebt an einem Schattenplatz, aber die Familie, um die es hier geht, ist über die Massen reinlich, reinlicher als alle anderen im Bregenzerwälder Dorf, dem ländlich-abgelegenen Schauplatz des Romans. Monika Helfer erzählt aus der Ich-Perspektive, schliesslich trägt der Roman autobiographische Züge. Hauptsächlich erzählt wird die Geschichte der Grossmutter Maria. Sie lebt mit ihrem Mann Josef und den Kindern ausserhalb des Dorfes. Ein ausnehmend schönes und glückliches Paar, allerdings auch rätselhaft, fremdartig und gefürchtet. Das Jahr 1914 bringt den Krieg und den Stellungsbefehl für Josef. Die Familie ist auf Almosen und das Wohlwollen des Bürgermeisters angewiesen. Als der Krieg vorbei ist hat Maria ein Mädchen zur Welt gebracht. Im Dorf wird geredet: dass Josef wohl kaum als Vater in Frage komme, obwohl er zweimal auf Fronturlaub zu Hause war. Zwei Männer gingen bei Maria ein und aus. Ein Deutscher und der Bürgermeister. In Josef ist der Zweifel gesät. Er wird dieses Kriegskind seiner Lebtag nie anschauen.

Das sind Dinge, über die in einer Familie lieber geschwiegen, als geredet wird. Doch soviel auch verheimlicht wird: Längst vergangene Ereignisse wirken nach. Monika Helfer setzt ihre Familiengeschichte aus Bruchstücken zusammen; aus dem, was sie aus ihrer betagten Tante Kathe herausgekitzelt hat, aus ihren eigenen Bildern, Empfindungen, Erlebnissen mit Onkeln und Tanten. Sie erfindet Dialoge, die vielleicht so, vielleicht aber auch anders stattgefunden haben. Sie greift auf die Wortwahl ihrer Tante zurück, wohlwissend, dass in der Erinnerung manche Geschichten grösser werden, andere kleiner, als ihnen zukommt. Und so werden Marias Kinder zu tapferen Helden: Hermann, der besser mit Tieren kann als mit Menschen, Lorenz, vor dem sich selbst der Bürgermeister in acht nehmen muss, Katharina, die im Notfall schon mal lügt, dass sich die Balken biegen. Schliesslich geht es ums Überleben. 

Helfers Erzählstil ist unprätentiös. Sie streift in ihrem Berichten durch die Jahrzehnte, greift mal diesen Lebensstrang auf, mal jenen. Und sie stellt sich die Frage: „Wann und wo endet die Bagage? Gehöre ich noch dazu? Gehören meine Kinder noch dazu?“

Titel: Die Bagage, gebunden, 159 Seiten

Autorin: Monika Helfer

Verlag: Hanser, 2020

ISBN 978-3-446-265-622, Fr. 28.90/Euro19.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Maria ist wunderschön. Ihr Mann wird in den Ersten Weltkrieg eingezogen. Es ist kein Geld im Haus, Maria hat drei Kinder zu versorgen. Der Bürgermeister des Bregenzerwälder Dorfes bietet Hilfe an. Er ist aber nicht der einzige, der ein Auge auf Maria geworfen hat. Ein Buch über das Leben auf dem Lande, wo jeder jeden kennt, wo jeder weiss, was der andere gerade denkt oder tut. Und weiss man es nicht, so erfindet man etwas. So werden aus Familien Bagagen und aus Bagagen Familien.

Für wen: Stammen Sie aus einer Bagage? Dann ist das sicherlich auch Ihre Geschichte.

Die Kunst des gekonnten Weglassens

Ich hätte es wissen müssen: Wenn einer wie Andreas Caminada ein Kochbuch mit „meine einfache Küche“ untertitelt, geht es nicht darum, mir das Kochen einfach zu machen. Und schon gar nicht darum, auf die Schnelle etwas auf den Tisch zu hexen. Nix da! Wählerischer Einkauf, Vorbereitung und Einsatz müssen schon sein. Und so wird selbst ein einfacher Gemüsesalat aus Karotten, Pastinaken, Kohlraben, Randen und Fenchel zu einer Angelegenheit, bei der Köchin und Backofen ins Schwitzen geraten und zahlreiches Gerät und Techniken zum Einsatz kommen. 

Dasselbe Prinzip findet sich auch beim Spargelsalat. Spargel roh, Spargel gekocht, Spargel grün, Spargel weiss, Spargel eingelegt. Was im Endeffekt einen Salat ergibt, der nicht nur allerhand Geschmacksvarianten bietet, sondern auch Beisseffekte. 

In „Pure Leidenschaft, meine einfache Küche“ wird konfiert, angebraten, mariniert, aromatisiert, glasiert, passiert und eingelegt, es ist eine wahre Freude. Dabei sehen die Rezepte ganz harmlos aus. Doch spätestens beim Essen wird klar: So kocht nur einer, der sich nicht bloss über das Hinzufügen, sondern mindestens gleicherweise über das Weglassen Gedanken macht.

Ich habe eine Weile gebraucht, bis ich verstand, was Andreas Caminada mit „einfach“ meint. Die Zutaten sind in der Tat einfach, und die Umsetzung der Rezepte erfordert ausser Zeit und Willen auch keine Zauberkünste. Die meisten Zutaten sind im eigenen Umfeld zu bekommen, wenn auch vielleicht nicht in der Qualität, die Caminada dank Speziallieferanten verlangt. Gemüse, Kräuter, Fleisch, Milch- und Getreideprodukte: Caminada verarbeitet, was hierzulande wächst und gedeiht. Seine Rezepte in diesem Buch suchen keine Exotik und Effekthascherei ist ihnen fremd. Caminada arbeitet mit einem Minimum an Zutaten und Gewürzen. Diese wenigen aber werden gezielt eingesetzt. Zum Beispiel setzt er gerne ein Aromaöl aus einem im Rezept bereits verwendeten Gewürzkraut ein. Das verleiht der Speise zusätzliche Tiefe.

Was habe ich bis jetzt nachgekocht:

Kalbsrahmgulasch. Ich schwör’s, beim Lesen des Rezepts hat meine Waage ein lautes Stöhnen von sich gegeben. Auf ein Kilo Fleisch nimmt der Meister 200 Gramm Butter, zum Abschmecken des Gerichts einen halben Liter Rahm. Mit Rahm und Butter zu sparen wäre falsch, meint Caminada. Also tapfer die Zwiebeln in Butter goldgelb geröstet und rein mit den Rahmkalorien. Das Resultat: ein feines Gulasch, das durch die Beigabe von Kümmel eine spezielle Note bekommen hat. 

Weil es kalorienmässig gerade Wurscht war, ging die Testreihe weiter mit Schweinebauch mit BBQ-Creme. Mein allererster Schweinebauch, also habe ich mich getreulich ans Rezept gehalten. Fazit: Benötigt viel Zeit, ist aber tatsächlich einfach zu bewerkstelligen, schmeckt herrlich, mit knusperiger Haut. Die BBQ-Creme vereint alle Geschmacksrichtungen. Perfekt für Leute, die gegen Speck nichts einzuwenden haben.

Mein persönliches Highlight war Testessen Nr. 3: Gnocchi in Petersiliensauce. Ich gebe es zu, das Petersilienöl dazu habe ich weggelassen, das Petersilienpüree habe ich nicht durch ein feines Sieb gestrichen, und anstelle von Röslerkartoffeln mussten hundsgewöhnliche Bintje herhalten. Trotz all dieser Frevelei haben wir die Platte mit den Gnocchi ratzfatz leergegessen. Kurzum: Ein Hit, sowohl was die Konsistenz der Kartoffelgnocchi angeht, als auch die (rahmunterstützte, was sonst) Petersiliensauce. Zum Glück gedeiht mein Petersilienstock dieses Jahr prächtig.

Ein paar Rezepte muss ich mir für den Herbst aufsparen. Es wartet noch ein Wildterrine, ein Hirschrücken mit Steinpilzen. Oder die „weltbeste Gerstensuppe“. Und Dörrbirnenravioli. Bis im Herbst werde ich auch rausgefunden haben, was Krauseminze ist und was Rauchöl.

Ein Kochbuch, in dem es sich gerne blättert. Prachtvolle Bündner Landschaftsbilder machen Lust auf Wanderungen. Besonders sympathisch: Caminada porträtiert ein paar seiner Lieferanten und stellt ihre Spezialitäten vor. Viehzüchter, Jäger, Bauern, Gemüsebauern, Fischer, die gleichfalls ihre Arbeit mit einer gehörigen Portion Leidenschaft verrichten und sich dabei gerne weiterentwickeln.

Titel: Pure Leidenschaft, meine einfache Küche, Leineneinband

Autor: Andreas Caminada, mit Fotografien Gaudenz Danuser

Verlag: atverlag, 2020, at-verlag.ch 

ISBN 978-3-03902-028-7

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kulinarisches Bündnerland von  Capuns/Maluns bis Gersten- und Brotsuppe, dazu das eine oder andere, was man im Bündnerland nicht erwarten würde. Einfache Zutaten, ohne Firlefanz , aber stets mit einer speziellen Note. Ausprobieren lohnt sich, auch wenn es etwas Einsatz kostet. Oder gerade deshalb. Ansonsten eine gute Idee: Buch verschenken und sich einladen lassen.

Für wen: Für alle, die schon immer mal bei Caminada einkehren wollten, aber sich bisher nicht nach Fürstenau/Schloss Schauenstein getrauten. Dieses Buch macht definitiv Lust auf einen Restaurantbesuch. 

Perserteppich, geknüpft aus Verzweiflung und Liebe

Amir, ein junger Mann, wird von seiner Familie in einer psychiatrischen Anstalt in Teheran wiedergefunden. Er hat im Krieg gegen die Irakis nicht nur Verstand und Erinnerungen verloren, sondern auch einen Arm in den kurdischen Bergen gelassen. 

Shahriar Mandanipur rollt mit Augenstern nicht nur einen Liebesroman in epischer Breite und Länge vor uns aus. Wir bekommen gleichfalls einen Blick in eine uns und wahrscheinlich auch manchem Iraner kaum begreifbare, von patriarchalen Strukturen und Gewalt geprägten Welt, in der es schon ein Frevel scheint, Fragen zu stellen. 

Augenstern spielt zur Zeit der islamischen Revolution und des ersten Golfkriegs, also in den späten Siebzigern und den Achtzigern des letzten Jahrhunderts. Schah Reza Pahlewi wird vertrieben und abgelöst durch eine nicht minder rigorose, doch diesmal religiös motivierte Gewaltherrschaft. Zusätzlich löscht der Krieg mit dem Irak eine ganze Generation junger Männer aus. 

Amir ist unter dem laizistischen Regime Reza Pahlewis gross geworden. Als Sohn einer wohlhabenden Familie geniesst er sämtliche Freiheiten. Er und seine Freunde feiern Feste, trinken, rauchen und lassen kein Mädchen unbehelligt. Doch mit dem Staatsstreich der Mullahs zerfällt Amirs Welt in Bruchstücke. Zusammen mit seiner aufopfernden Schwester versucht er Jahre später, diese Splitter einzusammeln und zusammenzusetzen. Was hat es mit dem Mädchen Khazar auf sich, das durch seine Tagträume geistert? Ist der Goldring, den er vermutlich trug, im Kriegsgebiet geblieben, zusammen mit seinem linken Arm? 

Shahriar Mandanipurs Roman brilliert mit einer poetischen Sprache und der Innensicht eines Landes das nicht recht weiss, wohin es will.  Auch wenn der Roman in einer vergangenen Zeit spielt, so scheint es doch, als legte uns Mandanipur eine Bildstrecke des heutigen Irans vor: Land und Menschen, zerrissen zwischen Moderne und Tradition. Man arrangiert sich mit rigiden Vorgaben und versucht, sie so gut als möglich zu umschiffen. Nach zwei Schritten vor, folgen zwei zurück.

Die ersten zwei Drittel des Romans sind der Erinnerungsarbeit Amirs gewidmet. Langsam (meiner Meinung nach zu langsam) findet er Namen, Adressen, tauchen Erinnerungsbilder auf und bleiben haften. Es hat einen Grund gegeben, weshalb Amir zur Armee gegangen ist. Eine Schuld? Im letzten Drittel nimmt die Geschichte Fahrt auf. Amir findet seinen Freund Pourpirar wieder, der ihn aus den Bergen gebracht hat und dabei selber verletzt wurde. Mit Pourpirar macht er sich auf die Reise zurück in vermintes Gelände. Und findet dort mehr als seinen längst verwesten linken Arm.

Mit Amir hat der Autor eine Hauptfigur geschaffen – eitel, überheblich, unreif, verschwenderisch, wehleidig, undankbar sowie in ständigem sexuellen Notstand – bei dem es zeitweise schwerfällt, ihn als Sympathieträger zu würdigen. Das eine oder andere mag man seinen Traumata zugute halten. Das andere oder eine jedoch regt bei mir eher den Brechreiz an. Hauptsächlich die Art und Weise, wie über Frauen gedacht und geredet wird. Beispielsweise ist selbst Amirs Betrachtung seiner Schwester und sogar seiner Mutter nicht frei von sexuellen Anspielungen. 

Mehr als eindrücklich sind die Szenen aus dem iranisch-irakischen Krieg. Amir ist im Krieg Beobachter: Das macht ihn sowohl zum Akteur und Betroffenen einer schlecht ausgerüsteten Armee, als auch zu jemandem, der eine „Sicht aus Distanz“ auf die Dinge hat.

Titel: Augenstern, gebunden, 443 Seiten

Autor: Shariar Mandanipur, aus dem Englischen von Regina Schneider 

Verlag: Unionsverlag, 2020

ISBN 978-3-293-005-570, Fr. 32.00/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Altes, schönes Leben dahin, Geliebte weg, eine Auspeitschung, ein brutaler Krieg: Kein Wunder wollen weder Amirs Gedächtnis noch sein Verstand mehr mitmachen. Doch da sind die Engel auf seinen Schultern, die alles aufzeichnen, was Amir denkt, sagt und tut. Sie formulieren es mal märchenhaft und voller Poesie, mal ironisch, meist ungeschönt und manchmal brutal. Ein aus vielen tausend feinsten Knöpfen geknüpfter Perserteppich mit etwas langen Fransen.

Für wen: Open-End-FreundInnen.

Drogen: Der langsame Sprung von der Brücke

Eigentlich ein schöner Titel, den sich Demian Lienhard da für seinen Roman ausgedacht hat: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat. Da fängt das innere Kino gleich an, Szenen an die Gehirnleinwand zu werfen. Mütter warnen ja gerne, meist ohne Erfolg, es sei denn jenem, am Ende Recht zu behalten. In Demian Lienhards Buch soll die Mutter Recht behalten. Allerdings wird sie an dieser Tatsache wenig Freude haben. 

Und jetzt kommt es und ich sage es ungern: Durch dieses Buch habe ich mich von Seite zu Seite gequält, zumindest durch die erste Hälfte. Danach hatte ich mich wohl an den (gewöhnungsbedürftigen) Erzählstil gewöhnt.

Doch zuerst zu der Story: Wir schreiben die Achtziger- und ersten Neunzigerjahre. Teenager Alba lebt bei ihrer Mutter, die sie nicht versteht und oft kritisiert. Durch Albas Wohngemeinde geht gerade eine Selbstmordwelle; Schüler springen von der Brücke. Albas geliebter Stiefvater hat sich das Leben genommen, ihre Schwester ist auch tot, ein Vater kommt nicht vor. Das ist bestimmt für den abgestumpftesten Teenie zuviel des Guten, und so wundert es nicht, wenn Alba einen Selbstmord plant, der allerdings nicht gelingt. Doch damit sind wir erst am Anfang der Geschichte. Alba lernt René kennen, einen Goldküstenjungen. Auch seine Schwester ist gestorben. René ist, was man heute wohlstandsverwahrlost nennen würde. Bei beiden jungen Menschen, so liest sich jedenfalls die Story, haben die Eltern versagt. Aber sowas von! 

Was anfänglich nach einer schönen Jugendliebe aussieht, ist der Beginn einer von Toten gesäumten Abwärtsspirale, die ihren Höhepunkt auf dem Zürcher Platzspitz und auf dem Letten findet. 

Es scheint, dass das Thema der damaligen offenen Drogenszene Zürich und die tragischen Folgen der damit verbundenen politischen Entscheide gerade aufgearbeitet wird. Kürzlich ist der Film „Platzspitzbaby“ in die Kinos gekommen, der gleichfalls auf einem Buch basiert. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Drogen weiterhin aktuell ist. Hilfestellung, wie der momentane Missbrauch von Kokain und synthetischer Drogen bekämpft werden kann, bietet Lienhards Buch nicht. Seine Geschichte möchte wohl vor allem aufzeigen, wie das damals war, für jene die mittendrin im Heroinkonsum steckten und welche Gründe sie dorthin führten. 

Damit wären wir wieder bei Alba, einem verzweifelten, depressionsanfälligen Menschen, der nichts mit seinem Leben anzufangen weiss.  Klug ist sie, oft genug auch altklug, manchmal, und das ist beglückend zu lesen, mit frappanter Phantasie gesegnet. Sie reflektiert die Menschen und ihre Umwelt. Es sind meist freudlose, oft sarkastisch-traurige Beobachtungen, welche die sensible Alba anstellt. Aber, und das widerspricht der ihr zugeschriebenen Gescheitheit, die Sprache, die Lienhard für die Erzählstimme (also jener von Alba) wählt, scheint nicht zu ihr zu passen: zu flapsig, zu viele Gemeinplätze, zu sehr den Menschen aufs Maul geschaut, zu sehr einer Jugendsprache nachempfunden, die für mich nicht authentisch rüberkommt. Damit kann ich zur Not leben, aber beim Lesen bin ich ständig über die vielen seltsam verdrehten Sätze gestolpert. Oft als wäre eine Mundarterzählung Wort um Wort ins Hochdeutsche übertragen worden. Auch erschliesst sich mir nicht, weshalb Alba, die zur Uni geht und die Hochsprache sicher beherrscht, auf eine so kindlich-naive Art erzählen sollte. 

Oder da ist die Figur Gerold, der jedem seiner Sätze ein „ja“ anhängt. Spätestens nach dem zehnten „ja“ habe ich mich gefragt, was sich der Autor dabei gedacht hat. Vielleicht weil die Leser sonst nicht merken würden, dass Gerold seine Sätze am liebsten mit einem „ja“ beendet? 

Ganz ohne Spass: Wo zu dick aufgetragen wird, hört bei mir der Spass auf. Dieses Buch scheint mir ein Lehrbeispiel dafür zu sein, dass das Leben selber soviel Unglück über einem Einzelnen ausschütten kann, dass man unweigerlich ausrufen möchte: „Das hält doch keine Menschenseele aus.“ Geschichten aber sollten genau das nicht: Hier heisst es sich beschränken, will man nicht den Kommentar hören: „Unrealistisch.“ 

Und so ein Kommentar im Zusammenhang mit den Unglückseligen vom Platzspitz wäre nun wirklich fehl am Platz.

Titel: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat, Roman, gebunden, 378 Seiten

Autor: Demian Lienhard

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, http://www.fva.de

ISBN 978-3-627-00260-2, FR. 33.90/EURO 28.–

Kurzbewertung: Albas Weg ins Erwachsenenleben ist gesäumt von Todesfällen, von Drogensucht, Verrat und einigem mehr, was die Welt an Schrecknissen aufbieten kann. Jetzt wird alles gut, denkt Alba auf der zweitletzten Seite des Buches. Selber schuld, wer das glaubt. Tragik in jedem Kapitel, eine teilweise nervige Sprache, gepaart mit originell beschriebenen Beobachtungen und treffenden Szenenbeschreibungen.

Für wen: Eine lesende Freundin, auf deren Büchergeschmack ich mich jederzeit gerne verlasse, fand diesen Roman toll. Demnach: Für alle, die anderer Meinung sind als ich. 

Wie oft muss sich Afrikas Gewaltgeschichte noch wiederholen?

Der Elster-Verlag hat den bereits 1968 in Frankreich erschienenen Roman Das Gebot der Gewalt von Yambo Ouologuem neu aufgelegt, ein Werk, dass dannzumal für einige Aufregung – überschwängliches Lob, aber auch Plagiatsvorwürfe – sorgte und die Karriere des aus Mali stammenden Autors massgeblich beeinflusste. Heute kann das erstaunliche Werk frei von solchen Wirbeln gelesen werden. Doch täusche man sich nicht: Dieses Buch wirbelt einen ganz schön durcheinander. Das Gebot der Gewalt ist ein erschütterndes, aber auch literarisch beachtenswertes Werk.

Worum geht es?:

Der Autor, so der Klappentext, „verdichtet knapp achthundert Jahre afrikanischer Geschichte bis in das Jahr 1947, als das fiktive Reich Nakem an der Schwelle zur Unabhängigkeit steht und ein Sohn des Reiches zum Studium nach Paris geschickt wird“. Yambo Ouologuem hat eine einzigartige Collage von extremer klanglicher Schönheit und Wucht geschaffen. Die Hauptrolle darin spielen die Saïd, die Mitglieder einer erfundenen Herrscherfamilie: grausam, gnadenlos und mit allen Wassern Afrikas gewaschen. Gegenspieler dieser machthungrigen Feudalherren sind die Kolonialherren und Missionare, die den Einheimischen Fürsten mal wissend, mal naiv in die Hände spielen, wenn es um Sklavenhandel, Kriegshändel oder um das bewusst gesteuerte Bild geht, das Europa von den Völkern Afrikas hatte und immer noch hat. 

Die Mächtigen spielen ihr makabres Spiel mit allen Mitteln: Zauberei, Vergewaltigungen, Drogen, religiöse „Erweckungen“, Erpressung, Mord. Doch wenn ich hier in der Vergangenheit spreche, so ist mir doch das Heute und die Zeit nach Erscheinen von Yambo Ouologuems Roman gegenwärtig: Ich denke an Idi Amin; an den Genozid in Ruanda; an all die Bürgerkriege, über die ich die Übersicht längst verloren habe; an Kindersoldaten, die mit Drogen gefügig gemacht wurden; an die Ströme von Flüchtlingen; gefügig gemachte Frauen, die neuen Sklavinnen Europas. Das Erschreckendste also ist, dass Yambo Ouologuems Roman nichts von seiner Aktualität verloren hat. Dass diese Geschichte Afrikas, die Ausnutzung der Menschen und des Landes, sich ständig wiederholt, als wäre sie ein Gebot.

Yambo Ouologuem verwebt Mythen, Überlieferungen, Bibelzitate, Legenden, Ausrufe zu einem einzigartigen Text. Mal meinte ich, einem Griot oder einem arabischen Märchenerzähler zuzuhören, der seine Geschichten mit Ausrufen wie „ouassalam“ und „Allah hamdoulila“ untermalt; dann wieder erzählt der Autor, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, von erotischen Ausschweifungen und malt brutale Szenen, die in einer extremen sprachlichen Klarheit daherkommen, was ihre Aussage noch schauerlicher macht. Und öfters greift der Autor zu einer beissenden Ironie. Immer aber ist sein Text kraftvoll-poetisch und seine Aussage ein Angriff auf die Mächtigen dieser Welt, die erbarmungslos ihre Position ausnutzen. 

Ich möchte hier als Lese-Ergänzung  und -vergleich auch auf einen neueren afrikanischen Roman hinweisen, den ich vor einiger Zeit besprochen habe: Tram 83 von Fiston Mwanza Mujila.

Titel: Das Gebot der Gewalt, Roman, 272 Seiten, gebunden, mit einem Nachwort zur Geschichte des Buches und des Autors

Autor: Yambo Ouologuem, aus dem Französischen von Eva Rapsilber

Verlag: Elster-Verlag, Zürich, http://www.elsterverlag.ch

ISBN 978-3-906903-11-8, Fr. 32.–/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Afrikanischer Geschichtsroman, wie man noch keinen gelesen hat. Poetisch, kraftvoll, kritisch, unerschrocken und voller Schrecknisse räumt er mit Mythen über Afrika und die Menschheit auf.

Für wen: Für kritische Geister und solche die es werden wollen: Lesen und Nachdenken! 

Poesie als Globuli verabreicht!

Die Poesie-Agenda 2020 ist druckbereit und kann bereits vorgestellt werden. Erneut mit 257 Seiten reich an zauberhaften, stimmungs- und humorvollen Überraschungen. Zahlreiche Dichterinnen und Dichter, Maler und Fotografen haben ihre Beiträge eingereicht. Die orte-Agenda ist also wie gewohnt ein abwechslungsreicher Jahresbegleiter. Alle dürften darin etwas finden, das ihnen den Tag versüsst, sie zum Lachen anregt oder in schwerer Zeit verständnisvoll aufmuntert. 

Oder wie der orte-Werbespruch lautet: Poesie in homöopathischen Dosen!

Die orte-Agenda ist ein gerne verschenktes und gern angenommenes Mitbringsel, das den Geldbeutel nicht allzusehr belastet, dem Beschenkten aber zwölf Monate poetische Momente bereitet.

Vorbestellen direkt bei orte-Verlag, Schwellbrunn, http://orteverlag.ch, oder im Buchhandel

orte Poesie Agenda 2020

herausgegeben von Jolanda Fäh und Susanne Mathies


ISBN 978-3-85830-246-5

Vom Erwachsenwerden in einer verrückt gewordenen Welt

Der Trafikant von Robert Seethaler ist eine Erzählung, wie man sie sich nur wünschen kann: Wo das Grosse vom Kleinen spricht und das Kleine vom Grossen. Wo es um Menschen geht ebenso wie um Menschlichkeit. Tragisch und wunderbar zugleich. 

Man könnte jetzt noch lange über die Art und Weise schwafeln, wie Seethaler es anstellt, seine Geschichte vom Franzl aus dem Salzkammergut so leicht, so anschaulich, so bewegend, so echt daherkommen zu lassen, dass man sie gar nicht mehr zu Seite legen mag. Doch eigentlich mag ich genau das nicht tun. Was ich aber sagen mag: Ich bin von diesen 250 Seiten Literatur verzaubert.

Vielleicht noch ein kleines Zitat (Franz sitzt allein auf einem morschen, sonnenwarmen Baumstamm auf dem Kahlenberg, schaut den Käfern zu und sinniert.):

Wer nichts weiss, hat keine Sorgen, dachte Franz, aber wenn es schon schwer genug ist, sich das Wissen mühsam anzulernen, so ist es doch noch viel schwerer, wenn nicht sogar praktisch unmöglich, das einmal Gewusste zu vergessen.

Die Geschichte zusammengefasst:

Der 17 Jahre alte Franz Huchel muss 1937 das Salzkammergut verlassen. Er bekommt in Wien eine Anstellung in Otto Trsnjeks Trafik (Kiosk) und eine Weile sieht es so aus, als stünde ihm die Welt offen. Er hält Augen, Nase und Ohren offen, er vergnügt sich im Prater und lernt sogar Professor Sigmund Freud kennen, der ganz in der Nähe wohnt. Aus der zaghaften Bekanntschaft mit der alt gewordenen Berühmtheit entwickelt sich eine Freundschaft. Franz wagt sich nach einem Gespräch mit Freud auch an die Liebe heran. Doch seine Flamme ist Revuetänzerin und nicht besonders an dem naiven Burschen interessiert. Franz leidet an Liebeskummer. Unterdessen träufelt es aus dem Deutschen Reich ununterbrochen braun in die Gehirne der Wiener, Hakenkreuze erscheinen überall und es wird immer fleissiger geheilhitlert.

Die Weltgeschehnisse machen vor der kleinen Wiener Trafik nicht halt, Franz ist plötzlich erwachsen. Er hat gelernt Abschied zu nehmen: von seiner Heimat, von Otto Trsnjek, von Freud, von der Trafik.

Titel: Der Trafikant,Taschenbuch, 250 Seiten

Autor: Robert Seethaler

Verlag: Kein und Aber

ISBN 978-3-0369-5909-2, Fr. 16.90

Kurzbeschrieb/-bewertung: Der 17jährige Franz Huchel wird 1937 nicht nur innerlich wacker durchgeschüttelt, sondern gerät auch durch den Anschluss Österreichs an Hitlerdeutschland zunehmend in Bedrängnis. Aus dem naiven Landbuben wird ein nachdenklicher, mutiger junger Mann.

Für wen: Wer Wert auf gut geschriebene Literatur legt, ist hiermit bestens bedient.

Pause auf französisch.

… und solche Brioches könnte man doch mal zur Einstimmung backen.

appetitaufzuhause

Sie sind ein Stück Frankreich , was ich so sehr liebe und es geht wieder natürlich genauer gesagt um food Frankreichs ( sorry guys 😅) ….Und es sind nicht Croissants und auch nicht Macarons , obwohl die auch natürlich als Topmodel in der Foodfotografie gelten …

Mein Herz schlägt für Brioche. Einfach und schlicht, feiner dessert to go. Tea time in Paris? Nicht ohne mein Brioche und Tour Eiffel- Besuch ( ganz nach oben bitte ☀️)

wo man einen sensationellen Blick auf die ganze Stadt hat.

Und mit Abendspaziergang an der Seine !!! mit Kamera natürlich !!!

Als ich mich zu zwei Kursen bei Aurélie Bastian in Halle an der Saale angemeldet habe ( das ist schon eine Weile her …) : Macarons und Boulangerie, habe ich insgeheim gehofft, die bunten kleinen Kekse backen lernen zu dürfen.

Nun kam dann die Antwort, dass ich einen Platz in der Boulangerie Runde…

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Paris, wie gut das riecht!

Paris, wie gut das riecht! So ein Satz wird natürlich nicht widerspruchslos hingenommen, denn Paris ist eine Metropole. Mehr als 12 Millionen Menschen: Da kommt schon einiges an Odeurs zusammen. Und trotzdem sei es wiederholt: Paris ist ganz schön dufte. Vor allem jetzt im Mai. Die Rede ist von Robinien, Linden, Rosen, von Holunder, Pfingstrosen und anderen Gewächsen, die recht grosszügig ihre Duftmoleküle an die Pariser Luft verschwenden.

Wer jetzt nach Paris reist und findet, der Eiffelturm sei das letzte Mal schon ähnlich hoch gewesen, die Galerie Lafayette definitiv zu touristisch und eine Seine-Fahrt müsse gerade nicht sein, dem sei dieses Büchlein empfohlen: Parcs et Jardins de Paris à pied

Paris hält etwas auf seine Parks, in denen um diese Jahreszeit alles grünt und blüht. Wer gerade jetzt nach Frankreich reist und findet, im Frühsommer sei Paris am schönsten, liegt bestimmt richtig. Jetzt wird überall gehakt und gepflanzt, gedüngt, geschnitten, ausgebessert, geharkt und was die Stadtgärtner sonst noch so alles zu tun pflegen. Man kann sie durchaus fragen, sie sind für ein kleines Gespräch gerne zu haben.

Oben erwähntes Büchlein wurde von der Mairie de Paris herausgegeben und beschreibt 23 Wandertouren durch die Stadt, durch unbekannte Strassen, vorbei an versteckten Winkeln und durch die schönsten Parkanlagen. Da kommt ein Tourist schon mal ins Staunen, wenn er hinter der Basilique du Sacré-Coeur an einem Weinberg vorbeispaziert. Dies ist mitnichten der einzige in der Stadt. Im Park von Bercy, dort wo früher die Weinhändler ihre Fässer lagerten, werden ebenfalls Reben gepflegt, gleichfalls in den Parks von Belleville, La Villette, Georges-Brassens. Einen Weinberg in einer besonders malerischen Ecke der Stadt namens Butte Bergeyre gibt es im 19. Arrondissement, nahe des Parcs Buttes-Chaumont. Zehn Rebflächen soll es insgesamt geben. Und dies in einer Stadt, wo die Quadratmeterpreise für Wohnungen in schwindelerregende Höhen klettern und man für ein Einzimmerappartement auch mal eine Million oder mehr hinblättert. Kommt natürlich auf die Lage und die Aussicht an.

Nahe der Place des Vosges existiert im Versteckten eine kleine Gartenanlage im französischen Stil, in den Rabatten blühen Rosen und verströmen sommerliche Nostalgie. Hier trifft man auf ruhende Damen und Grossväter, die ihren Enkeln vorlesen. Wo das ist, wird hier nicht verraten, wer aber die Rue des Arquebusiers findet, dürfte auch dieses stille Kleinod entdecken.

Wer als Pariser weder Lage, noch Aussicht, noch einen Balkon hat, aber die Nase gestrichen voll von der engen Wohnung und den Abgasen, begibt sich in den Park. Wie begehrt die Plätze auf der Wiese sein können, zeigt sich an einem Pfingstsonntag auf der Place des Vosges. Die Kulisse dieses Gesamtkunstwerkes ist zugegeben zum Niederknien. Allzuviel Raum darf hier aber keiner beanspruchen, was aber niemandem etwas auszumachen scheint. Man liegt Kopf an Fuss, palavert, giesst sich Wein oder gleich Champagner in die mitgebrachten Gläser, Kinder hüpfen, Studenten studieren oder küssen sich. Die gesetzteren Herrschaften halten es eher mit einem Bankplätzchen, so sie denn eines ergattern können. Alles total entspannt.

Ist man schon einmal in der Nähe der Bastille und mag noch einige Kilometer wandern, so ist La Promenade Plantée ein Muss. Der Weg führt entlang der Avenue Daumesnil, aber nicht auf Ebene der Strasse, sondern in luftiger Höhe. Das gibt Gelegenheit, einen neugierigen Blick in eine Pariser Wohnung im dritten Stock zu werfen. Muss aber nicht sein, rechter Hand liegt der Gare de Lyon mit seinem Jugendstilbahnhofbuffet, und wem das zu wenig spannend ist, der hat mit der langgestreckten Gartenanlage, die sich immer wieder weitet und verengt, genug zu schauen. Hier führte einst eine Bahn von der Bastille bis Varenne-Saint-Maur. 1988 hat die Stadt die Gelegenheit beim Schopf gepackt und anstelle der aufgehobenen Bahnlinie einen nur wenige Meter breiten Park gestaltet. Unter den Bahnarkaden haben sich Handwerker eingemietet. Das braucht den Flaneur aber nicht zu kümmern, vielmehr sollte er links und rechts geniessen, was so alles blüht und duftet. Es gibt anmutige Rosenstöcke zuhauf, oftmals romantische, gefüllte Kletterrosen in fetten Büscheln, Wasserbecken, Lauben. Hat man Reuilly erreicht, kann man wieder zurückspazieren, es macht aber durchaus Freude, geradeaus weiterzugehen, durch den Park von Reuilly, weiter durch die Allee Vivaldi, dann durch die mit Wasserfällen ausgestattete Unterführung und geradeaus durch eine lange schattige Senke. Auch hier führte einst eine Bahnlinie entlang, heute führen die Anwohner ihre Hunde aus, ihre Fahrräder oder einfach nur sich selber. 

Wenn die Pariser es wildromantisch wollen, gehen sie in den Parc des Buttes-Chaumont. Buttes werden hier die Stadthügel genannt. Der Parc Buttes-Chaumont bietet, da er in einer Felslandschaft und durch das Bewegen von jeder Menge Material angelegt wurde, zwei Aussichtspunkte. Die Gegend soll früher ziemlich wild ausgesehen und zu Zeiten der Revolution als Müllhalde gedient haben. Das war zuviel Wildnis für die sich ausbreitende Stadt; im 19. Jahrhundert plante der Ingenieur Jean-Charles Alphand das Gelände um. (Alphands Handschrift ist in mehreren Pariser Parkanlagen zu erkennen; seine Büste kann man übrigens auf dem Friedhof Père Lachaise finden.) Das Ergebnis ist heute noch einen Abstecher wert. Die Grashalden, an denen die Parkbesucher hier lagern, sind abschüssig, aber was macht das schon. Platz ist auf jeden Fall mehr als auf der Place des Vosges. Und weil die Wege auf- und abführen, mal an einem Teich vorbei, dann über Brücken, unter einer Felsengrotte hindurch, trifft sich Paris hier auch zum Joggen. Stört aber keinen. Sport ist so oder so angesagt; einige Parks verfügen über frei zugängliche Trainingsgeräte.

Ebenfalls eine herrliche Sache ist eben jener Park in Bercy, von dem schon wegen der Reben die Rede war. Es ist eine der neueren Parkanlagen in Paris und liegt direkt am rechten Ufer der Seine, getrennt allerdings durch den Quai de Bercy. 13 Hektaren umfasst der Park und bietet einfach alles, was man sich so wünschen kann, einschliesslich eines Aussichtspunkts über die Seine auf die Nationalbibliothek. Gut, die dürfte unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt keinen Kultstatus erlangen, also zurück zum Garten mit seinen Themengärten, Teichen, Baumalleen und Freizeitanlagen. Im Maison de Giardinage kann sich jeder melden, der in der Stadt einen kleinen Garten für sich pflegen möchte. Da trifft man dann plötzlich auf Menschen, die mit einer Giesskanne in der Hand unter einem Strassenbaum eine Geranie, eine Nelke oder sonst irgendein Grünzeugs wässert, das zuvor sorgfältig mit einem Zaun vor rücksichtslosen Fussgängern, Hunden und Motorrädern geschützt wurde. Gegen weggeworfene Zigarettenstummel hilft allerdings kein Zaun, aber die tapferen Stadtgärtner hängen Täfelchen oder gar Aschenbecher an die Latten. Die Aktion der Stadt scheint nur begrenzt erfolgreich zu sein, denn wer nach solchen Miniaturparkanlagen sucht, findet auch solche, die verlassen wurden, wo sich die Abfälle und die Zigarettenstummel häufen und nichts mehr grünt, als ein einzelnes hartnäckiges Unkraut.

Nase auf und durch

Dort wo es früher einmal nach Eau de Javel roch und später nach nigelnagelneuen Deux Chevaux liegt heute eine der schönsten modernen Parkanlagen, die man sich vorstellen kann: der Parc André-Citroën, direkt am linken Seine-Ufer gelegen. Wer da kein Plätzchen für sich findet, bei dem ist parkmässig Hopfen und Malz verloren. Wasserspiele, Wasserbecken, freie Rasenflächen, Parkteile, wo alles ein wenig wild vor sich hin gedeihen kann, Senk-, Themen- und Farbgärten: die Gartenbauarchitekten, die diesen Park geschaffen haben, kann man nur beglückwünschen. Bei all den verwirklichten Garten-Ideen und -stilen beeindruckt, wie gut durchkomponiert die 1992 eingeweihte Anlage wirkt. Schade nur, wenn man für seinen Besuch eine Zeit erwischt, wo in Paris das Wasser knapp ist und einzig die Fontänen in Betrieb sind. Diese sind dann aber die Hauptattraktion der Kinder. Ihr Jauchzen schallt weithin.

Das Zusammenspiel einzelner Elemente ist leider beim Parc de la Villette nicht so gut gelungen. Er erstreckt sich auf beiden Seiten des Canal de l’Ourcq. Die Nordhälfte wird dominiert durch die neuzeitlich-kühle Cité des sciences e de l’industrie, die Südhälfte durch die beeindruckende Eisenkonstruktion der Grande Halle. Das Gelände wurde früher für Viehhandel und das Schlachten der Tiere genutzt. Heute tanzt auf der Bühne vor der Halle vielleicht gerade ein Streetdancer, oder eine asiatische Frauenrunde studiert mit viel Ernst einen Schirmchentanz ein. Eröffnet wurde der Parc de la Villette in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, ist aber nun in die Jahre gekommen. Er wartet darauf, aus dem Dornröschenschlaf geküsst zu werden. 

Weitere Parkanlagen – einmal abgesehen von denjenigen, die auf der To-do-Liste jedes Paris Besucher stehen, wie Trocadéro, Jardin des Tuileries oder Jardin du Luxembourg –, die einen Ausflug wert sind: 

Der Parc Monceau, ebenfalls eine Anlage im englischen Stil mit mächtigen Bäumen und Teich mitsamt Enten und Schildkröten. Auch hier sind die Sitzplätze begehrt, vor allem in der Mittagspause. Der Bois de Boulogne bietet sich für eine Fahrradtour an oder für einen Abstecher ins Museum Louis Vuitton. Père Lachaise ist zwar ein Friedhof, aber was für einer. Er ist zugleich die größte Grünanlage der Stadt. Seine Fläche beträgt 44 Hektaren. Ohne Plan sollte man sich nur mit exzellentem Orientierungssinn hineinwagen. Und wenn man schon mal dort ist, darf man ruhig die Gräber der einen oder anderen Celebrity aufsuchen. Aber auch ohne Piaf und Molière ist Père Lachaise ein Ort zum Staunen und Wandern. Montsouris ist ein Park à l’anglaise, mit Teich, Hügeln und Musikpavillon. Wenn man Glück hat spielt gerade eine Jazzband auf.

Das Buch zum Text: Parcs et Jardins de Paris à pied, 23 Promenades Randonnées, herausgegeben von Guide FFRP/Mairie de Paris, brochiert

Place des Vosges an Pfingsten