Selbst geschrieben

Ich blogge über Bücher und ich schreibe. Wenn’s gerade passt, veröffentliche ich etwas. Hier eine unvollständige Liste dessen, was von mir in gedruckter Form vorliegt:

 

Frisch ab Presse: 

Poesie-Agenda 2019, orte Verlag Schwellbrunn, herausgegeben von Jolanda Fäh/Susanne Mathies, nächstens lieferbereit, Fr. 18.–,  www.orteverlag.ch

 

Noch zu haben:

Poesie-Agenda 2018, orte Verlag Schwellbrunn, herausgegeben von Jolanda Fäh/Susanne Mathies, ISBN 978-3-5830-212-0,  Fr. 9.– http://www.orteverlag.ch

 

Einzelveröffentlichungen

2015: Von Engeln, Bengeln und anderem weihnachtlichem Zubehör, 25 Mini-Geschichten für die Advents- und Weihnachtzeit, neobooks, ISBN 3738018425, 9783738018424, Fr. 4.50

2009: Wadenbeisser-Gedichte, Jolanda Fäh, Fundorte 32, orte Verlag Schwellbrunn, ISBN 978-3-85830-149-9, Fr. 28.–

2009: Urwaldhus, Tierhag, Ochsenhütte und Co., orte-Verlag Oberegg AI (gemeinsam mit Werner Bucher)

 

Beiträge in Anthologien

2018: In der Tiefe, Anthologie mit 34 Beiträgen, Herausgeberin Susanne Mathies, litac Verlag Zürich, http://www.litac.info, Fr. 15.90

2014: 750 Wörter Zeichen Jahre, Waldgut Verlag Frauenfeld

2003: blütenweiss bis rabenschwarz, 200 St.Galler Frauen-Porträts, Limmat-Verlag Zürich;

 

 

Ausserdem

2018: Libretto zu „Am Rhein“, Opernszenen komponiert von Matthias Arter, Uraufführung Zürich 2018. Liegt leider nicht in gedruckter Form vor.

Feinschmöckereien

Lesen ist für mich ein Vergnügen, das sich durchaus mit dem Verspeisen von Köstlichkeiten vergleichen lässt. Mit dem Einverleiben von etwas Körperfremden, das sich im Laufe des Genusses zu etwas von einem selbst transformiert. Müsste ich ein Bild von einem Lesenden malen, dann vielleicht bei offenem Fenster, neben dem Sessel ein Tischchen, ein Glas Rotwein, ein Stückchen Käse, duftendes Brot.

Und deshalb finde ich es durchaus logisch, von der Literatur für einmal einen Schritt in die Kochbuchecke zu machen. Gleich drei Kochbücher möchte ich hier präsentieren: das erste spricht von reiner Sinnlichkeit, das zweite rettet die feinen, überschüssigen Gartensachen in die Vorratskammer, das dritte entspricht ganz dem Zeitgeist und verspricht Zeitersparnis ohne Fastfood.

Jetzt ist die Zeit, wo die Märkte so bunt und reichhaltig sind wie nie. Da kommt Lust auf, die Körbe zu füllen und Neues auszuprobieren. Nachdem ich meine Nase in die neuen Kochbücher gesteckt habe, ging es ans Aussuchen der Rezepte und der Zutaten. Aus jedem der drei hier besprochenen Bücher habe ich einige Rezepte ausprobiert. Einiges ist gelungen, anderes, na ja…

 

a casa schmeckt’s am besten

a casa ist ein Kochbuch, das vollumfänglich hält, was es verspricht: nämlich pure Sinnlichkeit. Ich habe es im Zug von der Ostschweiz hinunter in die Südschweiz gelesen und war so darin vertieft, dass sich sogar der Schaffner gewundert hat, was das für ein Werk in meinen Händen ist. „Ein Kochbuch!?“ Genau, ein Kochbuch, aber eigentlich viel mehr: ein Kochtagebuch, quer durchs Jahr und dazwischen Pasta, Pane, roba da pazzi. Reinste Glückseligkeit. Klar, der Autor Claudio Del Principe hat italienische Wurzeln, da darf etwas Amore beim Fertigen der Pasta erwartet werden. Hier aber ist einer am Kneten, bei dem der Genuss beim Einkaufen beginnt, einer, der beim Zubereiten schon den Duft des fertigen Gerichts in der Nase hat und der mit rundum gutem Gewissen zu geniessen weiss. „Es macht nicht weniger als glücklich, sich jeden Tag etwas Gutes zu tun“, schreibt er. Und von Zeitersparnis beim Kochen hält er gar nichts: Lieber eine schlichte Speise zubereiten, als eine geschmacklose, lautet hier sein Credo. Der Mann ist seit längerem in der Kochblogszene bekannt.

Blättert man in Claudio del Principes Buch, so fallen einem die wunderbaren Brote auf, die er präsentiert. Wer bei deren Anblick keine Lust bekommt hineinzubeissen, der hat wahrscheinlich noch nie in seinem Leben richtiges Brot genossen. Ich jedenfalls habe mir gleich eine Lievito Madre angesetzt. Sie blubbert jetzt vor sich hin und wartet auf ihren Einsatz. Del Principe empfiehlt Demut beim Brot-Projekt. Mal sehen, wie lange es dauert, bis meine Brote so aussehen werden wie seine. Was habe ich noch zubereitet: ein Omelett. „Ha“, werden Sie denken, „Omelett, soll das Kochkunst sein?“ Ich weiss es jetzt: es ist Kochkunst. Und es war köstlich! Auch wenn ich nicht richtig kapiert habe, wie das jetzt genau gehen sollte mit dem Falten, damit die zwei Spitzen spitz zulaufen. (Lieber Claudio Del Principe: Ich übe noch, vor allem Geduld.) Pasta habe ich auch zubereitet, in der Freude gleich eine Menge Teig geknetet. Ganz unerfahren bin ich in der Küche nicht, doch meine Versuche in der Herstellung von Pasta enden meist in einem grandiosen Scheitern. Für Pasta braucht es eben mehr als Amore, da muss auch Erfahrung her. Am besten eine Mamma, die einem beibringt, wie man es richtig macht. Ansonsten: üben, üben, üben. Aber Claudio Del Principes’ Sauce aus gebackenen Peperoni und die Auberginenfüllung seiner Cappellacci: Mamma mia, da möchte man den Teller gleich ausschlecken.

Claudio Del Principe wohnt in Basel und hat das Glück, Wochenmärkte in den Nähe besuchen zu können. Auch hält er sich des öfteren in Italien auf. Die Quellen zu all den verlockenden Köstlichkeiten, die man für seine Rezepte braucht, sind ihm demnach leicht zugänglich. Hier sehe ich die einzige Schwierigkeit: Wer wie ich in einem Bergstädtchen wohnt, kommt kaum einmal zu Fregula sarda, Catalogna oder Barba di frate. Die meisten Rezepte sind aber ohne Reiseaufwand nachkochbar.

 

Titel: a casa, Ein sinnliches Kochtagebuch, gebunden, 319 Seiten

Autor: Claudio Del Principe

Verlag: atVerlag, Aarau, 2017, www.at-verlag.ch

ISBN 978-3-03800-970-2, CHF 49.90/Euro 39.90

Kurzbewertung: Liest sich locker wie ein Tagebuch, mal ernst, mal heiter, durchsetzt mit wunderbaren Rezepten aus der italienischen Küche. Bravo!

Für wen: Für Fortgeschrittene in der Küche und jene, die die Planung, Zubereitung und das Essen von Speisen als sinnliches Vergnügen verstehen.

 

Köstlich kann auch für später sein

Ihren eigenen Kochblog betreibt auch Britta Gädtke. Glasgeflüster nennt die passionierte Einkocherin ihren Blog. Eine Sammlung von 47 Rezepten sind jetzt in ihrem Buch Liebe im Glas vereint. Damit die Sache auch wirklich klappt, ergänzt die Autorin das Buch mit Basiswissen rund ums Einmachen, mit einem Saisonkalender und weiteren Tipps und Wissenswertem. Der Band kommt in kräftigen Pink-Violetttönen daher, einem küchentauglichen Einband und ist mit Bildern ausgestattet, die Lust aufs Nachkochen machen.

Ich habe mir gleich die selbstgemachte körnige Gemüsebrühe hergestellt. Keine Hexerei und ein Ergebnis, das als Geschmacksbooster für alles gelten kann, was Brühe verträgt. Garantiert frei von Zusatzstoffen.

Vor einiger Zeit habe ich in einem Hotel eine Konfitüre gekostet, die alles übertroffen hat, was ich je in Sachen Brotaufstrich genossen habe. Bei Liebe im Glas finde ich nun ein Rezept dazu: Schwarzwälder Kirsch-Konfitüre. Schade nur, dass die Konfitüre durch den Zusatz von Kakao nur vier bis sechs Wochen haltbar ist. Man sollte sie also in Kleinmengen herstellen und rasch verputzen. Ich garantiere, das wird kein Problem darstellen.

Es ist Grillsaison, da kommt das Rezept für eine Barbecue-Sauce gerade recht. Das Ergebnis kommt bei meiner Familie nicht so recht an, ich selber finde es durchaus gut. Das gleiche gilt für das Zitronen-Rosmarin-Öl.

 

Titel: Liebe im Glas, Kreativ-ungewöhnliche Rezeptideen, gebunden, 90 Seiten

Autorin: Britta Gädtke

Verlag: BLV München,www.blvverlag.de

ISBN 978-3-8354-1676-5, Euro 18.–/ Fr. 27.90

Kurzbewertung: Einfache Rezepte für Marmeladen, Curds, Chutneys, Sirupe, Liköre, Essige, Öle, Saucen, teilweise mit überraschenden Zutaten. Die Autorin hat auch ein paar Tipps auf Lager.

Für wen: Für Küchenanfänger, die sich gerne etwas in den Vorratsschrank stellen oder auf der Suche nach selbstgemachten Geschenken sind. Bezieht Ihr Nachwuchs gerade seine erste eigene Wohnung: geben Sie ihm anstelle von Liebe in Gläsern Liebe im Glas mit.

 

Vorkochen ade, Meal Prep olé

Meal Prep: Was unter diesem Titel daherkommt, hiess früher Vorkochen und war das, was Hausfrauen für ihre Ehemänner taten, bevor sie sich für eine Woche Urlaub verabschiedeten. Das Vorgekochte wurde in Tupperware abgefüllt und im Kühlschrank verstaut, und wenn die Frau nach Hause kam, stand das meiste noch unberührt dort, weil die Männer zu bequem waren, sich das zubereitete Gulasch oder Gehacktes aufzuwärmen. So ungefähr war das …

Tupperware ade. Meal Prep ist nicht für altbackene Ehemänner, sondern für coole Arbeitsbienen beiderlei Geschlechts gedacht, die ihren Lunch gerne dort einnehmen, wo sie arbeiten, um ja keine Zeit zu verlieren. Meal Prep setzt auf trendige Bento-Boxen und hübsche Gläser und Flaschen. Das Auge isst mit. Und deshalb sind die von zu Hause mitgebrachten Speisen auch bunt und kunstvoll eingeschichtet und angerichtet. Über den Salat beispielsweise kommt ein Dressing aus der Flasche, Croutons, geröstete Nüsse oder eine Würzmischung aus der Tüte.

Keine Zeit verlieren gilt es auch beim Kochen. Eingekauft wird einmal pro Woche. Die Zubereitung der Speisen erfolgt weitestgehend ebenfalls einmal wöchentlich. Das Gemüse wird im Ofen geröstet und kommt später für allerlei Speisen zum Einsatz: im Salat, als Beilage, als Füllung für Wraps etc. Dasselbe gilt für Fleischspeisen, die geschnitten oder gezupft nur darauf warten, als Belag, Röllchen oder Einlage verwendet zu werden. Lachs wird gebeizt, Pizzen werden soweit zubereitet, dass man sie später nur noch aus dem Kühler holen muss. Und damit die Geschmacksvielfalt gegeben ist, runden Pasten, Fonds und Gewürzmischungen den Vorrat ab. Die Autorin von Alles schön vorbereitet, Andrea Martens, schwört auf das Vorgehen und verspricht einiges an Zeit- und Geldersparnis. Ausserdem schreibt sie: „Das Leben ist zu kurz für schlechtes Essen in der Mittagspause.“

Mein Eindruck: Das Buch bietet zahlreiche kreative Anstösse für Leute, die Anstösse brauchen, um sich gesund und abwechslungsreich in ihrer Mittagspause zu ernähren. Andrea Martens zeigt, wie man Tortillas, Omeletten oder Salatblätter mit köstlichen Dingen füllen kann. Suppen im Glas mitzunehmen und je nachdem, was man im Kühlschrank vorbereitet hat, sie mit Fleisch, Brotwürfeln oder Kräutern aufzuwerten, scheint mir ebenfalls eine gute Idee zu sein. Weniger halte ich davon, Reis oder Nudeln auf Vorrat vorzukochen, und es käme mir nicht im Traum in den Sinn, eine Guacamole oder eine Gremolata auch nur ein paar Stunden vor dem Genuss herzustellen. Ansonsten bringt das Buch auch einige Anregungen für Menschen, die gerne für alle Fälle etwas im Kühler haben möchten, zum Beispiel mariniertes Pouletfleisch.

Nachgekocht habe ich die Karotten-Ingwer-Suppe, wobei ich die Sahne zwecks Kalorienersparnis weggelassen habe. Sie war würzig, mit zartem süsslichem Orangengeschmack. Sehr lecker.

Gemundet haben auch die vormarinierten Pouletwürfel. Es ist tatsächlich praktisch, so etwas im Tiefkühler bereitzuhalten, vor allem, wenn die Geschäfte geschlossen oder die Zeit knapp ist.

Ich weiss, dass es für Menschen, die ausser Haus arbeiten müssen, durchaus gang und gäbe ist, sich Salatsaucen auf Vorrat in den Kühlschrank zu stellen. Ich habe deshalb auch eine Vorratsmenge an Salatsauce zubereitet, obwohl: siehe oben. Das Ergebnis war – wie erwartet – in keiner Hinsicht nach meinen geschmacklichen Vorstellungen. Allerdings immer noch um Längen besser, als alles was beim Grossverteiler im Regal steht.

Lachs selber zu beizen ist einfach und immer eine gute Idee. Andrea Martens zeigt auch, wie man das gute Stück mit diversen Zutaten immer wieder anders auf den Tisch bringt.

Eine Vorratsmenge Pfannkuchen fürs Frühstück zuzubereiten, kam bei meinen Feriengästen gut an.

 

Titel: Alles schön vorbereitet, Entspannte Meal-Prep-Rezepte für die ganze Woche

Autoren: Andrea Martens, Jo Kirchherr

Verlag: atVerlag, Aarau, www.at-verlag.ch

ISBN 978-3-03800-919-1, CHF 29.90/Euro 25.00

Kurzbewertung: Gluschtig und peppig bebilderter Band mit vielen Vorschlägen für abwechslungsreiche, selbstgemachte Bürolunchs sowie vorbereitete Speisen und Zutaten aus dem Kühler. Gesund, bunt und selbstgemacht statt schnell gekauft, eintönig und kalorienbombig ist die Devise.

Für wen: Für alle, die es leid sind, im Büro ein pampiges belegtes Brötchen zu verdrücken.

 

Erlebnisurlaub: Wie wär’s mit einer Einbruchstour in Australien?

 

Sommerzeit ist Urlaubszeit und deshalb genau richtig, um spannende Literatur auf dem Liegestuhl zu geniessen. Garry Disher nimmt uns mit seinem Krimi Leiser Tod nach Australien mit, genauer gesagt in den Südosten des Landes, in den Bundesstaat Victoria.

Von der ersten Seite an nimmt Garry Dishers Story Fahrt auf. Wir begleiten die drogen- und spielsüchtige, stets vorausschauende Grace kreuz und quer durchs Land auf ihren Raubzügen, und wenn wir bis jetzt nicht gewusst haben, worauf ein Einbrecher so alles achten muss, wenn er nicht erwischt werden möchte: Spätestens auf Seite 20 haben wir einen Grundkurs absolviert. Rein literarisch versteht sich. (Möglicherweise überlegen wir aber in unserem Liegestuhl auch, inwieweit wir unser Hab und Gut zu Hause vor Einbrechern geschützt haben.)

Der Autor, der selber in Südaustralien aufwuchs, reichert seine Geschichte mit vielschichtigem Personal an. Da ist beispielsweise Pam Murphy, die vermeintlich taffe Polizistin mit dem rustikalen Humor und einem angespannten Verhältnis zu den Eltern; oder ihr Kollege Scobie Sutton, der bei der Schulaufführung seiner Tochter zur väterlichen Hochform aufläuft, im Polizeidienst aber eher schwerfällig wirkt. Kommissar Hal Challis selber leitet seine Leute mit Umsicht, zwischendurch schluckt er jedoch manchen Seufzer hinunter. Zu allem Elend befindet sich seine Gefährtin Ellen auf Weiterbildung, Ellens Tochter reagiert auf Hal gereizt, Hals Auto macht die letzten Huster, und die ständigen Überstunden nagen an seiner Widerstandskraft.

Wenn ich das Bundesland Victoria google, erhalte ich jede Menge Bilder von spektakulären Küstenabschnitten, Stränden und der Skyline von Melbourne. Garry Disher vermittelt in seinem Krimi ein völlig anderes Bild: Ansiedlungen, irgendwo im Nirgendwo; eine zersiedelte Landschaft, die alle hundert Meter zwischen gepflegt und total vernachlässigt wechselt; Kleinstädte, die nicht so recht wissen, ob sie schon zum Einzugsgebiet von Melbourne gehören oder doch lieber malerisch-klein und liebenswert bleiben möchten. Hinter den mal pompösen, mal abblätternden Fassaden leben Individuen aller Art, von hinterhältig-gemeingefährlich, neureich-gleichgültig bis unbescholten-naiv. Da das Bundesland Victoria die höchste Bevölkerungsdichte aller australischen Bundesstaaten aufweist, wirkt das von Disher gezeichnete Bild auf jeden Fall glaubhafter als die oben geschilderte Google-Postkartenidylle. Und er entwirft plausible Charaktere, die man trotz ihrer offensichtlichen Mängel von Herzen mag – oder auch verabscheuen kann.

 

Titel: Leiser Tod, Kriminalroman gebunden

Autorin: Garry Disher, aus dem Englischen von Peter Torberg

Verlag: Unionsverlag, Zürich 2018, www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-00528-0, Euro 22.–/ Fr. 30.–

Kurzbewertung: Im australischen Bundesstaaat Victoria kreuzen sich mehr oder weniger zufällig die Wege einer raffinierten Einbrecherlady, eines korrupten Ex-Polizisten, eines Bankräubers, eines Vergewaltigers, eines Kunstfälscherpaars und eines Hehlers. Kriminalkommissar Hal Challis und sein Team haben keine ruhige Minute. All die bösen Buben und Mädchen müssen ermittelt, gefunden und festgesetzt werden. Doch die Mittel der Polizei sind begrenzt. Hal Challis beklagt sich darüber bei der Presse. Seine Vorgesetzten sind mehr als verärgert. Temporeich, spannend mit reizvollen Abstechern in die Gegend und in die Handlungsmotivation und Lebenswelten der Protagonisten.

Für wen: Wer Krimis mag, wird diesen ohne Zweifel lieben. Eine Fünf-Sterne-Empfehlung von mir!

„Ein seltsames Schreiben ist dieses autobiographische Schreiben…“

 

Hansjörg Schneider ist ein Autor, der seit langem zum inneren Kreis der schweizerischen Literaturszene gehört. Obwohl jetzt seine Autobiographie erschienen ist, würde man ihn kaum als einen Autor bezeichnen, der gerne Wirbel um sich selbst veranstaltet. Eher scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Wirbel gab es allerdings trotzdem: Als nämlich 1981 das Schweizer Fernsehen Hansjörg Schneiders Sennetunschi ausstrahlte, eine erotisch ausgedeutete Alpensage, war das Entsetzen im Lande gross. Das Stück über die Fleisch gewordene Puppe war in Mundart geschrieben und dies in einer groben, sexuell aufgeladenen Sprache: So mochte sich mancher die heile Alpenwelt nicht vorstellen. Im Eifer der Diskussionen ging beinahe unter, dass Hansjörg Schneider das Schauspiel bereits ein Jahrzehnt früher verfasst hatte. Es wurde 1972 in Zürich uraufgeführt und sorgte bereits damals für Gesprächsstoff.

Doch Hansjörg Schneider ist nicht nur der Autor des Sennetunschi. Von ihm sind regelmässig Bücher erschienen und Schauspiele aufgeführt worden. Hierzulande kennt jeder seine Figur Kommissär Hunkeler, nicht zuletzt, weil Mathias Gnädinger in den Hunkeler-Filmen dieser Rolle sein besonderes Gepräge gegeben hat. Der Erfinder, ein Stück, das von Kurt Gloor für einen Film adaptiert wurde, stammt gleichfalls von Hansjörg Schneider. Ich habe den Erfinder nie auf der Bühne gesehen, der Film mit Bruno Ganz in der Hauptrolle beeindruckte mich aber sehr.

Schneiders Autobiographie trägt den Titel: „Kind der Aare“. Landschaftliche und menschliche Umgebung prägen uns Menschen. Schneider ist im aargauischen Zofingen aufgewachsen, eine Gegend, die der Autor fein und detailgenau zeichnet, mit Flüssen und Bächen, Gassen, Häusern, ihren Bewohnern und ihrer Geschichte. Der Kanton Aargau hat immer wieder besondere Schriftsteller hervorgebracht, Hansjörg Schneider weiss sich in guter Gesellschaft.

Der 80jährige Schriftsteller widmet in seinem Rückblick besonders seinen Kinder- und Jugendjahren grosse Aufmerksamkeit. Er wuchs in einem Elternhaus auf, in welchem nicht viel diskutiert wurde. Kinder hatten zu gehorchen, zu schweigen und zu glauben, was die Grossen ihnen an Wissen zu vermitteln bereit waren. Entfaltung war nicht gefragt. Sie fand entweder im Inneren statt, in Rebellion oder gar nicht. Hansjörg Schneider floh in Bücher und später in die Entscheidung, selber zu schreiben. Die schwierige Beziehung zum dominanten Vater hat den jungen Autor noch weit ins Erwachsenenleben hinein belastet.

Bei Autobiographien kann man sich natürlich fragen, welchen Mehrwert das Lesen einer solchen mit sich bringt. Wer in den 40ern oder 50ern des letzten Jahrhunderts gross geworden ist, hat wohl eine ähnliche Jugend erlebt wie Schneider. Man wuchs in eine Rolle hinein. Gefragt, ob einem diese passe, wurden die wenigsten. Schneider beschreibt dieses Gefüge: die familiäre und dörfliche Kultur, das oft kleinkarierte Denken. So ist dieses Buch auch ein treffender Blick zurück in die eigene Kindheit oder in jene der Eltern und Grosseltern.

Sehr gelungen und überlegt, wie Hansjörg Schneider zwischen seine Erinnerungen Momente aus der Gegenwart flicht. Dadurch gewinnt die Biographie Struktur und gewährt dem Leser Augenblicke des Innehaltens: „Ein seltsames Schreiben ist dieses autobiographische Schreiben, das ich hier betreibe. … Erinnerung wählt aus, verdrängt das eine, rückt das andere in den Vordergrund. Eines nach dem andern heißt: eines vor dem andern. Das eine, das die Erinnerung ist, verdrängt das andere, das die erlebte Realität ist.“

Geschickt webt Schneider den jeweiligen Zeitgeist und die darin agierenden Menschen -– vor allem Lehrer, Schriftstellerkollegen oder Freunde aus der Theaterszene – in seine Erzählung hinein. Was aussen vor bleibt, sind Frau und Kinder. Das passt durchaus zum zurückhaltenden Schriftsteller. Zurückhaltend allerdings nur, wenn es um die persönlichen Angelegenheiten geht; wo er es für nötig erachtet, spricht er nicht um den heissen Brei herum. Seine Sache ist der Klartext: nichts Gekünsteltes oder Aufgesetztes, Überkandideltes haftet seiner Sprache an. Ein Lesegenuss, aus dem in Zwischentönen die Irritation eines alternden Mannes gegenüber dem Heute hörbar wird.

Titel: Kind der Aare, Autobiographie, mit einem Nachwort von Beatrice von Matt, gebunden, 338 Seiten

Autor: Hansjörg Scheider

Verlag: Diogenes, 2018, www.diogenes.ch

Kurzbewertung: Klar in der Sprache, präzise in der Beobachtung, manchmal wehmütig erzählt Hansjörg Scheider sein Leben, seinen Werdegang und von den Menschen, die sein Leben geprägt haben. Dazu gehören nicht nur Eltern und Verwandte, sondern auch Lehrer und Kollegen. Homestories sind keine zu erwarten.

Für wen: Für alle, die gerne wissen wollen, was für ein Mensch und menschlicher Geist hinter den Geschichten über Kommissär Hunkeler oder dem Stück über das Sennetunschi steckt.

Liebeskrank, auf immer und ewig

Ernst Halter ist ein gelehrter Kopf, aber auch ein Schriftsteller mit Leidenschaft fürs Lyrische. Sein Roman Mermaid legt beides auf den Tisch: Das Buch ist eine Liebeserklärung an die Magie der Sprache, gleichzeitig Verführerin und Zerstörerin.

Mit dem Verfassen eines Liebesromans hat sich Ernst Halter ein nicht ganz einfaches Projekt vorgenommen, gilt es doch einige schriftstellerischen Klippen zu umschiffen. Schmalziges mögen wir nicht oder nur in homöopathischen Mengen, mit Schmuddeligen oder Pathetischem halten wir es genauso. Ausserdem wirken Liebespaare für Betrachter zwar manchmal neiderregend süss, aber mindestens ebenso – man sei mir nicht böse – als Menschen, die im Moment nicht ganz ernst zu nehmen sind. Dennoch oder gerade deswegen:

Halter hat den Versuch gewagt und mit Mermaid einen Roman über die Liebe geschrieben, die ganz grosse Liebe, die mit der Haut und den Haaren, dem Einen und Einzigen, dem Ganz-und-gar auf immer und ewig. Mermaid möchte nichts weniger als das Wesen der Liebe ergründen, diese verrückte Verbindung von Geist und Fleisch. Auf der einen Seite so überirdisch-unfassbar, auf der anderen nicht mehr als eine biologisch erklärbare Funktion. Wie nahe liegen dabei Höhenflug und Bruchlandung zusammen.

Zur Story: Das Liebespaar ist ein Gelehrter namens Elias, seine Flamme eine attraktive, kunstbewanderte Mailänderin namens Stella. Um das Dreieck komplett zu machen, gibt es noch die an der Welt leidende Ellen, Elias Frau, die zu Hause auf ihren Gatten wartet. Doch Elias ist hin und wieder unabkömmlich, nämlich immer dann, wenn es die beiden Turteltauben mit aller Macht zueinander zieht. Dann treffen sie sich in einem Hotel, um übereinander herzufallen. Vorher oder danach gibt es einen Abstecher ins Grüne, auf eine Burg oder zu einem Kunstwerk. Und alles, was am Wegrand steht und liegt, beziehen Elias und Stella auf ihre Liebe: Ein Paar, das nur zusammen Eins ist, aber der Umstände halber nicht Eins sein darf. Trotz „ewiger Liäbi“: die Treffen werden von Mal zu Mal schwieriger, es gibt einiges an Spannungen, an Überspanntheiten zu durchleben, und nur die Gattin zu Hause reagiert mit „Abwarten und Tee trinken“.

Es wäre falsch, aufgrund meiner eher ironischen Zusammenfassung der Story zu meinen, wir hätten es hier mit Kitsch zu tun. Allerdings, wäre es einzig der Geschichte wegen, wir dürften die Sache vergessen. Bücher über unglückliche Liebeshändel gibt es nun wirklich andere, denen ich Ewiggültigkeit zugestehen würde. Es ist eben der Text als solcher, welcher Halters Buch speziell macht. Zwei Liebende, die sich eine neue Sprache füreinander schaffen, eine Sprache voller Poesie, weil die Worte und Namen, die „normale“ Liebende einander zuflüstern, für das, was sie fühlen, nicht ausreicht. Ihre Treffen und Briefe sind immer auch ein Nachdenken über die Beschaffenheit der Liebe, die sie immer mehr als ihre Religion zelebrieren.

 

Titel: Mermaid,Roman, gebunden, 344 Seiten

Autor: Ernst Halter

Verlag: Klöpfer & Meyer, 2018

http://www.kloepfer-meyer.de/

ISBN 9783863514631

Kurzbewertung: Etwas kopflastige, nicht ganz pathosfreie, aber differenziert und wohlformulierte Liebens-, Betrugs- und Bettgeschichte. Es gibt Sätze, die möchte man sich übers Bett hängen.

Für wen: Für den, der’s überspannt mag und gerne etwas über die Philosophie der Liebe nachdenken möchte. Er könnte aber auch in die Welt hinausgehen und lieben üben.

Gedicht zum Buch: Und weil es gerade so schön passt hier einen Link auf die Lyrikzeitung & Poetry News, wo Ihr ein Gedicht von Ricarda Huch findet: Ich will dich. https://wp.me/pBWBE.b25

 

 

 

 

Mordsgeschichten: eine wirkliche, eine die wirklich sein könnte und eine ganz und gar unwirkliche 

Schweizweit existieren zahlreiche kleine Verlage mit unterschiedlichen Programmen – mehrere davon produzieren auch Krimis. Dies hat nicht zuletzt wirtschaftliche Gründe. Krimis verkaufen sich gut, die Nachfrage scheint ungebrochen. Außerdem mögen wir Leser lokal angesiedelte Storys mit Wiedererkennungswert. Dabei darf die fiktive Mordlust durchaus in die heimatliche heile Welt einbrechen.

Heute möchte ich drei solcher Krimis vorstellen: der erste greift einen wahren Mord aus dem Jahr 1820 auf; beim zweiten schreibt die Autorin verschmitzt so, als wäre ihr die Story selber passiert; der dritte ist ein Thriller, der sich nicht zwischen Wirklichkeit und Traum entscheiden mag. Die beiden ersten Geschichten spielen in der Schweiz, der letztere in Kairo.

 

Im Schatten der Linde

Es ist ein prächtiger Maitag im Jahre 1820. Christina Aeby, die schöne Stine aus Rechthalten (Sensebezirk, Kanton Freiburg), ist zusammen mit ihrem Liebsten auf dem Weg nach Freiburg, wo ein großer Markt stattfindet. Es scheint ein ländliches Idyll, durch das die beiden wandern. Doch der Tag endet nicht so romantisch, wie er begonnen hat: Am nächsten Morgen läuft die böse Kunde durchs Dorf: Christina Aeby wurde brutal zu Tode geprügelt. Die Menschen reagieren geschockt und verbockt; verdächtig oder gefährdet ist jeder, so lange der Täter frei herumläuft.

Die Geschichte dieses Romans unter dem Titel Im Schatten der Linde fusst auf einer wahren Begebenheit, die sogar Einzug ins Volksliedgut nahm. Autor David Bielmann hat die Urkunden gesichtet, die Aussagen der Befragten unter die Lupe genommen und sich die Menschen dahinter ausgemalt. So entstand eine Gemeinschaft aus Verdächtigen, Eltern, Nachbarn, Durchreisenden. Mitten drin stehen und gehen die beiden Dorfpolizisten Rotzetter und Dousse. Besonders an Herz wächst einem Landjäger Rotzetter, der lieber mal das Gesetz an die Menschen anpasst als umgekehrt. Er sieht sich weniger als Gesetzes- denn als Menschenhüter. Mit der Suche nach dem Mörder tut er sich schwer.

David Bielmann ist ein begnadeter Erzähler. Sein Roman glänzt mit feinem Humor,  viel Menschlichkeit, bildhafter Sprache, gepaart mit solider Forschungsarbeit und Details über das harte ländliche und politische Leben dazumal. Am Ende steht die Frage, ob der Mann, der die Tat gestand und derenthalben hingerichtet wurde, auch wirklich der Mörder war.

Titel: Im Schatten der Linde, Die Ermordung der Christina Aeby, Roman, gebunden, 191 Seiten

Autor: David Bielmann

Verlag: Zytglogge, 2018, CHF/EUR 32.-, www.zytglogge.ch,

ISBN: 978-3-7296-0981-5

Kurzbewertung: Sorgfältig erarbeitet, mit Zitaten aus den Untersuchungsberichten, und wunderbar erzählt, die Ermordung der Christina Aeby, einer 21jährigen Frau aus Rechthalten. Die Suche nach ihrem Mörder zeigt präzise die Fragilität des dörflichen Zusammenhaltes. Einer muss für die Tat büssen. Ghaue oder gstoche! Angereichert mit geschichtlichen Details.

Für wen: Für alle, die wahre, neu interpretierte Geschichten aus längst vergangener Zeit mehr mögen als die heutige Sensationspresse.

 

Und Harry?

„Seien Sie ehrlich: Wenn ich beginne mit ‚Mein Vater starb, als ich sieben Jahre alt war‘, werden Sie die Augen verdrehen und  denken, ach schon wieder eine, die ihre Kindheit auf uns abwälzen will…“  so beginnt Alexandra Lavizzari ihren Roman Und Harry?, den man durchaus in der Abteilung Krimi hätte unterbringen können. (Oder müsste ich schreiben: der die Abteilung Krimi, so originell und gelungen wie er ist, bereichern würde.) Denn da ist alles, was einen Krimi ausmacht: ein Toter, der eines Tages erschossen in einem Tessiner Garten liegt; ein Mädchen, das seinen Vater so vorfindet; ein grässlicher Nachbar, dem man einiges zutrauen würde; eine Ehefrau, die sich von ihrem Gatten entfremdet hat. Doch die Polizei findet den Mörder nicht. Das Kind wächst unter grossem Leidensdruck zur Frau heran. Die Zeit heilt ihr Trauma nicht. Irgendwann findet sie ein Foto, auf dem ihr Vater und ein gewisser Harry abgelichtet sind. Doch wer ist Harry? Die Suche nach des Rätsels Lösung beginnt. Natürlich ist am Ende alles anders, als wir Leser es erwarten würden – aber genau so, wie wir es von einem Krimi erhoffen.

Zwischen erstem und letztem Satz mäandert die Autorin (die Ich-Erzählerin im Roman ist gleichfalls Autorin) durch das Leben der verkorksten jungen Frau, fabuliert, fabriziert Abschweifungen, falsche Abkürzungen, plaudert und lenkt ab, dass es ein Spass ist. Ein Buch, das einen mitreisst (auch weil die Autorin ihre Leser direkt ins Buch hineinnimmt, indem sie sie an ihren schriftstellerischen Überlegungen teilhaben lässt) und das man nicht gerne für Zwischenstopps beiseite legt.

Titel: Und Harry?, Roman, gebunden, 233 Seiten

Autorin: Alexandra Lavizzari

Verlag: Zytglogge, 2017, CHF/EUR 29.-, www.zytglogge.ch

ISBN: 978-3-7296-0966-2

Kurzbewertung: In einem Tessiner Bergdorf wird 1960 der Vater eines siebenjährigen Mädchens erschossen. Der Mörder wird nicht gefasst, doch das Ereignis bestimmt das ganze weitere Leben des Mädchens. Ein aussergewöhnlicher Krimi mit überraschenden Twists. Herrlich humorvoll geschrieben.

Für wen: Nicht nur für Krimifans zu empfehlen. Nehmen Sie sich einen freien Nachmittag und legen Sie sich in die Hängematte damit. Wenn Sie keine Hängematte haben, tut es auch das Sofa.

 

Blauer Elefant

Ehrlich gesagt: Der Blaue Elefant, ein Thriller des ägyptischen Autors Ahmed Mourad, hat es mir nicht einfach gemacht. Gleich auf der ersten Seite vergleicht Jachja, die Hauptfigur der Geschichte, seine Geliebte mit einer in seinem Bett parkenden Harley Davidson. Da fragt sich die lesende Frau gleich, wo sie hingeraten ist: In einen Hollywoodfilm aus den Fünfzigern mit einem machohaften Detektiv, der cool sein wollende Sprüche klopft und auf dem Schreibtisch eine Whiskyflasche stehen hat?

Der Gedanke entpuppt sich als gar nicht mal so falsch: Der Autor des Buchs, Ahmed Mourad, hat Erfahrungen im Filmemachen und Verfassen von Drehbüchern gemacht, bevor er sich dem Schreiben von Thrillern zuwandte. Mit diesem Wissen fällt es leichter, die aufgesetzt ironische Sprache von Jachja hinzunehmen, obwohl sie nicht so richtig zu seiner Rolle passen will, denn immerhin ist Jachja als junger Arzt und Hoffnungsträger in einer forensischen Psychiatrie angestellt. Als solchen stellt man sich einen intelligenten, modernen, ernsthaften Menschen vor. Mourads Figur unterläuft aber von Anfang an alle Erwartungen: Jachja kippt massenhaft Alkohol in sich rein (ja, auch gerne Whisky), er raucht ohne Unterlass, prügelt sich mit einem Kollegen und sieht keinen Sinn in seiner Arbeit und im Leben insgesamt. Die restliche Zeit liegt er besinnungslos auf dem Boden oder dem Sofa. Seine flapsige Sprache passt eher zu einem Sechzehnjährigen als zu einem gestandenen Mann und ist obendrein mit völlig überzogenen Bildern angereichert. Da hat er beispielsweise „glühende Kohlen im Kopf, die Lava zwischen die Augen goss“. Kurz: Es fällt schwer, den Kerl zu mögen.

Nun wäre es eigentlich Aufgabe des Autors, uns Lesern zumindest die Hauptfigur eines Romans verständlich zu machen; es ist uns wichtig zu begreifen, weshalb sie so agiert und nicht anders. Ahmed Mourad lässt sich damit aber jede Menge Zeit. Vielleicht zuviel?

Doch, habe ich mir gedacht, ich wolle mal nicht so kleinlich sein, mich erwarte schliesslich ägyptisches Lebensgefühl, ein Blick in eine orientalisch angehauchte Welt, Ferienland (oder Staat im Umbruch), bunt, würzig, fremd. Irrtum: Schauplatz ist eine psychiatrische Klinik, wie sie in ihrer Nüchternheit irgendwo in Europa stehen könnte. Jachja arbeitet in jener Abteilung, die den Häftlingen vorbehalten ist, die auf ihren geistigen Zustand untersucht werden. Einer der Häftlinge ist ein Jugendfreund von Jachja. Er hat allem Anschein nach seine Frau ermordet. Stellen die Ärzte seine geistige Gesundheit zum Zeitpunkt des Mordes fest, droht ihm der Galgen. (Galgen!? Gibt es den tatsächlich in Ägypten noch? Aber ja, willkommen im Orient.)

Mehr von der Geschichte möchte ich hier nicht verraten. Doch ich versichere: Es wird noch orientalisch genug. Spannend und magisch. Alptraumartig tauchen Dschinns auf, Elefanten, Esel und verführerische Frauen, schwarze Hunde fletschen ihre Zähne, Bäume wachsen durch die Decke: Jachja benötigt einige Anläufe und ziemlich viele Drogen, dem Horror Einhalt zu gebieten. Dabei muss er sich die Frage stellen, wie es mit einer eigenen geistigen Gesundheit bestellt ist. Doch bis er die Antwort auf die Frage findet, irrlichtert es in Jachjas Kopf gewaltig zwischen nüchterner Analyse und surrealem Bildansturm.

Übrigens: So unsympathisch war mir am Ende des Buches die Hauptfigur Jachja dann doch nicht mehr, denn wie er stelle ich mir ab und an die Frage, was in dieser Welt realer Schrecken ist und was schreckliche Imagination.

Titel: Blauer Elefant, Thriller, gebunden, 415 Seiten

Autor: Ahmed Mourad, aus dem Arabischen von Christine Battermann

Verlag: Lenos, Basel, 2018, CHF 29.80/EUR 22.-, www.lenos.ch

Kurzbewertung: Dieser ägyptische Thriller liefert jede Menge unwirkliche Schaudereffekte und Gruselmomente. Er spielt in einer Abteilung einer psychiatrischen Klinik, wo gefährliche Häftlinge auf ihren Geisteszustand abgeklärt werden. Jachja, ein junger Arzt, der im Leben nichts so richtig auf die Reihe bekommt, arbeitet hier. Er zweifelt bald selber an seinem Geisteszustand.

 

Für wen: Für jene, für die Realität nur eine Sequenz in einem Traum ist.

 

 

 

 

Die schweizerische Effi Briest hiess Lydia

Die tragische Geschichte von Lydia Welti-Escher (1858 bis 1891) wurde schon mehrfach literarisch aufgearbeitet. Eines der neuesten Bücher unter dem treffenden Titel Ein Bild von Lydia, das sich mit ihrem Schicksal befasst, hat Lukas Hartmann geschrieben. Hartmann hält sich dabei weitestgehend an die belegbaren Umstände, wendet aber einen Kunstgriff an, um der Person von Lydia näherzukommen. Er stellt die Geschehnisse um Lydias letzte Jahre aus der Sicht ihrer Kammerzofe Marie Louise Gaugler dar. Marie Louise Gaugler hat tatsächlich als junge Frau bei den Weltis gedient und den Niedergang ihrer Arbeitgeberin hautnah mitbekommen.

Zur Handlung: Luise, wie sie im Roman genannt wird, ist sechzehn und wird im Hause Welti-Escher als Kammerzofe eingestellt. Ihre Dienstherrin ist die Tochter von Alfred Escher. Sie hat von ihrem Vater ein immenses Vermögen geerbt. Ihr Ehemann Emil Welti ist der Sohn von Bundesrat Welti, ein mächtiger Mann, gut vernetzt, ein regelrechter Strippenzieher. Emil Welti bringt den Kunstmaler Karl Stauffer ins Haus. Er soll Lydia Welti porträtieren. Karl Stauffer und Lydia verlieben sich ineinander. Die amour fou gipfelt in einer skandalumwitterten Flucht nach Rom. Die Arme von Bundesrat Welti reichen weit: Er lässt Stauffer verhaften, Lydia wird in eine Irrenanstalt verbracht und muss sich von Stauffer distanzieren. Fortan lebt sie als geschiedene Frau und von den Weltis um den Grossteil ihres Vermögens gebracht in Genf, wo sie sich schliesslich umbringt. Stauffer hat diesen Ausweg schon vor ihr gewählt.

Die Kammerzofe Luise erlebt die letzten vier Jahre Lydias. Sie sieht, wie Emil Welti seine Frau durch Desinteresse und lange Abwesenheiten direkt in die Arme von Karl Stauffer treibt. Lydia wird als zurückhaltend, teilweise steif, aber auch als stark, klug, widerspenstig und vor allem an Kunst interessiert dargestellt. Ihre Unterforderung als Dame des Hauses kompensiert sie mit depressiven Phasen, die mit Kuraufenthalten und Ablenkungen „behandelt“ werden. Hartmann gelingt ein Sittengemälde. Es ist die Zeit der rigiden viktorianischen Vorstellungen zum Verhältnis von Mann und Frau und hartgezogener Schranken zwischen Herrschenden und Dienenden. Verhalten zeichnet Hartmann die Beziehungen innerhalb des Hauses Welti-Escher: Da hört man Geräusche, die nicht einzuordnen sind, versucht in Gesichtern zu lesen, schnappt Satzteile oder Seufzer auf, und im Extremfall wird an Türen gelauscht. Geprägt von äusseren Umständen entwickelt sich auch das Verhältnis zwischen Zofe und Dame: Vertraulichkeiten und Kühle wechseln sich ab. Luise fühlt sich ihrer Dienstherrin verbunden. Beide leben in einer Gesellschaft, die von allen verlangt, den Normen entsprechend zu funktionieren. Die Korsetts der Frauen sind eng geschnürt. Während Lydia sich über die Konventionen hinwegsetzt und offenen Auges in ihr Unglück rennt, lernt Luise den Kellner Henri kennen und lieben. Hoffnung, zumindest für sie, liegt in der Luft.

Hartmann hat einige Mühe darauf verwendet, die vorliegenden Dokumente zur Sache Welti-Stauffer zu sichten und zu bewerten. Auch wenn Ein Bild von Lydia als Roman betitelt ist, so unterliegt der Autor keinesfalls der Versuchung, Lydias Handeln zu bewerten oder ihre Gefühlswelt zu interpretieren. Die Figur der Luise liess ihm die Freiheit, die übrigen Protagonisten mit Zurückhaltung zu betrachten. Luise ist diejenige, die sich zwischen den Welten der Armen und Reichen bewegt. Luise beobachtet und lernt.  Als  sie schliesslich die Kleider von Frau Lydia erbt, weiss sie eines: Kleider machen zwar Leute, doch auch reiche Leute sind nicht frei zu tun und zu lassen, was ihnen beliebt.

Ein Kritikpunkt an diesem lesenswerten Roman über jene Frau, der wir die Gottfried-Keller-Stiftung verdanken, muss dennoch angebracht werden: Nach der gefühlt hundertsten depressiven Phase von Lydia, die eine der anderen gleicht – Nervenkrise, besorgte Dienstboten, Doktor kommt, besorgter Doktor, Tee wird verschrieben, die Patientin fasst sich wieder und agiert wie eine Getriebene – , hätte man sich als Leser doch eine Abkürzung gewünscht.

 

Titel: Ein Bild von Lydia, Roman, gebunden

Autorin: Lukas Hartmann

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes.ch/leser.html

Kurzbewertung: Das tragische Schicksal von Lydia Welti-Escher dargestellt aus der Sicht ihrer Zimmermädchen Marie Louise Gaugler. Der ungewohnte, unsentimentale Blickwinkel aus der Dienstbotensicht vermittelt ein Sitten- und Gesellschaftsbild des ausgehenden 19. Jahrhunderts, das Frauen nicht viel mehr als die Rolle der fügsamen, sittsamen Hausherrin zugestand. Für die lebhafte, an Kunst und Literatur interessierte Lydia Welti war dies eindeutig zu wenig. Doch während Lydia Welti tief und tiefer fällt, erlebt ihr getreues Zimmermädchen zum ersten Mal die Liebe und darf auf eine erfreuliche Zukunft hoffen.

 

 

Wenn einer in den Spiegel schaut, wie viele schauen heraus?

Joachim Meyerhoffs Hauptfigur und Ich-Erzähler im Roman Die Zweisamkeit der Einzelgänger heisst Joachim Meyerhoff, ist wie sein Erschaffer auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik gross und später Schauspieler geworden. Diese Fakten stehen im Wikipedia-Eintrag über den Autor Meyerhoff. Solche Angaben darf man  glauben. Bei einem schreibenden Schauspieler, der sich selbst zur Figur eines Romans erhebt, darf aber auch ein wenig Zweifel erlaubt sein. Inwieweit die Figur Meyerhoff dem Schriftsteller Meyerhoff gleicht, ist etwas, was Leser sich sicherlich fragen – und etwas, womit Schriftsteller Meyerhoff gekonnt spielt. Für den Roman selber ist die Frage müssig. Die Geschichte springt zwischen Irrwitz, Traurigkeit, Facettenreichtum und herzbewegender Lebenslust hin und her; so dass man sich zuweilen wünscht, der Autor möge sie so erlebt haben – und ein paar Zeilen weiter, der Autor möge sie auf keinen Fall so erlebt haben.

Die Romanfigur Joachim Meyerhoff ist also Schauspieler, ein einsamer und unglücklicher obendrein. Ein Selbstzweifler. Er trifft auf Hanna. Eine überaus intelligente, kratzbürstige, um sich beissende junge Frau. Joachim verliebt sich. Seltsam genug, denn Hanna ist ein so schwieriger Charakter, dass sie es kaum mit sich selbst aushält. Immer scheint gleich um die Ecke die Katastrophe zu lauern. Die kommt – vorderhand – nicht. Aber es kommen die Tänzerin Franka und die Bäckerin Ilse. Joachim jongliert nun mit drei Frauen und seinem Schauspielberuf. Jede der Frauen öffnet ihm ihre Welt: Hanna fordert Joachim zu gedanklichen Höhenfügen heraus, Franka zu körperlichen Exzessen, Ilse bedeutet Geborgenheit und Wärme. Joachim achtet streng darauf, dass sich diese drei Welten nicht berühren. Dabei entdeckt er seine eigene Skrupellosigkeit und findet Freude daran. Schauspielerische Erfindungsgabe und Spontaneität retten ihn aus der einen oder anderen heiklen Situation.

Was die vier Menschen verbindet, ist ihre innere Einsamkeit. Jeder von ihnen hangelt sich entlang seiner eigenen Ablenkungsmanöverkette.

Schnell-Leser sollten bei diesem Buch ein paar Gänge herunterschalten. Buchfressern verweigert sich dieses Werk. Erst beim Genusslesen entwickelt es sein volles Aroma. Es schmeckt nach Theatervorhängen, vernachlässigten Industriestädten, nach Bibliotheken, verschwitzten Kostümen, frisch Gebackenem. Auch nach Ausschweifung, Betrug, kaschierter Trauer. Meyerhoff weiss geistreich zu erzählen. Seine Theaterszenen lockern die Geschichte auf, sind humorvoll bis sarkastisch. Die Beschreibung des Innenlebens seiner Protagonisten loten jedes Gefühl aus, jede noch so kleine Begebenheit verweist auf die Schwierigkeit, in einer Welt der Zweifler und Verzweifelten jemanden zu finden, an den man sich hängen kann. Und dann ist da noch Meyerhoffs/Meyerhoffs Fabulierkunst, die Purzelbäume gleich im Dutzend schlägt.

Ein Einwand muss angebracht werden: Spätestens ab Seite dreissig kommen auch dem tolerantesten Leser Zweifel: Muss ich mir das antun? Was haben eine überkandidelte, nervige Studentin namens Hanna, die auf keine noch so simple Frage eine normale Antwort geben kann, und ein einsamer Wolf namens Joachim, der sich aus welchen Gründen auch immer in dieses verrückte Huhn verliebt, mit mir zu tun? Bitte hier das Buch nicht beiseitelegen! Ich kann versichern, es lohnt sich, am Lesen zu bleiben. Tief- und Hintersinn sowie eine grosse Liebe zu grosser Literatur sprechen aus jeder Seite.

 

Titel: Die Zweisamkeit der Einzelgänger, Roman gebunden

Autor: Joachim Meyerhoff

Verlag: Kiepenheuer&Witsch https://www.kiwi-verlag.de/

Kurzbewertung: Intensives Leseerlebnis mit vielen theatralischen-komischen Effekten.

Für wen: Langsamleser mit einem Hang zu schrägen Typen und hochklassigen Literatur.

Was wissen wir über unsere Eltern?

In meinem letzten Blogbeitrag ging es nach Mississippi. In dieselbe Gegend führt auch meine heutige Buchbesprechung. Zwischen ihnen, geschrieben von Richard Ford, handelt in etwa zur derselben Zeit, in den Nachkriegsjahren. Wieder geht es um das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen und in ganz anderer Absicht. Die Rassenfrage bleibt aussen vor; diesmal geht es darum, inwieweit Kinder ihre Eltern, ihre Pläne, Absichten, Gedanken, Geheimnisse je kennen werden.

Zwischen ihnen ist in zwei Teile gegliedert, eine Hälfte befasst sich mit dem Vater des Autors, einem Handlungsreisenden für Wäschestärke. Der zweite Teil ist der Mutter gewidmet. Beide Buchteile wurden im Abstand von 30 Jahren verfasst, was insofern interessant ist, als der Mutter-Teil direkt nach dem Tode der Mutter geschrieben wurde, der Vater-Teil fünfundfünfzig Jahre nach dessen Ableben. Allein schon der Vergleich unter der Fragestellung, was die Zeit mit unseren Erinnerungen anstellt, macht das Lesen spannend.

Das Leben der Eltern in der Rückschau in Buchform zu analysieren, in seinen Möglichkeiten – den gelebten und den phantasierten – abzustecken ist ein Wagnis, dem sich schon einige Autoren und Autorinnen gestellt haben. Mit dabei ist auch immer die Frage des Autors nach dem eigenen Platz in dieser Geschichte. Auch nach dem „Was wäre wenn?“ So ein Unternehmen steckt voller Fallstricke, und der Schreibende muss für sich klären, ob er mehr die Imagination oder eher die Fakten zuhilfe nehmen soll.

So oder so: Das Leben der Eltern zu interpretieren bleibt wohl immer Annäherung. Inwieweit können wir unserer Erinnerung trauen? Ist es möglich, anhand von Erinnerungsbrocken, Erzählungen, Briefen, Fotografien – denn mehr ist es ja in den seltensten Fällen – Rückschlüsse zu ziehen? Ist es beispielsweise statthaft, anhand einer Fotografie über die Befindlichkeit der dort Abgelichteten etwas zu sagen. Erst recht, wenn die alten Bilder verblasst sind. Hinzu kommt: Eltern hatten, bevor sie Kinder bekamen, ein eigenes Leben, Jahre voller Geheimnisse.

Richard Ford hat sich all den aufkommenden Fragen gestellt. Und hat es sich bei der Beantwortung nicht leicht gemacht. Es ist ihm ein liebevolles, tiefgründiges, mit Zurückhaltung verfasstes Erinnerungsdokument gelungen, in dem viele kluge Gedanken stecken. Nicht dass wir jetzt Fords Eltern besser kennen würden. Im Gegenteil, sie sind uns nach der Lektüre so rätselhaft und gleichzeitig wohlbekannt, wie es die Eltern von anderen immer sein werden. Aber Richard Ford spricht aus, was wir von unseren eigenen Eltern immer schon gedacht haben: Sie haben ihr zum Teil von uns als seltsam empfundenes Leben gelebt, das uns aber geprägt hat. Es war ein Leben, das in einer bestimmten Zeit stattfand, unter ganz besonderen Voraussetzungen.

Im Falle von Richard Fords Eltern dürfte es der Zweite Weltkrieg gewesen sein, der die Bedingungen diktierte. Darauf folgten Jahrzehnte, in denen die Möglichkeiten gleichfalls eingeschränkt waren. Man war wer man war und versuchte nach diesem Massstab sein Leben zu leben. So lange es aufwärts ging und man seiner Rolle als was auch immer gerecht wurde, war alles bestens. Gleichzeitig galt es, möglichst nicht auszufallen, die Dinge „richtig“ zu machen. Konsumzwang, eine Vorstellung von Selbstverwirklichung, Darstellungswahn kamen später. Da mussten erst eine aufmüpfige Jugend, eine sexuelle Revolution, eine völlig neue Technik und allgemeinzugängliche öffentliche Plattformen her.

 

Titel: Zwischen ihnen

Autor: Richard Ford, aus dem Englischen übersetzt von Frank Heibert

Verlag: Hanser Berlin https://www.hanser-literaturverlage.de/verlage/hanser-berlin

Kurzbewertung: Parker Ford und Edna Atkin begegnen sich, heiraten und ziehen gemeinsam jahrelang durch Amerikas Südstaaten. Spät bekommen sie ein Kind, Richard Ford, und werden sesshaft. Parker, gesundheitlich angeschlagen, fährt weiter als Handlungsreisender durchs Land. Früh stirbt er. Edna lebt noch zwei Jahrzehnte länger. Was hat sie bewegt, was angetrieben, wie haben sie ihr Leben empfunden? Ein Text rücksichtsvoll, liebenswürdig, nachdenklich, gescheit.

Für wen: Die Beziehung von Eltern und ihren Kindern, das Besondere daran – besonders die Lücken – bleibt weiterhin ein Thema, das jeden Menschen umtreiben dürfte. Also: für alle.

Amerika, armes Amerika – oder: Wo Rassenhass gedeiht, wächst kein Gras mehr

Wir hören und sehen es in den Nachrichten: Afroamerikaner sind auch im 21. Jahrhundert Bürger zweiter Klasse. Wir hören von Misstrauen, Gewalt, Vorurteilen, Chancenungleichheit, fehlendem Unrechtsbewusstsein, überzogenen Polizeieinsätzen etc. Der Graben zwischen den Rassen in den USA scheint unüberbrückbar.

Hat Colson Whitehead 2017 mit Underground Railroad versucht, die Geschichte des amerikanischen Südens und seiner Haltung zur Sklaverei anhand einzelner Sklavenschicksale aufzuarbeiten, so veröffentlicht nun Jesmyn Ward mit Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt einen Roman, der sich mit der Rassenproblematik im heutigen Amerika befasst. Der Roman spielt im Bundesstaat Mississippi. Sicherheit für Schwarze, soviel wird im Laufe von Wards Buch deutlich, gibt es nicht. Sicherheit ist etwas – geht man vom Gefühl aus, den Yesmin Wards Erzählung vermittelt –, das Afroamerikaner gar nicht kennen können. Nicht draussen vor der eigenen Türe, und oft genug auch nicht hinter dieser. Zu tief sind die Narben, die Sklaverei und Rassentrennung hinterlassen haben und immer wieder neu aufreissen. Was daraus erwächst ist verheerend.

Jesmyn Ward berührt mit diesem Roman ein weiteres Thema, das nicht nur Amerika betrifft: Das Aufwachsen von Kindern in einer unguten Umgebung. Kinder mit Eltern, die mit ihrem eigenen Leben nicht klarkommen. Familien, wo Schläge und Vernachlässigung an der Tagesordnung sind. Familien, die jeden Augenblick auseinanderzubrechen drohen. Die zwei Hauptfiguren aus Wards Roman, der 13jährige Jojo und sein Schwesterchen Kayla, klammern sich verzweifelt aneinander und lernen schnell erwachsen zu werden, allerdings in der Gewissheit, dass auch Erwachsen-Sein kein Zuckerschlecken ist.

Die Autorin beschreibt uns die Familie von Red River. Red River wurde in jungen Jahren zusammen mit seinem Bruder in das – berüchtigte – Gefängnis Parchman gebracht. Er hat Jahre dort verbracht, sich den unmenschlichen Bedingungen gebeugt und nebenbei versucht, auf Richie aufzupassen, einen Zwölfjährigen, der wie er wegen einer Nichtigkeit im Gefängnis landete. Red River erzählt seinem Enkel Jojo oft aus dieser Zeit. Red erzählt aber nie die ganze Geschichte, doch Jojo ahnt, dass da noch mehr war.

Jojo wächst im Haus seiner Grosseltern auf. Die familiäre Situation ist beklemmend: Jojos Mutter Leonie ist drogensüchtig und unfähig, sich um ihre beiden Kinder zu kümmern, sein weisshäutiger Vater Michael sitzt im Gefängnis, seine Grossmutter liegt im Sterben. Die Verantwortung für Kayla liegt in den Händen von Jojo. Grossvater Red versucht so gut es geht, den beiden Geschwistern Halt zu geben.

Jesmyn Ward gibt den verschiedenen Familienmitgliedern eine eigene Stimme und lässt sie ihre Sicht der Dinge darstellen. Das führt zu einer Unmittelbarkeit, der man sich als Leser nicht entziehen kann. Plötzlich sehen wir Leonie nicht nur als verantwortungslose Drogensüchtige, die ihre Kinder im Stich lässt. Sie ist trotz allem ein Mensch voller Liebe und Hingabe, wenn auch in sich zerrissen und überfordert. Jederzeit droht sie in einem Meer aus Trauer um ihren ermordeten Bruder Given zu ertrinken. Wir verstehen, weshalb Leonie geworden ist, wie und was sie ist: ein junges menschliches Wrack, das selten das Richtige tut, meist „Dinge kaputtmacht“.

Die Autorin verwendet einen Kunstgriff, um auch die Toten zu Wort kommen zu lassen. Jojo und Kayla sind hellsichtig, sie können Geister sehen und mit ihnen sprechen. Vögeln gleich sitzen die Geister von Verstorbenen auf Ästen. Sie gemahnen damit an all jene, Frauen, Männer, Kinder, die dem Furor des Rassenhasses nicht entkamen und ihr Leben an Bäumen aufgeknüpft lassen mussten. Als Geistervögel sehnen sie sich über das grosse Wasser heimwärts zu fliegen. In den Sequenzen, in denen Ward diese ruhelosen Ahnen beschwört, bringt sie das kulturelle Erbe der Protagonisten zum Klingen. Und wir erfahren auch, welch grausames Ende die Geschichte von Red und Richie nahm.

Titel: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt; Roman, gebunden

Autorin: Jesmyn Ward, aus dem Englischen von Ulrike Becker

Verlag: Kunstmann, https://www.kunstmann.de/

Kurzbewertung: Der dreizehnjährige gemischtrassige Jojo wächst in Mississippi bei seinen Grosseltern auf. Frühzeitig wird er unter harten familiären Bedingungen erwachsen. Ein Buch, das von der Liebe spricht, aber auch vom Sterben, von Rassengewalt und Drogen. Idylle ist anderswo. Plastisch und liebevoll erzählt. Eine Geschichte zum Mitfühlen und -leiden.

Für wen: Wie lebt es sich als afroamerikanische Familie im Süden der USA heute? Wer Antwort auf diese Frage sucht, erhält mit diesem Buch ein schmerzhaft-berührendes Beispiel.