Urlaub planen: Nicht ohne einen Krimi

Der nächste Sommer ist fast in Sichtweite. Zeit sich Liegestühle vorzustellen und damit verbunden ungestörte Lesefreuden. Sind Ferien in Griechenland geplant, in Frankreich, in den Schweizer Bergen oder auf Balkonien? Hier die passenden Krimi-Vorschläge:

Wieviel Trostlosigkeit hält ein Mensch aus?

Ein Kriminalroman kann auch literarisch ein Erlebnis sein. Joseph Incardona hat ein solches Wunderwerk verfasst. In Asphaltdschungel, aus dem Französischen übertragen von Lydia Dimitrowpasst einfach alles: Die Stimmung (aufgeheizt), das Tempo (130 km/h) die Sprache (Staccato), die Figuren (desillusioniert), die Story (schwarz, schwärzer, am schwärzesten).

Der Autor führt uns auf die französische Autobahn, auf ihre trostlosen Rastplätze mit den blumigen Name. Flirrende Hitze, herumliegender Müll, Gestank, Staub, Lärm. Menschen sind unterwegs, wohin auch immer: Mit ihnen fahren ihre kleinen und grossen Bedürfnisse. Es ist Hochsommer, der Strom der Fahrzeuge lässt nicht nach. Auf den Raststätten begegnen sich Menschen, die meisten nehmen sich nicht wirklich wahr. Unter ihnen ist einer, der es auf kleine Mädchen abgesehen hat. Drei davon hat er schon entführt. Die Polizistin Julie und ihr Kollege Thierry ermitteln. Doch wo beginnen, in einem unübersichtlichen Netz von Strassen, Zugängen, Abfahrten? Irgendwann, irgendwo in diesem Geflecht muss jemand dem Entführer begegnet sein: Pierre, der Vater eines der entführten Mädchen? Oder der geile Professor auf seinem Wochenendausflug mit einer Studentin? Die alte Hure, die bei den Zigeunern hinter einem Rastplatz lebt? Der einsame Strassenwärter Baudin? Der schmierige Raststättengastronom Lucino?

Nicht umsonst ist das Buch mit dem Preis für den besten französischen Kriminalroman ausgezeichnet worden. Incardona ist ein exzellenter Beobachter, einer der schonungslos beschreibt. Und wenn die Figuren, die sich auf diesen Strassen bewegen, ins Grübeln geraten, dann in Halbsätzen. Halbsätze geben den Takt an, sind die Melodie der Strasse, der Rhythmus einer Gesellschaft, in der fast jeder von einem Punkt zum anderen rast, einem Ziel zu, das sich ihm fortwährend entzieht. 

Titel: Asphaltdschungel,Roman, 338 Seiten, gebunden

Autor: Joseph Incardona, aus dem Französischen von Lydia Dimitrow

Verlag: Lenos Verlag AG, Basel, 2019, http://www.lenos.ch

ISBN 978-3-85787-494-9, Fr. 29.-/Euro 22.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Es ist Sommer. Die Sonne brennt erbarmungslos auf die französische Autobahn. Drei Mädchen sind spurlos verschwunden. Unterwegs sind Jäger, Gejagte, Urlauber, Lastwagenchauffeure, Huren, die Sensationsreporter. Literatur verpackt als düsterer Krimi. Autobahn, wie wir sie noch nie gedacht haben, aber immer schon empfunden haben. Spitzenklasse.

Für wen: Alle. Dazu Beaujolais. Am besten eine ganze Flasche.

Geht in Athen alles mit rechten Dingen zu?

Deutlich behäbiger als in oben beschriebenem Krimi, dafür mit jeder Menge griechischer Feierlaune geht es in Offshore von Petros Markaris zu und her. Kommissar Kostas Charitos ist zwar sehr gewissenhaft, denkt aber auch gerne an seine Familie, das Abendessen, und wenn es ihm zuviel wird, verdrückt er sich auch mal ins Kaffee. Zur Zeit beschäftigt er sich gleich mit drei Todesfällen. Ein Beamter, ein Reeder, ein Journalist werden ermordet. Die Täter werden der Polizei auf dem Tablett serviert, die Vorgesetzten und auch Charitos Team möchten die Fälle gerne zu den Akten legen. Charitos kann sich damit nicht zufrieden geben. Zu viele Fragen bleiben offen. Doch wo auch immer er seine Fragen stellt, rennt er gegen Wände. 

Griechenland hat die Krise überwunden – wenigstens in diesem Roman –, das Geld fliesst ins Land, die Wirtschaft boomt, neue Politiker sind am Werk. Die Strassen Athens sind erneut verstopft, man gönnt sich Restaurantbesuche und Kurzreisen. Gelegenheiten, eine Flasche Wein aufzumachen, gibt es zur Genüge. Kurz: Es ist alles, wie es vor der Krise war. 

Da stellt sich beim einen oder anderen die Frage: Woher kommt so plötzlich all das Geld?

Markaris setzt in seinem Kriminalroman weniger auf Spannung, als auf die liebevolle Beschreibung seiner hoffnungsfrohen Landsleute. Kommissar Charitos verdankt seine Erfolge weniger seinen Ermittlungen, die ein bisschen hausbacken erscheinen, als Kommissar Zufall. Das macht ihn aber sympathisch und erscheint insgesamt realistischer.

Manchmal schwächelt die Story ein wenig, beispielsweise, wenn einem zum dritten Mal in fast denselben Worten dargelegt wird, dass Charitos den Gerichtsmediziner Ananiadis besser mag als seinen Kollegen Stavropoulos. Oder wenn zum x-ten Mal über die übervollen Strassen Athens palavert wird. Um solche Schwachstellen auszufiltern, wäre das Lektorat da. Wäre das Lektorat da.

Titel: Offshore,Ein Fall für Kostas Charitos, Roman, 357 Seiten, Taschenbuch

Autor: Petros Markaris. Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger

Verlag: Diogenes, http://www.diogenes

ISBN 978-3-257-24452-6, Fr. 17.-/Euro 13.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Griechische Lebenshaltung  und Festfreude anhand eines Krimis. Oder: Auch in Griechenland will die Linke lieber nicht wissen, was die Rechte tut.

Für wen: Ideal für Griechenland-Urlauber und passend zu gefüllten Weinblättern, Oliven und Retsina.

Photo by fotografierende on Pexels.com

Bündnerland: Dort wo die Welt noch fast heil ist

Klimakilometer spart, wer seinen Urlaub statt in Griechenland in den Bündner Bergen verbringt. Zum Beispiel am Glaspass, oberhalb von Thusis, zwischen Heinzenberg und Piz Beverin, auf fast 2000 Höhenmetern. Die Gegend ist empfehlenswert für Wanderer und andere Freiluftsportler. Wenn man den richtigen Krimi im Gepäck hat, lohnt sich gleich ein mehrtägiger Aufenthalt. 

Von wegen heile Welt! In Rita Juons Krimi Tod am Piz Beverin kommen im Weiler Glas einige höchst verdächtige Individuen im Bergrestaurant zusammen. Einer von ihnen stürzt höchst unfreiwillig die Felsen hinunter. In der Gerüchteküche der Einheimischen wird kräftig angefeuert. Hauptsächlich dem Ehepaar Annemarie und Toni gibt der Fall viel zu denken und zu reden. Doch auch in der Polizeistube in Thusis wird gewerweist. . 

Rita Juon entwirft ein freundliches Bild von den heimischen Leuten: Zwar wird die Gelegenheit zu einem Tratsch gerne genutzt, doch kümmert sich das Völkchen der Glaser auch um seine Nachbarn. Urlaubsgäste sind nicht ungern gesehen, bringen sie doch Abwechslung in den Weiler; sie werden allerdings kritisch begutachtet und eingeschätzt. Bei Gefallen ergibt sich ein Schwätzchen am Gartenzaun. Wenn man nur wüsste, was die Wanderer so alles in ihren Rucksäcken herumschleppen. Und weshalb es die streitlustigen Deutschen ausgerechnet hierher verschlagen hat. 

Immerhin, das Wetter ist gut, die Heidelbeeren erntereif. Das Wetter passt. Nur: Ein Wetterumschwung in den Bergen kommt oft schneller als erwartet.

Titel: Tod am Piz Beverin, Krimi, 347 Seiten, Taschenbuch

Autorin: Rita Juon

Verlag: orte Verlag, Schwellbrunn

ISBN 978-3-858-302366, Fr. 17.-/Euro 13.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Schweizer Berglandschaft plus knorrige Bergler plus geheimniskrämerische Berggänger plus ein krimineller Bergunfall. Mehr Berg geht nicht.

Für wen: Ideal für Wandervögel, Beerenpflücker, Strahler – passend zu Gerstensuppe, saurem Most und Heidelbeereis.

Zürich von der exotischen Seite

Und wenn wir schon am Klimakilometer sparen sind, so könnten wir den Urlaub auch gleich zu Hause (z. B. in Zürich Oerlikon) auf dem Balkon verbringen. Susanne Mathies’ Thriller – den ich allerdings nicht in die Thriller-Schublade stecken würde – sorgt auf Balkonien für Spannung. Zusätzlich dazu gibt es eine grosse Portion Exotisches, eine Hand voll Makabres und einen Sonnenhut voll Beziehungsknatsch. 

In Das Auge der Ahnen geht es um ein Amulett, das seinem Besitzer im krisengeschüttelten Südsee-Inselstaat Turaluga Macht und Ansehen gewährleistet. Das heissbegehrte Amulett ist gerade unauffindbar. Doch dann geschehen in Zürich zwei Morde, und irgendwie hat der in Zürich lebende Konsul von Turaluga damit zu tun. Auch Personen, die im Museum für Völkerkunde arbeiten, scheinen in den Fall verwickelt. 

Mitten in die Geschehnisse geraten der Maler Martin Knopf und die Galeristin Pia Hürlimann, die gerade eine Ausstellung mit einem melanesischen Künstler namens Louis Atare vorbereiten. Dabei haben die beiden zur Zeit ganz andere Sorgen. Ihre Freundschaft steht auf dem Prüfstand.

Titel: Das Auge der Ahnen, Thriller, 250 Seiten, Taschenbuch

Autorin: Susanne Mathies

Verlag: bookshouse 2018

ISBN 978-9963-53-976-5, Fr. 24.90.-

Kurzbeschrieb/-bewertung: Unerklärliche Todesfälle in der kleinen melanesischen Gemeinschaft Zürichs, ein Blick hinter die Kulissen des Völkerkundemuseums in Zürich, ein Reisebericht eines Weltreisenden aus dem 19. Jahrhundert, der auf Turaluga schauerliche Erfahrungen sammelt, und die beiden Freunde Pia und Martin, die nicht wissen, wie ihnen gerade geschieht; das sind die Ingredienzien dieses Krimis. Das Lesen hat mich vier Fingernägel gekostet.Also am besten Handschuhe anziehen.

Für wen: Bücher-Reisende, die ganz sicher keinem faulen Südsee-Zauber zum Opfer zu fallen wollen. Passt zu Häppchen und einem perligen Weisswein, die es offensichtlich in einer Zürcher Galerie an einer Ausstellungseröffnung in rauen Mengen gibt.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

2 Gedanken zu „Urlaub planen: Nicht ohne einen Krimi“

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