„Deutsch besprenkelt mit der Muttersprache“

Herkunft ist Zufall. Dies schreibt in seinem Buch Herkunft Sasa Stanisic, der auf seinem Namen Häkchen trägt, die ich einfach nicht auf meiner deutschen Tastatur finden konnte. Wikipedia und der Kopierfunktion sei Dank – hier also der Name korrekt mit all seinem Schmuck: Saša Stanišić. Geboren 1978 Visegrad in Ex-Jugoslawin, mit seiner Mutter geflohen nach Heidelberg und dort im Emmertsgrund erwachsen geworden. Stadtteil für Geflüchtete, Immigranten, Andersartige. Menschen, die sich erst einmal die Sprache aneignen müssen, bevor sie überhaupt verstehen, was und wie ihnen geschieht. Und wo eine ARAL-Tankstelle zum Fixpunkt einer Jugend wird, in der jeder sich seine eigene Legende erschafft. 

Das mit der Integration und der Akzeptanz in der ARAL-Gemeinschaft ist nicht einfach, wenn man aus einer Gegend kommt, wo der Heilige Georg einen Drachen bekämpft oder der Drache den Heiligen Georg. So genau weiss man das nicht. Und mit den Grossmüttern ist auch nichts klar: Die eine ist möglicherweise Patin der Mafia, die andere liest das Schicksal aus Bohnen. Tito spukt auch noch im Kopf und eine Fussballmannschaft, auf die jeder stolz war, ganz egal zu welcher Volksgruppe er gehörte. Doch nach Tito sagten die Nationalisten, worauf man stolz sein sollte. Ihnen hat es Saša Stanišić am Ende zu verdanken, dass er mit seiner Mutter nach Deutschland fliehen musste. 

Nach dem Krieg sind die Städte und Dörfer nicht mehr, was sie einst waren, erst recht nicht die Menschen. Heimkommen ist nicht mehr Heim kommen. Saša Stanišićs Grossmutter wird dement. Ihr kommt die Zeit durcheinander, manche Erinnerungen verschwinden, ihr Kopf schafft sich eine eigene Ordnung. Und ihr Enkel Saša überbrückt die Lücken mit Geschichten, denn das ist es, was ihm Herkunft und Lebensweg als Wegzehrung mitgegeben haben: das kunstvolle Flechten von Wörtern zu Geschichten. Stanišićs Deutsch wirkt stellenweise von der Ursprungssprache geprägt, das macht seine Literatur anders, frisch, reich – manche Wendungen kommen so ungewohnt neu und poetisch daher, dass jeder Satz eine Freude zu lesen ist.

Herkunft ist nicht nur ein Buch über das Schicksal oder darüber, wie wir mit dem umgehen, was das Leben für uns bereithält. Es ist gleichfalls ein fliessendes Abschiednehmen von Kristina, der Grossmutter von Saša Stanišić aus Bosnien und Herzegowina. Und ein Abschied von einem Stück Erde, das, so wie es war, nie wieder sein wird.

Eine gute Geschichte“, sagt sie (die Grossmutter), „ist wie früher unsere Drina war: nie stilles Rinnsal, sondern ungestüm und breit. Zuflüsse reichern sie an, sie brodelt und braust, tritt über die Ufer. Eines können weder die Drina noch die Geschichten: Für beide gibt es kein Zurück.“ Grossmutter sieht dich an. „Ich wünsche mir, dass wir endlich ankommen.“

Titel: Herkunft, 360 Seiten, gebunden

Autor: Saša Stanišić

Verlag: Luchterhand, 2019

ISBN 978-3-630-87473-9

Kurzbeschrieb/-bewertung: Menschen, die vor dem Nationalismus fliehen und sich in einem Land zurechtfinden müssen, das nicht auf sie gewartet hat; später gelegentliches Zurückreisen in die Heimat der sich selbst überlassenen Häuser und Friedhöfe und zu einer Grossmutter, der die Zeit abhanden kommt. Mit einem formal spannenden Schluss, der sich in mehrere Möglichkeiten aufspaltet. Sehr lesenswert.

Für wen: Wer wieder einmal dankbar sein möchte dafür, dass er dort leben darf, wo er herkommt. Oder: Wer Nachhilfe im Mitfühlen braucht, wenn er Bilder von Grenzzäunen und Flüchtlingen sieht. Mir würden noch ein paar andere Lesegruppen einfallen, also fühlt euch ruhig angesprochen.

Wo die Liebe durch Ohren und Nase geht

Häuser und ihre Bewohner sind immer wieder anregende Schauplätze für Autorinnen und Autoren. Was sich an Geschichten, Gewohn- und Verschrobenheiten, Liebe oder Abscheu unter einem Dach versammelt, ist wunderbares Material für kleine und grosse Literatur. 

Meine Tage mit Fabienne von Hubertus Meyer-Burckhardt hat so ein Haus mit Mietwohnungen als Ort der Handlung gewählt. Der Ich-Erzähler Kannstatt wohnt dort direkt über einem leerstehenden Geschäftslokal. Kannstatt lebt zurückgezogen, seine Kontakte zur Aussenwelt bestehen zum Grossteil aus dem Einordnen von Geräuschen, die aus dem Treppenhaus und von der Strasse zu ihm dringen. Er kennt seine Nachbarn aufgrund ihrer Schritte im Treppenhaus und dem wenigen, was er von ihrem Leben mitbekommt. „Geräusche geben meinem Leben einen Rahmen“, sagt Kannstatt. Geräusche sind ihm Musik. Und von Musik versteht er etwas, auch wenn er statt Musiker Immobilienmakler geworden ist. Seine Wohnung ist Kannstatts Burg, hier fühlt er sich sicher: inmitten seiner Platten- und Steinsammlung und den Parfumflakons im Kühlschrank.

Doch dann, eines samstags, ändert sich etwas. Eine junge Hutmacherin namens Fabienne bezieht das Geschäftslokal im Grundgeschoss. Und der Dachstock soll in eine Wohnung ausgebaut werden. Plötzlich ist die Geräuschkulisse eine andere und die Hausgemeinschaft trifft sich vor Fabiennes Hutgeschäft. Auch Kannstatt kann sich der Faszination, die von Fabienne ausgeht, nicht entziehen. Dies, obwohl er sich Menschen, insbesondere Frauen grundsätzlich auf Distanz hält. Nur ein paar Monate später, ist Fabienne auch schon wieder weg. Und mit ihr die Energie, die das Haus einen Sommer lang geprägt hat. 

Die Nachbarschaft, die Meyer-Burckhardt in diesem Roman entworfen hat, ist so, wie wir es aus Nachbarschaften in Wohnhäusern kennen. Eigentlich geht jeder seine eigenen Wege. Wo sich diese kreuzen, fallen ein paar Worte, unsichtbare Schubladen werden geöffnet, Urteile gefällt. Meyer-Burckhardts Hauptfigur Kannstatt ist da keine Ausnahme.

Doch Fabiennes Einfluss geht Kannstatt zu weit:

„Es ist, als ob unten ein zweifellos sehr gutes Restaurant eingezogen wäre. Auch das beste Restaurant hat eine Abluft, und der Geruch von unten (…) korrumpiert meine Geschmacksnerven, meinen Geruchssinn.“

Ich begleitete mit Vergnügen den Sonderling Kannstatt bei seinen Gedanken über dieses und jenes, diese und jene. Sympathisch wirkte er erstmals aber nicht auf mich. Obwohl ich seine Lasst-mich-bloss-in-Ruhe-Brüskheit gut nachvollziehen konnte. Aber was weder Kannstatt noch ich kann: So ganz ohne die anderen geht das Leben halt doch nicht. Und manche Menschen riechen einfach verteufelt gut. So wie Fabienne.

Titel: Meine Tage mit Fabienne, Roman, 219 Seiten, Taschenbuch

Autor: Hubertus Meyer-Burckhardt

Verlag: Bastei Lübbe 2019, www,luebbe.de

ISBN 978-3-404-17712-7

Kurzbeschrieb/-bewertung: Ein Mietshaus, seine Bewohner und ihre Eigenheiten, die kennt man sie besser, gar nicht mehr so seltsam sind, wie es auf den ersten Blick erscheint. Und ändert sich erst mal das Bild, so ändert sich alles. Erzählt aus der Sicht eines nachdenklichen Eigenbrötlers, der sich wider Erwarten verliebt. Leicht melancholische Grundstimmung, jedoch aufgehoben durch Humor und leichtfüssiges Erzählen.

Für wen: Liebesgeschichte mit Beinahe-Happy-End für alle, die sowas verkraften.

Hier wird nicht gerechtfertigt, räsoniert, gefühlsgeduselt

„Vielleicht hast du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld“, sagte er, „aber es gibt eine Strafe.“ Dieses Zitat aus der letzten Geschichte in Ferdinand von Schirachs Buch Strafe hängt still über allen Geschichten aus dem Buch Strafe. Doch wo und wann die Strafe beginnt, ist schwierig herauszufinden. Die einen bekommen ihr richterlich angeordnetes Strafmass, die anderen kommen davon. Doch seinen inneren Schrecknissen entflieht keiner.

Beispielsweise die Juristin Seyma, die sich an ihrer neuen Arbeitsstelle zum ersten Mal frei fühlt. Doch dann übernimmt sie die Strafverteidigung eines üblen Zeitgenossen. Plötzlich ist das mit der Freiheit so eine Sache. 

Oder Meyerbeck, dessen neue Gefährtin eine Puppe namens Lydia ist. Als ein Nachbar Lydia schändet, dreht Meyerbeck durch. 

Oder der einsame, zurückgezogen lebende Felix, der mit Veränderungen nicht umgehen kann und der sich eines Tages mit einer Flasche Gin auf seine Gartenbank setzt. Neben sich ein Gewehr aus dem 2. Weltkrieg.

Oder Katharina, die als Schöffin aufgeboten ist. Als sie die Geschichte einer Zeugin hört, beginnt sie im Gerichtssaal zu weinen. 

Meyerbeck und alle anderen in diesem Buch, sie tragen ganz unterschiedliche Schicksale. Die eine lehnt sich gegen die Vorgaben ihre Familie auf, den anderen brennen seine Feuermale, den nächsten verlässt seine Frau. Nichts, womit man nicht umgehen könnte, möchte man meinen. Doch da sind auch Einsamkeit, Verwirrung und die dem Menschen innewohnenden Gegensätze, die aus jeder der Geschichten sprechen.

Zurück zur Figur Katharina: 

„Sie weinte, weil die Geschichte der Frau ihre Geschichte war und weil sie das Leben der Frau verstand und weil Einsamkeit in allen Dingen war. Niemand sprach mit ihr.“

Ist es nicht wunderbar, mit wie wenigen Worten der Autor hier so viel sagen kann. Als würde man eine leichte Bleistiftskizze vor sich haben. Manches ist nur angedeutet, vieles in knapper, nüchterner Art dargestellt. Eins führt zum anderen. Unausweichlich. Hier wird nicht gerechtfertigt, räsoniert, gefühlsgeduselt. Wunderbar!

Titel: Strafe, Taschenbuch, 189 Seiten

Autor: Ferdinand von Schirach 

Verlag: btb, 2019, http://www.btb-verlag.de

ISBN 978-3-442-71893-1, Fr. 14.30/Euro 11.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kurzgeschichten von Schuld und Sühne, mit leichtem Strich gezeichnete Schicksale aus der Welt der Gerichte. Wer Ferdinand von Schirachs Protagonisten auf der Strasse begegnen würde, würde sie kaum wahrnehmen, so unauffällig sind sie. Doch irgendwann brennen ihnen die Sicherungen durch. Klasse!

Für wen: Da es um die – nicht abschliessend zu  beantwortende – Frage von Schuld und Sühne geht, empfehle ich dieses Buch allen. 

Drogen: Der langsame Sprung von der Brücke

Eigentlich ein schöner Titel, den sich Demian Lienhard da für seinen Roman ausgedacht hat: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat. Da fängt das innere Kino gleich an, Szenen an die Gehirnleinwand zu werfen. Mütter warnen ja gerne, meist ohne Erfolg, es sei denn jenem, am Ende Recht zu behalten. In Demian Lienhards Buch soll die Mutter Recht behalten. Allerdings wird sie an dieser Tatsache wenig Freude haben. 

Und jetzt kommt es und ich sage es ungern: Durch dieses Buch habe ich mich von Seite zu Seite gequält, zumindest durch die erste Hälfte. Danach hatte ich mich wohl an den (gewöhnungsbedürftigen) Erzählstil gewöhnt.

Doch zuerst zu der Story: Wir schreiben die Achtziger- und ersten Neunzigerjahre. Teenager Alba lebt bei ihrer Mutter, die sie nicht versteht und oft kritisiert. Durch Albas Wohngemeinde geht gerade eine Selbstmordwelle; Schüler springen von der Brücke. Albas geliebter Stiefvater hat sich das Leben genommen, ihre Schwester ist auch tot, ein Vater kommt nicht vor. Das ist bestimmt für den abgestumpftesten Teenie zuviel des Guten, und so wundert es nicht, wenn Alba einen Selbstmord plant, der allerdings nicht gelingt. Doch damit sind wir erst am Anfang der Geschichte. Alba lernt René kennen, einen Goldküstenjungen. Auch seine Schwester ist gestorben. René ist, was man heute wohlstandsverwahrlost nennen würde. Bei beiden jungen Menschen, so liest sich jedenfalls die Story, haben die Eltern versagt. Aber sowas von! 

Was anfänglich nach einer schönen Jugendliebe aussieht, ist der Beginn einer von Toten gesäumten Abwärtsspirale, die ihren Höhepunkt auf dem Zürcher Platzspitz und auf dem Letten findet. 

Es scheint, dass das Thema der damaligen offenen Drogenszene Zürich und die tragischen Folgen der damit verbundenen politischen Entscheide gerade aufgearbeitet wird. Kürzlich ist der Film „Platzspitzbaby“ in die Kinos gekommen, der gleichfalls auf einem Buch basiert. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Drogen weiterhin aktuell ist. Hilfestellung, wie der momentane Missbrauch von Kokain und synthetischer Drogen bekämpft werden kann, bietet Lienhards Buch nicht. Seine Geschichte möchte wohl vor allem aufzeigen, wie das damals war, für jene die mittendrin im Heroinkonsum steckten und welche Gründe sie dorthin führten. 

Damit wären wir wieder bei Alba, einem verzweifelten, depressionsanfälligen Menschen, der nichts mit seinem Leben anzufangen weiss.  Klug ist sie, oft genug auch altklug, manchmal, und das ist beglückend zu lesen, mit frappanter Phantasie gesegnet. Sie reflektiert die Menschen und ihre Umwelt. Es sind meist freudlose, oft sarkastisch-traurige Beobachtungen, welche die sensible Alba anstellt. Aber, und das widerspricht der ihr zugeschriebenen Gescheitheit, die Sprache, die Lienhard für die Erzählstimme (also jener von Alba) wählt, scheint nicht zu ihr zu passen: zu flapsig, zu viele Gemeinplätze, zu sehr den Menschen aufs Maul geschaut, zu sehr einer Jugendsprache nachempfunden, die für mich nicht authentisch rüberkommt. Damit kann ich zur Not leben, aber beim Lesen bin ich ständig über die vielen seltsam verdrehten Sätze gestolpert. Oft als wäre eine Mundarterzählung Wort um Wort ins Hochdeutsche übertragen worden. Auch erschliesst sich mir nicht, weshalb Alba, die zur Uni geht und die Hochsprache sicher beherrscht, auf eine so kindlich-naive Art erzählen sollte. 

Oder da ist die Figur Gerold, der jedem seiner Sätze ein „ja“ anhängt. Spätestens nach dem zehnten „ja“ habe ich mich gefragt, was sich der Autor dabei gedacht hat. Vielleicht weil die Leser sonst nicht merken würden, dass Gerold seine Sätze am liebsten mit einem „ja“ beendet? 

Ganz ohne Spass: Wo zu dick aufgetragen wird, hört bei mir der Spass auf. Dieses Buch scheint mir ein Lehrbeispiel dafür zu sein, dass das Leben selber soviel Unglück über einem Einzelnen ausschütten kann, dass man unweigerlich ausrufen möchte: „Das hält doch keine Menschenseele aus.“ Geschichten aber sollten genau das nicht: Hier heisst es sich beschränken, will man nicht den Kommentar hören: „Unrealistisch.“ 

Und so ein Kommentar im Zusammenhang mit den Unglückseligen vom Platzspitz wäre nun wirklich fehl am Platz.

Titel: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat, Roman, gebunden, 378 Seiten

Autor: Demian Lienhard

Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt, http://www.fva.de

ISBN 978-3-627-00260-2, FR. 33.90/EURO 28.–

Kurzbewertung: Albas Weg ins Erwachsenenleben ist gesäumt von Todesfällen, von Drogensucht, Verrat und einigem mehr, was die Welt an Schrecknissen aufbieten kann. Jetzt wird alles gut, denkt Alba auf der zweitletzten Seite des Buches. Selber schuld, wer das glaubt. Tragik in jedem Kapitel, eine teilweise nervige Sprache, gepaart mit originell beschriebenen Beobachtungen und treffenden Szenenbeschreibungen.

Für wen: Eine lesende Freundin, auf deren Büchergeschmack ich mich jederzeit gerne verlasse, fand diesen Roman toll. Demnach: Für alle, die anderer Meinung sind als ich. 

„Alles war futsch“

Arvid, ein Romanautor um die vierzig, streift durch die Bars der Innenstadt Oslos. Nächtelang. Manchmal wacht er verkatert im Bett einer Frau auf. Oder: Arvid fährt mit seinem Mazda durch die Gegend. Er übernachtet auch darin. Das hat er schon getan, als Turid noch mit ihm zusammenlebte. Turid ist vor einem Jahr mitsamt den drei Töchtern ausgezogen und lebt ein Leben, an dem Arvid keinen Anteil mehr hat. Doch Arvid möchte nicht loslassen. Und er möchte seinen Töchtern ein guter Vater sein. Trotz allem, denn Arvid hat niemanden mehr. Im Jahr zuvor ist seine gesamte Familie bei einem Schiffsbrand ums Leben gekommen.

Per Petterson schafft es tatsächlich, aus dieser tragiküberladenen Ausgangslage einen Roman zu schreiben, der zwar in ein tiefes Jammertal führt, jedoch ohne das Gejammere anzustimmen, das man erwarten dürfte. Arvid als Ich-Erzähler berichtet nach und nach in eindringlichen Bildern – und wie es bei Erinnerungen so ist, in oft verwirrender zeitlicher Unordnung – wie es mit ihm soweit kommen konnte. Wir sehen ihn frisch geduscht und in seinen besten Kleidern in den Bus steigen: „… ich wollte das Verlorene aufholen, was auch immer das Verlorene war, ich war achtunddreissig, alles war futsch, ich hatte nichts mehr.“

Nun findet sich das Verlorene selten in Bars und schon gar nicht auf dem Grund eines Glases, da kann einer saufen soviel er möchte. Arvid weiss das zwar. Er ist klug, ist zur Aussenbetrachtung seines Handelns bestens befähigt, aber steckt in seinem lähmenden Schmerz fest. Er ist nicht dort „wo sie waren, um die Welt von dort aus zu sehen, und das lag daran, dass ich draussen war, und sie waren drinnen, im wahren Leben, in dem wichtige Dinge auf dem Spiel standen …“ Es ist, als läge eine gläserne Trennwand zwischen Arvid und allem anderen. Er beobachtet sich, seine Seelenzustände, seinen Körper, der durch Oslo wandert, seine Herkunft, seine Geschichte. Nur für kurze Momente gelingt es ihm, sein Leid mit wildfremden Frauen zu teilen. Man möchte mit ihm gehen, mit ihm reden, ihn berühren, und weiss doch, es ist unmöglich, dieser Mensch muss die Wand selber durchbrechen. 

Etwas Hoffnung schenkt uns Petterson gegen Ende des Romans. Arvid wird von seinem besten Freund Audun angerufen, von dem er vergessen hatte, dass er sein Freund war. Und diesmal gelingt es Arvid zu reden.

Titel: Männer in meiner Lage, gebunden, 285 Seiten

Autor: Per Petterson 

Verlag: Hanser, 2019

ISBN 978-3-446-26377-2, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Nach einer Familientragödie wird Arvid von seiner Frau und seinen drei Töchtern verlassen. Er versinkt in Schwermut, Alkohol und Einsamkeit. Trauer, Seelenzustände, Familientragödien haarscharf beobachtet und nachhaltig-berührend beschrieben. 

Für wen: Männer in seiner Lage und Frauen in ihrer Lage.

Tee mit Pfauensandwich gefällig?

Ich habe das Jahr mit leichter Kost angefangen – zumindest literarisch. Eine Freundin hat mir ein Büchlein mit dem Titel „Der Pfau“ zukommen lassen. Keine Neuerscheinung, aber ein Roman, mit dem es sich gut auf einem Liegestuhl rumlümmeln lässt. Ich habe ihn in die Sauna mitgenommen – und es mir am Kamin wohlig warm sein lassen, während die Protagonisten des Romans im schottischen Winter mit den Zähnen klapperten.

Die Story werde ich nur in den Anfängen erzählen, um nicht schon die diversen Twists in der Geschichte zu verraten: In einem schottischen Tal betreiben Lady und Lord McIntosh eine Farm mit Übernachtungsmöglichkeiten. Auf dem weitläufigen Gelände der tierliebenden Schotten tummeln sich einige Tiere, unter anderem Pfauen. Einer der Pfauen greift plötzlich alles an, was blau leuchtet. Insbesondere mag er keine blau lackierten Autos. Doch genau mit einem blauen Fahrzeug fährt an einem Wintertag die Investmentbankerin Liz vor. Sie hat ein Teambildungs-Wochenende mit ihren vier Untergebenen geplant. Mit dabei sind Rachel, die das Seminar leiten soll, und die gewitzte Köchin Helen. Doch dann läuft nichts wie geplant. 

Keine aufregende Literatur, aber mit trockenem Humor erzählte Geschichte, die trotz der stillen Landschaft einiges an Aufregung in die schottische Landschaft bringt. Ich hatte beim Lesen stets einen Film vor Augen: Würde mich nicht wundern, wenn einer auf die Idee käme, daraus einen Unterhaltungsfilm mit Schottencachet fürs Abendprogramm zu produzieren. Die Charaktere sind simpel und wenig überraschend gestrickt: ein kauziger Lord mitsamt patenter Lady, eine unbelehrbare Banker-Chefin, vier unwillige bis zu willige männliche Kollegen, eine verunsicherte Seminarleiterin, überaus tüchtiges Hauspersonal etc.

Titel: Der Pfau, Roman, Paperback, 247 Seiten

Autorin: Isabel Bogdan

Verlag: Insel Taschenbuch, 2017, http://www.insel-verlag.de

ISBN 978-3-458-36297-5, Fr. 12.40/Euro 10.00

Kurzbeschrieb/Bewertung: Abgelegenes Herrenhaus im schottischen Highland: verschneit, verschnupft, verpackt, gerupft und verspiesen. Kann man lesen, muss aber nicht.

Für wen: Für alle, die von Weltproblemen nichts wissen wollen und denen grad nach harmlos ist.

„Darling, die Welt ist nicht tot, sie bietet Wunder“

Los Alamos ist winzig. Dieser Satz und zugleich Buchtitel des Schweizer Autors Dieter Zwicky mag bei einer Einwohnerzahl von rund 12 000 Personen durchaus stimmen. Dieter Zwicky schafft es jedoch, in diesem winzigen Los Alamos eine Einwohnergemeinschaft herbeizufabulieren, die an Seltsamkeit, Verschrobenheit und Rätselhaftigkeit ihresgleichen sucht. 

Eines vorweg: Los Alamos ist winzig lässt sich in keine der üblichen Buchkategorien einordnen. Dazu schreibt Dieter Zwicky zu eigenwillig. Was unter seiner Feder entstanden ist, ähnelt am ehesten ungehemmter, fast verzweifelter Erinnerungsarbeit: Dort wo die Präzision der Erinnerungsbilder nachlässt, übernehmen Phantasie, Fabulierkunst, Aberwitz und Assoziationen. So kommt eines zum anderen, bis am Ende keiner mehr weiss, was war und was auch noch hätte sein können. 

Den roten Faden in der Geschichte, so es denn eine Geschichte ist, halten die beiden Figuren Jacqueline und ihr Gefährte, der als Erzähler auftritt. Jacqueline arbeitet beim Wasseramt von Los Alamos. Abends sitzen die beiden Hauptfiguren auf ihrer windigen Terrasse, halten sich an ihren Chardonnay-Gläsern fest und lassen die Bewohner der Stadt in nostalgischer Stimmung Revue passieren, das Ganze vermischt mit Jugend-Erinnerungsfetzen aus dem liechtensteinischen Schaanwald. Ein Gedanke führt zum nächsten, schlägt Purzelbäume, macht poetische Überschläge, landet mit dem Fesselballon in einem Einkaufszentrum, rollt schwermütig mit dem Bus durch die Stadt ohne Zentrum oder paddelt in einem liechtensteinischen Ententeich. 

Titel: Los Alamos ist winzig, kartoniert, 135 Seiten

Autor: Dieter Zwicky 

Verlag: pudelundpischer Wädenswil, 2019

ISBN 978-3-906061-19-1, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Logik oder Stringenz sucht man in diesem Buch vergebens. Aber mit phantastischen Szenen und dichter Chardonnay-Atmosphäre wird man reicht beschenkt. Eine „Geschichte“ der anderen Art.

Für wen: Wagemutige. LeserInnen, denen es auch nach dem wiederholten Lesen eines Textes egal ist, zu keinem Schluss zu kommen.

Wieviel ist eine Frau wert?

Man hört es immer wieder: Das Leben von Frauen in der indischen Gesellschaft ist alles andere als Zuckerschlecken. Das Land macht öfters Schlagzeilen, wenn es um sie Stellung der Frau geht. Mal geht es um Abtreibung weiblicher Föten, dann wieder um Vergewaltigung oder die Stellung junger Ehefrauen im Haushalt der Schwiegereltern. Es geht um ruinöse Mitgiften, um Organ- oder Mädchenhandel oder um Witwen, die von ihren Familien verstossen werden. 

An der Situation der Frauen in Indien scheint sich kaum etwas zu ändern. Zu tief wurzeln althergebrachte Vorstellungen, die einer Frau nicht mehr als den Wert einer Dienstmagd und Gebärerin von Jungen einräumen. Zwar wird hie und da ein Prozess gegen Vergewaltiger geführt, und das Land bemüht sich um Gesetze, die Abhilfe schaffen sollen. Doch was ändert das, wenn sich in den Köpfen und Herzen der Menschen (Männer) nichts bewegt und vor allem, wenn drückende Armut und Elend das Leben vieler bestimmen?

Hier setzt auch der Roman „Mädchen brennen heller“ von Shobha Rao an. Die Autorin stammt selbst aus Indien, wanderte aber als Kind nach Amerika aus. In ihrer Arbeit als Rechtsänwältin ist sie zahlreichen Opfern häuslicher Gewalt begegnet. Die Geschichten, die sie in ihrer Arbeit gehört hat, dürften Wesentliches zu ihrem Roman beigetragen haben.

Die Geschichte  führt uns in ein indisches Armutsquartier. Purnima und Savita sind zwei Mädchen, die schon in jungen Jahren mit der harten Realität konfrontiert werden. Purnimas Mutter ist gestorben. Sie übernimmt die gesamte Hausarbeit und arbeitet am Spinnrad mit. Savita webt zusammen mit Purnimas Vater Saris. Die beiden Mädchen freunden sich an und wagen es, von einem besseren Leben zu träumen. Doch dann wird Savita vergewaltigt und flieht vor einer Zwangsheirat mit ihrem Vergewaltiger. Purnima ihrerseits muss einen Fremden heiraten. Doch ihr ist damit kein Glück beschieden.

Die Autorin greift in ihrem bewegenden Roman die meisten der oben erwähnten Missachtungen und Gewaltakte auf, denen Frauen in der indischen Gesellschaft ausgesetzt sind. Nichts, was die beiden jungen Frauen wagen, scheint unter einem glücklichen Stern zu stehen. Trotz allem, was ihnen widerfährt, halten sich Savita und Purnima aufrecht. Purnima will ihre Freundin um jeden Preis wiederfinden. Dieser Entschluss wird sie einiges von ihrer Selbstachtung und übermenschliche Energie kosten.

Titel: Mädchen brennen heller, gebunden, 384 Seiten

Autorin: Shobha Rao, aus dem Amerikanischen von Sabine Wolf 

Verlag: Elster Zürich 2019, http://www.elstersalis.com

ISBN 978-3-906903-12-5, Fr. 32.00/Euro 24.00, 

Kurzbeschrieb/-bewertung: Hierzulande haben Frauen gerade ein politisches Hoch – andernorts geht es ums schiere Überleben in frauenverachtender Umwelt. Zum Beispiel Indien, wo die Terrorisierung von Frauen grausamste Formen kennt. Zwei junge indische Frauen kämpfen sich durch. Bewegend, erschütternd, leidenschaftlich, mitreissend, ungeschminkt und klar geschrieben.

Für wen: Für alle, die finden, Frauen als menschliche Wesen und ihre Leistungen hätten überall Anerkennung verdient.

Wer behält die Oberhand: der Heilige, der Teufel oder der Narr?

Manchmal hat man als lesender Mensch keine Lust auf knackige, moderne Kurzsätze und wünscht sich elegante, ausgedehnte Satzkonstruktionen und eine Erzählweise, die einen mit sich trägt und mitschwingen lässt, als sässe man auf einer Schaukel. In solchen Momenten hilft der Griff zu einem älteren Werk. Dörlemann kommt das Verdienst zu, längst von den Büchertischen verschwundene Bücher neu aufzulegen. Dank dieses Verlags habe ich nun einen Titel des Kanadiers Robertson Davies in den Händen: Der Fünfte im Spiel, 1970 erstmals unter dem Titel Fifth business erschienen.

Der Fünfte im Spiel, das ist derjenige, der eine Nebenrolle spielt, ein Zuschauer, der die Hauptfiguren beobachtet, sich selber aber gerne aus allem raushält. Er ist aber auch jener Akteur, ohne den die Handlung nicht vorwärtsgetrieben würde. So ein Figur ist der Ich-Erzähler Dunny. Seine Geschichte fängt mit dem Satz an:

„Meine lebenslange Verbundenheit mit Mrs. Dempster begann am 27. Dezember 1908, um siebzehn Uhr achtundfünfzig, als ich gerade zehn Jahre und sieben Monate alt war.“

Dies ist einer der drei genialsten Einstiegssätze in ein Buch, die mir je untergekommen sind. Und der Einstieg täuscht nicht.

Die Geschichte, die Dunny Ramsay erzählt, spielt in einem Dorf in Ontario. (Der Autor Robertson Davies wuchs selber an so einem Ort auf.) Es ist eine Geschichte von Schuld und Sühne, von Geheimnissen, Barmherzigkeit, auch von Liebe und Rache. Alles beginnt mit einem Schneeball, der Dunny treffen sollte, aber auf dem Kopf der schwangeren Mrs. Dempster landet. Die Konsequenzen dieses Treffers beeinflussen das Leben einer Handvoll Menschen nachhaltig. Der Autor versteht es meisterhaft, die Schicksale seiner Figuren miteinander zu verknüpfen. Die Rolle des Fünften im Spiel kommt dabei Dunny Ramsay zu: Er trägt ein mächtiges Geheimnis mit sich. Er zieht in den Krieg, verliert ein Bein, vergräbt sich in Heiligenlegenden, verzichtet auf eine Frau, begleitet seinen Freund Boy und Mrs. Dempsters Sohn Paul, beides zwiespältige Figuren. Dunny Ramsay ist klug, er könnte Karriere machen, doch ihn hemmt etwas Machtvolles, das Gewissen. Eines Tages bricht er sein Schweigen. 

Titel: Der Fünfte im Spiel, 412 Seiten, gebunden

Autor: Robertson Davies

Verlag: Dörlemann, 2019, http://www.doerlemann.ch

ISBN 978-3-03820-068-0, Fr. 34.–/Euro 25.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kleine Ursache, grosse Wirkung: Der Wurf eines Schneeballs macht aus den einen Heilige, aus den anderen Narren oder Teufel. Doch was bedeutet heilig, und was närrisch oder teuflisch? Wunderbar packende Literatur aus Kanada.

Für wen: Schöne literarische Lebensbeichte über zutiefst Menschliches: also für alle, die gerne lesen.

Holt: eine Kleinstadt, wo Amerika noch funktioniert wie eh und je

Es gibt sie nicht, die Stadt Holt. Und es gibt sie doch. Irgendwo in den Vereinigten Staaten. Kent Haruf hat sie in den Great Plains in Colorado angesiedelt, ein Ort umrahmt von Weiden und Feldern, im Westen die Rocky Mountains. Es ist nicht schwer, sich dieses Städtchen vorzustellen. Hier passiert selten etwas Weltbewegendes; wenn hier ein Präsidentschaftskandidat vorbeikommen sollte, dann muss er sich verfahren haben.

Die Ortschaft Holt haben wir schon in der berührenden Geschichte eines älteren Paares in Unsere Seelen bei Nacht kennengelernt. Nun hat Diogenes auch Harufs Roman Abendrot herausgebracht.

Die Leute in Holt versuchen ihr Leben zu meistern, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, in keine weiteren Probleme zu geraten als jene, die sie sowieso schon haben. Und zwischendurch helfen sie einander. Wir begegnen den Brüdern McPheron, die etwas ausserhalb der Stadt eine Rinderfarm betreiben und kaum etwas anderes kennen als ihre Arbeit. Oder DJ, einem Jungen, der bei seinem Grossvater lebt, weil seine Eltern gestorben sind. Oder seiner Nachbarin, die urplötzlich vor den Scherben ihrer Eheidylle steht und zu trinken beginnt. Oder Betty und Luther, die zwar eifrig bemüht, aber schlichtweg nicht klug und wehrhaft genug sind, sich selbständig durchzuschlagen. 

Kent Haruf lässt uns LeserInnen teilhaben an den Sorgen und Nöten, auch an den kleinen Freuden von Holts Einwohnern. Wenn DJ mit seiner Freundin in einem alten, zugigen Schuppen sowas wie Familie spielt, dann erzählt uns das etwas über die Sehnsüchte dieser Kinder. Wenn die McPheron-Brüder Besuch von ihrer Ziehtochter Victoria bekommen und für einige Stunden aufblühen, kommen auch die Momente, wo sie über ihr Leben nachdenken, das so plötzlich zu Ende sein kann. Es sind diese guten Miteinander-Momente, die es ausmachen, dass jeder in Holt – und anderswo – jeden Tag tut, was getan werden muss.

Titel: Abendrot, Roman, 414 Seiten, gebunden

Autor: Kent Haruf. Aus dem Amerikanischen von pociao

Verlag: Diogenes Verlag, 2019, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-070453, Fr. 32.­00/Euro 24.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Abendrot, das ist die Zeit des Tages, wo es ruhig wird, man sich hinsetzt, den Tag Revue passieren lässt, sich Gedanken macht. Und so ist dieses Buch, feinfühlig, still, nachdenklich.

Für wen: Wer Amerika mal ganz und gar unpolitisch, ohne Provokation und alltäglich erleben möchte: Hier ist das Buch dazu. (Doch ganz ohne Geschrei und Gewalt geht es auch hier nicht, tritt doch auch ein boshafter Onkel in Aktion.)