Auf einen Sockel gehoben und wieder runtergeholt: Emanuel Stickelberger VII.

Nach einer kleineren aufgezwungenen Lese-Auszeit, die mich bis jetzt glücklicherweise keine Leser gekostet hat (uff), bin ich wieder zurück im Blog. Diesmal mit einer vergnüglich zu lesenden Biographie, die sich allerdings als Roman tarnt oder vice versa: Mein fast grosser Grossvater von Jacob Stickelberger. Ein überaus gelungener Titel, finde ich.

Mit dem Berühmtwerden und -bleiben ist es so eine Sache. Neben einer gekonnten Imagepflege sowie guten Kontakten gehören nicht nur eine Portion Glück dazu, sondern auch die richtige Idee zur richtigen Zeit am rechten Ort.  So kann das Werk des Berühmt-Sein-Wollenden auf den Wellen der Zeit reiten und wird im besten Fall von ihnen hierhin und dorthin geschaukelt. Eine Sichtweise, die Emanuel Stickelberger sicher nicht mit mir geteilt hätte.  Sich der Moderne oder so etwas Profanem wie dem Zeitgeist anzupassen, kam für den Schweizer Unternehmer und Schriftsteller Stickelberger (geb. 1884) nicht in Frage, will man seinem Enkel Glauben schenken.

Jacob Stickelberger, der Autor von Mein fast grosser Grossvaterist einer, der von Berühmtheit sicher einiges zu erzählen weiss, ist er selber doch einer der Berner Troubadours. In seinem Buch beschreibt er allerdings nicht seine eigenen Erfolge, vielmehr ist sein Buch dem Grossvater gewidmet, eben jenem Emanuel Stickelberger. Stets liebevoll, manchmal kritisch und vor allem augenzwinkernd erinnert er sich an seinen Opapa, einen Familien-Patriarchen aus der ersten Hälfte des 20igsten Jahrhunderts, wie man ihn sich nicht prachtvoller vorstellen könnte. Und so sehen wir auch auf dem Buchumschlag einen distinguierten, beschnauzten, gescheitelten Herrn mit Zigarre in der Rechten, einer Zeitung auf den Knien in einer bis unter die Decke mit Schmöckern ausgestatteten Bibliothek sitzen. Soviel zur sorgfältigen Pflege des Images.

Schriftstellerisch war der Zigarren schmauchende und belesene Opapa vor allem in der Vergangenheit unterwegs: Ihn interessierten Figuren wie Zwingli, Calvin oder Hans Waldmann. Das schriftstellerische Werk Stickelbergerges ist umfangreich und fast durchwegs rückwärtsgewandt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Blick auf eine Zukunft in Frieden und Harmonie, hätten aber nur noch wenige Leser Interesse an historischen Stoffen bekundet, schreibt sein Enkel Jacob Stickelberger. Und so sei denn Emanuel Stickelberger, der in der ersten Hälfte des 20igsten Jahrhunderts durchaus etwas galt, fast vollkommen in Vergessenheit geraten.

Jacob Stickelberger beschreibt in seinen Erinnerungen nicht nur seine eigene Kindheit, sondern gleichfalls das Zusammenspiel innerhalb der grossen Familie, als deren Zentrum und wichtigste Instanz die „Respektsperson“ Emanuel Stickelberger 7. galt: Dieser war ein Mensch mit Ecken und Kanten, manchmal überraschend liebenswürdig, hier und dort eitel, stur oder gar lächerlich, irgendwie aber meist „Herr der Lage“. Dass der Autor seinen Rückblick als Roman bezeichnet, verweist aber deutlich darauf, dass er die Ereignisse rund um seinen Opapa nicht Schwarz auf Weiss, sondern unverkrampft bunt dargestellt hat.

 

Titel: Mein fast grosser Grossvater, Roman, 175 Seiten

Autor: Jacob Stickelberger

Verlag: Zytglogge, 2018, http://www.zytglogge.ch, ISBN 978-3-7296-0995-2

Fr. /Euro 32.–

Kurzbewertung: Familiengeschichte zum Schmunzeln. Gleichzeitig kann man sich seine Gedanken machen über das Zusammenspiel der Kräfte innerhalb eines Clans. Und über die eigene Rolle darin, die vielleicht gar nicht so erhaben ist, wie man meinen möchte.

Für wen: Für alle, denen es im Zusammenhang mit Familie nie zuviel des Guten wird. Für Basler Daig-Schneuggi und jene, die gerne vergessene Schriftsteller ausgraben.

 

 

Flucht ist kein Garant für Glück

Nashim ist krank. Sie wird bald sterben. In Schweden, einem Land, in dem sie jahrzehntelange gelebt und gearbeitet hat. Nashim stammt aus Persien. Sie hat nach der Islamischen Revolution an Protesten teilgenommen. Schlimmer noch: Ihre Schwester ist wegen ihr bei einer Demonstration umgekommen. Nashim muss mit Mann und Tochter Aram fliehen. Nun quält sich Nashim: War es richtig zu fliehen und Aram in der Fremde aufzuziehen?

Was bleibt von uns ist der Roman der schwedischen Autorin Golnaz Hashemzadeh Bonde. Sie schreibt ihren Roman aus der Ich-Perspektive in kurzen, stossweisen Sätzen, als hätte jemand zu wenig Atem, als würde sich jemand nicht getrauen, die Gedanken schweifen zu lassen. Das passt durchaus zu dieser Geschichte, in welcher es um eine tödliche Krankheit geht und um eine Menge unschöner Erinnerungen.

Die schwermütigen Lieder der persischen Sängerin Googoosh spielen innerhalb der Story eine kleine, wenn auch wichtige Nebenrolle. Googoosh selber reiste von Amerika, wo sie sich aufhielt, als 1979 die Revolution ausbrach, in den Iran zurück und wurde als Frau prompt mit einem Auftrittsverbot belegt. Erst nach 2010 kehrte sie auf die Bühne zurück. Somit ist sie das genaue Gegenteil von Nashim: Googoosh hat die Leiden ihres Landes und ihrer Landsleute mitgelebt, -erduldet. Damit wird sie für Nahid zu einer Symbolfigur. Denn Nahid hat sich ein Leben lang gefragt, ob der Preis, den sie für ihre Flucht bezahlt hat, nicht zu gross war. Sie hat ihre Mutter, ihre Schwestern, alles Bekannte zurückgelassen, nur um in Schweden festzustellen, dass es ihr nicht gelingt, dort Wurzeln zu schlagen.

Aus Sicht des Lesers ist die Frage überflüssig: Nashim und ihr Mann hatten nur die Wahl zwischen Tod und Flucht. „Ich glaube, der Tod war immer bei mir“, stellt Nashim denn auch gleich zu Beginn des Buches fest. Es ist eine Binsenwahrheit, dass wir unsere Probleme überallhin mitschleppen. Bei Nashim ist die Last besonders gross. Sie fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schwester Noora. Auch hat sie aus Angst vor der Folter Freunde verraten. Über diesen schwachen Moment in ihrem Leben schweigt sie sich aus. Die Beziehung zu ihrem Mann ist durch die Geschehnisse belastet und zum Scheitern verurteilt.

Die krebskranke Nashim hadert mit ihrem Schicksal. In der Beschreibung der Verzweiflung der Todkranken, die sich in ihrem Gefühlschaos verheddert, liegen die Stärken dieses Buches. Nahim schwankt zwischen sämtlichen Extremen: Sie ist hilflos und zornig, weinerlich und anklagend, gleichgültig und verbissen. Und dazwischen taucht immer wieder die Frage auf, weshalb es ihr nicht gelingen wollte, ein glückliches Leben zu führen.

Für meinen Geschmack schneidet der Roman etwas gar viele Themen an: Gewalt gegen Frauen, die Islamische Revolution und in deren Gefolge Folter, Verrat, Flucht etc. Dazu kommen der Verlust des Gefühls, zu Hause zu sein, der Eindruck, auf allen Linien versagt zu haben, eine tödliche Krebserkrankung sowie das Abschiednehmen vom eigenen Leben. Dieser Fülle an Themen, von denen jedes an sich schon buchfüllend wäre, kann die Autorin auf 219 Seiten natürlich nicht gerecht werden.

 

Titel: Was bleibt von uns, Roman, aus dem Schwedischen von Sigrid C. Engeler, gebunden, 219 Seiten

Autorin: Golnaz Hashemzadeh Bonde

Verlag: Nagel & Kimche, Zürich 2018, http://www.nagel-kimche.ch,

ISBN 978 3 312 01089 9, Fr. 29.90/Euro 20.–

Kurzbewertung: Ziemlich glaubhaft und eindrücklich scheint mir dieser Roman dort, wo es um die Gefühlslage von tödlich erkrankten Krebspatienten geht. Einigermassen erhellend auch zu lesen, weshalb es manchen Immigranten nicht gelingen will, nicht gelingen kann, in ihrem Gastland anzukommen.

Für wen: Es handelt sich um eine gefühlig geschriebene Geschichte. Also für alle LeserInnen, die das gerne mögen.

 

„Unschuld ist nichts als Feigheit“ – oder: testosteron-gesteuerte Apocalypse now

Nein, Tram 83 von Fiston Mwanza Mujila ist kein Roman, der es einem leicht macht. Nicht was die Handlung und den Schauplatz anbelangt, nicht, was die Figuren anbelangt, und auch nicht, wenn es darum geht, zu verstehen, wer denn hier überhaupt erzählt. Mal sind wir nahe bei den zwei Hauptfiguren Requiem und Lucien, mal überblicken wir die Situation aus der Vogelperspektive und dann wieder spricht einer, der sich nicht vorstellt, in der Wir-Form. Was chaotisch wirkt, dürfte jedoch vom Autor beabsichtigt sein. Denn es ist eine apokalyptische Szene, die er darstellt, ein Drunter und Drüber aus Menschen, Vergnügungssucht, schnellem Sex, Betrug, Korruption etc., untermalt von Jazz und südamerikanischen Rhythmen. In diesem Setting weiss keiner, wer er mal war, noch was er morgen sein möchte. Eine Weltuntergangsstimmung, in der ein Mann wenig zählt und ein toter Hund mehr wert ist als ein Mädchen.

Bevor ich mich jedoch noch ganz verheddere in dieser Geschichte, erst ein paar Worte zum Autor von Tram 83:

Fiston Mwanza Mujila lebt in Österreich und unterrichtet dort afrikanische Literatur. Er stammt aus dem Kongo, aus der Stadt Lubumbashi. Die Stadt liegt in einer rohstoffreichen Gegend und ist besonders für Kupferherstellung bekannt. In den 90ern war Lubumbashi auch Kriegsschauplatz. Seine Heimat dürfte dem Autor den politischen, wirtschaftlichen und menschlichen Stoff für seinen Roman Tram 83 geliefert haben. Es kann demnach vor der Lektüre des Buchs nicht schaden, sich die Geschichte des Kongos in Erinnerung zu rufen: das Land war bis weit ins zwanzigste Jahrhundert kolonialisiert, wechselte mehrmals seinen Namen und nennt sich seit 1997 Demokratische Republik Kongo. Bürgerkrieg, Korruption, Miss- und Günstlingswirtschaft prägen das Land, das sich zwar demokratisch nennt, seine Bürger aber nicht wirklich teilhaben lässt. „Stabil ist im Kongo nur die Krise“, heisst es in einem Artikel der „Süddeutschen Zeitung“ aus dem Jahr 2017.

Zum Buch: Tram 83 ist der Name einer Bar. Sie liegt im Umfeld des Bahnhofs von Stadtland, einem fiktionalen, desaströsen Stadtstaat, irgendwo in Schwarzafrika. Zitat aus Tram 83: „Stadtland gehört zu den Gebieten, die das stille Leiden schon hinter sich gelassen haben.“ Stadtland lebt von seinen Minen, das heisst, einige leben sehr gut davon, die anderen schauen, dass sie auch ein Stück vom Kuchen abbekommen. Die Mittel dazu sind nicht zimperlich. In der Bar treffen sich des Nachts verkommene Glücksritter, gewaltsame Glücklose und allerlei „verirrte Existenzen“. Eine herbe Mischung von ausbeuterischen Weissen, schweiss- und alkoholgetränkten Minenarbeitern, Prostituierte – abschätzig Single-Mamis oder Küken genannt – auf der Suche nach einem, der ihnen ein Hundespiesschen offeriert, Waffenhändler, Wegelagerer, abtrünnige Rebellen und ehemalige Kindersoldaten. Mitten in dieser Gemengelage bewegen sich Requiem und Lucien. Requiem, dem die Illusionen und der Glaube an eine Zukunft abhanden gekommen sind, hat immer irgendwelche krummen Geschäfte am Laufen; Lucien wäre gerne Schriftsteller; doch wer braucht bei den Zuständen schon einen Schriftsteller. Lucien lernt eines Nachts im Tram 83 einen Schweizer „Verleger“ kennenl. Ein Glücksfall?

Was fesselt eine Leserin wie mich, die ich zuweilen Mühe bekunde, mich einer solch gnadenlosen Realität zu stellen, an Tram 83? Mujila hat so etwas wie ein Gesamtkunstwerk aus Schauplatz, Figuren, Nach-mir-die-Sintflut-Stimmung, Worten und Rhythmus geschaffen. Symbol für die beschriebenen Zustände bildet das Skelett eines Bahnhofs, Fixpunkt in einer Stadt, die diesen Namen kaum verdient. Rings um das Gebäude strömen Tag und Nacht Menschen, Zombies mehr, „auf der Suche nach dem billigen Glück“. Beim Bahnhof diese Bar, eine schwarze Höhle, in der Jazz gespielt wird, „die Musik der Bourgeoisie der letzten Stunde“. Requiem und Lucien, einst Freunde, könnten unterschiedlicher nicht sein. Der eine abgebrüht, der andere ein hilfloser (Alb)Träumer. So hart das Leben in dieser Stadt, die „mit Hilfe von Kalaschnikows zum Staat geworden ist“, so erbarmungslos trommelt Mujila seine Worte, rhythmisiert, wiederholt, kehrt immer wieder zum schrillen Ausgangsthema zurück, beschönigt nichts. Es sind Satze wie „Unschuld ist nichts als Feigheit“ oder „Jeder für sich und Scheisse für alle“ und das ewige „Was sagt die Uhr“ der sich prostituierenden Mädchen, die sich einem ins Gehirn hämmern.

Harter Lesestoff, fürwahr, aber einer, den man nicht so schnell vergessen wird.

Was einem als Frau besonders weh tut: Das Frauenbild, das in Tram 83 – im Staccato – vermittelt wird, ist grauenhaft und deprimierend! Es wäre dem Schriftsteller gut angestanden, die Frau in dieser Welt aus Testosteron und Machtgehabe auch einmal als denkendes, fühlendes Menschenwesen darzustellen, anstatt sie nur als beliebig austauschbare Massenware auf- und abtreten zu lassen. Sind es nicht die Frauen, die in schwierigen Situationen den Hauptteil der Last tragen und den Karren am Laufen halten?  Das wird in Afrika nicht anders sein als anderswo. Gerade von Schriftstellern erwarte ich, dass sie männerdominierte Gesellschaftent an ein gleichwertiges Frau-Mann-Bild heranführen. Da genügt es mir nicht, wen der ernüchternde Ist-Zustand zwar krass dargestellt wird, aber kein Gegengewicht dazu geschaffen wird. Gesellschaftliche, auch politische Veränderungen passieren erst, wenn Frauen als vollwertige Menschen anerkannt sind. Ich hoffe jedenfalls, dass Mujila das Thema in einem nächsten Buch noch anders aufgreifen und darstellen wird.

Titel: Tram 83, Roman, aus dem Französischen von Katharina Meyer und Lena Müller, Taschenbuch, 207 Seiten

Autor: Fiston Mwanza Mujila

Verlag: Unionsverlag, www.unionsverlag.com, ISBN 9783293 208032 Fr. 19.50/Euro 12.95

Kurzbewertung: Ein höchst eigenwilliger, eigenständiger Text über die Lebenssituation in einer schwarzafrikanischen Minenstadt, wo jeder mit allen Mitteln sein Glück machen möchte. Kompromisslos der Blick und die Wortwahl, rhythmisch die Sprache.

Für wen: Nichts für Out-of-Africa-Romantiker. Mujila zeigt ein anderes Afrika: das der Schürfer, Kindersoldaten, Glücksritter aller Couleurs, Huren, Zuhälter, Säufer, Jazzmusiker, Hundefänger und anderer Nachtschwärmer. Ein Blick auf das, was korrupte Politiker und Günstlingswirtschaft für ein Land und seine Bevölkerung bedeuten. Angesichts der heutigen politischen Lage in Europa kann das Buch auch durchaus als Lehrstück genommen werden, wohin ein Land driftet, das von innen heraus politisch und wirtschaftlich geschwächt wird. Rücksichtslose Nutzniesser sind in solchen Situationen schnell aus ihren Rattenlöchern gekrochen.

„Es entstand ein kurzes Schweigen…“

Es gibt Bücher, die im Innern vollumfänglich halten, was der Einband verspricht. Das auf Leinen gedruckte Umschlagbild von Ein Sonntag auf dem Lande, herausgegeben bei Dörlemann Zürich, zeigt einen Ausschnitt aus einem von Max Liebermann gemalten Gemälde: „Wannseegarten“. Die Buchgestalter bei Dörlemann hätten nichts Passenderes für ihre Neuausgabe von Pierre Bosts Roman finden können. Der impressionistische Maler hat das Motiv Wannseegarten immer wieder neu aufgegriffen. Dasselbe macht die Hauptfigur in Ein Sonntag auf dem Lande: Der 76jährige Maler Monsieur Ladmiral malt immer wieder neue Ecken seines Ateliers oder ein Stück aus seinem weitläufigen Garten. Monsieur Ladmiral hat sein Leben lang gemalt und damit Erfolg gehabt. Er wird aber nicht als Erneuerer in die Geschichte der Malerei eingehen, wie er grüblerisch feststellt. Nun ist er alt und lebt allein auf dem Lande. Jeden Sonntag bekommt er Besuch von seinem treuen Sohn Gonzague und dessen Familie. So auch an diesen sonnigen Sommersonntag. Alles läuft ab wie immer. Die Beteiligten versuchen sich nicht auf die Zehen zu treten, die Gespräche laufen in den gewohnten Bahnen, man ist bemüht, sich zu respektieren, wenn man sich schon nicht immer versteht. Kleine Missverständnisse und Missstimmungen, gefolgt von kurzem Schweigen, tauchen auf. Gonzague möchte seinem Vater gefallen, diesem alten Herrn, dessen Tage gezählt sind. Doch dann erscheint unerwartet Tochter Irène, in allem das Gegenteil von Gonzague: laut, charmant, freigeistig und – zu des Sohnes Leidwesen – Ladmirals Liebling. Sie wirbelt die sonntägliche Szene munter durcheinander, bevor sie wieder Richtung Paris verschwindet.

Mit seinem Erzählstil – wunderbar langsam – gelingt es Pierre Bost, die Situation unmittelbar auf den Leser zu übertragen. Ich hatte den Eindruck, mich mitten in einem Film mit langen Einstellungen zu befinden: Da ist diese gegen Mittag sich steigernde Hitze, jeder Raum des Hauses hat einen eigenen Geruch, eine leichte Schläfrigkeit legt sich nach dem Essen über Haus, Garten und Bewohner, Grillen zirpen, sanft rascheln die Blätter der Bäume, Kinderstimmen klingen von den Wiesen her. Die Gespräche dümpeln vor sich hin, jeder denkt sich seinen Teil zum Wesen des anderen. Wünsche an den Sohn, die Schwester, den Vater wären da, doch deutlich ausgesprochen werden sie nicht. Andeutungen schweben in der von der Sommerhitze leicht flirrenden Luft. Tatsächlich ist dies ein Text wie ein impressionistisches Gemälde: mal geht er den Gedanken des alten Mannes nach, mal jenen seiner Besucher. Aussen- und Innensichten wechseln  sich ab.

Und da macht es auch nichts, dass dieser Roman bereits 1945 das erste Mal erschienen ist. Seine Themen wie der Tod und das gegenseitige innerfamiliäre Bemühen um Verständnis, die Akzeptanz einer Lebensweise, die dem einen befremdlich, dem anderen die einzig richtige erscheint, sind stets aktuell.

Es ist dem Dörlemann-Verlag hoch anzurechnen, dass er diesen Autor aus der Vergessenheit geholt hat, Ich möchte definitiv mehr von Pierre Bost (geb. 1901, gest. 1975) lesen!

 

Titel: Ein Sonntag auf dem Lande, Roman, Leineneinband, 158 Seiten

Autor: Pierre Bost, aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Rainer Moritz

Verlag: Dörlemann, Zürich, 2018, http://www.doerlemann.com; Originalausgabe bei Gallimard 1945

ISBN 978-3-03820-061-1, FR. 20.50/EURO 17.–

Kurzbewertung: Familiensonntag auf dem französischen Land – ein Gemälde aus Licht und Schatten in sanften Zwischentönen und feinem Humor, sinnlich und besinnlich erzählt. Ausserdem ein hübsches, kleines Buch, das man auch gerne in der Hand hält.

Für wen: Für alle, die wieder einmal mit Überzeugung das Wort „grosse Literatur“ gebrauchen möchten.

 

Was morgen sein wird, wird uns nicht wirklich gefallen

„Ich glaube, tief in uns drinnen ist ein Loch“, sagt Britta.

Wo die deutsche Autorin Juli Zeh hinschaut, da tut’s weh. Sie seziert unsere Gesellschaft, dass es einen fröstelt. Meint man erst noch, sie schlage einen ironischen Unterton an, so merkt man alsbald: Die meint es todernst. Und hat Recht damit. Am Ende von Juli Zehs Romanen wünschte ich mir, sie wären und blieben Fiktion. Nur weiss und fürchte ich, viel zu viel darin ist Realität und was noch nicht real ist, ist auf bestem Weg es zu werden.

Mit Illusionen hat Juli Zeh nichts am Hut. Nach Unterleuten, dem Gesellschaftroman, der uns von Berlinern erzählte, die aufs Land flüchten, und von Landmenschen, die von Landromantik nicht viel halten, präsentiert uns die deutsche Autorin den Roman Leere Herzen. Sie zeigt uns eine nahe Zukunft, die vielleicht schon da ist. Eine Politik, die so sehr aufräumt, dass von Demokratie und Föderalismus nicht mehr viel übrigbleibt. Städte, die wie ausgestorben wirken. Menschen, die sich nur um ihren Kleinkram kümmern. Eine Welt der leeren Herzen.

Zur Story: Britta hat eine Familie, ein Einfamilienhaus und eine erfolgreiche eigene Firma. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak kümmert sie sich um selbstmordgefährdete Menschen.  Die hoffnungslosen Fälle sind jene, für die sich Britta und Babak am meisten interessieren. Auf ihnen beruht ihr Geschäftsmodell. Doch Britta und Tabak bekommen Konkurrenz.

Die Geschichte spielt in Braunschweig. Diese Stadt wurde von den Autorin natürlich nicht willkürlich ausgewählt. Wer Braunschweig sagt, denkt reflexartig an die Rüstungsindustrie, das Dritte Reich, das Grossbombardement der Briten, an Kälte und Zerstörung. Dieses Setting im Hinterkopf wird man das ganze Buch hindurch nicht los – Juli Zehs Story baut darauf auf.

Die politische Lage ist vordergründig erbaulich: Trump hat sich mit Putin verbrüdert, der Syrienkrieg ist vorbei, zwischen Israel und Palästina gibt es einen Friedensvertrag, den Islamisten gehen die Zuläufer aus. Innerhalb Deutschlands halten die „Besorgten Bürger“ das Ruder in der Hand. „Heutzutage weiss doch niemand mehr, wofür oder wogegen er sein soll. Natürlich bauen die Besorgten Bürger eine demokratische Errungenschaft nach der anderen ab. Aber trotzdem geht es den Menschen gut, vielleicht sogar besser als früher.“ Die Leute „leben ihr Leben und stecken die Köpfe in den Sand, weil sie in einer Welt, in der man jemanden wie Trump nicht einfach scheisse finden kann, nichts Besseres damit anzufangen wissen“.

Mir kommt das alles sehr bekannt vor. Uns ist, wie Juli Zehs Hauptfigur Britta sachlich feststellt, Politik, Religion, Gemeinschaftsgefühl sowie der Glaube an eine bessere Welt abhanden gekommen. Wir haben uns so oft vorgesagt, wir könnten nichts ändern, weil die da oben doch machen, was sie wollen, dass wir resigniert haben. Wir akzeptieren schulterzuckend Hassredner, wählen Egozentriker, sehen seelenruhig zu, wie alle Werte und Freiheitsrechte verpuffen und durch nichts Ebenbürtiges ersetzt werden – und hoffen dabei, dass sich das irgendwann regeln wird. Gewiss: „irgendeiner“ wird kommen und das alles für uns regeln. Aber wird es im Sinne von Menschlichkeit, Demokratie und der vielbeschworenen Toleranz sein?

Juli Zeh macht keine Hoffnung.

 

Titel: Leere Herzen, Roman, gebunden, 348 Seiten

Autorin: Juli Zeh

Verlag: Luchterhand, München, 2017, http://www.luchterhand-literaturverlag.de

ISBN 978-3-630-87523-1, FR. 27.90/EURO 20.–

Kurzbewertung: Zügig, analytisch und spannend und mit Biss geschriebener Roman mit Blick in die Abgründe unserer Gesellschaft.

Für wen: Nichts für Menschen, die gerne die Augen vor der Wirklichkeit verschliessen, es sei denn, sie wollen wachgerüttelt werden.

Ergänzung: Von Juli Zeh stammt auch ein Buch mit dem Ziel, Kindern Demokratie zu vermitteln: Jetzt bestimme Ich heisst das Kinderbilderbuch. Inhalt: Familie Wiefel hat Streit, denn alle wollen das Sagen haben. Frieden kehrt erst ein, als eine Regierung gewählt wird. Diese muss sich aber gehörig anstrengen, möchte sie wiedergewählt werden.

Komisch, lehrreich und falls der Samen keimt vielleicht doch ein wenig Hoffnung für die Zukunft. Meine Enkelin liebt das Regieren und dieses Buch – und ich auch!

Verlag Carlsen, 2015,ISBN 978-3-551-51816-3

 

Der Liebe und unvermittelt auftauchenden Löchern kann man nicht ausweichen

Nach Was man von hier aus sehen kann ist Die Herrenausstatterin das zweite Buch, das ich von Mariana Leky gelesen habe. Die Art und Weise, wie sie sich ihren Themen nähert, erinnert mich an eine Leidenschaft meiner Jugendzeit, für die ich mein halbes Taschengeld ausgab: Lakritzschnecken. Diese meterlangen, schwarzen, unvergleichlich schmeckenden Bänder, die ich zur Hälfte ausrollte, mir ein Ende in den Mund schob bevor ich mich aufs Fahrrad schwang. Über meinen Oberschenkeln baumelte die stets kleiner werdende Schnecke hin und her. Fahrenderweise biss ich mir immer wieder ein Stück ab, kaute darauf herum, mit den Lippen hielt ich das Ende der Schlange fest. So ging es bis vor die Haustüre, dann war die Lakritzschnecke verschwunden. Nur der Geschmack blieb noch lange auf Zunge, Zähnen, im Hals.

Nun spielen natürlich bei Mariana Leky Lakritzschnecken überhaupt keine Rolle. Nicht die geringste; es ist womöglich sogar so, dass die Autorin Lakritz nicht einmal mag. Was also erinnert mich an diese Süssigkeit?

Es muss mit Mariana Lekys Art zu schreiben zu tun haben. Sie fasst ein Ding ins Auge, so gewöhnlich es auch sein mag. Dann umkreist sie es. Als  würde sie kreisend um ein Detail dieses immer von einer anderen Stelle aus betrachten. Mal von weiter weg, mal aus nächster Nähe. Und mit jedem Verschieben des Blickwinkels gewinnt sie andere Einsichten. Mit der Zeit erscheint mir dieses stete Rotieren um die Dinge als die einzig richtige Art, überhaupt etwas zu betrachten. Und Spass macht es obendrein, da ich mich gerne auf den skurrilen Witz von Mariana Leky einlasse.

Zur Geschichte von Die Herrenausstatterin: Katja Wiesberg hat ihren geliebten Mann Jakob verloren. Der Verlust fühlt sich an wie ein grosses, dunkles Loch, in welchem Katja zu verschwinden droht. Doch dann taucht Herr Blank in Katjas Badezimmer auf. Keiner kann so gut zuhören, wenn Katja schweigen will, wie Herr Blank. Sein Verständnis für Katjas Verzweiflung ist immens, seine Geduld ist von einem anderen Stern. Und dann steht plötzlich jeden Abend Feuerwehrmann Armin vor Katjas Türe. Katja, Blank und Armin gehen auf eine Reise nach Holland. Nach und nach nimmt die Anziehungskraft von Katjas dunklem Loch ab, dafür tauchen andere Löcher auf.

Mariana Leky hat ein fabelhaftes Gespür für die Absurditäten des Lebens, ihre Figuren sind einzigartig und zutiefst menschlich: Wir kennen sie alle, auch wenn wir ihnen noch nie begegnet sind. Sie lieben sich, sind manchmal verzweifelt einsam dabei. Sie führen ihr gewöhnliches Leben. Manchmal sind sie verrückt, meistens sind sie gut, tun aber manchmal das Falsche oder das Richtige auf falsche Weise. Das Leben muss irgendwie bewältigt werden, oder wie Herr Blank es ausdrückt: „Alle wichtigen Entscheidungen müssen auf der Basis lückenhafter Daten getroffen werden.“

 

Titel: Die Herrenausstatterin, Roman, Taschenbuch

Autorin: Mariana Leky

Verlag: Verlag Dumont, Köln, 2010, http://www.dumont-buchverlag.de

ISBN978-3-8321-8544-2, Fr. 15.90/Euro 11.–

Kurzbewertung: Liebe und daraus folgende Verzweiflung mit einer hübschen Prise Absurdität gemischt. Wie bei Was man von hier aus sehen kann, kommt auch hier jemand auf tragische Weise zu Tode. Müsste nicht sein, weil die Autorin auch ohne übertriebene Tragik herrlich schräg fabulieren kann.

Für wen: Lakritzschneckenschleckmäuler

„Ein seltsames Schreiben ist dieses autobiographische Schreiben…“

 

Hansjörg Schneider ist ein Autor, der seit langem zum inneren Kreis der schweizerischen Literaturszene gehört. Obwohl jetzt seine Autobiographie erschienen ist, würde man ihn kaum als einen Autor bezeichnen, der gerne Wirbel um sich selbst veranstaltet. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Wirbel gab es allerdings trotzdem: Als nämlich 1981 das Schweizer Fernsehen Hansjörg Schneiders Sennetunschi ausstrahlte, eine erotisch ausgedeutete Alpensage, war das Entsetzen im Lande gross. Das Stück über die Fleisch gewordene Puppe war in Mundart geschrieben und dies in einer groben, sexuell aufgeladenen Sprache: So mochte sich mancher die heile Alpenwelt nicht vorstellen. Im Eifer der Diskussionen ging beinahe unter, dass Hansjörg Schneider das Schauspiel bereits ein Jahrzehnt früher verfasst hatte. Es wurde 1972 in Zürich uraufgeführt und sorgte bereits damals für Gesprächsstoff.

Doch Hansjörg Schneider ist nicht nur der Autor des Sennetunschi. Von ihm sind regelmässig Bücher erschienen und Schauspiele aufgeführt worden. Hierzulande kennt jeder seine Figur Kommissär Hunkeler, nicht zuletzt, weil Mathias Gnädinger in den Hunkeler-Filmen dieser Rolle sein besonderes Gepräge gegeben hat. Der Erfinder, ein Stück, das von Kurt Gloor für einen Film adaptiert wurde, stammt gleichfalls von Hansjörg Schneider. Ich habe den Erfinder nie auf der Bühne gesehen, der Film mit Bruno Ganz in der Hauptrolle beeindruckte mich aber sehr.

Schneiders Autobiographie trägt den Titel: „Kind der Aare“. Landschaftliche und menschliche Umgebung prägen uns Menschen. Schneider ist im aargauischen Zofingen aufgewachsen, eine Gegend, die der Autor fein und detailgenau zeichnet, mit Flüssen und Bächen, Gassen, Häusern, ihren Bewohnern und ihrer Geschichte. Der Kanton Aargau hat immer wieder besondere Schriftsteller hervorgebracht, Hansjörg Schneider weiss sich in guter Gesellschaft.

Der 80jährige Schriftsteller widmet in seinem Rückblick besonders seinen Kinder- und Jugendjahren grosse Aufmerksamkeit. Er wuchs in einem Elternhaus auf, in welchem nicht viel diskutiert wurde. Kinder hatten zu gehorchen, zu schweigen und zu glauben, was die Grossen ihnen an Wissen zu vermitteln bereit waren. Entfaltung war nicht gefragt. Sie fand entweder im Inneren statt, in Rebellion oder gar nicht. Hansjörg Schneider floh in Bücher und später in die Entscheidung, selber zu schreiben. Die schwierige Beziehung zum dominanten Vater hat den jungen Autor noch weit ins Erwachsenenleben hinein belastet.

Bei Autobiographien kann man sich natürlich fragen, welchen Mehrwert das Lesen einer solchen mit sich bringt. Wer in den 40ern oder 50ern des letzten Jahrhunderts gross geworden ist, hat wohl eine ähnliche Jugend erlebt wie Schneider. Man wuchs in eine Rolle hinein. Gefragt, ob einem diese passe, wurden die wenigsten. Schneider beschreibt dieses Gefüge: die familiäre und dörfliche Kultur, das oft kleinkarierte Denken. So ist dieses Buch auch ein treffender Blick zurück in die eigene Kindheit oder in jene der Eltern und Grosseltern.

Sehr gelungen und überlegt, wie Hansjörg Schneider zwischen seine Erinnerungen Momente aus der Gegenwart flicht. Dadurch gewinnt die Biographie Struktur und gewährt dem Leser Augenblicke des Innehaltens: „Ein seltsames Schreiben ist dieses autobiographische Schreiben, das ich hier betreibe. … Erinnerung wählt aus, verdrängt das eine, rückt das andere in den Vordergrund. Eines nach dem andern heißt: eines vor dem andern. Das eine, das die Erinnerung ist, verdrängt das andere, das die erlebte Realität ist.“

Geschickt webt Schneider den jeweiligen Zeitgeist und die darin agierenden Menschen -– vor allem Lehrer, Schriftstellerkollegen oder Freunde aus der Theaterszene – in seine Erzählung hinein. Was aussen vor bleibt, sind Frau und Kinder. Das passt durchaus zum zurückhaltenden Schriftsteller. Zurückhaltend allerdings nur, wenn es um die persönlichen Angelegenheiten geht; wo er es für nötig erachtet, spricht er nicht um den heissen Brei herum. Seine Sache ist der Klartext: nichts Gekünsteltes oder Aufgesetztes, Überkandideltes haftet seiner Sprache an. Ein Lesegenuss, aus dem in Zwischentönen die Irritation eines alternden Mannes gegenüber dem Heute hörbar wird.

Titel: Kind der Aare, Autobiographie, mit einem Nachwort von Beatrice von Matt, gebunden, 338 Seiten

Autor: Hansjörg Scheider

Verlag: Diogenes, 2018, www.diogenes.ch

Kurzbewertung: Klar in der Sprache, präzise in der Beobachtung, manchmal wehmütig erzählt Hansjörg Scheider sein Leben, seinen Werdegang und von den Menschen, die sein Leben geprägt haben. Dazu gehören nicht nur Eltern und Verwandte, sondern auch Lehrer und Kollegen. Homestories sind keine zu erwarten.

Für wen: Für alle, die gerne wissen wollen, was für ein Mensch und menschlicher Geist hinter den Geschichten über Kommissär Hunkeler oder dem Stück über das Sennetunschi steckt.

Liebeskrank, auf immer und ewig

Ernst Halter ist ein gelehrter Kopf, aber auch ein Schriftsteller mit Leidenschaft fürs Lyrische. Sein Roman Mermaid legt beides auf den Tisch: Das Buch ist eine Liebeserklärung an die Magie der Sprache, gleichzeitig Verführerin und Zerstörerin.

Mit dem Verfassen eines Liebesromans hat sich Ernst Halter ein nicht ganz einfaches Projekt vorgenommen, gilt es doch einige schriftstellerischen Klippen zu umschiffen. Schmalziges mögen wir nicht oder nur in homöopathischen Mengen, mit Schmuddeligen oder Pathetischem halten wir es genauso. Ausserdem wirken Liebespaare für Betrachter zwar manchmal neiderregend süss, aber mindestens ebenso – man sei mir nicht böse – als Menschen, die im Moment nicht ganz ernst zu nehmen sind. Dennoch oder gerade deswegen:

Halter hat den Versuch gewagt und mit Mermaid einen Roman über die Liebe geschrieben, die ganz grosse Liebe, die mit der Haut und den Haaren, dem Einen und Einzigen, dem Ganz-und-gar auf immer und ewig. Mermaid möchte nichts weniger als das Wesen der Liebe ergründen, diese verrückte Verbindung von Geist und Fleisch. Auf der einen Seite so überirdisch-unfassbar, auf der anderen nicht mehr als eine biologisch erklärbare Funktion. Wie nahe liegen dabei Höhenflug und Bruchlandung zusammen.

Zur Story: Das Liebespaar ist ein Gelehrter namens Elias, seine Flamme eine attraktive, kunstbewanderte Mailänderin namens Stella. Um das Dreieck komplett zu machen, gibt es noch die an der Welt leidende Ellen, Elias Frau, die zu Hause auf ihren Gatten wartet. Doch Elias ist hin und wieder unabkömmlich, nämlich immer dann, wenn es die beiden Turteltauben mit aller Macht zueinander zieht. Dann treffen sie sich in einem Hotel, um übereinander herzufallen. Vorher oder danach gibt es einen Abstecher ins Grüne, auf eine Burg oder zu einem Kunstwerk. Und alles, was am Wegrand steht und liegt, beziehen Elias und Stella auf ihre Liebe: Ein Paar, das nur zusammen Eins ist, aber der Umstände halber nicht Eins sein darf. Trotz „ewiger Liäbi“: die Treffen werden von Mal zu Mal schwieriger, es gibt einiges an Spannungen, an Überspanntheiten zu durchleben, und nur die Gattin zu Hause reagiert mit „Abwarten und Tee trinken“.

Es wäre falsch, aufgrund meiner eher ironischen Zusammenfassung der Story zu meinen, wir hätten es hier mit Kitsch zu tun. Allerdings, wäre es einzig der Geschichte wegen, wir dürften die Sache vergessen. Bücher über unglückliche Liebeshändel gibt es nun wirklich andere, denen ich Ewiggültigkeit zugestehen würde. Es ist eben der Text als solcher, welcher Halters Buch speziell macht. Zwei Liebende, die sich eine neue Sprache füreinander schaffen, eine Sprache voller Poesie, weil die Worte und Namen, die „normale“ Liebende einander zuflüstern, für das, was sie fühlen, nicht ausreicht. Ihre Treffen und Briefe sind immer auch ein Nachdenken über die Beschaffenheit der Liebe, die sie immer mehr als ihre Religion zelebrieren.

 

Titel: Mermaid,Roman, gebunden, 344 Seiten

Autor: Ernst Halter

Verlag: Klöpfer & Meyer, 2018

http://www.kloepfer-meyer.de/

ISBN 9783863514631

Kurzbewertung: Etwas kopflastige, nicht ganz pathosfreie, aber differenziert und wohlformulierte Liebens-, Betrugs- und Bettgeschichte. Es gibt Sätze, die möchte man sich übers Bett hängen.

Für wen: Für den, der’s überspannt mag und gerne etwas über die Philosophie der Liebe nachdenken möchte. Er könnte aber auch in die Welt hinausgehen und lieben üben.

Gedicht zum Buch: Und weil es gerade so schön passt hier einen Link auf die Lyrikzeitung & Poetry News, wo Ihr ein Gedicht von Ricarda Huch findet: Ich will dich. https://wp.me/pBWBE.b25

 

 

 

 

Die schweizerische Effi Briest hiess Lydia

Die tragische Geschichte von Lydia Welti-Escher (1858 bis 1891) wurde schon mehrfach literarisch aufgearbeitet. Eines der neuesten Bücher unter dem treffenden Titel Ein Bild von Lydia, das sich mit ihrem Schicksal befasst, hat Lukas Hartmann geschrieben. Hartmann hält sich dabei weitestgehend an die belegbaren Umstände, wendet aber einen Kunstgriff an, um der Person von Lydia näherzukommen. Er stellt die Geschehnisse um Lydias letzte Jahre aus der Sicht ihrer Kammerzofe Marie Louise Gaugler dar. Marie Louise Gaugler hat tatsächlich als junge Frau bei den Weltis gedient und den Niedergang ihrer Arbeitgeberin hautnah mitbekommen.

Zur Handlung: Luise, wie sie im Roman genannt wird, ist sechzehn und wird im Hause Welti-Escher als Kammerzofe eingestellt. Ihre Dienstherrin ist die Tochter von Alfred Escher. Sie hat von ihrem Vater ein immenses Vermögen geerbt. Ihr Ehemann Emil Welti ist der Sohn von Bundesrat Welti, ein mächtiger Mann, gut vernetzt, ein regelrechter Strippenzieher. Emil Welti bringt den Kunstmaler Karl Stauffer ins Haus. Er soll Lydia Welti porträtieren. Karl Stauffer und Lydia verlieben sich ineinander. Die amour fou gipfelt in einer skandalumwitterten Flucht nach Rom. Die Arme von Bundesrat Welti reichen weit: Er lässt Stauffer verhaften, Lydia wird in eine Irrenanstalt verbracht und muss sich von Stauffer distanzieren. Fortan lebt sie als geschiedene Frau und von den Weltis um den Grossteil ihres Vermögens gebracht in Genf, wo sie sich schliesslich umbringt. Stauffer hat diesen Ausweg schon vor ihr gewählt.

Die Kammerzofe Luise erlebt die letzten vier Jahre Lydias. Sie sieht, wie Emil Welti seine Frau durch Desinteresse und lange Abwesenheiten direkt in die Arme von Karl Stauffer treibt. Lydia wird als zurückhaltend, teilweise steif, aber auch als stark, klug, widerspenstig und vor allem an Kunst interessiert dargestellt. Ihre Unterforderung als Dame des Hauses kompensiert sie mit depressiven Phasen, die mit Kuraufenthalten und Ablenkungen „behandelt“ werden. Hartmann gelingt ein Sittengemälde. Es ist die Zeit der rigiden viktorianischen Vorstellungen zum Verhältnis von Mann und Frau und hartgezogener Schranken zwischen Herrschenden und Dienenden. Verhalten zeichnet Hartmann die Beziehungen innerhalb des Hauses Welti-Escher: Da hört man Geräusche, die nicht einzuordnen sind, versucht in Gesichtern zu lesen, schnappt Satzteile oder Seufzer auf, und im Extremfall wird an Türen gelauscht. Geprägt von äusseren Umständen entwickelt sich auch das Verhältnis zwischen Zofe und Dame: Vertraulichkeiten und Kühle wechseln sich ab. Luise fühlt sich ihrer Dienstherrin verbunden. Beide leben in einer Gesellschaft, die von allen verlangt, den Normen entsprechend zu funktionieren. Die Korsetts der Frauen sind eng geschnürt. Während Lydia sich über die Konventionen hinwegsetzt und offenen Auges in ihr Unglück rennt, lernt Luise den Kellner Henri kennen und lieben. Hoffnung, zumindest für sie, liegt in der Luft.

Hartmann hat einige Mühe darauf verwendet, die vorliegenden Dokumente zur Sache Welti-Stauffer zu sichten und zu bewerten. Auch wenn Ein Bild von Lydia als Roman betitelt ist, so unterliegt der Autor keinesfalls der Versuchung, Lydias Handeln zu bewerten oder ihre Gefühlswelt zu interpretieren. Die Figur der Luise liess ihm die Freiheit, die übrigen Protagonisten mit Zurückhaltung zu betrachten. Luise ist diejenige, die sich zwischen den Welten der Armen und Reichen bewegt. Luise beobachtet und lernt.  Als  sie schliesslich die Kleider von Frau Lydia erbt, weiss sie eines: Kleider machen zwar Leute, doch auch reiche Leute sind nicht frei zu tun und zu lassen, was ihnen beliebt.

Ein Kritikpunkt an diesem lesenswerten Roman über jene Frau, der wir die Gottfried-Keller-Stiftung verdanken, muss dennoch angebracht werden: Nach der gefühlt hundertsten depressiven Phase von Lydia, die eine der anderen gleicht – Nervenkrise, besorgte Dienstboten, Doktor kommt, besorgter Doktor, Tee wird verschrieben, die Patientin fasst sich wieder und agiert wie eine Getriebene – , hätte man sich als Leser doch eine Abkürzung gewünscht.

 

Titel: Ein Bild von Lydia, Roman, gebunden

Autorin: Lukas Hartmann

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes.ch/leser.html

Kurzbewertung: Das tragische Schicksal von Lydia Welti-Escher dargestellt aus der Sicht ihrer Zimmermädchen Marie Louise Gaugler. Der ungewohnte, unsentimentale Blickwinkel aus der Dienstbotensicht vermittelt ein Sitten- und Gesellschaftsbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das Frauen nicht viel mehr als die Rolle der fügsamen, sittsamen Hausherrin zugestand. Für die lebhafte, an Kunst und Literatur interessierte Lydia Welti war dies eindeutig zu wenig. Doch während Lydia Welti tief und tiefer fällt, erlebt ihr getreues Zimmermädchen zum ersten Mal die Liebe und darf auf eine erfreuliche Zukunft hoffen.

 

 

Wenn einer in den Spiegel schaut, wie viele schauen heraus?

Joachim Meyerhoffs Hauptfigur und Ich-Erzähler im Roman Die Zweisamkeit der Einzelgänger heisst Joachim Meyerhoff, ist wie sein Erschaffer auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik gross und später Schauspieler geworden. Diese Fakten stehen im Wikipedia-Eintrag über den Autor Meyerhoff. Solche Angaben darf man  glauben. Bei einem schreibenden Schauspieler, der sich selbst zur Figur eines Romans erhebt, darf aber auch ein wenig Zweifel erlaubt sein. Inwieweit die Figur Meyerhoff dem Schriftsteller Meyerhoff gleicht, ist etwas, was Leser sich sicherlich fragen – und etwas, womit Schriftsteller Meyerhoff gekonnt spielt. Für den Roman selber ist die Frage müssig. Die Geschichte springt zwischen Irrwitz, Traurigkeit, Facettenreichtum und herzbewegender Lebenslust hin und her; so dass man sich zuweilen wünscht, der Autor möge sie so erlebt haben – und ein paar Zeilen weiter, der Autor möge sie auf keinen Fall so erlebt haben.

Die Romanfigur Joachim Meyerhoff ist also Schauspieler, ein einsamer und unglücklicher obendrein. Ein Selbstzweifler. Er trifft auf Hanna. Eine überaus intelligente, kratzbürstige, um sich beissende junge Frau. Joachim verliebt sich. Seltsam genug, denn Hanna ist ein so schwieriger Charakter, dass sie es kaum mit sich selbst aushält. Immer scheint gleich um die Ecke die Katastrophe zu lauern. Die kommt – vorderhand – nicht. Aber es kommen die Tänzerin Franka und die Bäckerin Ilse. Joachim jongliert nun mit drei Frauen und seinem Schauspielberuf. Jede der Frauen öffnet ihm ihre Welt: Hanna fordert Joachim zu gedanklichen Höhenfügen heraus, Franka zu körperlichen Exzessen, Ilse bedeutet Geborgenheit und Wärme. Joachim achtet streng darauf, dass sich diese drei Welten nicht berühren. Dabei entdeckt er seine eigene Skrupellosigkeit und findet Freude daran. Schauspielerische Erfindungsgabe und Spontaneität retten ihn aus der einen oder anderen heiklen Situation.

Was die vier Menschen verbindet, ist ihre innere Einsamkeit. Jeder von ihnen hangelt sich entlang seiner eigenen Ablenkungsmanöverkette.

Schnell-Leser sollten bei diesem Buch ein paar Gänge herunterschalten. Buchfressern verweigert sich dieses Werk. Erst beim Genusslesen entwickelt es sein volles Aroma. Es schmeckt nach Theatervorhängen, vernachlässigten Industriestädten, nach Bibliotheken, verschwitzten Kostümen, frisch Gebackenem. Auch nach Ausschweifung, Betrug, kaschierter Trauer. Meyerhoff weiss geistreich zu erzählen. Seine Theaterszenen lockern die Geschichte auf, sind humorvoll bis sarkastisch. Die Beschreibung des Innenlebens seiner Protagonisten loten jedes Gefühl aus, jede noch so kleine Begebenheit verweist auf die Schwierigkeit, in einer Welt der Zweifler und Verzweifelten jemanden zu finden, an den man sich hängen kann. Und dann ist da noch Meyerhoffs/Meyerhoffs Fabulierkunst, die Purzelbäume gleich im Dutzend schlägt.

Ein Einwand muss angebracht werden: Spätestens ab Seite dreissig kommen auch dem tolerantesten Leser Zweifel: Muss ich mir das antun? Was haben eine überkandidelte, nervige Studentin namens Hanna, die auf keine noch so simple Frage eine normale Antwort geben kann, und ein einsamer Wolf namens Joachim, der sich aus welchen Gründen auch immer in dieses verrückte Huhn verliebt, mit mir zu tun? Bitte hier das Buch nicht beiseitelegen! Ich kann versichern, es lohnt sich, am Lesen zu bleiben. Tief- und Hintersinn sowie eine grosse Liebe zu grosser Literatur sprechen aus jeder Seite.

 

Titel: Die Zweisamkeit der Einzelgänger, Roman gebunden

Autor: Joachim Meyerhoff

Verlag: Kiepenheuer&Witsch https://www.kiwi-verlag.de/

Kurzbewertung: Intensives Leseerlebnis mit vielen theatralischen-komischen Effekten.

Für wen: Langsamleser mit einem Hang zu schrägen Typen und hochklassigen Literatur.