„Alles war futsch“

Arvid, ein Romanautor um die vierzig, streift durch die Bars der Innenstadt Oslos. Nächtelang. Manchmal wacht er verkatert im Bett einer Frau auf. Oder: Arvid fährt mit seinem Mazda durch die Gegend. Er übernachtet auch darin. Das hat er schon getan, als Turid noch mit ihm zusammenlebte. Turid ist vor einem Jahr mitsamt den drei Töchtern ausgezogen und lebt ein Leben, an dem Arvid keinen Anteil mehr hat. Doch Arvid möchte nicht loslassen. Und er möchte seinen Töchtern ein guter Vater sein. Trotz allem, denn Arvid hat niemanden mehr. Im Jahr zuvor ist seine gesamte Familie bei einem Schiffsbrand ums Leben gekommen.

Per Petterson schafft es tatsächlich, aus dieser tragiküberladenen Ausgangslage einen Roman zu schreiben, der zwar in ein tiefes Jammertal führt, jedoch ohne das Gejammere anzustimmen, das man erwarten dürfte. Arvid als Ich-Erzähler berichtet nach und nach in eindringlichen Bildern – und wie es bei Erinnerungen so ist, in oft verwirrender zeitlicher Unordnung – wie es mit ihm soweit kommen konnte. Wir sehen ihn frisch geduscht und in seinen besten Kleidern in den Bus steigen: „… ich wollte das Verlorene aufholen, was auch immer das Verlorene war, ich war achtunddreissig, alles war futsch, ich hatte nichts mehr.“

Nun findet sich das Verlorene selten in Bars und schon gar nicht auf dem Grund eines Glases, da kann einer saufen soviel er möchte. Arvid weiss das zwar. Er ist klug, ist zur Aussenbetrachtung seines Handelns bestens befähigt, aber steckt in seinem lähmenden Schmerz fest. Er ist nicht dort „wo sie waren, um die Welt von dort aus zu sehen, und das lag daran, dass ich draussen war, und sie waren drinnen, im wahren Leben, in dem wichtige Dinge auf dem Spiel standen …“ Es ist, als läge eine gläserne Trennwand zwischen Arvid und allem anderen. Er beobachtet sich, seine Seelenzustände, seinen Körper, der durch Oslo wandert, seine Herkunft, seine Geschichte. Nur für kurze Momente gelingt es ihm, sein Leid mit wildfremden Frauen zu teilen. Man möchte mit ihm gehen, mit ihm reden, ihn berühren, und weiss doch, es ist unmöglich, dieser Mensch muss die Wand selber durchbrechen. 

Etwas Hoffnung schenkt uns Petterson gegen Ende des Romans. Arvid wird von seinem besten Freund Audun angerufen, von dem er vergessen hatte, dass er sein Freund war. Und diesmal gelingt es Arvid zu reden.

Titel: Männer in meiner Lage, gebunden, 285 Seiten

Autor: Per Petterson 

Verlag: Hanser, 2019

ISBN 978-3-446-26377-2, Fr. 29.00/Euro 23.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Nach einer Familientragödie wird Arvid von seiner Frau und seinen drei Töchtern verlassen. Er versinkt in Schwermut, Alkohol und Einsamkeit. Trauer, Seelenzustände, Familientragödien haarscharf beobachtet und nachhaltig-berührend beschrieben. 

Für wen: Männer in seiner Lage und Frauen in ihrer Lage.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

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