Halt an für die Poesie!

Zwei Gedichtbände liegen auf meinem Schreibtisch und warten darauf, mich mit poetischen Bildern zu beglücken. Heute ist so ein regenschwerer Sommertag: Zeit mich in eine Decke einzuwickeln, in neue Bilder einzutauchen und mir eine belebende Portion Vitamin P zu holen.

Schneeschmelze: was für ein eigenartiger Titel für einen Gedichtband. Gedichtbände werden hierzulande in Auflagen von deutlich unter 500 Stück herausgegeben. Käufer von Gedichten sind rar: Wer kommt in dieser Situation die Idee, als Titel Schneeschmelze zu wählen. Klingt das nicht nach Saisonartikel? Wird das Büchlein nach April im Lager des Bücherladens verschwinden, dann wenn der Schnee seinen Weg ins Meer gefunden hat?

Schneeschmelze, ein Wort, das Hoffnung, Zukunft verspricht. Ein Wort, das von spriessendem Grün, vom Gurgeln von Bächen erzählt. Auch ein Wort des Wandels: vom Starren zum Fliessenden, vom Kalten zum Warmen, von der Stille in den Sturm. Und vice versa. Wobei der Wandel oft genug unmerklich vor sich geht, in der Natur genauso wie im Leben eines Menschen. «ich weiss/dass Spuren bleiben», schreibt Gisela Salge. Aus solchen Worten lässt sich Kraft schöpfen.

Wandlung

Dass ein Stein 

zur Blume wird 

so einfach 

wie Wasser 

zu Eis gefriert 

und schmilzt

Zur Blume

So einfach

Staunen, das kann Gisela Salge in ihrem neuen Gedichtband Schneeschmelze. Immer wieder staunen, wie sich alles wiederholt, das Gute wie das Üble, das Schöne genauso wie das Güllebraun vor dem Küchenfenster. Eine stille, tiefgründige Sammlung und keineswegs ein Saisonartikel. 

Titel: Schneeschmelze, Gedichte, 110 Seiten

Autorin: Gisela Salge 

Verlag:  Pro Lyrica Grundversorgung, 2021

ISBN 978-3-907551-66-0 Fr. 25.10

Lyrische Wundertüte zum Vierzehnten

Halt an für die Poesie ist eine Zeile aus Versnetze­_14. Seit Jahren schon bewundere ich Axel Kutsch, den mittlerweile 75jährigen Herausgeber der Versnetze-Reihe, für seinen ungebrochenen Einsatz für die deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Jahr für Jahr erscheint unter seiner Leitung ein abwechslungsreicher Überblick über das Schaffen deutschsprachiger LyrikerInnen. 2000 Gedichte zu lesen und daraus eine Auswahl zu treffen: eine Arbeit, die man nicht genügend schätzen und noch weniger bezahlen kann. In Versnetze vertreten sind Namen, die man kennt und solche, von denen man bisher nach nie gehört hat. Kutsch, selber Dichter und regelmässig in unserer orte-Poesie-Agenda dabei, ist gleichfalls offen für das Schaffen von Mundartkünstlern und PoetInnen aus Österreich, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz, was ich ihm hoch anrechne. In Versnetze_14 ist selbst Finnland vertreten. Manfred Peter Hein, den Lyriker aus Finnland, möchte ich hier stellvertretend für alle Dichterinnen und Dichter zu Wort kommen lassen:

Augendunkel

Lichterscheinungen

Aus der Tiefe des Raums

Titel: Versnetze_14, Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart, 345 Seiten

Herausgeber: Axel Kutsch 

Verlag:  Verlag Ralf Liebe, verlag-ralf-liebe.de, 2021

ISBN 978-3-948682-20-0, Euro 25.-

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

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