Die Barbaren, das sind immer die anderen

China: ein Riesenland, in dem sich einiges tut, das die Welt wirtschaftlich in Atem hält. Und immer ist da auch etwas Abweisendes, Undurchschaubares, Anderes. China verstehen fällt Europäern immer noch schwer, jahrhundertelange Handelsbeziehungen hin oder her. Da bietet Stephan Thomes Buch unter dem Titel Gott der Barbaren einiges an Erhellendem, einmal abgesehen von Spannung und einem Eintauchen in Geschichte, die wir so nie gehört haben.

Thomes Roman spielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Chinas Kaiser und die Beamten im Reich wollen alles so bewahren, wie es immer war. Doch eine Rebellenarmee, angeführt von Hong Xiuquan, der sich als Christ und als zweiter Sohn Gottes betrachtet, ist drauf und dran, das Land zu erobern (der sogenannte Taiping-Aufstand). Von der Küste her drängen Engländer und Franzosen ins Land und sind bereit, dem Kaiserreich die Segnungen des Handels  und Fortschritts aufzuzeigen, notfalls mit Kanonen (Zweiter Opiumkrieg). Ein fürchterliches Gemetzel nimmt seinen Lauf. Gemäss Thome – in einem Interview (auf youtube zu finden) – fielen den Auseinandersetzungen 20 bis 30 Millionen Menschen zum Opfer.

Stephan Thome, der deutsche Autor dieses bedeutsamen Romans, bringt uns einen wichtigen Teil von Chinas Geschichte und die Perspektiven der Beteiligten näher. Als Leser begleiten wir einen abenteuerlustigen Missionar, einen steifen britischen Diplomaten, den unbeugsamen Oberbefehlshaber der Gunan-Armee, kotaubefliessene Beamte und andere auf ihrem Weg durch die Jahre des Chaos. So abstrus ihre Gedankengänge und Rechtfertigungen uns oft erscheinen mögen, so logisch wirken sie aus damaliger Sicht und Herkunft des einzelnen. 

Der ganze interkulturelle und religiöse Konflikt wird durch umfangreiche historische Studien Thomes gestützt. Thome selber hat in Nanking studiert, jener Stadt also, die ehedem die Hauptstadt der Taiping-Rebellen war. 

Dem Autor gelingt es, sich in seine Figuren hineinzuversetzen. Ihre Handlungsweisen werden vor dem Hintergrund ihrer kulturellen Prägung verständlich; ihre inneren und äusseren Konflikte sind dermassen dargestellt, dass wir zu begreifen beginnen. So stellen Chinas Beamte fest: Der Westen lässt sich nur mit seinen eigenen Waffen schlagen, dem Handel. Und die christlichen Missionare müssen sich die Frage stellen: Wäre das Gemetzel zu vermeiden gewesen, hätten sie nie versucht die Chinesen zu christianisieren? 

Das Trauma, das China Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt hat, hat das Land tiefgreifend verändert und wirkt nach. Es liefert Gründe, weshalb das heutige China Falun Gong als Sekte betrachtet und die Anhänger als Gefahr für die innere Sicherheit betrachtet. Es liefert Gründe, weshalb in Hongkong die Polizei auffährt, wenn die Menschen gegen ein Auslieferungsgesetz streiken und hat Gründe geliefert, als die Panzer auf den Tiananmen-Platz auffuhren, um Studenten zusammenzuschiessen, die etwas Demokratie verlangten. Auch wenn die USA und China sich gegenseitig handelspolitisch die Fäuste zeigen, geht es immer noch um Geld und darum, wer wem seine Sicht der Dinge aufzwingt. Am gegenseitigen Barbarentum hat sich in 200 Jahren nichts geändert.

Titel: Gott der Barbaren, Roman, 719 Seiten, gebunden

Autor: Stephan Thome

Verlag: Suhrkamp Verlag 2018, http://www.suhrkamp.de

ISBN 978-3-518-42825-2, Fr. 35.30/Euro 25.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ein deutscher Missionar, Philipp Johann Neukamp, den mehr die Abenteuerlust als der Glaube antreibt, trifft in China ein und schliesst sich den Taiping-Rebellen an. Er verliert dabei mehr als seine Hand. Als Leser irren wir in diesem chinesischen Wahnsinn herum auf einer Reise durch eine Vergangenheit, die uns oft genug wie Gegenwart erscheint: nicht zu beherrschen, unübersichtlich, führungslos, gewalttätig.

Für wen: Für alle. Unbedingt lesen!

Menschen, die vorüberschwimmen

Nein, mit ausgeflippten Delphinen oder einem Angriff von Meeresbewohnern auf die zerstörerische Menschheit hat der Debüt-Roman Böse Delphine von Julia Kohli nichts zu tun. Delphine kommen eigentlich nur in einem Traum der 27jährigen Halina vor, einer Geschichtsstudentin aus Zürich, die irgendwie durch ihren Alltag stolpert, mit nichts und keinem richtig zufrieden ist und überhaupt in ihrem Leben nicht zu Hause scheint.

Halina schreibt mit wenig Enthusiasmus an ihrer Diplomarbeit über einen russischen Prinzen. Nebenher steigt sie in die Niederungen gewöhnlicher Brotarbeit. Sie jobt an einem Flughafenkiosk. Hier trifft sie auf gewöhnliche Büezer. Diese und andere Menschen bestaunt sie, als wären es Fische im Aquarium. Abends sitzt Halina allein in ihrer Wohnung und denkt über ihr nicht stattfindendes Leben statt. Sarkastisch, weil „zynisch ist für Verlierer“. Die Männer, mit denen sich Halina verabredet, sind erst mal interessant, spätestens nach dem zweiten Date aber nur noch mühsam. Manchmal trifft sie sich mit Freunden und geht auf öde Parties oder an noch ödere Vernissagen. 

Ein Leben unter der Glocke. Nirgends taucht ein Hauch von Hoffnung auf, nirgends ist eine Wende in Sicht, die Heldin bleibt cool, aber von der ersten bis zur letzten Seite in ihrer Verlorenheit stecken.  „Alles franste aus.“ 

Wenn die Figur von Halina das Lebensgefühl und die Denkweise einer Generation darstellt, dann Gute Nacht. Möglich, dass unsere Gesellschaft so eine Kritik verdient. Möglich auch, dass eine ganze Generation so durch ihr junges Erwachsenenleben irrt. Eine Generation, der alle Türen offenstehen, die aber vor lauter Auswahl und Gutgehen keine Orientierung und keinen Halt findet.

Was mir in diesem Buch fehlt ist Mut zur Hoffnung. Ein Ansatz würde genügen. Eine Heldin, die etwas bewegen möchte, die vielleicht an ihrer Aufgabe scheitert, aber eine, die sich aufrappelt, aus Fehlern lernen will. Sarkasmus als Antwort auf den Widersinn des Lebens ist mir zu wenig. 

Titel: Böse Delphine,  Roman, 190 Seiten, gebunden

Autorin: Julia Kohli

Verlag: Lenos Verlag, Basel http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-85787-496-3, Fr. 27.50.-/Euro 22.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Die Geschichtsstudentin Halina lebt in Zürich und jobt im Flughafenkiosk. Sie analysiert, kritisiert; „angesagte“ Künstler, Vernissagen und Parties dienen der Ablenkung. Ihr eigenes Dasein entgeht Halinas ironisch-kritischem Blick nicht. Ein Zeitbild oder ein Zerrbild oder beides?

Für wen: Da ich kein Stadtmensch bin und dieses Was-soll-das-Ganze-Lebensgefühl nicht verstehe, gibt es diesmal keine Empfehlung. Ich wäre aber gespannt darauf, was andere Leser über diese Story zu sagen hätten.

„Monsieur Hamil, kann man ohne Liebe leben?“

Nachdem ich Die Jagd nach dem Blau gelesen hatte, war klar, noch ein weiteres der Bücher von Romain Gary aufzuschlagen. Diesmal das 2018 neu bei Rotpunkt aufgelegte Du hast das Leben vor dir. Für diesen Roman über die Beziehung eines elternlosen Araberjungen zur kranken, alten Madame Rosa gewann Gary 1975 zum zweiten Mal den Prix Concourt, was damals einen Skandal auslöste. Gary hatte den Roman unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlicht. Der Preis kann aber gemäss Statuten nur einmal an eine Person verliehen werden.

Die Geschichte spielt in den Sechziger-, Siebzigerjahren in Paris Belleville. Momo, ein Araberbub, ist im Alter von drei Jahren zu Madame Rosa gekommen. Madame Rosa ist Jüdin und ehemalige Prostituierte, die sich jetzt mit dem Grossziehen und Weitervermitteln von Hurenkindern durchschlägt. Doch mit Madame Rosa geht es rasant abwärts. Ihre Organe sind alle von schlechter Qualität, ihre Beine tragen sie nicht mehr, in ihrem Kopf wird bald nur noch Grünzeug sein. Momo muss schnell erwachsen werden. In Belleville wohnen Menschen aller Hautfarben und Religionen, die meisten schlagen sich irgendwie durch. Momo versucht, sich und seine „Wohngemeinschaft“ gegen alle Widerstände zu verteidigen.

Zum einen ist dies die erschütternde Geschichte einer Kindheit, in der nichts so ist, wie es sein sollte. 

Es ist auch ein Buch über den Zusammenhalt der Elenden. In diesem Quartier, wo jeder existenzielle Sorgen hat, erkennt jeder auch die Not der anderen; man hilft sich gegenseitig so gut es geht. 

Es ist aber auch eine Geschichte über das Wunder der Imagination. Momo bietet immer dann seine ganze Vorstellungskraft auf, wenn das Leben über ihm einzustürzen droht. Eine Löwin schleckt ihm das Gesicht, damit er einschlafen kann; ein mächtiger Polizist macht ihn unangreifbar; ein Schirm ist sein Kumpel. 

Romain Gary hat für diesen Roman den Tonfall eines überdrehten Teenagers gewählt. Oder den Tonfall eines Jugendlichen, der abgebrüht wirken muss, in dem aber noch das Herz eines Kindes klopft. Allerdings ein Kind, das früh gelernt hat, dass das Glück ein Betrüger ist. Momo erzählt seine Geschichte selber. Er beobachtet und macht sich seinen Reim auf die Dinge, die er nicht versteht. Seine sprachlichen Möglichkeiten sind eingeschränkt, auch grob, denn seine Bildung hat er sich zwischen Prostituierten, Zuhältern, Dieben und Sans Papiers geholt. Und bei Monsieur Hamil, der „wenn er nicht sein ganzes Leben lang Teppichhändler in ganz Frankreich gewesen wär, wär er etwas sehr Gutes gewesen, vielleicht hätte er sogar selber auf so einem fliegenden Teppich gesessen, von Fischen gezogen, wie dieser andre Heilige aus dem Maghreb da, Sidi Ouali Dada.“

Gary hat auch in diesem Buch eine Handvoll Romanfiguren geschaffen, wie sie eigentlich nur das Leben erfinden kann, so schräg, widerspruchsvoll, lebensklug, witzig, leidenschaftlich und verrückt. 

Beim Lesen hätte ich mir allerdings gewünscht, die französische Ausgabe neben mir liegen zu haben. Des öfteren hatte ich den Eindruck, dass die neue deutsche Übersetzung von Christoph Roeber dem Originaltext nicht gerecht geworden ist. Ein 1:1-Vergleich brächte Klarheit und wäre gewiss spannend. 

Titel: Du hast das Leben vor dir, Roman, 242 Seiten, gebunden, Originaltitel: La vie devant soi, 1975

Autor: Romain Gary (Émile Ajar), Übersetzung aus dem Französischen von Christoph Roeber

Verlag: Rotpunktverlag 2018, http://www.rotpunktverlag.ch

ISBN 978-3-85869-761-5, Fr. 28.-/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Tragische, berührende Geschichte einer Kindheit in Paris. Momo lebt als Araber und Kind einer Hure unter Juden, Afrikanern und anderen Aussenseitern. Er und seine Ziehmutter Rosa sind aufeinander angewiesen. Humorvolles verbindet sich mit Strassenphilosophie, kleine Fluchten wechseln sich ab mit nackten Tatsachen. 

Für wen: Für alle vom Glück gesegneten, die auch mal einen Blick über jenen Lattenzaun werfen wollen, der die Habenichtse von den Glückseligen trennt.

Wie der Reisläufer Noldi auf Kuba zum Premium-Käser wurde

Manchmal soll ein Buch einfach nur gute Unterhaltung sein. Es darf ein unglückliche Liebe drin vorkommen, Humor wäre auch nicht schlecht und eine Geschichte, die mich packt. Und wenn dann noch ein wenig Historisches geboten wird, exotische Landschaften und eigenwillige Charaktere, wäre das Buch für einen entspannten Sonntag oder ein paar Stunden am Strand perfekt.

Genau so ein Lesespass ist Patrick Tschans Der kubanische Käser: Witzig, unterhaltsam, geschrieben in einem für mich als Ostschweizerin eigentümlich vertraut anmutenden Deutsch. Passend zur Geschichte hat der Autor die Geschichte mit zahlreichen Helvetismen versetzt. Wer also ausschliesslich Hochdeutsch kann, dürfte ein wenig herausgefordert sein, aber an den wunderbaren Ostschweizer Ausdrücken und helvetischen Flüchen seine helle Freude haben. 

Der Autor siedelt den Ausgangspunkt seines literarischen Roadmovies im oberen Toggenburg an. Im Jahre 1620 ist Noldi Abderhalden 16; er lebt arm und ziemlich naiv in Alt St. Johann. Noldi ist verzweifelt, weil ihm sein Heidi den Laufpass gegeben hat. Im Suff unterschreibt er einen Reisläufervertrag und muss – gemeinsam mit anderen einkassierten Schweizern – sein geliebtes Toggenburg verlassen. Zu Fuss geht die Reise nach Italien, von dort nach Spanien. Noldi hat verschiedene Abenteuer zu überstehen. Es gilt Kanonenkugeln auf die Seite zu hauen, Reformierte tot zu schlagen, die Liebe zu erlernen und Hexenjagden auszuweichen. Schliesslich landet Noldi in einem verlassenen Tal auf Kuba. Hier will Noldi nichts weniger als den besten Toggenburger Käse ausserhalb des Toggenburgs fabrizieren. Wenn nur das Heimweh und die Erinnerung an Heidi nicht wären.

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Ach ja, so eine Art Moral hat das Büchlein über den Toggenburger Käser Noldi Abderhalden auch noch. Sie lautet ungefähr: Sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen rechnet sich nicht – mit Toleranz kommst du weiter. Mag sein, bis in den hintersten Winkel von Kuba. Da ist es auch nicht schlechter als im Toggenburg.

Titel: Der kubanische Käser, Das wunderbarliche Leben und Lieben des Noldi Abderhalden, Roman, 185 Seiten, gebunden

Autor: Patrick Tschan

Verlag: Zytglogge Verlag Basel, 2019, http://www.zytglogge.ch

ISBN 978-3-7296-5005-3, Fr. 29.-/Euro 26.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ein lebensbejahendes Buch über einen der aus dem Toggenburg auszog, das Lieben zu lernen. Lesevergnügen von der ersten bis zur letzten Seite.

Für wen: Für alle, die mal wieder herzhaft beim Lesen lachen wollen. Alle, die gopferdammi Nachhilfe im helvetischen Fluchen benötigen. 


„Ich bin einsam. Ich dachte du vielleicht auch.“

Heute geht es um das letzte Buch von Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht. Eine Story, die einen durchzurütteln vermag. Ein Buch auch, das uns daran erinnert,  wie sorgsam wir miteinander und mit unserer Zeit umgehen sollten, aber auch, wie wenig geschaffen für die Einsamkeit wir Menschen sind. 

Die Story: Louis und Addie leben als Nachbarn im Herzen der USA in einer Kleinstadt. Beide sind seit ein paar Jahren verwitwet und leben jeder für sich in ihren stillgewordenen Häusern. Addie klingelt eines Abends bei Louis und bittet ihn, gelegentlich die Nacht in ihrem Bett zu verbringen. Louis lässt sich darauf ein. Aus dem ungewöhnlichen Arrangement wächst nach und nach eine tiefe Freundschaft, die misstrauisch beäugt und boshaft kommentiert wird. Doch Addie und Louis geniessen jeden Moment ihres Zusammenseins. sie geben sich gegenseitig den Schwung, den sie seit langem vermisst haben. Addies Sohn fühlt sich bemüssigt, seiner Mutter das Recht auf Selbstbestimmung absprechen zu müssen. Addie und Louis stehen schliesslich vor der Frage, was sie noch verkraften können zu verlieren.

Die Situation von Addie und Louis ist beispielhaft. Wie viele ältere Menschen leben allein in ihren Wohnungen oder Häusern, haben kaum mehr Kontakt? Ihre Kinder sind weggezogen, die Zahl der Freunde bereits ausgedünnt, die Beweglichkeit leicht eingeschränkt. Und die Neugier? Auf das, was das Leben noch zu bieten hätte, auf neue Menschen, auf das, was einst Freude bereitete: ist irgendwo verloren gegangen zwischen Arztbesuch, Einkauf, Kirchgang, Rentnertreff und den allgemeinen Vorstellungen, wie man mit siebzig zu sein hat. 

Kent Haruf siedelt seine beiden Hauptfiguren von Unsere Seelen bei Nachtin Holt, einer erfundenen Kleinstadt in Colorado an. Die Umgebung ist ländlich, man kennt sich ein wenig, die Moralvorstellungen sind eher prüde. Zwei alte Menschen, die plötzlich ihre Nächte miteinander verbringen, passen da nicht ins Bild. 

Ich habe mich gefragt, ob Harufs Geschichte hierzulande angesiedelt auch funktionieren würde. In städtischen Gemeinden dürfte eine Beziehung wie die von Addie und Louis keinen interessieren, auf dem Lande gäbe es sicherlich eine zeitlang Kommentare. Dass jedoch leibliche Kinder überzogen reagieren, wenn ihre siebzigjährige Mutter sich neu verliebt: Sowas gibt es auch hier. Also ja: Es braucht für eine Geschichte wie die vorliegende kein amerikanisch-bigottes Kleinstadtgefüge. Hintertupfigen wäre als Schauplatz ebenso geeignet.

Unsere Seelen bei Nachtist mit Robert Redford und Jane Fonda 2017 verfilmt worden. Leider habe ich diesen Film noch nicht gesehen. Muss ich unbedingt nachholen!

Titel: Unsere Seelen bei Nacht, Roman, 197 Seiten, Taschenbuch

Autor: Kent Haruf. Deutsche Erstübersetzung. Aus dem Amerikanischen von pociao

Verlag: Diogenes Verlag, 2017, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-24465-6, Fr. 22.­–/Euro 16.99

Kurzbeschrieb/-bewertung: Zurückhaltend-gefühlvolle Geschichte zweier Menschen, die sich entschliessen, ihren dritten Lebensabschnitt nicht einfach dahinschwinden zu lassen. Was werden die Nachbarn dazu sagen, wenn zwei alte Leute ihre Nächte plötzlich gemeinsam verbringen? Addie und Louis wagen es. Was haben sie schon zu verlieren? Kent Harufs Erzählweise ist einerseits still-verhalten, anderseits von einer Klar- und Offenheit, die perfekt zu diesen zwei älteren Menschen passt, die zu viel erlebt haben, um ihr Restleben mit Kinkerlitzchen gestalten zu wollen.

Für wen: Trotz des bewegenden Ausgangs ist dieses Buch ein Mutmacher: Älterwerden muss nicht das vorweggenommene Ende sein. 

Ein Grübler verpasst sein Leben

Kürzlich habe ich in einem Interview gelesen, ein Buch, das nicht schon auf der ersten Seite mit einem Dialog aufwarte, könne man gleich zur Seite legen. Solche als Gewissheiten daherkommenden Sätze machen mich misstrauisch. Nach der Lektüre von Dag Solstads T. Singer bin ich nun ganz sicher: Dieser Ratschlag taugt nichts. Denn gibt es nichts Schöneres als einen Roman zu lesen, dessen Handlung und schriftstellerische Umsetzung eine in sich geschlossene Einheit bilden? 

Genau das ist Dag Solstad mit T. Singer gelungen. Auf Dialoge verzichtet der Roman beinahe vollständig. Es kommen genau zwei Gespräche im gesamten Buch vor: Das eine ist ein Selbstgespräch der Hauptfigur T. Singer (der Vornamen erfährt der Leser nicht) mit einem imaginären Freund; das zweite findet mit einer Zufallsbegegnung statt und ist weniger ein Dialog, als ein Monolog über das Billige und das Glück.

Doch ich sehe schon, langsam wird es Zeit, etwas über den Inhalt der Geschichte zu erzählen: T. Singer ist ein rückgratloser Grübler und einer, der ständig als Beobachter neben sich steht. Er ist „ein identitätsloser Lebensverleugner, ein ganz und gar negativer Geist … ein unpraktischer Vagabund auf der Landstrasse des Lebens. Er ist umgänglich, doch hat er keine Ziele, es sei denn, keinesfalls in peinliche Situationen zu geraten und nirgends aufzufallen. Er zieht als Bibliothekar nach Notodden, heiratet dort Merete, die eine kleine Tochter in die Ehe bringt. Doch dann verunfallt Merete; Singer sieht sich einer Herausforderung ausgesetzt, denn seine Stieftochter begegnet ihm mit einer Indifferenz, die seine eigene zurückwirft. 

Der Roman beginnt mit einer seitenlangen Einführung über Singers über alle Massen grosse Schamhaftigkeit. Der Autor dreht dieses Problem Singers so lange, dass man sich alsbald in einem Spiegelkabinett fühlt und einem leicht schwindelig wird. Jedoch genau mit dieser Darstellungsweise führt Solstad den Leser in die Denkweise Singers ein. Wer es denn nun genau ist, der Singer und sein Problem beobachtet und beschreibt, wird vorerst nicht klar: der Autor oder eventuell Singer selbst, der selbst einmal von sich als Schriftsteller tagträumte? Ein Aussenstehender?

T. Singer ist als Figur so bedeutungslos, so „inkognito“, dass sich selbst der Autor scherzhaft selber wundert, wie er es zu einer Hauptfigur in einem Roman geschafft hat. Doch gerade in Singers Kleinheit erkennen wir uns selbst. Und so wie Singers Tage dahinschwinden, ohne dass er wüsste wohin, noch ob er sie vermissen sollte, so ergeht es wohl zeitweise den meisten von uns.

Titel: T. Singer, Roman, 284 Seiten, gebunden

Autorin: Dag Solstad

Deutsche Erstübersetzung. Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

Verlag: Dörlemann-Verlag, 2019, http://www.doerlemann.com

ISBN 978-3-03820-065-9, Euro 22.–/ Fr. 30.–

Kurzbeschrieb: Die Geschichte eines Mannes namens Singer, der sich in seinem Leben mittels Selbstbeobachtung, Selbstwahrnehmung, Selbstkontrolle selber schachmatt setzt, unterlegt mit leisem Spott.

Für wen: Für Grübler aller Arten.

Wild entschlossene Stalkerin trifft nicht ganz sauberen Therapeuten

In Silke Knäppers Roman Das Lieben der anderen treffen zwei problematische Persönlichkeiten aufeinander. Auf der einen Seite haben wir Psychotherapeut Simon, der es mit der Trennung von Liebe und Beruf nicht so genau nimmt und überhaupt bei schönen Frauen gerne schwach wird. Ihm gegenüber steht die Kleinkinderzieherin Helen, die an einer ausgewachsenen Borderline-Persönlichkeitsstörung leidet, klug taktiert, agiert und vor nichts zurückschreckt.

Helen und Simon sind einander auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, nachdem Simons Frau Claire eines Nachts vom Balkon fällt, direkt vor Helens Füsse. Weder Helen noch Simon reagieren, wie man es erwarten würde: Keiner von beiden ruft Polizei oder Krankenwagen. Helen sieht ihre Chance gekommen. Nichts wünscht sich die blasse Frau mehr, als aus ihrem tristen Leben auszusteigen. Bisher gab es keinen Mann, der nicht vor ihr geflohen wäre. Doch wenn sie nun Claires Leben „übernehmen“ würde, an der Seite von Simon, dann würde alles gut werden. Doch in Simons Leben ist kein Platz für Helen, auch wenn er als Psychologe eine kleine Schwäche für angeknackste weibliche Seelen hat.

Einer der Leitsätze für Geschichtenschreiber lautet: Der Leser sollte eine der Hauptfiguren eines Romans lieb gewinnen, „mit ihr gehen“. Doch in „Das Lieben der anderen“ möchte ich weder Helen begegnen und schon gar nicht mit ihr befreundet sein, noch möchte ich je in die Praxis eines Simon Prohaska als Patientin eintreten. Dass ein Ehemann einfach an der Leiche seiner vom Balkon gefallenen Frau vorbeispaziert, um sich ein paar Drinks zu genehmigen, scheint ungeheuerlich und wird noch ungeheuerlicher, wenn man im Laufe der Geschichte erfährt, weshalb er das tat.

Also: Was das Liebgewinnen der Hauptfiguren anbelangt, lässt mich Silke Knäpper ganz schön ins Leere laufen. Dennoch und erstaunlicherweise funktioniert diese Geschichte. Zum einen ist sie einfach gut geschrieben, zum anderen wird sie von einem solide aufgebauten Spannungsbogen getragen. Immer mehr werden die Seelenk(r)ämpfe von Helen und Simon enthüllt. Gegen Ende unterläuft Silke Knäpper noch einmal die Erwartungen. Meine Annahme war, diese Geschichte ende in einem brutalen Showdown mit ganz üblem Ausgang. Ganz so schlimm ist es dann doch nicht gekommen. Schlimm genug, denn sowohl Simon als auch Helen stecken weiterhin in ihren Leben fest.

Titel: Das Lieben der anderen, Roman, 316 Seiten, gebunden

Autorin: Silke Knäpper

Verlag: Klöpfer&Meyer, 2018, https://www.kloepfer-meyer.de

ISBN 978 3 86351 4747, Euro 22.–/Fr. 32.90

Kurzbewertung: Hier tun sich seelische Abgründe auf. Ganz und gar romantikfrei. Dafür mit Krimi-Spannung und jeder Menge Freud.

Für wen: Wer schon immer mal jemanden stalken wollte, findet hier eine patente Anleitung. (Am besten abwarten, bis einem eine Tote vor die Füsse fällt!)

 

 

 

Vom Plantagenjungen zum Salonvirtuosen: eine Karriere zu Zeiten Louis XVI.

In der oft gespielten Musik der Klassik gilt er als Randfigur: Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George. Das mag zum einen an Komponisten wie Mozart oder Haydn liegen, die das Feld dominieren. Sicherlich spielt aber auch die Hautfarbe des Chevaliers mit dem Vergessen seiner Kompositioneneine Rolle: Der Chevalier war Mulatte. Seine Mutter war die schwarze Sklavin Nanon, sein Vater der französische Gutsbesitzer George de Boulogne de Saint-George.

Über die musikalischen Qualitäten des „schwarzen Mozarts“ masse ich mir kein Urteil an; ob es sich um ein verkanntes musikalisches Genie handelt oder um einen gefällig komponierenden Mitläufer – darüber sollen Fachleute streiten. Jedenfalls war Joseph Boulogne zu Lebzeiten ein anerkannter Geiger, Komponist und Dirigent.

Ob nun genial oder nicht: Das wechselhafte Leben des Chevaliers ist zweifellos jener Stoff, aus dem Romane und Filme gemacht werden. Und anscheinend weist die Faktenlage über sein Leben genügend Lücken auf, die die Phantasie reizen.

Der niederländische Schriftsteller Jan Jacobs Mulder ist einer, der sich locken liess und der in seinem Buch Joseph, der schwarze Mozart in die Geschichte Frankreichs vor und während der Revolution eingetaucht ist. Joseph de Boulogne (geboren 1745, gestorben 1799) hat diese Zeit der grossen Umbrüche nicht nur miterlebt, sondern aktiv mitgestaltet.

Joseph wuchs behütet auf, wurde zu Zeiten von Louis XV und Louis XVI mit Ehren und hohen Ämtern bedacht, war verwöhnt und ohne Sorgen materieller Art. Er besass gleich mehrere Talente. Zum einen brillierte er als Fechter, zum anderen als Geiger, Dirigent und Komponist. Die Erfolge blieben nicht aus. Wie alle erfolgreichen Menschen bekam er aber auch Neid und Gegenwind zu spüren. Zu den persönlichen Problemen, die sich aus seiner für damalige Pariser Verhältnisse ungewöhnlichen Hautfarbe ergaben, kamen politische und gesellschaftliche Umwälzungen. Da war eine Monarchie, die die Zeichen nicht erkennen wollte, und auf der Gegenseite eine aufgebrachte Bevölkerung. Aufklärerisches Gedankengut schwirrte in den Köpfen umher. Die Revolution nahm ihren verhängnisvollen Lauf. Joseph de Boulogne trat in den Kampf ein. Und setzte sich mit all seinen Mitteln für die Befreiung der Sklaven ein.

Wir begegnen der Romanfigur Joseph erstmals 1799, kurz vor seinem Tod. Er liegt mit Wundbrand im Bett, gepeinigt von Schmerzen. Er erinnert sich an seine ersten glücklichen Lebensjahre in Guadeloupe, an die Überfahrt nach Frankreich, seine Jugendjahre, in denen er eine Fechtschule besuchte, bedeutende Musiker kennenlernte, dann an seine Abenteuer als junger Mann, an Fechtkämpfe, die ihn bis nach England führten, an seine Vergnügungen und Verwicklungen mit der High Society der damaligen Zeit. Ein Leben, in dem es nicht mangelte an Triumphen, Kämpfen, spannenden Menschen und eitlen Freuden. Doch immer dabei ist die Frage nach der Hautfarbe. Ein Mulatte, der sich in höchsten Kreisen bewegt, war nicht nur exotisch, sondern auch ein Ärgernis. Jan Jacobs Mulder stellt Joseph als Menschen dar, den stets eine innere Unrast vor sich hertreibt. Er ist immer der Exote, der Mann, der alles besser oder verrückter machen muss als alle anderen. Ein Mensch auf der ständigen Suche nach Anerkennung.

Beim Lesen des Romans tauchte bei mir öfter störend die Frage nach der Erzählform des Romans auf. War es eine geschickte Wahl des Autors, den Protagonisten selber erzählen zu lassen, zumal der Romanheld den Tod erwartend im Bett liegt? Ist ein mit akutem Wundbrand (Fäulnis, sich ablösende Hautpartien, Schmerzen etc.) und ohne Behandlung dahinsiechender Patient wirklich noch fähig, sich sein Leben wohlgeordnet durch den Kopf gehen zu lassen, wie es uns die Geschichte weismachen möchte? Ich zweifle daran, lasse mich aber gerne von einer medizinisch versierten Fachperson belehren.

Ich habe in meinen – allerdings oberflächlichen – Nachforschungen auch nirgends die Bestätigung gefunden, dass Joseph einer Kriegsverletzung, die er sich in der Karibik zugezogen haben soll, erlegen ist. Vielmehr soll er zwei Jahre nach seiner Rückkehr nach Paris im Alter von 54 Jahren gestorben sein. Ein Problem, das bei historischen Romanen immer mal wieder auftaucht: Wo fängt die dichterische Freiheit an und wo wären die Fakten wichtiger?

Einmal abgesehen davon: Joseph, der schwarze Mozart lässt einen eintauchen in Jahre voller Wirren, Schrecknisse und Gewalt. Aber wir erhaschen auch ungewohnte Einblicke in freizügige Salons, in denen offen über alles diskutiert wird. Oder wir besuchen Fechtschulen, die Fitnessstudios des 18. Jahrhunderts. Ein Roman auch, bei dem vorab die Frauen gut wegkommen: Die weiblichen Figuren sind durchwegs liebevoll, frei von Dünkel, offen und mutig dargestellt.

 

Titel: Joseph, Der schwarze Mozart, Roman

Autor: Jan Jacobs Mulder, aus dem Niederländischen von Ulrich Faure

Verlag: Unionsverlag, Zürich, 2018, http://www.unionsverlag.com

ISBN 9783293005358

Kurzbewertung: Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-George, ist musikalisch talentiert, überaus sportlich, risikobereit, begehrenswert und bewegt sich scheinbar mühelos in Pariser Adelskreisen. Er hat nur ein Handicap: er ist Mulatte. Auf seinem Totenbett denkt er über sein Leben nach. Ein spannender Roman über einen Pariser Haudegen und ein Ausnahmetalent zur Zeit vor und während der Französischen Revolution.

Für wen: Schon einmal etwas gehört von einem französischen Frühklassiker mit schwarzer Hautfarbe, der sogar Mozart inspiriert haben soll und Kontakt zu Haydn hatte?  Oder etwas vernommen von einem Mulatten, der gegen Prinzen und sogar eine Dame Fechtkämpfe ausführte oder zum Gaudi der Pariser durch die Seine-Kloake schwamm? Nein? Dann wird es höchste Zeit dafür?

 

 

Auf einen Sockel gehoben und wieder runtergeholt: Emanuel Stickelberger VII.

Nach einer kleineren aufgezwungenen Lese-Auszeit, die mich bis jetzt glücklicherweise keine Leser gekostet hat (uff), bin ich wieder zurück im Blog. Diesmal mit einer vergnüglich zu lesenden Biographie, die sich allerdings als Roman tarnt oder vice versa: Mein fast grosser Grossvater von Jacob Stickelberger. Ein überaus gelungener Titel, finde ich.

Mit dem Berühmtwerden und -bleiben ist es so eine Sache. Neben einer gekonnten Imagepflege sowie guten Kontakten gehören nicht nur eine Portion Glück dazu, sondern auch die richtige Idee zur richtigen Zeit am rechten Ort.  So kann das Werk des Berühmt-Sein-Wollenden auf den Wellen der Zeit reiten und wird im besten Fall von ihnen hierhin und dorthin geschaukelt. Eine Sichtweise, die Emanuel Stickelberger sicher nicht mit mir geteilt hätte.  Sich der Moderne oder so etwas Profanem wie dem Zeitgeist anzupassen, kam für den Schweizer Unternehmer und Schriftsteller Stickelberger (geb. 1884) nicht in Frage, will man seinem Enkel Glauben schenken.

Jacob Stickelberger, der Autor von Mein fast grosser Grossvaterist einer, der von Berühmtheit sicher einiges zu erzählen weiss, ist er selber doch einer der Berner Troubadours. In seinem Buch beschreibt er allerdings nicht seine eigenen Erfolge, vielmehr ist sein Buch dem Grossvater gewidmet, eben jenem Emanuel Stickelberger. Stets liebevoll, manchmal kritisch und vor allem augenzwinkernd erinnert er sich an seinen Opapa, einen Familien-Patriarchen aus der ersten Hälfte des 20igsten Jahrhunderts, wie man ihn sich nicht prachtvoller vorstellen könnte. Und so sehen wir auch auf dem Buchumschlag einen distinguierten, beschnauzten, gescheitelten Herrn mit Zigarre in der Rechten, einer Zeitung auf den Knien in einer bis unter die Decke mit Schmöckern ausgestatteten Bibliothek sitzen. Soviel zur sorgfältigen Pflege des Images.

Schriftstellerisch war der Zigarren schmauchende und belesene Opapa vor allem in der Vergangenheit unterwegs: Ihn interessierten Figuren wie Zwingli, Calvin oder Hans Waldmann. Das schriftstellerische Werk Stickelbergerges ist umfangreich und fast durchwegs rückwärtsgewandt. Nach dem Zweiten Weltkrieg, mit dem Blick auf eine Zukunft in Frieden und Harmonie, hätten aber nur noch wenige Leser Interesse an historischen Stoffen bekundet, schreibt sein Enkel Jacob Stickelberger. Und so sei denn Emanuel Stickelberger, der in der ersten Hälfte des 20igsten Jahrhunderts durchaus etwas galt, fast vollkommen in Vergessenheit geraten.

Jacob Stickelberger beschreibt in seinen Erinnerungen nicht nur seine eigene Kindheit, sondern gleichfalls das Zusammenspiel innerhalb der grossen Familie, als deren Zentrum und wichtigste Instanz die „Respektsperson“ Emanuel Stickelberger 7. galt: Dieser war ein Mensch mit Ecken und Kanten, manchmal überraschend liebenswürdig, hier und dort eitel, stur oder gar lächerlich, irgendwie aber meist „Herr der Lage“. Dass der Autor seinen Rückblick als Roman bezeichnet, verweist aber deutlich darauf, dass er die Ereignisse rund um seinen Opapa nicht Schwarz auf Weiss, sondern unverkrampft bunt dargestellt hat.

 

Titel: Mein fast grosser Grossvater, Roman, 175 Seiten

Autor: Jacob Stickelberger

Verlag: Zytglogge, 2018, http://www.zytglogge.ch, ISBN 978-3-7296-0995-2

Fr. /Euro 32.–

Kurzbewertung: Familiengeschichte zum Schmunzeln. Gleichzeitig kann man sich seine Gedanken machen über das Zusammenspiel der Kräfte innerhalb eines Clans. Und über die eigene Rolle darin, die vielleicht gar nicht so erhaben ist, wie man meinen möchte.

Für wen: Für alle, denen es im Zusammenhang mit Familie nie zuviel des Guten wird. Für Basler Daig-Schneuggi und jene, die gerne vergessene Schriftsteller ausgraben.

 

 

Flucht ist kein Garant für Glück

Nashim ist krank. Sie wird bald sterben. In Schweden, einem Land, in dem sie jahrzehntelange gelebt und gearbeitet hat. Nashim stammt aus Persien. Sie hat nach der Islamischen Revolution an Protesten teilgenommen. Schlimmer noch: Ihre Schwester ist wegen ihr bei einer Demonstration umgekommen. Nashim muss mit Mann und Tochter Aram fliehen. Nun quält sich Nashim: War es richtig zu fliehen und Aram in der Fremde aufzuziehen?

Was bleibt von uns ist der Roman der schwedischen Autorin Golnaz Hashemzadeh Bonde. Sie schreibt ihren Roman aus der Ich-Perspektive in kurzen, stossweisen Sätzen, als hätte jemand zu wenig Atem, als würde sich jemand nicht getrauen, die Gedanken schweifen zu lassen. Das passt durchaus zu dieser Geschichte, in welcher es um eine tödliche Krankheit geht und um eine Menge unschöner Erinnerungen.

Die schwermütigen Lieder der persischen Sängerin Googoosh spielen innerhalb der Story eine kleine, wenn auch wichtige Nebenrolle. Googoosh selber reiste von Amerika, wo sie sich aufhielt, als 1979 die Revolution ausbrach, in den Iran zurück und wurde als Frau prompt mit einem Auftrittsverbot belegt. Erst nach 2010 kehrte sie auf die Bühne zurück. Somit ist sie das genaue Gegenteil von Nashim: Googoosh hat die Leiden ihres Landes und ihrer Landsleute mitgelebt, -erduldet. Damit wird sie für Nahid zu einer Symbolfigur. Denn Nahid hat sich ein Leben lang gefragt, ob der Preis, den sie für ihre Flucht bezahlt hat, nicht zu gross war. Sie hat ihre Mutter, ihre Schwestern, alles Bekannte zurückgelassen, nur um in Schweden festzustellen, dass es ihr nicht gelingt, dort Wurzeln zu schlagen.

Aus Sicht des Lesers ist die Frage überflüssig: Nashim und ihr Mann hatten nur die Wahl zwischen Tod und Flucht. „Ich glaube, der Tod war immer bei mir“, stellt Nashim denn auch gleich zu Beginn des Buches fest. Es ist eine Binsenwahrheit, dass wir unsere Probleme überallhin mitschleppen. Bei Nashim ist die Last besonders gross. Sie fühlt sich schuldig am Tod ihrer Schwester Noora. Auch hat sie aus Angst vor der Folter Freunde verraten. Über diesen schwachen Moment in ihrem Leben schweigt sie sich aus. Die Beziehung zu ihrem Mann ist durch die Geschehnisse belastet und zum Scheitern verurteilt.

Die krebskranke Nashim hadert mit ihrem Schicksal. In der Beschreibung der Verzweiflung der Todkranken, die sich in ihrem Gefühlschaos verheddert, liegen die Stärken dieses Buches. Nahim schwankt zwischen sämtlichen Extremen: Sie ist hilflos und zornig, weinerlich und anklagend, gleichgültig und verbissen. Und dazwischen taucht immer wieder die Frage auf, weshalb es ihr nicht gelingen wollte, ein glückliches Leben zu führen.

Für meinen Geschmack schneidet der Roman etwas gar viele Themen an: Gewalt gegen Frauen, die Islamische Revolution und in deren Gefolge Folter, Verrat, Flucht etc. Dazu kommen der Verlust des Gefühls, zu Hause zu sein, der Eindruck, auf allen Linien versagt zu haben, eine tödliche Krebserkrankung sowie das Abschiednehmen vom eigenen Leben. Dieser Fülle an Themen, von denen jedes an sich schon buchfüllend wäre, kann die Autorin auf 219 Seiten natürlich nicht gerecht werden.

 

Titel: Was bleibt von uns, Roman, aus dem Schwedischen von Sigrid C. Engeler, gebunden, 219 Seiten

Autorin: Golnaz Hashemzadeh Bonde

Verlag: Nagel & Kimche, Zürich 2018, http://www.nagel-kimche.ch,

ISBN 978 3 312 01089 9, Fr. 29.90/Euro 20.–

Kurzbewertung: Ziemlich glaubhaft und eindrücklich scheint mir dieser Roman dort, wo es um die Gefühlslage von tödlich erkrankten Krebspatienten geht. Einigermassen erhellend auch zu lesen, weshalb es manchen Immigranten nicht gelingen will, nicht gelingen kann, in ihrem Gastland anzukommen.

Für wen: Es handelt sich um eine gefühlig geschriebene Geschichte. Also für alle LeserInnen, die das gerne mögen.