„Monsieur Hamil, kann man ohne Liebe leben?“

Nachdem ich Die Jagd nach dem Blau gelesen hatte, war klar, noch ein weiteres der Bücher von Romain Gary aufzuschlagen. Diesmal das 2018 neu bei Rotpunkt aufgelegte Du hast das Leben vor dir. Für diesen Roman über die Beziehung eines elternlosen Araberjungen zur kranken, alten Madame Rosa gewann Gary 1975 zum zweiten Mal den Prix Concourt, was damals einen Skandal auslöste. Gary hatte den Roman unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlicht. Der Preis kann aber gemäss Statuten nur einmal an eine Person verliehen werden.

Die Geschichte spielt in den Sechziger-, Siebzigerjahren in Paris Belleville. Momo, ein Araberbub, ist im Alter von drei Jahren zu Madame Rosa gekommen. Madame Rosa ist Jüdin und ehemalige Prostituierte, die sich jetzt mit dem Grossziehen und Weitervermitteln von Hurenkindern durchschlägt. Doch mit Madame Rosa geht es rasant abwärts. Ihre Organe sind alle von schlechter Qualität, ihre Beine tragen sie nicht mehr, in ihrem Kopf wird bald nur noch Grünzeug sein. Momo muss schnell erwachsen werden. In Belleville wohnen Menschen aller Hautfarben und Religionen, die meisten schlagen sich irgendwie durch. Momo versucht, sich und seine „Wohngemeinschaft“ gegen alle Widerstände zu verteidigen.

Zum einen ist dies die erschütternde Geschichte einer Kindheit, in der nichts so ist, wie es sein sollte. 

Es ist auch ein Buch über den Zusammenhalt der Elenden. In diesem Quartier, wo jeder existenzielle Sorgen hat, erkennt jeder auch die Not der anderen; man hilft sich gegenseitig so gut es geht. 

Es ist aber auch eine Geschichte über das Wunder der Imagination. Momo bietet immer dann seine ganze Vorstellungskraft auf, wenn das Leben über ihm einzustürzen droht. Eine Löwin schleckt ihm das Gesicht, damit er einschlafen kann; ein mächtiger Polizist macht ihn unangreifbar; ein Schirm ist sein Kumpel. 

Romain Gary hat für diesen Roman den Tonfall eines überdrehten Teenagers gewählt. Oder den Tonfall eines Jugendlichen, der abgebrüht wirken muss, in dem aber noch das Herz eines Kindes klopft. Allerdings ein Kind, das früh gelernt hat, dass das Glück ein Betrüger ist. Momo erzählt seine Geschichte selber. Er beobachtet und macht sich seinen Reim auf die Dinge, die er nicht versteht. Seine sprachlichen Möglichkeiten sind eingeschränkt, auch grob, denn seine Bildung hat er sich zwischen Prostituierten, Zuhältern, Dieben und Sans Papiers geholt. Und bei Monsieur Hamil, der „wenn er nicht sein ganzes Leben lang Teppichhändler in ganz Frankreich gewesen wär, wär er etwas sehr Gutes gewesen, vielleicht hätte er sogar selber auf so einem fliegenden Teppich gesessen, von Fischen gezogen, wie dieser andre Heilige aus dem Maghreb da, Sidi Ouali Dada.“

Gary hat auch in diesem Buch eine Handvoll Romanfiguren geschaffen, wie sie eigentlich nur das Leben erfinden kann, so schräg, widerspruchsvoll, lebensklug, witzig, leidenschaftlich und verrückt. 

Beim Lesen hätte ich mir allerdings gewünscht, die französische Ausgabe neben mir liegen zu haben. Des öfteren hatte ich den Eindruck, dass die neue deutsche Übersetzung von Christoph Roeber dem Originaltext nicht gerecht geworden ist. Ein 1:1-Vergleich brächte Klarheit und wäre gewiss spannend. 

Titel: Du hast das Leben vor dir, Roman, 242 Seiten, gebunden, Originaltitel: La vie devant soi, 1975

Autor: Romain Gary (Émile Ajar), Übersetzung aus dem Französischen von Christoph Roeber

Verlag: Rotpunktverlag 2018, http://www.rotpunktverlag.ch

ISBN 978-3-85869-761-5, Fr. 28.-/Euro 24.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Tragische, berührende Geschichte einer Kindheit in Paris. Momo lebt als Araber und Kind einer Hure unter Juden, Afrikanern und anderen Aussenseitern. Er und seine Ziehmutter Rosa sind aufeinander angewiesen. Humorvolles verbindet sich mit Strassenphilosophie, kleine Fluchten wechseln sich ab mit nackten Tatsachen. 

Für wen: Für alle vom Glück gesegneten, die auch mal einen Blick über jenen Lattenzaun werfen wollen, der die Habenichtse von den Glückseligen trennt.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

2 Gedanken zu „„Monsieur Hamil, kann man ohne Liebe leben?““

  1. Auch mich hat das Schicksal dieses kleinen Arabers in Paris sehr berührt. Da seine Ziehmutter Madame Rosa Angst hat, dass er ihr bald abhanden kommt, sagt sie ihm er sei 10 Jahre alt, wenn er in Wirklichkeit 14 ist. Sein ganzer Wortschatz kommt aus seinem Milieu, da er nicht zur Schule geht. Als berufliche Zukunft denkt er an Zuhälter oder Schriftsteller.
    Ich werde sicher das Buch auch auf Französisch lesen, auch mich überzeugt die Übersetzung nicht.

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    1. Liebe Trudi
      Der Verlag schreibt, man habe die Übersetzung neu bearbeitet und sozusagen modernisiert. Ich verstehe nicht ganz, wozu das nötig war, denn auch wenn heutige Jugendliche anders reden als noch in den Siebzigern, so spielt die Geschichte doch eindeutig in jener Zeit. Manche Sachen lassen sich aus dem in Immigrantenmilieu geläufigen Französisch vermutlich schlecht übertragen. Trotzdem: glücklich bin ich mit dieser Version nicht, denn einige Sätze machen so überhaupt keinen Sinn mehr. Bin gespannt, ob du mir zu der französischen Version etwas rückmeldest, was hier zur Klärung beitragen könnte.

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