Was wissen wir über unsere Eltern?

In meinem letzten Blogbeitrag ging es nach Mississippi. In dieselbe Gegend führt auch meine heutige Buchbesprechung. Zwischen ihnen, geschrieben von Richard Ford, handelt in etwa zur derselben Zeit, in den Nachkriegsjahren. Wieder geht es um das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern, wenn auch unter gänzlich anderen Vorzeichen und in ganz anderer Absicht. Die Rassenfrage bleibt aussen vor; diesmal geht es darum, inwieweit Kinder ihre Eltern, ihre Pläne, Absichten, Gedanken, Geheimnisse je kennen werden.

Zwischen ihnen ist in zwei Teile gegliedert, eine Hälfte befasst sich mit dem Vater des Autors, einem Handlungsreisenden für Wäschestärke. Der zweite Teil ist der Mutter gewidmet. Beide Buchteile wurden im Abstand von 30 Jahren verfasst, was insofern interessant ist, als der Mutter-Teil direkt nach dem Tode der Mutter geschrieben wurde, der Vater-Teil fünfundfünfzig Jahre nach dessen Ableben. Allein schon der Vergleich unter der Fragestellung, was die Zeit mit unseren Erinnerungen anstellt, macht das Lesen spannend.

Das Leben der Eltern in der Rückschau in Buchform zu analysieren, in seinen Möglichkeiten – den gelebten und den phantasierten – abzustecken ist ein Wagnis, dem sich schon einige Autoren und Autorinnen gestellt haben. Mit dabei ist auch immer die Frage des Autors nach dem eigenen Platz in dieser Geschichte. Auch nach dem „Was wäre wenn?“ So ein Unternehmen steckt voller Fallstricke, und der Schreibende muss für sich klären, ob er mehr die Imagination oder eher die Fakten zuhilfe nehmen soll.

So oder so: Das Leben der Eltern zu interpretieren bleibt wohl immer Annäherung. Inwieweit können wir unserer Erinnerung trauen? Ist es möglich, anhand von Erinnerungsbrocken, Erzählungen, Briefen, Fotografien – denn mehr ist es ja in den seltensten Fällen – Rückschlüsse zu ziehen? Ist es beispielsweise statthaft, anhand einer Fotografie über die Befindlichkeit der dort Abgelichteten etwas zu sagen. Erst recht, wenn die alten Bilder verblasst sind. Hinzu kommt: Eltern hatten, bevor sie Kinder bekamen, ein eigenes Leben, Jahre voller Geheimnisse.

Richard Ford hat sich all den aufkommenden Fragen gestellt. Und hat es sich bei der Beantwortung nicht leicht gemacht. Es ist ihm ein liebevolles, tiefgründiges, mit Zurückhaltung verfasstes Erinnerungsdokument gelungen, in dem viele kluge Gedanken stecken. Nicht dass wir jetzt Fords Eltern besser kennen würden. Im Gegenteil, sie sind uns nach der Lektüre so rätselhaft und gleichzeitig wohlbekannt, wie es die Eltern von anderen immer sein werden. Aber Richard Ford spricht aus, was wir von unseren eigenen Eltern immer schon gedacht haben: Sie haben ihr zum Teil von uns als seltsam empfundenes Leben gelebt, das uns aber geprägt hat. Es war ein Leben, das in einer bestimmten Zeit stattfand, unter ganz besonderen Voraussetzungen.

Im Falle von Richard Fords Eltern dürfte es der Zweite Weltkrieg gewesen sein, der die Bedingungen diktierte. Darauf folgten Jahrzehnte, in denen die Möglichkeiten gleichfalls eingeschränkt waren. Man war wer man war und versuchte nach diesem Massstab sein Leben zu leben. So lange es aufwärts ging und man seiner Rolle als was auch immer gerecht wurde, war alles bestens. Gleichzeitig galt es, möglichst nicht auszufallen, die Dinge „richtig“ zu machen. Konsumzwang, eine Vorstellung von Selbstverwirklichung, Darstellungswahn kamen später. Da mussten erst eine aufmüpfige Jugend, eine sexuelle Revolution, eine völlig neue Technik und allgemeinzugängliche öffentliche Plattformen her.

 

Titel: Zwischen ihnen

Autor: Richard Ford, aus dem Englischen übersetzt von Frank Heibert

Verlag: Hanser Berlin https://www.hanser-literaturverlage.de/verlage/hanser-berlin

Kurzbewertung: Parker Ford und Edna Atkin begegnen sich, heiraten und ziehen gemeinsam jahrelang durch Amerikas Südstaaten. Spät bekommen sie ein Kind, Richard Ford, und werden sesshaft. Parker, gesundheitlich angeschlagen, fährt weiter als Handlungsreisender durchs Land. Früh stirbt er. Edna lebt noch zwei Jahrzehnte länger. Was hat sie bewegt, was angetrieben, wie haben sie ihr Leben empfunden? Ein Text rücksichtsvoll, liebenswürdig, nachdenklich, gescheit.

Für wen: Die Beziehung von Eltern und ihren Kindern, das Besondere daran – besonders die Lücken – bleibt weiterhin ein Thema, das jeden Menschen umtreiben dürfte. Also: für alle.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

2 Gedanken zu „Was wissen wir über unsere Eltern?“

  1. Liebe Jolanda, wunderbar, wie du dieses Buch besprichst, auch ich habe das sehr gerne gelesen. Zum Thema passen auch „Sie kam aus Mariupol“ von Natascha Wodin und „Was hat das mit mir zu tun“ von Sacha Batthyany. Beide versuchen die Geschichten ihrer Eltern zu ergründen, zu verstehen und eine eigene Position im Leben zu behaupten.
    LG, Trudi

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