Drogen: Der langsame Sprung von der Brücke

Eigentlich ein schöner Titel, den sich Demian Lienhard da für seinen Roman ausgedacht hat: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat. Da fängt das innere Kino gleich an, Szenen an die Gehirnleinwand zu werfen. Mütter warnen ja gerne, meist ohne Erfolg, es sei denn jenem, am Ende Recht zu behalten. In Demian Lienhards Buch soll die Mutter Recht behalten. Allerdings wird sie an dieser Tatsache wenig Freude haben. 

Und jetzt kommt es und ich sage es ungern: Durch dieses Buch habe ich mich von Seite zu Seite gequält, zumindest durch die erste Hälfte. Danach hatte ich mich wohl an den (gewöhnungsbedürftigen) Erzählstil gewöhnt.

Doch zuerst zu der Story: Wir schreiben die Achtziger- und ersten Neunzigerjahre. Teenager Alba lebt bei ihrer Mutter, die sie nicht versteht und oft kritisiert. Durch Albas Wohngemeinde geht gerade eine Selbstmordwelle; Schüler springen von der Brücke. Albas geliebter Stiefvater hat sich das Leben genommen, ihre Schwester ist auch tot, ein Vater kommt nicht vor. Das ist bestimmt für den abgestumpftesten Teenie zuviel des Guten, und so wundert es nicht, wenn Alba einen Selbstmord plant, der allerdings nicht gelingt. Doch damit sind wir erst am Anfang der Geschichte. Alba lernt René kennen, einen Goldküstenjungen. Auch seine Schwester ist gestorben. René ist, was man heute wohlstandsverwahrlost nennen würde. Bei beiden jungen Menschen, so liest sich jedenfalls die Story, haben die Eltern versagt. Aber sowas von! 

Was anfänglich nach einer schönen Jugendliebe aussieht, ist der Beginn einer von Toten gesäumten Abwärtsspirale, die ihren Höhepunkt auf dem Zürcher Platzspitz und auf dem Letten findet. 

Es scheint, dass das Thema der damaligen offenen Drogenszene Zürich und die tragischen Folgen der damit verbundenen politischen Entscheide gerade aufgearbeitet wird. Kürzlich ist der Film „Platzspitzbaby“ in die Kinos gekommen, der gleichfalls auf einem Buch basiert. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Drogen weiterhin aktuell ist. Hilfestellung, wie der momentane Missbrauch von Kokain und synthetischer Drogen bekämpft werden kann, bietet Lienhards Buch nicht. Seine Geschichte möchte wohl vor allem aufzeigen, wie das damals war, für jene die mittendrin im Heroinkonsum steckten und welche Gründe sie dorthin führten. 

Damit wären wir wieder bei Alba, einem verzweifelten, depressionsanfälligen Menschen, der nichts mit seinem Leben anzufangen weiss.  Klug ist sie, oft genug auch altklug, manchmal, und das ist beglückend zu lesen, mit frappanter Phantasie gesegnet. Sie reflektiert die Menschen und ihre Umwelt. Es sind meist freudlose, oft sarkastisch-traurige Beobachtungen, welche die sensible Alba anstellt. Aber, und das widerspricht der ihr zugeschriebenen Gescheitheit, die Sprache, die Lienhard für die Erzählstimme (also jener von Alba) wählt, scheint nicht zu ihr zu passen: zu flapsig, zu viele Gemeinplätze, zu sehr den Menschen aufs Maul geschaut, zu sehr einer Jugendsprache nachempfunden, die für mich nicht authentisch rüberkommt. Damit kann ich zur Not leben, aber beim Lesen bin ich ständig über die vielen seltsam verdrehten Sätze gestolpert. Oft als wäre eine Mundarterzählung Wort um Wort ins Hochdeutsche übertragen worden. Auch erschliesst sich mir nicht, weshalb Alba, die zur Uni geht und die Hochsprache sicher beherrscht, auf eine so kindlich-naive Art erzählen sollte. 

Oder da ist die Figur Gerold, der jedem seiner Sätze ein „ja“ anhängt. Spätestens nach dem zehnten „ja“ habe ich mich gefragt, was sich der Autor dabei gedacht hat. Vielleicht weil die Leser sonst nicht merken würden, dass Gerold seine Sätze am liebsten mit einem „ja“ beendet? 

Ganz ohne Spass: Wo zu dick aufgetragen wird, hört bei mir der Spass auf. Dieses Buch scheint mir ein Lehrbeispiel dafür zu sein, dass das Leben selber soviel Unglück über einem Einzelnen ausschütten kann, dass man unweigerlich ausrufen möchte: „Das hält doch keine Menschenseele aus.“ Geschichten aber sollten genau das nicht: Hier heisst es sich beschränken, will man nicht den Kommentar hören: „Unrealistisch.“ 

Und so ein Kommentar im Zusammenhang mit den Unglückseligen vom Platzspitz wäre nun wirklich fehl am Platz.

Titel: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat, Roman, gebunden, 378 Seiten

Autor: Demian Lienhard

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, http://www.fva.de

ISBN 978-3-627-00260-2, FR. 33.90/EURO 28.–

Kurzbewertung: Albas Weg ins Erwachsenenleben ist gesäumt von Todesfällen, von Drogensucht, Verrat und einigem mehr, was die Welt an Schrecknissen aufbieten kann. Jetzt wird alles gut, denkt Alba auf der zweitletzten Seite des Buches. Selber schuld, wer das glaubt. Tragik in jedem Kapitel, eine teilweise nervige Sprache, gepaart mit originell beschriebenen Beobachtungen und treffenden Szenenbeschreibungen.

Für wen: Eine lesende Freundin, auf deren Büchergeschmack ich mich jederzeit gerne verlasse, fand diesen Roman toll. Demnach: Für alle, die anderer Meinung sind als ich. 

„Alles war futsch“

Arvid, ein Romanautor um die vierzig, streift durch die Bars der Innenstadt Oslos. Nächtelang. Manchmal wacht er verkatert im Bett einer Frau auf. Oder: Arvid fährt mit seinem Mazda durch die Gegend. Er übernachtet auch darin. Das hat er schon getan, als Turid noch mit ihm zusammenlebte. Turid ist vor einem Jahr mitsamt den drei Töchtern ausgezogen und lebt ein Leben, an dem Arvid keinen Anteil mehr hat. Doch Arvid möchte nicht loslassen. Und er möchte seinen Töchtern ein guter Vater sein. Trotz allem, denn Arvid hat niemanden mehr. Im Jahr zuvor ist seine gesamte Familie bei einem Schiffsbrand ums Leben gekommen.

Per Petterson schafft es tatsächlich, aus dieser tragiküberladenen Ausgangslage einen Roman zu schreiben, der zwar in ein tiefes Jammertal führt, jedoch ohne das Gejammere anzustimmen, das man erwarten dürfte. Arvid als Ich-Erzähler berichtet nach und nach in eindringlichen Bildern – und wie es bei Erinnerungen so ist, in oft verwirrender zeitlicher Unordnung – wie es mit ihm soweit kommen konnte. Wir sehen ihn frisch geduscht und in seinen besten Kleidern in den Bus steigen: „… ich wollte das Verlorene aufholen, was auch immer das Verlorene war, ich war achtunddreissig, alles war futsch, ich hatte nichts mehr.“

Nun findet sich das Verlorene selten in Bars und schon gar nicht auf dem Grund eines Glases, da kann einer saufen soviel er möchte. Arvid weiss das zwar. Er ist klug, ist zur Aussenbetrachtung seines Handelns bestens befähigt, aber steckt in seinem lähmenden Schmerz fest. Er ist nicht dort „wo sie waren, um die Welt von dort aus zu sehen, und das lag daran, dass ich draussen war, und sie waren drinnen, im wahren Leben, in dem wichtige Dinge auf dem Spiel standen …“ Es ist, als läge eine gläserne Trennwand zwischen Arvid und allem anderen. Er beobachtet sich, seine Seelenzustände, seinen Körper, der durch Oslo wandert, seine Herkunft, seine Geschichte. Nur für kurze Momente gelingt es ihm, sein Leid mit wildfremden Frauen zu teilen. Man möchte mit ihm gehen, mit ihm reden, ihn berühren, und weiss doch, es ist unmöglich, dieser Mensch muss die Wand selber durchbrechen. 

Etwas Hoffnung schenkt uns Petterson gegen Ende des Romans. Arvid wird von seinem besten Freund Audun angerufen, von dem er vergessen hatte, dass er sein Freund war. Und diesmal gelingt es Arvid zu reden.

Titel: Männer in meiner Lage, gebunden, 285 Seiten

Autor: Per Petterson 

Verlag: Hanser, 2019

ISBN 978-3-446-26377-2, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Nach einer Familientragödie wird Arvid von seiner Frau und seinen drei Töchtern verlassen. Er versinkt in Schwermut, Alkohol und Einsamkeit. Trauer, Seelenzustände, Familientragödien haarscharf beobachtet und nachhaltig-berührend beschrieben. 

Für wen: Männer in seiner Lage und Frauen in ihrer Lage.

Tee mit Pfauensandwich gefällig?

Ich habe das Jahr mit leichter Kost angefangen – zumindest literarisch. Eine Freundin hat mir ein Büchlein mit dem Titel „Der Pfau“ zukommen lassen. Keine Neuerscheinung, aber ein Roman, mit dem es sich gut auf einem Liegestuhl rumlümmeln lässt. Ich habe ihn in die Sauna mitgenommen – und es mir am Kamin wohlig warm sein lassen, während die Protagonisten des Romans im schottischen Winter mit den Zähnen klapperten.

Die Story werde ich nur in den Anfängen erzählen, um nicht schon die diversen Twists in der Geschichte zu verraten: In einem schottischen Tal betreiben Lady und Lord McIntosh eine Farm mit Übernachtungsmöglichkeiten. Auf dem weitläufigen Gelände der tierliebenden Schotten tummeln sich einige Tiere, unter anderem Pfauen. Einer der Pfauen greift plötzlich alles an, was blau leuchtet. Insbesondere mag er keine blau lackierten Autos. Doch genau mit einem blauen Fahrzeug fährt an einem Wintertag die Investmentbankerin Liz vor. Sie hat ein Teambildungs-Wochenende mit ihren vier Untergebenen geplant. Mit dabei sind Rachel, die das Seminar leiten soll, und die gewitzte Köchin Helen. Doch dann läuft nichts wie geplant. 

Keine aufregende Literatur, aber mit trockenem Humor erzählte Geschichte, die trotz der stillen Landschaft einiges an Aufregung in die schottische Landschaft bringt. Ich hatte beim Lesen stets einen Film vor Augen: Würde mich nicht wundern, wenn einer auf die Idee käme, daraus einen Unterhaltungsfilm mit Schottencachet fürs Abendprogramm zu produzieren. Die Charaktere sind simpel und wenig überraschend gestrickt: ein kauziger Lord mitsamt patenter Lady, eine unbelehrbare Banker-Chefin, vier unwillige bis zu willige männliche Kollegen, eine verunsicherte Seminarleiterin, überaus tüchtiges Hauspersonal etc.

Titel: Der Pfau, Roman, Paperback, 247 Seiten

Autorin: Isabel Bogdan

Verlag: Insel Taschenbuch, 2017, http://www.insel-verlag.de

ISBN 978-3-458-36297-5, Fr. 12.40/Euro 10.00

Kurzbeschrieb/Bewertung: Abgelegenes Herrenhaus im schottischen Highland: verschneit, verschnupft, verpackt, gerupft und verspiesen. Kann man lesen, muss aber nicht.

Für wen: Für alle, die von Weltproblemen nichts wissen wollen und denen grad nach harmlos ist.

„Darling, die Welt ist nicht tot, sie bietet Wunder“

Los Alamos ist winzig. Dieser Satz und zugleich Buchtitel des Schweizer Autors Dieter Zwicky mag bei einer Einwohnerzahl von rund 12 000 Personen durchaus stimmen. Dieter Zwicky schafft es jedoch, in diesem winzigen Los Alamos eine Einwohnergemeinschaft herbeizufabulieren, die an Seltsamkeit, Verschrobenheit und Rätselhaftigkeit ihresgleichen sucht. 

Eines vorweg: Los Alamos ist winzig lässt sich in keine der üblichen Buchkategorien einordnen. Dazu schreibt Dieter Zwicky zu eigenwillig. Was unter seiner Feder entstanden ist, ähnelt am ehesten ungehemmter, fast verzweifelter Erinnerungsarbeit: Dort wo die Präzision der Erinnerungsbilder nachlässt, übernehmen Phantasie, Fabulierkunst, Aberwitz und Assoziationen. So kommt eines zum anderen, bis am Ende keiner mehr weiss, was war und was auch noch hätte sein können. 

Den roten Faden in der Geschichte, so es denn eine Geschichte ist, halten die beiden Figuren Jacqueline und ihr Gefährte, der als Erzähler auftritt. Jacqueline arbeitet beim Wasseramt von Los Alamos. Abends sitzen die beiden Hauptfiguren auf ihrer windigen Terrasse, halten sich an ihren Chardonnay-Gläsern fest und lassen die Bewohner der Stadt in nostalgischer Stimmung Revue passieren, das Ganze vermischt mit Jugend-Erinnerungsfetzen aus dem liechtensteinischen Schaanwald. Ein Gedanke führt zum nächsten, schlägt Purzelbäume, macht poetische Überschläge, landet mit dem Fesselballon in einem Einkaufszentrum, rollt schwermütig mit dem Bus durch die Stadt ohne Zentrum oder paddelt in einem liechtensteinischen Ententeich. 

Titel: Los Alamos ist winzig, kartoniert, 135 Seiten

Autor: Dieter Zwicky 

Verlag: pudelundpischer Wädenswil, 2019

ISBN 978-3-906061-19-1, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Logik oder Stringenz sucht man in diesem Buch vergebens. Aber mit phantastischen Szenen und dichter Chardonnay-Atmosphäre wird man reicht beschenkt. Eine „Geschichte“ der anderen Art.

Für wen: Wagemutige. LeserInnen, denen es auch nach dem wiederholten Lesen eines Textes egal ist, zu keinem Schluss zu kommen.

Wieviel ist eine Frau wert?

Man hört es immer wieder: Das Leben von Frauen in der indischen Gesellschaft ist alles andere als Zuckerschlecken. Das Land macht öfters Schlagzeilen, wenn es um sie Stellung der Frau geht. Mal geht es um Abtreibung weiblicher Föten, dann wieder um Vergewaltigung oder die Stellung junger Ehefrauen im Haushalt der Schwiegereltern. Es geht um ruinöse Mitgiften, um Organ- oder Mädchenhandel oder um Witwen, die von ihren Familien verstossen werden. 

An der Situation der Frauen in Indien scheint sich kaum etwas zu ändern. Zu tief wurzeln althergebrachte Vorstellungen, die einer Frau nicht mehr als den Wert einer Dienstmagd und Gebärerin von Jungen einräumen. Zwar wird hie und da ein Prozess gegen Vergewaltiger geführt, und das Land bemüht sich um Gesetze, die Abhilfe schaffen sollen. Doch was ändert das, wenn sich in den Köpfen und Herzen der Menschen (Männer) nichts bewegt und vor allem, wenn drückende Armut und Elend das Leben vieler bestimmen?

Hier setzt auch der Roman „Mädchen brennen heller“ von Shobha Rao an. Die Autorin stammt selbst aus Indien, wanderte aber als Kind nach Amerika aus. In ihrer Arbeit als Rechtsänwältin ist sie zahlreichen Opfern häuslicher Gewalt begegnet. Die Geschichten, die sie in ihrer Arbeit gehört hat, dürften Wesentliches zu ihrem Roman beigetragen haben.

Die Geschichte  führt uns in ein indisches Armutsquartier. Purnima und Savita sind zwei Mädchen, die schon in jungen Jahren mit der harten Realität konfrontiert werden. Purnimas Mutter ist gestorben. Sie übernimmt die gesamte Hausarbeit und arbeitet am Spinnrad mit. Savita webt zusammen mit Purnimas Vater Saris. Die beiden Mädchen freunden sich an und wagen es, von einem besseren Leben zu träumen. Doch dann wird Savita vergewaltigt und flieht vor einer Zwangsheirat mit ihrem Vergewaltiger. Purnima ihrerseits muss einen Fremden heiraten. Doch ihr ist damit kein Glück beschieden.

Die Autorin greift in ihrem bewegenden Roman die meisten der oben erwähnten Missachtungen und Gewaltakte auf, denen Frauen in der indischen Gesellschaft ausgesetzt sind. Nichts, was die beiden jungen Frauen wagen, scheint unter einem glücklichen Stern zu stehen. Trotz allem, was ihnen widerfährt, halten sich Savita und Purnima aufrecht. Purnima will ihre Freundin um jeden Preis wiederfinden. Dieser Entschluss wird sie einiges von ihrer Selbstachtung und übermenschliche Energie kosten.

Titel: Mädchen brennen heller, gebunden, 384 Seiten

Autorin: Shobha Rao, aus dem Amerikanischen von Sabine Wolf 

Verlag: Elster Zürich 2019, http://www.elstersalis.com

ISBN 978-3-906903-12-5, Fr. 32.00/Euro 24.00, 

Kurzbeschrieb/-bewertung: Hierzulande haben Frauen gerade ein politisches Hoch – andernorts geht es ums schiere Überleben in frauenverachtender Umwelt. Zum Beispiel Indien, wo die Terrorisierung von Frauen grausamste Formen kennt. Zwei junge indische Frauen kämpfen sich durch. Bewegend, erschütternd, leidenschaftlich, mitreissend, ungeschminkt und klar geschrieben.

Für wen: Für alle, die finden, Frauen als menschliche Wesen und ihre Leistungen hätten überall Anerkennung verdient.

Wer behält die Oberhand: der Heilige, der Teufel oder der Narr?

Manchmal hat man als lesender Mensch keine Lust auf knackige, moderne Kurzsätze und wünscht sich elegante, ausgedehnte Satzkonstruktionen und eine Erzählweise, die einen mit sich trägt und mitschwingen lässt, als sässe man auf einer Schaukel. In solchen Momenten hilft der Griff zu einem älteren Werk. Dörlemann kommt das Verdienst zu, längst von den Büchertischen verschwundene Bücher neu aufzulegen. Dank dieses Verlags habe ich nun einen Titel des Kanadiers Robertson Davies in den Händen: Der Fünfte im Spiel, 1970 erstmals unter dem Titel Fifth business erschienen.

Der Fünfte im Spiel, das ist derjenige, der eine Nebenrolle spielt, ein Zuschauer, der die Hauptfiguren beobachtet, sich selber aber gerne aus allem raushält. Er ist aber auch jener Akteur, ohne den die Handlung nicht vorwärtsgetrieben würde. So ein Figur ist der Ich-Erzähler Dunny. Seine Geschichte fängt mit dem Satz an:

„Meine lebenslange Verbundenheit mit Mrs. Dempster begann am 27. Dezember 1908, um siebzehn Uhr achtundfünfzig, als ich gerade zehn Jahre und sieben Monate alt war.“

Dies ist einer der drei genialsten Einstiegssätze in ein Buch, die mir je untergekommen sind. Und der Einstieg täuscht nicht.

Die Geschichte, die Dunny Ramsay erzählt, spielt in einem Dorf in Ontario. (Der Autor Robertson Davies wuchs selber an so einem Ort auf.) Es ist eine Geschichte von Schuld und Sühne, von Geheimnissen, Barmherzigkeit, auch von Liebe und Rache. Alles beginnt mit einem Schneeball, der Dunny treffen sollte, aber auf dem Kopf der schwangeren Mrs. Dempster landet. Die Konsequenzen dieses Treffers beeinflussen das Leben einer Handvoll Menschen nachhaltig. Der Autor versteht es meisterhaft, die Schicksale seiner Figuren miteinander zu verknüpfen. Die Rolle des Fünften im Spiel kommt dabei Dunny Ramsay zu: Er trägt ein mächtiges Geheimnis mit sich. Er zieht in den Krieg, verliert ein Bein, vergräbt sich in Heiligenlegenden, verzichtet auf eine Frau, begleitet seinen Freund Boy und Mrs. Dempsters Sohn Paul, beides zwiespältige Figuren. Dunny Ramsay ist klug, er könnte Karriere machen, doch ihn hemmt etwas Machtvolles, das Gewissen. Eines Tages bricht er sein Schweigen. 

Titel: Der Fünfte im Spiel, 412 Seiten, gebunden

Autor: Robertson Davies

Verlag: Dörlemann, 2019, http://www.doerlemann.ch

ISBN 978-3-03820-068-0, Fr. 34.–/Euro 25.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kleine Ursache, grosse Wirkung: Der Wurf eines Schneeballs macht aus den einen Heilige, aus den anderen Narren oder Teufel. Doch was bedeutet heilig, und was närrisch oder teuflisch? Wunderbar packende Literatur aus Kanada.

Für wen: Schöne literarische Lebensbeichte über zutiefst Menschliches: also für alle, die gerne lesen.

Holt: eine Kleinstadt, wo Amerika noch funktioniert wie eh und je

Es gibt sie nicht, die Stadt Holt. Und es gibt sie doch. Irgendwo in den Vereinigten Staaten. Kent Haruf hat sie in den Great Plains in Colorado angesiedelt, ein Ort umrahmt von Weiden und Feldern, im Westen die Rocky Mountains. Es ist nicht schwer, sich dieses Städtchen vorzustellen. Hier passiert selten etwas Weltbewegendes; wenn hier ein Präsidentschaftskandidat vorbeikommen sollte, dann muss er sich verfahren haben.

Die Ortschaft Holt haben wir schon in der berührenden Geschichte eines älteren Paares in Unsere Seelen bei Nacht kennengelernt. Nun hat Diogenes auch Harufs Roman Abendrot herausgebracht.

Die Leute in Holt versuchen ihr Leben zu meistern, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in keine weiteren Probleme zu geraten als jene, die sie sowieso schon haben. Und zwischendurch helfen sie einander. Wir begegnen den Brüdern McPheron, die etwas ausserhalb der Stadt eine Rinderfarm betreiben und kaum etwas anderes kennen als ihre Arbeit. Oder DJ, einem Jungen, der bei seinem Grossvater lebt, weil seine Eltern gestorben sind. Oder seiner Nachbarin, die urplötzlich vor den Scherben ihrer Eheidylle steht und zu trinken beginnt. Oder Betty und Luther, die zwar eifrig bemüht, aber schlichtweg nicht klug und wehrhaft genug sind, sich selbständig durchzuschlagen. 

Kent Haruf lässt uns LeserInnen teilhaben an den Sorgen und Nöten, auch an den kleinen Freuden von Holts Einwohnern. Wenn DJ mit seiner Freundin in einem alten, zugigen Schuppen sowas wie Familie spielt, dann erzählt uns das etwas über die Sehnsüchte dieser Kinder. Wenn die McPheron-Brüder Besuch von ihrer Ziehtochter Victoria bekommen und für einige Stunden aufblühen, kommen auch die Momente, wo sie über ihr Leben nachdenken, das so plötzlich zu Ende sein kann. Es sind diese guten Miteinander-Momente, die es ausmachen, dass jeder in Holt – und anderswo – jeden Tag tut, was getan werden muss.

Titel: Abendrot, Roman, 414 Seiten, gebunden

Autor: Kent Haruf. Aus dem Amerikanischen von pociao

Verlag: Diogenes Verlag, 2019, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-070453, Fr. 32.­00/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Abendrot, das ist die Zeit des Tages, wo es ruhig wird, man sich hinsetzt, den Tag Revue passieren lässt, sich Gedanken macht. Und so ist dieses Buch, feinfühlig, still, nachdenklich.

Für wen: Wer Amerika mal ganz und gar unpolitisch, ohne Provokation und alltäglich erleben möchte: Hier ist das Buch dazu. (Doch ganz ohne Geschrei und Gewalt geht es auch hier nicht, tritt doch auch ein boshafter Onkel in Aktion.)

Wie oft muss sich Afrikas Gewaltgeschichte noch wiederholen?

Der Elster-Verlag hat den bereits 1968 in Frankreich erschienenen Roman Das Gebot der Gewalt von Yambo Ouologuem neu aufgelegt, ein Werk, dass dannzumal für einige Aufregung – überschwängliches Lob, aber auch Plagiatsvorwürfe – sorgte und die Karriere des aus Mali stammenden Autors massgeblich beeinflusste. Heute kann das erstaunliche Werk frei von solchen Wirbeln gelesen werden. Doch täusche man sich nicht: Dieses Buch wirbelt einen ganz schön durcheinander. Das Gebot der Gewalt ist ein erschütterndes, aber auch literarisch beachtenswertes Werk.

Worum geht es?:

Der Autor, so der Klappentext, „verdichtet knapp achthundert Jahre afrikanischer Geschichte bis in das Jahr 1947, als das fiktive Reich Nakem an der Schwelle zur Unabhängigkeit steht und ein Sohn des Reiches zum Studium nach Paris geschickt wird“. Yambo Ouologuem hat eine einzigartige Collage von extremer klanglicher Schönheit und Wucht geschaffen. Die Hauptrolle darin spielen die Saïd, die Mitglieder einer erfundenen Herrscherfamilie: grausam, gnadenlos und mit allen Wassern Afrikas gewaschen. Gegenspieler dieser machthungrigen Feudalherren sind die Kolonialherren und Missionare, die den Einheimischen Fürsten mal wissend, mal naiv in die Hände spielen, wenn es um Sklavenhandel, Kriegshändel oder um das bewusst gesteuerte Bild geht, das Europa von den Völkern Afrikas hatte und immer noch hat. 

Die Mächtigen spielen ihr makabres Spiel mit allen Mitteln: Zauberei, Vergewaltigungen, Drogen, religiöse „Erweckungen“, Erpressung, Mord. Doch wenn ich hier in der Vergangenheit spreche, so ist mir doch das Heute und die Zeit nach Erscheinen von Yambo Ouologuems Roman gegenwärtig: Ich denke an Idi Amin; an den Genozid in Ruanda; an all die Bürgerkriege, über die ich die Übersicht längst verloren habe; an Kindersoldaten, die mit Drogen gefügig gemacht wurden; an die Ströme von Flüchtlingen; gefügig gemachte Frauen, die neuen Sklavinnen Europas. Das Erschreckendste also ist, dass Yambo Ouologuems Roman nichts von seiner Aktualität verloren hat. Dass diese Geschichte Afrikas, die Ausnutzung der Menschen und des Landes, sich ständig wiederholt, als wäre sie ein Gebot.

Yambo Ouologuem verwebt Mythen, Überlieferungen, Bibelzitate, Legenden, Ausrufe zu einem einzigartigen Text. Mal meinte ich, einem Griot oder einem arabischen Märchenerzähler zuzuhören, der seine Geschichten mit Ausrufen wie „ouassalam“ und „Allah hamdoulila“ untermalt; dann wieder erzählt der Autor, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, von erotischen Ausschweifungen und malt brutale Szenen, die in einer extremen sprachlichen Klarheit daherkommen, was ihre Aussage noch schauerlicher macht. Und öfters greift der Autor zu einer beissenden Ironie. Immer aber ist sein Text kraftvoll-poetisch und seine Aussage ein Angriff auf die Mächtigen dieser Welt, die erbarmungslos ihre Position ausnutzen. 

Ich möchte hier als Lese-Ergänzung  und -vergleich auch auf einen neueren afrikanischen Roman hinweisen, den ich vor einiger Zeit besprochen habe: Tram 83 von Fiston Mwanza Mujila.

Titel: Das Gebot der Gewalt, Roman, 272 Seiten, gebunden, mit einem Nachwort zur Geschichte des Buches und des Autors

Autor: Yambo Ouologuem, aus dem Französischen von Eva Rapsilber

Verlag: Elster-Verlag, Zürich, http://www.elsterverlag.ch

ISBN 978-3-906903-11-8, Fr. 32.–/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Afrikanischer Geschichtsroman, wie man noch keinen gelesen hat. Poetisch, kraftvoll, kritisch, unerschrocken und voller Schrecknisse räumt er mit Mythen über Afrika und die Menschheit auf.

Für wen: Für kritische Geister und solche die es werden wollen: Lesen und Nachdenken! 

Die Barbaren, das sind immer die anderen

China: ein Riesenland, in dem sich einiges tut, das die Welt wirtschaftlich in Atem hält. Und immer ist da auch etwas Abweisendes, Undurchschaubares, Anderes. China verstehen fällt Europäern immer noch schwer, jahrhundertelange Handelsbeziehungen hin oder her. Da bietet Stephan Thomes Buch unter dem Titel Gott der Barbaren einiges an Erhellendem, einmal abgesehen von Spannung und einem Eintauchen in Geschichte, die wir so nie gehört haben.

Thomes Roman spielt um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Chinas Kaiser und die Beamten im Reich wollen alles so bewahren, wie es immer war. Doch eine Rebellenarmee, angeführt von Hong Xiuquan, der sich als Christ und als zweiter Sohn Gottes betrachtet, ist drauf und dran, das Land zu erobern (der sogenannte Taiping-Aufstand). Von der Küste her drängen Engländer und Franzosen ins Land und sind bereit, dem Kaiserreich die Segnungen des Handels  und Fortschritts aufzuzeigen, notfalls mit Kanonen (Zweiter Opiumkrieg). Ein fürchterliches Gemetzel nimmt seinen Lauf. Gemäss Thome – in einem Interview (auf youtube zu finden) – fielen den Auseinandersetzungen 20 bis 30 Millionen Menschen zum Opfer.

Stephan Thome, der deutsche Autor dieses bedeutsamen Romans, bringt uns einen wichtigen Teil von Chinas Geschichte und die Perspektiven der Beteiligten näher. Als Leser begleiten wir einen abenteuerlustigen Missionar, einen steifen britischen Diplomaten, den unbeugsamen Oberbefehlshaber der Gunan-Armee, kotaubefliessene Beamte und andere auf ihrem Weg durch die Jahre des Chaos. So abstrus ihre Gedankengänge und Rechtfertigungen uns oft erscheinen mögen, so logisch wirken sie aus damaliger Sicht und Herkunft des einzelnen. 

Der ganze interkulturelle und religiöse Konflikt wird durch umfangreiche historische Studien Thomes gestützt. Thome selber hat in Nanking studiert, jener Stadt also, die ehedem die Hauptstadt der Taiping-Rebellen war. 

Dem Autor gelingt es, sich in seine Figuren hineinzuversetzen. Ihre Handlungsweisen werden vor dem Hintergrund ihrer kulturellen Prägung verständlich; ihre inneren und äusseren Konflikte sind dermassen dargestellt, dass wir zu begreifen beginnen. So stellen Chinas Beamte fest: Der Westen lässt sich nur mit seinen eigenen Waffen schlagen, dem Handel. Und die christlichen Missionare müssen sich die Frage stellen: Wäre das Gemetzel zu vermeiden gewesen, hätten sie nie versucht die Chinesen zu christianisieren? 

Das Trauma, das China Mitte des 19. Jahrhunderts erlebt hat, hat das Land tiefgreifend verändert und wirkt nach. Es liefert Gründe, weshalb das heutige China Falun Gong als Sekte betrachtet und die Anhänger als Gefahr für die innere Sicherheit betrachtet. Es liefert Gründe, weshalb in Hongkong die Polizei auffährt, wenn die Menschen gegen ein Auslieferungsgesetz streiken und hat Gründe geliefert, als die Panzer auf den Tiananmen-Platz auffuhren, um Studenten zusammenzuschiessen, die etwas Demokratie verlangten. Auch wenn die USA und China sich gegenseitig handelspolitisch die Fäuste zeigen, geht es immer noch um Geld und darum, wer wem seine Sicht der Dinge aufzwingt. Am gegenseitigen Barbarentum hat sich in 200 Jahren nichts geändert.

Titel: Gott der Barbaren, Roman, 719 Seiten, gebunden

Autor: Stephan Thome

Verlag: Suhrkamp Verlag 2018, http://www.suhrkamp.de

ISBN 978-3-518-42825-2, Fr. 35.30/Euro 25.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ein deutscher Missionar, Philipp Johann Neukamp, den mehr die Abenteuerlust als der Glaube antreibt, trifft in China ein und schliesst sich den Taiping-Rebellen an. Er verliert dabei mehr als seine Hand. Als Leser irren wir in diesem chinesischen Wahnsinn herum auf einer Reise durch eine Vergangenheit, die uns oft genug wie Gegenwart erscheint: nicht zu beherrschen, unübersichtlich, führungslos, gewalttätig.

Für wen: Für alle. Unbedingt lesen!

Menschen, die vorüberschwimmen

Nein, mit ausgeflippten Delphinen oder einem Angriff von Meeresbewohnern auf die zerstörerische Menschheit hat der Debüt-Roman Böse Delphine von Julia Kohli nichts zu tun. Delphine kommen eigentlich nur in einem Traum der 27jährigen Halina vor, einer Geschichtsstudentin aus Zürich, die irgendwie durch ihren Alltag stolpert, mit nichts und keinem richtig zufrieden ist und überhaupt in ihrem Leben nicht zu Hause scheint.

Halina schreibt mit wenig Enthusiasmus an ihrer Diplomarbeit über einen russischen Prinzen. Nebenher steigt sie in die Niederungen gewöhnlicher Brotarbeit. Sie jobt an einem Flughafenkiosk. Hier trifft sie auf gewöhnliche Büezer. Diese und andere Menschen bestaunt sie, als wären es Fische im Aquarium. Abends sitzt Halina allein in ihrer Wohnung und denkt über ihr nicht stattfindendes Leben statt. Sarkastisch, weil „zynisch ist für Verlierer“. Die Männer, mit denen sich Halina verabredet, sind erst mal interessant, spätestens nach dem zweiten Date aber nur noch mühsam. Manchmal trifft sie sich mit Freunden und geht auf öde Parties oder an noch ödere Vernissagen. 

Ein Leben unter der Glocke. Nirgends taucht ein Hauch von Hoffnung auf, nirgends ist eine Wende in Sicht, die Heldin bleibt cool, aber von der ersten bis zur letzten Seite in ihrer Verlorenheit stecken.  „Alles franste aus.“ 

Wenn die Figur von Halina das Lebensgefühl und die Denkweise einer Generation darstellt, dann Gute Nacht. Möglich, dass unsere Gesellschaft so eine Kritik verdient. Möglich auch, dass eine ganze Generation so durch ihr junges Erwachsenenleben irrt. Eine Generation, der alle Türen offenstehen, die aber vor lauter Auswahl und Gutgehen keine Orientierung und keinen Halt findet.

Was mir in diesem Buch fehlt ist Mut zur Hoffnung. Ein Ansatz würde genügen. Eine Heldin, die etwas bewegen möchte, die vielleicht an ihrer Aufgabe scheitert, aber eine, die sich aufrappelt, aus Fehlern lernen will. Sarkasmus als Antwort auf den Widersinn des Lebens ist mir zu wenig. 

Titel: Böse Delphine,  Roman, 190 Seiten, gebunden

Autorin: Julia Kohli

Verlag: Lenos Verlag, Basel http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-85787-496-3, Fr. 27.50.-/Euro 22.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Die Geschichtsstudentin Halina lebt in Zürich und jobt im Flughafenkiosk. Sie analysiert, kritisiert; „angesagte“ Künstler, Vernissagen und Parties dienen der Ablenkung. Ihr eigenes Dasein entgeht Halinas ironisch-kritischem Blick nicht. Ein Zeitbild oder ein Zerrbild oder beides?

Für wen: Da ich kein Stadtmensch bin und dieses Was-soll-das-Ganze-Lebensgefühl nicht verstehe, gibt es diesmal keine Empfehlung. Ich wäre aber gespannt darauf, was andere Leser über diese Story zu sagen hätten.