Mutterliebe – Sohnespflicht und alles was dazwischen liegt

Das Verhältnis erwachsener Kinder zu ihren Eltern ist wohl stets ein diffuses. Jedenfalls scheint es ungeschriebenes Gesetz, dass Kinder ihre Eltern zu achten haben, zu lieben, sofern diese Achtung und Liebe nicht gänzlich verspielt haben. Im Gegenzug, so der gesellschaftliche Konsens, lieben Eltern ihre Kinder, komme was da wolle, sorgen sich und wollen, so lange sie leben und darüber hinaus, nur das Beste für ihre Nachkommen.

Nun ist natürlich nicht genau definiert, wie Eltern es anstellen, ihre Nachkommen glücklich zu machen. Es ist noch nicht einmal klar, wie sie es anstellen sollen, deren Handlungen und Entscheide immer zu verstehen oder zu akzeptieren. Gleichzeitig bleiben Eltern ihren Kindern immer ein Stück weit fremd. Das liegt zum einen daran, dass Eltern schon ein Leben vor der Geburt ihrer Kinder gelebt haben. Zum anderen, dass Eltern ihren Kindern bestimmt nicht alles erzählen, und in dem was sie erzählen auch gehörig flunkern. Erzählungen sind zudem immer ungenau, sind sie doch eine Mischung aus Erinnerung, Auswahl, Phantasie und Formulierungskunst. 

Noch vertrackter wird das Eltern-Kind-Verhältnis, wenn es sich beim Elternteil um die Mutter handelt. Mütter bringen ihre Kinder zur Welt, nachdem sie sie neun Monate mit ihrem Leib genährt und beschützt haben. Die Bindung hat ­– so wird uns vermittelt ­– besonders stark zu sein und ist nur in Ausnahmefällen diskutierbar. Doch wie in allem, was einfach so vorausgesetzt wird, steckt darin ganz schön viel Konfliktpotenzial.

Matthias Nawrat hat sich in Reise nach Maine das Verhältnis Sohn-Mutter vorgenommen und szenisch beleuchtet. Er beschreibt in seinem Roman die Amerika-Ferien-Reise eines Sohnes mit seiner Mutter. Nicht dass der Sohn wirklich mit seiner Mutter hätte verreisen wollen. Doch eine Woche, so nimmt er sich vor, würde er ein solches Arrangement schon aushalten. Die zweite Woche würde er ganz für sich haben. Doch diese Pläne hat er ohne seine Mutter gemacht. So leicht lässt sie sich nicht abschütteln.

Dass Nawrat sich selber in der Hauptfigur des Sohnes setzt, macht die Geschichte besonders intensiv. Wahrhaftigkeit ist das Stichwort, das einem bei so einem Schreibexperiment als erstes in den Sinn kommt. Ohne diese geht es nicht. Wir begleiten den Romanautor und seine Mutter durch New York und später auf der Weiterreise nach Maine. Wir sehen sein gut nach vollziehbares Schwanken zwischen Sohnespflicht und Mutterliebe. Wir können die  Gereiztheit nachvollziehen, die bei beiden aufkommt, denn auch der Mutter ist klar, dass der Sohn sich seinen Traumurlaub nicht an der Seite von Mama vorstellt. Doch sie ist entschlossen, diese Tage mit ihrem Sohn zu geniessen. 

Eine Szene fast zum Schluss des Buches hat sich mir besonders eingeprägt. Es ist dies eine Wanderung, die die beiden gemeinsam einen Berg hoch machen. Vorausgegangen ist ein Streit. Die Mutter geht voran, lässt sich nicht bremsen, der Sohn stiefelt hinterher:

«Der Rücken meiner Mutter, ihr ganzer Körper war, während sie mir vorausging, ganz aufgerichtet, sie ging aufrecht und federnd, sie schwebte fast, als sei sie eine junge Person, als hätten Raum und Zeit sich in dem Hohlweg gekrümmt und ein Fenster sich geöffnet in eine frühere Zeit. … Sie ging, während mich die Erde gnadenlos anzog und jeden meiner Schritte beschwerte, mühelos vor mir den Berg hinauf und nahm eine Stufe nach der nächsten, als könnte ihr die Schwerkraft nicht anhaben.» 

Schöner und eindrücklicher kann nicht beschrieben werden, wie eine Generation auf die andere folgt.

Titel: Reise nach Maine, Roman, 218 Seiten, gebunden

Autor: Matthias Nawrat

Verlag:  Rohwolt, Hamburg, 2021

ISBN 978-3-3-498-00231-2, 22.­– Euro/31.90 Franken

Kurz zusammengefasst: Mutter und erwachsener Sohn verreisen. Erst nach New York, dann mit dem Auto nach Maine. Unterschwellige Vorwürfe, inneres Knurren, elterliche und kindliche Zuneigung, Fremdheit in der Verbundenheit: Wie sollten sie auf einer solchen Reise nicht zum Ausdruck kommen?

Für wen: Eine Mutter, die einen ab und an die glatten Wände hochtreibt, haben wohl alle.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

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