Paris, wie gut das riecht!

Paris, wie gut das riecht! So ein Satz wird natürlich nicht widerspruchslos hingenommen, denn Paris ist eine Metropole. Mehr als 12 Millionen Menschen: Da kommt schon einiges an Odeurs zusammen. Und trotzdem sei es wiederholt: Paris ist ganz schön dufte. Vor allem jetzt im Mai. Die Rede ist von Robinien, Linden, Rosen, von Holunder, Pfingstrosen und anderen Gewächsen, die recht grosszügig ihre Duftmoleküle an die Pariser Luft verschwenden.

Wer jetzt nach Paris reist und findet, der Eiffelturm sei das letzte Mal schon ähnlich hoch gewesen, die Galerie Lafayette definitiv zu touristisch und eine Seine-Fahrt müsse gerade nicht sein, dem sei dieses Büchlein empfohlen: Parcs et Jardins de Paris à pied

Paris hält etwas auf seine Parks, in denen um diese Jahreszeit alles grünt und blüht. Wer gerade jetzt nach Frankreich reist und findet, im Frühsommer sei Paris am schönsten, liegt bestimmt richtig. Jetzt wird überall gehakt und gepflanzt, gedüngt, geschnitten, ausgebessert, geharkt und was die Stadtgärtner sonst noch so alles zu tun pflegen. Man kann sie durchaus fragen, sie sind für ein kleines Gespräch gerne zu haben.

Oben erwähntes Büchlein wurde von der Mairie de Paris herausgegeben und beschreibt 23 Wandertouren durch die Stadt, durch unbekannte Strassen, vorbei an versteckten Winkeln und durch die schönsten Parkanlagen. Da kommt ein Tourist schon mal ins Staunen, wenn er hinter der Basilique du Sacré-Coeur an einem Weinberg vorbeispaziert. Dies ist mitnichten der einzige in der Stadt. Im Park von Bercy, dort wo früher die Weinhändler ihre Fässer lagerten, werden ebenfalls Reben gepflegt, gleichfalls in den Parks von Belleville, La Villette, Georges-Brassens. Einen Weinberg in einer besonders malerischen Ecke der Stadt namens Butte Bergeyre gibt es im 19. Arrondissement, nahe des Parcs Buttes-Chaumont. Zehn Rebflächen soll es insgesamt geben. Und dies in einer Stadt, wo die Quadratmeterpreise für Wohnungen in schwindelerregende Höhen klettern und man für ein Einzimmerappartement auch mal eine Million oder mehr hinblättert. Kommt natürlich auf die Lage und die Aussicht an.

Nahe der Place des Vosges existiert im Versteckten eine kleine Gartenanlage im französischen Stil, in den Rabatten blühen Rosen und verströmen sommerliche Nostalgie. Hier trifft man auf ruhende Damen und Grossväter, die ihren Enkeln vorlesen. Wo das ist, wird hier nicht verraten, wer aber die Rue des Arquebusiers findet, dürfte auch dieses stille Kleinod entdecken.

Wer als Pariser weder Lage, noch Aussicht, noch einen Balkon hat, aber die Nase gestrichen voll von der engen Wohnung und den Abgasen, begibt sich in den Park. Wie begehrt die Plätze auf der Wiese sein können, zeigt sich an einem Pfingstsonntag auf der Place des Vosges. Die Kulisse dieses Gesamtkunstwerkes ist zugegeben zum Niederknien. Allzuviel Raum darf hier aber keiner beanspruchen, was aber niemandem etwas auszumachen scheint. Man liegt Kopf an Fuss, palavert, giesst sich Wein oder gleich Champagner in die mitgebrachten Gläser, Kinder hüpfen, Studenten studieren oder küssen sich. Die gesetzteren Herrschaften halten es eher mit einem Bankplätzchen, so sie denn eines ergattern können. Alles total entspannt.

Ist man schon einmal in der Nähe der Bastille und mag noch einige Kilometer wandern, so ist La Promenade Plantée ein Muss. Der Weg führt entlang der Avenue Daumesnil, aber nicht auf Ebene der Strasse, sondern in luftiger Höhe. Das gibt Gelegenheit, einen neugierigen Blick in eine Pariser Wohnung im dritten Stock zu werfen. Muss aber nicht sein, rechter Hand liegt der Gare de Lyon mit seinem Jugendstilbahnhofbuffet, und wem das zu wenig spannend ist, der hat mit der langgestreckten Gartenanlage, die sich immer wieder weitet und verengt, genug zu schauen. Hier führte einst eine Bahn von der Bastille bis Varenne-Saint-Maur. 1988 hat die Stadt die Gelegenheit beim Schopf gepackt und anstelle der aufgehobenen Bahnlinie einen nur wenige Meter breiten Park gestaltet. Unter den Bahnarkaden haben sich Handwerker eingemietet. Das braucht den Flaneur aber nicht zu kümmern, vielmehr sollte er links und rechts geniessen, was so alles blüht und duftet. Es gibt anmutige Rosenstöcke zuhauf, oftmals romantische, gefüllte Kletterrosen in fetten Büscheln, Wasserbecken, Lauben. Hat man Reuilly erreicht, kann man wieder zurückspazieren, es macht aber durchaus Freude, geradeaus weiterzugehen, durch den Park von Reuilly, weiter durch die Allee Vivaldi, dann durch die mit Wasserfällen ausgestattete Unterführung und geradeaus durch eine lange schattige Senke. Auch hier führte einst eine Bahnlinie entlang, heute führen die Anwohner ihre Hunde aus, ihre Fahrräder oder einfach nur sich selber. 

Wenn die Pariser es wildromantisch wollen, gehen sie in den Parc des Buttes-Chaumont. Buttes werden hier die Stadthügel genannt. Der Parc Buttes-Chaumont bietet, da er in einer Felslandschaft und durch das Bewegen von jeder Menge Material angelegt wurde, zwei Aussichtspunkte. Die Gegend soll früher ziemlich wild ausgesehen und zu Zeiten der Revolution als Müllhalde gedient haben. Das war zuviel Wildnis für die sich ausbreitende Stadt; im 19. Jahrhundert plante der Ingenieur Jean-Charles Alphand das Gelände um. (Alphands Handschrift ist in mehreren Pariser Parkanlagen zu erkennen; seine Büste kann man übrigens auf dem Friedhof Père Lachaise finden.) Das Ergebnis ist heute noch einen Abstecher wert. Die Grashalden, an denen die Parkbesucher hier lagern, sind abschüssig, aber was macht das schon. Platz ist auf jeden Fall mehr als auf der Place des Vosges. Und weil die Wege auf- und abführen, mal an einem Teich vorbei, dann über Brücken, unter einer Felsengrotte hindurch, trifft sich Paris hier auch zum Joggen. Stört aber keinen. Sport ist so oder so angesagt; einige Parks verfügen über frei zugängliche Trainingsgeräte.

Ebenfalls eine herrliche Sache ist eben jener Park in Bercy, von dem schon wegen der Reben die Rede war. Es ist eine der neueren Parkanlagen in Paris und liegt direkt am rechten Ufer der Seine, getrennt allerdings durch den Quai de Bercy. 13 Hektaren umfasst der Park und bietet einfach alles, was man sich so wünschen kann, einschliesslich eines Aussichtspunkts über die Seine auf die Nationalbibliothek. Gut, die dürfte unter den Sehenswürdigkeiten der Stadt keinen Kultstatus erlangen, also zurück zum Garten mit seinen Themengärten, Teichen, Baumalleen und Freizeitanlagen. Im Maison de Giardinage kann sich jeder melden, der in der Stadt einen kleinen Garten für sich pflegen möchte. Da trifft man dann plötzlich auf Menschen, die mit einer Giesskanne in der Hand unter einem Strassenbaum eine Geranie, eine Nelke oder sonst irgendein Grünzeugs wässert, das zuvor sorgfältig mit einem Zaun vor rücksichtslosen Fussgängern, Hunden und Motorrädern geschützt wurde. Gegen weggeworfene Zigarettenstummel hilft allerdings kein Zaun, aber die tapferen Stadtgärtner hängen Täfelchen oder gar Aschenbecher an die Latten. Die Aktion der Stadt scheint nur begrenzt erfolgreich zu sein, denn wer nach solchen Miniaturparkanlagen sucht, findet auch solche, die verlassen wurden, wo sich die Abfälle und die Zigarettenstummel häufen und nichts mehr grünt, als ein einzelnes hartnäckiges Unkraut.

Nase auf und durch

Dort wo es früher einmal nach Eau de Javel roch und später nach nigelnagelneuen Deux Chevaux liegt heute eine der schönsten modernen Parkanlagen, die man sich vorstellen kann: der Parc André-Citroën, direkt am linken Seine-Ufer gelegen. Wer da kein Plätzchen für sich findet, bei dem ist parkmässig Hopfen und Malz verloren. Wasserspiele, Wasserbecken, freie Rasenflächen, Parkteile, wo alles ein wenig wild vor sich hin gedeihen kann, Senk-, Themen- und Farbgärten: die Gartenbauarchitekten, die diesen Park geschaffen haben, kann man nur beglückwünschen. Bei all den verwirklichten Garten-Ideen und -stilen beeindruckt, wie gut durchkomponiert die 1992 eingeweihte Anlage wirkt. Schade nur, wenn man für seinen Besuch eine Zeit erwischt, wo in Paris das Wasser knapp ist und einzig die Fontänen in Betrieb sind. Diese sind dann aber die Hauptattraktion der Kinder. Ihr Jauchzen schallt weithin.

Das Zusammenspiel einzelner Elemente ist leider beim Parc de la Villette nicht so gut gelungen. Er erstreckt sich auf beiden Seiten des Canal de l’Ourcq. Die Nordhälfte wird dominiert durch die neuzeitlich-kühle Cité des sciences e de l’industrie, die Südhälfte durch die beeindruckende Eisenkonstruktion der Grande Halle. Das Gelände wurde früher für Viehhandel und das Schlachten der Tiere genutzt. Heute tanzt auf der Bühne vor der Halle vielleicht gerade ein Streetdancer, oder eine asiatische Frauenrunde studiert mit viel Ernst einen Schirmchentanz ein. Eröffnet wurde der Parc de la Villette in den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts, ist aber nun in die Jahre gekommen. Er wartet darauf, aus dem Dornröschenschlaf geküsst zu werden. 

Weitere Parkanlagen – einmal abgesehen von denjenigen, die auf der To-do-Liste jedes Paris Besucher stehen, wie Trocadéro, Jardin des Tuileries oder Jardin du Luxembourg –, die einen Ausflug wert sind: 

Der Parc Monceau, ebenfalls eine Anlage im englischen Stil mit mächtigen Bäumen und Teich mitsamt Enten und Schildkröten. Auch hier sind die Sitzplätze begehrt, vor allem in der Mittagspause. Der Bois de Boulogne bietet sich für eine Fahrradtour an oder für einen Abstecher ins Museum Louis Vuitton. Père Lachaise ist zwar ein Friedhof, aber was für einer. Er ist zugleich die größte Grünanlage der Stadt. Seine Fläche beträgt 44 Hektaren. Ohne Plan sollte man sich nur mit exzellentem Orientierungssinn hineinwagen. Und wenn man schon mal dort ist, darf man ruhig die Gräber der einen oder anderen Celebrity aufsuchen. Aber auch ohne Piaf und Molière ist Père Lachaise ein Ort zum Staunen und Wandern. Montsouris ist ein Park à l’anglaise, mit Teich, Hügeln und Musikpavillon. Wenn man Glück hat spielt gerade eine Jazzband auf.

Das Buch zum Text: Parcs et Jardins de Paris à pied, 23 Promenades Randonnées, herausgegeben von Guide FFRP/Mairie de Paris, brochiert

Place des Vosges an Pfingsten

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

2 Gedanken zu „Paris, wie gut das riecht!“

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