Der Tourist, der durch die Schweiz reiste und dabei zahlreichen Gemsen begegnete

Mit Mark Twain und Huckleberry Finn den Mississippi hinunterzuschippern, wie war das in meinen Jugendjahren aufregend und vergnüglich. Wie vielversprechend schien plötzlich eine Reise an den Mississippi. Doch Amerika ist heute weiter von mir entfernt denn je. Twain hingegen liegt griffbereit, und zusammen mit ihm lockt das Reiseland Schweiz. Diogenes hat dazu das Taschenbuch In der Schweiz von Mark Twain herausgebracht. In der Schweiz stellt einen Auszug aus seinem Buch Bummel durch Europa dar. 

Reisen bedeutet auch heute noch weitgehend dasselbe wie zu Twains Zeiten: die Augen offen zu halten, Andersartigkeiten zu registrieren und damit zurande zu kommen, Bekanntschaften zu schliessen oder ihnen auszuweichen, an Grenzen zu stossen (hauptsächlich an eigene). Die Reisemittel mögen sich seit Twains Zeiten verändert haben, die Reisegeschwindigkeit sowieso. Dennoch bleibt Reisen auf der einen Seite eine Mühsal, auf der anderen bietet es Kurzweil und Anreize.

Was man in der Schweiz gesehen haben muss (z. B. den Luzerner Löwen), was man als Geschenk für unliebsame Literaturkritiker mit nach Hause nehmen sollte (Kuckucksuhren), welche Tiere völlig überschätzt werden (Gemsen) und welchen Berg ein wackerer Fussgänger locker in Dreiviertelstunden ersteigt (die Rigi): Twain bringt das hundsnormale Touristendasein mit Witz, Ironie und Analyse auf den Punkt. Dass es dabei manchenorts mehr um den Touristen als um das bereiste Land geht, versteht sich von selbst. Deshalb spielt es keine Rolle, wie das bereiste Land heisst. Obwohl natürlich auch der kritischste Schriftsteller nicht umhin kann, von Matterhorn, Jungfrau und den Alpen-Gletschern (ja, die gab es zu Twains Zeiten noch) schwer beeindruckt zu sein. 

Mark Twains Tour geht von Luzern über Interlaken, Zermatt bis nach Genf. Er reist dabei auf ausgetretenen Pfaden, ist – wer hätte das gedacht – nur einer von vielen mit denselben Zielen und Bedürfnissen. Das Büchlein ist literarische Unterhaltung der Superklasse – und deshalb auch für Gedankenreisende und eingeborene Schweizer das reinste Vergnügen.

Titel: In der Schweiz, 301 Seiten, Taschenbuch

Autor: Mark Twain

Aus dem Amerikanischen Ana Maria Brock

Verlag: Diogenes Verlag, 2019, http://www.diogenes.ch

ISBN 978-3-257-245004, Fr. 13.–/Euro 9.99

Kurzbeschrieb/-bewertung: Der kluge Reisende mag mitunter dummen Reisenden begegnen. Er mag schlechtes Wetter vorfinden, klitschnass durch grandiose Landschaften taumeln, Sonnenaufgänge verpassen und Führer von zweifelhaftem Ruf anheuern. Aber vor allem begegnet er sich selber. Und dabei gilt es, den Humor nicht zu verlieren. Ob in der Schweiz oder anderswo.

Für wen: Reisende, die ihr Tun und ihr Reiseziel auch mal hinterfragen. 

Velofahren ist nicht einfach; Velofahren ist nicht einfach nur Sport

Es muss einer schon wahre Leidenschaft für sein Hobby hegen, wenn er den Plan fasst, mit seinem Fahrrad rund um die Ostsee zu radeln. Sechzig Tage hat Dres Balmer für diesen Plan reserviert. Die 6282 Kilometer hat er tatsächlich in der ins Auge gefassten Zeit abgespult. Einen Grossteil der Strecke war er dabei allein unterwegs, im Gepäck das Zelt und allerlei Gedanken, unter den Rädern wechselnde Strassenbeläge. Die Reise führte durch neun Länder. Wie es Dres Balmer dabei ergangen ist, hat er in seinem Büchlein Reh am Rapsfeld tagebuchartig zusammengefasst.

Es sind die kleinen Dinge, die ein Radfahrerherz erfreuen. Ein nettes Restaurant am Weg, wenn der Hunger am grössten ist. Ein Gespräch mit einer Wildfremden, wenn man sich einsam fühlt. Ein Reh im Rapsfeld oder ein Schlafplatz auf einem Bootssteg, wenn einem romantisch zumute ist. 

Es sind aber auch die kleinen Dinge, die dem Radler zu schaffen machen können. Eine Umleitung, wenn das Etappenziel noch fern ist. Keine Antwort auf einen freundlichen Gruss. Eine saumässige Pizza. Regenwetter, gepaart mit schlechter Tagesmoral. Holperige Wege. 

Doch halt, bei den holperigen Wegen bin ich jetzt nicht bei Dres Balmer, sondern bei meinen Radler-Erfahrungen. Denn im Gegensatz zu Dres Balmer fahre ich am liebsten auf Fahrradwegen. Und die sind manchmal gespickt mit Schlaglöchern. Dennoch: Überlandstrassen mit Autofahrern und Lastwagen zu teilen, ist mir ein Gräuel. Nicht so Balmer. Der freut sich nachgerade, wenn er auf Strecken, die eigentlich für Radler verboten wären, flott vorankommt. Doch wundert er sich dann, wenn er bei seiner Ostseeumrundung das Wasser kaum je zu sehen bekommt. Ob er sich da zwecks schönerer Aussicht nicht besser für den einen oder anderen holperigen Radweg hätte entscheiden sollen? 

Klar, bei mehr als 6000 Kilometern durch unbekannte Gegenden mit geringer Veloflickerdichte ist die Schonung des Materials ein wichtiger Punkt. Und Aussicht scheint sowieso nicht Dres Balmers Hauptglück beim Radfahren zu sein. Es sind vielmehr die Dinge, die einem beim Abspulen der Kilometer so durch den Kopf spuken, denn gemäss Balmer ist Velofahren nicht nur Sport, sondern die Strampelei bringt auch die Gehirnwindungen in die Gänge. 

Titel: Reh am Rapsfeld oder eine Radreise rund um die Ostsee , 198 Seiten, gebunden, mit 50 Schwarz-Weiss-Fotos

Autor: Dres Balmer

Verlag: Rotpunktverlag

ISBN 978-3-85869-824-7, Fr. 26.-/Euro 22.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Lange Radfahrer-Tagesetappen in kurzen Sequenzen beschrieben. Es geht weniger um die abgefahreren Stecken, als darum, was einem als Radfahrer sonst noch bewegt. Dass auf 6000 Kilometern im Sattel auch einige Vorurteile hochkommen, der Schweizer Bünzli in einem geweckt  und der Blick auch mal kritisch wird, versteht sich von selbst und darf durchaus hinterfragt werden.

Für wen: Wer eine längere Radreise plant, alleine oder in Gesellschaft (es muss nicht um die Ostsee sein), erfährt einiges darüber, worauf er sich gefasst machen kann.