Schweigen und Lieben auf Finnisch

Literatur aus dem nördlichen Europa ist seit längerem im Gespräch. (Und ich spreche hier nicht über das allgegenwärtige Genre Krimi.) Zu entdecken ist Bemerkenswertes: dichte Storys voller starker Charaktere, eingebettet in menschenarme Landschaften, in denen nicht nur die Jahreszeiten, sondern vielmehr die Wechsel der politischen, religiösen und sozialen Machtgefüge während des letzten Jahrhunderts eine Rolle spielen.

Heute widme ich mich zwei Romanen aus Finnland. Lempi, das heisst Liebe von Minna Rytisalo und Wege, die sich kreuzen von Tommy Kinnunen. Beide Romane spielen auf dem finnischen Lande, bei beiden nimmt der Krieg eine wichtige Rolle ein; die harten Kriegszeiten beeinflussen zu einem beachtlichen Teil die Handlung der Figuren. Wichtiges Element in beiden Büchern ist gleichfalls die karge Landschaft. Beiden Geschichten eigen ist auch die Stille zwischen den Handelnden. Sie schweigen und tun, was ihrer Meinung nach getan werden muss. Nur: Was „getan werden muss“ ist nicht immer schön und schon gar nicht gut.

Lempi, das heisst Liebe

Lempi ist der Name der Hauptfigur im Romanerstling von Minna Rytisalo. Sie verführt ab der ersten Seite mit einer poetisch-kraftvollen Sprache, einer berührenden Liebesgeschichte, einem gelungenen Buchaufbau mitsamt überraschenden Wendungen. Von einem Roman kann man kaum mehr erwarten. Ein umwerfendes Stück Literatur.

Minna Rytisalo erzählt aus drei Perspektiven. Zu Wort kommt der blutjunge finnische Bauer Viljami, der sich in die kecke Lempi verliebt und sie kurzerhand heiratet. Kurz nach der Hochzeit wird er eingezogen. (Finnland hat sich im Zweiten Weltkrieg gegen die Sowjetunion aufgerieben. Die Waffenfreundschaft mit Deutschland wird beendet. Die Deutschen rächen sich, indem sie die Dörfer auf ihrem Rückzug in Schutt und Asche legen.)

Die zweite Erzählstimme gehört Elli. Die Magd auf Viljamis Hof hat zwei Gesichter: Mal ist sie sanft und fürsorglich, doch ist sie auch hart mit sich und anderen. Für sie ist Lempi eine verwöhnte Schmarotzerin. Elli fasst einen Plan, den sie stumpf und hartnäckig verfolgt.

Sisko wiederum ist Lempis Zwillingsschwester. Sie kommt nach dem Krieg als ehemalige Freundin eines Wehrmachtsoffiziers als „Verräterin“ nach Finnland zurück auf der Suche nach ihrer Schwester. Für sie war Lempi immer das grosse Vorbild. 

Lempi selber kommt nicht zu Wort, sie ist und bleibt eine schattenhafte Erscheinung, von der wir manchmal das Gefühl haben, sie werde plastischer, indem wir den Berichten jener drei Personen zuhören, die sie am meisten geliebt und gehasst haben. Doch ganz sicher können wir uns des Bildes nicht sein, das wir uns am Ende von Lempi gemacht haben.

Rytisalos Erzählweise trägt mich vom ersten Augenblick fort. Es ist eine klare Sprache, und eine, die gerade mittels ihrer schnörkellosen Klarheit tief in die Gefühlswelt der Protagonisten schauen lässt und viel über Finnland und den Willen seiner Bevölkerung erzählt, selbst bei harten Bedingungen ihr Leben zu meistern. Gefühle macht hier jeder mit sich selber aus. Dennoch: Wenn Viljami leidet, so leide ich mit. Selbst bei Ellis Kaltherzigkeit ergreift mich nicht nur ein Schauder, sondern auch Mitgefühl. Und hätte nicht auch ich blind in eine Liebesgeschichte stolpern können wie Sisko?

Titel: Lempi, das heisst Liebe, Roman, gebunden, 222 Seiten

Autorin: Minna Rytisalo, aus dem Finnischen von Elina Kritzokat

Verlag: Hanser, ISBN 978-3-446-26004-7 

Fr. 24.90/Euro 21.00

Kurzbeschrieb: Viljami kommt aus dem Krieg zurück auf seinen Hof. Doch seine Frau Lempi ist nicht mehr da – die Magd Elli führt den Betrieb und die Kinder nennen sie bereits Mama. Wo ist Lempi oder vielmehr: Wer war Lempi?

Für wen: Alle, die beim Lesen gerne ein wenig dahinschmelzen. Alle, die ein gutes Buch vor der letzten Seite einfach nicht weglegen können. Alle, die kraftvolle, poetische Sprache lieben. Demnach: für alle.

Photo by Daniel Spase on Pexels.com

Wege, die sich kreuzen

Das Leben in einer ländlichen und abgelegenen Gegend Finnlands ist nicht einfach. Zwei Weltkriege ziehen über das Land; an der Kreuzung, an der die taffe Hebamme Maria ihr Haus gebaut hat, wechseln sich die Machthaber ab. Marias Leben und jenes ihrer Tochter Lahja ist von den äusseren Gegebenheiten geprägt. Doch auch im Inneren der familiären Gemeinschaft finden Zerreissproben statt. Gesprochen darüber wird wenig, doch das wenige, was gesagt wird, trifft. Meist mitten ins Herz. Die Frauen haben gelernt, stark zu sein, Maria aus Überzeugung, Lahja, weil ihre Mutter es von ihr verlangt und ihr Mann Onni nicht alle ihre Wünsche erfüllen kann. 

Die Hebamme Maria möchte vor allem unabhängig sein. Dafür opfert sie die Liebe zu einem Mann. Im Gegenzug bindet sie ihre Tochter Lahja an sich. Lahja wird Photographin und heiratet schliesslich den verständnisvollen Onni. Doch die Beziehung zeigt bald Brüche, denn Onni ist nicht der, der er vor sich und den anderen gerne sein möchte. 

Tommy Kinnunen entwirft eine Familiengeschichte voller Tragik, die sich über das ganze 20igste Jahrhundert hinzieht. Die Figuren in diesem Drama kämpfen mit- und gegeneinander, hauptsächlich indem sie sich ausschweigen. Dennoch spricht jede ihrer Handlungen Bände. Es geht um Betrug, den an den anderen und jenem an sich selbst. Briefe sind in diesem Roman wiederkehrendes Element und Schlüssel zum Verständnis der Story.

Kinnunens erzählt von den kleinen, alltäglichen Handlungen seiner Protagonisten. Sie erklären dem Leser, wie die Figuren denken. Wenn Kinnunen beispielsweise beschreibt, wie Onni das Dach seines Hauses zimmert, so hören wir den Klang seiner Hammerschläge und wissen, wie schlecht er sich fühlt. Da nagelt ein Getriebener. Wenn wir lesen, wie Karinna, Lahjas Schwiegertochter, ihre scheinbar gefühlskalte Schwiegermutter wäscht, verstehen wir, was Duldsamkeit bedeutet und Bitternis bewirken kann. 

Wege, die sich kreuzen sollte unbedingt zweimal gelesen werden. Das ist bedeutend einfacher, als ständig im Buch vor- und zurückzublättern. Der Autor hat einen recht komplizierten Aufbau gewählt. Zwar folgen wir den Erlebniswelten der Figuren einzeln, doch laufen diese Erzählspuren zeitlich nicht parallel und vieles bleibt offen und der Phantasie des Lesenden überlassen.

Titel: Wege, die sich kreuzen, Roman, 336 Seiten

Autor: Tommy Kinnunen

Verlag: DVA, ISBN 9783421047717

Kurzfassung: Die Hebamme Maria baut das grösste Haus im Dorf. Dort lebt sie mit ihrer Tochter Lahja. Nach dem Krieg ist das Haus niedergebrannt und Lahjas Mann Onni baut es wieder auf: für Lahja, die drei Kinder und für Maria. Noch immer ist das Haus das grösste, doch das Glück will nicht darin einziehen. Jahrzehnte später ist Lahja alt und verbittert. Erst nach ihrem Tod entdeckt Schwiegertochter Karinna, was der Grund für den tiefen Groll ihrer Schwiegermutter war.

Für wen: Ein wunderbares Buch für Freunde von tragischen Familienepen und Geschichte.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

4 Gedanken zu „Schweigen und Lieben auf Finnisch“

  1. Der Blog ist zwar schon älter, trotzdem will ich ihn noch kommentieren. Die beiden so treffend besprochenen Bücher schenken tatsächlich wunderbare, belehrende und bereichernde Lektüre.

    Gefällt 1 Person

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