«Niemand weint, wenn eine Strasse stirbt»

Wer Linden Hills von Gloria Naylor gelesen hat oder noch vorhat zu lesen, sollte sich unbedingt als Ergänzung auch Die Frauen von Brewster Place von derselben Autorin zu Gemüte führen.

Wenn die Menschen von Linden Hills so tun, als wären sie auf dem Weg zur Glückseligkeit, so wissen jene von Brewster Place genau, wo sie leben: in einer Vorhölle.

Brewster Place sind ein paar Wohnblocks, errichtet von einer korrupten Stadtbehörde «um die seitens der irischen Bevölkerung zu erwartenden Proteste anlässlich der Entlassung des Polizeichefs abzuschwächen». Seit seiner Entstehung hat Brewster Place einen kontinuierlichen Abstieg erlebt. Die europäischen Zuwanderer sind längst weggezogen und haben jenen Afroamerikanern Platz gemacht, die sprich- und wortwörtlich in einer Sackgasse gelandet sind. Der Verfall des Quartiers ist offensichtlich, Brewster Place ist angezählt. Da täuschen auch nicht die tapferen farbigen Töchter drüber hinweg, die sich mit muskatfarbenen Amen auf Fenstersimse stützen, nicht ihre knorrigen Ebenholzbeine, die die Last ihrer Einkäufe die Treppen hochtragen oder ihre safranfarbenen Hände, die feuchte Wäsche in Hinterhöfen aufhängen. Mit diesem wachen, einfühlsamen Blick schaut die Autorin auf die Protagonistinnen ihres Romans: sieben Frauen, von denen jede eine Bürde zu tragen hat. Da ist zum Beispiel Cora Lee, die so gerne Babys hat, dass sie sich immerzu schwängern lässt. Da sind Lorraine und Theresa, die sich lieben, denen diese Liebe aber von den Nachbarn, den männlichen ebenso wie den weiblichen, unnötig schwer gemacht wird. Oder Kiswana, die an Black Power glaubt und Druck auf die Vermieter der baufälligen Wohnungen machen möchte – doch dafür müssten die Bewohner von Brewster Place zusammenstehen. Oder Mattie, die ihren Sohn Basil zu lange in Watte gepackt hatte und jetzt die Konsequenzen tragen muss. 

Als ob die feindselige Umgebung nicht schon Probleme genug mit sich brächte, kämpft jede der Frauen auch im privaten Bereich so gut sie es eben vermag. Doch manchmal helfen sie einander, manchmal teilen sie ihren Kummer. Und (fast) immer ist da auch ein Quentchen Hoffnung.

Es ist dieser Roman ein Abgesang auf eine Strasse und ein wundersam klingender Hoffnungssong für ihre Bewohnerinnen:

«Doch die farbigen Töchter Brewsters, über die Leinwand der Zeit verstreut, wachen immer noch gähnend auf und nehmen ihre Träume mit in den Tag. Sie stehen auf und klammern sie mit der feuchten Wäsche zusammen, die sie zum Trocknen hinaushängen, sie werfen sie zusammen mit einer Prise Salz in ihre Suppentöpfe, und sie wickeln ihre Babys mit ihren Träumen. Sie kommen und gehen, kommen und gehen, aber verloren gehen sie nie. Und so wartet Brewster noch immer auf den Tod.»

Dieser Roman, im Original aus den Achtzigerjahren, nun im Unionsverlag neu auf Deutsch aufgelegt, ist ein feinnerviger Gesang auf die Hoffnung, dessen poetische Bilder und lyrischen Sätze noch lange nachklingen.

Titel: Die Frauen von Brewster Place, RomanTaschenbuch, 248 Seiten

Autorin: Gloria Naylor 

Verlag: Unionsverlag 2022, http://www.unionsverlag.com

ISBN 978-3-293-209503, Fr. 21.90/Euro 14.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Eine heruntergekommene Strasse, bewohnt von Afroamerikanern. Auf der Strasse ist es nicht sicher, in den Wohnungen rostet und schimmelt es, der Putz fällt herunter. Der Roman holt beispielhaft sieben Frauenschicksale ins Licht. Als Leser darf man über die Kraft und Fürsorge dieser Damen staunen. Eine Leseempfehlung ohne Wenn und Aber von mir.

Für wen: AbrissbirnenbetreiberInnen und BruchbudenvermieterInnen, die ihren Beruf wechseln wollen oder ihr Gewissen aktivieren sollten. Alle anderen MenschenInnen auch.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

5 Gedanken zu „«Niemand weint, wenn eine Strasse stirbt»

  1. Wenn ihr mich fragt: Tapfere, mutige, selbstbewusste Frauen braucht es überall und ich bin immer noch willig zu glauben, dass es mal die eine oder andere schafft. So als nächste amerikanische Präsidentin, das wäre schön. Aber halt, da stehen wohl wieder nur laute, grausliche Männer in vorderster Reihe.

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