Wer macht am Ende das Licht aus?

Der deutsche Weltraumfahrer Frank Brandt und seine drei amerikanischen Kollegen Green, Miller und Cocksfield sind mit erschütternden Erkenntnissen von einer Mars-Expedition zurückgekehrt. Doch statt einem Empfang mit Pauken und Trompeten erwartet sie die totale Isolierung. Nichts, was sie auf dem Mars gefunden haben, darf an die Öffentlichkeit. Die internationale Sicherheit sei in Gefahr, sagen die, die das Sagen haben.

Die Ausgangslage, die Jürgen Lodemann in seinem Roman Mars an Erde zeichnet, mag eine fiktionale sein. Doch sitzen wir nicht gerade heute in unseren Wohnungen, isoliert, angewiesen auf die Nachrichten. Nachrichten, die uns verwirren, hinter denen wir Ungesagtes vermuten. Nachrichten, die uns täglich mit neuen Massnahmen konfrontieren, als wäre es nötig, uns die „Wahrheit“ in homöopathischen Dosen zu verabreichen. Und nicht nur das: Wir leben auf einem Erdball, mit dem es bachab geht, und zwar auf mehreren Ebenen. Einer Welt, in welcher die Gretas dieser Erde, die uns aufrütteln wollen, verunglimpft und kleingeredet werden. Eine Welt, in der viel geschwafelt wird, Kommunikation kaum mehr als ein Wort ist.

Und in diese surreale Realität oder reale Phantasie, wie es Jürgen Lodemann wohl nennen würde, platzt nun sein Roman mit dem Titel Mars an Erde. Aufgebaut ist die Story um Frank Brandt, dem die Flucht aus der amerikanischen Verwahrung gelungen ist und der nun einem Journalisten in Form eines Interviews erzählt, was ihm widerfahren ist.

Es sind wahre Abgründe, die sich den vier Astronauten auftun. Sie wurden auf der Erde auf vieles hin trainiert, doch was ihnen der Kriegsplanet über seine Vergangenheit verrät, ist kaum fass- und noch weniger ertragbar. Da ist die absolute Stille des roten Planeten und das unheimliche Auftauchen und Verschwinden der beiden Marsmonde Phobos und Deimos. Da sind die sich in die Höhe schraubenden rötlichen Staubschwaden, die lebensfeindliche Atmosphäre. Oder die verstörenden Vergleiche mit dem Schwarzwald, die Brandt beim Betrachten der schrundigen Marsoberfläche zieht. Aber wirklich unheimlich ist das, was die Astronauten in Inneren des Planeten finden, dessen „Rot nichts von Liebe weiss, aber alles vom Krieg“.

Noch selten habe ich einen eindringlicheren, beklemmenderen Roman gelesen. Seltsamerweise hatte ich kaum je den Eindruck, es mit Science Fiction zu tun zu haben, vielmehr schafft es der Autor, drängende Wirklichkeit zu vermitteln. Das mag daran liegen, dass die Story in der Jetzt-Zeit spielt: mit einem zu allem fähigen Egozentriker an der Spitze einer Weltmacht, allgegenwärtigem Nationalismus, widerwärtiger Geldgier und Machthunger, einer vermüllten Umwelt und keinem Plan B. 

Zitat Brandt: „Weltweit fehlt uns ein Wir. Die Gewissheit vom gemeinsamen Boot.“

Jürgen Lodemanns Roman ist ein mahnendes Werk, ein Wurf, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt: klug, kritisch, spannend, poetisch, bereichert mit weitsichtigen Zitaten. Eine Warnung, die sich jeder zu Herzen nehmen sollte. Denn nach Überwindung der viralen Katastrophe drängt ein blauer Planet darauf, von uns gerettet zu werden.

Titel: Mars an Erde, Roman, 258 Seiten, gebunden

Autor: Jürgen Lodemann

Verlag: Klöpfer, Narr, 2020, http://www.kloepfer-narr.de/mars-an-erde/

ISBN 978-3-7496-1022-8 

Fr. 36.90/Euro 25.–

Kurzbeschrieb/-bewertung: Science fiction, die so real daherkommt, dass es einen schüttelt. Science fiction, die von der Zukunft des blauen Planeten spricht und dem jetzigen Zustand der ach so intelligenten Menschheit. Literatur die einschlägt. Rechnen Sie mit einem tiefen Lesekrater.

Für wen: Das geht jetzt einfach alle an.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

3 Gedanken zu „Wer macht am Ende das Licht aus?“

Schreibe eine Antwort zu Jolanda Fäh Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s