Weiblich, unerfüllt, traurig sucht etwas zum Festhalten

Faszination, aber auch Bedrohung: Das ist, was Michèle Akli im Roman Erfüllung von Nina Bouraoui tagtäglich wahrnimmt. Es ist nicht ganz klar, weshalb ausgerechnet Erfüllung der Titel dieses Buches ist, denn was Michèle am meisten fehlt, ist eben gerade etwas, das sie beschäftigt und erfüllt. Es sind konkrete, aber auch eingebildete Ängste, die Michèle umtreiben. Die politische Situation Algeriens ist schwierig, Michèle fühlt sich als Französin besonders ausgeliefert. Tatsächlich passieren verunsichernde Dinge rund um ihre Villa in einem gediegenen Vorort von Algier. Auch als Frau fühlt sich Michèle bedroht, wenn sie in den Strassen von Algier unterwegs ist. Sie verschanzt sich gerne in ihrem Haus, kocht für ihren Sohn Erwan, den sie ganz für sich haben möchte. Doch Erwan findet eine Freundin, welche sich Bruce nennt, ein Mädchen zwar, doch von ihrem Gehabe her vielmehr ein Junge. Misstrauisch und mit wachsender Besorgnis beobachtet Michèle diesen eigenwilligen Eindringling in ihre Welt. Sie will, nein, sie muss ihren Jungen vor Bruce schützen und entschliesst sich, sich mit Bruces Mutter Catherine, einer extravaganten Schönheit, anzufreunden. Doch diese Freundschaft stellt ihre Welt noch mehr in Frage und auf den Kopf.

Von der ersten bis zur letzten Seite ein Roman, der von wachsender Beunruhigung spricht, von Melancholie, die einen Menschen aufzufressen droht. Alles wird rund um Michèle zu einer Art von Terror: die Landschaft, die Menschen. Verrat sitzt an jeder Ecke. 

Michèle weiss, dass einige ihrer Ängste unbegründet sind; dieses  Wissen hilft ihr wenig, um sich zu beruhigen, greift sie regelmässig zum Weinglas. Ihre Ehe mit Brahim wird mehr und mehr zur Farce. Michèles gesamte übrigbleibende Energie richtet sich auf Erwan; sie möchte immerhin eine gute Mutter sein, wenn es ihr schon nicht gelingt, eine gute Ehefrau zu sein. In ihrer quälenden Selbstbeobachtung kommt sie jedoch zum Schluss, dass ihre Obsessionen nicht gut für ihr Kind sind:

Denn ich vererbe ihm auch meine Angst, verschüttet zu werden, meine quälenden Gedanken an eine Welle, die nach einem Erdbeben die Stadt überflutet. Schönheit ist für mich direkt mit Tod verbunden, ich kann nicht anders. Ich bin krank, krank vor Melancholie, und wenn ich ehrlich bin, müsste ich mich eigentlich über Bruces Erscheinen in Erwans Universum freuen.

Michèles Frustrationen suchen sich einen nach aussen gerichteten Weg. Gegen wen sich ihre negative Energie schliesslich richtet und welch tückische Umwege sie nimmt, sei hier nicht verraten. Immerhin soviel: In der Art und Weise ihres Handelns und wie sie zu ihrem Leben steht, wirkt Michèle sehr unemanzipiert. (Ihr Gegenstück ist Bruces Mutter Catherine). Ein Glück, dass sich seit den Siebzigern im Selbstverständnis der Frauen etwas geändert hat. Ich vermute, dass jüngeren Leserinnen Michèle eher befremdlich rüberkommt.

Autorin: Nina Bouraoui

Titel: Erfüllung, Roman, aus dem Französischen von Nathalie Rouanet

Verlag: Elster-Verlag, 2022, gebunden, 226 Seiten

ISBN 978-3-906903-19-4, 34.­– Euro/37.­– Franken

Kurz zusammengefasst: Siebzierjahre in Algerien: die Französin Michèle ist ihrem algerischen Mann nach Algier gefolgt. Mit Gartenarbeit, Schreiben, Alkohol und Sex versucht sie, ihre Langeweile und ihre Depression in den Griff zu bekommen. Ihr Sohn Erwan freundet sich mit dem wilden Mädchen Bruce an. Fasziniert und mit wachsender Wut und Eifersucht beobachtet Michèle Bruce und deren Mutter Catherine. Ein Roman, der ebenso verstörend wie in der Sprache poetisch und kraftvoll-knapp ist. 

Für wen: Politisch, gesellschaftlich, geschichtlich Interessierte, aber eher nichts für Depressionsgefährdete.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

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