Ran ans Buch, raus in die Welt

Wo war ich nicht schon überall dank Büchern: in Kamtschatka, einmal quer durch die Arktis mit Fridtjof Nansen und im Gegenzug in der Antarktis mit Ronald Amundsen, mit dem Nachtzug in Lissabon, mehrmals in Istanbul, Paris, New York, in China, Iran, Marokko. Die Liste liesse sich beliebig fortsetzen.

Was habe ich nicht alles durch Bücher gelernt. Wie das war in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, bei Stalingrad im Zweiten Weltkrieg, wie es sich lebt als Frau unter Schleiern, als Kind im Slum, als Sklave im Amerika des 19. Jahrhunderts. Kürzlich habe ich gar ein wundersames Tier kennengelernt, das einem Traum entsprungen scheint, aber dennoch existiert: das Okapi (lies: „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky).

Ich habe Bücher gelesen, bei denen jede Seite ein Genuss war mit Geschichten, die mich mitnahmen, fesselten, beschäftigten, aber auch solche, die ich schnell wieder vergessen habe. Selten jedoch, so selten, dass ich es an einer Hand abzählen kann, habe ich ein Buch ungelesen zur Seite gelegt. Dem geschriebenen, gedruckten Wort gilt mein Respekt, der Autorin, dem Autor, die ihre Gedanken, Erfahrungen, Geschichten und Phantasiewelten einer Öffentlichkeit preisgeben.

Hier auf diesem Blog nun möchte ich meine Leseerfahrungen teilen. Denn da ist noch eine Buch-Erfahrung, die ich gemacht habe: durch das Gespräch über Bücher lernt man Menschen kennen. Spannende, offene, diskussionsfreudige Zeitgenossen. Zum Beispiel dich?

Ich bin ein Querbeetleser. Ob Roman, Krimi, Poesie, Biographie ist mir egal. Hauptsache der Autor oder die Autorin lässt mich mitreisen in seine Welt.

Am Anfang war der Thriller

Beginnen möchte ich diesen Blog mit vier Veröffentlichungen, die dem Genre Thriller zugeordnet werden können. Man soll sich seinen Ängsten und „Problemzonen“ stellen. Und deshalb hier mein Eingeständnis: Thriller gehören nicht zu meiner Lieblingslektüre. Doch braucht es heutzutage schon einiges, Thrillern und Krimis in der Buchhandlung auszuweichen. Sie nehmen mittlerweile einen schönen Teil der Auslage ein. Man darf sich als Leser deshalb schon einmal mit dieser Art Lektüre auseindersetzen.

Ich gehe davon aus, dass das Leseverhalten etwas über die Gesellschaft aussagt. So ganz bin ich noch nicht dahinter gekommen, was die Menschen in unseren Breitengraden zum Lesen von Thrillern anregt: ein allzu gesicherter, abenteuerfreier Alltag, Sensationslüsternheit oder gar die Befriedigung einer in uns angelegten archaischen Blutgier? Soziologen wüssten zu diesem Thema sicherlich einiges zu sagen.

Doch ich will hier Bücher vorstellen, keine ungesicherten Theorien.

Warnung: Albträume vorprogrammiert!

Was sucht der Leser, wenn er sich einen Thriller zu Gemüte führt? Die Antwort scheint zuerst mal einfach: den Nervenkitzel. Oder wie es Guillaume Musso in Das Mädchen aus Brooklyn schreibt: „Die Erwachsenen lieben es, mit der Angst zu spielen.“ Doch suchen diese Erwachsenen dies in möglichst grausamen Morden, die ihnen nach dem Lesegenuss das Einschlafen erschweren und wochenlange Alpträume bescheren? Ich wage dies zu bezweifeln. Man möchte meinen, „gewöhnliche“ Morde seien an sich brutal und abschreckend genug. Dennoch ist festzustellen, wie selbst bekannte und erfahrene Thrillerautoren ihrer Phantasie ungebremsten Lauf lassen, wenn es ums Beschreiben von Morden geht. Sie konfrontieren ihre Leserschaft mit einer Bestialität, die kaum übertroffen werden kann. In dieser Hinsicht muss vor zwei Büchern gewarnt werden:

Mordsmässig nordisch
Da wäre einmal Yrsa Sigurdardótttir mit DNA. Der isländische Kommissar Huldar begibt sich auf die Suche nach dem Mörder zweier Frauen, die offenbar nichts miteinander gemein haben, aber auf unmenschlich grausame Weise ermordet wurden. Was der Leser weiß: Die Morde müssen im Zusammenhang stehen mit einer lange zurückliegenden Geschichte um drei Kinder, die nach dem Tode ihrer Mutter getrennt wurden. Sigurdardótttirs Stärken liegen im Miteinander und verhaltenen Gegeneinander der Akteure. Selbst wo sie sich näherzukommen scheinen, liegt stets untergründige Zurückhaltung, nordische Kühle in der Luft. Die Geschichte nimmt gegen Ende auch eine unerwartete Wende. Erzählerisch großartig, aber doch ein mordsmäßig grausames „Vergnügen“.

Buch: DNA, gebunden
Autor: Yrsa Sigurdardótttir
Verlag: btw, www.randomhouse/Verlag/btb
Kurzbewertung: spannend, mit vielen einfühlsamen Beschreibungen zwischenmenschlicher Nöte, wobei sich dem Leser die außergewöhnliche Brutalität des Mörders nicht wirklich erschließt.
Für wen: Für hartgesottene Fans von gut geschriebenen Thrillern.

Amerikanische Geisterbahn
Der deutsche Autor Jonas Winner widmet sich in seinem Roman Murder Park den Serienkillern und spielt mit dem 10-kleine-Negerlein-Motiv. Nur dass es zwölf Personen sind, die sich auf der der amerikanischen Küste vorgelagerten Insel Zodiac Island begegnen. Auf der Insel mottet ein in die Jahre gekommener Rummelplatz vor sich hin. Er soll bald wieder geöffnet werden. Geschlossen wurde er vor Jahren, als dort mehrere Frauen ermordet aufgefunden wurden. Man kann dem Autor zur Wahl dieser rostigen, knarrenden Kulisse nur gratulieren. Genügend Thrill ist damit gegeben. Allerdings ist das, was nach Ankunft der zwölf Gäste auf Zodiac Island erfolgt, ein Horror ohnegleichen. Einer nach dem anderen stirbt, beinahe im Halbstundentakt, auf barbarische Weise. Geht der alte Serientäter um, von dem alle sagen, dass er auf dem elektrischen Stuhl gestorben ist? Wie aufgescheuchte Hühner irren die noch übrig Gebliebenen über die Insel.
Jonas Winner geht in seinem Buch auch der Frage nach, was uns an Serienkillern fasziniert und inwieweit es erlaubt ist, aus Gewaltexzessen und der menschlichen Faszination daran Kapital zu schlagen. Für sich scheint der Autor diese Frage nicht beantwortet zu haben: Das Buch ist ein einziger Gewaltexzess und unter Garantie nichts für zarte Seelen.

Buch: Murder Park, Paperback
Autor: Jonas Winner
Verlag: Heyne, 2017, http://www.randomhouse.de/Heyne
Kurzbewertung: Thrill von der ersten bis zur letzten Seite, Brutalität ohne Ende, verursacht bei normalen Lesern Albträume.
Für wen: Keine Ahnung, wer sich freiwillig sowas zu Gemüte führen möchte.

Trau keinem
In Beckford, einem kleinen englischen Ort, landen immer mal wieder Frauen im Drowning Pool, einer gefährlichen Flussbiegung. Ihr Ertrinken ist stets begleitet von seltsamen Umständen: Die erste von ihnen, ein blutjunges Mädchen, wurde der Hexerei bezichtigt. Die Frauen, die nach ihr im Fluss ertranken, galten entweder als sexbesessen oder sonstwie lästig. Selbstmörderinnen, über die Geschichten im Dorf, wo jeder jeden kennt, erzählt werden. Als Julias Schwester, die selbstbewusste Nel Abbott, über die Klippen in den Fluss springt und zu Tode kommt, will Julia nicht an einen Selbstmord glauben, obwohl die beiden Schwestern seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen haben. Julia kehrt nach Beckford zurück – jenen Ort, der ihr Albdrücken verursacht und den sie nie wieder in ihrem Leben aufsuchen wollte.
Paula Hawkins schrieb ihren sogenannten Spannungsroman Into The Water, für den das Wort Thriller zu dick aufgetragen wäre, indem sie den elf in die Geschichte involvierten Personen eine Stimme gibt. Soviel ist bald klar: Die Bewohner Beckfords und die ermittelnden Beamten – zum Beispiel die verunsicherte Polizistin Erin, ihr ortskundiger Kollege Sean, die um sich beissende Louise oder Nickie, die Alte im Hexenkostüm – haben alle eine unterschiedliche Sichtweise auf das Geschehene. Trau keinem, auch nicht dir selbst, heisst denn auch der Untertitel des Buchs. Keiner in diesem Buch sagt die Wahrheit, höchstens eine Teilwahrheit, oder er sagt nur das, was er für die Wahrheit hält oder halten möchte. Nach und nach ergibt sich dennoch ein Bild, doch eines, das selbst am Ende noch verwischte Stellen aufweist, gerade als würde über dem Drowning Pool eine Nebelbank liegen.

Buch: Into the Water, Paperback
Autor: Paula Hawkins
Verlag: blanvalet, 2017, http://www.randomhouse.de/Blanvalet
Kurzbewertung: Etwas klischeehaft, was die Psychologie der Protagonisten und ihre Handlungsmotive, aber auch was die Schaffung von Spannungsmomenten anbelangt. Handlung leider etwas unübersichtlich, da es eine gute Weile dauert, bis man sich mit den verschiedenen Stimmen und Zeitebenen auskennt.
Für wen: alle, die verkorkste Frauen und ihre Geschichten mögen

Mit Baby Theo auf der Suche der verschwundenen Traumfrau
Raphaël, alleinerziehender Vater und Autor von Kriminalromanden, hat in der Ärztin Anna seine Traumfrau gefunden. Doch nach einem Streit ist nichts mehr wie es mal war.
Raphaël kennt seine zukünftige Frau nicht mehr, schlimmer noch, sie ist von der Bildfläche verschwunden. Zusammen mit seinem Freund Marc – und seinem kleinen Sohn Theo im Gepäck – macht sich Raphaël auf die Suche nach Anna. Die beiden fördern in Frankreich und schließlich in New York Überraschendes zutage.
Antibes, Paris, Elsass, Nancy, New York und quer durch ein paar amerikanische Bundesstaaten: Musso lässt seine Leser nicht ruhen, denn schließlich ist sein Held auf der Suche nach seiner entführten großen Liebe. Die Zeit drängt. Die fulminant geschriebene Reise dauert genau drei Tage und ist 480 Seiten lang. Wir begegnen einem machtgeilen Politiker und seinen brandgefährlichen Gefolgsleuten, einem Mädchenschänder, einer Schulleiterin mit Geheimnissen und ein paar Polizeikräften auf seltsamer Sondermission. Besonders lebhaft zeichnet Musso die verschiedenen Schauplätze. Das Buch aus der Hand zu legen fällt schwer, auch, oder gerade weil die Geschichte recht verworren ist und kaum etwas so ist, wie es auf den ersten Blick erscheint – und nach Beendigung der Lektüre bleibt das Gefühl, die letzte Zeile sei jetzt doch ein wenig gar rasch dagewesen.
Immerhin dürfte Baby Theo erleichtert sein über das Ende dieser Geschichte. Das arme Kind muss sich ja mit den verschiedensten Babysittern, einigem Herumgeschiebe, Spielen in staubigen Lagerräumen, sogar mit einem Langstreckenflug arrangieren, während sein Papa Raphaël auf der Suche nach Anna herumirrt. Dass das Baby dies klaglos, ja sogar heiter duldet, scheint weit von jeder Realität entfernt. Überhaupt wirkt dieses Alleinerziehender-Vater-Ding aufgesetzt und keineswegs lebensecht, ist aber immerhin ein netter, ungewöhnlicher Einfall des Autors.

Buch: Das Mädchen aus Brooklyn
Autor: Guillaume Musso
Verlag: Pendo, 2. Auflage, 2017, http://www.piper.de/Pendo
Kurzbewertung: Mitreißend von der ersten Seite bis zum Schluss, mit einigen unerwarteten Wendungen. Ein Psychopath, ein korrumpierter Politiker und sein Gefolge, ein Ex-Polizist, der neben der Spur liegt und das schwere Schicksal eines Mädchens, das seinem Peiniger entkommen ist, dazu eine herzerwärmende Liebesgeschichte: Was will man mehr.
Für wen: Für alle, die die ganz grosse Liebe mit Mord und Totschlag vereinen können.

Veröffentlicht von

Jolanda Fäh

Journalistin, Autorin, Lektorin, Herausgeberin

10 Gedanken zu „Ran ans Buch, raus in die Welt“

  1. Gratuliere zu deinem neu eröffneten Blog! Die von dir beschriebenen Romane habe ich zufällig alle gelesen und teile deine Bewertungen voll und ganz. Freu mich schon auf weitere Blogs (oder wie heisst das?)

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  2. Gratuliere! Es freut mich, dass es nun mit einem Blog geklappt hat! Bin gespannt auf deine nächsten Buchtipps, da ich mit Thrillern auch nicht allzu viel anfangen kann. Woher das wohl kommt?

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  3. Ich werde Hutträgerin, sofort!
    Damit mir auch das glaubwürdig gelingt: Hut ab!

    Dein Blog gefällt mir, Krimis umgehe ich – fast immer.
    Da war vergangenes Jahr nur einer, der mich tage/nächtelang in Atem hielt: Liad Shoham, „das Blut an euren Händen“
    2017 von einer deutschen Bloggerin vorgestellt, ich war an der Lesung des Autors.
    Warum gepackt? Es ist eine Reportage aus der politischen Klasse, deren Machenschaften in Israel. Der Autor ist Anwalt.

    Margrit
    die H(M)utträgerin
    wechselweise in der einen oder anderen Funktion.

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