Schweine sind dem Menschen näher verwandt, als den Schweinen lieb ist

Umm al-Chanasir, die Mutter aller Schweine, wird von den Abfallbergen Kairos über Grenzen und Schleichwege in eine jordanische Grenzstadt geschmuggelt. Dort wartet Hussein Sabas auf sie und ihren ungeheuren Nachwuchs. Der Metzger Hussein will das Morgenland mit Schweinefleisch zu versorgen. Es sieht so aus, als habe die Gegend nur auf Koteletts gewartet. 

Umm al-Chanasir wird im Laufe des Romans Mutter aller Schweine von Malu Halasa Sinnbild für all jene Frauen, die in den männerdominierten Gesellschaften des Nahen Ostens oft wenig mehr sind als Hüterinnen der Familienehre und Gebärerinnen von Söhnen, die „entweder als Ärzte enden oder als Mörder“. Doch in diesem Roman gibt es Frauen, die den vorgezeichneten Weg leise hinterfragen. Auch Umm al-Chanasir begreift, wohin ihre Kinder und Kindeskinder verschwinden. Sie reagiert verstört und verstörend. 

Der Roman spielt in einer Kleinstadt im Grenzgebiet Jordanien-Israel-Syrien. Hier ist irgendwie jeder ein Versprengter. Sei es, dass die Vorfahren aus Palästina oder von sonstwoher geflohen sind, seien es Frischankömmlinge aus dem Irak, aus Syrien, Iran; Ex-Jihadisten, Rebellen, Heimatlose, Händler. Und dann sind da noch die, die ihre Kinder wegschickten, damit sie eine bessere Zukunft in der Fremde finden. So wie Fahdma, von deren dreizehn Kindern nur noch Hussein und Samira in Jordanien leben. Der Grossteil ihrer Familie hat in den USA einen neue Heimat gefunden.

In der ehemals hauptsächlich von Christen bewohnten jordanischen Grenzstadt, aufgebaut auf den Ruinen einer byzantinischen Stadt, haben die Mauern Augen. Bisher war das Zusammenleben der verschiedenen Ethnien in der Gegend ungefähr so, wie es dieses Zitat aus dem Internet beschreibt:

„Die wechselseitige Abneigung der Ethnien ist meist „herzhaft“, was aber eine Zusammenarbeit, sofern sie den eigenen Interessen dienlich ist, durchaus nicht ausschließt.“

Von der herzhaften Abneigung profitiert in der Grenzstadt Husseins Onkel Abu Satar. Geschäftstüchtig zieht er aus jedem regionalen Zwist seinen Profit. Sein Tempel ist das „Schnäppchen-Emporium“, ein Laden, in dem alles zu finden ist, was das Herz begehrt. Von Abu Satar stammt auch die Idee mit der Schweinezucht. Allerdings ist er nicht bereit, die unangenehmen Konsequenzen dieser Geschäftsidee mitzutragen. Sein Neffe Hussein gerät ins Visier eines fundamentalistischen Scheichs und seiner Anhänger. Dabei will er einzig für seine Familie ein sicheres Einkommen. Halal und haram interessieren ihn nur soweit, als er dafür zwei Kühlschränke benötigt und aus Respekt vor dem Muslimen freitags kein Schweinefleisch verkauft.

Unbestritten: meine Lieblingsfigur in diesem Roman war Abu Satar, ein Typ, von dem jeder in der Stadt weiss, dass er nur auf seinen Vorteil aus ist. Schlau, verschlagen, gierig und auch zu Verrat bereit, so lange es ihm und seinem „Schnäppchen-Emporium“ nützt. An und für sich eine Figur, die keinem das Herz wärmt. Aber dennoch so detailgenau und humorvoll gezeichnet, dass man sich wünscht, man könnte den verschlagenen Onkel in seinem Basar besuchen. Doch der Roman beschreibt noch andere Familienmitglieder, mit denen wir mitleiden, die wir verstehen oder zumindest verstehen wollen. Da wäre Husseins Mutter Fahdma, die die Familienfäden sanft und ohne Aufmucken zusammenhält. Oder ihre jüngste Tochter Samira, die nicht so recht weiss wohin mit ihrem rebellischen Geist. Oder Leila, Husseins Frau, eine Lehrerin, die gefangen in einer lieblosen Ehe sich fragen muss, was ihr wichtiger ist: ein schönes Haus oder das Wohlergehen ihrer Kinder.

Und während wir als Leser mit den einzelnen Mitgliedern der Sabas-Familie mitgehen und mitleiden, bewegen wir uns in einer Stadt, in der alles Unmögliche nebeneinander passiert: Hinter Gebüschen küssen sich Liebespaare, während sich ein Fundamentalist mit einer Emanze trifft; an einer Hochzeit findet eine Entführung statt und wird Geheimpost ausgetauscht; Busse voller Touristen werden durch die Sehenswürdigkeiten geführt und Fundamentalisten zerkratzen Autos; zwielichtige Figuren passieren die Grenzen in alle Richtungen und eine Horde verängstigter, freiheitsliebender Schweine geloppiert durchs Jamuk-Tal. Ein Drunter und Drüber, das ziemlich genau der verworrenen politischen Situation des Nahen Ostens entspricht. 

Titel: Mutter aller Schweine, gebunden, 344 Seiten

Autorin: Malu Halasa, aus dem Englischen von Sabine Wolf 

Verlag: Elster-Verlag, 2020, http://www.elstersalis.com 

ISBN 978-3-906903-14-9, Fr. 25.30

Kurzbeschrieb/-bewertung: Furiose, kuriose Familiengeschichte aus Jordanien, einer Gegend, die komplett aus den Fugen geraten ist und wo die Kulturen aufeinanderprallen. Gleichfalls eine kritische Stimme an einer Gesellschaft, die das Potential der Frauen aussen vor lässt. Trotz aller angerissenen Probleme bleibt Raum zum Schmunzeln. Liest sich zügig. Aber auch dieses Buch kann leider die zahlreichen Probleme des Nahen Ostens nur anreissen.

Für wen: Wer bisher noch nicht wusste, dass die Frauen, so verschieden sie auch sein mögen, die Welt zusammenhalten, sollte dieses Buch hier lesen. 

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

4 Gedanken zu „Schweine sind dem Menschen näher verwandt, als den Schweinen lieb ist“

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