Mitmenschlichkeit ist nicht gratis zu haben

Der Roman Die Stimme von Jessica Durlacher stellt den Leser vor die Frage: Wie weit würde man selber gehen, jemandem in Not zu helfen? Brächten wir heute den Mut auf, uns gehen Naziterror aufzulehnen? Gegen fanatische Islamisten? Einen Verfolgten zu verstecken? Was getrauen wir uns zu sagen, zu tun gegen Demagogen, selbsternannte Propheten, Umweltzerstörer, Kriegstreiber, Politiker, die ohne zu zögern und für den eigenen Vorteil demokratische Prozesse aushebeln, ihr eigenes Volk beschiessen, mit Atomwaffen drohen? 

Es gäbe viele Fronten, an denen es sich zu engagieren lohnen würde. Aber nicht immer ist so ein Einsatz von Erfolg gekrönt. Davon können manche ein Liedchen singen, sie sich voller Tatendrang ­– und Illusionen – eines Flüchtlings annahmen. Mitmenschlichkeit ist offenbar nicht gratis zu haben. 

Die Story:

Die charismatische somalische Muslima Amal kommt als Haushalthilfe in die jüdische, niederländische Familie von Zelda und Bor. Zelda und Bor waren mit ihren Kindern beim Angriff auf die Twin Towers in New York hautnah mit dabei. Der Ereignis hat tiefe Wunden hinterlassen.

Dieses Setting bringt einiges an Spannung mit sich. Die Autorin Jessica Durlacher lässt Zelda erzählen. Am meisten beeindruckt hat mich die gnadenlose Offenheit, mit der sie die inneren Zustände Zeldas seziert: Da ist einerseits ihre Skepsis gegen Muslime, anderseits ihr innerer Kampf gegen die eigenen Vorurteile. Dazu kommt, dass Amal nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine begnadete Sängerin ist. Zelda möchte ihr gerne zu Erfolg verhelfen. Allerdings muss sie sich die Frage stellen: Geht es ihr wirklich um Amal? Ist es nicht vielmehr so, dass sie sich deshalb in die Mission «Erfolg und Freiheit für Amal» stürzt, um sich als guter Mensch zu fühlen? Oder damit Amal ihr Haus verlässt?

Es ist nicht unbedingt so, dass einem Zelda beim Lesen sympathisch ist. Vielmehr wirkt sie verwöhnt, anspruchsvoll, egoistisch. Auch blind, wenn es um ihren ältesten Sohn geht, abwesend und kühl, wenn es um Bor geht. Dennoch geht man mit dieser Figur mit. Das liegt daran, dass sie sich ihrer Fehler bewusst ist, aber kaum weiss, wie sie dagegen ankämpfen kann. Oder Zweifeln, Neid und Ängsten ausgesetzt ist.  Oder an kulturelle Grenzen stösst.

Die Geschichte endet dramatisch, nachdem Amal in einer Fernsehsendung sich von ihrem Kopftuch befreit und damit ins Kreuzfeuer islamistischer Fanatiker gerät. Zeldas Familie zahlt einen hohen Preis für ihre Mitmenschlichkeit.

Autorin: Jessica Durlacher

Titel: Die Stimme, Roman, Aus dem Niederländischen von Annelie Bogener

Verlag:  Diogenes, 2022, gebunden, 495 Seiten

ISBN 978-3-257-07185-6, 25 Euro/28 Franken

Kurz zusammengefasst: Eine singende Muslima mit Kopftuch in einer modernen jüdischen Familie. Beide Seiten haben ihre Geschichte und sind von ihr geprägt. Ein Roman, der Mitmenschlichkeit, gegenseitiges Unverständnis, kulturelle Unterschiede, das Kämpfen gehen innere und äussere Dämonen schonungslos thematisiert.

Für wen: Jene, die sich schon mal gefragt haben, ob sie in einem Terrorsystem ihr Leben oder das ihrer Familie riskieren würden. 

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

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