Wer behält die Oberhand: der Heilige, der Teufel oder der Narr?

Manchmal hat man als lesender Mensch keine Lust auf knackige, moderne Kurzsätze und wünscht sich elegante, ausgedehnte Satzkonstruktionen und eine Erzählweise, die einen mit sich trägt und mitschwingen lässt, als sässe man auf einer Schaukel. In solchen Momenten hilft der Griff zu einem älteren Werk. Dörlemann kommt das Verdienst zu, längst von den Büchertischen verschwundene Bücher neu aufzulegen. Dank dieses Verlags habe ich nun einen Titel des Kanadiers Robertson Davies in den Händen: Der Fünfte im Spiel, 1970 erstmals unter dem Titel Fifth business erschienen.

Der Fünfte im Spiel, das ist derjenige, der eine Nebenrolle spielt, ein Zuschauer, der die Hauptfiguren beobachtet, sich selber aber gerne aus allem raushält. Er ist aber auch jener Akteur, ohne den die Handlung nicht vorwärtsgetrieben würde. So ein Figur ist der Ich-Erzähler Dunny. Seine Geschichte fängt mit dem Satz an:

„Meine lebenslange Verbundenheit mit Mrs. Dempster begann am 27. Dezember 1908, um siebzehn Uhr achtundfünfzig, als ich gerade zehn Jahre und sieben Monate alt war.“

Dies ist einer der drei genialsten Einstiegssätze in ein Buch, die mir je untergekommen sind. Und der Einstieg täuscht nicht.

Die Geschichte, die Dunny Ramsay erzählt, spielt in einem Dorf in Ontario. (Der Autor Robertson Davies wuchs selber an so einem Ort auf.) Es ist eine Geschichte von Schuld und Sühne, von Geheimnissen, Barmherzigkeit, auch von Liebe und Rache. Alles beginnt mit einem Schneeball, der Dunny treffen sollte, aber auf dem Kopf der schwangeren Mrs. Dempster landet. Die Konsequenzen dieses Treffers beeinflussen das Leben einer Handvoll Menschen nachhaltig. Der Autor versteht es meisterhaft, die Schicksale seiner Figuren miteinander zu verknüpfen. Die Rolle des Fünften im Spiel kommt dabei Dunny Ramsay zu: Er trägt ein mächtiges Geheimnis mit sich. Er zieht in den Krieg, verliert ein Bein, vergräbt sich in Heiligenlegenden, verzichtet auf eine Frau, begleitet seinen Freund Boy und Mrs. Dempsters Sohn Paul, beides zwiespältige Figuren. Dunny Ramsay ist klug, er könnte Karriere machen, doch ihn hemmt etwas Machtvolles, das Gewissen. Eines Tages bricht er sein Schweigen. 

Titel: Der Fünfte im Spiel, 412 Seiten, gebunden

Autor: Robertson Davies

Verlag: Dörlemann, 2019, http://www.doerlemann.ch

ISBN 978-3-03820-068-0, Fr. 34.–/Euro 25.00

Kurzbeschrieb/-bewertung: Kleine Ursache, grosse Wirkung: Der Wurf eines Schneeballs macht aus den einen Heilige, aus den anderen Narren oder Teufel. Doch was bedeutet heilig, und was närrisch oder teuflisch? Wunderbar packende Literatur aus Kanada.

Für wen: Schöne literarische Lebensbeichte über zutiefst Menschliches: also für alle, die gerne lesen.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

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