„Deutsch besprenkelt mit der Muttersprache“

Herkunft ist Zufall. Dies schreibt in seinem Buch Herkunft Sasa Stanisic, der auf seinem Namen Häkchen trägt, die ich einfach nicht auf meiner deutschen Tastatur finden konnte. Wikipedia und der Kopierfunktion sei Dank – hier also der Name korrekt mit all seinem Schmuck: Saša Stanišić. Geboren 1978 Visegrad in Ex-Jugoslawin, mit seiner Mutter geflohen nach Heidelberg und dort im Emmertsgrund erwachsen geworden. Stadtteil für Geflüchtete, Immigranten, Andersartige. Menschen, die sich erst einmal die Sprache aneignen müssen, bevor sie überhaupt verstehen, was und wie ihnen geschieht. Und wo eine ARAL-Tankstelle zum Fixpunkt einer Jugend wird, in der jeder sich seine eigene Legende erschafft. 

Das mit der Integration und der Akzeptanz in der ARAL-Gemeinschaft ist nicht einfach, wenn man aus einer Gegend kommt, wo der Heilige Georg einen Drachen bekämpft oder der Drache den Heiligen Georg. So genau weiss man das nicht. Und mit den Grossmüttern ist auch nichts klar: Die eine ist möglicherweise Patin der Mafia, die andere liest das Schicksal aus Bohnen. Tito spukt auch noch im Kopf und eine Fussballmannschaft, auf die jeder stolz war, ganz egal zu welcher Volksgruppe er gehörte. Doch nach Tito sagten die Nationalisten, worauf man stolz sein sollte. Ihnen hat es Saša Stanišić am Ende zu verdanken, dass er mit seiner Mutter nach Deutschland fliehen musste. 

Nach dem Krieg sind die Städte und Dörfer nicht mehr, was sie einst waren, erst recht nicht die Menschen. Heimkommen ist nicht mehr Heim kommen. Saša Stanišićs Grossmutter wird dement. Ihr kommt die Zeit durcheinander, manche Erinnerungen verschwinden, ihr Kopf schafft sich eine eigene Ordnung. Und ihr Enkel Saša überbrückt die Lücken mit Geschichten, denn das ist es, was ihm Herkunft und Lebensweg als Wegzehrung mitgegeben haben: das kunstvolle Flechten von Wörtern zu Geschichten. Stanišićs Deutsch wirkt stellenweise von der Ursprungssprache geprägt, das macht seine Literatur anders, frisch, reich – manche Wendungen kommen so ungewohnt neu und poetisch daher, dass jeder Satz eine Freude zu lesen ist.

Herkunft ist nicht nur ein Buch über das Schicksal oder darüber, wie wir mit dem umgehen, was das Leben für uns bereithält. Es ist gleichfalls ein fliessendes Abschiednehmen von Kristina, der Grossmutter von Saša Stanišić aus Bosnien und Herzegowina. Und ein Abschied von einem Stück Erde, das, so wie es war, nie wieder sein wird.

Eine gute Geschichte“, sagt sie (die Grossmutter), „ist wie früher unsere Drina war: nie stilles Rinnsal, sondern ungestüm und breit. Zuflüsse reichern sie an, sie brodelt und braust, tritt über die Ufer. Eines können weder die Drina noch die Geschichten: Für beide gibt es kein Zurück.“ Grossmutter sieht dich an. „Ich wünsche mir, dass wir endlich ankommen.“

Titel: Herkunft, 360 Seiten, gebunden

Autor: Saša Stanišić

Verlag: Luchterhand, 2019

ISBN 978-3-630-87473-9

Kurzbeschrieb/-bewertung: Menschen, die vor dem Nationalismus fliehen und sich in einem Land zurechtfinden müssen, das nicht auf sie gewartet hat; später gelegentliches Zurückreisen in die Heimat der sich selbst überlassenen Häuser und Friedhöfe und zu einer Grossmutter, der die Zeit abhanden kommt. Mit einem formal spannenden Schluss, der sich in mehrere Möglichkeiten aufspaltet. Sehr lesenswert.

Für wen: Wer wieder einmal dankbar sein möchte dafür, dass er dort leben darf, wo er herkommt. Oder: Wer Nachhilfe im Mitfühlen braucht, wenn er Bilder von Grenzzäunen und Flüchtlingen sieht. Mir würden noch ein paar andere Lesegruppen einfallen, also fühlt euch ruhig angesprochen.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

4 Gedanken zu „„Deutsch besprenkelt mit der Muttersprache““

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