Was morgen sein wird, wird uns nicht wirklich gefallen

„Ich glaube, tief in uns drinnen ist ein Loch“, sagt Britta.

Wo die deutsche Autorin Juli Zeh hinschaut, da tut’s weh. Sie seziert unsere Gesellschaft, dass es einen fröstelt. Meint man erst noch, sie schlage einen ironischen Unterton an, so merkt man alsbald: Die meint es todernst. Und hat Recht damit. Am Ende von Juli Zehs Romanen wünschte ich mir, sie wären und blieben Fiktion. Nur weiss und fürchte ich, viel zu viel darin ist Realität und was noch nicht real ist, ist auf bestem Weg es zu werden.

Mit Illusionen hat Juli Zeh nichts am Hut. Nach Unterleuten, dem Gesellschaftroman, der uns von Berlinern erzählte, die aufs Land flüchten, und von Landmenschen, die von Landromantik nicht viel halten, präsentiert uns die deutsche Autorin den Roman Leere Herzen. Sie zeigt uns eine nahe Zukunft, die vielleicht schon da ist. Eine Politik, die so sehr aufräumt, dass von Demokratie und Föderalismus nicht mehr viel übrigbleibt. Städte, die wie ausgestorben wirken. Menschen, die sich nur um ihren Kleinkram kümmern. Eine Welt der leeren Herzen.

Zur Story: Britta hat eine Familie, ein Einfamilienhaus und eine erfolgreiche eigene Firma. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak kümmert sie sich um selbstmordgefährdete Menschen.  Die hoffnungslosen Fälle sind jene, für die sich Britta und Babak am meisten interessieren. Auf ihnen beruht ihr Geschäftsmodell. Doch Britta und Tabak bekommen Konkurrenz.

Die Geschichte spielt in Braunschweig. Diese Stadt wurde von den Autorin natürlich nicht willkürlich ausgewählt. Wer Braunschweig sagt, denkt reflexartig an die Rüstungsindustrie, das Dritte Reich, das Grossbombardement der Briten, an Kälte und Zerstörung. Dieses Setting im Hinterkopf wird man das ganze Buch hindurch nicht los – Juli Zehs Story baut darauf auf.

Die politische Lage ist vordergründig erbaulich: Trump hat sich mit Putin verbrüdert, der Syrienkrieg ist vorbei, zwischen Israel und Palästina gibt es einen Friedensvertrag, den Islamisten gehen die Zuläufer aus. Innerhalb Deutschlands halten die „Besorgten Bürger“ das Ruder in der Hand. „Heutzutage weiss doch niemand mehr, wofür oder wogegen er sein soll. Natürlich bauen die Besorgten Bürger eine demokratische Errungenschaft nach der anderen ab. Aber trotzdem geht es den Menschen gut, vielleicht sogar besser als früher.“ Die Leute „leben ihr Leben und stecken die Köpfe in den Sand, weil sie in einer Welt, in der man jemanden wie Trump nicht einfach scheisse finden kann, nichts Besseres damit anzufangen wissen“.

Mir kommt das alles sehr bekannt vor. Uns ist, wie Juli Zehs Hauptfigur Britta sachlich feststellt, Politik, Religion, Gemeinschaftsgefühl sowie der Glaube an eine bessere Welt abhanden gekommen. Wir haben uns so oft vorgesagt, wir könnten nichts ändern, weil die da oben doch machen, was sie wollen, dass wir resigniert haben. Wir akzeptieren schulterzuckend Hassredner, wählen Egozentriker, sehen seelenruhig zu, wie alle Werte und Freiheitsrechte verpuffen und durch nichts Ebenbürtiges ersetzt werden – und hoffen dabei, dass sich das irgendwann regeln wird. Gewiss: „irgendeiner“ wird kommen und das alles für uns regeln. Aber wird es im Sinne von Menschlichkeit, Demokratie und der vielbeschworenen Toleranz sein?

Juli Zeh macht keine Hoffnung.

 

Titel: Leere Herzen, Roman, gebunden, 348 Seiten

Autorin: Juli Zeh

Verlag: Luchterhand, München, 2017, http://www.luchterhand-literaturverlag.de

ISBN 978-3-630-87523-1, FR. 27.90/EURO 20.–

Kurzbewertung: Zügig, analytisch und spannend und mit Biss geschriebener Roman mit Blick in die Abgründe unserer Gesellschaft.

Für wen: Nichts für Menschen, die gerne die Augen vor der Wirklichkeit verschliessen, es sei denn, sie wollen wachgerüttelt werden.

Ergänzung: Von Juli Zeh stammt auch ein Buch mit dem Ziel, Kindern Demokratie zu vermitteln: Jetzt bestimme Ich heisst das Kinderbilderbuch. Inhalt: Familie Wiefel hat Streit, denn alle wollen das Sagen haben. Frieden kehrt erst ein, als eine Regierung gewählt wird. Diese muss sich aber gehörig anstrengen, möchte sie wiedergewählt werden.

Komisch, lehrreich und falls der Samen keimt vielleicht doch ein wenig Hoffnung für die Zukunft. Meine Enkelin liebt das Regieren und dieses Buch – und ich auch!

Verlag Carlsen, 2015,ISBN 978-3-551-51816-3

 

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s