Immer wieder Pamuk

Der türkische Literatur-Nobelpreisträger von 2006, Orhan Pamuk, geboren 1952, wird seinem Ruf als einer der wichtigsten Stimmen seines Landes vollauf gerecht. Pamuks Bücher lassen einen mitfühlen mit diesem Land zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Pamuk versteht es, anhand seiner Heimatstadt Istanbul die Zerrissenheit der Türkei bildhaft erstehen zu lassen. Ich erkläre ihn hiermit schlichtweg zu einem meisterhaften Erzähler: Sein Erzählstil hat nichts Aufgesetztes; seine Figuren sind aus dem Leben gegriffen, ihre Schritte nachvollziehbar, unterstrichen durch einen gewissen, ich wage zu sagen orientalisch anmutenden Hang zur Dramatik; die Schauplätze sind anschaulich und unterstützen die Grundstimmung.

Mein allerliebstes Buch von Pamuk ist immer noch der 1998 erschienene Roman Rot ist mein Name, für mich ein literarisches Ereignis. Dieses Buch hat mir einiges über die verschiedenen Denkweisen von Europäern und den als nicht ganz Europa-kompatibel geltenden Türken entschlüsselt. Rot ist mein Name liegt jedenfalls griffbereit auf meiner Beige mit Büchern mit der Aufschrift unbedingt nochmals lesen.

Pamuk überrascht immer wieder neu und positiv, diesmal mit Die rothaarige Frau, den Roman, den ich euch heute vorstellen möchte.

 

Ödipus vor den Toren Istanbuls

Man schreibt das Jahr 1985: Ein Brunnen wird gebaut, mitten im Nirgendwo unweit Istanbuls. Hier soll einen Fabrik entstehen. Die Stadt ist gefrässig und verleibt sich nach und nach ein Stück Land nach dem anderen ein. Gehilfe des Brunnenbauers Mahmut, einer der letzten seines Schlags, ist der junge Cem. Cem muss Geld verdienen, bevor er die Zulassungsprüfung für eine Höhere Schule absolvieren kann, denn sein Vater ist ohne Abschiedswort von zuhause ausgezogen; mit der wirtschaftlichen Situation von Mutter und Sohn steht es nicht zum Besten.

Den Brunnenbaumeister Mahmut und seinen jugendlichen Gehilfen verbindet bald eine Art Vater-Sohn-Gefühl. Und wie es halt so ist zwischen Eltern und Kind: Man liebt sich und hasst sich. Kaum öffnet man sich, reisst man handkehrum einen Zweikampf vom Zaun. Auf der einen Seite umsorgt man sich, auf der anderen ist man sich nur lästige Konkurrenz.

Mehrere Ereignisse beeinflussen die ganze Geschichte und damit sowohl das Schicksal des jungen Mannes, als auch des Brunnenbauers: Cem verliebt sich in eine geheimnisvolle Rothaarige, im Brunnen lässt sich einfach kein Wasser finden, und durch Cems Unachtsamkeit passiert ein Unglück. Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Hat Cem seinen Meister auf dem Gewissen?

Orhan Pamuk hat seinem Roman die Ödipus-Sage und das Schāhnāme (das Buch der Könige) des persischen Dichters Firdausi zugrunde gelegt. Es geht demnach um den unwillentlichen Mord am Vater und die körperliche Liebe zur Mutter. Seit Urzeiten etwas vom Schlimmsten, was sich der Mensch vorstellen kann – wen dieses Schicksal dennoch ereilt, der wird unweigerlich dem Wahnsinn begegnen.

Doch dieses Buch wäre kein Pamuk, ginge es nicht auch um den inneren und äusseren Zustand der türkischen Gesellschaft. Der Leser begleitet seine Protagonisten durch die 80er- und 90er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein in die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts. Istanbul und das Zusammenleben in der Türkei unterliegen einem dramatischen Wandel. Überbordender Fortschritt und ängstlicher Rückschritt stehen einander mit ihren Protagonisten aus Politik und Wirtschaft gegenüber. Die Hauptstadt ist Abbild dieser Veränderungen und Orhan Pamuk ihr Chronist.

 

Buch: Die rothaarige Frau, Roman gebunden

Autor: Orhan Pamuk, aus dem Türkischen übersetzt von Gerhard Meier

Verlag: Hanser, 2018, https://www.hanser-literaturverlage.de/buecher 

Kurzbewertung: Dies ist einer meiner Lieblings-Pamuks. Es geht um Liebe und Verrat, aber auch um den Zustand der türkischen Gesellschaft, wo die einen bereits in der Moderne angekommen sind, andere wiederum den Traditionen nachtrauern und die ganz Extremen am liebsten die Uhr fünfhundert Jahre zurückstellen würden.

Für wen: Alle, die die zeitgemässe Türkei noch nicht abgeschrieben haben; alle, die gute Literatur mögen; alle, die noch keine Pamuk-Fans sind, aber nichts dagegen haben, es zu werden; und sowieso alle, die das Leben als eine griechische Tragödie nach der anderen sehen.

 

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

2 Gedanken zu „Immer wieder Pamuk“

  1. Schön, wie Jolanda Fäh diesen Roman beschreibt
    Ich liebe ihn auch und vor Allem wegen dieser – ja, schon orientalisch anmutenden Erzählung über den Brunnenbauer Mahmud und seinen Lehrling. Pamuk ist immer wieder eine Reise in die Lesewelt wert.

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